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„Ödipus der Tyrann“: Castellucci und Hölderlin über das Scheitern der Kommunikation

„Es ist nötig, mit den dunklen Energien in Verbindung zu treten, die sich nicht vom Licht erhellen lassen.“ Düstere, raunende Sätze wie dieser finden sich reihenweise in dem Interview, das Regisseur Romeo Castellucci mit seinem Dramaturgie-Team Florian Borchmeyer und Piersandra di Matteo für das Programmheft zu Ödipus der Tyrann geführt hat. „Das sind unbezwingbare Kräfte. Deswegen muss man das Gebiet des Illustrativen und des psychologischen Dramas komplett verlassen.“

Nach dieser programmatischen Vorrede ist es nicht überraschend, dass er das Publikum mit einem „hermetischen“ und „statuarischen“ Abend, so die beiden meistgebrauchten Adjektive in den Besprechungen zu Castelluccis dritter Hölderlin-Arbeit, konfrontiert. Der Beginn wirkt ähnlich kontemplativ wie Philipp Grönings Dokumentarfilm Die große Stille. Auf nur fahl ausgeleuchteter Bühne vollzieht sich der Alltag eines Nonnenklosters zwischen Gesang und Gebet, Weihrauch, Mahlzeiten und Pflege einer todkranken Schwester. Die Stoßseufzer á la „Oh Mann“ und „Ach je“ häufen sich in den Zuschauerreihen.

Nach einer halben Stunde bricht ein Fremdkörper in die Enge des Klosterlebens ein: Gast-Star Angela Winkler findet unter einem Bett Hölderlins Übersetzung des Ödipus von Sophokles. Die Bühne öffnet sich zu einer lichtdurchfluteten Kultstätte, Ursina Lardi (Ödipus) und Jule Böwe (Kreon) sprechen in den folgenden Szenen die Verse aus Hölderlins kryptisch-dunkler Nachdichtung, die nicht nur wegen ihrer Übersetzungsfehler umstritten ist (mehr dazu in einem Aufsatz von Jochen Schmidt im Programmheft). Dieser radikale Bruch ist ein zentraler Teil von Castelluccis verkopftem Konzept: „Der Körper und der Antikörper befinden sich am selben Ort. Den Oedipus-Text in ein Kloster zu verlegen, ist ein Weg, auf dem Tiger des Widerspuchs zu reiten, das optische Instrument zu wechseln, mit dem man auf das Objekt blickt. Die Bilder durch die Bilder zu überspringen.“ Durch die Überblendung von antiker Mythologie und christlich-katholischer Ikonographie entstehe ein „doppelter Code, der sich ständig spiegelt“, führt Castellucci in dem eingangs erwähnten Interview aus.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf, im Publikum weitere Seufzer und ratlose Blicke, auf der Bühne wird ein Video des Regisseurs eingespielt, der sich mit einem Spray selbst die Augen verletzt, zum Spiegel wankt und die Hilfe eines Sanitäters braucht – eine offensichtliche Anspielung auf Ödipus, der sich die Augen aussticht. Bevor sich der Vorhang senkt, erleben wir amorphe, adipöse Körper. Castellucci erklärt dazu: Sie sind „Massen ohne Mund, haben nur Öffnungen zur Ausscheidung, und dennoch bemühen sie sich, die Worte zu artikulieren. Doch was sie von sich geben, scheinen bloße Darmgeräusche zu sein. Durch sie nimmt eine Rückkehr zum Unbestimmten Gestalt an, schrecklich und sehnsuchtsvoll zugleich.“ Sie sollen „auf den strukturellen Kollaps der Tragödie, des Logos“ verweisen.

Die Reaktionen blieben nach der zweiten Aufführung am Samstag verhalten: viele regungslose Gesichter und Hände, als die Schauspielerinnen zum Schlussapplaus kamen.

Ödipus der Tyrann nach Sophokles/Friedrich Hölderlin. – Regie: Romeo Castellucci. – Ca. 2 Stunden ohne Pause. – Premiere an der Schaubühne: 6. März 2015