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Wie hältst Du es mit der Religion? Frank Castorfs „Karamasow“-Exzess, Salman Rushdies neuer Roman und Heribert Prantl zu Gast bei Gregor Gysi

Castorfs „Brüder Karamasow“-Exzess: mit All-Star-Team durchs Planschbecken und aufs Dach

In Frank Castorfs sechseinhalbstündigem „monologisch-labyrinthischem Dostojewski-Exerzitium“ führt der Weg zur Religion wie sooft an der Volksbühne durch ein Planschbecken: Der Abend beginnt damit, dass die Schauspieler durch das Wasser zur Klause des Starez Sossima (Jeanne Balibar) waten, der hier als überfordertes Würstchen zu erleben ist.

Erwartungsgemäß hat Castorf die seitenlangen, oft staubtrockenen Abhandlungen über theologische und staatskirchenrechtliche Fragen in seiner Bearbeitung des 1200 Seiten-Wälzers „Die Brüder Karamasow“ gestrichen. Die Frage nach der Religion bleibt als Hintergrundrauschen in den folgenden Stunden präsent, die das Publikum entweder auf den nicht sonderlich bequemen Sofa-Sitzsäcken oder auf Stühlen miterlebt.

Castorf entschied sich jedoch dafür, vor allem die Zerrissenheit Russlands zwischen orthodoxer Tradition und westlichem Liberalismus zu thematisieren. Immer wieder hat er Fremdtexte von DJ Stalingrad in seinen Dostojewski-Abend geschmuggelt: es wird über Hooligans geschimpft, über Putin räsoniert und auch mal der Bogen zur Sowjet-Vergangenheit geschlagen.

Wir erleben einen wild durcheinandergewirbelten Mix aus knackigen Szenen und mäandernden Monologen: ein Best-of aus Dostojewskis philosophischem Krimi und der Schauspielkunst des Volksbühnen-Ensembles. Viele bekannte Namen aus der bald zuendegehenden Castorf-Ära sind hier noch einmal in Rollen zu erleben, die ihnen wie auf den Leib geschrieben scheinen: Kathrin Angerer als die Männer um den Finger wickelnde Femme fatale Gruschenka; Patrick Güldenberg mit der nervösen Intellektualität des Michail Rakitin; Alexander Scheer als Iwan Karamasow, der unmittelbar nach der Pause über das Dach der Volksbühne tigert und im Gleichnis des Großinquisitors über die Sklaven-Mentalität herzieht. Und schließlich Sophie Rois als Pawel Smerdjakow, die „Mörder, Mörder, Mörder“ kräht, als sich fast alle Ensemble-Mitglieder bei einem gemeinsamen Saunagang nach schon weit mehr als fünf Stunden die letzten Reste an Energie herausschwitzen.

Wie bei Castorfs Volksbühnen-Exzessen üblich wird das Geschehen über weite Strecken mit Livekamera gefilmt und auf die Leinwand übertragen. Auch das oligatorische Zetern, Kreischen und Brüllen fehlt nicht, angereichert mit einer Prise Selbstironie, als ein Schauspieler ins Publikum fragt: Glauben Sie denn, dass uns dieses ständige Brüllen Spaß macht?!

Das Fazit der sechseinhalb Stunden fällt ähnlich wie bei Thorsten Lensings Inszenierung in den Sophiensaelen vor einem Jahr aus: die Regisseure nutzen den Karamasow-Wälzer als Steinbruch und picken sich einige Motive heraus. Zwischen Langeweile und Schreiduellen blitzt hin und wieder ein Kabinettstückchen auf. Eine wirklich überzeugende Adaption dieses schweren Brockens Weltliteratur für die Theaterbühne steht aber noch aus.

Salman Rushdie über IS, Saudi-Arabien und seinen neuen Roman voller Fantasy-Motive

Um die Religion ging es auch beim Auftritt eines weltberühmten Autors im Haus der Berliner Festspiele: Nur eine Woche nach den Pariser Anschlägen und angesichts der strengen Sicherheitskontrollen hatten sicher viele Besucher der Lesung von Salman Rushdie ein mulmiges Gefühl. Trotz des spannenden Themas und des prominenten Schriftstellers blieben ungewöhnlich viele Plätze bei der letzten Veranstaltung des internationalen literaturfestivals berlin leer.

