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Theatertreffen: mehrstündige Romanadaptionen

Nach dem Eröffnungsstück Medea standen beim 50. Berliner Theatertreffen zwei Bühnenfassungen von Romanen auf dem Programm, die dem Publikum mit einer Länge von viereinhalb bzw. mehr als fünf Stunden einiges an Konzentration und Sitzfleisch abverlangten.

Am 6. und 7. Mai gastierte das Hamburger Thalia-Theater mit Luk Percevals Jeder stirbt für sich allein nach dem gleichnamigen Roman von Hans Fallada. In der Romanvorlage verarbeitete Fallada 1946/47 die wahre Geschichte des Berliner Arbeiterehepaares Elise und Otto Hampel, die zwei Jahre lang heimlich Postkarten an belebten Orten der Hauptstadt deponierten und zum Widerstand gegen Hitlers Gewaltherrschaft aufriefen, bevor sie denunziert, gefoltert und zum Tod verurteilt wurden.

Das Besondere an diesem voluminösen Abend ist, dass es Regisseur Luk Perceval, Dramaturgin Christina Bellingen und ihrem Schauspielerensemble um Barbara Nüsse, Gabriela Maria Schmeide und Mirco Kreibich gelingt, das Publikum nicht mit bleierner Schwere zu erdrücken. Als zentrale Themen werden Widerstand, Verrat und Folter verhandelt: Wie reagieren die Figuren unter totalitärer Repression? Die Kleinganoven lavieren sich durch, die meisten passen sich an, eine überraschende Wandlung erlebt der für seine Strenge gefürchtete Kammergerichtsrat Fromm, der den Widerstandskämpfern hilft, da er sich der Idee der Gerechtigkeit verpflichtet fühlt.

Neben den beklemmenden Momenten, die bei diesem Stoff zwangsläufig sind, gab es für das Publikum auch heitere Szenen, so dass trotz des düsteren Titels Jeder stirbt für sich allein erstaunlich viel gelacht wurde.

Die Thalia-Produktion ist eine gelungene Theaterfassung von Falladas Roman, der erst in den vergangenen Jahren den verdienten, weltweiten Erfolg erlebte, als die ungekürzte Originalfassung neu herausgegeben wurde. Der Schriftsteller Primo Levi,
ein Überlebender von Auschwitz, nannte Falladas Roman „das beste Buch,
das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde."

Völlig misslungen ist hingegen Sebastian Hartmanns Annäherung an Leo Tolstois Epos Krieg und Frieden als Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Centraltheaters Leipzig mit Ex-Bravo-TV-Girlie Heike Makatsch in einer Gastrolle. Die Inszenierung schleppt sich ziellos dahin, bevor sie in Albernheiten und Kalauern versandet.

Das 50. Berliner Theatertreffen (3.-20. Mai 2013)

Jeder stirbt für sich allein (Thalia-Theater Hamburg)

Roman-Vorlage Jeder stirbt für sich allein

Krieg und Frieden (Centraltheater Leipzig/Ruhrfestspiele Recklinghausen)

Theatertreffen: Frankfurter „Medea“ mit archaischer Wucht

Die Kollegin bei Nachtkritik hat es schon am Premierenabend im April 2012 geschrieben: Michael Thalheimers Medea-Inszenierung am Frankfurter Schauspielhaus muss zum nächsten Berliner Theatertreffen eingeladen werden. Auch die Feuilletons von Stadelmeier in der FAZ bis zur taz waren unisono von der archaischen Wucht dieser Inszenierung begeistert.

Zur Eröffnung des 50. Berliner Theatertreffens machte das Festival sich und seinem Publikum das Geschenk, die Inszenierung auch im Berliner Festspielhaus an zwei Abenden (Freitag, 3. Mai und Samstag 4. Mai) zu zeigen, Medienpartner 3sat strahlte die Inszenierung am Samstag ebenfalls auf. Thalheimer und sein Team setzen ganz auf die Macht der Worte, Euripides Tragödientext hallt durch Olaf Altmanns fast leere Bühne, ohne Requisiten, Schnickschnack und psychologische Deutungen. Oft wurde Medea in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten symbolisch als Frau, die sich gegen männliche Herrschaftsverhältnisse wehrt, oder als Migratin, die in der fremden, feindlichen Umgebung ausgestoßen wird, gedeutet. Auch diese Interpretationen haben ihren Reiz, wie Christa Wolfs Roman Medea: Stimmen 1996 zeigte. Thalheimer geht bewusst einen anderen Weg und reduziert den Text auf seinen Kern.

