Fader Abend an der Volksbühne: kein „Hallelujah“ für Christoph Marthalers Plänterwald-Reservat

„Danke“ seufzte ein Zuschauer, als sich Christoph Marthalers neuer Abend „Hallelujah! (Ein Reservat)“ an der Volksbühne nach etwas mehr als zwei Stunden seinem Ende entgegengeschleppt hatte.

Musikalisch gibt es auch diesmal nichts zu meckern, aber ansonsten bleibt dieser Ausflug in die Ruinen des Plänterwald-Vergnügungsparks weit hinter dem gewohnten Marthaler-Niveau zurück. Zu selten gibt es typische Marthaler-Momente zum Schmunzeln wie die Pierre Brice-Imitation von Marc Bodnar oder die mehrfach aus ihrem Kassenhäuschen ein strenges „Hinten anstellen!“ schnarrende Hildegard Alex.

Zwischen den Countrysongs der norwegischen Sopranistin Tora Augestad schleppt sich der Abend uninspiriert dahin. Auch bewährte Volksbühnenkräfte wie Patrick Güldenberg (als „Verirrter“) und Lilith Stangenberg bleiben blass, obwohl vor allem ihre Rolle als „Dauerkartenbesitzerin“ das Potenzial für einen skurril-vergnüglichen Marthaler-Abend gehabt hätte. Ihre Auftritte gehen zwischen den lieblos aneinandergepappten Miniaturen unter.

Anna Viebrock baute für Marthaler zwar wieder ein sehenswertes Bühnenbild: im Zentrum des Gerümpels platzierte sie einen umgefallenen Dinosaurier aus dem ehemaligen, längst geschlossenen Vergnügnugspark im Südosten Berlins. Ansonsten herrschen aber Tristesse und Einfallslosigkeit auf der Bühne.

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Denkmal für Investigativ-Reporter und Anklage gegen sexuellen Missbrauch: Oscar-Gewinner „Spotlight“

Ebenso wie Florian Gallenberger in „Colonia Dignidad“ widmet sich auch Tom McCarthy in „Spotlight“ einem gesellschaftlichen Missstand, der zu lange unter den Teppich gekehrt wurde. McCarthy geht aber einen ganz anderen Weg: statt eines actionreichen und zugleich melodramatischen Thrillers entschied sich McCarthy wie in seinen früheren Filmen „Station Agent“ und „Ein Sommer in New York – The Visitor“ für leise Töne.

Sein Thema ist der sexuelle Missbrauch katholischer Priester: in Deutschland kam der Skandal erst 2010 in einer Welle von Enthüllungen ans Licht. Die USA wurden schon 2002 wachgerüttelt, maßgeblich ist dies dem „Spotlight“-Team für Investigativ-Recherche der Tageszeitung „Boston Globe“ zu verdanken, das mit dem Pulitzer-Preis 2003 ausgezeichnet wurde.

Akribisch zeichnet der Kinofilm die damaligen Vorgänge nach: ein neuer Chefredakteur (gespielt von Liev Schreiber) kommt zur Zeitung. Er gibt seinen Investigativ-Experten nicht nur die nötige Rückendeckung, der Kirche und vor allem dem Erzbischof Bernard Law im katholisch-irisch geprägten Boston unangenehme Fragen zu stellen, sondern spornt das Team zu Beginn erst richtig an.

Der Film bleibt nah an dem Recherche-Team (Michael Keaton, der die Hauptrolle in „Birdman“, Oscar-Gewinner von 2015, spielte, Rachel McAdams und Mark Ruffallo). Er erzählt von ihren Zweifeln und Rückschlägen, aber auch von ihren Erfolgserlebnissen, ein neues Puzzle-Teil entdeckt zu haben. Täter- und Opferperspektive kommen nur am Rande vor.

Nicht nur der gesellschaftskritische Inhalt, sondern auch der Stil erinnern an das sogenannte „New Hollywood“ in den 70ern, vor allem an den Watergate-Film „Die Unbestechlichen“, der 1977 vier Oscars bekam. Das Erzähltempo von McCarthy ist fast so langsam wie damals, er verzichtete bewusst auf jede Emotionalisierung des Publikums druch dramatische Effekte. Stattdessen vertraute er ganz auf die Fakten, die der Boston Globe hier in einem Online-Dossier inklusive der Original-Artikel von 2002 zusammenstellte.

„Spotlight“ ist ein ungewöhnlicher Gewinner der Oscar-Königsklasse als Bester Film 2016 und wurde schon bei seiner Premiere in Venedig 2015 gefeiert. Er setzt den Journalisten, die den Skandal aufdeckten, ein Denkmal, weist aber deutlich auf jahrelange Versäumnisse hin: Frühere Hinweise waren abgetan, Missbrauchs-Betroffene als „Spinner“ und Querulanten nicht ernstgenommen worden.

Im Abspann zählt „Spotlight“ seitenlang die Orte weltweit auf, an denen Kinder und Jugendliche von Priestern missbraucht wurden: ein sehenswerter Film zu einem wichtigen Thema, der auch beispielhaft zeigt, wie existentiell die als „Lügenpresse“ diffamierten unabhängigen Qualitätsmedien für eine funktionierende Demokratie sind.

Der Film „Spotlight“ läuft seit 25. Februar in den Kinos: Webseite und Trailer

Politthriller „Colonia Dignidad“: Daniel Brühl und Emma Watson in den Fängen einer Sekte

Aus einem albtraumhaften Gefängnis müssen auch die beiden Hauptfiguren Daniel (Daniel Brühl) und Lena (Emma Watson) im Thriller „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ fliehen.

Dieses Liebespaar ist fiktiv: Daniel ist ein politisch engagierter deutscher Student, der nach Chile kam, um den Präsidenten Salvador Allende zu untersützen. Seine Freundin Lena arbeitet als Stewardess und trifft ihn regelmäßig bei Zwischenstopps.

Der Ort, an den Daniel nach dem Militärputsch von General Pinochet am 11. September 1973 verschleppt wird, ist dagegen sehr real: Das 30.000 Hektar große Gelände der „Colonia Dignidad“ wurde von Paul Schäfer hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Als Anführer einer evangelisch-fundamentalistischen Sekte herrschte Schäfer (von Mikael Nyqvist glänzend gespielt) mit einem sadistischen Terrorregime über seine Jünger: Frauen, Männer und Kinder waren streng getrennt. Harte Arbeit und brutale Strafen waren an der Tagesordnung. Für den sexuellen Missbrauch an Jungen wurde Schäfer 2004 in Chile zu 20 Jahren Haft verurteilt, im April 2010 starb er im Gefängnis von Santiago. In einem weiteren Prozess gestand Gerhard Mücke, ein ehemaliges Führungsmitglied der Sekte, im Juli 2006, dass 22 Regimegegner nach dem Putsch in der Colonia Dignidad ermordet und anschließend verbrannt worden waren.

Über diese Schreckenswelt wurde zu lange geschwiegen: Nicht nur Pinochet hielt seine schützende Hand über Schäfer und die Colonia Dignidad. Auch der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß war dort zu Gast, sein signiertes Porträt hing dort angeblich noch bis Mitte der 90er Jahre.