Zunächst ging es um seinen aktuellen Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ (die zusammen 1001 Nacht ergeben). Darin lässt Rushdie den Glauben und die Vernunft der Aufklärung zur Schlacht gegeneinander antreten. Märchengestalten wie die Dschinn und eine Königin des Lichts geistern durch die Handlung, so dass es eine naheliegende Wahl war, den Game of Thrones-Star Tom Wlaschiha aus der deutschen Übersetzung lesen zu lassen.

Die Feuilletons waren von diesem Werk nicht so angetan, attestierten ihm zwar Fabulierlust, bemängelten aber, dass der Plot eines manichäischen Kampfs zwischen Gut und Böse zu einfach gestrickt sei. Die FAZ empfahl deshalb, lieber zu den Rushdie-Klassikern „Mitternachtskinder“ (1980) oder „Die satanischen Verse“ (1988) zu greifen.

Dementsprechend wurde auch das Gespräch von Salman Rushdie mit der FAS-Redakteurin Johanna Adorján interessanter, als es vom Roman zu allgemeineren Themen überging: zu seinen Jahren in wechselnden Verstecken nach der Fatwa des iranischen Ayatollahs Chomeini im Jahr 1989 gegen ihn und zur aktuellen Weltlage.

Rushdie forderte die westlichen Gesellschaften auf, sich nicht vom Terror einschüchtern und die Lebensfreude nehmen zu lassen. Fast ebenso hart wie mit den „Bastarden“ vom IS ging er mit dem Regime in Saudi-Arabien ins Gericht, das islamische Fundamentalisten großzügig alimentiert. Er entließ das Publikum nach knapp 90 Minuten mit der Prognose in den Abend, dass die fundamentalistischen Terrorgruppen den religiösen Glauben langfristig so diskreditieren könnten, dass er vielleicht in einigen Jahrhunderten im gesellschaftlichen Zusammenleben gar keine Rolle mehr spielt.

Heribert Prantl und Gregor Gysi über Wölfe im Schafspelz, Apfelbäume und die Wackersdorf-Proteste

Auch die Matinee am Deutschen Theater begann Gregor Gysi mit der Frage, wie es sein Gast Heribert Prantl denn mit der Religion halte. Der Leitartikler der Süddeutschen Zeitung antwortete, dass er seine Kindheit in der tief-katholischen und politisch tief-schwarzen Oberpfalz in sehr angenehmer Erinnerung habe. Nur das katholische Internat, in das er gesteckt wurde, sei so grässlich gewesen, dass er nachts weggelaufen und in seine Heimatgemeinde Nittenau geflüchtet sei. Er sei bis heute nicht aus der katholischen Kirche ausgetreten und bezeichnete sich als „Weihrauchkatholik“.

Prantl zeichnete in der Reihe „Gysi trifft Zeitgenossen“ seinen Werdegang nach: das Jura-Studium fand er anfangs entsetzlich trocken, so dass er auch Vorlesungen in Geschichte und Philosophie besuchte. Dass Jura mehr als Paragraphen-Handwerk sein kann, lernte er bei den Rechtswissenschaftlern Dieter Medicus, Claus Roxin und Dieter Schwab, die über den Tellerrand ihres Fachgebiets hinausblickten.

Nach einem Praktikum bei einem Notar erschien es ihm zu langweilig, sein Berufsleben mit dem Verlesen von Urkunden zu verbringen. Stattdessen wurde er Staatsanwalt in Regensburg und war dort vor allem für die Auseinandersetzungen um die Atom-Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf zuständig.

Als der junge Staatsanwalt Prantl mit 32 Jahren das Angebot annahm, als rechtspolitischer Redakteur zur Süddeutschen Zeitung zu wechseln, sei er von den Kolleginnen und Kollegen anfangs „mit spitzen Fingern“ angefasst worden. Aus heutiger Sicht ist es schon sehr skurril, dass dem meinungsstarken und wortgewaltigen Verteidiger der Bürgerrechte damals der Ruf vorauseilte, eher konservative, regierungsnahe Positionen zu vertreten. Mit seinen ersten Kommentaren gegen das Vermummungsverbot und die Einführung der Kronzeugenregelung änderte sich dieses Bild natürlich schnell. Prantl berichtete bei der Matinee, dass Mitglieder der damaligen SZ-Chefredaktion gestöhnt haben sollen, dass man sich hier anscheinend den „Wolf im Schafspelz“ ins Haus geholt habe.