Schon die ersten Minuten machen den Zuschauer neugierig auf den Ansatz dieser Inszenierung: eine Amme schleppt sich schlurfend in die Bühnenmitte und beklagt Medeas Schicksal, der Scheinwerfer zoomt nach oben und rückt Constanze Becker in der Titelrolle der Medea in den Mittelpunkt. Auf einer meterhohen Betonwand schreit und seufzt sie, krümmt sich in ihrem Leid. Statt des Zerrbilds einer rasenden Kindsmörderin, das manche mit Medea assoziieren, kann Constanze Beckers Medea aber auch ganz anders: in anderen Momenten hat sie sich im Griff und zieht eiskalt mit rationaler Raffinesse ihren Racheplan durch.

Zwei Höhepunkte prägen diesen Abend: Ganz langsam rückt die meterhohe Wand mit Medea auf ihrer Plattform Zentimeter um Zentimeter von der Bühnen-Rückwand zum Parkett vor und kommt Jason (Marc Oliver Schulze) und dem Publikum bedrohlich nah. Den Kindesmord setzt Thalheimer mit einer Videoinstallation, Piktogrammen und schrillen E-Gitarren-Klängen Bert Wredes, diesmal die einzige musikalische Untermalung, um.

Die Frankfurter Medea-Inszenierung war ein gelungener Auftakt der Jubiläums-Ausgabe des Berliner Theatertreffens und ist ähnlich beeindruckend wie Barbara Freys Inszenierung mit Nina Hoss in der Titelrolle am Deutschen Theater Berlin im Jahr 2007. Damals hatte das Deutsche Theater einen Spielzeit-Schwerpunkt auf antiken Tragödien, Michael Thalheimer und Constanze Becker überzeugten damals schon gemeinsam, als sie die Orestie nach Aischylos auf die Bühne brachten.

Das 50. Berliner Theatertreffen: 3.-20. Mai 2012

Medea am Frankfurter Schauspielhaus 

Jüdisches Filmfestival: Out in the dark

Zum Auftakt des Jüdischen Filmfestivals, das Anfang Mai zum 19. Mal in Berlin und Potsdam stattfindet, war im Kino Arsenal der bemerkenswerte Spielfilm Out in the dark zu sehen: Regisseur Michael Mayer und seine Co-Drehbuchautorin Yael Shafrir zeigen in ihrem Erstlingsfilm eine bisher weniger bekannte Facette des Nahost-Konflikts. Viele junge homosexuelle Palästinenser leben nach Medienberichten illegal in Israel und geraten zwischen die Fronten, da sie in der palästinensischen Gesellschaft nur versteckt lieben können, tauchen sie in Israel unter. Besonders kompliziert wird die Situation, wenn sie sich in einen Israeli verlieben, wie in diesem Fall der palästinensische Student Nimr (Nicholas Jacob, bisher Musiker, hier in seinem überzeugenden Leinwand-Debüt) in den Anwalt Roy (Michael Aloni).

Michael Mayer, der inzwischen in Los Angeles lebt, hat bei mehreren NGOs in Tel Aviv über das Problem dieser Paare recherchiert und aus den authentischen Fällen eine packende Handlung entwickelt, die zwischen Polit-Thriller und Liebes-Drama balanciert. Der Status dieser Beziehungen ist im Kampf um Passierscheine, Aufenthaltsgenehmigungen und legale Papiere fragil, in diesem Fall kommt dazu, dass der israelische Geheimdienst Nimrs Bruder auf die Schliche kommt, der für Terrorgruppen Waffen lagert und schmuggelt. 

Die Stärke des Films ist es, dass er die Konfliktlinien langsam entwickelt, bis sich ein undurchdringliches Netz entwickelt: Nimr wurde von seiner Familie verstoßen, auch Roys Eltern haben sichtliche Schwierigkeiten mit der Tatsache, dass ihr Sohn, der die Kanzlei übernehmen soll, ausgerechnet einen Palästinenser liebt. Dramatisch wird es, als der israelische Inlandsgeheimdienst Shabak seine Fühler nach den beiden ausstreckt und einen Erpressungsversuch startet, aber auch mafiöse Geschäftsverbindungen der Anwaltsfamilie ins Spiel kommen.

Ohne in Klischee oder Kolportage abzudriften macht der Film auf kaum bekannte Aspekte eines seit Jahrzehnten ungelösten Konflikts aufmerksam, sehr aufschlussreich war das Publikumsgespräch, das von Radio eins-Kritiker Knut Elstermann unterhaltsam moderiert wurde. Nicht nur beim renommierten Filmfestival in Toronto, sondern auch in Haifa wurde Out in the dark mit großem Interesse aufgenommen und mit Preisen ausgezeichnet. Vor allem in Tel Aviv läuft er seit dem Kinostart im Februar mit überraschendem Erfolg.

