Archiv der Kategorie: Lesungen

Die Fassaden des Bürgertums: zwischen Leichenhalle und Überbiss in die „Rue de Lourcine“ am Deutschen Theater, „Ein Tag für Frank Witzel“ auf RAF-Spurensuche

„Die Affäre Rue de Lourcine“: Publikums-Erfolg zwischen Klamauk und Loop-Effekten

Die von Henrike Engel gestaltete Bühne ist fast komplett in Weiß getaucht und als Leichenhalle bis zu einem christlichen Kreuz an der Rückwand stark verengt: der bürgerliche Salon des 19. Jahrhunderts, in dem Eugène Labiche seine wie am Fließband produzierten Boulevardkomödien ansiedelte, wird zum Krematorium. Ein ungemütlicher Ort, der sich ständig dreht, voller Hall-Effekte und Loops, die an diesem Abend im Deutschen Theater Berlin exzessiv eingesetzt werden.

Um die Fassaden bürgerlicher Wohlanständigkeit zu wahren und Unangenehmes unter den Teppich zu kehren, müssen schon echte Profis geholt werden. Das macht schon die erste Szene deutlich: Während das Publikum noch seine Plätze sucht, sind schon acht „Tatortreiniger“ unter Hochdruck am Werk.

Im Zentrum von Labiches Komödie, die tief im Klamauk und Slapstick herumwühlt, stehen zwei verkaterte Männer mit „Filmriss“. Oscar Lenglumé und sein Zech-Kumpel Mistingue werden von Michael Goldberg und Felix Goeser mit recht brachialer Komik gespielt. An diesen beiden Hauptfiguren des Stücks wird deutlich, wie brüchig das Fundament ist, auf dem gesellschaftliche Konventionen und Moralverstellungen errichtet wurden. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes bereit, über Leichen zu gehen und vermeintliche Belastungszeugen aus dem Weg zu räumen.

Dass der Abend trotz seines derben Grundtons erstaunlich gut funktioniert, liegt vor allem an einer umwerfenden Anita Vulesica als Norine (Gattin von Lenglumé). Urs Widmer schrieb im Programmheft über Labiches Stücke: „Nicht zufällig sind sie voller Bombenrollen für Männer, die Frauen sind alle auswechselbar, entweder jung oder nicht mehr so jung oder Dienstmädchen.“ Damit räumt Regisseurin Karin Henkel auf: Vulesica ist das Kraftzentrum ihrer Inszenierung und erntet den stärksten Applaus. Wie sie vor Zorn bebt, um Fassung ringt und sich verzweifelt müht, die bürgerlichen Fassaden am Tag der Taufe ihres Neffen zu wahren, ist der Höhepunkt des Abends. Ganz in Schwarz gehüllt zieht sie in der sterilen weißen Umgebung ohnehin schon die Blicke auf sich. Der Überbiss, durch den sie ihre Ermahnungen zischt und keift, verstärkt diesen Effekt noch.

„Ein Tag mit Frank Witzel“: Assoziatives Kreisen um den Deutschen Buchpreis-Wälzer

Die Berliner Festspiele luden zu einem langen Sonntag Nachmittag-Gesprächsreigen ein: Die Veranstaltung „Ein Tag mit Frank Witzel“ nahm sich vor, den dicken Wälzer „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ aus mehreren Perspektiven zu beleuchten.

Einige Passagen aus dem Werk, das im Oktober mit dem prestigeträchtigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, wurden von Schauspielern vorgetragen. Anschließend umkreisten Gespräche mit Carolin Emcke oder Philipp Felsch den Roman assoziativ. Trotz dieser klugen Köpfe bekam die Veranstaltung ihr Thema nicht richtig in den Griff und verlor sich zu sehr in Detailbeobachtungen.

Mal ging es um die überraschende Rückkehr der RAF in die Schlagzeilen. Die taz machte sich vor einigen Tagen auf der Titelseite über die „Seniorenkriminalität“ lustig und auch Carolin Emcke schüttelte über die banale Beschaffungskriminalität den Kopf. Mal wurden längere Ausschnitte aus der Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am hellichten Tag“ eingespielt und analysiert.