Erwartungsgemäß viel Applaus erntete Prantl für seine bekannten Positionen zu Asyl und Direkter Demokratie. Er wetterte erneut gegen die Änderung des Grundrechts auf Asyl im Jahr 1993, gegen die er sich damals schon die Finger wund geschrieben habe. In der Debatte über Flucht und Asyl seien 25 Jahre mit Scheinlösungen vergeudet worden. Nach der großen Euphorie-Welle und den Bildern vom Münchner Hauptbahnhof, die vor 12 Wochen um die Welt gingen, sei nun große Ernüchterung eingetreten. Enttäuscht zeigte sich Prantl vor allem von CDU und CSU, denen er vorwarf, das C im Parteinamen zu verraten: die Bibel sei ein Flüchtlingsbuch par excellence.

Wie ein „Apfelbaum“ müsste auch unsere repräsentative Demokratie veredelt werden, indem plebiszitäre Äste aufgepropft werden, forderte Prantl. Eine Grundgesetzänderung, die Elemente direkter Demokratie auch auf Bundesebene einführt, sei überfällig. Diese Chance sei leider bei der Verfassungsdiskussion Anfang der 1990er Jahre verschenkt worden. Der größte Fehler sei es aber damals gewesen, die deutsche Einheit über einen Beitritt der DDR nach Art. 23 GG zu regeln anstatt gemäß Art. 146 GG eine neue Verfassung zu erarbeiten.

Sand im Getriebe bei Premieren, Hipster-Satire beim Literaturfestival

An den Berliner Bühnen jagt weiter eine Premiere die nächste, dennoch ist noch zu viel Sand im Getriebe.

Die Zauberberg-Adaption, die Martin Laberenz am 11. September in den Kammerspielen des Deutschen Theaters präsentieren wollte, musste kurzfristig auf Mai 2016 verschoben werden.

Brecht-Parabel „Der gute Mensch von Sezuan“: zähe vier Stunden am Berliner Ensemble

Einen Tag später brachte Leander Haußmann Brechts kapitalismus- und religionskritische Parabel Der gute Mensch von Sezuan auf die Bühne des Berliner Ensembles. Zähe vier Stunden lang, die nicht nur Deutschlandradio Kultur „fast qualvoll“ fand, schleppte sich die Inszenierung dahin.

An diesem matten Abend war nichts von dem Drive übrig, mit dem Haußmann und sein Woyzeck-Soldatenchor vor einem Jahr die Bühne erzittern ließen. Kaum zu glauben, dass diese ideen- und farblose Brecht-Nacherzählung vom selben Regisseur stammt, der zur letzten Spielzeiteröffnung gezeigt hat, wie ein fulminanter Theaterabend aussehen kann.

Den Guten Menschen von Sezuan kann man nach den einhelligen Verrissen getrost schnell abhaken und lieber noch mal Haußmanns Repertoire-Inszenierungen am BE besuchen, seinen Woyzeck (2014) oder seinen Hamlet (2013), der am Dienstag, 15. September, wieder auf dem Spielplan stand: Trotz einiger Kritikpunkte blieb sein Woyzeck als eine packend inszenierte, interessant zugespitzte Inszenierung mit einem beeindruckenden Händchen für den passenden Pop-Soundtrack in Erinnerung.

Christopher Nell als „Hamlet“ am Berliner Ensemble: Blutiger Amoklauf, but „death is not the end“

Mit Shakespeares Hamlet kehrte Leander Haußmann nach zehnjähriger Pause im Novembeer 2013 zurück ans BE und wirbelte gleich gehörig Staub auf. Er setzt in dieser Inszenierung alles ein, was die Theatermaschinerie hergibt. Fast über die gesamten vier Stunden bleibt die Drehbühne von Johannes Schütz in Bewegung. Es blitzt, wummert, dröhnt und donnert. Das Kunstblut spritzt, in den ersten beiden Reihen werden Decken bereitgelegt. Der zaudernde Dänenprinz wird bei Christopher Nell zum Amokläufer, der an Tarantino erinnert.

