Gegenbesuch: Gysi hält sich mit Pelzig ohne Bowle im Deutschen Theater

Gregor Gysi, auch nach seinem Rückzug aus der ersten Reihe immer noch bekanntester Kopf der Linkspartei, hat die Prinzipien der Marktwirtschaft verinnerlicht: Leistung für Gegenleistung!

Er ließ sich in ZDF-Sendung „Pelzig hält sich“ mit der berüchtigten Bowle quälen und stellte sich den nur scheinbar harmlos-naiven Fragen des Gastgebers, mit denen schon mancher Gesprächspartner aufs Glatteis geführt wurde. Aber nur unter folgender Bedingung: „Pelzig“ musste ihm nach mehreren gescheiterten Versuchen einen festen Termin nennen, an dem er ihm bei Gysis Matinee-Reihe im Deutschen Theater einen Gegenbesuch abstattet.

Am Sonntag Vormittag erschien „Erwin Pelzig“ aber ohne seine Markenzeichen: Ohne Hut und Herrenhandtasche, dafür mit Brille ist der Kabarettist Frank Markus Barwasser gut getarnt, auf der Straße hätte ihn wohl kaum jemand auf Anhieb erkannt. Im Gespräch wirkt er introvertiert, viel weniger red- und leutselig als seine Kunstfigur „Erwin Pelzig“, mit der er seit 1993 auf den Bühnen zu sehen ist.

Die beiden wichtigsten Fragen wurden erst gegen Ende angesprochen: Was ist eigentlich in der Bowle drin, von der nur Theo Waigel freiwillig mehrere Gläser trank? Das genaue Rezept ist vermutlich so geheim wie die Coca Cola-Formel, aber „Pelzig“ lässt sich doch etwas in die Karten schauen. Die Zutaten, die er für den alkoholfreien Mix aufzählt, sind zum Gruseln und würden sich auch für die nächste Dschungelprüfung eignen. Die zweite Frage, wann wir „Pelzig“ nach dem Aus von „Neues aus der Anstalt“ (2013) und der letzten Folge von „Pelzig hält sich“ im Dezember 2015 wieder im TV erleben können, ließ er offen. Zuerst freue er sich auf die Geburt seines Kindes, nach einer Kreativpause sei auch ein neues Bühnenprogramm denkbar. Aber die aktuellen politischen Umbrüche seien so gravierend und die Situation so unübersichtlich, dass er einen gewissen Abstand brauche.

Schon kurz nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Neueren Geschichte und Ethnologie in München und Salamanca begann er damit, eigene Programme zu schreiben. Er tingelte bereits über die fränkischen Kleinkunstbühnen, als er noch Redakteur des Bayerischen Rundfunks in seiner Heimatstadt Würzburg war. Sein „Erwin Pelzig“ wirkte damals noch tölpelhafter, erst im Lauf der Jahre entwickelte er sich zu einem bauernschlauen Beobachter von Politik und Gesellschaft, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und sich seine Gedanken über die Zeitungslektüre von der Finanzkrise bis zur GroKo-Politik macht, dabei aber auch mal überraschend Hannah Arendt zitiert.

No One Survives: ein Holocaust-Überlebender zwischen drei Frauen am Gorki

Yael Ronen springt mit ihrer neuen Inszenierung „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“ aus der Schublade, in der sie es sich eigentlich bequem eingerichtet hatte und die ihr zwei Einladungen zum Theatertreffen in Folge beschert hatte. „Common Ground“ (2015 ausgewählt) und „The Situation“ (2016), aber auch ihre anderen Gorki-Inszenierungen „Erotic Crisis“ und „Das Kohlhaas-Prinzip“ machten den Namen Ronen zu einer Marke in der Berliner Theaterlandschaft. Das Publikum glaubte zu wissen, was man von ihr bekommt: temporeiche Stückentwicklungen, die aus den Biographien aller Mitspieler schöpfen. Abende mit Zuspitzungen, streitbar, überschäumend, mal übers Ziel hinausschießend, aber nie langweilend.