Wir dürfen gespannt sein, ob es Armin Petras besser gelingt, sich dem lesenswerten Roman in seiner für April als Co-Produktion des Schauspiels Stuttgart und der Berliner Schaubühne angekündigten Theater-Inszenierung anzunähern.

Wie hältst Du es mit der Religion? Frank Castorfs „Karamasow“-Exzess, Salman Rushdies neuer Roman und Heribert Prantl zu Gast bei Gregor Gysi

Castorfs „Brüder Karamasow“-Exzess: mit All-Star-Team durchs Planschbecken und aufs Dach

In Frank Castorfs sechseinhalbstündigem „monologisch-labyrinthischem Dostojewski-Exerzitium“ führt der Weg zur Religion wie sooft an der Volksbühne durch ein Planschbecken: Der Abend beginnt damit, dass die Schauspieler durch das Wasser zur Klause des Starez Sossima (Jeanne Balibar) waten, der hier als überfordertes Würstchen zu erleben ist.

Erwartungsgemäß hat Castorf die seitenlangen, oft staubtrockenen Abhandlungen über theologische und staatskirchenrechtliche Fragen in seiner Bearbeitung des 1200 Seiten-Wälzers „Die Brüder Karamasow“ gestrichen. Die Frage nach der Religion bleibt als Hintergrundrauschen in den folgenden Stunden präsent, die das Publikum entweder auf den nicht sonderlich bequemen Sofa-Sitzsäcken oder auf Stühlen miterlebt.

Castorf entschied sich jedoch dafür, vor allem die Zerrissenheit Russlands zwischen orthodoxer Tradition und westlichem Liberalismus zu thematisieren. Immer wieder hat er Fremdtexte von DJ Stalingrad in seinen Dostojewski-Abend geschmuggelt: es wird über Hooligans geschimpft, über Putin räsoniert und auch mal der Bogen zur Sowjet-Vergangenheit geschlagen.

Wir erleben einen wild durcheinandergewirbelten Mix aus knackigen Szenen und mäandernden Monologen: ein Best-of aus Dostojewskis philosophischem Krimi und der Schauspielkunst des Volksbühnen-Ensembles. Viele bekannte Namen aus der bald zuendegehenden Castorf-Ära sind hier noch einmal in Rollen zu erleben, die ihnen wie auf den Leib geschrieben scheinen: Kathrin Angerer als die Männer um den Finger wickelnde Femme fatale Gruschenka; Patrick Güldenberg mit der nervösen Intellektualität des Michail Rakitin; Alexander Scheer als Iwan Karamasow, der unmittelbar nach der Pause über das Dach der Volksbühne tigert und im Gleichnis des Großinquisitors über die Sklaven-Mentalität herzieht. Und schließlich Sophie Rois als Pawel Smerdjakow, die „Mörder, Mörder, Mörder“ kräht, als sich fast alle Ensemble-Mitglieder bei einem gemeinsamen Saunagang nach schon weit mehr als fünf Stunden die letzten Reste an Energie herausschwitzen.

Wie bei Castorfs Volksbühnen-Exzessen üblich wird das Geschehen über weite Strecken mit Livekamera gefilmt und auf die Leinwand übertragen. Auch das oligatorische Zetern, Kreischen und Brüllen fehlt nicht, angereichert mit einer Prise Selbstironie, als ein Schauspieler ins Publikum fragt: Glauben Sie denn, dass uns dieses ständige Brüllen Spaß macht?!

Das Fazit der sechseinhalb Stunden fällt ähnlich wie bei Thorsten Lensings Inszenierung in den Sophiensaelen vor einem Jahr aus: die Regisseure nutzen den Karamasow-Wälzer als Steinbruch und picken sich einige Motive heraus. Zwischen Langeweile und Schreiduellen blitzt hin und wieder ein Kabinettstückchen auf. Eine wirklich überzeugende Adaption dieses schweren Brockens Weltliteratur für die Theaterbühne steht aber noch aus.