In Deutschland wird Out in the dark außerhalb des Jüdischen Filmfestivals ab 9. Mai vom Pro Fun-Verleih in die Kinos gebracht werden.

Das Jüdische Filmfestival wird unter der Schirmherrschaft von Margarita Broich und Christian Berkel bis zum 12. Mai neben Out in the dark noch weitere sehenswerte Filme im Programm haben. Wer Dror Morehs Dokumentation The Gatekeepers im März bei arte und ARD verpasst hat, konnte die Interviews der sechs Chefs des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet am 3. Mai mit einer Einführung von Sylke Tempel, Chefredakteurin des Fachmagazins Internationale Politik, erleben. Die Geheimdienst-Männer artikulieren in erstaunlicher Offenheit ihre Zweifel an der israelischen Politik in den besetzten Gebieten und an gezielten Tötungen von Terrorverdächtigen. The Gatekeepers war deshalb auch ein heißer Anwärter auf den Oscar für den besten ausländischen Film.

Das Jüdische Filmfestival: 29. April – 12. Mai

Out in the dark: Kinostart 9. Mai 

Sehenswertes Autorenkino: „Die Jagd“ und „Paradies: Glaube“

Seit Ende März laufen zwei sehenswerte Filme renommierter europäischer Autorenfilmer in den deutschen Kinos, die bereits im vergangenen Jahr auf den Filmfestivals in Cannes und Venedig mit Kritikerlob und Jury-Preisen ausgezeichnet wurden.

Der Däne Thomas Vinterberg machte 1998 mit dem Missbrauchs-Drama Das Fest über einen Patriarchen auf sich aufmerksam, der auf seiner Geburtstagsfeier vor der versammelten Verwandtschaft von seinem Sohn mit den jahrzehntelang unter den Teppich gekehrten Vorwürfen konfrontiert wird. Mit seinem neuen Film Die Jagd kehrt er zu diesem brisanten Thema zurück. Diesmal wechselt er jedoch den Blickwinkel: Lucas arbeitet als Erzieher in einem Kindergarten und wird zu Unrecht des Missbrauchs beschuldigt. In den ersten Sequenzen des Films sieht man, wie gut er mit den Kindern umgehen kann und wie er nach der Trennung von seiner Frau und einem früheren Jobverlust langsam wieder Tritt fasst. Klara, die kleine Tochter eine Freundes, fühlt sich eines Tages von ihm gekränkt und löst mit einer zweideutigen Bemerkung eine Lawine aus. Die Leiterin des Kindergartens ist zurecht alarmiert und geht dem Vorwurf des Missbrauchs nach, die Situation spitzt sich zu, als Klara unter dem Druck der Fragen der Erwachsenen eine Missbrauchsgeschichte erfindet. 

In dem kleinen Ort wird Lukas zum Geächteten: Er verliert die Stelle im Kindergarten, seine Freunde wenden sich von ihm ab. Als Klara zurückrudert und den Vorfall als erfunden bezeichnet, ist die Lage so verfahren, dass ihr niemand mehr glaubt. Thomas Vinterberg gelang ein beklemmendes Drama über einen Mann, der in eine ausweglose Situation gerät, herausragend dargestellt von Mads Mikkelsen, der dafür in Cannes als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. "Egal, was Lucas tut, ob er schweigt, seine Unschuld beteuert oder wütend wird, es scheint, als ziehe sich die Schlinge um seinen Hals immer weiter zu", heißt es treffend im Programmheft.

Manche Rezensionen warfen Vinterberg vor, dass er das Thema Missbrauch verharmlose. Dieser Vorwurf ist ungerecht, wenn mein sein Werk betrachtet: Lange vor der Debatte um die Fälle in meist katholischen Internaten wies er schon Ende der 1990er im oben erwähnten Film auf die blinden Flecken unserer Gesellschaft hin. Auch Die Jagd ist nicht auf billige Stimmungsmache aus, sondern widmet sich seinem schwierigen Stoff behutsam.

Für gesellschaftliche Kontroversen ist auch der zweite Regisseur gut, der in diesem Beitrag beleuchtet werden soll: Der Österreicher Ulrich Seidl arbeitete in den vergangenen Jahren an seiner Paradies-Trilogie. Der letzte Teil Paradies: Hoffnung wurde hier bereits anlässlich seiner Weltpremiere auf der Berlinale 2013 beleuchtet. Überzeugender als dieser Film ist jedoch der mittlere Teil der Trilogie Paradies: Glaube, der im vergangenen Jahr beim Filmfestival in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde.