Im „Freitag“ kündigte Ronen zwar an, dass ihre neue Inszenierung eine „werkgetreue“ Romanadaption von Isaac Bashevis Singers „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“ werde. Das Ergebnis ist dennoch ein überraschender Bruch mit den Erwartungen. Was sie bewog, diesen Stoff, der in Deutschland weitgehend unbekannt, aber in Israel Schullektüre ist, auf die Bühne zu bringen, deutet sie im „Freitag“ nur an: „Es war sogar Teil meiner Abschlussprüfungen. Ich kenne und liebe das Buch also schon sehr lange. Ich wäre aber nicht auf die Idee gekommen, ein Theaterstück daraus zu machen. Eine der Schauspielerinnen hat Feinde auf Deutsch gelesen und zu mir gesagt: Die Geschichte ist auch heute noch relevant.“

So hölzern und mit so vielen Längen war Ronen am Gorki noch nicht zu erleben. In 50er Jahre-Kostümen turnt Herman Broder (Aleksandar Radenković) über das Baugerüst auf der Bühne, hin- und hergerissen zwischen drei Frauen: seiner polnischen Haushaltshilfe Yadwiga (Orit Nahmias), die ihn vor den Nazis versteckte, seiner Affäre Masha (Lea Draeger) und seiner tot geglaubten, aber plötzlich wiederauftauchenden Frau Tamara (Çiğdem Teke). Der Hauptdarsteller ist deshalb über weite Strecken damit beschäftigt, sich Notlügen einfallen zu lassen, zwischen den Frauen hin- und herzuhetzen und sich aus-, an- oder umzuziehen.

Die knapp zwei Stunden wirken zäh und uninspiriert. Zum Rettungsanker des Abends wird der Musiker Daniel Kahn. Auf seinem Akkordeon und mit seinen beiden Mitstreitern Christian Dawid und Hampus Melin liefert er viel mehr als folkloristische Klezmer-Hintergrund-Musik als Pausenfüller, für die man seine Auftritte zwischen den Szenen zunächst halten könnte.

In einem Sprach-Mix aus Jiddisch, Deutsch, Englisch, Hebräisch und mit bissig-intelligenten Texten fasst er die Spielhandlung zusammen. Und noch viel mehr als das: er thematisiert den Schmerz der Vertreibung der Juden aus Europa und das Trauma des Holocausts, die den Hintergrund dieser Geschichte aus Brooklyn in den 50er Jahren bilden, aber in den holprigen Spielszenen viel zu kurz kommen. Mit seinem traurigen „No One Survives“ beschließt er das Stück und erntet den stärksten Applaus. Es hätte völlig genügt, die ganze Geschichte nur von ihm und seiner Band als Liederabend erzählen zu lassen.

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Strampeln im Hamsterrad: ≈ [ungefähr gleich] im Schaubühnen-Studio

Unter Hamster-Masken schwitzen die vier Schauspielerinnen und Schauspieler dieses Abends (Iris Becher, Bernardo Arias Porras, Renato Schuch, Alina Stiegler). Die SZ erinnerte es an eine Textilfabrik in Bangladesch, wie sie im Akkord schuften und Gold-Papier in kleine Schnipsel schneiden. In den folgenden 90 Minuten teilen sie sich mehr als zwanzig Rollen auf, die alle eines gemeinsam haben: sie träumen von Glück und Wohlstand, strampeln und strampeln, scheitern aber doch.

Wir erleben den Fachmann für Wirtschaftsgeschichte, der in langen Monologen von seinem Fachgebiet schwärmt, aber keine Chance auf einen Lehrstuhl hat. Die Angestellte im Tabakladen muss Rubbellose verkaufen, würde aber lieber als Selbstversorgerin auf einem Öko-Bauernhof aussteigen. Der Nächste reiht Abendkurse an Fortbildungen, wird aber doch in allen Bewerbungsverfahren abgewiesen und muss sich von der frustriert-gelangweilten Jobcenter-Mitarbeiterin (Iris Becher in einer der gelungensten Miniaturen des Abends) schikanieren lassen. Freja schreckt nicht mal davor zurück, ihre Rivalin um den Arbeitsplatz vor ein Auto zu schubsen. Nur der Schauspieler Peter (Bernardo Arias Porras) zeigt dem Kapitalismus den Stinkefinger, er schnorrt sich als angeblicher Obdachloser durch. Er hat sein Geschäftsmodell optimiert und verfügt über ein großes Repertoire an Sprüchen und Geschichten, die er je nach Situation auspackt.

Das Problem des Abends ist, dass der schwedische Autor Jonas Hassen Kherimi die kurzen Szenen so überkonstruiert miteinander verknüpft hat, dass am Ende alle Figuren irgendwie miteinander zusammenhängen. Bis dahin hetzt das Stück von einer Episode zur nächsten. Kurze Schlaglichter statt Geschichten mit Tiefenschärfe. Mina Salehpour, die zum fünften Mal ein Kherimi-Stück auf die Bühne bringt und deren Arbeiten bisher vor allem in Hannover, Braunschweig oder am Grips Theater zu sehen waren, bringt diese Sketche aus dem kapitalistischen Hamsterrad souverän auf die Bühne.

