Archiv der Kategorie: Lesungen

„25 Jahre Mauerfall“ am Deutschen Theater: Ulrich Matthes liest Volker Brauns wütende Erzählung „Die hellen Haufen“

Das Deutsche Theater Berlin war vor 25 Jahren einer der zentralen Orte, an denen die kritischen Geister über Alternativen zum real-existierenden Sozialismus und einer schnellen Vereinigung mit der Bundesrepublik debattierten. Daran erinnert das DT mit seinem herbstlichen Schwerpunkt 25 Jahre Mauerfall, einer Kombination aus thematisch passenden Repertoire-Inszenierungen und Sonderveranstaltungen.

Zu einer dieser Sonderveranstaltungen lud Ensemble-Mitglied Ulrich Matthes in die Kammerspiele zu einer Lesung aus Texten von Volker Braun ein, der an diesem Abend auch im Publikum anwesend war. Braun zählt zu den interessantesten Autoren der untergegangenen DDR. Er war zwar SED-Mitglied war, aber übte in den 1970er und 1980er Jahren auch deutliche Kritik am Regime. Er unterschrieb 1976 einen Aufruf gegen die Biermann-Ausbürgerung, sein Hinze-Kunze-Roman bekam 1985 schwere Probleme mit der Zensur, dennoch wurde ihm 1988 der Staatspreis verliehen.

Im Herbst 1989 setzte er sich vehement für einen Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus ein. Er fand sich jedoch schnell zwischen allen Stühlen wieder, was er in den ersten Zeilen seines Gedichts Das Eigentum reflektierte: Da bin ich nun, mein Land geht in den Westen.

Es wäre interessant gewesen, verschiedene Texte aus den unterschiedlichen Zeiten miteinander zu kontrastieren. Ulrich Matthes hat sich jedoch anders entschieden: er las die ungekürzte Fassung von Volker Brauns 2011 erschienener Erzählung Die hellen Haufen vor: knapp 100 Seiten in fast zwei Stunden. Dieser Text befasst sich nicht unmittelbar mit dem Wendeherbst, sondern ist ein kurzer Schlüsselroman über den Hungerstreik der Kali-Bergarbeiter in Bischerofferode, die sich 1992/93 vergeblich gegen die Abwicklung ihres Werks durch die Treuhand stemmten. Die Namen sind nur leicht verfremdet: Bischofferode wird zu Bitterode, CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel zu Vogt, auch andere Prominente der jüngeren Zeitgeschichte wie Treuhand-Chefin Birgit Breuel, der Theologe Friedrich Schorlemmer und die früh verstorbene SPD-Sozialministerin Regine Hildebrandt geistern durch den Text, der mit einigen Anspielungen auf die Bauernkriege und Thomas Müntzer, nach dem das Kali-Werk benannt war, angereichert ist.

Volker Braun erträumt sich, dass die Bergarbeiter nicht resigniert aufgeben, sondern in einem Protest-Sternmarsch mit Arbeitslosen aus stillgelegten Fabriken von Wismar bis Suhl gemeinsam nach Berlin ziehen. Das bleibt nur ein Wunschtraum, Fiktion – Realität sind die zweistelligen WAhlergebnisse der AfD, die mit rechtspopulistischen Ressentiments den Frust bedient und auf Stimmenfang geht.

Dicker Wälzer über das Tiananmen-Massaker: „Peking Koma“

Ma Jian war noch nie ein linientreuer Gefolgsmann der chinesischen KP. Nach einer Ausbildung zum Maler und Fotografen reiste er als Tramp quer durch das Land und veröffentlichte seinen schonungslosen Bericht Red Dust. 1983 verbüßte er eine Gefängnisstrafe, da die Parteiführung ihn bei ihrer Kampagne gegen geistige Verschmutzung ins Visier genommen hatte. Dies hinderte ihn aber nicht daran, weitere heiße Eisen anzufassen und z.B. über die Lage in Tibet zu publizieren.

