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In die Enge getrieben: Starkes iranisches Theater – „Hearing“ zu Gast beim FIND-Festival der Schaubühne

Dieser Abend ist ein Tribunal. Zwei verschleierte Mädchen stehen unter Rechtfertigungsdruck: in der Silvesternacht will jemand Männerstimmen im Studentinnen-Wohnheim gehört haben.

Das wäre hierzulande nicht weiter der Rede wert, hätte aber vor wenigen Jahrzehnten sicher auch im spießigen Klima der Adenauer-Jahre für Empörung gesorgt. Im Iran löst der angebliche Männerbesuch im Frauen-Wohnheim auch heute noch einen handfesten Skandal.

Es gibt nur ein anonymes Schreiben und viel Hörensagen. Genug Stoff für Klatsch und Tratsch. Shamaneh (Zeugin) und Neda (Beschuldigte) werden vorgeladen – zunächst einzeln, dann als Gegenüberstellung.

Sie stehen verloren auf der fast völlig dunklen Bühne, während die Fragen der Heimvorsteherin in schneidendem Ton auf die beiden Mädchen niederprasseln. Sie feuert ihre Anschuldigungen und Nachfragen auf Farsi so schnell ab, dass Publikum kaum mit dem Lesen der Übertitel hinterherkommt.

Die Anklägerin sitzt mitten im Publikum und macht deutlich, dass es ihr vor allem um ihr persönliches Schicksal geht. Sie hat sich jahrelang hochgedient und erst vor kurzem das Vertrauen erarbeitet, dass sie während der Feiertage die Schlüsselgewalt für das Wohnheim bekam. Dementsprechend bangt die Anklägerin dieses “Hearings” darum, ihre Machtposition sofort wieder zu verlieren.

Auch während der 70 Minuten wird der Fall nicht aufgeklärt, die Vorwürfe stehen nach wie vor unbewiesen im Raum, treiben aber die Beschuldigte in den Suizid. Das erfahren wir im Schlussteil, der das hohe Niveau der Aufführung leider nicht ganz halten kann: Hektisch schwirren die Schauspielerinnen mit Head-Kamera durch das Keller-Labyrinth und über den Vorplatz der Schaubühne am Lehniner Platz – das ist ein Bruch mit den sehr präzise gespielten Dialoge der ersten Stunde und man wähnt sich nun eher an Castorfs Volksbühne.

Trotz dieser Schwäche ist “Hearing” ein sehenswertes Gastspiel der Mehr Theatre Group aus dem Iran. Regisseur Amir Reza Koohesani und seine vier Schauspielerinnen beschreiben sehr eindringlich, wie die beiden Mädchen von der systemtreuen Sittenwächterin in die Enge getrieben werden.

Diese Studie über die Mechanismen eines autoritären Regimes unterstreicht, wie lebendig und kritisch die Kunstszene im Iran ist. Es ist immer wieder überraschend, mit welch starken Auftritten sich das iranische Kino trotz Zensur und Strafverfolgung bei der Berlinale, in Cannes oder beim “Around the World in 14 films”-Festival präsentiert. Mit diesen Künstlern ist der Regisseur Amir Reza Koohestani eng vernetzt: Er war beispielsweise Co-Autor von “Modest Reception”, das 2012 im Forum der Berlinale lief.

“Hearing”, das am 13. und 14. April 2014 als ein Höhepunkt beim FIND-Festival gastierte, fügt sich nahtlos in die Reihe sehenswerter Einblicke in die heutige iranische Gesellschaft ein.

Ende des Arabischen Frühlings: „The Trip“ und „Last Supper“ beim FIND-Festival der Schaubühne

Die ersten beiden Abende des Festivals für internationale neue Dramatik an der Schaubühne erzählen vom Scheitern des arabischen Frühlings.

“The Trip” von Anis Hamdoun endet mit den Stimmen seiner toten Freunde im Kopf von Ramie. Vor fünf Jahren gingen sie gemeinsam in Homs auf die Straße: Der Funke der “Arabellion”, die im Dezember 2010 in Tunesien begonnen hatte, sprang auch auf Syrien über. Die Gelegenheit schien günstig, den Aufstand gegen den verhassten Diktator Baschar Assad zu wagen.