Bleibt noch die Frage nach dem Unterhaltungswert: der oben erwähnte Wirtschaftshistoriker erklärt zu Beginn ausführlich eine mathematische Formel, mit der man diesen Wert angeblich ganz genau berechnen könnte. Bei dieser ≈ [ungefähr gleich]-Inszenierung im Studio der Schaubühne liegt er im soliden Mittelfeld. Der Abend bietet wenig Neues. Zu oft haben sich junge Dramatiker schon mit ähnlichen Ideen und Thesen an der Arbeitswelt abgearbeitet.

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Terror in Russland: „Die Gerechten / Das fahle Pferd“ von Albert Camus / Boris Sawinkow im bat-Studiotheater

Wenn die zehn Theatertreffen-Inszenierungen wie Stadionrock-Stars auf Tour eine Vorgruppe hätten, wäre klar, welches Stück vor Daniela Löffners russischer Turgenjew-Elegie „Väter und Söhne“ aufgeführt werden müsste.

Marcel Kohler spielt bei diesem Überraschungserfolg in den Kammerspielen des Deutschen Theaters eine der Hauptrollen als Arkadij Nikolajitsch Kirsanow. Kurz danach studierte er mit fünf Studenten aus dem 3. Studienjahr der HfS Ernst Busch (Lukas Gabriel, Roman Schomburg, Joshua Jaco Seelenbinder, Samuel Simon, Alexander Wanat) und ihrer Kommilitonin Luise Pöls den Abend „Die Gerechten / Das fahle Pferd“ von Albert Camus / Boris Sawinkow im bat-Studiotheater ein.

Die Stoffe sind nicht nur thematisch ähnlich, hier geht es ebenfalls um die politischen Umwälzungen im Zarenreich und anarchistische Ideen. Auch ästhetisch schwelgen beide Abende in einer elegischen Grundstimmung mit langen Kunstpausen. Wie am DT sitzt das Publikum in einem Rechteck um die Schauspieler auf der Bühne.

Auch wenn die bat-Studiotheater-Inszenierung vor allem in der ersten Hälfte von „Väter und Söhne“ inspiriert ist, handelt es sich natürlich nicht um ein Plagiat. Nach der Pause wird der Abend dynamischer. Nach den recht zähen Planungen des Attentats auf den Großfürsten und einer ausgiebigen Kunstschneeballschlacht während der Pause findet sich das Ensemble im Gefängnis wieder.

Die übrigen Häftlinge sind als Menschenknäuel zusammengeballt und stellen dem Attentäter neugierige Fragen zu seinen Motiven. Neben der Musikalität (Chorgesang christlicher und russischer Melodien, begleitet von Klarinette und Gitarre) hat der Abend nun auch komische Momente. Die Begriffsstutzigkeit der Gefangenen wird zum running gag. Das leitmotivisch wiederholte „Russland wird heilen. Russland wird wieder schön sein“ hallt als hoffnungsvoller Appell für eine bessere Zukunft nach Putins autoritärer Herrschaft beim Verlassen des Theaters nach.

Wer „Väter und Söhne“ liebt, wird auch „Die Gerechten/Das fahle Pferd“ mögen.

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„The Big Short“: Satirisches Kino-Porträt der Lemminge auf dem Weg zum Crash

„The Big Short“ hätte gründlich schief gehen können. Dass ausgerechnet Adam McKay eine gelungene Verfilmung des Sachbuch-Bestsellers „The Big Short: Inside the Doomsday Machine“, des Wirtschaftsjournalisten Michael Lewis gelingen könnte, ist wirklich nicht naheliegend.

Zwischen diesem Buch, das von der FAZ schon 2010 als eines der kenntnisreichsten und informativsten Bücher über den Finanzmarkt-Crash von 2008 ff. empfohlen wurde, und McKays bisherigem Filmschaffen liegen Welten. Er fiel in den vergangenen Jahren vor allem als Regisseur von Will Ferrell-Filmen wie „Anchorman“ und „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“ auf: „Pubertäre Jungskomödien“, wie ZEIT Online schrieb, die WELT bezeichnet ihn als „Teil der Männer-werden-nie-erwachsen-Spaßblase um Judd Arpatow“.

