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Spaghetti-Schlacht und Mittelschichts-Neurosen: „Stück Plastik“ an der Schaubühne

Ein deutlicher Kontrast zum Abschluss des F.I.N.D.-Festivals: einerseits das chilenische Turbo-Brachialtheater, das trotz aller Schwächen in seiner geballten Wut authentisch wirkte; die Gruppe La Re-sentida schoss in ihrer Lust an der Provokation oft übers Ziel hinaus, hatte aber noch ein Anliegen, das zur Auseinandersetzung herausfordert; andererseits Stück Plastik, das der Autor Marius von Mayenburg auch selbst inszenierte: hier werden mehr als zwei Stunden die Neurosen der Mittelschicht breitgetreten. Zwischendurch gibt es eine Spaghetti-Schlacht oder beschmierte Wände. Die Vorbilder, die beim Schreiben und Einstudieren dieses neuen Stücks vermutlich Pate standen sind in der Nachtkritik von Simone Kaempf angesprochen: Edward Albee und Yasmina Reza. Vom funkelnden Wortwirtz und der klaren psychologischen Konturierung der Figuren, die Wer hat Angst vor Virginia Woolf? oder Der Gott des Gemetzels zu herausragenden Theater- und Kinoerlebnissen machen, ist dieses Stück Plastik weit entfernt.

Jenny König ist als Haushaltshilfe von überspannten Leuten umgeben. Das Beste an ihren beeindruckenden Gesangseinlagen: dann ist endlich für kurze Zeit Ruhe mit den Problemchen der Familie: dem Arzt, der sich doch nicht traut, das Angebot der Ärzte ohne Grenzen anzunehmen, seiner Gattin, die sich als persönliche Assistentin eines tyrannischen Hipster-Künstlers (Sebastian Schwarz im Schottenrock), und dem pubertierenden Sohn, der sich am liebsten die Nägel lackieren und die Kleider der Mutter anziehen möchte.

Wie einfallslos das Ganze daherkommt, zeigt allein schon, dass auch das beliebte Prenzlauer Berg-Bashing nicht fehlen darf. Der Container des Roten Kreuzes, in dem die Dame des Hauses (Marie Burchard) ihre zu engen Kleider abgeben möchgte, steht – herzlich willkommen in der Klischeefalle! – Knaackstraße/Ecke Wörther Straße. Stück Plastik lässt sich am Sonntag Nachmittag gut wegkonsumieren. Wie Simone Kampf so treffend schrieb: „Bei aller Rumsauerei bleibt der Abend Hochglanztheater, das mit gutaussehenden Oberflächen protzt, aber es nicht unter die Haut schafft.“

Stück Plastik von Marius von Mayenburg. – Uraufführung. – Regie: Marius von Mayenburg. – Bühne und Kostüme: Nina Wetzel. – Musik: Matthias Grübel. – Video: Sébastien Dupouey. – Dramaturgie: Maja Zade. – Licht: Erich Schneider. – Mit: Marie Burchard, Robert Beyer, Laurenz Laufenberg, Sebastian Schwarz, Jenny König. – 2 Stunden 15 Minuten ohne Pause

Studie über Macht und Gewalt: die Lars-Eidinger-Show „Richard III.“

Eine starke erste Szene: Thomas Ostermeier lässt den Hofstaat eine wilde Party feiern. Schöne Menschen lachen, trinken und flirten zur Musik des Schlagzeugers Thomas Witte. Nur einer fühlt sich ausgestoßen: Als buckliger Fremdkörper schiebt sich Lars Eidinger in der Titelrolle als Richard III. durch das Getümmel: er wird demonstrativ ignoriert und fühlt sich gekränkt. Schließlich haben es das Herrscherhaus und die feierwütigen Hofschranzen vor allem seinen Intrigen zu verdanken, dass Rivalen ausgeschaltet wurden und sie das Leben und die Macht genießen können.