Das Ergebnis ist bekannt: ein Bürgerkrieg mit Hunderttausenden Toten und mehr als 10 Millionen Menschen auf der Flucht. Einer von ihnen ist Anis Hamdoun, der Regisseur und Autor des Kurzdramas “The Trip”, den die Süddeutsche Zeitung vor kurzem porträtiert hat. Nachdem er im Krieg ein Auge verloren hat, kam er vor drei Jahren nach Osnabrück. Dort brachte er den kurzen, nur 40minütigen Abend im September 2015 beim “Spieltriebe”-Festival erstmals auf die Bühne.

Im kleinen Studio am Lehniner Platz geht ein Effekt verloren: die Hauptfigur Ramie (Patrick Berg) kann hier die Zuschauerreihen nicht umkreisen. Im Zentrum von “The Trip” steht aber ohnehin der intensiv vorgetragene Text.

“The Trip” erzählt von den Schwierigkeiten, im fremden Land anzukommen: in Homs war man jemand, hier muss man bei Null anfangen. Noch schlimmer sind die quälenden Erinnerungen an die toten Freunde und ihre Folter in Assads Gefängnissen.

Diese Bilder und Stimmen im Kopf quälen Ramie. Sie verdichten sich im Lauf des Abends zu einem bedrohlichen Klangteppich. Vor ihnen gibt es kein Entkommen, höchstens kurze Momente des Eskapismus: der Abend beginnt und endet mit einem Monolog über Käsesorten.

Weniger überzeugend war das ägyptische Gastspiel “The Last Supper” von Ahmed El Attar: die Mitglieder einer Familie aus der Oberschicht von Kairo, die beim Militär und als Unternehmer Karriere gemacht haben, treffen sich beim Patriarchen zum Abendessen.

Die Damen sind damit beschäftigt, sich die Nägel zu lackieren und den neuesten Klatsch auszutauschen. Die Herren palavern bei Zigarren und Zigaretten über ihre neuen Geschäftsideen und behandeln ihre Dienstboten mit Verachtung. Alle zusammen haben nur ein Problem: Wie sehen wir auf den Instagram-Selfies möglichst gut aus?

Die Tahrir-Revolution haben diese Herrschaften einfach ausgesessen. Die alten Eliten haben sich – beschützt von General al-Sisi – längst wieder gemütlich eingerichtet.

Dieses Porträt der ägyptischen Oberschicht dauert zwar nicht mal eine Stunde, hat aber damit zu kämpfen, dass die bewusst seichten Dialoge der narzisstischen Figuren auf die Dauer langweilen.

Das komplette Programm des FIND-Festivals

„Kaspar“ am Berliner Ensemble: Sprachgewitter und Möbel-Chaos im Pavillon

Als Claus Peymann damals, im Mai 1968, bei der Uraufführung von Peter Handkes Kaspar Regie führte, verließen viele Zuschauer schon nach zehn Minuten das Frankfurter Theater am Turm, wie die ZEIT notierte. Die Rolle als Unruhestifter und Rebell pflegt er bis heute, wie er erst vor kurzem mit seinem wutschnaubenden Offenen Brief an die Berliner Kulturbürokratie unter Beweis stellte, den er wie im klassischen Drama vom Boten im Roten Rathaus abgeben ließ.

Die Wiederaufführung von Handkes Frühwerk im Pavillon seines Berliner Ensembles überließ der Intendant Peymann jedoch Sebastian Sommer. Diesmal ging auch niemand vorzeitig, aber die 90 Minuten waren nicht nur für den Hauptdarsteller Kaspar (Jörg Thieme), sondern auch für die Zuschauer anstrengend. Dafür sorgt der Chor aus sechs Einflüsterern, die sich unter das Publikum gemischt haben und hysterisch wie Jürgen Klopp in seinen schlechtesten Zeiten von der Seitenlinie auf den armen Kaspar in seinem chaotisch aufgetürmten Verhau aus Tischen und Stühlen einbrüllen.

