Archiv der Kategorie: Allgemein

Globalisierungskritik und südfranzösische Odyssee

Diese Berlinale ist im Gegensatz zu früheren Jahren vergleichsweise arm an internationalen Stars: Leider wurde auch der Panorama-Beitrag También la lluvia ohne den Hauptdarsteller Gael García Bernal präsentiert. Icíar Bollaín erzählt die fiktive Geschichte des idealistischen Regisseurs Sebastián, der einen Film über das Leid der indigenen Bevölkerung während der Kolonialisierung Lateinamerikas drehen will.

Sein Produzent (Luis Tosar) möchte das Projekt so billig wie möglich machen und schlägt Bolivien vor, weil Produktionshelfer und Statisten dort für Hungerlöhne zu haben sind. Mitten in die Dreharbeiten des "Films im Film" platzen die Proteste gegen drastische Preiserhöhungen des US-Konzerns Bechtel für Trinkwasser, die als Wasserkrieg von Cochabamba für internationale Schlagzeilen sorgten. Erstmals führte die indigene Bevölkerung ein breites Bündnis an und gewann an Selbstbewusstsein.

Der erfolgreiche Protest war einer der Marksteine für die politischen Umwälzungen auf dem Kontinent, als der Unmut über die soziale Spaltung wuchs und in den vergangenen Jahren zahlreiche globalisierungskritische Regierungen wie in Brasilien oder Bolivien an die Macht kamen.

Das Problem von También la lluvia ist, dass der Film sehr darauf zugeschnitten ist, seine politische Botschaft zu transportieren: Die Ausbeutung der Bodenschätze durch internationale Konzerne ist eine zweite Kolonialisierung. Bildsprache und Dramaturgie sind somit vor allem Mittel zum Zweck.

Wieland Speck, der Chef der Panorama-Reihe, musste sich vor dem Filmstart entschuldigen, weil in den Gängen noch mehrere Zuschauer mit Ticket, aber ohne Chance auf einen Sitzplatz standen.

Eine Reise in die eigene Vergangenheit führt Valerie (Corinna Harfouch) im Forums-Beitrag Auf der Suche durch Marseille und die schön gefilmten Landschaften der Provence. Gemeinsam mit dessen Ex-Freund Jens (Nico Rogner) verfolgt die die Spuren ihres Sohnes Simon, zu dem sie seit Jahren nur noch sporadischen Kontakt hatte.

Neben den Landschaftsaufnahmen lebt der Film vor allem von der Präsenz der ausgezeichneten Theater- und Filmschauspielerin Corinna Harfouch. Statt auf große Spannungsmomente setzt die Handlung darauf, zu zeigen, wie sich das eisige Verhältnis zwischen Valerie und Jens auf ihrer gemeinsamen Reise bessert und wie sie versuchen, die Beegnungen mit einigen undurchsichtigen Bekanntschaften Simons zu einem stimmigen Bild zusammenzusetzen.

Hongkong-Thriller und Vaterlandsverräter

Zu den Höhepunkten im Forum gehören traditionell die Thriller aus Hongkong. Raffinierte Dramaturgien wie in Infernal Affairs und kunstvoll choreografierte Verfolgungsjagden wie in Eye in the sky haben die Messlatte hochgelegt. Dante Lams The Stool Pigeon ist dem nicht gewachsen.

Auch in diesem Film geht es wieder um die Lieblings-Konstellation des Hongkong-Kinos: Ein Polizei-Informant berichtet unter Lebensgefahr aus dem Milieu der organisierten Kriminalität. Leider fehlt diesmal der innovative Dreh, wie man diese brisante Problematik neu aufbereiten könnte. The Stool Pigeon erschöpft sich streckenweise in brutalen Bildern  und das scheint symptomatisch für eine von vielen Fachleuten diagnostizierte Krise des aktuellen Kinos in Hongkong zu sein.

Das krasse Gegenteil zu den schnellen Schnitten aus den Straßen Südostasiens bietet Ingmar Bergmans Klassiker Szenen einer Ehe. Die Retrospektive ehrt den schwedischen Altmeister des europäischen Autorenkinos und zeigt deshalb herausragende Werke wie diese messerscharfe Analyse einer kriselnden Beziehung. Die ausufernden Reflexionen von Liv Ullmann und Erland Josephson trafen 1973 punktgenau den Zeitgeist, sind aber auch fast dreißig Jahre später noch sehens- und nachdenkenswert.