Auch dieser Film lebt von seiner genauen Beobachtungsgabe, seinem Gespür für eine gelungene Dramaturgie und einer exzellenten Hauptdarstellerin: Maria Hofstätter spielt eine Krankenschwester, die ihr Leben der Madonnen- und Jesusverehrung verschrieben hat und in Wien für ihren Glauben missioniert. Gnadenlos zeigt der Film, wie sich die Frau immer tiefer in ihren religiösen Fundamentalismus hineinsteigert, sich selbst kasteit, in Wohnzimmern Rentnerpaaren und Sozialhilfeempfängern ihr sündiges Leben vorwirft und in der zweiten Hälfte des Filmes mit ihrem muslimischen, nach einem Unfall querschnittsgelähmten Ex-Mann einen zermürbenden Kleinkrieg führt. Der bittere Humor und der scharfe Blick dieses gelungenen Gesellschaftsporträts werden in Erinnerung bleiben. Paradies: Glaube beruht auf einer wahren Begebenheit, auf die Seidl bei der Arbeit an seiner Dokumentation Jesus, Du weißt im Jahr 2003 stieß.

Paradies: Glaube startete am 21. März in den Kinos.

Die Jagd ist seit 28. März zu sehen.

Bemerkenswerte Preisträger zwischen Baby Blues und Act of Killing

Die Berlinale-Jury hatte keinen einfachen Job, zu viel Mittelmaß war im Wettbewerb. Ihre Entscheidungen, das rumänische Drama Pozitia Copilului/Child´s pose mit dem Goldenen Bären auszuzeichnen und Jafar Panahi für das beste Drehbuch einen Silbernen Bären zu verleihen, sind vertretbar. Die Qualität von anderen Werken aus Rumänien, die auf internationalen Festivals reüssierten, wie Cristian Mungius Beyond the hills, der für die Oscars nominiert ist und beim Festival in Cannes vergangenes Jahr ausgezeichnet wurde, kann Berlinale-Sieger Child´s pose jedoch bei weitem nicht erreichen.

Eindeutiger waren die Entscheidungen in den wichtigsten Nebenreihen: Joshua Oppenheimers bemerkenswerter The Act of Killing war der Favorit der Kritiker und absoluter Publikumsliebling, so dass sich die Besucher am Abschluss-Wochenende sogar auf den Treppenabsätzen drängten. In diesem besten Film aus der Reihe Panorama Dokumente prahlen alte Männer damit, dass sie 1965 mit den berüchtigten paramilitärischen Einheiten der Pancasila Youth mehr als eine Million Menschen als Regimefeinde und vermeintliche Kommunisten liquidiert und ganze Dörfer abgebrannt haben. Bis heute blieben sie straflos, da ihre Taten von mächtigen Seilschaften in der indonesischen Regierung gedeckt werden. Triumphierend weisen die Männer darauf hin, dass eben die Sieger die Geschichte schreiben. Joshua Oppenheimer, der in Harvard ausgebildet wurde, sich mit seinen Dokumentarfilmen ganz auf Milizen und Todesschwadronen konzentriert und mittlerweile die Forschungsgruppe Genozide and Genre des britischen Arts and Humanities Research Council leitet, überredete Anwar Congo und Herman Koto, ihre Massaker für die Kamera nachzustellen. Anders als in den eingefahrener Mustern typischer Polkt-Dokumentationen überzeugt der Film sowohl inhaltlich als ästhetisch, überraschend ist vor allem das Ende: zumindest einer der Täter, die eben noch stolz prahlten, scheint erstmals Reue für seine Verbrechen zu spüren, als er sie Jahrzehnte später nachspielt.

Neben dem Goldenen Bären ging auch der Gläserne Bär für den Sieger in der Jugend-Sektion Generation 14 plus nach Mittel- und Osteuropa: Baby Blues des polnischen Nachwuchstalents Kasia Roslaniec war der herausragende Film dieser Reihe. Dieses Sozialdrama über zwei Teenager, die obwohl sie selbst noch Kinder sind, ein Baby bekommen, beeindruckt durch seinen schonungslosen Blick. In dieser Härte liegt aber auch das Problem des Films: Ist er für die Zielgruppe der 14- bis 17Jährigen zu empfehlen oder nicht doch eher für ein erwachsenes Publikum geeignet? Roslaniec, die bei Altmeister Andrzej Wajda studiert hat und in Polen mit ihrem Abschlussfilm Mall Girls die Kinocharts anführte, gelang ein beeindruckender Blick in dysfunktoniale Familienstrukturen, die sich quer durch die Generationen ziehen. Ihre Filmsprache ist von harten Schnitten geprägt, absehbar ist, dass die Hauptfigur Natalia mit ihrem Skaterfreund Kuba kein gutes Ende erleben wird.