Durch das Blutbad begleitet ihn das Duo Apples in Space, die dem Abend, der sonst Vollgas gibt, mit Engelsflügeln, Gitarre, Akkordeon und dem leitmotivisch wiederkehrenden Death is not the end eine elegische Note geben. In August Wilhelm Schlegels Shakespeare-Übersetzung wird nur nach der Pause ein kurzer Fremdtext eingeflochten: die Passage aus Machiavellis Il Principe, dass ein Machthaber die Grausamkeiten gleich zu Beginn begehen solle.

So ähnlich wie diese Inszenierung von Leander Haußmann, die in einer Fechtszene kulminiert, muss man sich wohl auch die Aufführungen zu Shakespeares Zeiten im Londonder Globe Theatre vorstellen: laut, bunt, nicht jedermanns Sache, aber unterhaltsam.

„Rebel Dabble Babble Berlin“: James Franco knutscht in Volksbühnen-Video-Installation

Die Video-Installation Rebel Dabble Babble Berlin von Paul McCarthy, die noch bis 27. September an der Volksbühne zu sehen, ist leider genauso langweilig wie Der gute Mensch von Sezuan. Das Publikum wird von einem Wald aus Leinwänden empfangen. Jeder Besucher ist aufgefordert, seinen eigenen Parcours durch diese Rundum-Beschallung zu finden. Es wird lautstark geheimwerkert, geschrien und gestöhnt, in einigen Szenen ist Hollywood-Star James Franco zu erkennen.

Aus der Ankündigung erfahren wir: James Franco spielt Jungstar James Dean. Als „Meditation über Archetypen und ödipale Spannungen“ wurde das Ganze angekündigt. Man wolle hinter die Fassaden der Traumfabrik Hollywood blicken und auf „auf klassische Ikonen des Märtyrertums an, auf das Grand Guignol Theater sowie auf sexuell konnotiertes Vaudeville.“ Das Ergebnis der Bemühungen ist dürftig: Viel Lärm um Nichts. Spätestens „nach einer Dreiviertelstunde haben sich all die umgestülpten Bilder und Anspielungen ausgesprochen und ausgesehen“, fasst Doris Meierheinrich in der Berliner Zeitung zusammen.

„Rebel Dabble Babble“ erfüllt die Klischeevorstellungen von einem Volksbühnen-Abend der schlechteren Sorte voller Videobilder sich gegenseitig filmender Akteure. Ein Mix aus Reizüberflutung und inhaltlichem Leerlauf. Falls Michael Laages mit seiner Interpretation im Deutschlandfunk recht haben sollte, dass „das Gedabbel und Gebabbel (…) eine Art abendfüllender Warnung vor dem, was kommen könnte“ sein möchte, käme diese Abrechnung des Noch-Intendanten Frank Castorf mit seinem designierten Nachfolger Chris Dercon reichlich „grob-ironisch“ daher.

Für die Wut über die Entscheidung des Kulturstaatssekretärs Tim Renner, die Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz in neue Hände zu geben, hat Jürgen Kuttner bei seiner Jubiläums-Gala zum 100. Geburtstag des Hauses treffsicherere Pointen gefunden.

Hipster-Satire aus New York: Adelle Waldman beim Literaturfestival

Nathaniel P., die Hauptfigur von Adelle Waldmans Roman, und seine New Yorker Hipster-Freunde kann man sich sehr gut dabei vorstellen, wie sie ihre Zeit bei solchen Video-Installationen vergeuden. Messerscharf beobachtet und pointiert formuliert rechnet Adelle Waldman in ihrem zweiten Buch, das in den USA und Großbritannien 2014 ein großer Erfolg war und auch in deutscher Übersetzung gute Kritiken bekam, mit einem beziehungsunfähigen Bohemien ab.