Die Stärke von Florian Gallenbergers Film ist es, dass er die brutalen Mechanismen dieser abgeschotteten Sekte sehr genau beschreibt und in eine packende Thriller-Handlung einbaut. Bemerkenswert ist an diesem Film auch, wie er die Rolle des Auswärtigen Amtes und des deutschen Botschafters (gespielt von August Zirner) thematisiert. Wie im Film angedeutet, hatten deutsche Diplomaten während der Diktatur die Colonia Dignidad teilweise in Schutz genommen. Personen, die aus der Siedlung fliehen konnten, wurde nicht ausreichend geholfen, so dass sie von Führungsmitgliedern wieder in die Colonia Dignidad zurückgebracht wurden. Vor einigen Tagen organisierte das Haus der Wannseekonferenz eine Sondervorführung in Berlin, zu der auch Opfer der chilenischen Diktatur und Bewohner der Colonia Dignidad eingeladen waren. Vertreter des Auswärtigen Amtes sagten dort zu, sich an der Aufarbeitung der Geschehnisse zu beteiligen.

Der von Pro7 und Sky co-produzierte Politthriller hat jedoch auch einige nicht zu übersehende Schwächen: die Liebesgeschichte ist vor allem im ersten Drittel zu melodramatisch geraten, die Streicherklänge sind zu dick aufgetragen. Auch manche Szenen im Action-Plot sind etwas zu effekthascherisch inszeniert.

Trotz dieser Mängel ist Florian Gallenberger ein bemerkenswerter Film zu einem wichtigen Thema gelungen. Um den Kurzfilm-Oscargewinner („Quiero ser“) von 2001 war es in den vergangenen Jahren still geworden, seine letzte Regiearbeit „John Rabe“ kam bereits 2009 ins Kino. Auf seine nächsten Projekte dürfen wir gespannt sein.

Der Film „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ startete am 18. Februar in den Kinos: Webseite und Trailer zum Film

„Mustang“: packender Film über den Ausbruch von türkischen Mädchen aus ihrem Gefängnis

„Vorher waren wir frei und plötzlich wurde alles Scheiße“. So beginnt Lale (Güneş Nezihe Şensoy), ein Mädchen irgendwo tief in der türkischen Provinz, 1.000 km von Istanbul entfernt, ihren Bericht.

Mit dem Sommerferien-Spaß am Strand ist es für sie und ihre vier älteren Schwestern bald vorbei. Als sich eine Nachbarin über harmlose Spiele empört, bauen die Großmutter und der Onkel, bei denen die Mädchen nach dem Tod ihrer Eltern aufwachsen, ihr Haus zu einem lustfeindlichen Gefängnis um. Ein Stacheldrahtzaun wird errichtet und vom Computer bis zu Postern alles entfernt, was nur entfernt an westlichhe Konsumkultur und Hedonismus erinnert. Die Schwestern werden in „hässliche, kackbraune Kleider“ gesteckt, wie Lale kommentiert, und in einer „Hausfrauenfabrik“ von der Welt abgeschirmt. Ihr ganzer Daseinszweck ist es, eine fromme Ehefrau zu werden. Eine nach der anderen wird zwangsverheiratet. Besonders demütigend sind die Jungfrauentests, denen zwei Schwestern im Lauf des Films unterzogen werden.

Die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven erzählt packend und in beeindruckenden Bildern vom Schicksal der Mädchen. Immer wieder gelingen ihr trotz des bedrückenden Themas auch komische Momente, z.B. als die Frauen im Dorf gemeinsam dafür sorgen, dass der verbotene Ausflug der Mädchen zu einem Fußball-Match unentdeckt bleibt.

„Mustang“ ist ein erstaunlich reifer Debütfilm einer Regisseurin, die 1978 in Ankara geboren ist und als Diplomatentochter in der Türkei, Frankreich und den USA aufwuchs. Bei der Premiere in Cannes gewann dieses Sozialdrama, das von französischen und deutschen Sendern wie ZDF und arte co-produziert wurde, zwei Preise in der Quinzaine des Réalisateurs, darunter den Preis des Europäischen Parlaments. Am Sonntag schaffte es der Film bis in die Endrunde der fünf Oscar-Kandidaten für den besten nicht-englischsprachigen Film.

Dieses beeindruckende Drama ist ein Höhepunkt des Kinojahres, den man auf keinen Fall verpassen sollte. In der Geschichte der Mädchen, die entfernt an Sofia Coppolas ebenso glänzendes Debüt „Virgin Suicides“ (1999) erinnert, spiegelt sich die Lage der Türkei: zerrissen zwischen westlichem Lebensstil in den weltoffenen Vierteln der Metropole Istanbul, wo dieser Film nach dem geglückten Ausbruch endet, und den rigiden islamischen Moralvorstellungen, wie sie auch von der AKP propagiert werden.

Bemerkenswert ist außerdem die Nebenrolle von Burak Yiğit: in zahlreichen TV-Produktionen, vorzugsweise im „Tatort“, trat er als Ganove oder Dealer auf. Auch in Sebastian Schippers Kinohit „Victoria“ war er noch auf diese Rolle festgelegt. Im „Mustang“ spielt er als LKW-Fahrer Yasin einen der wenigen Sympathieträger in diesem Film. Der große Erfolg von „Mustang“ ist vielleicht für den deutsch-türkischen Schauspieler die Chance, aus der Schublade seiner Klischeerollen so erfolgreich auszubrechen, wie es Lale und einer ihrer Schwestern gelingt.

Der Film startete am 25. Februar in den deutschen Kinos: Webseite und Trailer zum Film

„Othello“ im Gorki-Style: Pegida-Parodie und Commedia dell´Arte-Travestie

Shakespeares großes Eifersuchtsdrama „Othello“ bereitet jedem Regisseur, der es inszenieren möchte, Kopfzerbrechen. Die letzten beiden Berliner „Othello“-Inszenierungen scheiterten auf unterschiedliche Weise: Jette Steckel ließ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters alle Rollen von Frauen spielen und drehte damit die historische Praxis aus Shakespeares Globe, als nur Männer auf der Bühne standen, um. Ihr Regiekonzept, das mit Identitäts-Zuschreibungen spielte und Susanne Wolff in ein Gorilla-Kostüm schlüpfen ließ, verhedderte sich zu sehr in einem Gestrüpp aus Theorien (Kritik im Archiv). Bei Thomas Ostermeier war Othello 2010 an der Schaubühne ein naiver, nackter, mit Schlamm verschmierter Kraftprotz (Sebastian Nakajew), der den Intrigen Jagos erliegt (Kritik im Archiv).

Schon der Untertitel „Der Mohr von Venedig“ ist aus heutiger Sicht ein grober Verstoß gegen politische Korrektheit. In den vergangenen Jahren entzündeten sich an den „Othello“-Inszenierungen hitzig geführte Debatten über die Reproduktion rassistischer und kolonialistischer Stereotype, besonders intensiv tobte die Debatte um das „Blackfacing“.

Wie geht das Gorki, das sich das postmigrantische Theater auf die Fahne geschrieben hat, mit diesem Stoff und seinen rassistischen Konnotationen um?