In den 90 Minuten passiert wenig mehr als die schrittweise Wandlung des Hauptdarstellers vom naiven, überfordert Stammelnden im Unterhemd, der vergeblich nach Orientierung sucht und zunächst nur einen Satz beherrscht, zu einem akzeptierten, adrett gekleideten Mitglied der Gemeinschaft: Unter monotonen, an den Nerven zerrenden „Ordnen. Stellen. Legen. Setzen. Stellen. Ordnen. Legen. Setzen. Legen. Stellen. Ordnen. Setzen“-Befehlen sortiert er den Möbel-Berg zu einer ordentlichen Tafel, an der neben dem Schauspieler-Chor und der Souffleuse auch große Teile des Publikums Platz nehmen müssen.

Leider bleibt dieser Abend eine Fingerübung auf der Nebenspielstätte. In mehreren Kritiken wurde zurecht beklagt, dass nicht erkennbar ist, warum das BE dieses weithin vergessene Stück wieder auf die Bühne brachte. Es wäre spannender gewesen, den sprachgewitternden Text darauf abzuklopfen, was er uns heute, Jahrzehnte nach seiner Entstehung, noch sagen hat. Doch der Abend „kommt nicht so recht im Heute an“, wie Esther Slevogt in ihrer Nachtkritik monierte, so dass er der gesellschaftsdiagnostische Ertrag überschaubar bleibt, wie Christine Wahl im Tagesspiegel feststellte.

Kaspar von Peter Handke. – Regie: Sebastian Sommer. – Mit: Jörg Thieme, Claudia Burckhardt, Ursula Höpfner-Tabori, Boris Jacoby, Nadine Kiesewalter, Marko Schmidt, Thomas Wittmann. – Premiere im BE-Pavillon: 21. Februar 2015. – Ca. 90 Minuten ohne Pause

„Wir sind die Neuen“: bissige Generationenclash-Komödie

Trotz der hochsommerlichen Temperaturen sollte man Ralf Westhoffs Komödie Wir sind die Neuen nicht verpassen, die zurecht sehr positive Pressekritiken bekam. Der Regisseur und Drehbuchautor Westhoff, der schon in seinem Debütfilm Shoppen (über Speed-Dating) sein Gespür für messerscharfe Dialoge bewies, lässt in seinem dritten Kinofilm Alt-Hippies aus den 70ern auf karrieristische Jung-Spießer treffen.

Für seine pointierten Wortgefechte hat er ein starkes Sextett ausgewählt, allen voran Gisela Schneeberger, die nach ihren großen Erfolgen an der Seite von Gerhard Polt mittlerweile viel zu selten zu erleben ist. Sie spielt die Biologin Anne, die im schicken München keine bezahlbare Wohnung mehr findet und deshalb auf die Idee kommt, mit zwei alten Kumpels (Heiner Lauterbach und Michael Wittenborn), mit denen sie als Langzeitstudentin nächtelang durchdiskutiert und durchgefeiert hat, wieder in eine WG zu ziehen.

Sie treffen dort auf ein Juristen-Paar (Patrick Güldenberg und Claudia Eisinger), die gemeinsam mit einer zickigen Kunstgeschichts-Studentin (Karoline Schuch) ein neurotisches Leben zwischen Prüfungsstress, Panikattacken und Pizzaservice führen.

Wir sind die Neuen ist eines der raren Exemplare gelungener deutscher Komödien, umschifft Klischeefallen und bietet amüsante Sommer-Unterhaltung.

Kinostart war am 17. Juli 2014

Judi Dench als „Philomena“: Leichen im irischen Keller

Die BBC-Co-Produktion Philomena des britischen Altmeisters Stephen Frears wurde beim A-Festival in Venedig im September 2013 für das Beste Drehbuch ausgezeichnet, bei der Oscar-Verleihung ging der Film leider leer aus, obwohl er in mehreren Kategorien nominiert war (z.B. Bester Film und Judi Dench als Beste Hauptdarstellerin).