Einen sehr ruhigen Stil pflegt auch Annekatrin Hendel in ihrer Dokumentation Vaterlandsverräter. In der Reihe Perspektive Deutsches Kino versucht sie dem inzwischen 75jährigen Schriftsteller Paul Gratzik näherzukommen. Zu DDR-Zeiten kämpfte er sich aus armen Verhältnissen hoch und verkehrte in den Ost-Berliner Künstlerkreisen um Steffi Spira oder Heiner Müller. Als überzeugter Kommunist berichtete er auch regelmäßig als Inoffizieller Mitarbeiter an seinen Stasi-Führungsoffizier. Bis es 1981 zum Bruch mit dem Regime kam: Er offenbart sich allen Freunden und Kollegen und zieht sich auf einen einsamen Hof in der Uckermark zurück, wo er bis heute lebt.

Die Zuschauer erleben einen schroffen alten Mann, der über Ackermann und die Finanzkrise herzieht und meist sehr unwirsch reagiert, wann immer die Regisseurin, die in Ost-Berlin geboren ist und ihn schon seit 1988 kennt, Näheres über seine Motive erfahren will. Das Thema ist spannend, aber Gratzik bleibt ein Rätsel, da die Annäherung nicht recht gelingt.

True Grit und hoffnungslose Schlangen

Nach dem chaotischen Auftakt hätte es am zweiten Tag eigentlich nur besser werden können. Stattdessen ging es im CineStar noch mehr drunter und drüber. Ein Film ist als Pressevorführung und zugleich als Publikumspremiere angekündigt. Das war in früheren Jahren auch schon oft der Fall, hat aber in der Regel funktioniert. Diesmal ist das Ergebnis: Noch längere Schlangen am Einlass, diesmal finden die Organisatoren kein Ausweichkino. Alle Sitzplätze sind voll, angeblich stehen außerdem ca. 100 Leute auf den Stufen des Kinosaals, draußen telefoniert die Presseagentin des Verleihs angesichts der immer noch langen Schlange vor dem Einlass hektisch und die Veranstalter wiegeln ab, als die Tür zugeht. Tenor: Wir konnten ja nicht ahnen, dass so viele Leute kommen. Irgendwas ist offensichtlich gründlich schiefgelaufen.

Erfreulicher war die Wiederholung des Eröffnungsfilms True Grit im Friedrichstadtpalast. In den vergangenen Jahren hatte Dieter Kosslick bei der Auswahl für den repräsentativen Starttermin oft kein glückliches Händchen. Häufig waren diese Filme eher mau und wurden von den Beiträgen der folgenden Tage überstrahlt.

Aber mit den Brüdern Joel und Ethan Coen kann man nicht viel verkehrt machen. Mit ihrem typischen kauzigen Humor schicken sie ein ungewöhnliches Trio auf einen Feldzug durch den Wilden Westen: Jeff Bridges ist der zerzauste Marshall Rooster Cogburn, der bekannt dafür ist, die Gesetze nicht immer einzuhalten und den konfiszierten Whiskey ohnehin am liebsten selbst trinkt. Zu ihm stößt Matt Damon, der genauso aussieht, wie ein Karnevals-Kostümverleih einen Texas-Ranger ausstatten würde. Bisher meist auf Schönlinge abonniert, jagt er diesmal mit Schnurrbart und Cowboy-Klamotten nach der Kopfprämie für einen berüchtigten Mörder.

Es ist eine besondere Leistung, dass neben diesen beiden erfahrenen Hollywood-Größen die bisher unbekannte Hailee Steinfeld nicht nur nicht an die Wand gespielt wird, sondern sogar die stärksten Akzente setzt. Mit gerade mal 14 Jahren spielt sie die Mattie Ross, die nach dem Mord an ihrem Vater, das Heft in die Hand nimmt und den Marshall Cogburn anheuert, den Täter mit ihr gemeinsam zu verfolgen.

Der kurzweilige Genrefilm erntete am Ende viel Applaus. Ins Rennen um die Oscars geht True Grit mit 10 Nominierungen als einer der großen Favoriten. Im Wettbewerb um die Goldenen Bären durfte er nur außer Konkurrenz antreten.