Salman Rushdie über IS, Saudi-Arabien und seinen neuen Roman voller Fantasy-Motive

Um die Religion ging es auch beim Auftritt eines weltberühmten Autors im Haus der Berliner Festspiele: Nur eine Woche nach den Pariser Anschlägen und angesichts der strengen Sicherheitskontrollen hatten sicher viele Besucher der Lesung von Salman Rushdie ein mulmiges Gefühl. Trotz des spannenden Themas und des prominenten Schriftstellers blieben ungewöhnlich viele Plätze bei der letzten Veranstaltung des internationalen literaturfestivals berlin leer.

Zunächst ging es um seinen aktuellen Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ (die zusammen 1001 Nacht ergeben). Darin lässt Rushdie den Glauben und die Vernunft der Aufklärung zur Schlacht gegeneinander antreten. Märchengestalten wie die Dschinn und eine Königin des Lichts geistern durch die Handlung, so dass es eine naheliegende Wahl war, den Game of Thrones-Star Tom Wlaschiha aus der deutschen Übersetzung lesen zu lassen.

Die Feuilletons waren von diesem Werk nicht so angetan, attestierten ihm zwar Fabulierlust, bemängelten aber, dass der Plot eines manichäischen Kampfs zwischen Gut und Böse zu einfach gestrickt sei. Die FAZ empfahl deshalb, lieber zu den Rushdie-Klassikern „Mitternachtskinder“ (1980) oder „Die satanischen Verse“ (1988) zu greifen.

Dementsprechend wurde auch das Gespräch von Salman Rushdie mit der FAS-Redakteurin Johanna Adorján interessanter, als es vom Roman zu allgemeineren Themen überging: zu seinen Jahren in wechselnden Verstecken nach der Fatwa des iranischen Ayatollahs Chomeini im Jahr 1989 gegen ihn und zur aktuellen Weltlage.

Rushdie forderte die westlichen Gesellschaften auf, sich nicht vom Terror einschüchtern und die Lebensfreude nehmen zu lassen. Fast ebenso hart wie mit den „Bastarden“ vom IS ging er mit dem Regime in Saudi-Arabien ins Gericht, das islamische Fundamentalisten großzügig alimentiert. Er entließ das Publikum nach knapp 90 Minuten mit der Prognose in den Abend, dass die fundamentalistischen Terrorgruppen den religiösen Glauben langfristig so diskreditieren könnten, dass er vielleicht in einigen Jahrhunderten im gesellschaftlichen Zusammenleben gar keine Rolle mehr spielt.

Heribert Prantl und Gregor Gysi über Wölfe im Schafspelz, Apfelbäume und die Wackersdorf-Proteste

Auch die Matinee am Deutschen Theater begann Gregor Gysi mit der Frage, wie es sein Gast Heribert Prantl denn mit der Religion halte. Der Leitartikler der Süddeutschen Zeitung antwortete, dass er seine Kindheit in der tief-katholischen und politisch tief-schwarzen Oberpfalz in sehr angenehmer Erinnerung habe. Nur das katholische Internat, in das er gesteckt wurde, sei so grässlich gewesen, dass er nachts weggelaufen und in seine Heimatgemeinde Nittenau geflüchtet sei. Er sei bis heute nicht aus der katholischen Kirche ausgetreten und bezeichnete sich als „Weihrauchkatholik“.

Prantl zeichnete in der Reihe „Gysi trifft Zeitgenossen“ seinen Werdegang nach: das Jura-Studium fand er anfangs entsetzlich trocken, so dass er auch Vorlesungen in Geschichte und Philosophie besuchte. Dass Jura mehr als Paragraphen-Handwerk sein kann, lernte er bei den Rechtswissenschaftlern Dieter Medicus, Claus Roxin und Dieter Schwab, die über den Tellerrand ihres Fachgebiets hinausblickten.

Nach einem Praktikum bei einem Notar erschien es ihm zu langweilig, sein Berufsleben mit dem Verlesen von Urkunden zu verbringen. Stattdessen wurde er Staatsanwalt in Regensburg und war dort vor allem für die Auseinandersetzungen um die Atom-Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf zuständig.