Angesichts dieser Vorgeschichte ist „The Big Short“ eine erstaunlich ernsthafte, „geerdete“ (Filmstarts.de) Aufarbeitung der Ära, als die Banker sich gegenseitig darin überboten, Ramschpapiere in hübscher Verpackung und mit angeblich bester Bonität zu verkaufen, bis sich die Risiken zu einer gewaltigen Spekulationsblase anhäuften. Der Film porträtiert die skrupellosen Geschäftemacher, die Mitläufer, die Zocker, die nur auf das schnelle Geld und Partys aus waren, und beschreibt präzise, wie die Lemminge gemeinsam dem Abgrund entgegen strömten und alle Warnungen als lächerlich abtaten.

„The Big Short“ zeigt aber auch die Stimmen, die früh darauf hinwiesen, dass hier etwas gewaltig schiefläuft: Eine der Hauptrollen spielt Christian Bale als Hedgefonds-Manager Michael Burry, ein Außenseiter und Analytiker-Nerd, der sich durch die Zahlenkolonnen wühlte und zu dem Schluss kam, dass diese Rechnung niemals aufgehen kann. Die meisten schlugen seine Mahnung in den Wind. Einige waren schlau genug, aufs richtige Pferd zu setzen, so z.B. Jared Vennett (Ryan Gosling), der sich im „House of Cards“-Stil immer wieder ans Publikum wendet und triumphierend mit aasigem Grinsen von seinen neuen Winkelzügen berichtet, bevor er am Ende absahnt. Als cholerischer Kritiker der Missstände an der Wall Street mischt Mark Baum (Steve Carell) regelmäßig die Meetings seiner Bank auf. Er hat ebenso wie die beiden Jungs vom Land (Finn Wittrock und John Magaro), die vom Durchbruch träumen und einen Wallstreet-Aussteiger (gespielt von Brad Pitt, der den Film auch co-produzierte) als Mentor haben, das richtige Näschen.

Der Film „The Big Short“ jongliert mit all den Abkürzungen wie CDOs und ähnlichen Schrottpapieren, die zum Crash 2008 führten. Das Fachchinesisch wird anschließend in kurzen satirischen Einspielern anschaulich erklärt, z.B. von Margot Robbie, die im Schaumbad ihren Champagner schlürft, oder von Selena Gomez am Roulette-Tisch.

Auch wenn dem Publikum während dieser rasanten, von ZEIT Online als „adrenalgeschwängert“ bezeichneten Parforce-Tour durch die Welt des Finanz-Turbokapitalismus die Begriffe manchmal nur so um die Ohren fliegen, ist die Botschaft dieses lohnenden Psychogramms der Banker-Welt allgemein verständlich und leider zutreffend: Als die Krise eintrat, wurden die Verluste sozialisiert, die Gewinne privatisiert. Ein großes Umdenken hat aber nicht stattgefunden, das Casino bleibt geöffnet, es darf weiter gezockt werden.

„The Big Short“ startete bereits am 15. Januar in den deutschen Kinos und bekam einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch (nach dem oben erwähnten Bestseller von Michael Lewis).

Webseite und Trailer zu „The Big Short“

„El Clan“: sehenswerter Politfilm über mörderische Familie auf dem holprigen Weg zur Demokratie

In diesem Kinojahr folgt ein hochinteressanter Polit-Film auf den nächsten. Die Auswahl fällt schwer, aber das argentinische Drama „El Clan“, der mit dem Untertitel „Verbrechen ist Familiensache“ in den deutschen Kinos startete, sollte man sich unbedingt ansehen.

Wir schreiben das Jahr 1983: Die argentinische Militärjunta musste nach sieben Jahren abtreten. Als bei den Präsidentschaftswahlen Raúl Alfonsín von der Unión Cívica Radical gewann, hielten die Mitläufer und Stützen des alten Regimes dies nur für ein „vorübergehendes linksliberales Experiment“, wie sie sich auch im Film „El Clan“ gegenseitig versichern. Sie trafen noch einige Vorkehrungen vor dem Machtwechsel: „In ihren letzten Tagen versuchte die Regierung hauptsächlich, die Verantwortung für die Menschenrechtsverletzungen von sich zu schieben. Im sogenannten „Befriedungsgesetz“ oder „Selbstamnestiegesetz“ wurde deklariert, alle gerichtlichen und polizeilichen Entscheidungen aus der Zeit zwischen 1973 und 1982 zu annullieren. Das Gesetz wurde jedoch bereits in einer der ersten Sitzungen des demokratisch neugewählten Parlaments annulliert.“