Bereits einen Silbernen Bären gewann verdientermaßen der Film Offside im Jahr 2006, der im Berlinale-Palast noch mal gezeigt wurde. Der Regisseur Jafer Panahi ist einer der profiliertesten iranischen Filmemacher und sollte in der Berlinale-Jury sitzen. Als er vor einigen Monaten vom Mullah-Regime inhaftiert wurde, engagierte sich das Festival mit mehreren öffentlichen Aufrufen vergeblich für ihn. Sein Platz in der Jury blieb demonstrativ unbesetzt und seine wichtigsten Filme werden nun auf der Berlinale präsentiert. Der Bericht zu Offside ist in unserem Archiv hier zu finden.

Panorama-Eröffnung „Tomboy“

Die Sektion Panorama präsentiert ihren Eröffnungsfilm traditionell einige Meter vom Berlinale-Palast entfernt in einem weniger glamourösen Rahmen: Während sich bei der Gala-Eröffnung die geschlossene Gesellschaft aus Promis und Möchtegern-Sternchen zelebriert, steht in dieser Reihe tatsächlich der Film im Mittelpunkt. Das Panorama ist als kleine Schwester des Wettbewerbs um die Bären entstanden und hat sich als Spielstätte für anspruchsvolle, häufig politisch engagierte Filme zwischen Mainstream und Off-Kino einen Namen gemacht.

Leider zeigte sich die Berlinale heute von ihrer schlechteren Seite: Man könnte annehmen, dass sich bei der 61. Auflage des Festivals die grundlegenden Planungsabläufe eingespielt haben. Das Cinemaxx 7 war aber schon deutlich vor dem Start voll, so dass man kurzerhand in ein zweites Kino im Untergeschoss ausweichen musste. Auch dort bildete sich für zwanzig Minuten die nächste riesige Traube aus Berliner Filmfans, die ein Ticket gekauft hatten, und den Akkrediterten aus Presse und Filmwirtschaft.

Nach der Wartezeit im Gedränge ohne Informationen der sichtlich überforderten Organisatoren kommt dann erst noch richtige Berlinale-Stimmung auf, wenn der Nachbar pünktlich zum Filmbeginn seine Tupper-Dose auspackt und sich während der nächsten Stunde genüßlich kauend mit seinen belegten Broten beschäftigt.

Immerhin war der Film Tomboy der jungen Französin Céline Sciamma (Jahrgang 1980) dann gar nicht so schlecht. Sie hat sich in ihrer Heimat einen Namen als Regisseurin sensibler Geschichten über das Erwachsenwerden gemacht. In ihrem dritten Werk steht die 10jährige Laure im Mittelpunkt, die zu Beginn der Pubertät erkennt, dass sie sich im falschen Körper fühlt. Nach dem Umzug ihrer Familie stellt sie sich in der neuen Umgebung als Mikael vor.

Einfühlsam, aber doch in der Dramaturgie erwartbar schildert der Film, wie Mikael/Laure sich in der Clique zunächst unsicher bewegt und sich an Rollenmuster herantastet. Ihre Mutter fällt schließlich aus allen Wolken, als sie nach einer aus dem Ruder gelaufenen Schlägerei von dem Geheimnis ihres Kindes erfährt.

Bei der Zeichnung der Figuren überzeugt vor allem die pfiffige kleine Schwester Jeanne, während die Mutter doch zu holzschnittartig angelegt ist, wie meine Nachbarn auf der rechten Seite treffend bemerkten. Der linke Nachbar war dagegen noch damit beschäftigt, sich mit der Serviette von den letzten Brotresten zu befreien.

Alles in allem ist Tomboy ein Film, den man durchaus ansehen kann. Er bleibt aber doch deutlich hinter Céline Sciammas Debüt Water Lilies/Unter Wasser, über Kopf zurück, mit dem sie auf dem Festival in Cannes und auch zum Abschluss der Französischen Filmwoche 2008 für Furore sorgte.

Schreiende Weber

Das Problem dieses Abends liegt auf der Hand: Die proletarischen Weber schreien schon in den ersten Sätzen, als sie am Fuß der Treppe über ihr Leben am Existenzminimum klagen. Wie kann man das Schreien noch steigern?  Die Unzufriedenheit sollte bis zum blutigen Aufstand der Weber anwachsen – so sieht es die Handlung von Gerhart Hauptmanns "Die Weber" vor. Bei Michael Thalheimers Inszenierung am Deutschen Theater gibt es statt einer nachvollziehbaren Entwicklung der Figuren vor allem eines: ein Schreien, Zetern und Brüllen bis zum bitteren Ende, das die Stimmbänder der Schauspieler ganz schön ramponiert hat.