Bei ihrem Gespräch mit dem Moderator Bernhard Robben berichtete Waldman, dass die Formulierung „Das ist ein echter Nathaniel P.“ in manchen Kreisen bereits zum geflügelten Wort wurde, um eine Begegnung mit einem Hipster zu beschreiben: oft negativ konnotiert, aber durchaus auch annerkennend.

Die Lesung von Naomi Krauss und die gut vorbereiteten Fragen von Bernhard Robben weckten Neugier auf dieses Buch und machten diesen Abend zu einer der interessanteren Veranstaltungen des 15. internationalen literaturfestivals Berlin.

Dokumentartheater „El Dschihad“, talentierte Ernst Busch-Schüler in „Zwei Herren aus Verona“, „45 Years“-Ehekrise mit Charlotte Rampling und Auftakt des 15. Literaturfestivals

„El Dschihad“: Dokumentartheater ohne klaren Zugriff

Das Projekt von Claudia Basrawi und ihrem Team klingt sehr interessant: zur Spielzeiteröffnung des Ballhaus Naunynstraße wollten sie in einem Dokumentartheaterabend dem facettenreichen Begriff El Dschihad auf den Grund gehen. Ein naheliegender Gedanke in einem Jahr, das mit dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo begann, in dem Meldungen über Geiselnahmen oder Zerstörungen von Kunstschätzen durch den IS einen Stammplatz in den Nachrichten haben und in dem ein Ende des syrischen Bürgerkriegs und des Leids der Flüchtlinge noch längst nicht abzusehen ist.

Dem El Dschihad-Abend ist auch einige Rechercherabeit anzumerken: aus den Archiven wurde beispielsweise ein Plan aus der Ära des deutschen Kaiserreichs ausgegraben. Max von Oppenheim wollte muslimische Kriegsgefangene in einem sogenannten „Halbmondlager“ in Wünsdorf bei Berlin mit islamistischen Ideen aufwiegeln und „die ganze mohemmadanische Welt zum wilden Aufstand entflammen“. Ausgerechnet dort, wo nur noch die Überreste einer hölzernen Moschee an die Instrumentalisierungsversuche aus dem Kaiserreich erinnern, soll demnächst ein Erstaufnahmelager für Flüchtlinge entstehen.

Es gäbe also genügend Ansatzpunkte für einen anregenden, lehrreichen Theaterabend. Dass das Projekt nicht gelungen ist, liegt vor allem daran, dass Claudia Basrawi, die den Abend mit einem autobiographischen Monolog eröffnet, und ihre Mitspieler Elmira Bahrami, Erdinç Güler, Mario Mentrup und Rahel Savoldelli ihr Material nicht in den Griff bekamen.

Mit gespielter Naivität stellen sie sich gegenseitig Fragen, spielen Experten-Interviews nach und springen durch die Jahrzehnte. Sie bemühen sich sehr darum, das ernste Thema möglichst komisch zu präsentieren, verheddern sich aber in einer Aneinanderreihung kleiner Schnipsel. Der Erkenntnisgewinn blieb deshalb leider gering. Schade, dieser Stoff hätte wesentlich mehr hergegeben.

„Zwei Herren aus Verona“: Ernst Busch-Hochschüler holen aus Shakespeares Frühwerk das Beste heraus

Eine schlechtere Ausgangssituation hatten die sieben Studentinnen und Studenten der HfS Ernst Busch, die unter der Regie von Veit Schubert Zwei Herren aus Verona im Pavillon des Berliner Ensemble einstudierten. Diese Komödie gehört zum Frühwerk von William Shakespeare und ist vermutlich 1590/91 entstanden. Dass dieses Stück im Gegensatz zu Othello, Hamlet oder Romeo und Julia kaum auf den Spielplänen steht, hat seine Gründe: viele Themen und Motive werden angerissen, der Schluss wirkt unglaubwürdig. Die Dramaturgin Anika Bárdos urteilte bei der Einführung im Gartenhaus, dass es sich um einen Text voller Anfängerfehler handele, weil Shakespeare zu viel gewollt habe.

Dennoch schaffen es die jungen Talente, aus diesem Stoff einen wunderbaren Theaterabend zu machen. Die Übersetzung von Frank Günther wurde auf eine knapp zweistündige Fassung klug gekürzt, ihr frischer Ton und die schnellen Rollenwechsel sorgen für eine komischen, schwungvolle Inszenierung.