Der „Othello“ des Gastregisseurs Christian Weise nach einer Shakespeare-Bearbeitung von Soeren Voima ist ein echter Gorki-Abend, im guten wie im schlechten Sinn:

Alle Rollen werden wie bei Shakespeare von Männern gespielt, auch die Desdemona (Aram Tafreshian in wechselnden Fummeln). Einer nach dem anderen rutscht bäuchlings auf die abschüssige Bühne, die Darsteller der Nebenrollen tragen Harlekin- oder Sonnenkönig-Kostüme im Commedia dell´Arte-Stil, nur Taner Şahintürk tritt als Othello in sportlich-lässiger Alltagskleidung auf. Sein Othello wird vor allem in der ersten Hälfte vor der Pause zu einem Fremdkörper in dem Gewusel kabarettistischer Nummern und Parodien, das um ihn her tobt.

Der komische Höhepunkt ist eine wunderbar bissige Pegida-Parodie von Till Wonka, der sich als Rodrigo durch den Abend sächselt und keinen Hehl aus seiner Fremdenfeindlichkeit macht.

Schauspielerisch ragt vor allem wieder mal Thomas Wodianka heraus, der den Jago als von Neid zerfressenen Intriganten gibt. Sein Auftritt mit weit aufgerissenen Augen erinnert an die Tiraden von Klaus Kinski (siehe Nachtkritik.de), die SZ erlebte ihn wie „Gustaf Gründgens auf Speed“.

Ein typisches Gorki-Stilmittel ist es auch, dass Schauspieler plötzlich aus der Rolle heraustreten und ihre eigene Situation reflektieren. Oscar Olivo, als Gast aus Hannover ein vielversprechendes, neues Gesicht für das Berliner Publikum, spielt den Cassio als Schwulen: mit viel Spielfreude tobt er über die Bühne. Auch wenn manche Kritiken ihm vorwarfen, dass er Klischees zu sehr auf die Spitze treibt, gelingt es ihm, die Balance zu wahren. Er tritt aus seiner Rolle heraus und spricht über seine Homosexualität, seine Migrations-Erfahrungen und das Ankommen in der Fremde.

Diese „Othello“-Inszenierung ist aber auch ein echter Gorki-Abend im schlechten Sinn. Die Lust an der Travestie und die komische Überzeichnung der Charaktere sind dem Stammpublikum vertraut. Diesmal überschreitet der Abend aber mehrfach die Grenze zum Klamauk. Aram Tafreshian muss seinen Fummel bei einer Kuss-Szene mit Othello ausziehen und darf sonst nur mit den Wimpern klimpern. Auch Falilou Seck hat als Emilia eine undankbare Nebenrolle erwischt.

Das Gorki polarisierte mit diesem „Othello“ sein Publikum: einige verließen das Theater kopfschüttelnd schon zur Pause, andere kicherten dankbar über jeden Gag. Zwischen all den angerissenen Motiven und lustigen Einlagen kam die erwartete Auseinandersetzung mit dem Rassismus etwas zu kurz. Einen großen Monolog zu diesem Thema darf immerhin die Hauptfigur Othello sprechen: in der Gorki-Textfassung von Voima klagt er über die Klischees besonderer „Animaliät“, die Männern aus fremden Kulturen zugeschrieben wird. Bei ihnen komme die „finsterste Natur“ noch ganz unmittelbar zum Ausbruch, das mache sie zu so tollen Liebhabern.

Als das Spekatakel in der zweiten Hälfte etwas zur Ruhe kommt, nimmt Jago (Wodianka) den Commedia dell´Arte-Faden wieder auf und philosophiert: Die ganze Welt ist eine Bühne, wir sind alle nur – mehr oder weniger gute – Schauspieler.Das Ensemble guckt betroffen und versammelt sich in der Bühnenmitte zum Chor: Wie weiter?

Der Vorhang senkt sich, die Frage bleibt offen. Der Eifersuchtsmord an Desdemona wurde kurzerhand gestrichen.

Nächste Termine

Händels „Xerxes“ an der Komischen Oper als barocke Muppet-Show mit Conchita Wurst

Eine Inhaltsangabe von Georg Friedrich Händels „Xerxes“ wäre eine ziemliche Herausforderung: Wer liebt hier wen? Wer intrigiert gegen wen? Abgefangene Briefe; Frauen, die in Männerkleider schlüpfen; Männer, die sich im Gegenzug als Frau verkleiden. „Es ist bei Händels „Xerxes“ fast ein Ding der Unmöglichkeit, die Handlung sinnvoll und verständlich wiederzugeben“, konstatiert das Programmheft der Komischen Oper.

Der norwegische Regisseur Stefan Herheim entschied sich dafür, das Ganze als „barocke Muppet-Show“ zu inszenieren. Die Sängerinnen und Sänger frotzeln den Dirigenten (Konrad Junghänel) an und mischen auch mal das Orchester auf, wenn sie durch den Graben Richtung Publikum marschieren. Die meisten Lacher erntet Hagen Matzeit (Elviro), der das bunte Treiben als berlinerndes Blumenmädchen anheizt.

Leider bleibt der Abend aber auf halber Strecke stehen und zieht sein Muppet-Show-Konzept nicht konsequent durch: die Travestie-Nummern kommen teilweise nicht über den Conchita Wurst-Look hinaus (Stephanie Houtzeel in der Titelrolle des persischen Königs Xerxes). Vor allem fehlt dieser Inszenierung der bissige Spott, für den bei den Muppets die beiden Alten auf dem Balkon (Waldorf und Statler) zuständig sind.

Dennoch gab es für die Inszenierung, die im Mai 2012 Premiere hatte, bei ihrer Wiederaufnahme im Februar 2016 wohlwollenden Applaus. Ganz anders lief es bei der Uraufführung von Händels 40. Oper 15. April 1738 im Londoner King´s Theatre am Haymarket: Sie floppte und wurde nach fünf Vorstellungen abgesetzt. Kurios ist: Die „Xerxes“-Oper verschwand für zwei Jahrhunderte in der Versenkung, aber die Melodie der Arie, mit der Xerxes zu Beginn des ersten Aktes seine Liebe zu einer Platane besingt, wurde als „Händels Largo“ zum Welterfolg.

Die nächsten Termine im März 2016

Berlinale-Bilanz 2016: Enttäuschungen im Wettbewerb, Goldener Bär für „Fuocoammare“ als politisches Statement, starkes Kino aus Chile

Die Berlinale 2016 begann enttäuschend und konnte sich in der zweiten Hälfte nur wenig steigern.

Bilanz des Wettbewerbs um den Goldenen und die Silbernen Bären

Die Dokumentation „Fuocoammare“ über die Not der Flüchtlinge vor Lampedusa wurde seit Tagen als Favorit auf den Goldenen Bären gehandelt.

Die Entscheidung der Jury passt tatsächlich sehr gut zum Selbstverständnis der Berlinale, die sich als das Politischste unter den drei großen Film-Festivals (neben Berlin sind dies Cannes und Venedig) positioniert. Die Schwächen des Films sind jedoch nicht zu übersehen. Wie bereits berichtet, schaffte es Francesco Rosi nicht, sein Material zu verdichten. Die knapp zwei Stunden wirken redundant. Aus den starken Szenen hätte ein überzeugender Film werden können, wenn er sich auf das Wesentliche konzentriert und um die Hälfte gekürzt hätte.

Aus ästhetischer Sicht drängt sich „Fuocoammare“ nicht für den Goldenen Bären auf. Deshalb schließe ich mich der Vermutung an, dass es der Jury mit dieser Auszeichnung vor allem um ein politisches Statement ging: ein Goldener Bär für alle, die sich in den vergangenen Monaten so stark für Flüchtlinge engagieren wie der Arzt, der in diesem Film kurz zu Wort kommt.