Die Junta hinterließ eine Spur des Grauens: brutale Folter in Geheimgefängnissen und zahlreiche Morde an Oppositionellen gehen auf das Konto dieses Regimes. Archímedes Puccio entschied sich, aus seiner langjährigen Erfahrung als Folterknecht ein Geschäftsmodell zu machen: gemeinsam mit einigen Handlangern entführte er Familienmitglieder aus der argentinischen Oberschicht, quälte sie im Keller seines Hauses mitten in Buenos Aires und erpresste Lösegeldforderungen. Als Lockvogel setzte er seinen Sohn Alejandro ein. Als Star der Rugby-Nationalmannschaft hatte er Kontakt zu potentiellen Opfern aus dem Establishment und konnte ihre Lebensgewohnheiten ausspionieren, so dass der Familien-Clan möglichst geräuschlos zuschlagen konnte.

Der Film „El Clán“ beruht auf einer wahren Geschichte, die sich, wie Regisseur Pablo Trapero versichert, in den Jahren 1983-85 auf dem holprigen Weg der Transformation Argentiniens zur Demokratie tatsächlich zutrug. Er verwendete für seinen Film die Akten und Zeugenaussagen des Gerichtsprozesses gegen den Puccio-Clan. Darüber spricht der Regisseur auch in einem Interview mit der SZ, das man jedoch, wenn man Spoiler vermeiden will, erst nach dem Kinobesuch lesen sollte.

Für die beiden Hauptrollen fand Trapero glänzende Besetzungen: Guillermo Francella spielt den Patriarchen als ehrenwerten Mann mit bürgerlichen Umgangsformen und eiskalt-stahlblauen Augen. Peter Lanzani verkörpert den Sohn mit unschuldigem Dackelblick und Wuschelkopf.

Die Geschichte ist nicht als klassischer Thriller erzählt. Um den Aufbau von Spannung geht es nur in zweiter Linie. „El Clan“ lohnt sich vor allem als Studie einer von Diktaturerfahrungen traumatisierten Gesellschaft mitten im Umbruch. Ästhetisch lässt sich der Film keinem Genre zuordnen. Er nimmt natürlich Anleihen beim Thriller, aber auch beim Melodram, beim Film Noir und experimentiert mit Popsongs aus den 80ern, die einigen Szenen unterlegt sind. Dieser Stil-Mix ist eine kleine Schwäche des Films. Vermutlich hätte Pedro Almodóvar, der den Film co-produzierte, aus diesem Stoff noch mehr herausholen können, als der international noch recht unbekannte argentinische Regisseur Trapero.

Dennoch ist allein der Plot schon so interessant, dass sich ein Kino-Besuch lohnt. In Argentinien wurde dieser Film zum Kassen-Hit, die Jury der Filmfestspiele von Venedig zeichnete ihn im September 2015 mit einem Silbernen Löwen aus. Seit 3. März 2016 läuft der Film in den deutschen Kinos.

Webseite und Trailer

Zeitreise in die 90er: „Werther!“-Solo von Philipp Hochmair

Die Schulklassen, die gestern scharenweise zum „Werther!“-Gastspiel ans Berliner Ensemble geschleppt wurden, sind bedauernswert. Welchen Eindruck nehmen sie vom Theater nach Hause?

Ein manieriert gesprochener Monolog mit dem Reclam-Heftchen, das sie schon aus dem Unterricht kennen, als Bühnen-Hintergrund; der zweite Teil verliert sich in postdramatischen Mätzchen der einfallslosesten Art.

Als Regisseur Nicolas Stemann den Abend mit dem Schauspieler Philipp Hochmair im Jahr 1997 erarbeitete, mögen die Live-Video-Experimente, die hier recht tapsig eingesetzt werden, gerade eine spannende Innovation gewesen sein. Aber die Altherren-Humor-Zoten wirkten bestimmt auch damals nur peinlich. Die vorderen Reihen mit Salatblättern zu bewerfen, ist kein besonders aufregender oder auch nur ansatzweise gelungener Einfall. Außerdem ist der Sitznachbarin zuzustimmen, die sich über den sehr stark in den Saal wabernden Gestank beschwerte, als Hochmair und Stemann vermutlich keine anderen Gags mehr einfielen und der Schauspieler eine ausführliche Zigarettenpause einlegte.

Der Abend ist zu keinem Zeitpunkt packend, die missglückte Zeitreise in die 90er ist zum Gruseln. Die flauen Witzchen über die Herren Beil, Brandauer und Peymann, denen Hochmair im Mittelteil für die Einladung nach Berlin dankt, gehören angesichts der Tiefpunkte des Abends schon zu den erträglicheren Momenten.

