Archiv der Kategorie: ilb Literaturfestival 2011

Gary Shteyngarts Untergangsszenarien

Einer der Höhepunkte des Internationalen Literaturfestivals Berlin war der Auftritt von Gary Shteyngart auf der Großen Bühne des Festspielhauses.

Sigrid Löffler würdigte ihn in ihrer kompetenten Einführung als einen der interessantesten und komischsten Autoren der Gegenwart. Nachdem er gemeinsam mit seinen Eltern 1979 von den USA aus der Sowjetunion freigekauft worden war, widmete er sich in seinen beiden ersten Büchern dem Untergang des Sowjet-Imperiums.

Verfall und Abstieg haben es ihm auch in seinem dritten Buch angetan: Super Sad True Love Story widmet sich dem Defizit des US-Haushalts und den Ängsten einer verunsicherten Nation vor dem Hintergrund einer Liebesgeschichte.

Bemerkenswert ist, dass Shteyngart bereits 2006 mit der Arbeit an seinem satirischen Zukunftsszenario begann und schneller als erwartet von der Realität eingeholt wurde. Die Passagen in seinem Buch über die Kritik der chinesischen Zentralbank, dass es mit dem US-Schuldenberg so nicht weitergehen könne, erinnern sehr an tatsächliche Medienberichte aus diesem Krisensommer, als das Buch längst veröffentlicht war und bereits für Furore sorgte.

Etwas unglücklich gewählt waren allerdings die Textausschnitte, die bei dieser Autorenlesung vorgetragen wurden. Darin kam der besondere Reiz des Buches nicht gut zur Geltung.  

Das Internationale Literaturfestival Berlin

ilb: Droht die Berlusconisierung Europas?

Ins Obere Foyer des Festspielhauses haben die Veranstalter des ilb zu
einer Diskussion unter dem Titel Berlusconisierung Europas? geladen. Die
Debatte in der Reihe Reflections war zwar mit Freitag-Herausgeber
Jakob Augstein, dem ungarischen Publizisten György Dalos und Dramatiker
Moritz Rinke interessant besetzt, scheiterte aber an der Konzeptlosigkeit. Vor allem die Moderatorin wirkte indisponiert, wie meine beiden Nachbarinnen mehrfach murmelnd monierten.

Schon nach wenigen Minuten kritisierte Augstein der wie gewohnt scharfsinnig argumentierte, dass hier zu viele Phänomene miteinander verrührt wurden und das eigentliche Thema der nachmittäglichen Runde nicht trennscharf definiert wurde.
So hüpfte man auf dem Podium von Berlusconi über Ungarn zum Freiherrn Karl-Theodor Guttenberg und zurück, bevor man immer mal wieder bei Strauss-Kahn. Deshalb hat die Diskussion wenig Gewinn für die Zuhörer gebracht: dass Berlusconi inzwischen auch den Italienern peinlich wird, war schon vorher klar. In Deutschland haben wir keine vergleichbaren Phänomene. Die fleissigen Aktenleser dominieren die politische Bühne, der schillernde Freiherr scheiterte schnell an seinen Plagiaten und durchsichtigen Inszenierungsstrategien. Besorgniserregend bleibt die Situation in Ungarn, wo die rechtspopulistische Regierung im Schatten der Euro-Krise rechtsstaatliche Standards schleift. Das Problem ging aber auf diesem Podium eher unter.

Wie eine solche Veranstaltung besser gelingen kann demonstrierte am gestrigen Montag Gabriele von Arnim, die in ihrer gewohnt souveränen Art Raoul Schrott über sein Werk und seine Gedankenwelt befragte. Auf dem Podium entwickelte sich ein ruhiges Gespräch, das Schrotts eigenständigen Kosmos innerhalb des hektischen Literaturbetriebs reflektierte, und genug Raum für Nachfragen ließ. Schrott wurde vor einigen Jahren durch seine Thesen zur Entstehung von Homers Werken bekannt, mit denen er die Fachwissenschaft zum Teil heftig gegen sich aufbrachte. Aktuell bereitet er einen epischen Text über seine Grenzerfahrungen u.a. in der Wildnis von Nordwest-Kanada vor, aus dem er erste Notizen und Fragmente vortrug.

Interessant war auch das Gespräch des Sinologen Tilman Spengler mit Jung Chang über die fast 1.000seitige Mao-Biographie, für die sie international viel Lob bekam, die aber in China der Zensur zum Opfer fiel. Gemeinsam mit ihrem Mann zeichnet sie darin akribisch Maos Lebensstationen und Leseerfahrungen nach. Vor allem dekonstruiert sie einige Mythen, die in der KPCh immmer noch gepflegt werden. Jung Chang wurde international durch ihren vielgelobten Roman Wilde Schwäne bekannt, worin sie ihre autobiographischen Erlebnisse während der Kulturrevolution verarbeitet.

Das Internationale Literaturfestival Berlin ilb

Erinnerung, sprich: José Saramagos letzter Roman

Zum Auftakt des Internationalen Literaturfestivals Berlin, das in diesem Spätsommer zum 11. Mal stattfindet, führte Sigrid Löffler im Saal des Deutschen Theaters durch einen gelungenen Abend zu Ehren von José Saramago.

Der streitbare portugiesische Autor wurde hierzulande 1998 einem breiteren Publikum bekannt, als er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr machte er mit geschliffenen, gescellschaftskritischen Novellen und Romanen sowie mit seiner harten Kritik an Sarkozy, Berlusconi und Co. in Interviews und Blogs auf sich aufmerksam.

Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler, langjährige Antipodin von Marcel Reich-Ranicki, gab eine sehr kurzweilige und fundierte Einführung in Leben und Werk Saramagos. Im Vergleich zu früheren Jahren war dies ein sehr gelungener, informativer Einstieg, der als Standard hoffentlich auch in den kommenden Festivaltagen eingehalten wird.

Höhepunkt des Abends war die Lesung von Sven Lehmann mit seinem charakteristischen Timbre, mit dem er seit Jahren auf der Bühne des Deutschen Theaters vor allem als Mephisto, aber auch in vielen Fernsehfilmen zu erleben ist. Er las einige Passagen aus Saramágos letztem Roman Kain: Der Kommunist und Atheist erzählt darin den biblischen Mythos des Brudermords neu. Der alttestamentarische Gott wird bei Saramago als grausam und despotisch dargestellt, wie Sven Lehmann mit seiner Stimme gut nuanciert herausarbeitet.

Das Internationale Literaturfestival Berlin ilb