Als der junge Staatsanwalt Prantl mit 32 Jahren das Angebot annahm, als rechtspolitischer Redakteur zur Süddeutschen Zeitung zu wechseln, sei er von den Kolleginnen und Kollegen anfangs „mit spitzen Fingern“ angefasst worden. Aus heutiger Sicht ist es schon sehr skurril, dass dem meinungsstarken und wortgewaltigen Verteidiger der Bürgerrechte damals der Ruf vorauseilte, eher konservative, regierungsnahe Positionen zu vertreten. Mit seinen ersten Kommentaren gegen das Vermummungsverbot und die Einführung der Kronzeugenregelung änderte sich dieses Bild natürlich schnell. Prantl berichtete bei der Matinee, dass Mitglieder der damaligen SZ-Chefredaktion gestöhnt haben sollen, dass man sich hier anscheinend den „Wolf im Schafspelz“ ins Haus geholt habe.

Erwartungsgemäß viel Applaus erntete Prantl für seine bekannten Positionen zu Asyl und Direkter Demokratie. Er wetterte erneut gegen die Änderung des Grundrechts auf Asyl im Jahr 1993, gegen die er sich damals schon die Finger wund geschrieben habe. In der Debatte über Flucht und Asyl seien 25 Jahre mit Scheinlösungen vergeudet worden. Nach der großen Euphorie-Welle und den Bildern vom Münchner Hauptbahnhof, die vor 12 Wochen um die Welt gingen, sei nun große Ernüchterung eingetreten. Enttäuscht zeigte sich Prantl vor allem von CDU und CSU, denen er vorwarf, das C im Parteinamen zu verraten: die Bibel sei ein Flüchtlingsbuch par excellence.

Wie ein „Apfelbaum“ müsste auch unsere repräsentative Demokratie veredelt werden, indem plebiszitäre Äste aufgepropft werden, forderte Prantl. Eine Grundgesetzänderung, die Elemente direkter Demokratie auch auf Bundesebene einführt, sei überfällig. Diese Chance sei leider bei der Verfassungsdiskussion Anfang der 1990er Jahre verschenkt worden. Der größte Fehler sei es aber damals gewesen, die deutsche Einheit über einen Beitritt der DDR nach Art. 23 GG zu regeln anstatt gemäß Art. 146 GG eine neue Verfassung zu erarbeiten.

Roland Schimmelpfennigs raunende „Wintersonnenwende“, Falk Richters fulminante Pegida-Abrechnung „Fear“

Roland Schimmelpfennig raunt in „Wintersonnenwende“ am Deutschen Theater

Jutta Wachowiak hatte bei ihrem Comeback auf der Großen Bühne des Deutschen Theaters Pech: mit Roland Schimmelpfennigs „Wintersonnenwende“, das nach der Uraufführung am „Dramaten“ Stockholm als deutsche Erstaufführung auf dem Spielplan stand, erwischte sie eine schwache Vorlage.

Der raunende Tonfall dieser kruden Mischung aus einer Prenzlauer Berg-Bashing-Komödie à la „Stück Plastik“ und einer Mahnung à la „Biedermann und die Brandstifter“ ist kaum auszuhalten.

Der Abend begann noch recht vielversprechend: gebildete Akademiker, der Schriftsteller Albert (Felix Goeser) und seine Frau Bettina, eine Filmemacherin, (Judith Hofmann) bereiten sich auf Weihnachten und den Besuch der etwas überspannten Corinna (die bereits erwähnte Jutta Wachowiak) vor. Mutter und Tochter sind sich in herzlicher Abneigung verbunden.

Die Nachricht, dass sich Corinna bis Anfang Januar in der Altbau-Wohnung einquartieren wird, weckt Vorfreude auf pointierte Wortgefechte und vergnügliche zwei Stunden im bewährten Salonkomödien-Stil, im besten Fall so zündend wie bei Yasmina Reza oder Edward Albee.

Leider fehlt schon diesem ersten Teil das nötige Temperament. Zwischen Chopin und Bachs „wohltemperiertem Klavier“ schleppt sich der Abend dahin. Statt scharf gewürzter Dialoge hören wir viel Betuliches und sehr viele ins Publikum gesprochene Regieanweisungen: in der Regel sind das Gedanken über andere Anwesende, die man aus Höflichkeit vor allem in den hier porträtierten gutbürgerlichen Kreisen lieber für sich behält. Wie der Dramaturg David Heiligers in der Einführung erklärte, war es der ausdrückliche Wunsch des Autors Roland Schimmelpfennig, dass diese Regieanweisungen gesprochen werden.