1989 war er einer der Aktivisten auf dem Tiananmen, die für einen Wandel demonstrierten und am 4. Juni von den Panzern in einem Massaker niedergewalzt wurden. Die eindringlichen Bilder ließ Ma Jian während seines Auftritts beim 14. ilb so häufig an die Wand projizieren, dass sich einige Besucher mit Schaudern abwandten. Dieses Massaker, das bis heute von der chinesischen Staats- und Parteiführung totgeschwiegen wird, steht im Zentrum seines fast 1000-seitigen Wälzers Peking Koma. Ein junger Demonstrant kämpft nach einem Kopfschuss um sein Leben, die Erinnerungen ziehen an ihm vorbei. Die Handlung schlägt einen weiten Bogen von Maos Kulturrevolution, unter deren Umwälzungen Ma Jians Vater als Lehrer litt, über die Repression gegen Falun Gong bis zur „Stadtentwicklungspolitik“ vor den Olympischen Spielen 2008, als ganze Stadtviertel abgerissen wurden.

Ma Jian verlangt dem Leser nicht nur durch die schiere Länge seines Buches viel ab, sondern auch durch die Schilderung der Gewaltakte, die keine Details ausspart. Nach China darf er aus seinem Londoner Exil längst nicht mehr einreisen, seine Bücher sind von der Zensur verboten.

Das Buch ist im Original bereits 2008 und auf Deutsch 2009 erschienen. Es wurde auf dem Festival gewürdigt, da sich das Massaker zum 25. Mal jährte. Leider blieb im engen Takt der ilb-Veranstaltungen zu wenig Zeit, die Hintergründe des Werks und die aktuelle Situation in China noch intensiver zu beleuchten. Fragen aus dem Publikum wurden überhaupt nicht zugelassen.

Ma Jian: Peking Koma: Rowohlt, 923 Seiten

Was taugt „Der Circle“ von Dave Eggers

Wenige Bücher lösen so kontroverse Debatten in den Feuilletons aus wie der neue Roman von Dave Eggers. Die einen rühmen Der Circle als DAS Buch zur aktuellen Debatte um digitale Oligopole im Silicon Valley und grenzenlose Überwachung der Datenströme. Andere kritisieren, dass dieser Schlüsselroman über eine recht naive junge Frau, die bei einem großen Konzern á la Google einsteigt, unterkomplex mit hölzernen Figuren, klappernden Dialogen und schwarz-weiß-gezeichneten Charakteren sei.

Festivaldirektor Ulrich Schreiber nahm dies zum Anlass, diesen Streit von drei Protagonistinnen und Protagonisten auf dem Podium des Hauses der Berliner Festspiele noch mal ausfechten zu lassen: Julia Encke (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) und Iris Radisch (ZEIT) vertraten die Pro-Seite, Dirk Knipphals (taz) gab entschieden Contra.

Die Diskussion litt unter zwei zentralen Mängeln: Ulrich Schreiber musste kurzfrisrtig als Moderator für Georg Diez einspringen und sorgte mangels fundierter Vorbereitung für einige unfreiwillig-komische Überleitungen. Außerdem tappten die Diskutanten mehrfach zielsicher in Klischeefallen, als sie im Brustton der Überzeugung über ihre Sicht auf Amerika und Europa räsonierten. Dennoch gelang es, den Kern des Disputs kompromiert darzulegen.

Der interessanteste Beitrag kam jedoch aus dem Publikum: eine Leserin empfahl Zero von Marc Elsberg, das thematisch ähnlich, aber literarisch hochwertiger und inhaltlich differenzierter sei. Dieses Buch hatte aber leider niemand auf dem Podium gelesen.

Der Circle von Dave Eggers. Kiepenheuer & Witsch, 560 Seiten

Mexikanische Abgründe beim Literaturfestival

Mexiko war am Samstag die nächste Station bei der Reise durch die Literaturen der Welt beim 14. ilb.

Ab 18 Uhr las zunächst Yuri Herrera (Jahrgang 1970 und laut Moderatorin und Mittel- und Südamerika-Expertin Michi Strausfeld eine der spannendsten jüngeren Stimmen der hispanoamerikanischen Region) aus seiner Trilogie Der König, die Sonne, der Tod. Die Neue Zürcher Zeitung war in ihrer aktuellen Wochenend-Ausgabe von der schonungslos-kritischen Bestandsaufnahme der bekannten Probleme (Drogenkartelle, illegale Migrantenströme an der Grenze zu den USA, hohe Mordrate) sichtlich angetan.

