Archiv der Kategorie: ilb Literaturfestival 2013

ilb-Abschluss mit Salman Rushdie und Sophie Rois

Am Abschluss-Wochenende des Internationalen Literaturfestivals Berlin standen zwei Veranstaltungen mit dem prominentesten Gast auf dem Programm: Salman Rushdie.

Am Samstag Abend plauderte er über seine Bücher, die den Umbruch in Indien thematisieren: Mitternachtskinder, mit dem er 1981 bekannt wurde, und Des Mauren letzter Seufzer. Die Fragen plätscherten vor sich hin, Burghart Klaußner trug einige Passagen auf Deutsch vor. Interessanter war die Präsentation seiner Autobiographie Joseph Anton am Sonntag Mittag: In dem vor einem Jahr erschienen, mehr als 700 Seiten dicken Wälzer beschreibt er vor allem die Jahre unter Polizeischutz, nachdem der iranische Ajatollah Khomeini eine Fatwa gegen Rushdie und sein Buch Die satanischen Verse von 1989 erlassen hatte.

Die letzte Veranstaltung des Festivals war ein Oratorium mit Sophie Rois: die Sing-Akademie zu Berlin, der Staats- und Domchor Berlin und die Lautten Compagney hatten anläßlich des 300. Geburtstags von Lawrence Sterne eine musikalische Fassung (Händels Hallelujah, Schwerpunkt auf Barockmusik, aber auch einige zeitgenössische Werke) zu seinem satirischen Roman Tristram Shandy einstudiert.

Die Instrumental- und Gesangsszenen wurden durch kurze Dialoge zwischen Sophie Rois und ihrem Kollegen Volker Spengler unterbrochen, der sich jedoch vor allem darauf beschränkte, in seinen Bart zu brummen, seine Pfeife zu rauchen und "Ist das Kind schon da?" zu krähen. Dementsprechend gewöhnungsbedürftig war diese Performance im Volksbühnen-Stil.

Matthes, Finzi, Klaußner: Vortragskunst beim ilb

Das Literaturfestival geht langsam in die zweite Halbzeit und wartete am Dienstag mit einigen Publikumsmagneten auf, die für proppenvolle Veranstaltungen sorgten.

Im Oberen Foyer mussten noch weitere Stühle herangeschafft werden, so dass die beiden Schauspieler Ulrich Matthes (Ensemble-Mitglied im Deutschen Theater und bekannt aus vielen Kino-Rollen) und Volker Bruch (einer der jungen Soldaten im ZDF-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter) mit 20 Minuten Verspätung aus der neu erschienenen Historisch-Kritischen Ausgabe von Ernst Jüngers umstrittenem Roman In Stahlgewittern lesen konnten.

Helmuth Kiesel, der Herausgeber der neuen Ausgabe, beleuchtete in seiner fachkundigen Einführung den historischen Kontext, in dem die Urfassung des Romans 1920 erschien: Ernst Jünger und viele seiner Altersgenossen zogen euphorisch in den Ersten Weltkrieg, da er ihnen als willkommene Abwechslung zu einem als langweilig empfundenen Leben und als Ausbruch aus dem Drill und der Strenge an wilhelminischen Schulen erschien. Der Krieg wird als "Rausch" beschrieben, bei dem man in "trunkener Stimmung" endlich "mitmachen dürfe".

Die Generation fand sich bald in den Stellungskämpfen der Schützengräben wieder, konfrontiert mit Schmutz, Elend und Tod. Viele Erlebnisse tat Jünger in der ersten Auflage von In Stahlgewittern mit lapidaren Sätzen ab, erst in späteren der insgesamt sieben Fassungen, an denen er bis 1978 arbeitete, kommen differenziertere Beschreibungen vor. Ab den 60er Jahren tauchte sogar der Begriff "Trauer" auf, der nicht zum (Selbst-) Bild des jungen Autors passte, der auch mal allzu gefühlvolle Tagebucheinträge, weil sie ihm peinlich waren, bis zur Unleserlichkeit durchstrich und überschrieb. Es ist die Leistung des Klett Cotta-Verlags und des Literaturarchivs Marbach, diese verschiedenen Schichten im vorliegenden Band rekonstruiert und somit neue Facetten eines der bekanntesten Kriegsromane freigelegt zu haben.

Im Anschluss durfte sich das Publikum auf die Vortragskunst der Schauspieler Samuel Finzi und Burghart Klaußner freuen. Sie lasen aus dem Briefwechsel zwischen John Coetzee und Paul Auster, wo sich die beiden Autoren über Politik (insbesondere den Nahostkonflikt), ihre Leidenschaft für Baseball und Tennis und insbesondere über ihr Verhältnis zu ihrer Muttersprache und ihre literarischen Stile und Ideen austauschten. John Coetzee, Literaturnobelpreisträger von 2003, der als besonders öffentlichkeitsscheu gilt und den Festival-Rummel üblicherweise meidet, wie Sigrid Löffler in ihrer Einführung mehrmals betonte, las auch einige Passagen selbst im englischen Original vor.

