Archiv der Kategorie: Allgemein

interfilm-Festival 2012

Mehr als 17.000 Besucher sahen in der vergangenen woche von Dienstag bis Sonntag die 500 Kurzfilme des interfilm-Festivals: ein neuer Besucherrekord!

Unter den Preisträgerfilmen überzeugten vor allem spanische Beiträge: Aquel no era yo von Esteban Crespo ist ein eindringliches, fast halbstündiges Werk über Ärzte, die den Kindersoldaten in einem afrikanischen Bürgerkrieg in die Hände fallen. Der Kurz-Spielfilm zeichnet nach, wie die Kinder von ihrem Anführer infiltriert, aufgeputscht und zu grausamen Morden angestachelt werden. Sehenswert war auch La Manada von Mario Fernandez Alonso über die Mutprobe von Jugendlichen, die sich in einen Gewaltrausch gegen streunende Hunde hineinsteigern, um von der Clique anerkannt zu werden.

Nach diesen düsteren Stoffen war Imparfait du Subjectif von David Grumbach eine willkommene Abwechslung: Der Luxemburger schilderte eine typische Party-Szene, alle unausgesprochenen Gedanken wurden als Untertitel eingeblendet, während der übliche Small-Talk, plumpe Anmachen und subtilere Flirts abliefen.

Ohne Preis ging in Berlin Qual queijo voce quer? leer aus, mit dem die Brasilianerin Cintia Domit Bittar schon auf mehreren internationalen Festivals reüisserte: Ein altes Ehepaar sitzt auf der Couch, eine harmlose Bemerkung zum Einkaufszettel für den Wochenmarkt bringt die Verhältnisse kurz zum Tanzen: Die Frau redet sich ihren ganzen Frust über versprochene, aber nie erlebte Reisen und den eintönigen Alltag von der Seele, fügt sich aber doch resigniert in ihren üblichen Trott und holt den Käse vom Markt.

Unterhaltsam war am Rande des Festivals der Auftritt der Echse mit ihrem Puppenspieler Matthias Hatzius: Im Grünen Salon stellten sie am Freitag die DVD ihres neuen Bühnenprogramms vor. Mit gewohnt galligem Humor plauderte das Reptil über seine Showkarriere und kommentierte die Gastauftritte seiner Kollegen, des Krokodils (einer Fleischerstocher, die kein Fleisch ist), des von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Huhns und der paranoiden Kobra, die überall Stasi-Seilschaften sieht. Mit ihrem anarchischen Konzept haben sie sich den Deutschen Kleinkunstpreis 2013 verdient.

Das interfilm-Festival

„Las Multitudes“: Eröffnung des Foreign Affairs-Festivals

Zur Eröffnung des Foreign Affairs-Festivals stand an diesem Wochenende das Stück Las Multitudes des Argentiniers Federico León im Haus der Berliner Festspiele auf dem Programm. Ein Großaufgebot von 121 Darstellern von Kindern bis Senioren wuselte in Gruppen über die Bühne.

Federico León beschreibt im Presseheft seine Grundidee so: "Am Anfang sind alle Gruppen zerstritten, aber dann verbinden sie sich zu einer großen Gemeinschaft, und jeder fühlt, dass er ein fundamentaler Teil einer Maschine ist, einer Gesamtheit, und dass diese Gesamtheit ohne ihn nicht funktionieren würde… Für mich ist Las Multitudes ein Gesellschafts-Ideal. Die einzelnen Gruppen streiten sich zwar, kümmern und sorgen sich aber auch umeinander, jeder interessiert sich für den anderen, und das Stück führt in eine große Vereinigung."