Weniger düster ging es anschließend ab 20 Uhr bei Juan Pablo Villalobos (Jahrgang 1973 und somit unwesentlich jünger als Herrera) zu: er stellte seine bissige Satire Quesdillas vor, die nach dem Lieblingsgericht der im Roman beschriebenen Familie benannt ist und das Mittelstück einer Trilogie ist.

Noch treffender ist allerdings der Originaltitel: Si viviéramos en un lugar normal (Wenn wir an einem normalen Ort leben würden): Inspiriert von der absurden Literatur der französischen Moderne (Eugène Ionesco, Alfred Jarry, Samuel Beckett) und als Parodie auf den Magischen Realismus eines Gabriel García Márquez schildert er die mexikanische Gesellschaft mit den staunenden Augen eines 14jährigen und sorgte für zahlreiche Lacher im Publikum.

Der letzte Teil seiner Trilogie liegt im Original bereits vor, wartet aber noch auf die deutsche Übersetzung. Als kleinen Vorgeschmack kündigte Villalobos an, dass der Philosoph Theodor W. Adorno darin eine wichtige Rolle spielt.

Der König, die Sonne, der Tod von Yuri Herrera: S. Fischer Verlag, 352 Seiten

Quesadillas von Juan Pablo Villalobos. Berenberg Verlag, 174 Seiten

„Der Garten des Blinden“: Pakistan nach 9/11

Die Programmreihe Literaturen der Welt des internationalen literaturfestivals berlin ist traditionell eine Fundgrube, um hierzulande noch recht unbekannte Autoren kennenzulernen. Am zweiten Abend des Festivals kam Nadeem Aslam aus London ins Haus der Berliner Festspiele.

Als Sohn eines kommunistischen Regisseurs und einer streng gläubigen Muslimin musste er im Alter von 14 Jahren aus Pakistan nach Großbritannien fliehen. Auch in seinem vierten Roman Der Garten des Blinden, der im April bei DVA erschien, kehrte er literarisch in die Heimat seiner Eltern zurück. Unmittelbar nach 9/11 ist das Land aufgewühlt, Jeo und Mikal, die Hauptfiguren des Buches, ziehen über die Grenze nach Afghanistan und wollen sich dem Kampf der Taliban gegen die USA anschließen. Schnell geraten sie zwischen die Fronten, in einen Hinterhalt und in Gefangenschaft der Taliban. Als ihr Vater ebenfalls ins Nachbarland reist, um sie freizukaufen, wird ihm Rubinpulver in die Augen gestreut, so dass er blind wird.

Im Zentrum der Handlung steht der Abwehrkampf liberaler Muslime gegen die Steinzeit-Fundamentalisten. Präzise recherchierte Schilderungen wechseln sich mit Metaphern aus der Welt des Magischen Realismus ab. Der sehr gut vorbereitete Moderator Bernhard Robben, der das Buch auch aus dem Englischen übersetzt hat, entlockte dem Autor Nadeem Aslam einige interessante Erklärungen zu seiner selbst in Künstlerkreisen ungewöhnlichen Schreibweise. Aslam versenkt sich tief in den Schreibprozess, dunkelt alle Fenster ab und schreibt vorzugsweise nachts. Er lässt sich Essen bringen und verlässt das Haus lange Zeit nicht mehr, so dass eine Lesung bei der lit.cologne fast daran gescheitert wäre, dass er zunächst seine Schuhe suchen musste, die unter Spinnweben eingesponnen waren. Wenn er über Blinde oder Verletzte schreibt, die nach einem Unfall nur noch drei Finger haben, klebt er sich die Augen mit einer Klappe ab oder bindet die Zeigefinger zurücck, um sich so authentisch wie möglich in seine Figur einzufühlen.

Die ersten Besprechungen in NZZ und taz urteilten recht wohlwollend über die politisch engagierte Neuerscheinung.