Noch schlimmer wird es aber im zweiten Teil: der ungebetene Gast Rudolph (Bernd Stempel), eine Zufallsbekanntschaft von Corinna, der ihr während der Bahnfahrt mit guten, geradezu „ritterlichen“ Manieren den Hof machte, entpuppt sich als antisemitischer, esoterisch angehauchter Rattenfänger.

Plumpe Anspielungen auf den Traum der Nationalsozialisten von einem „1000jährigen Reich“ und auf das Abtauchen vieler Nazis nach Südamerika (Paraguay wird immer wieder genannt) werden zu einer schwer erträglichen Textmasse angedickt, die mit dem Holzhammer davor warnt, dass das gutsituierte Bürgertum den Extremisten schutz- und kraftlos gegenüber steht.

Die Endzeitstimmung von Schimmelpfennigs Text schreibt Regisseur Jan Bosse im Programmheft-Interview einfach fort: „Die Zwischenzeit, in der wir leben, geprägt von der Ahnung wie der Befürchtung großer kommender Umwälzungen, wird wohl von unseren Nachfahren als Inseldasein zwischen den großen Kriegen wahrgenommen werden.“

Der Abend scheitert jedoch daran, diese These überzeugend zur Diskussion zu stellen und die geeigneten theatralischen Mittel dafür zu finden. Er kommt nicht über ein Raunen hinaus, mit dem er sein Unbehagen artikuliert. Er ist ärgerlich, vor allem für Jutta Wachowiak, die einen würdigeren Rahmen für ihr Comeback verdient hätte.

„Fear“ an der Schaubühne: Fulminante Abrechnung mit AfD, Pegida und Co.

„Hässliche hassende Frauen“ könnte das Stück heißen, ätzt Tilman Strauß. Oder „Kelle, Kuby, von Storch“ in Anlehnung an „Ritter, Dene, Voss“, legt er nach. „Aber das wollten wir Dir nicht antun, Ilse“, ruft er Ilse Ritter zu, seiner Bühnenpartnerin aus Falk Richters vorheriger Arbeit „Never Forever“, die in einer der ersten Reihen sitzt.

Es ist auch nicht notwendig, sich noch weiter den Kopf über einen alternativen Titel für die neueste Stückentwicklung von Falk Richter zu machen: „Fear“ ist die passende Überschrift für diesen zweistündigen Streifzug durch wabernde Ängste vor Islamisierung und durch Hasspredigten. Diese bunte, temporeiche Collage ist – wie wir es von Falk Richter gewohnt sind – mit tänzerischen Elementen verknüpft, für die an diesem Abend vor allem Denis Kuhnert, Frank Willens und Jakob Yaw zuständig sind.

„Fear“ ist eine fulminante Abrechnung mit AfD, Pegida und Co., ganz auf der Höhe der Zeit. Von Akif Pirinçcis „KZ“-Rede, die mittlerweile ein Fall für den Staatsanwalt ist, bis zu Björn Höckes Deutschland-Fahnen-Auftritt bei Jauch wurde bei den Endproben aktuellstes Zitate- und Video-Material aufgenommen.

Schlag auf Schlag geht es von einem Pamphlet zum nächsten Einspieler. Gut recherchiert werden nicht nur die bekannten Köpfe der rechtspopulistischen Bewegung zitiert, sondern Bezüge hergestellt, Netzwerke aufgezeigt und auch einige Namen genannt, die der breiten Öffentlichkeit noch nicht so bekannt sind. Zu Wort kommen natürlich die Demo-Teilnehmer, die treuherzig darauf pochen, dass sie ganz bestimmt keine Nazis seien, aber man müsse doch mal sagen dürfen…

Als diese Auseinandersetzung mit Pegida, AfD und Co. im Sommer von der Schaubühne angekündigt worden war, wähnten sich viele noch in dem Glauben, dass das Randphänomene seien, die sie nichts angingen und bald vergessen seien. Die AfD schien sich in parteiinternen Machtkämpfen vor allem mit sich selbst zu beschäftigen. „Im Sommer noch hätte Veranlassung bestanden, das Ende von Pegida zu prognostizieren. Von einer Bewegung, die Zehntausende zu mobilisieren vermochte, war eine kleine Gruppe dauerprotestierender wütender Bürger übrig geblieben“, leitete Hans Vorländer seine Pegida-Analyse in der FAZ ein.