Die Schluss-Szene ist tatsächlich das eindrucksvollste Bild, das beim Verlassen des Theaters nach knapp 70 Minuten im Gedächtnis bleibt: Die ausgelassene Partystimmung der Generationen ist schön choreografiert und mit angenehmen Beats untermalt. Bis dahin blieben jedoch viele Szenen Stückwerk. Man merkt dem Abend seine Entstehungsgeschichte an: "Der Probenprozess verändert den Text, so dass am Ende etwas Neues entsteht, demgegenüber man sich wieder anders positionieren muss. Wenn ich mit einem Projekt anfange, habe ich immer einen konkreten Plan, einen Ausgangspunkt, der sich dann während des Probenprozesses immer mehr verwandelt. Von vielem, was in den Proben plötzlich lebendig wird, hatte ich beim Schreiben noch gar keine Ahnung. Sachen, die das Stück nähren und es quasi um- und fertigschreiben."

Das scheint der springende Punkt zu sein: Vieles ist interessant anzusehen, manches sorgt für Lacher, aber es fügt sich noch nicht wieder zu einem organischen Ganzen. Kein klarer roter Faden verbindet die einzelnen Szenen. Der Probenprozess wirkt noch nicht ganz abgeschlossen, vielleicht reift die Inszenierung bei den nächsten Aufführungen. Auch in Kleinigkeiten zeigen sich Brüche: Kurz vor Schluss beginnt eine Frau aus der Gruppe der Seniorinnen kurz zu rauchen. Es erschließt sich nicht, ob der Regisseur und Autor León damit eine Botschaft vermitteln will oder ob sich dieses Detail nur zufällig im Probenprozess eingeschlichen hat.

Das Festival Foreign Affairs 

Las Multitudes 

Max Goldt las am Berliner Ensemble: „Die Chefin verzichtet“

Max Goldt, ehemaliger Kolumnist der Titanic und hochproduktiver Buchautor, bringt sein neuestes Werk auf den Markt. Auch der Titel seiner neuen Textsammlung aus den Jahren 2009-2012, Die Chefin verzichtet auf demonstratives Frieren, irritiert auf den ersten Blick, fügt sich aber gut in die Ahnengalerie von Vorgängern wie Wenn man einen weißen Anzug anhat oder Vom Zauber des seitlich daran Vorbeigehens ein.

Am Berliner Ensemble sind seine Lesungen mittlerweile eine feste Institution, auch bei der Buchpremiere am vergangenen Mittwoch blieb kaum ein Platz im Publikum frei, sehr viele junge Besucher mischten sich darunter. Die Chronisten hatten sich die Mühe gemacht, seine Auftritte nachzuzählen, und konnten seinen 20. Auftritt an Brechts Bühne vermelden.

Mit gewohnt spitzer Feder spießte Goldt die Alltagsbeobachtungen auf: die Verfechterinnen der Frauenquote bekamen ebenso ihr verdientes Fett weg wie die titelgebenden Friseurangestellten, die dick eingepackt vor dem Salon rauchen und dabei demonstrativ frieren.

Während bei den ersten Geschichten ein gelungener Spannungsbogen souverän in die Pointe mündete, wirkte ein langer Monolog aus Satzfetzen und disparaten Beobachtungen nach der Pause doch recht ermüdend. Mit zweieinhalb Stunden, nur unterbrochen von einer kurzen Pause und in der zweiten Hälfte von Hustenbonbons und Wasser unterstützt, bewies Max Goldt eine gute Kondition. Weniger wäre angesichts der sinkenden Qualität im zweiten Teil in diesem Fall mehr gewesen.

Das Buch Die Chefin verzichtet (Rowohlt Verlag)

