Archiv der Kategorie: ilb Literaturfestival 2014

Dicker Wälzer über das Tiananmen-Massaker: „Peking Koma“

Ma Jian war noch nie ein linientreuer Gefolgsmann der chinesischen KP. Nach einer Ausbildung zum Maler und Fotografen reiste er als Tramp quer durch das Land und veröffentlichte seinen schonungslosen Bericht Red Dust. 1983 verbüßte er eine Gefängnisstrafe, da die Parteiführung ihn bei ihrer Kampagne gegen geistige Verschmutzung ins Visier genommen hatte. Dies hinderte ihn aber nicht daran, weitere heiße Eisen anzufassen und z.B. über die Lage in Tibet zu publizieren.

1989 war er einer der Aktivisten auf dem Tiananmen, die für einen Wandel demonstrierten und am 4. Juni von den Panzern in einem Massaker niedergewalzt wurden. Die eindringlichen Bilder ließ Ma Jian während seines Auftritts beim 14. ilb so häufig an die Wand projizieren, dass sich einige Besucher mit Schaudern abwandten. Dieses Massaker, das bis heute von der chinesischen Staats- und Parteiführung totgeschwiegen wird, steht im Zentrum seines fast 1000-seitigen Wälzers Peking Koma. Ein junger Demonstrant kämpft nach einem Kopfschuss um sein Leben, die Erinnerungen ziehen an ihm vorbei. Die Handlung schlägt einen weiten Bogen von Maos Kulturrevolution, unter deren Umwälzungen Ma Jians Vater als Lehrer litt, über die Repression gegen Falun Gong bis zur „Stadtentwicklungspolitik“ vor den Olympischen Spielen 2008, als ganze Stadtviertel abgerissen wurden.

Ma Jian verlangt dem Leser nicht nur durch die schiere Länge seines Buches viel ab, sondern auch durch die Schilderung der Gewaltakte, die keine Details ausspart. Nach China darf er aus seinem Londoner Exil längst nicht mehr einreisen, seine Bücher sind von der Zensur verboten.

Das Buch ist im Original bereits 2008 und auf Deutsch 2009 erschienen. Es wurde auf dem Festival gewürdigt, da sich das Massaker zum 25. Mal jährte. Leider blieb im engen Takt der ilb-Veranstaltungen zu wenig Zeit, die Hintergründe des Werks und die aktuelle Situation in China noch intensiver zu beleuchten. Fragen aus dem Publikum wurden überhaupt nicht zugelassen.

Ma Jian: Peking Koma: Rowohlt, 923 Seiten

Was taugt „Der Circle“ von Dave Eggers

Wenige Bücher lösen so kontroverse Debatten in den Feuilletons aus wie der neue Roman von Dave Eggers. Die einen rühmen Der Circle als DAS Buch zur aktuellen Debatte um digitale Oligopole im Silicon Valley und grenzenlose Überwachung der Datenströme. Andere kritisieren, dass dieser Schlüsselroman über eine recht naive junge Frau, die bei einem großen Konzern á la Google einsteigt, unterkomplex mit hölzernen Figuren, klappernden Dialogen und schwarz-weiß-gezeichneten Charakteren sei.

Festivaldirektor Ulrich Schreiber nahm dies zum Anlass, diesen Streit von drei Protagonistinnen und Protagonisten auf dem Podium des Hauses der Berliner Festspiele noch mal ausfechten zu lassen: Julia Encke (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) und Iris Radisch (ZEIT) vertraten die Pro-Seite, Dirk Knipphals (taz) gab entschieden Contra.

Die Diskussion litt unter zwei zentralen Mängeln: Ulrich Schreiber musste kurzfrisrtig als Moderator für Georg Diez einspringen und sorgte mangels fundierter Vorbereitung für einige unfreiwillig-komische Überleitungen. Außerdem tappten die Diskutanten mehrfach zielsicher in Klischeefallen, als sie im Brustton der Überzeugung über ihre Sicht auf Amerika und Europa räsonierten. Dennoch gelang es, den Kern des Disputs kompromiert darzulegen.

Der interessanteste Beitrag kam jedoch aus dem Publikum: eine Leserin empfahl Zero von Marc Elsberg, das thematisch ähnlich, aber literarisch hochwertiger und inhaltlich differenzierter sei. Dieses Buch hatte aber leider niemand auf dem Podium gelesen.

Der Circle von Dave Eggers. Kiepenheuer & Witsch, 560 Seiten

Mexikanische Abgründe beim Literaturfestival

Mexiko war am Samstag die nächste Station bei der Reise durch die Literaturen der Welt beim 14. ilb.

Ab 18 Uhr las zunächst Yuri Herrera (Jahrgang 1970 und laut Moderatorin und Mittel- und Südamerika-Expertin Michi Strausfeld eine der spannendsten jüngeren Stimmen der hispanoamerikanischen Region) aus seiner Trilogie Der König, die Sonne, der Tod. Die Neue Zürcher Zeitung war in ihrer aktuellen Wochenend-Ausgabe von der schonungslos-kritischen Bestandsaufnahme der bekannten Probleme (Drogenkartelle, illegale Migrantenströme an der Grenze zu den USA, hohe Mordrate) sichtlich angetan.

Weniger düster ging es anschließend ab 20 Uhr bei Juan Pablo Villalobos (Jahrgang 1973 und somit unwesentlich jünger als Herrera) zu: er stellte seine bissige Satire Quesdillas vor, die nach dem Lieblingsgericht der im Roman beschriebenen Familie benannt ist und das Mittelstück einer Trilogie ist.