Roslaniecs Baby Blues hat einige Parallelen zu Malgoska Szumowskas W imie/In the name of, der bei der Bären-Verleihung am Samstag zwar leer ausging, aber bei der Verleihung der Teddy Awards am Freitag der strahlende Sieger war. Das Drama um den polnischen Priester, der sich seine Homosexualität eingestehen muss und in Konflikt mit der konservativen Amtskirche gerät, gewann sowohl den Leserpreis der Siegessäule als auch den Spielfilm-Hauptpreis der Teddy-Jury. Bei seiner 27. Auflage hat sich die Teddy-Verleihung längst zu einem vielbeachteten Event entwickelt, das von rbb und arte zeitversetzt ausgestrahlt wurde. Auch politische Prominenz von Renate Künasts über Hamburgs ehemaligen Bürgermeister Ole von Beust bis zu einem beim Grußwort ausgepfiffenen Schirmherrn und Regierenden Bürgermeister auf Abruf Klaus Wowereit durfte nicht fehlen. Die Preisverleihung fand am Gleisdreieck in einem stillgelegten Bahnhofsgelände aus der Kaiserzeit statt und bot eine gelungene Mischung aus politischem Anspruch (Gastrede von Human Rights Watch), der Präsentation der Preisträger-Filme und künstlerischer Untermalung durch die Berliner Band Laing und den kanadischen Songwriter Rufus Wainwright.

Nach der Durststrecke Interessantes aus Iran und Hollywood

Was hat ein Film mit Til Schweiger auf einem ernstzunehmenden Festival verloren? Über diese und ähnliche Fragen wurde zwei Tage lange auf der Berlinale gegrübelt, während im Wettbewerb das Mittelmaß regierte. Erst am Dienstag standen wieder zwei bemerkenswerte Filme im Berlinale-Palast auf dem Programm: 

Zu den Höhepunkten des Wettbewerbs zählen fast jedes Jahr die Beiträge aus dem Iran. Diesmal ist Pardé (Closed Curtain) von Jafar Panahi ein Anwärter auf die Bären. Sein Film funktioniert auf zwei Ebenen: Zunächst wähnt sich der Zuschauer in einem klaustrophobischen Drama. Ein Mann schottet sich in seiner Villa ab, zieht alle Vorhänge zu und achtet panisch darauf, dass sein Hund nicht entdeckt wird, da diese in seinem Land mittlerweile als "unreine Tiere" verboten sind. Plötzlich tauchen ein Mann und eine Frau auf, die auf der Flucht vor Polizei oder Sicherheitskräften in sein Haus eindringen. Unschwer lässt sich erkennen, dass der regimekritische Regisseur mit dieser Parabel auf die Zustände unter dem iranischen Mullah-Regime anspielt. Nach einer Stunde tut sich aber eine zweite Ebene auf: Das bisherige Geschehen entpuppt sich als Film im Film, der Regisseur tritt selbst auf die Leinwand und wird von seinen Figuren beim Schreiben und in seinem Alltag beobachtet. Seit seinem bemerkenswerten Film Offside, der 2006 einen Silbernen Bären gewann, häuften sich Panahis Schwierigkeiten mit dem Regime. Ein Gericht verurteilte ihn zu Hausarrest und Ausreiseverbot, er konnte nur unter schwersten Bedingungen weiterarbeiten. Diese prekären Arbeitsbedingungen thematisiert Panahi in seinem neuesten Film, den er trotz Berufsverbots heimlich mit Kamboziya Partovi drehte. Da einige Passagen der mehrdimensionalen Handlung auf den ersten Blick unzugänglich waren, erntete der Film neben freundlichem Applaus auch einige Buh-Rufe. Dennoch ist es lohnenswert, dieses neue Werk eines der wichtigsten iranischen Regisseure anzusehen und sich mit seinen politischen und cineastischen Botschaften zu befassen.

Mit Spannung wurde auch der neue Film von Steven Soderbergh erwartet, der ebenfalls schon häufiger auf der Berlinale zu Gast war: Side Effects beginnt als zunächst recht zäher Film über die Behandlung mit Antidepressiva inklusive psychiatrischer Fachdiskurse zweier Hollywoodstars (Jude Law als Dr. Banks, Catherine Zeta-Jones als Dr. Siebert). Daraus entwickelt sich eine raffinierte Thriller-Handlung, die sich in Seitensträngen mit dem Insiderhandel an Börsen und Korruption in der Pharmabranche beschäftigt. Manche Wendungen des Plots wirken allerdings etwas zu gewagt und sehr konstruiert. Unter dem Strich gelang Soderbergh ein unterhaltsamer Genre-Film, der zwar nicht an frühe Meisterwerke heranreicht, aber stärker ist als manche seiner Flops wie z.B. Haywire im vergangenen Jahr.