Harald Schmidt unterfordert beim Cicero-Foyergespräch

An diesem Wochenende landete der Cicero gleich zwei Coups. Das politische Berlin freute sich bereits auf seinen Feierabend, als es am Freitag Nachmittag von der Vorabmeldung hochgeschreckt wurde, dass der hochangesehene Chefredakteur Christoph Schwennicke in der Titelgeschichte der Oktober-Ausgabe ausführen wird, dass die drei Troika-Mitglieder der SPD sich intern bereits auf Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten festgelegt haben. Bei Herrn Schwennicke handelt es sich wahrlich nicht um irgendeinen Schreiberling, sondern einen klugen Analytiker, der die Berliner Politik seit vielen Jahren mit lesenswerten Beiträgen für Süddeutsche Zeitung und SPIEGEL begleitet. Steinbrück, Nahles und Gabriel veröffentlichten umgehend harsche Dementis, dass an dieser Vorabmeldung nichts dran sei. Frank A. Meyer, der Chefpublizist des Ringer-Verlags, hielt nichtsdestotrotz stolz die neue Ausgabe hoch und verkündete unter dem Applaus einiger Besucher des Cicero-Foyergesprächs am Berliner Ensemble, dass sein Blatt ganz genau wisse, dass Peer Steinbrück gegen Angela Merkel in den Ring steigen werde. Mit noch stolzer geschwellter Brust verkündete er, dass Steinbrück bei der nächsten Ausgabe dieses Gesprächsformats am 2. Dezember an der traditionsreichen Bühne Bertolt Brechts zu Gast sein werde.

Ob diese Meldung über die Kanzlerkandidatur stimmt oder nicht, werden wir in den nächsten Wochen früher oder später erfahren. Deshalb nun zurück zum zweiten Coup des Wochenendes: Am Sonntag Vormittag war Harald Schmidt beim Foyergespräch im BE zu Gast. Der Andrang war erwartungsgemäß so groß, dass die Veranstaltung auf die Große Bühne verlegt werden musste. Auch wenn das Haus nicht ganz ausverkauft war, konnte Harald Schmidt doch zutreffend und selbstironisch konstatieren: Hier habe ich ja mehr Zuschauer als auf Sky.

Zu morgendlicher Stunde hatte der Großmeister der satirischen Aperçus keine Mühe, seine überfordert wirkenden Stichwortgeber, den bereits erwähnten Frank A. Meyer, immerhin erfahrener Gastgeber der Gesprächssendung vis-a-vis (im Schweizer Fernsehen und auf 3sat), und seinen Kompagnon, den stellvertretenden Cicero-Chefredakteur Alexander Marguier, auch mit angezogener Handbremse zu verfrühstücken. Als Marguier zum wiederholten Mal mit seinen Fragen zu früh ansetzte und deshalb im Gelächter des Publikums über Schmidts Pointe unterging, lehnte sich Schmidt mit sardonischem Lächeln zu seinem Gesprächspartner und munterte ihn auf: "Sie lernen das schon noch."

In anderthalb Stunden plauderte ein unterforderter Schmidt über seine Karriere als Kabarettist, Schauspieler und Late-Night-Talker und machte aus seiner Verachtung für die Hierarchen der ARD keinen Hehl. Etwas wortkarger wurde er nur, als es um sein gespanntes Verhältnis zu seinem langjährigen Sidekick und Redaktionsleiter Manuel Andrack ging: Nein, man habe keinerlei Kontakt mehr. Aber auch früher habe man nie privaten Kontakt gehabt. Der ehemalige Weggefährte scheine mit seinen Wanderbüchern jedoch erfolgreich und gut ausgelastet zu sein. Zur Debatte, welcher Troikist gegen Merkel antreten solle, zitierte er nur kurz ein Gespräch mit einem Politiker am Münchner Flughafen, dass dies doch letztlich egal sei.

Zum Schluss von Schmidts Solo mit zwei Statisten fragte ein Zuschauer, ob er statt seiner Late Night, die nun fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufe, einmal monatlich ein solches Format Live aus dem BE im Fernsehen präsentieren möchte. Schmidt winkte nur gelangweilt ab und sagte, er kenne doch die Zuschauer und Kritiker, die in solchen Fällen spätestens nach der dritten Auflage über die Wiederholung des Ewiggleichen meckerten. Er fühle sich hier auf der Bühne sehr wohl und könne seine vielfach getesteten Kommentare scheinbar schlagfertig wiederverwenden. Aber, um Rudi Carrell zu zitieren: Wenn Du etwas dem Ärmel schütteln willst, musst Du vorher auch etwas hinein getan haben.