Der Goldene Bär für „Fuocoammare“ ist aber auch deshalb vertretbar, weil es im Festival-Jahrgang 2016 unter den Wettbewerbs-Filmen, die ich sehen konnte, keinen gab, der mich ohne Abstriche überzeugt hat.

Gute Ansätze bot immerhin der tunesische Film „Hedi“ über einen jungen Mann, der Schritt für Schritt lernt, sich von seiner dominanten Mutter zu lösen. Sie bestimmt über sein ganzes Leben, vermittelt ihm einen Job und arrangiert für ihn eine Ehe. Auch sonst sagt Hedi zunächst zu allem Ja und Amen, bevor er lernt, seinen eigenen Weg zu gehen.

„Hedi“ ist ein Film, der keine Überraschungen bietet, sondern seine wie am Reißbrett entwickelte Geschichte Punkt für Punkt abhakt. Aus politischer Sicht ist der Film unter zwei Aspekten bemerkenswert: der Tourismus als zentraler Wirtschaftsfaktor Tunesiens und die Einbußen nach den islamistischen Anschlägen werden in einigen Szenen im Hintergrund verhandelt. Außerdem lässt sich der Film über einen Mann, der aus seiner Erstarrung ausbricht, als Parabel auf die „Arabellion“ im Frühling 2011 lesen, die in einem Gespräch der beiden Hauptfiguren erwähnt wird.

Majd Mastoura bekam einen Silbernen Bären für die beste männliche Hauptrolle, Regisseur Mohamed Ben Attia wurde für den besten Erstlingsfilm ausgezeichnet. Es spricht nicht für die Qualität des Wettbewerbs-Jahrgangs 2016, dass dieser nur mäßig überzeugende Film gleich zwei Preise mit nach Hause nehmen durfte.

Zu den großen Enttäuschungen des Wettbewerbs gehören neben „L´Avenir“, der unverständlicherweise mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie ausgezeichnet wurde, und der Fallada-Verfilmung „Alone in Berlin“ der iranische Film „Ejhdeha Vared Mishavad!/A Dragon Arrives!“ und „Genius“.

Das iranische Kino war in den vergangenen Jahren häufig eine Bereicherung der großen Festivals. Regisseure wie Jafar Panahi oder Asghar Farhadi schafften es immer wieder, der Zensur ein Schnippchen zu schlagen und „unglaublich aufregendes Kino“ zu bieten. Auch Mani Haghighi gehört mit „Paziraie Sadeh/Modest Reception“, der 2012 im Forum der Berlinale lief und unter dem Titel „Die Macht des Geldes“ in einigen Programmkinos startete, in diese Reihe.

Sein neuer Film „Ejhdeha Vared Mishavad!/A Dragon Arrives!“ löste so heftiges Kopfschütteln in den vorderen Reihen aus, dass es teilweise schwer war, die Untertitel zu lesen. Er springt zwischen den Zeiten (1965 und heute), versucht eine Film-im-Film-Ebene einzubauen, spielt mit mystischen Elementen und Erdbeben, die durch Todesfälle ausgelöst werden. Dabei kommt ein völlig überladener Experimentalfilm heraus, der weit hinter der gewohnten Qualität des iranischen Kinos zurückbleibt. Fraglich ist, ob es für ein iranisches Publikum einfacher ist, die Anspielungen zu dechiffrieren.

Sehr langatmig geriet das Spielfilmdebüt „Genius“ des britischen Theaterregisseurs Michael Grandage. Statisch und ohne Spannung erzählt er die Entstehungsgeschichte des Romans „Schau heimwärts, Engel!“ Der Film beschreibt, wie der Lektor Max Perkins, der auch Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald betreute, mit seinem Autor darum rang, das ausufernde Manuskript auf einen immer noch umfangreichen 700 Seiten-Wälzer zu kürzen. Trotz geballter Hollywood-Prominenz (Jude Law als Wolfe, Colin Firth als Lektor und Nicole Kidman als Muse des exzentrisch-genialen Autors) schleppt sich der Film knapp zwei Stunden dahin.

Leider konnte ich mir von folgenden vier Preisträgerfilmen kein eigenes Bild machen: Den Großen Preis der Jury gewann der bosnische Regisseur Danis Tanović für „Smrt u Sarajevu /Mort à Sarajevo“, der hier positiv besprochen, aber z.B. in der taz als „plump“ verrissen wurde. Ein cineastisches Nischenpublikum mit viel Sitzfleisch spricht der knapp achtstündige Film „Hele Sa Hiwagang Hapis/ A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ von Lav Diaz über die Kolonialgeschichte der Philippinen an. Er wurde mit dem Alfred Bauer-Preis ausgezeichnet. Der Silberne Bär für das Beste Drehbuch ging an den Polen Tomasz Wasilewski für „Zjednoczone stany miłości/United States of Love“, der in mehreren Episoden von der Tristesse in der Umbruchphase Anfang der 90er Jahre erzählt. Die Dänin Trine Dyrholm wurde als beste Schauspielerin des Festivals ausgezeichnet: Thomas Vinterbergs „Kollektivet“ über eine Kommune in den 70ern erntete zwar viele negative Kritiken und wurde z.B. in der ZEIT als „konventionell-missglückt“ kritisiert. Dyrholm, die bereits in Vinterbergs herausragendem Dogma-Film „Das Fest“ (1996) mitspielte, wurde jedoch für ihre Darstellung einer starken Frau zwischen „Pantoffelhelden“ gelobt.

Starke Auftritte des chilenischen Kinos und Teddy-Jubiläum

Wie sah es abseits des Wettbewerbs im Panorama aus? Dort lief mein Lieblingsfilm des Festivals „Aquí no ha pasado nada/Much ado about nothing“. Dem chilenischen Regisseur Alejandro Fernández Almendras gelang ein packendes Drama, das zugleich ein präzises Gesellschaftsporträt zeichnet. Sunnyboy Vicente (Agustín Silva) trifft am Strand zufällig eine Clique aus der Oberschicht. Nach einer alkoholreichen Partynacht endet der Trip mit der Luxuskarosse eines angesehenen Senators für einen Passanten tödlich.

Der Film schildert die juristischen Winkelzüge des von den Familien der reichen Sprösslinge beauftragten Anwalts, der Indizien uminterpretiert, Druck auf Zeugen ausübt und an Deals mit der Staatsanwaltschaft feilt. Almendras versteht es, eine dichte Atmosphäre zu schaffen und mit dem passenden Soundtrack zu unterlegen. Interessant gemacht ist auch die visuelle Einbettung der vielen Smartphone-Nachrichten, die sich die Tatbeteiligten schicken. Alejandro Fernández Almendras ist ein Name, den man sich merken sollte. Der Film „Aquí no ha pasado nada“ weckt Neugier auf seinen bereits 2014 in Sundance ausgezeichneten Film „Matar un hombre/To kill a man“ und das chilenische Kino, das in diesem Jahr auf der Berlinale stark vertreten war.

Ebenso wie „Aquí no ha pasado nada“ beruht auch der bereits hier besprochene chilenische Film „Nunca vas a estar solo“ auf einer wahren Begebenheit. Dieser Debütfilm über den Mord einer Nazi-Gang an einem homosexuellen Jungen wurde bei der 30. Teddy-Gala mit dem Spezial-Preis der Jury ausgezeichnet.