Zumindest einige gute Ansätze waren in Calin Peter Netzers rumänischem Wettbewerbsbeitrag Pozitia Copilului (Child´s pose) zu konstatieren. Luminita Gheorghiu spielt eine vermögende Frau, die wie eine Löwin und zugleich skrupellos darum kämpft, dass ihr Sohn straflos davon kommt, obwohl er bei viel zu hoher Geschwindigkeit ein Kind totgefahren hat. Die Grundidee des Drehbuchs, an dem der junge Regisseur auch selbst mitgeschrieben hat, ist vielversprechend, starke Szenen und Dialogen wechseln sich mit schwächeren Passagen ab, denen eine stärkere Komprimierung gutgetan hätte. Überzeugend thematisiert der Film das Phänomen der Korruption: Mit Pelzmantel, protzigen Ringen und besten Beziehungen zu den Reichen und Mächtigen will sich die Hauptdarstellerin Falschaussagen von Zeugen zu kaufen, bei der Polizei hat sie recht leichtes Spiel, erst bei den Eltern des getöteten Kindes beißt sie auf Granit. Zu Gianna Nanninis Song Meravigliosa creatura bricht sie am Ende in Tränen aus.

Starker Auftakt zum Bären-Wettbewerb

Berechtigte Kritik hagelte es in den vergangenen Jahren für zweifelhafte und uninteressante Beiträge im prestigeträchtigen Wettbewerb um die Goldenen Bären. Deshalb ist es erfreulich, dass der 2013 sehr vielversprechend begann, unter den ersten Beiträgen gab es keinen Totalausfall, sondern einige bemerkenswerte Filme.

Höhepunkt des ersten Wochenendes war Gus van Sants Öko-Polit-Drama Promised Land, das ein brisantes politisches Drama auf ansprechendem künstlerischem Niveau verhandelt. Der Film packt ein heißes Eisen an: Die Obama-Administration setzt auf eine neue Methode zur Energiegewinnung. Um unabhängig von den Öl-Reserven aus Irak oder Saudi-Arabien zu werden, wird massiv in die Fracking-Technologie investiert. Über die Risiken des Aufbrechens von Schieferschichten wird auch zwischen Rot-Grün und Schwarz-Gelb in Deutschland seit einiger Zeit diskutiert, Bürgerinitiativen und Umweltverbände bezogen mit Transparenten vor dem Berlinale-Palast Position.

Matt Damon, der auch Co-Produzent des Films ist und am Drehbuch mitgeschrieben hat, spielt die Hauptrolle des aufstrebenden Steve Butler, der im Auftrag des fiktiven Global-Konzerns im Mittleren Westen der USA Farmland aufkaufen soll. Gemeinsam mit seiner schrulligen Assistentin Sue Thomason (gespielt von Frances McDormand, die vor allem aus den Filmen der Coen-Brüder bekannt ist) macht er sich daran, den verarmten Bauern ihre Grundstücke zu Spottpreisen abzuluchsen. Der Film überzeugt durch seinen subtilen Humor und seine doppelbödige Handlung, die sich im Lauf des Dramas entspinnt.

Sehenswert ist auch Malgoska Szumowskas W imie (In the name of), der in Polen bereits für heftige Kontroversen führte. Konservative, katholische Milieus empören sich über die Darstellung des Priesters Adam, der in einem kleinen Dorf mit schwer erziehbaren Jugendlichen arbeitet und sich seine Homosexualität eingestehen muss. In dicht inszenierten Momenten zeigt Szumowaska das Ringen ihrer Hauptperson und das hilflose Lavieren des Bischofs. Überzeugend ist vor allem ihre einfühlsame Musikauswahl, mit der sie ihren Film begleitet.

Ulrich Seidl erreicht zum Abschluss seiner Paradies-Trilogie zwar nicht mehr das Niveau der ersten beiden Teile, die auf den Festivals in Cannes und Venedig liefen. Sein bitterböser Blick auf ein Diätcamp für Jugendliche hat aber dennoch den erfrischenden Biss, der viele neue österreichische Filme auszeichnet. Obwohl Paradies: Hoffnung kein Favorit auf die Bären ist, lohnt es sich, ihn anzusehen.