Homers „Odyssee“ mit Laiendarstellern am Jungen DT

Sehr viele junge Gesichter gab es in den Kammerspielen des Deutschen Theaters bei Uli Jäckles Inszenierung von Homers Epos Odyssee: der Zuschauerraum war voll mit Teenagern und Schulklassen, die leider für Unruhe durch ständiges Rascheln und Tuscheln sorgten. Auf der Bühne waren ausschließlich Laienschauspieler zu erleben, die Jüngste kam zum Schlussapplaus mit ihrem Stofftier, die ältesten Protagonisten waren bereits im Seniorenalter.

Diese bunte, generationenübergreifende Laienschar hatte eine sehr freie Adaption des Stoffes einstudiert, die in ihrem frischen Zugriff auf den Mythos offensichtlich die Zielgruppe ansprach, wie der Schlussapplaus zeigte. Vom Tonband wurden zwischen den Szenen Gedankenfetzen über das Warten, auseinandergerissene Familien und abwesende Väter eingespielt, so dass die Motive in die Lebenswelt der Jugendlichen übertragen wurden.

Alles in allem ist diese Arbeit des Jungen DT  als interessanter Versuch zu bewerten, neue Zielgruppen und zukünftige Generationen von Abonnenten oder Stammgästen an das Theater heranzuführen.

Weitere Informationen und Termine

Schillers „Räuber“ am Maxim Gorki: Parodie und Knalleffekte

Dem jungen Friedrich Schiller hätte diese Inszenierung seiner Räuber am Gorki-Theater wahrscheinlich gefallen. Anfang 20 war der spätere Säulenheilige der Weimarer Klassik gerade mal, als er dieses wütende Sturm und Drang-Drama schrieb, das bei seiner Mannheimer Uraufführung vom jugendlichen Publikum begeistert gefeiert wurde. Der Herzog von Württemberg war von der offensichtlichen Kritik an seiner feudalistischen Herrschaft alles andere als amüsiert, Schiller floh vor der Festungshaft aus Stuttgart.

Wie bringt man ein politisches Drama eines angry young man, der zum Klassiker erstarrt ist, einige Jahrhunderte später auf die Bühne? Der Regisseur Antú Romero Nunes streicht kurzerhand das Personal auf die drei zentralen Figuren Franz (Paul Schröder) und Karl Moor (Michael Klammer) sowie Amalie (Aenne Schwarz) zusammen. Er verzichtet auf jedes Bühnenbild und lässt seine drei Schauspieler auf der kahlen Bühne Monologe zwischen 20 und 60 Minuten sprechen, in denen Versatzstücke aus Schillers Dramen-Dialogen mit Parodien auf das Theater, Kommentaren zu René Pollesch-Inszenierungen und Geplauder mit dem Publikum gesampelt wird. Dieser wilde Mix sorgt zwar immer wieder für Lacher, ist aber ohne Textkenntnis von Schillers Drama nicht richtig einzuordnen.

Vor dem Auftritt von Karl Moor erschallen plötzlich laute Schreckschusspistolen, die bei Besucher mit Herzproblemen Schwierigkeiten auslösen könnten. Später springen abrupt junge Schauspielstudenten mitten aus dem Publikum auf und brüllen als Chor ebenfalls Schiller-Dialog-Fetzen.

Der Abend zielt vor allem auf Schulklassen, die sich mit den Dramenklassikern abmühen und am Gorki eine kurzweilige Inszenierung mit Witz und Knalleffekten erleben, die für manche Überraschung gut sind. Das bildungsbürgerliche Staatstheaterpublikum wird es aber mit gemischten Gefühlen erleben, seinen Schiller so auf der Bühne zu sehen. Ihm selbst hätte es aber wahrscheinlich gefallen.