Falk Richter und seinem Ensemble geht es darum, dass wir genau hinsehen, uns mit dem Denken und der Sprache derer auseinandersetzen, die Ängste schüren, Minderheiten beschimpfen und Hass säen. Wenn Bernardo Arias Porras zu Beginn die Haltung eines Hipsters karikiert, der lieber auf Dachterrassen feiere und Serie wie „True Detective“ gucke, weil ihn diese Proteste irgendwo in Dresden oder Heidenau doch nichts angingen, dann wird sehr deutlich: So einfach dürfen wir es uns nicht machen.

Gegen Ende drohte diesem hochtourig rasenden Abend etwas die Luft auszugehen. Aber da musste er offensichtlich noch mal Atem holen, bevor er in einer Travestie-Nummer kulminiert, die ihr Publikum auch weiter polarisieren wird: Tilman Strauß schlüpft in ein Glitzer-Abendkleid und gibt sich als AfD-Europaparlamentarierin Beatrix von Storch aus, die ihre Ahnen ihres Adelsgeschlechts beschwört und auf ihrem Schloss von nächtlichen Angstattacken vor Überfremdung geplagt wird.

„Transit“ – Monolog über eine Flucht nach dem Roman von Anna Seghers

Thorsten Hierse sitzt verloren in der Box des Deutschen Theaters Berlin. Das karge Bühnenbild beschränkt sich auf einen Stuhl und die Flasche Rosé, die der Schauspieler in den 90 Minuten seines „Transit“-Monologs leeren wird. Aus dem Hintergrund sorgt Tobias Vethake für einen Live-Musik-Klangteppich, der die Erinnerungen des Gestrandeten untermalt.

Hochkonzentriert arbeitet sich Hierse durch den Abend und nimmt die Perspektive des namenlosen Ich-Erzählers aus der Romanvorlage von Anna Seghers ein: er ist aus einem Zwangs-Arbeitslager bei Rouen entkommen und hat sich nach Südfrankreich durchgeschlagen. Mit vielen Leidensgenossen verbringt er seine Zeit vor allem mit Warten: in Konsulaten auf ein Visum, am Hafen auf ein Schiff, das die Flüchtlinge vor den Nazis in Sicherheit bringen soll, oder im Café auf eine interessante Begegnung, einen kleinen Flirt.

Während Hierse auf seinem Stuhl sitzt, einige Schritte geht, wieder zum Glas greift und aus dem Leben eines Flüchtlings berichtet, tänzelt Wiebe Mollenhauer in unregelmäßigen Abständen diagonal über die kleine Bühne: mal spielerisch tänzelnd, mal atemlos rennend. Sie spielt die Marie, ständig auf der Suche nach ihrem Geliebten, ständig zwischen mehreren Männern. Der Ich-Erzähler genießt ihre Nähe, bekommt sie aber nicht zu fassen.

Alexander Riemenschneider blieb in seiner Theaterfassung nah am Roman-Text und verzichtete auf Aktualisierungen. Das Programmheft referiert zwar Statistiken und Entscheidungsquoten des BAMF, das für die Bearbeitung von Asylanträgen zuständig ist, ansonsten vertraut der Abend aber ganz auf die Kraft der Vorlage.

„Transit“ ist ein kleiner, stiller Abend in der sehr gut besuchten „Box“, auch die nächste Vorstellung am 25. November ist bereits wieder ausverkauft.

Navid Kermani: Literarische Werkschau am Deutschen Theater

Am Deutschen Theater Berlin ist es fast schon eine kleine Tradition, den jeweiligen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels zu einer literarischen Werkschau einzuladen, erklärt Intendant Ulrich Khuon in seiner Begrüßung.

Die knapp zwei Stunden können natürlich nur einen ersten Überblick über Navid Kermanis facettenreiches Werk geben: vom Roman bis zur Reportage, vom ernsten Sachbuch bis zur ironischen, fast schon dadaistischen Anekdote lernt das Publikum auch bislang weniger bekannte Seiten von Kermani kennen.