Statt einer Entwicklung der Figuren und einer nuancierten Zeichnung der Charaktere erleben wir vor allem klischeehafte Abziehbilder von ausgebeuteten Arbeitern in breitem Schlesisch, die vom herablassend-jovialen Firmenchef Dreißiger (Ingo Hülsmann), der sehr aktuell auf die Zwänge des Marktes verweist, und seiner Marie Antoinette-haften Gattin (Isabel Schosnig) abgewiesen werden.

Die Uraufführung des Stücks "Die Weber" sorgte 1892 im selben Haus noch für großen Aufruhr: Der Polizeipräsident verbot das Stück nach der Premiere. Kaiser Wilhelm II. war so erzürnt, dass er seine Loge am Deutschen Theater kündigte. Noch Jahre später weigerte er sich, Gerhart Hauptmann den Schiller-Preis zu überreichen.

Heute lässt die Inszenierung die meisten Zuschauer unbeteiligt. Angela Merkel geht eher selten ins Theater und schon gar nicht in eine kaiserliche Loge. Sie pendelt stattdessen zwischen den Hartz IV-Verhandlungen über 5 € höhere Regelsätze und ein "warmes Mittagessen" für die Kinder, das Ursula von der Leyen so sehr am Herzen liegt, und dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Offensichtliche soziale Probleme gibt es genug. Wie könnte man sie auf der Theaterbühne thematisieren? Dazu braucht es mehr als diesen recht lieblos zerschrienen Abend.

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Nur nachts: Zwischen funkelndem Zynismus und flachen Gags

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Sybille Berg hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen
als bitterböse Beobachterin von Beziehungsneurosen und schönen, neuen
Arbeitswelten gemacht. Ihre Kolumnen und Theaterstücke legen mit treffsicheren
Pointen den Kern der Malaise frei.

So auch in ihrem neuen Stück „Nur nachts“, das die traurige
Verzweiflung der beiden Mitt-Vierziger Peter und Petra zeigt. Mit ähnlich
geringem Marktwert, voller Bindungsängste und von der Midlife-Crisis geplagt
treffen sich die beiden grauen Mäuse (gespielt von Judith Hofmann und Peter
Moltzen) eines Abends. Mit Gesichtern, denen die Unzufriedenheit mit ihrem
Leben eingeschrieben ist, und altbackenen Kleidern quälen sich beide Figuren tagelang mit ihren Ängsten.

"Du hast die Wahl romantisch zu sein und zu leiden oder
Romantik zu vergessen und glücklich zu sein" schrieb Sibylle Berg im
Programmheft. In diesem Dilemma ringen die beiden Figuren mit sich und den
Gespenstern ihrer Albträume. Der Regisseur Rafael Sanchez lässt eine wilde
Bande von Geistern auftreten: Mal im Gleichschritt marschierend, mal hopsend
taucht die Truppe auf der Bühne auf, angeführt von Christoph Franken und Natali
Seelig.

Zum Missfallen einiger Zuschauer kippt der bittere Ernst der
Sybille Berg immer wieder in trashigen Humor: Eine Hand wir abgesägt, Christoph
Franken lässt sich als Baby auf der Bühne wickeln. Die Konsequenz: Nicht nur
auf der Bühne kriselt es in den Beziehungen, auch ein Paar im Publikum streitet
vernehmlich. Er meckert vor sich hin: „O Gott, ist das alles flach“, sie
versucht, ihn zu besänftigen. Bis er sich dann zur Hälfte des Stücks durch die
Reihen der Kammerspiele des Deutschen Theaters zur Garderobe kämpft.

Es hätte dem Stück besser getan, sich ganz auf den funkelnden
Zynismus der Berg-Dialoge zu konzentrieren und ihn nicht mit einer Soße aus
schalen Gags und Regieeinfällen zu überdecken. In gedämpfter Stimmung drängt
sich das Publikum nach knapp zwei Stunden durch den engen Ausgang. Zwei Frauen
mittleren Alters sind sich einig: Gut, dass der XY nicht dabei gewesen sei. Für
den wäre das zu bitter gewesen.