Vor allem Judi Dench und ihrer Schauspielkunst ist es zu verdanken, dass dieser traurige kleine Film über eine wahre Geschichte aus den dunklen Abgründen des irischen Katholizismus nicht in Sentimentalität untergeht, sondern die Balance zwischen Empathie, Tragik und Komik hält. Sie spielt Philomena Lee, eine recht einfach gestrickte Krankenschwester mit Vorliebe für Herz-Schmerz-Romane, die als unaufgeklärtes junges Mädchen schwanger wurde und von strengen Nonnen, die ihr Kind an reiche Amerikaner verkauften, eingetrichert bekam, dass sie für ihre unkeusche Sünde büßen müsse.

Gemeinsam mit einem Journalisten, der gerade seinen Job verloren hat, reist sie zu Recherchen in die USA und lernt dort einiges über die Doppelmoral der Reagan-Administration.

Von einigen Kritikern wurde dem Film vorgehalten, dass er allzu leicht über die Machenschaften der katholischen Kirche hinweggeht und zu schnell Versöhnung predigt, noch bevor das ganze Ausmaß der historischen Fälle aufgearbeitet ist.

Philomena ist ein durchaus sehenswerter Film, der seit 27. Februar 2014 in den Kinos läuft.

Schaubühne im Müggelwald: „Forest: The Nature of Crisis“

Während die meisten großen Bühnen noch in Theaterferien sind und sich auf die neue Spielzeit vorbereiten, setzt die Berliner Schaubühne Akzente: Vor wenigen Wochen ließ bereits die Meldung aufhorchen, dass Nina Hoss vom Ensemble des Deutschen Theaters aus Mitte an den Lehniner Platz in Charlottenburg-Wilmersdorf wechselt.

Mit großer Aufmerksamkeit wurde in den Feuilletons auch ein Ausflug von Constanza Macras in den Müggelwald an der südöstlichen Stadtgrenze Berlins verfolgt: An mehreren Abenden wurden jeweils knapp 100 Besucher (eine bunte Mischung aus Mitte-Hipstern, Touristen, Alt-68ern und klassischen Bildungsbürgern) durch den Rübezahl-Wald gelotst und dabei von einem jungen Mann mit Wolfsmaske zur Eile angetrieben: "Kommt Leute, schneller, es wird gleich dunkel."

Bis zum Einbruch der Dämmerung ging es an einer sich unruhig auf ihren Kissen hin und her wälzenden Prinzessin auf der Erbse und zotteligen, schwer definierbaren Waldgestalten vorbei bis zu einer großen Lichtung mit Blick auf den Müggelsee.

Nach dieser Einstimmung in die Märchenwelt erreichte die Gruppe – ausgestattet mit Klappstühlen und Taschenlampen, aber von Mücken geplagt – mehrere Stationen, wo das Ensemble sich sehr frei bei Motiven bekannter Märchen wie Rapunzel, Schneewittchen oder Hänsel und Gretel bediente und sie in den Kontext der internationalen Finanzkrisen setzte:

Schneewittchen kann mitten in der Immobilienblase ihre Miete nicht mehr zahlen, ihr sorgloses Partyleben endet abrupt. Hänsel und Gretel sollen beiseite geschafft werden, weil das Geschäft ihrer Eltern nicht mehr gut läuft, die beiden Kinder halten sich aber mit einem neugegründeten Start-up über Wasser.

Die Adaptionen werden an den einzelnen Stationen des Märchenwaldes mit eigens choreographierten wilden Mischungen aus Tanz, Musik (von traditionellen Melodien bis Rock), Monologen auf Deutsch oder Englisch auf die Bühne gebracht.

Nach knapp drei Stunden schieden sich an dem Experiment die Geister: einige Besucher murmelten auf dem langen Rückweg in die Stadt, dass es so langweilig und albern gewesen sei, dass sie sich nur schwer zurückhalten konnten, "Aufhören" zu rufen. Andere waren ganz hingerissen von dem Witz und Einfallsreichtum der liebevoll gestalteten Miniaturszenen und Arrangements. 