Unter Leitmotiven wie „Geburt“, „Liebe“, „Tod“ und „Weisheit“ wurden je zwei Ausschnitte mit einander in Beziehung gesetzt und von Ensemble-Mitgliedern vorgetragen: von Ulrich Matthes, der als Hörbuchsprecher und regelmäßiger Lese-Matinee-Gastgeber für diese Aufgabe prädestiniert ist, und seinem Kollegen Timo Weisschnur, der seine Sache nicht schlechter macht. Leider wurde die Lesung wie in einem schlechten Film von den Geräuschen gestört, die ein Albtraum jedes Vortragskünstlers sind: vom quengelnden Kind bis zum klingelnden Handy wurde kein Klischee ausgelassen.

Der Abend litt außerdem darunter, dass der Schweizer Verleger Egon Ammann, bei dem Kermani „Das Buch der von Neil Young Getöteten“ veröffentlicht hat, kurzfristig absagen musste. Für ihn sprang ZEIT-Feuilletonist Jens Jessen als Kermanis Gesprächspartner ein, der es jedoch nicht verstand, mit zugespitzten Fragen ein Gespräch in Gang zu bringen, sondern sich zu oft in weitschweifigen Referaten und Interpretationen verlor.

Kermani nahm die manchmal kauzig wirkenden Ausflüge gelassen-schmunzelnd hin und erlaubte sich den Spaß, bei Jessen nachzuhaken, ob er denn Neil Young überhaupt kenne: Sein Gesprächspartner erwies sich nicht sehr trittsicher bei der Abgrenzung von Pop und Rock.

Harald Schmidt sorgt sich um den schwankenden Westen. Und dann kam Mirna mit den Furien ans Gorki zurück

„Und dann kam Mirna“: die neurotischen Furien sind zurück am Gorki

Mitte 30 und verzweifelt, aber immer noch im Schlabberpulli und in Trainingsjacken, kehren die wütenden jungen Frauen aus „Es sagt mir nichts das sogenannte Draußen“ ans Gorki zurück.

Unter dem Pulli tragen sie mindestens genauso häßliche, geblümte Umstandskleider: die Träume sind geplatzt, stattdessen schlagen sie sich alleinerziehend mit altklugen, nervigen Gören herum. „Wir können uns neu erfinden“, das Mantra der Ratgeberliteratur, „sagen nur Dummköpfe!“, höhnt der Chor der vier Furien, die sich so viel mehr vom Leben erhofft hatten.

Wie konnte es nur soweit kommen? Auf den Partys standen sie im Abseits, ohne Chance bei den schönen Menschen, die ihre Körper als durchtrainierte Präzisionsinstrumente präsentierten. Da blieb nur Torben, der One-Night-Stand mit ihm war allerdings so prickelnd wie eine mit „Stiefmütterchen bepflanzte Verkehrsinsel“. Und dann kam eben Mirna. Die Teenie-Tochter ist ebenfalls auf vier Schauspielerinnen aufgespalten: vier Mädchen mit Pferdeschwanz und rosa Röckchen, die gleich mal einen Stapel Bücher mit lautem Knall fallen lassen.

Die Mittdreißigerinnen schieben großen Frust: mit dem Idealbild einer warmherzigen, sorgenden, sanften und glücklichen Mutter können sie sich so gar nicht anfreunden, Muttergefühle wollen sich nicht einstellen und das Zusammenleben mit dem Erzeuger ist natürlich überhaupt keine Option. Das Leben sollte eigentlich so weiter gehen wie bisher, nur mit Kind. „Das sogenannte Draußen“ sagte ihnen bekanntlich noch nie etwas, aber nach Mirnas Geburt wurde es noch schlimmer. Einziger Kontakt zur Außenwelt sind die in Mirnas Augen „peinlichen“ Freundinnen, denen es auch nicht besser ergangen ist. Auch für sie wurde die Reproduktion zur „Frauenentsorgungsmaßnahme“. So glasklar und bitterböse kennen wir Sibylle Berg.