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Jahresendzeitprogramm mit Merkel und Westerwelle

Traditionell platzt das Kreuzberger Mehringhoftheater aus allen Nähten, wenn Angela Merkel alias Christoph Jungmann sich die Ehre gibt, charmant durch das Jahresendzeitprogramm zu führen.

Unnachahmlich ist ihr "Ich habe nichts gemacht", als Guido Westerwelle (sehr gekonnt von Hannes Heesch parodiert) beleidigt von der Bühne abgeht, nachdem sie seine ellenlangen Ausführungen mit einigen unschuldigen Zwischenfragen sabotiert hat. Ganz störungsfrei verläuft ihre Moderation aber auch danach nicht: Roland Koch hält sie nach der Pause auf der Damentoilette gefangen, weil die geschiedene ostdeutsche Protestantin nicht länger an der Spitze der CDU stehen darf.

Wie in den vergangenen Jahren überzeugt das Jahresendzeitteam durch eine gelungene Mischung aus Parodien auf die wichtigsten politischen Köpfe und humorvolle Alltagsbeobachtungen in den Texten von Horst Evers und Bjov Berg. Höhepunkte sind die immer wieder eingestreuten Adaptionen bekannter Melodien mit neuen Texte zum Dauerbrenner S-Bahn-Chaos oder zum Vulkanausbruch, der tagelang die Flugrouten lahmlegte.

Die bissigste Abrechnung des aktuellen Programms trifft Thilo Sarrazin, dessen Selbstinszenierung in einem langen Klavier-Solo vom immer brummiger werdenden Manfred Maurenbrecher auseinandergenommen wird.

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Berlinale 2011: Filmreihe Generation

Für die Berlinale-Reihe Generation, die sich vor allem an Kinder und Jugendliche richtet, wurden bisher folgende Filme eingeladen:

Generation Kplus

A Pas de Loup (On The Sly) von Olivier Ringer, Belgien/Frankreich 2011 – Weltpremiere

Jutro będzie lepiej (Tomorrow will be better) von Dorota Kędzierzawska, Polen/Japan 2010 – Internationale Premiere

Keeper`n til Liverpool (The Liverpool Goalie) von Arild Andresen, Norwegen 2010 – Internationale Premiere

Mabul (The Flood) von Guy Nattiv, Israel/Kanada/Deutschland/Frankreich 2010 – Internationale Premiere

Sampaguita, National Flower von Francis Xavier E. Pasion, Philippinen 2010

Une vie de chat (A Cat In Paris) von Alain Gagnol und Jean-Loup Felicioli, Frankreich/Belgien/Niederlande/Schweiz 2010

Generation 14plus

Den der hvisker (Rebounce) von Heidi Maria Faisst, Dänemark 2011 – Weltpremiere

Griff The Invisible von Leon Ford, Australien 2010

Shanzha shu zhi lian (Under The Hawthorn Tree) von Zhang Yimou, Volksrepublik China 2010

Skyskraber (Skyscraper) von Rune Schjøtt, Dänemark 2010 – Weltpremiere

The Dynamiter von Matthew Gordon, USA 2011 – Weltpremiere

West Is West von Andy De Emmony, Großbritannien 2010

Zwei prominente linke Köpfe im Dialog

In der Matinee-Reihe „Gregor Gysi trifft Zeitgenossen“ war diesmal das Kreuzberger Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele im Deutschen Theater zu Gast. Noch bevor er auf der Bühne erschien, setzte er seine eigenwilligen Akzente: Zur Erheiterung des Publikums wurde ihm ein Glas Milch bereitgestellt.

Das Gespräch konzentrierte sich vor allem auf seine Jugend, seine Politisierung während der Studentenproteste und vor allem seine Tätigkeit als RAF-Verteidiger in den 1970er Jahren.

Seine antimilitaristische Grundhaltung und sein Widerstand gegen Karrieren von Alt-Nazis in der Bundesrepublik speist sich z.T. aus ganz unmittelbaren biographischen Erfahrungen. Während des 2. Weltkriegs in Halle/Saale geboren, überlebte er nur durch einen glücklichen Zufall die Explosion eines Bomben-Blindgängers, bei der sein bester Freund beim Spielen im Garten starb. Seine Mutter legte als einzige Frau ihres Jahrgangs das erste Jura-Staatsexamen ab, wurde zu Beginn der NS-Zeit dann aber nicht zum Referendariat zugelassen. Der Chef des Prüfungsamtes, der später im Bonner Bundesfinanzministerium Karriere machte, erklärte ihr, dass sie sich nach dem Willen des „Führers“ ganz auf ihre Mutterrolle konzentrieren solle.