Weitere Informationen und Termine 

Sven Ratzke als Hedwig im Admiralspalast-Keller

Gleich neben den Touristenströmen der Friedrichstraße führt eine steile Treppe in den Keller des Admiralspalastes, der seit Jahren ein sehenswertes Programm anbietet, aber um das finanzielle Überleben kämpft. Zur Neueröffnung des Klubs in den Katakomben inszeniert Guntbert Warns  das schrille Transgender-Mauerfall-Rock-Musical Hedwig in the angry inch, das auf der Berlinale-Leinwand 2001 für Furore sorgte und mit dem Teddy ausgezeichnet wurde. Sven Ratzke ist die Titelrolle dieser Bühnenfassung wie auf den Leib geschneidert, den der deutsch-niederländische Künstler in häufig wechselndem, extravagantem Outfit präsentiert, wie es sich für eine Diva gehört.

Wenn Sven Ratzke alias Hedwig nicht gerade die Spandauerinnen in der ersten Reihe rechts von ihm veralbert oder die Frau in Hot pants links davon anbaggert, erzählt er in kurzen Überleitungen und rockigen Songs die Geschichte des Ost-Berliners Hansel, der sich in einen GI verliebt und sich von Hansel zu Hedwig operieren lässt, um zu heiraten und aus der DDR ausreisen zu können. Die neu gewonnene Freiheit entpuppt sich als tristes Dasein nach der Trennung in einem Wohnwagenpark, statt des großen Durchbruchs über die Bühnen tingeln muss.

Der Abend lebt von der Präsenz des Hauptdarstellers, der sich stimmig in das trashige Gesamtkunstwerk aus Sofas, Klappstühlen, Hirschgeweihen und Absinth-Bar im schummrigen Kellergewölbe des Admiralspalastes einfügt. 

Nächste Termine von 27.-31. August 

Die Webseite

Autorentheatertage 2013: Jelinek in der Unterwelt, Cameron in 12 Varianten

Kurz vor Ende der Spielzeit widmet sich das Deutsche Theater Berlin seit einigen Jahren der Gegenwartsdramatik: ein bunter Mix aus Gastspielen der großen Schauspielhäuser wie dem Wiener Burgtheater und dem Münchner Residenztheater und Entdeckungen aus Kassel, Kaiserslautern oder Osnabrück laden zu einer Entdeckungsreise durch die neuesten Produktionen zeitgenössischer Autorinnen, die 2013 gegenüber ihren männlichen Kollegen deutlich in der Überzahl waren.

Der unterhaltsamste Höhepunkt des Festivals führte bei schönstem Sommerwetter in die griechische Unterwelt: Elfriede Jelinek deutete in ihrer assoziativ-mäandernden Textfläche Schatten (Eurydike sagt) den antiken Mythos von Orpheus und Eurydike komplett um. Bei ihr ist Eurydike kein Opfer, das sehnsuchtsvoll darauf wartet, dass ihr Orpheus sie aus der Unterwelt befreit. Im Gegenteil: Die sieben hervorragenden Schauspielerinnen, die sich den Monolog aufteilen und mit kabarettistischen Einlagen gekonnt auf die Bühne bringen, haben von ihrem bisherigen Leben die Nase voll. Ihre Eurydike will auf keinen Fall zum narzisstischen Popstar Orpheus zurück, der ständig von kreischenden Teenager-Groupies umlagert ist und sie vernachlässigt. 

Während Orpheus im Hintergrund auf der großen Showtreppe seine Liedchen trällert, nimmt Nikolaus Habjan mit seiner Jelinek-Puppe das Zentrum der Bühne ein. Er imitiert die Sprachmelodie der Literatur-Nobelpreisträgerin glänzend, seine Handpuppe ist eine meist ironische, häufig ihre lange Mähne schüttelnde Stichwortgeberin und bissige Kommentatorin des Bühnengeschehens der Star des Abends.

Ein anderer Promi steht trotz seiner Abwesenheit im Mittelpunkt eines interessanten Experiments an den Kammerspielen: zwölf Theater aus ganz Europa wurden gebeten, sich in einem Minidrama mit der Grundsatzrede des britischen Premierministers David Cameron auseinandersetzen. David´s formidable speech on Europe hat einen gemeinsamen Nenner, den isolationistischen Kurs des konservativen Premiers fand keine der zwölf teilnehmenden Gruppen formidabel. Im Beitrag aus Barcelona wurden Trauer und Wut über die Perspektivlosigkeit einer Jugend deutlich, wo jeder Zweite arbeitslos ist. Im Nachgespräch bei Tomatensuppe erzählten die beiden Schauspieler, dass fast alle ihre Freunde aus Spanien weggezogen sind. Mario Fuchs vom Schauspiel Frankfurt war mit einer frechen Video-Botschaft an Cameron mit Klavierbegleitung zu Gast, Stefanie Reinsperger aus Düsseldorf spielte eine Putzfrau, die während ihrer Arbeit einige Passagen aus Camerons Rede mithört und mit Wiener Schmäh kommentiert.