Noch treffender ist allerdings der Originaltitel: Si viviéramos en un lugar normal (Wenn wir an einem normalen Ort leben würden): Inspiriert von der absurden Literatur der französischen Moderne (Eugène Ionesco, Alfred Jarry, Samuel Beckett) und als Parodie auf den Magischen Realismus eines Gabriel García Márquez schildert er die mexikanische Gesellschaft mit den staunenden Augen eines 14jährigen und sorgte für zahlreiche Lacher im Publikum.

Der letzte Teil seiner Trilogie liegt im Original bereits vor, wartet aber noch auf die deutsche Übersetzung. Als kleinen Vorgeschmack kündigte Villalobos an, dass der Philosoph Theodor W. Adorno darin eine wichtige Rolle spielt.

Der König, die Sonne, der Tod von Yuri Herrera: S. Fischer Verlag, 352 Seiten

Quesadillas von Juan Pablo Villalobos. Berenberg Verlag, 174 Seiten

„Der Garten des Blinden“: Pakistan nach 9/11

Die Programmreihe Literaturen der Welt des internationalen literaturfestivals berlin ist traditionell eine Fundgrube, um hierzulande noch recht unbekannte Autoren kennenzulernen. Am zweiten Abend des Festivals kam Nadeem Aslam aus London ins Haus der Berliner Festspiele.

Als Sohn eines kommunistischen Regisseurs und einer streng gläubigen Muslimin musste er im Alter von 14 Jahren aus Pakistan nach Großbritannien fliehen. Auch in seinem vierten Roman Der Garten des Blinden, der im April bei DVA erschien, kehrte er literarisch in die Heimat seiner Eltern zurück. Unmittelbar nach 9/11 ist das Land aufgewühlt, Jeo und Mikal, die Hauptfiguren des Buches, ziehen über die Grenze nach Afghanistan und wollen sich dem Kampf der Taliban gegen die USA anschließen. Schnell geraten sie zwischen die Fronten, in einen Hinterhalt und in Gefangenschaft der Taliban. Als ihr Vater ebenfalls ins Nachbarland reist, um sie freizukaufen, wird ihm Rubinpulver in die Augen gestreut, so dass er blind wird.

Im Zentrum der Handlung steht der Abwehrkampf liberaler Muslime gegen die Steinzeit-Fundamentalisten. Präzise recherchierte Schilderungen wechseln sich mit Metaphern aus der Welt des Magischen Realismus ab. Der sehr gut vorbereitete Moderator Bernhard Robben, der das Buch auch aus dem Englischen übersetzt hat, entlockte dem Autor Nadeem Aslam einige interessante Erklärungen zu seiner selbst in Künstlerkreisen ungewöhnlichen Schreibweise. Aslam versenkt sich tief in den Schreibprozess, dunkelt alle Fenster ab und schreibt vorzugsweise nachts. Er lässt sich Essen bringen und verlässt das Haus lange Zeit nicht mehr, so dass eine Lesung bei der lit.cologne fast daran gescheitert wäre, dass er zunächst seine Schuhe suchen musste, die unter Spinnweben eingesponnen waren. Wenn er über Blinde oder Verletzte schreibt, die nach einem Unfall nur noch drei Finger haben, klebt er sich die Augen mit einer Klappe ab oder bindet die Zeigefinger zurücck, um sich so authentisch wie möglich in seine Figur einzufühlen.

Die ersten Besprechungen in NZZ und taz urteilten recht wohlwollend über die politisch engagierte Neuerscheinung.

Der Garten des Blinden von Nadeem Aslam: 429 Seiten

„Das Tiefland“: indisches Familiendrama zum Auftakt des 14. ilb-Festivals

Am Eröffnungsabend des 14. internationalen literaturfestivals berlin war die Pulitzer-Preisträgerin (2000 für Interpreter of Maladies) Jhumpa Lahiri erstmals bei einer Lesung in Deutschland zu Gast. Sie las eine kurze Passage aus ihrem neuen Buch Lowland, das auf Deutsch gerade unter dem Titel Das Tiefland bei Rowohlt erschienen ist.

Die Romanhandlung spielt in einem Vorort von Kalkutta, der Heimat ihrer Großeltern, wo auch ihr Vater geboren ist. Lahiri ist in Großbritannien und den USA aufgewachsen und lebt heute in Brooklyn. Indien kennt sie hauptsächlich von Familienurlauben. Die erste Idee für ihren Roman hatte sie bereits 1997: eine grausame Exekution auf dem Höhepunkt der Gewalt zwischen Hindu-Extremisten und Muslimen. Der Stoff arbeitete und gärte in ihr, aber erst jetzt wurde daraus ein mehr als 500 Seiten dickes Familiendrama vor dem Hintergrund der indischen Geschichte der vergangenen Jahre.

Im Zentrum des Romans stehen zwei Brüder, die gegensätzliche Wege einschlagen: der eine geht zum Studium an die US-Ostküste und bleibt dort als leer, fühlt sich jedoch am Ende in beiden Welten fremd. Der andere schließt sich maoistischen Aufständen an und stirbt im Gefängnis.

Die Frankfurter Rundschau urteilte heute in der ersten großen Feuilletonbesprechung, dass das Buch voller Schwermut über lange Strecken eine bleierne Zeit beschreibe. Einen ersten Eindruck bekam das Publikum im Haus der Berliner Festspiele, als die große Fassbinder-Schauspielerin Hanna Schygulla aus der Übersetzung los. Auch wenn sie sich mehrfach verhaspelte, wurde der melancholische Ton dieses Buches sehr deutlich.

Das Tiefland von Jhumpa Lahiri: 528 Seiten

Das 14. internationale literaturfestival berlin