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Jelineks/Stemanns „Die Schutzbefohlenen“: Pöseldorf und der Flüchtlings-Klagechor

Wenn Elfriede Jelinek eine neue Textfläche vorlegt, holt sie in ihrer Wut oft zu einem Rundumschlag aus. Glücklicherweise trifft dies bei Die Schutzbefohlenen, Nicolas Stemanns Uraufführung ihrer Flüchtlings-Klage, nicht zu: statt verbaler Sperrfeuer und assoziativer Sprünge legt dieser Abend zielsicher an und trifft den Kern. Mit gewohnter Jelinekscher Schärfe rechnet die Eröffnungs-Inszenierung des Theatertreffens 2015 mit der europäischen Flüchtlingspolitik ab.

Während das Publikum langsam Platz nimmt, werden auf der Bühne Videos von Flüchtlingen eingespielt, die von Folter, Verfolgung und dramatischer Flucht berichten. In kleinen Gruppen stehen außerdem Refugees der Gruppe „Lampedusa in Hamburg“ oder dem Berliner Oranienplatz auch ganz real und analog auf der Bühne zusammen. Als das Saallicht ausgeht, formieren sie sich zu einem wütenden Chor: We are here. We fight for our right. Freedom to move everywhere!

Sie werden aber sofort in den Hintergrund gedrängt und sind über weite Strecken des Abends nur noch schemenheft am Bühnenrand wahrzunehmen: drei Ensemble-Mitglieder des Hamburger Thalia-Theaters (Daniel Lommatzsch, Felix Knopp, Sebastian Rudolph) reißen das Ruder an sich und stehen allein auf der Bühne. Von Zetteln lesen sie die Forderungen und Erfahrungsberichte aus den Mühlen der Asyl-Bürokratie ab. In den folgenden knapp zwei Stunden versuchen die Flüchtlinge, sich den Raum und die Deutungshoheit von den professionellen Schauspielern zurückzuerobern. Mit Jelinek-typischen Wortspielen, einer Kette von Missverständissen, einer Mischung aus gelungenen Pointen und Slapstick verhandelt der Abend die Frage, wie die Mehrheitsgesellschaft auf die schutzsuchenden Flüchtlinge reagiert und wie sie reagieren sollte: „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch ja spielen.“

Der satirische Biss nimmt immer dann zu, wenn sich Jelinek/Stemann auf einen konkreten Ausschnitt dieses größeren Panoramas konzentrieren: auf die Sprechblasen politischer Info-Broschüren für die ankommenden Flüchtlinge oder die Scheinheiligkeit der katholischen Kirche, an der sich Jelinek mit österreichischem Blick abarbeitet. Besonders gallig fällt die Abrechnung mit dem gutsituierten Hamburger Stadtteil Pöseldorf aus, wo betuchte Gattinnen vor laufenden NDR-Kameras ihre Ablehnung der Flüchtlinge mit scheinbar gut gemeinten Floskeln zu begründen versuchten und sich nach allen Regeln der Kunst blamierten. Ihre Statements werden von einem Chor um die wieder einmal wunderbare Barbara Nüsse vorgetragen. Aber wie nah Pöseldorf sein kann, zeigt die Aktualisierung des Stücks fürs Theatertreffen: wenige Kilometer vom Haus der Berliner Festspiele in Wilmersdorf entfernt mobilisierte vor einigen Monaten im Berliner Westend eine Bürgerinitiative, die nach Pöseldorfer Vorbild die Unterbringung von Flüchtlingen in ihrem Stadtviertel mit Protesten und Gerichtsverfahren verhindern wollte.

Die Schutzbefohlenen ist ein Abend, der seine Wut über die Lage der Flüchtlinge und seine scharfe Anklage dieser Zustände in gefällige Melodien und bitterböse Texte verpackt: Komm mit, auf unser Wertefundament!, werden die Flüchtlinge aufgefordert. Am liebsten hält man sie sich aber doch auf Distanz, nach dem nächsten Schiffsunglück vor Lampedusa gibt es für die ertrunkenen Kinder dann ein Bärli auf dem Sarg, wie Schauspieler und Flüchtlinge kurz vor Schluss gemeinsam singen.

Jelineks/Stemanns Flüchtlings-Klagechor ist bemerkenswertes, politisches Theater. Als sie die Arbeit an diesem Stoff begannen, gärte das Problem bereits, aber meist nur als kleine Meldung in der Tagesschau oder auf den hinteren Zeitungsseiten. Nach den Protesten von Pegida, brennenden Unterkünften und den sich häufenden Bildern ertrinkender Flüchtlinge im Mittelmeer ist das Thema ganz oben auf der politischen Agenda angekommen. Ein Brennpunkt nach dem nächsten, ein Gipfel nach dem anderen, keine Lösung in Sicht. Die Schutzbefohlenen werden ihre Brisanz wohl noch lange nicht verlieren, Nicolas Stemann und sein Team sollten sich auf weitere Aktualisierungen des Abends einstellen.

Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek. – Regie und Bühne: Nicolas Stemann. – Kostüme: Kathrin Wolfermann. – Musik: Daniel Regenberg und Nicolas Stemann. – Video: Claudia Lehmann. – Dramaturgie: Stefanie Carp.
Mit: Thelma Buabeng, Ernest Allan Hausmann, Felix Knopp, Isaac Lokolong, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Dennis Roberts, Sebastian Rudolph und einem Flüchtlingschor. – Uraufführung am 23. Mai 2014 bei Theater der Welt in Mannheim, seit 12. September 2014 im Repertoire des Thalia Theater Hamburg. – Eröffnung des Berliner Theatertreffens 2015 am 1. und 2. Mai 2015.