Weitere Informationen und Termine

Europe now – Abschlussdiskussion

Zum Abschluss des Literaturfestivals und einer Woche entscheidender Weichenstellungen (Parlamentswahl in den Niederlanden, Bundesverfassungsgerichtsurteil zum ESM) standen die Krise des Euro und der europäischen Integration im Mittelpunkt. Gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt, der Stiftung Mercator und der Allianz Kulturstiftung spannten Schriftsteller mit ihren subjektiven Texten zur Lage Europas im Fokus Europe now einen "literarischen Rettungsschirm" auf.

Vielversprechend war die Idee, unter dem Titel Rating Europe – Was ist Europa wert? zwei Autoren aus den kriselnden Südländern Spanien (Pilar Velasco) und Griechenland (Dimosthenis Kourtovik) mit dem in Paris lebenden Niederländer Adriaan van Dis und dem deutschen Journalisten Daniel Schreiber diskutieren zu lassen.

Leider kratzte dieses einstündige Gespräch nur an der Oberfläche, die bekannten Positionen und Fakten wurden noch einmal ausgetauscht. Dass das Publikum der endlosen Debatten zur Eurokrise überdrüssig ist, zeigte der schwache Besuch dieser Veranstaltung, während die Resonanz auf andere Lesungen und Diskussionen meist sehr gut, sogar besser als in den vergangenen Jahren war.

Das 12. internationale literaturfestival berlin 

Veranstaltungen für Pussy Riot

In den ersten Tagen des Festivals gab es einige weitere recht interessante Lesungen aus politischen und zeithistorischen Romanen. Amir Hassan Cheheltan stellte Teheran, Stadt ohne Himmel vor. Im Zentrum des letzten Teils seiner Trilogie stand Gerammt, Wärter im berüchtigten Foltergefängnis Evin. Joachim Krol las in seiner spröden Art die lakonischen Beschreibungen aus dem Innenleben des Mullah-Regimes in deutscher Übersetzung.

Etwas zu langatmig gerieten die Antworten von Raj Kamal Jha, einem indischen Journalisten, der sein bereits 2006 erschienenes Buch Die durchs Feuer gehen, vorstellte. Darin schildert er das Massaker fanatischer Hindus an Muslimen in Ahmedadabad im Jahr 2002, das wenige Monate nach 9/11 von der Weltöffentlichkeit weitgehend ignoriert wurde. Erst in diesem Jahr hat der Oberste Gerichtshof verantwortliche Politiker zur Rechenschaft gezogen. Immerhin konnte der Publizist und Romanautor das hoffnungsvolle Fazit ziehen, dass sich die politische Landschaft mittlerweile so verändert hat, dass den rechtsgerichteten Hindu-Nationalisten ein starkes Gegengewicht aus anderen Lagern gegenübersteht.

Ein Höhepunkt der ersten Festival-Woche war die Benefiz-Lesung zu Ehren von Pussy Riot. Die Große Bühne des Festspielhauses war restlos ausverkauft, so dass die Veranstaltung auch ins Foyer übertragen werden musste. Das Bolschewistische Kurorchester spielte Klassiker von Brecht/Eisler bis Rio Reiser und gab eigene Songs zum besten, in denen sie sich Prinzipiell dagegen aussprachen, dass politische Gefangene in Haft landen. Zwischen den unterhaltsamen und rebellischen Liedern lasen Künstler aus der Neuübersetzung von Michail Bungalows Roman Der Meister und Margarita, in dem er die absurden Auswächse von Stalins totalitärem Regime karikiert und in einer surrealen Handlung mit Auftritten von Pontius Pilatus und dem Teufel kenntlich macht.

Am Sonntag Abend lasen Schauspielerinnen des Maxim Gorki Theaters und Ulrich Matthes vom Deutschen Theater in der Beletage der Heinrich Böll-Stiftung eine interessant gestaltete Collage aus den Moskauer Prozessakten im Fall Pussy Riot und der griechischen Tragödie Antigone von Sophokles.