Das einzig Lohnenswerte an diesem Ausflug in die 90er ist, dass mal wieder „Perfect Day“ von Lou Reed aus „Trainspotting“ zu hören war.

Trailer zu „Werther!“

Die Entzauberung der Birgitte Nyborg: Nicolas Stemann macht sich über die Polit-Serie „Borgen“ her

Birgitte Nyborg kann einem schon manchmal auf den Keks gehen: die „Borgen“-Hauptfigur bekommt von den Machern der dänischen Politserie (Adam Price als Hauptautor und den Co-Autoren Jeppe Gjervig Gram und Tobias Lindholm) oft Redetexte in den Mund gelegt, die zu sehr nach schöner, heiler Sprechblasen-Welt klingen. Mit einer Prise zu viel Pathos vorgetragen und so gestanzt, dass Nyborg nicht wie die Regierungschefin eines EU-Landes, sondern wie eine Prinzessin aus dem Märchenreich wirkt.

Daran störte sich auch der Regisseur Nicolas Stemann, der vor der Premiere seiner Theater-Adaption an der Berliner Schaubühne, im Interview mit der Freitags-Redakteurin Christine Käppeler sagte: „Ich misstraue der Nyborg.“

Er hat sich gemeinsam mit seinem Dramaturgen Bernd Stegemann und seinem Ensemble vorgenommen, den „Wohlfühlserienfilter“ wegzunehmen und die heilige Birgitte von Christiansborg zu entzaubern. Stefanie Eidt (als Birgitte Nyborg), Tilman Strauß (als Spindoktor Kasper Juul), Regine Zimmermann (als Journalistin Katrine Fønsmark) und Sebastian Rudolph (als Nyborgs Mann Phillip Christensen) finden sich an einem langen Tisch voller Apparate und Kabelsalat wieder, der an eine chaotisch organisierte TV-Redaktion erinnert.

Für ihre fast vierstündige Vorstellung, die von zwei Pausen unterbrochen wird, picken sie sich markante Szenen aus den mittlerweile 30 Folgen der drei TV-Staffeln heraus. Diese werden mit aufgeklebten Bärten, schiefen Perücken und vom Teleprompter abgelesenen Dialogen karikiert. Ist die Szene durchgespielt, folgt entweder ein Lied im Stil von Bert Brecht, das die Handlung zusammenfasst, oder die beiden altklugen Kinder von Birgitte Nyborg referieren über soziale Ungleichheit und die Schattenseiten der Globalisierung. An diesen Stellen entfernt sich der Abend am weitesten von seiner Vorlage. Meist wird aber gleich im Schnelldurchlauf vorgespult. Besucher, die das dänische Original bisher nicht kannten, könnten angesichts der vielen Namen und Nebenrollen, die das Ensemble unter sich aufteilt, den Überblick verlieren.

Diese kabarettistische Herangehensweise an „Borgen“ läuft Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Der bekennende Polit-Serien-Fan Jürgen Trittin hat in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur zurecht beklagt: „Das Plakative gewinnt, es verliert sozusagen die Differenzierung, der Zwischenton.“ Auch wenn Birgitte Nyborg manchmal nervt, ist „Borgen“ nicht umsonst ein Exportschlager und Qualitätsfernsehen. Die Serie malt nicht nur Schwarz-Weiß, sondern verhandelt in Grautönen das Aushandeln politischer Kompromisse bei Regierungsbildungen und im Tagesgeschäft. „Borgen“ lotet die Handlungsspielräume von Minderheitsregierungen aus, beleuchtet das schwierige Verhältnis gegenseitiger Instrumentalisierung von Politik und Boulevard-Medien und die Auswüchse von Spin-Doktoren und Lobbyismus. All das kommt an diesem langen Abend deutlich zu kurz. Stemann macht es sich mit seiner pauschalen Ablehnung der Serie zu einfach.

