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„Blutsbrüder“: Ernst-Busch-Schauspielstudenten schlagen sich durch das Berlin der Weimarer Republik

Sebastian Klink bezeichnet sein neues Stück Blutsbrüder, das er – wie im vergangenen Jahr Titus Andronicus – mit Ernst Busch-Schauspielstudenten im 3. Stock der Volksbühne inszeniert, als Cliquenturbo nach Ernst Haffner. Dieser Name ist Programm: In hoher Schlagzahl tobt das Ensemble über die kleine, nur mit einem Baugerüst und einem alten Röhrenfernseher ausgestattete Bühne. Die jungen Männer (und wenigen Frauen) schreien ihre Verzweiflung heraus, sie schlagen sich ins Gesicht und mehr oder minder erfolgreich durchs Leben. Wenn sie nicht gerade qualmend in Kneipen herumhängen, versuchen sie, sich mit Schneeräumen, Schuhreparaturen oder als Stricher über Wasser zu halten.

Diese Tour de force ist örtlich und zeitlich sehr klar verortet: die Handlung spielt wie in der Romanvorlage im Scheunenviertel rund um die Volksbühne – abgesehen von kurzen Ausflügen in den Westen der Stadt (Tauentzien, Kudamm). Dieses Berlin in der Spätphase der Weimarer Republik ist eine „Vorhölle“. Gewalt, soziale Verwerfungen, Perspektivlosigkeit bilden den Nährboden für den Faschismus.

Die Studenten aus dem aktuellen Abschluss-Jahrgang spielen mit großem Einsatz, Gabriel Schneider ragt als einer der beiden Hauptdarsteller neben dem Volksbühnen-Ensemble-Mitglied Patrick Güldenberg heraus. Dennoch ist das Ergebnis nicht ganz überzeugend: zu sehr drängt sich der Eindruck auf, dass Klink dem Noch-Hausherrn Frank Castorf nacheifert. Eingespielte und zum Teil live auf der Bühne gedrehte Videos, eine Überlänge und eine „wilde Folge von Sauf-, Prügel-, Klau- und Sexszenen“, wie es das Neue Deutschland lakonisch zusammenfasst hinterlassen den schalen Eindruck, dies alles schon vielfach gesehen zu haben. Bei den Sexszenen bleibt Klink wesentlich dezenter als Castorf und auch mit einer Länge von 3,5 Stunden strapaziert er Schauspieler und Publikum nicht ganz so wie der Intendant in seiner thematisch ähnlichen, aktuellsten Inszenierung am Haus („Kaputt“).

So bleibt als Fazit ein trotz einiger Längen unterhaltsamer Abend, der „ganz hübsch“ anzusehen ist, dem aber Biss und Einfallsreichtum fehlen, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Blutsbrüder. – Cliquenturbo nach Ernst Haffner. In der Fassung von Thomas Martin. – Regie: Sebastian Klink. – Mit: Bärbel Bolle, Alexander Ebeert, Patrick Güldenberg, Franziska Hayner, Gabriel Schneider, Sebastian Schneider, Rouven Stöhr, Axel Wandtke und Isabel Thierauch. – Ca. 3 Stunden 30 Minuten mit Pause. – Premiere im 3. Stock der Volksbühne: 24. Januar 2015

Studie über Macht und Gewalt: die Lars-Eidinger-Show „Richard III.“

Eine starke erste Szene: Thomas Ostermeier lässt den Hofstaat eine wilde Party feiern. Schöne Menschen lachen, trinken und flirten zur Musik des Schlagzeugers Thomas Witte. Nur einer fühlt sich ausgestoßen: Als buckliger Fremdkörper schiebt sich Lars Eidinger in der Titelrolle als Richard III. durch das Getümmel: er wird demonstrativ ignoriert und fühlt sich gekränkt. Schließlich haben es das Herrscherhaus und die feierwütigen Hofschranzen vor allem seinen Intrigen zu verdanken, dass Rivalen ausgeschaltet wurden und sie das Leben und die Macht genießen können.

Lars Eidinger hinkt in die Mitte des im Stil der Shakespeare-Zeit neu geschaffenen Globe in der Apsis der Berliner Schaubühne. Er schnappt sich das von der Decke baumelnde Mikro und sinnt auf Rache: „Von der Natur um Bildung falsch betrogen, entstellt, verwahrlost, (…) bin ich gewillt ein Bösewicht zu werden“. In den restlichen zweieinhalb Stunden ist Lars Eidinger das unumstrittene Zentrum des Abends.

Schon in Shakespeares Dramen-Text ist es angelegt, dass alle anderen von Richard nur als Schachfiguren benutzt werden. Potentielle Rivalen lässt er eiskalt beseitigen, Frauen sind nur Trophäen und mit seinen Mitstreitern schließt er Zweckbündnisse, bis auch ihre Köpfe rollen. Hervorragende Mitglieder des Schaubühnen-Ensembles wie Moritz Gottwald (als Birmingham) oder Eva Meckbach (als Elizabeth) bleiben in ihren Nebenrollen geradezu zwangsläufig blasser als wir es von ihnen gewohnt sind.