Dies war ein würdiger Preisträger einer sehr politischen Teddy-Preisverleihung, bei der Selmin Çaliskan, die Generalsekretärin von amnesty international in Deutschland mit deutlichen Worten davor warnte, Marokko, Tunesien und Algerien als sogenannte „sichere Herkunftsstaaten“ einzustufen.

Als Rahmenprogramm des Teddy-Jubiläums gab es eine kleine Filmreihe, deren Höhepunkt die restaurierte Fassung von „Anders als die Andern“ war. Der Film nutzte im Jahr 1919 eine kurze Phase der Freiheit, bevor er 1920 nach Wiedereinführung der Zensur mit dem sog. „Reichslichtspielgesetz“ verboten wurde. Magnus Hirschfeld tritt als Arzt auf und plädiert anhand seiner mit einem Suizid endenden Erpressungsgeschichte für die Abschaffung des Strafrechtsparagraphen 175. Dies ist das erste Werk der Filmgeschichte, in dem Homosexualität offen behandelt wurde.

Mit einem Teddy für ihr Lebenswerk wurde die amerikanische Regisseurin und Produzentin Christine Vachon ausgezeichnet, die von „Velvet Goldmine“ von Todd Haynes (1998) bis „Carol“ (2015) wichtige Independent-Filme ermöglichte. Im Panorama Spielfilm-Programm war Vachons neuester Film „Goat“ vertreten, den sie mit James Franco produzierte. Regisseur Andrew Neel erzählt darin von den demütigenden Aufnahmeritualen einer Studentenverbindung an einer US-Elite-Uni.

„Goats“ ist ein Film zu einem wichtigen Thema, gegen den jedoch einzuwenden ist, dass er sich etwas zu sehr an den sadistischen Spielen und der Brutalität seiner Protagonisten weidet. Überzeugende Leistungen bieten Ben Schnetzer, der bereits in den beiden britischen Dramen „Pride“ und „The Riot Club“ (zu einem ähnlichen Thema in Oxford) aufgefallen ist, und Nick Jonas, ein ehemaliger Boygroup-Sänger. Hollywood-Star James Franco bleibt dagegen in seiner Nebenrolle diesmal blass.

Deutlich mehr erwartet hatte ich von der New Yorker Stadtneurotiker-Tragikomödie „Maggie´s Plan“. Rebecca Miller hatte zwar ein hervorragendes Ensemble mit Greta Gerwig, Ethan Hawke und Julianne Moore zur Verfügung, macht daraus aber nur einen lauen Aufguss der bekannten Genre-Geschichten von Woody Allen und Noah Baumbach.

US-Dokumentarfilme als Berlinale Special

Michael Moore konnte wegen einer Erkrankung nicht zur Gala-Vorstellung seines neuen Films „Where to invade next“ kommen, der als Berlinale Special im Friedrichstadt-Palast lief. Dafür hat er einen kurzen Vorspann gedreht, in dem er sich im Bademantel direkt an das Kinopublikum wendet und Angela Merkel ausführlich für ihre Willkommens-Politik lobt. Die restlichen zwei Stunden sind eine Abrechnung mit der Politik seines Heimatlandes. Michael Moore reiste durch mehrere europäische Länder und stellt mit gespielter Verwunderung die Errungenschaften des europäischen Wohlfahrtsstaates vor (gesundes französisches Schulessen, großzügige, von den Gewerkschaften erkämpfte Urlaubsregeln wie in Italien oder Frauenförderung in Island). Das ist phasenweise schlitzohrig-amüsant, aber erschöpft sich dann im Recycling der bekannten Masche von Michael Moore: „Wim Wenders dreht keine Actionfilme, Disney keine Pornos, Michael Moore keine differenzierten Filme. So ist das nun mal.“

Die NDR-Co-Produktion „National Bird“ widmete sich ebenfalls als Berlinale Special dem Drohnenkrieg der USA. Sonia Kennebeck traf sich mit drei ehemaligen Analysten, die den Dienst quittiert haben.

Die Dokumentation bekommt ihr heißes Eisen nicht so recht zu fassen: das liegt zum einen daran, dass jeder Verstoß gegen die Geheimhaltungspflicht für die drei Insider schwere Konsequenzen hätte. Dem Mann im Trio droht eine Anklage nach dem Espionage Act. Eine der beiden Frauen arbeitet mittlerweile für eine NGO in Afghanistan, die andere kämpfte erfolgreich darum, die Behandlungskosten für ihre posttraumatische Belastungsstörung erstattet zu bekommen. Zum anderen leidet der Film darunter, dass manche Statements seiner Protagonisten etwas naiv daherkommen.

Vielleicht gibt es ja im nächsten Jahr einen neuen Versuch, das wichtige Thema Drohnenkrieg differenziert zu beleuchten? Vor allem wünsche ich mir, dass die Berlinale im Februar 2017 nach dem durchwachsenen Jahrgang 2016 wieder an das Niveau von 2015 anknüpfen kann.

Der Text ist zuerst hier erschienen: http://kulturblog.e-politik.de

Berlinale 2016: Viel Mittelmaß in der ersten Hälfte des Festivals

Die Halbzeitbilanz der Berlinale 2016 fällt ernüchternd aus: Das Mittelmaß regiert. Bemerkenswerte Filme sind bislang Mangelware.

Zunächst ein Blick auf den prestigeträchtigen Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären.

Am Freitag ging „Midnight Special“ ins Rennen: US-amerikanisches Independent-Kino von Jeff Nichols, der bereits zweimal im Forum zu Gast war (2007 mit „Shotgun Stories“ und 2011 mit „Take Shelter“). Sein vierter Film ist ein Science-Fiction-Roadmovie, das sich an den ambitionierten Versuch wagt, die NSA-Überwachungsdebatte mit den Erlösungsphantasien christlich-fundamentalistischer Sekten zu verknüpfen. Vermutlich waren es neben der prominenten Besetzung in den Nebenrollen (Kirsten Dunst als Mutter des Erlöser-Alien-Jungen Alton, der von Jaden Lieberhaer gespielt wird, und Adam Driver als NSA-Analyst) diese beiden brisanten Themen, die dem Film eine Einladung zum Festival sicherten.

Statt einer interessanten Studie über die „Gewalt- und Paranoiastrukturen der US-amerikanischen Provinz“, die im Programmheft versprochen wurden, bekamen wir nur eine verquaste Mischung aus Action und Mystery geboten, die außerhalb einer Fangemeinde kaum ein größeres Publikum erreichen dürfte.

Immerhin war dieser Film noch überzeugender als „L´avenir“: diese banale, vor Stereotypen strotzende Geschichte über die Philosophielehrerin Nathalie an einem französischen Lycée, die von ihrem Mann für eine Jüngere verlassen wird, plätschert betulich dahin. Hauptdarstellerin Isabelle Huppert ist eine Bereicherung für jedes Festival. Aber diesen Film von Mia Hansen-Løve, in dem sie einige Kalenderspruch-Weisheiten aufsagen muss, konnte auch sie nicht retten.