Mich hat an diesem Theaterprojekt vor allem ein Aspekt interessiert, den Stemann nur anreißt: wie im Rückspiegel erkennen wir in den Dialogen der 1. Staffel, die in Dänemark schon vor sechs Jahren ausgestrahlt wurde, ein erstaunliches Abbild unserer gegenwärtigen politischen Diskussion. Auf der einen Seite das Erstarken einer rechtspopulistischen Partei, die mit ihren Parolen die politische Mitte vor sich hertreibt. Sie fordern die Schließung der Grenzen, mehr Abschreckung und die Verschärfung des Asylrechts. Auf der anderen Seite eine Regierungschefin, die für Willkommenskultur eintritt. Stemann greift diese, wie er im Interview mit dem Freitag selbst sagte, „frappierenden“ Parallelen zwar auf, belässt es aber bei einigen eingestreuten „Wir schaffen das!“-Zitaten und einem Räsonieren über das ökonomische Kalkül hinter einer liberalen Einwanderungspolitik.

Als die Serie 2010 in Dänemark erstmals ausgestrahlt wurde, waren die Flüchtlinge hierzulande noch ein Thema für eine Minderheit um Pro Asyl und Claudia Roth. Auf unserer „Insel der Seligen“ vertrauten wir darauf, dass uns das Dublin-Abkommen die Not der Flüchtlinge vom Leib halte. Erst als sich die Bilder von Ertrinkenden vor Lampedusa häuften, wurde die deutsche Öffentlichkeit wachgerüttelt. Nicolas Stemann leistete dazu mit seiner sehenswerteren Inszenierung „Die Schutzbefohlenen“ seinen Beitrag. Die schrillen Töne von rechts, über die viele in den vergangenen Monaten erschrocken sind und die an der Schaubühne in Falk Richters „Fear“ thematisiert werden, waren in Dänemark und vielen anderen EU-Staaten schon damals in den Parlamenten vertreten. Die Dänische Volkspartei unterstützte zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung von „Borgen“ bereits seit mehreren Jahren eine liberal-konservative Minderheitsregierung und fuhr stabile Wahlergebnisse von 12-14 % ein. Verhältnisse, von denen wir uns damals weit entfernt wähnten… Mittlerweile ist die rechtspopulistische Volkspartei mit 37 Parlamentssitzen und 21,1 % der Stimmen zur zweitstärksten politischen Partei in Dänemark aufgestiegen.

Es wäre interessant gewesen, diese Zusammenhänge noch stärker zu beleuchten, anstatt sich in einer kabarettistischen Nacherzählung des Serienstoffs zu verzetteln. Außer einer entzauberten Birgitte Nyborg bleibt wenig von diesem Schaubühnen-Abend.

Wenn die heilige Birgitte von Christiansborg mal wieder nervt, gibt es aber noch zwei andere bewährte Gegenmittel: Entweder man legt ein paar Folgen „House of Cards“ mit Kevin Spacey als diabolischem Strippenzieher ein. Diese Serie wird etwa zur Hälfte von Stemanns Inszenierung, als es um Guantánamo-Häftlinge und einen US-Staatsbesuch geht, auch kurz zitiert. Oder man sieht sich die Birgitte-Darstellerin Sidse Babett Knudsen in „Duke of Burgundy“ an, wo sie von Peter Strickland ganz entgegen den mit ihrer „Borgen“-Rolle verknüpften Erwartungen besetzt wurde.

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Kaum Funkenflug auf dem „Feuerschiff“ im Deutschen Theater

An einigen Stellen blitzt das Potenzial der vier Schauspieler auf dem „Feuerschiff“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters auf.

Als sich Owen Peter Read (in der Doppelrolle als Eugen/Edgar) ganz in unschuldigem Weiß im Schlepptau von Hans Löw (Dr. Caspary) breitmacht, liegt eine Atmosphäre wie in „Funny Games“ in der Luft. Für kurze Momente treten die Eindringlinge so schnöselig auf wie bei Haneke, als sie ihre Opfer in die Enge treiben. Aber John von Düffels „skelettierte“ Fassung der Erzählung von Siegfried Lenz ist Thesentheater statt Psychothriller.

Auch bei der Konfrontation zwischen Fred (Timo Weisschnur) und seinem Vater, dem Kapitän Freytag (Ulrich Matthes), könnten die Funken fliegen. Die Textvorlage lässt ihnen aber zu wenig Raum zur Entfaltung. Ulrich Matthes muss die „Ordnung“ so oft beschwören, bis seine Figur zur Verkörperung eines Prinzips wird, aber nicht mehr wie ein Mensch aus Fleisch und Blut wirkt. Eine Energie, die diesem Abend gut tun würde, ist auch unter der Oberfläche spürbar, als Fred von den Gangstern provoziert wird. Sie darf sich aber nicht entladen.