Dennoch verliefen seine Jugendjahre zunächst nicht so rebellisch, wie man vermuten könnte: Der breiten Öffentlichkeit ist kaum bekannt, dass Ströbele tatsächlich einer der wenigen Grünen ist, die Wehrdienst geleistet haben. Zu seiner Studentenzeit in Heidelberg meinte er, dass seine Kommilitonen und er oft schlicht nichts über die fragwürdige Vergangenheit einiger Professoren wussten.

Erst im Lauf der Zeit fragten sie kritischer nach und während der Studentenproteste der späten Sechziger Jahre ließ Ströbele wohl kaum eine Demo oder einen Teach-In aus. Wie für viele in seiner Generation war der 2. Juni 1967 ein wesentlicher Einschnitt in seiner Biographie: Benno Ohnesorg wurde bei Protesten gegen den Schah-Besuch erschossen. Einige Teile der Bewegung radikalisierten sich, manche gingen sogar in den Untergrund und gründeten die RAF.

Für Ströbele war dieser Weg nie eine Option, wie er ausführte. Bereits als junger Referendar arbeitete er jedoch mit Horst Mahler zusammen, der sich damals bereits als Anwalt der APO einen Namen gemacht hatte, nach einer schwer nachvollziehbaren Wandlung heute aber am rechten Rand der Gesellschaft angekommen.
Gemeinsam mit Klaus Eschen gründeten die beiden das Sozialistische Anwaltskollektiv, das von 1969 bis 1979 die Verteidigung von Baader, Meinhof, Ensslin und Co. übernahm.

Im aufgeheizten politischen Klima jener Jahre versuchten sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Otto Schily, mit den Mitteln des Prozessrechts eine faire Verteidigung ihrer Mandanten zu ermöglichen. Über die anstrengenden basisdemokratischen Abstimmungsprozesse im Anwaltskollektiv und die vielen Streitigkeiten mit der Justiz im Rahmen der Stammheim-Prozesse erzählte Ströbele viel Hörenswertes.

Leider blieb für die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart in diesem Gespräch kaum noch Zeit. Kurz wurde noch Ströbeles Rücktritt als Grüner Parteivorsitzender wegen umstrittener Äußerungen zum Golfkrieg und Israel im Jahr 1991 gestreift.

Sehr spannend wäre es gewesen, was der Linke Fraktionsvorsitzende Gysi und der einzige, sogar drei Mal in Folge und mit Stimmenzuwächsen, direkt gewählte Grüne Bundestagsabgeordnete Ströbele zum aktuellen Zustand ihrer Parteien und den gegenwärtigen Debatten zu sagen haben.

Zur Webseite des Deutschen Theaters

Algerisches Drama: Von Menschen und Göttern

Die 10. Französische Filmwoche endete mit einem sehr bedrückenden, aber wichtigen politischen Film: Xavier Beauvois zeichnet in seinem von der Kritik hochgelobten und in Cannes 2010 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten Drama Von Menschen und Göttern eine wahre Geschichte nach.

In den algerischen Bergen wurden 1996 die Mönche eines Trappistenklosters, die  von islamischen Fundamenatalisten als Geiseln genommen und getötet. Nur zwei Männer konnten sich bei dem Überfall verstecken und somit retten. Der Film zeigt in langen, ruhigen Einstellungen, wie sich die Situation im Maghreb langsam verschlechtert und wie die Mönche in ausführlichen Diskussionen mit sich ringen: Sollen sie den Warnungen der algerischen Regierung folgen und das Land verlassen? Dürfen sie die Menschen in den umliegenden Dörfern zurücklassen, die auf ihre ärztliche Versorgung angewiesen sind?

Das Herzstück des Films sind seine immer düsterer werdende Stimmung und die Genauigkeit, mit der die Gespräche zwischen den Klosterbrüdern mit all den Pro und Contra-Argumenten dramaturgisch gestaltet sind.

Der Film startet bereits am 16. Dezember bundesweit in den Kinos.

Die Webseite zu Von Menschen und Göttern