Der Star des Abends ist also Lars Eidinger, das Aushängeschild der Bühne am Kudamm. In einigen Kritiken wurde ihm vorgerworfen, dass seiner Interpretation des Richard die Tiefe fehlt und er nur eine Show abzieht. Irene Bazinger warf ihm in der FAZ vor, dass sich seine Performance in „zirzensischem Brimborium, fataler Gedankenleere und effekthascherischer Aufgeblasenheit“ erschöpft. Zugegeben: er zieht sich ebenso wie Christoph Gawenda – man möchte fast schreiben – selbstverständlich wieder aus, als er am Sarg ihres ermordeten Mannes um Lady Anne (Jenny König) wirbt. Ja, er spielt wieder sehr körperbetont, vor allem bei seinem Fecht-Solo am Ende, bevor er – wie in einer Einar Schleef-Inszenierung – kopfüber von dem Haken baumelt, an dem bisher das Mikro befestigt war. Und ja, er liefert eine Rap-Einlage, die eher in die Kategorie Kabinettstücken als dramaturgisch stimmig fällt. Es mag auch sein, dass Eidinger den Richard anders anlegt als Gert Voss mit „aasigem Charme“ in Peymanns Inszenierung am Wiener Burgtheater oder Kevin Spacey als „Bluthund, als Reiß- und Leitwolf“ am Old Vic in London, wie Peter von Becker im Tagesspiegel anmerkte.

Dennoch finde ich diesen Auftritt von Lars Eidinger als Richard III. gelungen: Wie er seine willigen Helfer kalt lächelnd abserviert, sobald sie ihm nicht mehr nützlich sind; wie er sich als frommer, demütiger Gottesmann gibt, der sich sehr lange bitten lässt, bis er den Thron und die Krone übernimmt; wie er das Publikum in seinen Monologen an seinen Plänen und Gedanken teilhaben lässt: das ist schauspielerisch überzeugend und dicht inszeniert, so dass auch pausenlose 150 Minuten nicht langatmig wirken.

Vor allem wird aber an Ostermeiers und Eidingers Richard III. deutlich, was Jan Philipp Reemtsma in seiner sozialwissenschaftlichen Studie Vertrauen und Gewalt (2008) an diesem Stoff faszinierte: Die Hauptfigur versteht es perfekt, mit geschickten Intrigen, klugen ad-hoc-Bündnissen und kaltschnäuziger Brutalität nach der Macht zu greifen. Aber er scheitert daran, stabile Bündnisse zu schliessen, um seine Macht dauerhaft zu legitimieren und abzusichern.

Shakespeares Richard III. ist neben Macchiavellis Der Fürst eine der wichtigen Studien über das Verhältnis von Macht und Gewalt aus der Ära, als die Fundamente der modernen Staatlichkeit gelegt und ihre Prinzipien ausgehandelt wurden. Nach Marius von Mayenburgs Übersetzung gelang Ostermeier eine überzeugende Inszenierung, die aus meiner Sicht zu den stärkeren Abenden dieser Spielzeit zählt.

Richard III. von William Shakepeare. – Regie: Thomas Ostermmeier. – Ca. 2 Stunden 30 Minuten. – Premiere an der Schaubühne: 7. Februar 2015

Marianna Salzmanns „Wir Zöpfe“ am Gorki: schwächer als gewohnt

„Soll das jetzt ein Witz sein?“ – „Am besten gar nicht weiter darüber nachdenken.“

Dieser Dialog der Figuren beim weihnachtlichen Familientreffen fasst den Wir Zöpfe-Abend am Gorki sehr gut zusammen. Marianna Salzmann hat mit Muttersprache Mameloschn, das wegen großen Publikumsinteresses von der Box des Deutschen Theaters in die größeren Kammerspiele umzog, und mit Schwimmen lernen im Gorki Studio bewiesen, dass sie geistreiche und witzige Stücke zu aktuellen Themen schreiben kann.

Leider ist von diesem Talent bei ihrem neuen Text Wir Zöpfe, der bei der Literaturwerkstatt Rauş – Neue deutsche Stücke in Zusammenarbeit mit dem Ballhaus Naunynstraße entstanden ist, wenig zu erkennen. Die 90 Minuten über dysfunktionale Familien, Abtreibungen und hässliche Seiten Berlins ziehen sich fad dahin.

Mittendrin schickt die Regisseurin Babett Grube Dimitrij Schaad auf die Bühne. Er spielt Ljubov, das abgetriebene Kind mit Zöpfen, in häufig wechselnden Kostümen: mal im Strampelanzug, mal mit Strumpfhosen in knalligen Farben. Schaad feuert eine Salve meist flacher Witze ins Parkett, die zum großen Teil sehr zynisch die Grenzen guten Geschmacks und politischer Korrektheit austesten. Eine Minderheit nach der anderen bekommt unter halb-irritiertem, halb-belustigtem Höhöhö einiger Zuschauer eine verbale Breitseite ab. So kam wenigstens etwas Schwung in die Vorstellung, der ansonsten völlig fehlte.

Fazit: Das Theater des Jahres hat einige sehenswerte Abende im Repertoire, diese Inszenierung gehört nicht dazu.

Wir Zöpfe von Marianna Salzmann. – Regie: Babett Grube. – Ca. 90 Minuten. – Uraufführung: 4. Februar 2015