In die Kategorie well-made-play fiel Moritz Rinkes Ehe-Tragikomödie Wir lieben und wissen nichts. Ähnliche Konstellationen zweier Akademiker-Paare waren seit Edward Albee zwar x-fach zu sehen, Rinke hat den Stoff aber routiniert und unterhaltsam umgesetzt. Leider war in Berlin nicht die Uraufführungs-Inszenierung des Schauspiels Frankfurt von Oliver Reese mit Constanze Becker zu sehen, sondern eine Arbeit des Konzert Theaters Bern. Moritz Rinke konnte im Gegensatz zu den anderen Autoren, die sich meistens Publikumsgesprächen stellten, leider nicht selbst in Berlin sehen: Er war gerade mit seiner Freundin in Istanbul, als dort der Konflikt zwischen Erdogan und den Demonstranten eskalierte. In der ZEIT waren eindrucksvolle Tagebuch-Eindrücke aus der Türkei abgedruckt.

Jenseits der üblichen Theaterkonventionen ist Call me God vom Münchner Residenztheater angesiedelt: vier Autoren (Cervo, Mayenburg, Ostermaier, Spregelburd) nahmen den Beltway Sniper, der die USA ein Jahr nach 9/11 in Atem hielt, zum Ausgangspunkt einer schrillen Patchwork-Arbeit. Am meisten interessiert sie die hysterisch heißlaufende mediale Verwertungsmaschinerie, die nach dieser Anschlagsserie einsetze. Aufgekratzte Frühstücksfernsehen-Moderatorinnen befragen Angehörige und Experten, als Running-Gag hat jeder ein Buch zu vermarkten. Das Thema und der ungewohnte, experimentierfreudige Zugriff sind sehr interessant, der Abend überzieht aber teilweise bei seinem Willen, die grotesken Seiten der realen Ereignisse grell auszuleuchten. Mit dem Holzhammer werden auch absehbare George W. Bush-Pointen angeboten.

Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ Ewald Palmetshofers räuber.schuldengenital, ein weiteres Gastspiel des Wiener Burgtheaters. Schillers Drama ist für ihn nur ein vager Anknüpfungspunkt, ihm geht es um seine These, dass die Alten auf Kosten der jungen Generation leben, die nur von der Sicherheit lebenslanger Festanstellung träumen kann. Anita Blasberg hat dazu vor einigen Wochen eine lesens- und nachdenkenswerte Polemik im ZEIT-Dossier veröffentlicht. Palmetshofers Stück fehlt erstens die argumentative Kraft des Textes, zweitens fehlten bei aller Fokussierung auf die These, die er vermitteln wollte, die künstlerischen Mittel, daraus einen gelungenen Abend zu gestalten.

50. Theatertreffen – Schlussbetrachtung

Mit den beiden starken Auftaktinszenierungen Medea und Jeder stirbt für sich allein konnten spätere Abende des 50. Berliner Theatertreffens nicht mehr mithalten.

Bemerkenswert war vor allem noch der fulminante Schluss von Sebastian Baumgartens Brecht-Bearbeitung Die heilige Johanna der Schlachthöfe aus Zürich: die Schauspieler ließen die Inszenierung, als Johanna gescheitert vor ihnen lang, mit Haifisch, Rammsteins Adaption der Mackie Messer-Ballade aus der Dreigroschenoper, ausklingen, im Hintergrund wurden auf einer großen Videoleinwand ihre Namen und ihre Großaufnahmen wie bei einem Kinoabspann eingespielt.