Besser war der zweite französische Wettbewerbsbeitrag „Quand on a 17 ans“ von André Téchiné. Er begann in den 60ern als Redakteur der „Cahiers du Cinema“ und Regieassistent des kürzlich verstorbenen Jaques Rivette, eines der führenden Köpfe der „Nouvelle Vague“. Für seine dritte Teilnahme am Berlinale-Wettbewerb nach „Le temps qui changent“ (2004) und „Les témoins“ (2007) tat er sich mit seiner jüngeren Kollegin Céline Sciamma zusammen, die mit „Water Lillies“ (2007) und „Tomboy“ (2011) ihr Talent für subtile Psychodramen gezeigt hat.

„Quand on a 17 ans“ ist zumindest halbwegs gelungen: die Studie der schwierigen Beziehung der beiden Gymnasiasten Damien (Kacey Mottet Klein) und Tom (Corentin Fila) wird von den beiden Nachwuchsdarstellern überzeugend gespielt. Trotz Mobbing und Gewaltausbrüchen ist zwischen den beiden von Beginn an eine Anziehung zu spüren, die vor allem Tom nicht wahrhaben will und die beiden Angst macht. Dass diese schon in vielen Varianten erzählte Geschichte vor der eindrucksvollen Pyrenäen-Kulisse gut funktioniert, liegt an den begabten Schauspielern (Kacey Mottet Klein aus der französischen Schweiz wurde bereits 2013 für seine Hauptrolle in Ursula Meiers „Winterdieb“ ausgezeichnet) und am Können des Drehbuch-Duos Téchiné/Scíamma.

Eine Schwäche des Films ist, dass die Rolle von Marianne, der Mutter von Damien, (Sandrine Kiberlain) als Ärztin mit Helfer-Syndrom teilweise ins Klischeehafte abdriftet. Auch der Nebenstrang über ihren Mann, der bei einem Auslandseinsatz stirbt, wirkt überflüssig. Dennoch ist „Quand on a 17 ans“ ein annehmbarer Genrefilm und somit ein Lichtblick des bisherigen Festivals.

Im Vorfeld wurde besonders viel über die Dokumentation „Fuocoammare/Fire at sea“ des italienischen Regisseurs Gianfranco Rosi gesprochen. Er verzichtet auf jeden Kommentar aus dem Off und stellt knapp zwei Stunden lang seine Eindrücke aus Lampedusa gegenüber. Hier der Alltag der Inselbewohner: ein 12jähriger Junge erkundet mit seinen Freunden die Verstecke in der Natur und quält sich durch seine Hausaufgaben. Für ein älteres Ehepaar ist das tägliche Radio-Wunschprogramm ein festes Ritual: Anrufer dürfen sich ihr Lieblingslied wünschen und einen Bekannten oder Verwandten grüßen. Die Dramen aus dem Mittelmeer werden dazwischen geschnitten: Seenot-Rettungsrufe der Flüchtlinge auf den Schlepperbooten. Horrormeldungen über weitere Ertrunkene. Ihre Ankunft: völlig durchnässt und erschöpft. Ein Arzt schildert seine Gefühle von Wut, Ohnmacht und Schmerz.

Der Regisseur schaffte es nicht, sein Material zu verdichten. Die knapp zwei Stunden wirken redundant. Aus den starken Szenen hätte ein überzeugender Film werden können, wenn er sich auf das Wesentliche konzentriert und um die Hälfte gekürzt hätte.

Eine Enttäuschung war auch „Alone in Berlin“ die Verfilmung von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ von Vincent Perez aus der Schweiz. Er hätte eigentlich nur auf die packende, wahre Geschichte seiner Vorlage vertrauen müssen. Das Ehepaar Quangel (Brendan Gleeson und Emma Thompson) verteilte in Berliner Bürogebäuden mehrere Jahre lang Postkarten gegen die Nazis und wurde für ihren mutigen Widerstand hingerichtet. Luc Perceval machte daraus am Hamburger Thalia Theater eine sehenswerte Inszenierung, die 2013 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war.

Auf der Berlinale ist leider nur eine hölzerne Film-Adaption zu erleben, die den Stoff emotionslos nacherzählt und die mangelnde Empathie durch eine schwer erträgliche Klangsoße von Alexandre Desplat zu überdecken versucht. Die namhafte Besetzung dieses Films (neben Gleeson und Thompson ist noch Daniel Brühl als Kommissar Escherich dabei), konnte das Scheitern dieser Verfilmung nicht verhindern.

Das Niveau im Wettbewerb bleibt zum Berlinale-Auftakt 2016 also weit hinter dem Vorjahr zurück. Damals waren „Victoria“, ein Highlight des gesamten Filmjahres, und der iranische Bären-Gewinner „Taxi Teheran“ von Jafar Panahi zu erleben. Starke Auftritte und überraschende Seherlebnisse fehlen diesmal, stattdessen viel Ödnis am Potsdamer Platz.

Wie sieht es im Panorama aus?

Die brasilianische Regisseurin Anna Mulyaert, die Gewinnerin des Publikumspreises 2015, kehrt mit „Mãe só há uma/Don´t call me son“ zurück.

Der Film erzählt die Geschichte des 17jährigen Pierre, der von seiner vermeintlichen Mutter Aracy nach der Geburt aus dem Krankenhaus entführt und als ihr Sohn ausgegeben wurde. Als sie mit einem Gentest überführt und von der Polizei abgeholt wird, fällt es Pierre schwer, sich bei seinen wohlhabenden, leiblichen Eltern einzuleben, die ihn Felipe nennen.

Die Regisseurin konnte sich anscheinend nicht dazu durchringen, dem Hauptstrang zu vertrauen, und verzettelt sich zu sehr in der Beschreibung der Pubertäts-Identitätssuche des Hauptdarstellers, der zwischen Partys, Bandproben und Lippentift/Frauen-Reizwäsche-Experimenten vor dem Spiegel nach seinem Ich sucht und seltsam blass bleibt.

Aus Deutschland ist „Jonathan“, das Regie-Debüt von Piotr J. Lewandowski, im Spielfilmprogramm. Für diese TV-Produktion von SWR/WDR/arte mit vielen bekannten Fernseh-Gesichtern ist die Leinwand auf dem internationalen Festival eine Nummer zu groß. Die Geschichte über Familiengeheimnisse, die unter den Teppich gekehrt werden, und die schrittweise Emanzipation des Bauern Jonathan (Jannis Niewöhner vom Regisseur in einer seiner ersten Hauptrollen gut in Szene gesetzt) plätschert zu konventionell vor sich hin.

Scharenweise gingen die Leute beim marokkanischen Spielfilm „Starve your Dog“ von Hicham Lasri zum Ausgang. Der Anfang war vielversprechend: eine alte Frau beklagt die Perspektivlosigkeit, der Geist des Arabischen Frühlings liegt in der Luft. Dieser „experimentelle Kino-Essay“ (Programmheft) kreist aber so selbstverliebt um seine Assoziationen, dass sich schnell eine genervte Stimmung im Publikum breit macht. Lasri imaginiert schließlich, dass Driss Basri, ein wegen Menschenrechtsverletzungen berüchtigter ehemaliger marokkanischer Innenminister, nicht in seinem Pariser Exil starb, sondern nach Casablanca zurückkehrt und von einem Filmteam begleitet wird. Ohne Kenntnis der innenpolitischen Entwicklungen auf dem Maghreb in den vergangenen Jahrzehnten lohnt sich der Film nicht, sondern wird zur Geduldsprobe.