Das internationale literaturfestival berlin 

Bahnhofs-Proteste und russische Science-Fiction

Überraschend reif ist das Debüt von Florian Kläger und Lisa Sperling, die gerade erst mit ihrem Filmstudium begonnen haben. Seit Januar 2010 filmten sie die sich langsam hochschaukelnden Proteste um Stuttgart 21. In prägnanten Interviews stellen sie die unterschiedlichen Milieus, die sich am Protest beteiligen, und ihre jeweiligen Argumente anschaulich vor: Vom alteingesessenen schwäbischen Bürgerturm bis zum junge Studenten mit Rasta-Zöpfen, vom pensionierten Sozialkundelehrer bis zum ehemaligen Banker.

In Stuttgart 21 – Denk mal! sind die Aufnahmen von der Eskalation mit Wasserwerfern und Tränengas am 30. September im Schlossgarten besonders eindrucksvoll, da sie die Dynamik dieses entscheidenden Tages gut einfangen: Die fröhliche Stimmung der Schülerdemo schlägt bald in brutale Szenen um.

Erstaunlich ist auch, wie schnell die beiden jungen Filmemacher ihr Material geschnitten und bis zuletzt um aktuelle Aufnahmen ergänzt haben. Ein bemerkenswerter Beitrag in der Perspektive Deutsches Kino! Ausgerechnet bei diesem Film blieben einige Plätze leer, woran auch Durchsagen, dass es an der Kasse noch Tickets gebe, nichts mehr änderte.

Eine komplette Enttäuschung war dagegen Mishen von Alexander Zeldovich. Im Russland des Jahres 2030 reisen Victor, der Minister für nationale Bodenschätze, und einige andere Neureiche in eine abgelegene Bergregion. Dort lässt ein geheimnivoller Jungbrunnen Körper und Seele erneuern.

Was vielversprechend klang, entpuppte sich als krude Mischung aus Liebesgeschichten und weiteren undefinierbaren Erzählsträngen. Reale zweieinhalb Stunden fühlten sich an wie fünf und ließen das Publikum scharenweise flüchten. Am lebendigsten war es im Kinosaal, als meine Nachbarin zur Hälfte des Films so laut schnarchte, dass sich die komplette Reihe vor uns irritiert umdrehte.

RAF-Vorgeschichte und Richter unter Beschuss

An Filmen und Büchern über die Entwicklung der RAF herrschte in den vergangenen Jahren gewiss kein Mangel. Kann der Wettbewerbs-Beitrag Wer wenn nicht wir überhaupt noch neue Facetten beleuchten?

Man durfte aus zwei Gründen dennoch auf diesen Film gespannt sein: Der Regisseur Andres Veiel machte 2001 mit der sehr reflektierten und gut recherchierten Dokumentation Black Box BRD über den Mord an Deutsche Bank-Chef Herrhausen auf sich aufmerksam. Immerhin ist er ein Filmemacher, der sich Zeit nimmt, genau hinzuschauen und Zusammenhänge zu beleuchten. Außerdem erzählt Veiel in Wer wenn nicht wir nicht von der Hochphase des Deutschen Herbstes, sondern zeigt die Entwicklung von Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis).

Als Pastorentochter aus einem schwäbischen Elternhaus lernt sie an der Uni Bernward Vesper (August Diehl), den Sohn des umstrittenen Blut- und Boden-Dichters Will Vesper, kennen. Der Spielfilm hangelt sich an den vielen Berichten über die Höhen und Tiefen dieses Paares entlang. So oder so ähnlich mag es gewesen sein, als Ensslin und Vesper in einem selbstgegründeten Verlag erfolglos versuchten, die Bücher Will Vespers wieder aufzulegen.