Parallel diskutierten in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung Autorinnen und Autoren aus ihrer Anthologie Writing Revolution: The voices from Tunis to Damascus, die mit dem britischen PEN-Preis ausgezeichnet wurde. Das politisch engagierte Profil des Festivals zeigte sich auch bei der Podiumsdiskussion Das System Putin – Ende der Zivilgesellschaft?, wo Herta Müller mit Vertretern der russischen Opposition diskutierte, bevor das Kammerorchester Kremerata Baltica spielte.

Das internationale literaturfestival berlin

ilb: Reflections mit Ahmed Rashid und Geert Mak

Am zweiten Tag des Literaturfestivals waren Diskussionen mit zwei bekannten politischen Publizisten im Oberen Foyer des Festspielhauses zu erleben.

Zunächst zeichnete Ahmed Rashid ein düsteres Bild seiner Heimat Pakistan: an mehreren Brennpunkten (Kaschmir, Karachi, Tribal Areas) drohe eine Eskalation. Auch nach dem Sturz Musharrafs bestimme das Militär die Außenpolitik und verhindere eine Aussöhnung mit Indien. Der Verteidigungsetat verschlingt immer noch den größten Teil des Budgets. 

Rashid konstatierte, dass Pakistan in den vergangenen 15 Jahren mehrere Chancen verpasst hat, sich zu öffnen und die Lage in der Region zu befrieden: nach Ende des Kalten Kriegs lag Pakistan zu sehr im Windschatten der internationalen Aufmerksamkeit. Nach 9/11 versäumte es Pakistan, eine zero tolerance-Politik gegen jede Form des Extremismus zu verfolgen.

Als einzigen Hoffnungsschimmer sah Rashid die gut ausgebildete Zivilgesellschaft, die gemeinsam mit Medien und Justiz dazu beitragen könnte, die Gewaltspirale einzudämmen.

Am Freitag, 6. September, wird Rashid noch mal beim ilb auftreten und mit Michael Koch, dem Afghanistan-Beauftragten der Bundesregierung, über den Truppenabzug diskutieren. Rashid ist seit seinem Weltbestseller Taliban, in dem er ein Jahr vor 9/11 vor den Gefahren warnte, einer der angesehensten Kenner des Landes.

Anschließend berichtete der Niederländer Geert Mak über seine Rundreise durch die USA im Jahr 2010 nach Obamas Wahlsieg: Genau 40 Jahre nach John Steinbecks melancholischer, von Altersdepression geprägter Reise durch das ländliche Amerika, das sich gerade rapide wandelte, fuhr Mak mit seiner Frau die Route erneut ab. Die Reiseerlebnisse aus Metropolen wie Chicago und San Francisco beschreibt Mak in seinem Wälzer Amerika!. Er erlebte ein verunsichertes Land der Gegensätze mit Wohlstandsinseln, die aus der Armut herausragen. Qualitätsmedien liefern die vielleicht besten Analysen, im Mittleren Westen ist Fox News mit seinem geschlossenen Weltbild die wichtigste Informationsquelle. Eine unterhaltsame Diskussion, die wenig Neues bot, über eine stilistisch überzeugende Reisereportage.

Auch Geert Mak wird am Freitag, 6. September, erneut zu Gast sein und über seinen Reisebericht In Europa sprechen, der 2008 auf der Leipziger Buchmesse ausgeszeichnet wurde.

ilb 2013: Holpriger Auftakt

Pünktlich zum Auftakt des 13. Internationalen Literaturfestivals Berlin meldete sich der Sommer nach einigen kühlen, verregneten Tagen noch mal zurück. 

Der Start des Festivals verlief dennoch etwas holprig: Die Schriftstellerin Taiye Selasi führte in den recht redundanten Passagen ihrer Eröffnungsrede aus, in welche Klischeefallen der eurozentrische Blick tappt. Ihre These Afrikanische Literatur gibt es nicht bot wenig Stoff für weitere Auseinandersetzungen. Autoren aus so unterschiedlichen Ländern wie dem katholisch geprägten, Portugiesisch sprachigen Angola und dem muslimisch geprägten, Französisch sprechenden Senegal lassen sich genauso wenig in einen Topf werfen wie Salman Rushdie, Arundhati Roy, Haruki Murakami und Mo Yan, die zwar alle vom asiatischen Kontent stammen, aber von niemandem als asiatische Schriftsteller zusammengefasst würden.

Die Weltpremiere von Daniel Kehlmanns Roman F war als erstes Highlight des Festivals angekündigt worden, wurde aber den hohen Erwartungen nicht gerecht. "Ich weiß nicht so recht, ob ich den Roman lesen werde", kommentierte eine Besucherin nach der Lesung. Bezeichnend war auch, dass sich der fast bis auf den letzten Platz besetzte Saal des Festspielhauses im Lauf der anderthalb Stunden spürbar leerte.

Thomas Brussig stellte seinem Schriftsteller-Kollegen Daniel Kehlmann einige belanglose Fragen, seine Lesung eines langatmigen Kapitels über eine Hypnose-Vorstellung wurde vom Publikum recht teilnahmslos aufgenommen.

Bis zum 15. September werden im Haus der Berliner Festspiele und den weiteren Veranstaltungsorten noch zahlreiche internationale Gäste zu erleben sein.

Das 13. ilb vom 4. bis 15. September 2013