Die Reihen lichteten sich auch im iranischen Film „Lantouri“ von Reza Dormishian. Das hatte zwei Gründe: Erstens legt der Film einige falsche Fährten und mäandert lange, bevor er zum Punkt kommt. Zweitens zeigt er explizite, grausame Szenen von nach Säureattentaten entstellten Gesichtern. Der Film beginnt mit hektisch aneinandergereihten Interview-Schnipseln über die Raubzüge der Gang „Lantouri“, die im Robin Hood-Stil bei der reichen Oberschicht einbricht und korrupten Unternehmern ihre Edelkarossen klaut. Im zweiten Drittel mutiert der Film zu einem zähen Stalking-Drama – die Premiere fand ausgerechnet am Valentinstag statt. Erst im letzten Drittel wird klar, worauf der Film eigentlich hinauswill: er ist ein Plädoyer für Vergebung und gegen das Prinzip „Auge um Auge“ (Lex Talionis), das wir aus dem Alten Testament und dem Koran kennen und das gültiger Bestandteil des iranischen Strafrechts ist.

Der Film erzählt, wie der Gang-Boss aus Frust über die unerwiderte Liebe seine Angebetete mit Säure übergießt. Sie ist zunächst fest entschlossen, auf ihr Recht zu pochen, und will dabei zusehen, wie Ärzte dem Täter ebenfalls Säure in die Augen träufeln, bevor sie es sich im letzten Moment anders überlegt. Der Film ist in seiner Grausamkeit schwer zu ertragen und wegen seiner Verwirrungstaktik zu Beginn auch schwer zugänglich: „Lantouri“ ist kein guter, aber doch immerhin ein bemerkenswerter Film!

Von brutaler Gewalt erzählt auch der chilenische Film „Nunca vas a estar solo“: ein homosexueller Junge wird zusammengeschlagen und übel zugerichtet. Der Film erzählt aus der Perspektive des Vaters, der mit der Krankenkasse um die Abrechnung der Behandlungskosten ringt. Die Täter kommen ungeschoren davon, Zeugen fehlen. Der Musiker Alex Anwandter erzählt die bedrückende Geschichte seines ersten Films mit eindringlichen Bildern, das Ende wird gerät etwas zu kitschig. Inspiriert ist sein Film von einer wahren Begebenheit: im März 2012 wurde Daniel Zamudio in Santiago de Chile von Neonazis totgeprügelt. Er war ein Fan von Alex Anwandters Band.

Bei der Dokumentation „Hotel Dallas“ wurde die Hoffnung, dass das regieführende Paar Livia Ungur und Sherng-Lee Huang noch die Kurve bekommt, leider enttäuscht. Nach einigen Kurzfilmen drehten sie ihr erstes 75 Minuten-Werk und wählten dafür auch ein interessantes Thema: in Rumänien war die Seifenoper „Dallas“ in den 80ern ein echter Straßenfeger, ansonsten liefen nur Ceaucescu-Propaganda-Reden. Das Regime wollte mit dieser Serie ein Ventil schaffen und hoffte, dass die kapitalistischen Machenschaften von J. R. Ewing ihren Beitrag zur sozialistischen Erziehung der Bevölkerung leisten würde. Stattdessen wurde J. R. für manche Oligarchen, die nach dem Sturz des Regimes 1989 schnell zu Geld kamen, zum Vorbild. Ilie baute sogar die Southfork Ranch mitten in der rumänischen Landschaft nach und setzte den Eiffelturm in die Mitte. Leider erschöpft sich der Film in ästhetischen Spielereien. Bei dem Versuch, „eine vielschichtige und oft auch surreale Parabel auf Kommunismus, Kindheit und die Macht der Kunst zu erzählen“, übernimmt sich der Film und versandet in Belanglosigkeit.

Berghain-Flair kommt im französischen Film „Théo et Hugo dans le même bateau/Paris 05:59“ der beiden regelmäßigen Panorama-Gäste Olivier Ducastel und Jaques Martineau auf. Die 2ominütigen, expliziten Szenen einer Sex-Party sind sicher nicht mainstream-kompatibel. Der Film (Edition Salzgeber) wechselt jedoch schnell das Ambiente und geht in der Tristesse der Notaufnahme einer Klinik weiter. Da Théo und Hugo die Grundregeln des „Safer Sex“ nicht befolgt haben, werden dort die Notfallmaßnahmen gegen eine befürchtete HIV-Infektion eingeleitet. Der Film beschreibt die Gefühlsschwankungen zwischen Party-Ekstase, Schock über die Diagnose und der bangen Frage, wie es weiter geht, und dreht sich vor allem darum, wie schnell und wie viel Nähe die beiden Hauptfiguren zulassen. „Paris 05:59“ ist in der Tradition französischer Beziehungsdramen souverän gefilmt, verzettelt sich aber auch etwas zu sehr in banalen Dialogen mit anderen Metro-Fahrgästen.

Auch im „Panorama“ der Berlinale 2016 ist bisher mehr Schatten als Licht.

Viel Glamour, aber fade Gags bei der 50er Jahre-Hommage „Hail, Caesar!“ zur Berlinale-Eröffnung

George Clooney und Scarlett Johansson! Zwei der schillerndsten Stars, die Hollywood zu bieten hat: Festival-Direktor Dieter Kosslick ist zur Eröffnung der Berlinale ein echter Coup gelungen. Aber auch das restliche Staraufgebot kann sich sehen lassen: Ralph Fiennes! Tilda Swinton! Jonah Hill! Channing Tatum! Josh Brolin! Frances McDormand! Sie alle spielen in „Hail, Caesar!“, dem neuen Film der Brüder Ethan und Joel Coen mit.

Über mangelnden Glamour auf dem Roten Teppich konnte sich zur Eröffnung der Berlinale 2016 niemand beschweren. Der Film „Hail, Caesar!“ hielt aber leider nicht ganz, was die geballte Ladung hochkarätiger Könner versprach. Dass Programmheft kündigte den Film als „überdrehte Komödie“ an und verglich ihn mit „Burn after Reading“ (Eröffnungsfilm des Festivals in Venedig 2008).

Der Plot von „Hail, Caesar!“ bietet Momente zum Schmunzeln. Für eine aberwitzge Farce fehlt aber das nötige Tempo. Ohne zuviel zu verraten: Im Mittelpunkt der Handlung steht Eddie Mannix (Josh Brolin). Seine Frau liegt ihm damit in den Ohren, dass er endlich mit dem Rauchen aufhören soll. Im Job hat er alle Hände voll zu tun, dass sein Hollywood-Studio nicht im Chaos versinkt. Die Allüren seiner Filmstars sind ziemlich anstrengend. Die Diva DeeAnna Moran (Scarlett Johannson) zickt beim Meerjungfrauen-Ballett herum und ist schwanger, aber unverheiratet: Was für ein Skandal in den 50er Jahren! Das Teenie-Idol Hobie Doyle (Alden Ehrenreich) ist als Western-Held ein Kassenmagnet, stößt aber schnell an seine Grenzen, wenn er die Dialoge in einer Komödie sprechen soll. Zu allem Überfluss ist auch noch der Star des neuen Sandalen-Historienschinkens wie vom Erdboden verschwunden: Ist Baird Whitlock (George Clooney) mal wieder auf einer seiner berüchtigten Sauftouren? Es ist zum Hasareraufen. Kein Wunder, dass Mannix überlegt, das Filmbusiness zu verlassen und lieber zum Rüstungskonzern Lockheed zu wechseln.