Eine typische Jelinek-Textwüste bot Johan Simons, der Die Straße. Die Stadt. Der Überfall von den Münchner Kammerspielen mitbrachte. Dieser Abend lebt vor allem von Sandra Hüllers Monologen als Jelinek und Benny Claesens als Modezar Moshammer.

Sandra Hüller stand auch als Moderatorin im Mittelpunkt des großen Jubiläumsfests, das für eine halbe Stunde unterbrochen wurde, da sie kollabierte. Jürgen Kuttner lieferte einen Videoschnipselvortrag, wie man ihn seit fast zwei Jahrzehnten aus der Volksbühne kennt, der zwar wenig mit dem Theatertreffen zu tun hatte, aber dennoch für Heiterkeit sorgte. Höhepunkte des Festes waren ein Puppenspielerinnen-Auftritt mit einer Parodie auf Elfriede Jelinek und Lars Eidinger als DJ.

Zum Jubiläum wurde auch eine Bustour quer durch Berlin zu mehreren Terminen während des Festivals angeboten. Die Idee, historische Videos einzuspielen und die Spielorte zu präsentieren, war glänzend. Leider blieb die Bustour in Informationshäppchen stecken, so dass ein guter Ansatz nicht ganz glückte. 

Das 50. Berliner Theatertreffen (3.-20. Mai 2013) 

Koreanisches Kino: Sehenswertes Drama „Pluto“

Eine Woche lang sind im Haus der Kulturen der Welt bei der zweiten Ausgabe des Festivals Korean Cinema Today ausgewählte Produktionen aus Südkorea zu sehen, einem der lebendigsten und spannendsten Kinoländer Asiens. Was den besonderen Reiz südkoreanischen Films ausmacht, demonstrierte Pluto (Originaltitel: Mungwangsong) von Shin Si-Won. Dieses packende Jugenddrama vereint die Dynamik westlicher Filmsprachen mit dem Gespür für poetische Bilder und Symbole, hier z.B. die Kaninchenjagd und Pluto, der seinen Status als Planet verloren hat, die als rätselhafte Leitmotive in die Thriller-Handlung eingeflochten sind.

Pluto treibt die Auseinandersetzung mit einem Thema auf die Spitze, das aus vielen Filmen und Reportagen über Südkorea bekannt ist: der Leistungsdruck in den Schulen schürt einen gnadenlosen Konkurrenzkampf, der von ehrgeizigen Eltern zusätzlich angestachelt wird. In Pluto verbindet nur eines die Figuren: sie sind ständig auf die Rangliste fixiert, nur die zehn Besten bekommen die optimale Förderung und die Chance, den Sprung an die Elite-Uni zu schaffen, sofern ihre betuchten Eltern aus dem mittlerweile allseits bekannten Schickeria-Viertel Gangnam die Scheine für hochbezahlte Tutoren hinblättern.

Eindrucksvoll und fesselnd entfaltet die Regisseurin und ehemalige Lehrerin Shin Si-Won ein Drama um Mobbing und skrupellosen Konkurrenzkampf, das sich bis zu Geiselnahmen und Morddrohungen zuspitzt. Ihre Figuren gehen im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Pluto ist ein mutiges, auch visuell überzeugendes Werk, das auch auf der Berlinale im Februar 2013 in der Jugend-Sektion Generation 14 plus um den Gläsernen Bären konkurrierte und von der Jury mit einer Lobenden Erwähnung gewürdigt wurde.

Die Hauptfiguren sind zwar Jugendliche, für diese Altersgruppe ist der Film dennoch nur bedingt geeignet, weil die Grausamkeiten der Handlung selbst noch manche Erwachsene ziemlich mitnehmen werden. Eine Redakteurin des Jugend-Magazins fluter schrieb während der Berlinale: "Oft vergaß ich, dass ich gerade in einem Kino sitze. Und oft saß ich mit der Hand vor dem Mund da, geschockt darüber, was gerade passierte."

Das Mobbing an Schulen ist auch Thema des Animationsfilms The King of Pigs, der im Anschluss an Pluto lief, aber dessen Qualität nicht erreichen konnte.

Korean Cinema Today im Haus der Kulturen der Welt (2.-12. Mai 2013) 

Pluto