Interessantes war zum Start ins Wochenende auch in den Nebenreihen zu sehen. Zur Eröffnung der Perspektive Deutsches Kino überzeugte Stephan Lacants SWR-Koproduktion Freier Fall. Die Handlung war in ähnlichen Varianten schon häufiger auf Leinwänden zu sehen. Zwei Polizisten entdecken, dass es zwischen ihnen knistert. Marc (Hanno Koffler) verdrängt die Entscheidung zwischen seiner Kleinfamilie mit Bettina (Katharina Schüttler) und der Affäre mit Kay (Max Riemelt), bis er den Boden unter den Füßen verliert. Die beeindruckenden Leistungen der drei jungen Hauptdarsteller, die schon in früheren Kino- und Theaterrollen überzeugten, tragen diesen Film. Wunderbar ist auch Maren Kroymann in ihrer kleinen Rolle als Marcs Mutter.

Politisch engagiert ist der Panorama-Spielfilm Rock the Casbah von Yariv Horowitz. Er schildert, wie hilflos junge israelische Wehrpflichtige der Gewaltspirale im Nahost-Konflikt ausgeliefert sind, und verarbeitet darin seine Erlebnisse, als er 1989 in den palästinensischen Gebieten eingesetzt wurde. Leider hat das Thema seitdem nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Seinem temporeichen und ästhetisch gefilmten Beitrag merkt man an, dass sich Horowitz bisher auf Musikvideos und Werbeclips konzentrierte. Sein Film versucht gar nicht erst, die politischen Hintergründe des Konflikts zu analysieren, sondern konzentriert sich ganz auf die recht gelungene Schilderung dieser Extremsituation und wie die jungen Soldaten damit umgehen. Der titelgebende Song von The Clash ertönt aus einem Radio auf dem Dach eines Hauses in Gaza, wo die israelische Armee ihren Posten bezogen hat.

Die Bildrechte liegen bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin. 

Zwiespältige Eröffnung zwischen Langeweile und Krisendrama


Wong Kar Wai
ist sicher ein würdiger Jury-Präsident für die 63. Berlinale. Er hat die internationalen Festivals als Regisseur und Drehbuchautor in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereichert und maßgeblich dazu beigetragen, dass Hongkong ein interessanter Farbtupfer auf der Landkarte des Weltkinos ist. So weit, so gut. Bei ihrer Entscheidung, zur Eröffnungsgala gleich noch den neuesten Film des Jurypräsidenten zu zeigen, bewiesen die Berlinale-Chefs allerdings kein gutes Gespür.

The Grandmaster (im Original Yi dai zong shi) entpuppt sich als recht zäher Genre-Mix aus Melodram und Martial Arts-Film. Die Eröffnungsszene ist schön choreografiert und gefilmt, bei strömendem Regen wirbeln die kämpfenden Körper artistisch durch die Luft. Aber schon nach zehn Minuten fallen meinem Sitznachbarn die müden Augen zu. Aus seinem verdienten Mittagsschläfchen wird er leider in regelmäßigen Abständen herausgerissen, weil entweder neue Unruhe entsteht, als sich frustrierte Kinobesucher durch die engen Reihen zum Ausgang schieben oder weil auf der Leinwand nach blutleeren Dialogen wieder lautes Kampfgeschrei losbricht. 

Zwar auch kein filmästhetischer Meilenstein, aber eine lohnenswerte, sehr subjektive Momentaufnahme aus Griechenlands Schuldenkrise ist I Kóri (Die Tochter) von Thanos Anastopoulos, von dem man bisher in Deutschland kaum etwas gehört oder gesehen hat. In einem aufrüttelnden Rachedrama entführt die 14-jährige Myrto den kleinen Sohn eines Geschäftspartners ihres Vaters. Der Film zeichnet ein realistisches Bild der prekären Lage in Griechenland: Die Schreinerei von Myrtos Vater steht vor dem Ruin, er ist vor dem Schuldenberg geflohen, die Mutter vergnügt sich mit ihrem neuen Lover. In kurzen Sequenzen werden einige Aspekte der Misere in die fiktionale Handlung eingebaut: die Schwarzarbeit, die Korruption, die wütenden Protestdemonstrationen. Vor diesem Hintergrund spielt sich ein Thriller ab, der handwerklich solide erzählt wird. Myrto sucht einen Sündenbock für die ausweglose Lage, "die Krise schickt ihre Kinder ins moralische Niemandsland", bringt es Bernd Buder im Programmheft auf den Punkt. 

Das Publikum folgte dieser Erzählung aus der Schulden- und Gewaltspirale, die viel Stoff für Diskussionen bietet, sehr still und aufmerksam. Dieser Film ist in der Reihe Forum des internationalen jungen Films zu sehen.

Enttäuschend war auch der Eröffnungsfilm des Panorama: Chemi sabnis naketsi des Georgiers Zaza Rukadze ist ein belangloses Erstlingswerk. Die spannendste Frage ist, warum er überhaupt ins Festivalprogramm genommen wurde. Liegt es daran, dass der Regisseur früher Mitarbeiter der Berlinale war?