Aus dem sehr guten Ensemble ragen Leonard Scheicher und Felix Strobel als Valentin und Proteus heraus: der beste Freund wird im Streit um die begehrte Frau zum Intriganten. Zwischen all den Verwicklungen um nicht abgeschickte Briefe, chancenlose Nebenbuhler, sächselnde, aus Klappen im Boden auftauchende Waldbewohner und kauzige Kammerdiener bleibt genug Raum für eine feine Charakterisierung der Hauptfiguren. Zu dem gelungenen Theaterabend trägt auch die schöne musikalische Untermalung bei. Schon bevor sich der Vorhang hebt, gibt Felix Strobel mit der Gitarre eine Kostprobe seines Könnens.

Die Zwei Herren aus Verona sind seit ihrer Premiere im Dezember 2014 ein Publikumserfolg auf der kleinen Bühne des Berliner Ensembles und bieten die Chance, vielversprechende Talente bei ihren ersten Karriereschritten zu erleben.

Kino-Starts von zwei Berlinale-Filmen: „45 Years“ und „Knight of Cups“

Außerdem starteten in dieser Woche zwei Filme in den Kinos, die am Eröffnungswochenende der Berlinale im Februar 2015 liefen.

Vor Knight of Cups kann ich leider nur warnen. Was kann denn schiefgehen, wenn Regie-Altmeister Terrence Malick, der für Thin red line 1998 den Goldenen Bären verdient hat, mit Stars wie Christian Bale, Cate Blanchett und Natalie Portman arbeitet?

Leider fast alles, wie die sich stark lichtenden Reihen bei der Pressevorführung von Knight of Cups am Sonntag Mittag im Berlinale-Palast dokumentierten. So viel Publikumsschwund war selten zu erleben…

Wesentlich besser gefiel mir 45 Years, ein Kammerspiel über ein alterndes Ehepaar. Ein Brief aus der Schweiz stellt plötzlich vieles in Frage: in einer Gletscherspalte wurde die Leiche der jungen Frau gefunden, mit der Geoff (Tom Courtenay) damals zusammen war, bis sie bei einer gemeinsamen Bergtour verunglückte. Seine Kate (Charlotte Rampling) kannte er damals noch nicht, mit ihr ist er nun jahrzehntelang – wie es scheint – recht glücklich verheiratet. Am nächsten Wochenende soll eine große Party mit vielen Freunden aus dem Dorf zum 45. Hochzeitstag stattfinden.

„Plötzlich ist der Raum voller Gespenster“, brachte David Constantine es in der Kurzgeschichte, die diesem Fim zugrundeliegt, auf den Punkt. Kate grübelt: Hätte Geoff sie auch geheiratet, wenn dieses Unglück nicht passiert wäre? Zweifel durchbohren die Routine des Alltags und stören die Feier-Vorbereitungen.

Rampling und Courtenay spielen dies glänzend, sehr minimalistisch. Es ist ein Kino-Erlebnis, die vielen kleinen fragenden, skeptischen, die Vergangenheit abtastenden Blicke und Gesten auf sich wirken zu lassen. Die Berlinale-Jury zeichnete das Duo mit den Silbernen Bären für die Besten Darsteller aus.
Der Film (Regie und Drehbuch: Andrew Haigh) kippt allerdings vor allem gegen Ende zu sehr ins Rührselige.

Trailer zu 45 Years

15. internationales Literaturfestival Berlin mit Javier Marías, Ha Jin, Michael Cunningham, Christian Brückner und Borussia Dortmund

Der spanische Bestsellerautor Javier Marías hielt nicht nur die Eröffnungsrede des 15. Literaturfestivals, sondern stellte dem Publikum auch einen kleinen Auszug aus seinem Roman „So fängt das Schlimme an“ vor, der am 24. September bei S. Fischer erscheinen soll.

Die Handlung spielt in Madrid Anfang der 1980er. Die Gesellschaft ist nach Francos Tod im Umbruch, das Scheidungsrecht wird eingeführt: ein Lichtblick für die unglückliche Ehe von Muriel und Eduardo. In ihr Leben tritt ein Regisseur, der über dem zweiten Auge eine Klappe trägt.