Am stärksten ist der Film, wenn er als satirische Hommage an das Kino der 50er Jahre in die damals beliebtesten Genres eintaucht: neben dem monumentalen Historienfilm mit biblischen Motiven (á la „Ben Hur“) und den Western sind das Musicals (hier mit Matrosen) und Theater-Adaptionen vom Broadway. Charmant gemacht ist auch, wie die Paranoia der McCarthy-Ära vor einer Unterwanderung durch die Kommunisten aufgespießt wird. Zu viele Längen und zu wenige zündende Gags machen diese guten Ansätze zunichte. Deshalb bekam der neueste Coen-Film „Hail, Caesar!“ auch vor wenigen Tagen beim US-Kino-Start oft nur mäßige Kritiken. Hinter den Meisterwerken der beiden regieführenden Brüder bleibt er zurück. Aber bei der Eröffnungsgala der Berlinale steht ja ohnehin das „Sehen und Gesehenwerden“ im Mittelpunkt.

„Hail, Caesar!“ startet nächste Woche am 18. Februar auch außerhalb der Berlinale in den deutschen Kinos.

Weitere Berichte von der Berlinale folgen in den nächsten Tagen hier und als Kurzkritiken auf Twitter

Kabarett-Gastspiele: Gerhard Polt mit den Wellbrüdern im Berliner Ensemble, Bodo Wartke bei den Wühlmäusen

Gerhard Polt und die Wellbrüder auf der Suche nach Demokratie mit „humanitärem Beigeschmack“

Wenn die Kabarettnummern zu spezifisch auf bayerische Landespolitik eingehen, bleibt es beim Berliner Gastspiel von Gerhard Polt und seinen musikalischen Begleitern, den Wellbrüdern aus´m Biermoos, erwartungsgemäß still. Mit dem jahrelangen Streit um die Schulpolitik (G8) und dem Seitenhieb auf die über eine Modellbau-Affäre gestrauchelte Ex-Staatskanzlei-Chefin Christine Haderthauer können im Berliner Ensemble nur wenige etwas anfangen. Auch die Bezüge zur Berliner Landespolitik zünden nicht so recht: zu abgedroschen sind die Pointen zum LaGeSo und Berliner Flughafen.

Dass dennoch ein hervorragender, mit Zugaben fast dreistündiger Kabarettabend daraus wird, liegt an der Qualität der Nummern, die auch das Herzstück von „Ekzem Homo“ bilden, das seit einem Jahr an den Münchner Kammerspielen läuft. Gerhard Polt läuft zur Hochform auf, wenn er als Miesbacher Landrat seinen „Dom Perignon“ schlürft und mit Unschuldsmiene über sein Beziehungsgeflecht zum Sparkassendirektor und zum örtlichen Bauunternehmer aus dem Nähkästchen plaudert. Man kennt sich, man hilft sich. Auch wenn die „Kaulquappennummerierer“ aufjaulen, schafft man es gemeinsam, den Sumpf in einem Naturschutzgebiet trockenzulegen und zum Gewerbegebiet umzuwidmen.

Dieselbe Lektion erteilt Polt auch seinem Enkel Geoffrey, den er nur „Bubi“ nennt: die Demokratie ist eine feine Sache, aber am wichtigsten ist das Vitamin B. „Denn was nützt es Dir, dass der Herr Maschmeyer ein Demokrat ist, wenn Du ihn nicht kennst?“

Bitterböse rechnet er auch mit den Nachbarn ab, die ihrem Nachwuchs mit dem Latinum schon im Kindergarten die besten Startchancen sichern wollen und felsenfest davon überzeugt sind, dass es sich bei ihren Sprösslingen um hochbegabte Wunderkinder handelt. Als in der Schule der erhoffte Erfolg auf sich warten lässt, brechen sie endlich ihre Zelte ab und ziehen mit den Kindern nach Florida, um sie dort an einer Tennis-Akademie anzumelden.

Bodo Wartkes Klavierkabarett: sein 5. Programm „Was, wenn doch?“

Ein interessanter Kontrast zur bayerischen Volksmusik der Wellbrüder ist das hanseatische Klavierkabarett von Bodo Wartke.

Wie es sich für einen „Gentleman-Entertainer“ (Selbsteinschätzung auf seiner Webseite) gehört, schlägt er dezente und leise Töne an. Den Gangsta-Rap gibt es erst als Zugabe, davor dominieren Charleston, Tango, Blues und klassisches Opernrepertoire, das Wartke genüsslich auf die Schippe nimmt. Seine Textanalyse der berühmten Arie der „Königin der Nacht“ ist einer der Höhepunkte seines Auftritts bei den Wühlmäusen: Fast jeder kennt Mozarts Musik. Aber wer machte sich schon mal die Mühe, Emanuel Schikaneders Libretto zu studieren?

Ansonsten kreist sein neues, mittlerweile fünftes Programm um die Liebe und oft vergebliches Werben um die Herzen der Angebeteten. Die ersten Nummern kommen noch etwas schleppend daher, dann hat der Abend seine Form gefunden und beleuchtet verschiedene Facetten seines Themas, ohne redundant zu wirken. Mit der nötigen Selbstironie erzählt Wartke über Männer, die durchaus „Kompromissbereit“ wären und inhaltsleere Gespräche hinnehmen würden, sofern nur die Körpermaße und das sonstige äußere Erscheinungsbild der Flirtpartnerin ins Beuteraster passen, oder über Männer, die von einer Frau träumen, die ganz „Unkompliziert“ ist. Viele Songs sind in melancholischem Moll gehalten und erzählen von gebrochenen Herzen: Den Trennungsschmerz des Verlassenwerdens thematisiert Wartke in „Es reicht nicht“; „Happy end“ beklagt, dass es im Leben nur selten eine kinoreife Liebe auf den ersten Blick gibt, sondern das Timing nicht stimmt oder aus anderen Gründen die Liebe nicht auf Gegenseitigkeit beruht.

Im neuen Programm „Was, wenn doch?“ fehlen die großen Knaller wie „Monica“, seine Hommage an die Ex-Praktikantin im Weißen Haus und zugleich Protestsong gegen George W. Bushs Irak-Krieg. Erst gegen Ende richtet Wartke den Fokus vom Scheitern privater Zweier- oder Dreierbeziehungen (die er in „Ménage à trois“ besingt) auf das gesellschaftliche Ganze. „Das falsche Pferd“ träumt von der sympathischen Vision einer Gesellschaft, in der jeder beruflich genau das tut, wofür er wirklich brennt: ohne laue Kompromisse und ohne Rücksicht auf Erwartungen der Eltern. In dem Song schwingt eine gehörige Portion Skepsis mit, ob so ein Idealzustand jemals Realität werden kann. Er endet aber mit dem programmatischen Titel des Abends „Was, wenn doch?“

Anscheinend ist dieses Lied über Jura und BWL-Studenten, die keine rechte Freude an ihrem Fach haben, autobiographisch inspiriert: Wartke stammt aus einer Hamburger Ärzte-Familie. Dort wurde ganz selbstverständlich erwartet, dass er in diese Fußstapfen tritt. Als der Sohn nach dem Physik-, auch das Musik-Lehramtsstudium abbrach und beschloss, sein Glück als Musikkabarettist zu versuchen, ernteten die Eltern auf Ärzte-Kongressen irritierte Blicke ihrer Kollegen.