Der Programmkatalog spricht treffend von einer "extremen Liebesgeschichte": Die beiden treiben sich schier an die Schmerzgrenze, betrügen sich mit anderen Partnern, versöhnen sich wieder, ziehen nach West-Berlin und engagieren sich für die SPD, während Ensslin an ihrer literaturwissenschaftlichen Dissertation arbeitet.

Kurze Filmschnipsel über die Notstandsgesetze, den Schah-Besuch und das Attentat auf Rudi Dutschke werden dazwischengeschnitten: Die Studentenproteste werden lauter und der kraftstrotzende, großmäulige Andreas Baader (Alexander Fehling) tritt in Gudrun Ensslins Leben. Sie verlässt Mann und Kind, Ensslin und Baader radikalisieren sich immer mehr und beginnen mit Aktionen wie dem Kaufhausbrandanschlag in Frankfurt/Main. Vesper verliert sich in Verzweiflung und Drogentrips und begeht 1971 Suizid.

Die Chronologie dieser scheiternden Biographien erzählt der Regisseur recht brav in etwas mehr als zwei Stunden. Andres Veiel war aber nicht gut beraten, sich diesem Thema in seinem Spielfimdebüt zu widmen. Als Dokumentarfilmer hat er sich einen Namen gemacht, Die Spielwütigen war der Publikumsliebling der Berlinale 2003 und neben Black Box BRD zeigte er auch in Kick, dass er sich komplexen Themen einfühlsam nähern kann.

Die prominenten Figuren der Zeitgeschichte bleiben diesmal seltsam blass und vor allem im letzten Drittel verlassen doch einige Besucher die Vorführung.

Ein weiterer sehr politischer Beitrag lief als Berlinale Special: Die spanische Regisseurin Isabel Coixet, die schon mit mehreren Filmen im Wettbewerb vertreten war, setzte ein Interview mit dem Ermittlungsrichter Baltasar Garzón in Szene. Er wurde durch den internationale Haftbefehl, der 1998 zum Hausarrest des chilenischen Ex-Diktators Augusto Pinochet in London führte, weltbekannt und prägte die Entwicklung zu einer internationalen Strafgerichtsbarkeit entscheidend mit.

Escuchando al Juez Garzón ist ein minimalistischer Film: Die Kamera richtet sich auf das Interview, das Manuel Rivas im Dezember 2010 mit Garzón führte. Aus acht Stunden Material wurde dann eine Filmfassung von 90 Minuten erstellt. Da die Dokumentation auch noch komplett in Schwarz-Weiß gehalten ist, erinnert die ganze Ästhetik sehr an Fernsehinterviews der 60er Jahre, wie sie z.B. Günter Gaus führte.

Inhaltlich ist der Beitrag interessant, aber zu voraussetzungsreich: In schnellem Tempo werden Garzóns Ermittlungen gegen die ETA, der Fall Pinochet und ähnliche Auseinandersetzungen mit der argentinischen Militärjunta besprochen. Der Schluss des Gesprächs konzentriert sich ganz auf drei Verfahren, die im vergangenen Jahr wegen des Vorwurfs der Rechtsbeugung gegen Garzón eingeleitet wurden.

An der Stelle wurde es endgültig zu komplex: Die beiden Interviewpartner warfen nur so mit Fachbegriffen aus dem spanischen Prozessrecht um sich. Der Film setzt zu viel voraus.

Garzón und sein Interviewpartner sind sich einig, dass es sich bei den Vorwürfen, die zu seiner vorübergehenden Suspendierung führten, um eine Kampagne innenpolitischer Gegner handelt. Er machte sich zuletzt vor allem dadurch Feinde, dass er auch in den Abgründen des Franco-Regimes noch genauer ermitteln wollte.

Die Hintergründe des Rechtsstreits sind von der FAZ schlüssig aufbereitet. Das Film-Interview verzettelt sich dagegen in den undurchsichtigen Details eines der drei aktuellen Verfahren, wo es um finanzielle Vorteile geht, die Garzón bei einem Forschungsaufenthalt an der New York University angeblich erschlichen haben soll.