Der Garten des Blinden von Nadeem Aslam: 429 Seiten

„Das Tiefland“: indisches Familiendrama zum Auftakt des 14. ilb-Festivals

Am Eröffnungsabend des 14. internationalen literaturfestivals berlin war die Pulitzer-Preisträgerin (2000 für Interpreter of Maladies) Jhumpa Lahiri erstmals bei einer Lesung in Deutschland zu Gast. Sie las eine kurze Passage aus ihrem neuen Buch Lowland, das auf Deutsch gerade unter dem Titel Das Tiefland bei Rowohlt erschienen ist.

Die Romanhandlung spielt in einem Vorort von Kalkutta, der Heimat ihrer Großeltern, wo auch ihr Vater geboren ist. Lahiri ist in Großbritannien und den USA aufgewachsen und lebt heute in Brooklyn. Indien kennt sie hauptsächlich von Familienurlauben. Die erste Idee für ihren Roman hatte sie bereits 1997: eine grausame Exekution auf dem Höhepunkt der Gewalt zwischen Hindu-Extremisten und Muslimen. Der Stoff arbeitete und gärte in ihr, aber erst jetzt wurde daraus ein mehr als 500 Seiten dickes Familiendrama vor dem Hintergrund der indischen Geschichte der vergangenen Jahre.

Im Zentrum des Romans stehen zwei Brüder, die gegensätzliche Wege einschlagen: der eine geht zum Studium an die US-Ostküste und bleibt dort als leer, fühlt sich jedoch am Ende in beiden Welten fremd. Der andere schließt sich maoistischen Aufständen an und stirbt im Gefängnis.

Die Frankfurter Rundschau urteilte heute in der ersten großen Feuilletonbesprechung, dass das Buch voller Schwermut über lange Strecken eine bleierne Zeit beschreibe. Einen ersten Eindruck bekam das Publikum im Haus der Berliner Festspiele, als die große Fassbinder-Schauspielerin Hanna Schygulla aus der Übersetzung los. Auch wenn sie sich mehrfach verhaspelte, wurde der melancholische Ton dieses Buches sehr deutlich.

Das Tiefland von Jhumpa Lahiri: 528 Seiten

Das 14. internationale literaturfestival berlin

Ulrich Matthes liest Alice Munro bei DT-Matinee

Das Deutsche Theater lud am 4. Advent zu einer besonderen Matinee ein: Ulrich Matthes, einer der gefragtesten Hörbuchsprecher, las zwei Erzählungen der frisch gebackenen kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro.

Munros Texte werden oft als Short Stories bezeichnet: dass dieser Gattungs-Begriff nicht so recht passt, wird auch an diesem Vormittag deutlich. Denn der Vortrag der beiden ausgewählten Texte dauert tatsächlich jeweils eine Stunde, unterbrochen von einer 5 minütigen Pause (geplant) und von einem mehrfach penetrant klingelnden Handy (ungeplant).

Alles andere als vorweihnachtlich besinnlich ist die bedrückende Atmosphäre, die sich im Text Freie Radikale verbreitet. Auf den ersten Seiten wird das Leben einer krebskranken alten Frau entfaltet, die gerade Witwe wurde und einsam in einem abgeschiedenen Haus wohnt. Nach dieser Exposition nimmt Munros Erzählung einige kunstvolle Wendungen, die an Michael Hanekes Film Funny Games erinnern.

In der zweiten Geschichte dreht sich alles um ein Thema, das sich durch Munros Werk zieht: eine Frau wird von einem Mann zugunsten einer Jüngeren verlassen. Der Plot dieses Minidramas endet nach Nebensträngen und Verwicklungen bei einer Signierstunde auf einer Lesung, die unbewältigte Vergangenheit drängt zurück in das Leben der Musiklehrerin. Dies wird alles mit lakonischem Humor beschrieben. Matthes kann sich an manchen Stellen ein schelmisches Grinsen nur schwer verkneifen.

Für diese Matinee wählte der Schauspieler bewusst zwei ältere Geschichten der Autorin aus, die er seit langem sehr verehrt, wie er zu Beginn sagte und wie auch deutlich zu spüren war. Ihren neuesten Band Liebes Leben empfahl er als Weihnachtsgeschenk für Kurzentschlossene. So kam doch noch etwas Weihnachtsstimmung auf. 

ilb-Abschluss mit Salman Rushdie und Sophie Rois

Am Abschluss-Wochenende des Internationalen Literaturfestivals Berlin standen zwei Veranstaltungen mit dem prominentesten Gast auf dem Programm: Salman Rushdie.