Lars Eidinger hinkt in die Mitte des im Stil der Shakespeare-Zeit neu geschaffenen Globe in der Apsis der Berliner Schaubühne. Er schnappt sich das von der Decke baumelnde Mikro und sinnt auf Rache: „Von der Natur um Bildung falsch betrogen, entstellt, verwahrlost, (…) bin ich gewillt ein Bösewicht zu werden“. In den restlichen zweieinhalb Stunden ist Lars Eidinger das unumstrittene Zentrum des Abends.

Schon in Shakespeares Dramen-Text ist es angelegt, dass alle anderen von Richard nur als Schachfiguren benutzt werden. Potentielle Rivalen lässt er eiskalt beseitigen, Frauen sind nur Trophäen und mit seinen Mitstreitern schließt er Zweckbündnisse, bis auch ihre Köpfe rollen. Hervorragende Mitglieder des Schaubühnen-Ensembles wie Moritz Gottwald (als Birmingham) oder Eva Meckbach (als Elizabeth) bleiben in ihren Nebenrollen geradezu zwangsläufig blasser als wir es von ihnen gewohnt sind.

Der Star des Abends ist also Lars Eidinger, das Aushängeschild der Bühne am Kudamm. In einigen Kritiken wurde ihm vorgerworfen, dass seiner Interpretation des Richard die Tiefe fehlt und er nur eine Show abzieht. Irene Bazinger warf ihm in der FAZ vor, dass sich seine Performance in „zirzensischem Brimborium, fataler Gedankenleere und effekthascherischer Aufgeblasenheit“ erschöpft. Zugegeben: er zieht sich ebenso wie Christoph Gawenda – man möchte fast schreiben – selbstverständlich wieder aus, als er am Sarg ihres ermordeten Mannes um Lady Anne (Jenny König) wirbt. Ja, er spielt wieder sehr körperbetont, vor allem bei seinem Fecht-Solo am Ende, bevor er – wie in einer Einar Schleef-Inszenierung – kopfüber von dem Haken baumelt, an dem bisher das Mikro befestigt war. Und ja, er liefert eine Rap-Einlage, die eher in die Kategorie Kabinettstücken als dramaturgisch stimmig fällt. Es mag auch sein, dass Eidinger den Richard anders anlegt als Gert Voss mit „aasigem Charme“ in Peymanns Inszenierung am Wiener Burgtheater oder Kevin Spacey als „Bluthund, als Reiß- und Leitwolf“ am Old Vic in London, wie Peter von Becker im Tagesspiegel anmerkte.

Dennoch finde ich diesen Auftritt von Lars Eidinger als Richard III. gelungen: Wie er seine willigen Helfer kalt lächelnd abserviert, sobald sie ihm nicht mehr nützlich sind; wie er sich als frommer, demütiger Gottesmann gibt, der sich sehr lange bitten lässt, bis er den Thron und die Krone übernimmt; wie er das Publikum in seinen Monologen an seinen Plänen und Gedanken teilhaben lässt: das ist schauspielerisch überzeugend und dicht inszeniert, so dass auch pausenlose 150 Minuten nicht langatmig wirken.

Vor allem wird aber an Ostermeiers und Eidingers Richard III. deutlich, was Jan Philipp Reemtsma in seiner sozialwissenschaftlichen Studie Vertrauen und Gewalt (2008) an diesem Stoff faszinierte: Die Hauptfigur versteht es perfekt, mit geschickten Intrigen, klugen ad-hoc-Bündnissen und kaltschnäuziger Brutalität nach der Macht zu greifen. Aber er scheitert daran, stabile Bündnisse zu schliessen, um seine Macht dauerhaft zu legitimieren und abzusichern.

Shakespeares Richard III. ist neben Macchiavellis Der Fürst eine der wichtigen Studien über das Verhältnis von Macht und Gewalt aus der Ära, als die Fundamente der modernen Staatlichkeit gelegt und ihre Prinzipien ausgehandelt wurden. Nach Marius von Mayenburgs Übersetzung gelang Ostermeier eine überzeugende Inszenierung, die aus meiner Sicht zu den stärkeren Abenden dieser Spielzeit zählt.

Richard III. von William Shakepeare. – Regie: Thomas Ostermmeier. – Ca. 2 Stunden 30 Minuten. – Premiere an der Schaubühne: 7. Februar 2015