Nach nur knapp einer Stunde endet der Abend ziemlich abrupt. Das Publikum bleibt mit dem Gefühl zurück, dass der Vater-Sohn-Konflikt über die Frage, ob zurückhaltendes Abwarten oder Gegengewalt die richtige Antwort auf einen Übergriff ist, nicht auserzählt ist. Auch zwischen Freytag (Matthes), dem bedingungslosen Verfechter von Ordnung und Status quo, und dem Desperado Dr. Caspary (Löw), der zwischen Raucherpausen seine von Sartres Existentialismus inspirierte Thesen vorträgt, entwickelte sich nicht das erhoffte packende Duell, in dem um Prinzipien gerungen wird.

Der Premierenabend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters endete zwar mit freundlichem Applaus für Regisseur Josua Rösing und seine Schauspieler, der Funke wollte aber nicht überspringen.

Trailer und weitere Termine, alle Vorstellungen im März sind bereits ausverkauft

„Traumboy“: Daniel Hellmann plaudert aus dem Alltag eines Sexarbeiters

Der Schweizer Daniel Hellmann beginnt seine „Traumboy“-Performance zu Frl. Menkes Neue Deutsche Welle-Ohrwurm mit einer Runde auf seiner Schaukel.

Dann wendet er sich dem Publikum zu: Viele Freunde und Bekannte seien heute im Publikum. Deshalb sei er diesmal vor seinem Solo-Abend „Traumboy“, der im Juni 2015 in Zürich Premiere hatte und beim „My Body is my Business“-Festival in den Sophiensaelen zu Gast war, besonders nervös. Er berichtet darin über seine Arbeit als Escort.

Er lädt die Zuschauer ein, ihn per SMS alles zu fragen, was sie schon immer über Sexarbeit wissen wollten. Um das Eis zu brechen, plaudert er erst mal los. Mit 23 habe er seinen ersten Kunden empfangen. Ein ganz furchtbares Erlebnis sei das gewesen. Augen zu und durch, danach habe er sich aber mit einem neuen Paar Schuhe belohnen müssen. Betretenes Schweigen im Saal. Nach kurzer Pause grinst Hellmann: Haben Sie das jetzt wirklich geglaubt? Nein, das erste Mal sei ganz entspannt gewesen. Seine Kunden seien häufig Familienväter mit Ehering, einer habe sogar den Kinderwagen zum Date mitgebracht. Viele seien schüchtern. Seine wichtigste Aufgabe sei es, ihnen die Scheu zu nehmen.

Während der 90 Minuten lässt Hellmann in der Schwebe, ob er tatsächlich neben seinen Auftritten als Schauspieler und Tänzer sein Geld mit Sexarbeit verdient. Die Fragen aus dem Publikum prasseln mittlerweile herein: Ob er schon mal ein Date abbrechen musste? Ob er sich schon mal in einen Kunden verliebt habe oder dies umgekehrt passiert sei? Ob es schon mal Streit um das vereinbarte Honorar gab? Ob er denn auch schlucke?

Eloquent und meist differenziert antwortet Hellmann darauf. Im Zentrum des Abends stehen die privaten Konsequenzen für einen Escort: anfangs habe er heimlich gearbeitet und Legenden erfunden, wie er zu Geld gekommen sei. Jetzt wisse jeder Bescheid, aber sein Vater habe es empört abgelehnt, zur Premiere zu kommen und auch eine enge Freundin der Familie, die seine Mentorin in der Theaterwelt gewesen sei, habe überhaupt nicht mit seiner Sexarbeit umgehen können.

Die politischen Rahmenbedingungen wie z.B. das neue Prostitutionsschutzgesetz werden nur gestreift. Hellmann berichtet aus der privilegierten Position eines Akademikers, der noch ein zweites berufliches Standbein hat und die Treffen auf Online-Plattformen anbahnt. Andere Aspekte der Sexarbeit, die im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte stehen, wie Zwangsprostitution migrantischer Frauen und der Straßenstrich, spielen an diesem „Traumboy“-Abend keine Rolle.

Im letzten Drittel des Abends dreht Hellmann den Spieß um und pickt Leute aus dem Publikum heraus: Könnten Sie sich vorstellen, Escorts zu bezahlen oder selbst Sexarbeit zu leisten? Haben Sie schon mal versucht, mit Sex eine Beziehung zu retten? Bevor Hellmann im Bühnenhintergrund verschwindet, reicht er das Mikrofon ins Publikum: im Karaoke-Stil werden Einträge aus seinem Gästebuch vorgelesen, die sich für das tolle Date bedanken und von seinen körperlichen Vorzügen schwärmen.

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