Am Samstag Abend plauderte er über seine Bücher, die den Umbruch in Indien thematisieren: Mitternachtskinder, mit dem er 1981 bekannt wurde, und Des Mauren letzter Seufzer. Die Fragen plätscherten vor sich hin, Burghart Klaußner trug einige Passagen auf Deutsch vor. Interessanter war die Präsentation seiner Autobiographie Joseph Anton am Sonntag Mittag: In dem vor einem Jahr erschienen, mehr als 700 Seiten dicken Wälzer beschreibt er vor allem die Jahre unter Polizeischutz, nachdem der iranische Ajatollah Khomeini eine Fatwa gegen Rushdie und sein Buch Die satanischen Verse von 1989 erlassen hatte.

Die letzte Veranstaltung des Festivals war ein Oratorium mit Sophie Rois: die Sing-Akademie zu Berlin, der Staats- und Domchor Berlin und die Lautten Compagney hatten anläßlich des 300. Geburtstags von Lawrence Sterne eine musikalische Fassung (Händels Hallelujah, Schwerpunkt auf Barockmusik, aber auch einige zeitgenössische Werke) zu seinem satirischen Roman Tristram Shandy einstudiert.

Die Instrumental- und Gesangsszenen wurden durch kurze Dialoge zwischen Sophie Rois und ihrem Kollegen Volker Spengler unterbrochen, der sich jedoch vor allem darauf beschränkte, in seinen Bart zu brummen, seine Pfeife zu rauchen und "Ist das Kind schon da?" zu krähen. Dementsprechend gewöhnungsbedürftig war diese Performance im Volksbühnen-Stil.

Matthes, Finzi, Klaußner: Vortragskunst beim ilb

Das Literaturfestival geht langsam in die zweite Halbzeit und wartete am Dienstag mit einigen Publikumsmagneten auf, die für proppenvolle Veranstaltungen sorgten.

Im Oberen Foyer mussten noch weitere Stühle herangeschafft werden, so dass die beiden Schauspieler Ulrich Matthes (Ensemble-Mitglied im Deutschen Theater und bekannt aus vielen Kino-Rollen) und Volker Bruch (einer der jungen Soldaten im ZDF-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter) mit 20 Minuten Verspätung aus der neu erschienenen Historisch-Kritischen Ausgabe von Ernst Jüngers umstrittenem Roman In Stahlgewittern lesen konnten.

Helmuth Kiesel, der Herausgeber der neuen Ausgabe, beleuchtete in seiner fachkundigen Einführung den historischen Kontext, in dem die Urfassung des Romans 1920 erschien: Ernst Jünger und viele seiner Altersgenossen zogen euphorisch in den Ersten Weltkrieg, da er ihnen als willkommene Abwechslung zu einem als langweilig empfundenen Leben und als Ausbruch aus dem Drill und der Strenge an wilhelminischen Schulen erschien. Der Krieg wird als "Rausch" beschrieben, bei dem man in "trunkener Stimmung" endlich "mitmachen dürfe".

Die Generation fand sich bald in den Stellungskämpfen der Schützengräben wieder, konfrontiert mit Schmutz, Elend und Tod. Viele Erlebnisse tat Jünger in der ersten Auflage von In Stahlgewittern mit lapidaren Sätzen ab, erst in späteren der insgesamt sieben Fassungen, an denen er bis 1978 arbeitete, kommen differenziertere Beschreibungen vor. Ab den 60er Jahren tauchte sogar der Begriff "Trauer" auf, der nicht zum (Selbst-) Bild des jungen Autors passte, der auch mal allzu gefühlvolle Tagebucheinträge, weil sie ihm peinlich waren, bis zur Unleserlichkeit durchstrich und überschrieb. Es ist die Leistung des Klett Cotta-Verlags und des Literaturarchivs Marbach, diese verschiedenen Schichten im vorliegenden Band rekonstruiert und somit neue Facetten eines der bekanntesten Kriegsromane freigelegt zu haben.

