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Rieselnder Staub und im Zentrum ein frustrierter Misanthrop: Peymanns „Die Macht der Gewohnheit“ am Berliner Ensemble

Als Running Gag rieselt der Staub aus allen Ecken und Ritzen: wenn die Schauspieler ihre Forellen-Quintett-Noten umblättern oder fallen lassen, wenn sie auf der Suche nach dem Kolophonium unter die Möbel kriechen, wenn sie mal wieder ihr resigniertes „Morgen Augsburg!“ seufzen. Damit sind auch schon drei andere Leitmotive aus Thomas Bernhards Tragikomödie Die Macht der Gewohnheit genannt, die dem Publikum bis zum Überdruss an den Kopf geworfen werden. Ein Zuschauer brachte die Redundanz als zentrales Prinzip dieses Stückes zur Pause so auf den Punkt: Wenn sich der Text nicht ständig wiederholen würde, wären sie nach einer Viertelstunde fertig.

Thomas Bernhards Text und Claus Peymanns Regie machen es den Schauspielern und dem Publikum auch noch aus anderen Gründen schwer: die meisten Figuren sind nicht mal mehr Karikaturen, sondern nur noch Knallchargen. Darunter haben vor allem Peter Luppa in der Rolle des „Spaßmachers“ und Karla Sengteller als Enkelin des Zirkusdirektors zu leiden. Der eine ist ständig Opfer flacher Späße, die sich um seine Körpergröße von 1,38 m drehen; die andere bekam eine Frisur verpasst, die auch dem Beobachter in der letzten Reihe auf den ersten Blick signalisieren soll: ich bin ein naives, blondes Mädchen und muss auf Anweisung meines Großvaters alberne Aufwärm-Übungen und Verrenkungen machen.

Die einzige Figur in Macht der Gewohnheit mit einem Rest an Würde, mit Ecken und Kanten ist der misanthropische Zirkusdirektor Caribaldi. Mit der Besetzung dieser Titelrolle steht und fällt jede Aufführung dieses Stücks. Peymann und sein Berliner Ensemble haben das Glück, den 82jährigen Jürgen Holtz in ihren Reihen zu haben. Wie er die knapp zweieinhalb Stunden quasi im Alleingang stemmt, ist trotz einiger, mit Hilfe der Souffleuse gemeisterter Texthänger, bemerkenswert.

Caribaldis Ekel vor der „Lechkloake“ und Brecht-Geburtsstadt Augsburg und seine Verzweiflung über seine völlig unbegabten Mitstreiter, denen er vorwirft, seine Proben von Schuberts Forellen-Quintett zu sabotieren, bilden den Kern dieses Abends. Der wutschäumende Misanthrop verstrickt sich mit seinem despotischen Drill, mit dem er die Knallchargen an seiner Seite durch immer neue Wiederholungen quält, in seinem Hamsterrad. Und läuft dabei doch nur vor der längst überfälligen Erkenntnis davon, dass seine Versuche, sein großes Ziel zu erreichen, zum Scheitern verurteilt sind: er möchte dem Publikum statt der üblichen Zirkus-Nummern mit Clown und Kindern eine „perfekte“ Aufführung von Schuberts bieten, beschwört ständig Pablo Casals, kommt aber doch nicht über hilfloses Schrammeln hinaus.

Jürgen Holtz spielt diese Rolle virtuos, aber trotz seiner Energieleistung hat auch er Schwierigkeiten, das Publikums-Interesse über zweieinhalb Stunden aufrecht zu erhalten. Thomas Bernhards Text hat seit der Uraufführung vor etwas mehr als 40 Jahren ziemlich viel Staub angesetzt, der aus allen Ecken und Ritzen rieselt.

Die Macht der Gewohnheit. – Komödie von Thomas Bernhard. – Regie: Claus Peymann. – Mit: Jürgen Holtz (Caribaldi, Zirkusdirektor), Karla Sengteller (Enkelin), Norbert Stöß (Jongleur), Joachim Nimtz (Dompteur), Peter Luppa (Spaßmacher). – Premiere am Berliner Ensemble: 14. März 2015. – Ca. 2,5 Stunden mit Pause

„Kaspar“ am Berliner Ensemble: Sprachgewitter und Möbel-Chaos im Pavillon

Als Claus Peymann damals, im Mai 1968, bei der Uraufführung von Peter Handkes Kaspar Regie führte, verließen viele Zuschauer schon nach zehn Minuten das Frankfurter Theater am Turm, wie die ZEIT notierte. Die Rolle als Unruhestifter und Rebell pflegt er bis heute, wie er erst vor kurzem mit seinem wutschnaubenden Offenen Brief an die Berliner Kulturbürokratie unter Beweis stellte, den er wie im klassischen Drama vom Boten im Roten Rathaus abgeben ließ.

Die Wiederaufführung von Handkes Frühwerk im Pavillon seines Berliner Ensembles überließ der Intendant Peymann jedoch Sebastian Sommer. Diesmal ging auch niemand vorzeitig, aber die 90 Minuten waren nicht nur für den Hauptdarsteller Kaspar (Jörg Thieme), sondern auch für die Zuschauer anstrengend. Dafür sorgt der Chor aus sechs Einflüsterern, die sich unter das Publikum gemischt haben und hysterisch wie Jürgen Klopp in seinen schlechtesten Zeiten von der Seitenlinie auf den armen Kaspar in seinem chaotisch aufgetürmten Verhau aus Tischen und Stühlen einbrüllen.

In den 90 Minuten passiert wenig mehr als die schrittweise Wandlung des Hauptdarstellers vom naiven, überfordert Stammelnden im Unterhemd, der vergeblich nach Orientierung sucht und zunächst nur einen Satz beherrscht, zu einem akzeptierten, adrett gekleideten Mitglied der Gemeinschaft: Unter monotonen, an den Nerven zerrenden „Ordnen. Stellen. Legen. Setzen. Stellen. Ordnen. Legen. Setzen. Legen. Stellen. Ordnen. Setzen“-Befehlen sortiert er den Möbel-Berg zu einer ordentlichen Tafel, an der neben dem Schauspieler-Chor und der Souffleuse auch große Teile des Publikums Platz nehmen müssen.

Leider bleibt dieser Abend eine Fingerübung auf der Nebenspielstätte. In mehreren Kritiken wurde zurecht beklagt, dass nicht erkennbar ist, warum das BE dieses weithin vergessene Stück wieder auf die Bühne brachte. Es wäre spannender gewesen, den sprachgewitternden Text darauf abzuklopfen, was er uns heute, Jahrzehnte nach seiner Entstehung, noch sagen hat. Doch der Abend „kommt nicht so recht im Heute an“, wie Esther Slevogt in ihrer Nachtkritik monierte, so dass er der gesellschaftsdiagnostische Ertrag überschaubar bleibt, wie Christine Wahl im Tagesspiegel feststellte.

Kaspar von Peter Handke. – Regie: Sebastian Sommer. – Mit: Jörg Thieme, Claudia Burckhardt, Ursula Höpfner-Tabori, Boris Jacoby, Nadine Kiesewalter, Marko Schmidt, Thomas Wittmann. – Premiere im BE-Pavillon: 21. Februar 2015. – Ca. 90 Minuten ohne Pause