Maledivas „Schnee auf Tahiti“

Malediva haben mal wieder in ihr Wohnzimmer, das tipi am Kanzleramt, eingeladen, um ein neues Programm einzuladen. Wirklich neu ist Schnee auf Tahiti nicht: Die Dialoge und liebevoll arrangierten Lieder sind natürlich frisch aus Florian Ludewigs Feder, der Tetta Müller und Lo Malinke seit Jahren begleitet.

Ansonsten kommt dem Publikum aber vieles bekannt vor: Die Idee, vor dem Konsumstress, dem Besuch der lieben Verwandten und der allgegenwärtigen Weihnachtsstimmung zu fliehen, kennen wir schon aus ihrem Lebkuchen-Programm. Dieses Original ist – wie sooft – auch lustiger und vielseitiger als die aktuelle Kopie. 

In allen Variationen kennt man auch die bissigen Bemerkungen und Sticheleien, mit dem sich das Paar seit Jahren auf den Bühnen traktiert. Hier wurde auch wenig Überraschendes und Neues zu dem bekannten Strickmuster hinzugefügt.

Ärgerlich war, dass ein Gag fast komplett aus einem früheren Programm kopiert war: die beiden Kleinkünstler qualmen mal wieder demonstrativ auf der Bühne herum und lästern dabei über die Raucher im Saal, die aus Brandschutz- und Nichtraucherschutzgründen ihrer Sucht nicht nachgehen dürfen.

Bei Schnee auf Tahiti handelt es sich um einen schwächeren Abend im sehenswerten Gesamtwerk Maledivas. Die passionierten Fans bekommen die erwartete, leider etwas routinierte Dosis an giftigen Pärchen-Zickereien und Chansons. Das nächste Programm hat aber hoffentlich wieder mehr Esprit zu bieten.

Malediva

Das tipi am Kanzleramt

„Geschlossene Gesellschaft“ – Fotografie aus der DDR

Auf sehr großes Publikumsinteresse stößt die Ausstellung Geschlossene Gesellschaft in der Berlinischen Galerie: Kurator Ulrich Domröse, der schon in den 80ern Jahren erste Werke sammelte und selbst DDR-Bürger war, stellte einen hoch interessanten Überblick über die wichtigsten Fotografen im real existierenden Sozialismus zusammen.

Die Fotografie bekam – vor allem vor den 80er Jahren –  weniger öffentliche Aufmerksamkeit als Film, Theater oder Literatur. Deshalb blieben die Künstler weitgehend von Zensur verschont. Dementsprechend lässt sich aus vielen Bildern eine subtile Kritik herauslesen. Die Enge der Verhältnisse ist ein dominierendes Sujet. Beispielhaft zeigt das bereits das Plakatmativ der Frau in Rot, die Erasmus Schröter 1985 in Leipzig herausgelesen hat. Er spielt geschickt mit den Perspektiven und dem Kontrast, den eine attraktive Frau vor einem Blumenbeet mit der Asphaltwüste bildet, die wie abgeschnitten direkt hinter ihrem Kopf beginnt. Noch deutlicher empfinden die Besucher diese Kritik an der Tristesse der herrschenden Verhältnisse beim Foto der wartenden Frau im Sommerkleid an einem Busbahnhof am Müggelsee. Viele Fotos vor allem aus der Endphase der DDR reflektieren eine erstarrte Gesellschaft, die Menschen wirken wie in einer Warteschleife gefangen.

Bekannte Namen wie Sibylle Bergemann sind wiederzuentdecken. Ihre Aufnahmen aus Erichs Lampenladen, dem Palast der Republik, lassen die üppige Beleuchtung an der Saaldecke wie Sterne wirken. Auch hier weckt die Kunst Assoziationen zu den Beschränkungen des Horizonts und der Freiheit.

Der letzte Saal der Ausstellung ist den Experimenten gewidmet. Einige Avantgardisten nutzten die Freiräume für die in der DDR unterschätzte Kunstgattung Fotografie und setzten zum Beispiel bei einer Kunst-Aktion, die während einer Vorführung im repräsentativen Kino International stattfand, einen Mann in Szene, der schreiend aufspringt, während seine Umgebung gebannt mit 3D-Brillen weiter auf die Leinwand starrt.

Die Ausstellung Geschlossene Gesellschaft wurde am 5. Oktober 2012 eröffnet und ist noch bis 28. Januar 2013 zu sehen. Das Rahmenprogramm bietet Lesungen (Max Riemelt liest Thomas Brasch) und Filmvorführungen (z.B. Paul und Paula oder Solo Sunny).

Die Ausstellung Geschlossene Gesellschaft in der Berlinischen Galerie