Im Anschluss durfte sich das Publikum auf die Vortragskunst der Schauspieler Samuel Finzi und Burghart Klaußner freuen. Sie lasen aus dem Briefwechsel zwischen John Coetzee und Paul Auster, wo sich die beiden Autoren über Politik (insbesondere den Nahostkonflikt), ihre Leidenschaft für Baseball und Tennis und insbesondere über ihr Verhältnis zu ihrer Muttersprache und ihre literarischen Stile und Ideen austauschten. John Coetzee, Literaturnobelpreisträger von 2003, der als besonders öffentlichkeitsscheu gilt und den Festival-Rummel üblicherweise meidet, wie Sigrid Löffler in ihrer Einführung mehrmals betonte, las auch einige Passagen selbst im englischen Original vor.

Parallel diskutierten in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung Autorinnen und Autoren aus ihrer Anthologie Writing Revolution: The voices from Tunis to Damascus, die mit dem britischen PEN-Preis ausgezeichnet wurde. Das politisch engagierte Profil des Festivals zeigte sich auch bei der Podiumsdiskussion Das System Putin – Ende der Zivilgesellschaft?, wo Herta Müller mit Vertretern der russischen Opposition diskutierte, bevor das Kammerorchester Kremerata Baltica spielte.

Das internationale literaturfestival berlin

ilb: Reflections mit Ahmed Rashid und Geert Mak

Am zweiten Tag des Literaturfestivals waren Diskussionen mit zwei bekannten politischen Publizisten im Oberen Foyer des Festspielhauses zu erleben.

Zunächst zeichnete Ahmed Rashid ein düsteres Bild seiner Heimat Pakistan: an mehreren Brennpunkten (Kaschmir, Karachi, Tribal Areas) drohe eine Eskalation. Auch nach dem Sturz Musharrafs bestimme das Militär die Außenpolitik und verhindere eine Aussöhnung mit Indien. Der Verteidigungsetat verschlingt immer noch den größten Teil des Budgets. 

Rashid konstatierte, dass Pakistan in den vergangenen 15 Jahren mehrere Chancen verpasst hat, sich zu öffnen und die Lage in der Region zu befrieden: nach Ende des Kalten Kriegs lag Pakistan zu sehr im Windschatten der internationalen Aufmerksamkeit. Nach 9/11 versäumte es Pakistan, eine zero tolerance-Politik gegen jede Form des Extremismus zu verfolgen.

Als einzigen Hoffnungsschimmer sah Rashid die gut ausgebildete Zivilgesellschaft, die gemeinsam mit Medien und Justiz dazu beitragen könnte, die Gewaltspirale einzudämmen.

Am Freitag, 6. September, wird Rashid noch mal beim ilb auftreten und mit Michael Koch, dem Afghanistan-Beauftragten der Bundesregierung, über den Truppenabzug diskutieren. Rashid ist seit seinem Weltbestseller Taliban, in dem er ein Jahr vor 9/11 vor den Gefahren warnte, einer der angesehensten Kenner des Landes.

Anschließend berichtete der Niederländer Geert Mak über seine Rundreise durch die USA im Jahr 2010 nach Obamas Wahlsieg: Genau 40 Jahre nach John Steinbecks melancholischer, von Altersdepression geprägter Reise durch das ländliche Amerika, das sich gerade rapide wandelte, fuhr Mak mit seiner Frau die Route erneut ab. Die Reiseerlebnisse aus Metropolen wie Chicago und San Francisco beschreibt Mak in seinem Wälzer Amerika!. Er erlebte ein verunsichertes Land der Gegensätze mit Wohlstandsinseln, die aus der Armut herausragen. Qualitätsmedien liefern die vielleicht besten Analysen, im Mittleren Westen ist Fox News mit seinem geschlossenen Weltbild die wichtigste Informationsquelle. Eine unterhaltsame Diskussion, die wenig Neues bot, über eine stilistisch überzeugende Reisereportage.

Auch Geert Mak wird am Freitag, 6. September, erneut zu Gast sein und über seinen Reisebericht In Europa sprechen, der 2008 auf der Leipziger Buchmesse ausgeszeichnet wurde.