Dem Gespräch von Javier Marías mit Paul Ingendaay war zu entnehmen, dass es ihm vor allem wieder um die Themen Täuschung und Betrug geht. Ob daraus ein ähnlicher Erfolg wie Mein Herz so weiß (1992 im Original, 1996 auf Deutsch) wird, muss sich zeigen.

Auf der Gartenbühne des Festspielhauses in Wilmersdorf stellte Ha Jin seinen Roman Verraten vor: der Autor wurde im Norden Chinas geboren, lebt aber seit 1985 in den USA und lehrt englische Literaturwissenschaft. Über seinen neuen Roman, der im Arche-Verlag (Zürich) erschien, gehen die Meinungen deutlich auseinander.

Frank Arnold, der eine längere Passage aus der Übersetzung las, hielt anschließend ein flammendes Plädoyer für dieses Buch: Ha Jin verstehe es auf geradezu geniale Art, die chinesische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte mit der Erzählung über eine Familie zu verknüpfen. Verraten handelt von einem enttarnten Doppelagenten, der Suizid beging, und von der Identitätssuche seiner Tochter. Ganz anderer Meinung war die NZZ, für einen Thriller sei der Plot viel zu spannungsarm. Aber auch als Ersatz für ein Sachbuch tauge er kaum, da er nur bekannte Fakten wiederhole.

Ein Höhepunkt der ersten Festival-Tage war der Auftritt von Christian Brückner, der Synchronstimme von Robert de Niro. Er las eine Schlüsselstelle aus Die Schneekönigin von Michael Cunningham über einen Mann, der durch den Central Park irrt, nachdem er von seinem Lover per SMS den Laufpass bekommen hat. Diese Passage machte neugierig auf einen Roman, der jedoch nach Ansicht von FAZ und WELT schlicht überladen sei und sich in zu vielen Motiven verzettele.

Im Gespräch mit Sigrid Löffler dekliniert Michael Cunningham, der Creative Writing in New York lehrt, die vielfältigen Themen seines neuen Romans durch: er beschreibt das Kreativmilieu seiner Heimatmetropole, das sich mit prekären Jobs durchs Leben hangelt, schlägt den Bogen von der depressiven Stimmung an der liberalen Ostküste bei George W. Bushs Wiederwahl 2004 zu Obamas „Yes we can“-Wahlkampf 2008. Private Dramen von Krebs bis Trennung und Märchenmotive, die an Hans Christian Andersen anknüpfen, reichern den überbordenden Plot an.

Kann Michael Cunningham damit an seine beiden größten Erfolge The Hours und Ein Zuhause am Ende der Welt, die beide auch verfilmt wurden (2002 mit Meryl Streep und Julianne Moore bzw. 2004 mit Colin Farrell), anknüpfen?

Eine positive Überraschung der ersten Festival-Tage war der Auftritt der Autoren-Nationalmannschaft mit ihrem Sammelband Man muss ein Spiel auch lesen können. Bei jedem Heimspiel von Borussia Dortmund war in der vergangenen Bundesliga-Saison einer der Schriftsteller zu Gast: einige seit Jahren eingefleischte Borussen-Fans, andere dagegen Anhänger des FC Bayern. Die Mutigsten trauten sich in die „Wand“. Nach dem Spieltag erschienen ihre meist lesenswerten Texte (Glossen, Kurzgeschichten, Erlebnisberichte) auf der Webseite des Vereins und nun als Buch. Die Autoren-Nationalmannschaft wurde bei ihrem Auftritt auf der Großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele vom Schauspieler Joachim Król verstärkt, der sich in einem amüsanten Text an die Fahrt in das damals noch geteilte Berlin zum DFB-Pokalfinale 1989 erinnerte.

Da weniger als 48 Stunden später schon das nächste Bundesliga-Spiel anstand, tauchte der versprochene Überraschungsgast aus dem Team von Borussia Dortmund nicht auf. Als Entschädigung zog Monika Maron als Glücksfee die Gewinner von 3×2 Tickets.