Was bleibt dann noch? Den Liebesbrief an David Guetta, den frau, wenn die nervige Tochter nachts im Bett ist, nach einem Gläschen zu viel in den Computer getippt hat, schickt sie dann doch lieber nicht ab. Deshalb scheint die Uckermark die Last exit-Option zu sein: Gemeinsam mit den anderen depressiven Frauen, die „von der Lebensabwicklung genauso erschöpft sind“, und ihren soziopathischen Kindern eine Kommune im leider von Neonazis bevölkerten Umland gründen!

Sibylle Bergs neue Textcollage feuert die bissige Beschreibung der Neurosen einer frustrierten, alleinerziehenden Mittdreißigerin mit der Präsision eines Maschinengewehrs ins Publikum. Die giftig-funkelnden Sätze werden von den Schauspielerinnen manchmal ganz beiläufig dahin gesagt, meist aber mit kollektivem Aufstampfen herausgeschleudert. Regisseur Sebastian Nübling tat gut daran, auf schmückendes Beiwerk zu verzichten. Die Bühne ist leer. Im Mittelpunkt stehen der starke Text und die nicht weniger beeindruckenden Darstellerinnen. Gemeinsam mit Tabea Martin machte Nübling aus einer XXL-Kolumne eine gelungene Choreographie von Gift und Galle spuckenden Frauen.

Streit ums Politische an der Schaubühne: den populistischen Bewegungen auf der Spur

Die Flüchtlinge werden wohl bald wieder vor verschlossenen Türen stehen, prognostiziert der Soziologe Heinz Bude zum Auftakt der Gesprächsreihe „Streit ums Politische“, die an der Schaubühne in Kooperation mit der Vodafone-Stiftung fortgesetzt wird. Seine düstere Analyse: die gesellschaftliche Mitte droht zwischen wachsendem Prekariat und einer reichen Oberschicht zerrieben zu werden. Der demokratische Kapitalismus kann seine Versprechen kaum noch einlösen. Linke Volksparteien werden fast in ganz Europa zum Auslaufmodell, neue Bewegungen entstehen am rechten Rand.

Am ersten von vier Abenden, die sich mit dem „heimatlosen Antikapitalismus“ auseinandersetzen wollen, ist Claus Leggewie zu Gast. Der Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen engagierte sich in der 68er-Protestbewegung und hat die wissenschaftliche und öffentliche Debatte über gesellschaftliche Konflikte in den vergangenen Jahrzehnten mit zahlreichen Veröffentlichungen mitgeprägt.

In einer Tour d´horizon skizzierte Leggewie das antikapitalistische Denken der vergangenen anderthalb Jahrhunderte als ein „freiflottierendes“ Phänomen: Noch in den 1940er Jahren war Kapitalismuskritik auch in den westlichen Gesellschaften tief verwurzelt, ein bekanntes Beispiel ist das ganz der katholischen Soziallehre verpflichtete Ahlener Programm der CDU von 1947.

In den Nachkriegsjahrzehnten ist es gelungen, den Kapitalismus durch den Sozialstaat zu domestizieren und breite Bevölkerungsschichten am Wohlstand eines „Spätkapitalismus auf Pump“ teilhaben zu lassen: In den 1970ern kam es zu einem markanten Einschnitt: der Club of Rome und die Ökologiebewegung stellten die Frage nach den Grenzen des Wachstums. Maoistische und trotzkistische Kadergruppen debattierten an den Universitäten über die aus ihrer Sicht bevorstehende Revolution. Weltpolitisch setzte sich jedoch plötzlich die Deregulierungsphilosophie der Chicago-Schule in den Regierungsprogrammen von Thatcher und Reagan durch, China begann seinen langen Marsch in den Staatskapitalismus.

Leggewie zeichnete das Bild einer seit den 80er Jahren anhaltenden Dauerkrise. Gleichzeitig erstarkte der Populismus an den Rändern, vor allem dort ist der antikapitalistische Diskurs heute zu Hause. Die Front National-Vorsitzende Marine Le Pen wettert gegen die Ausbeutung billiger „Arbeitssklaven“, auf der linken Seite des politischen Spektrums wird Jeremy Corbyn mit seiner entschiedenen Absage an Tony Blairs „New Labour“-Kurs und der Forderung nach Verstaatlichungen der umjubelte Star der Urwahlen um den Parteivorsitz in Großbritannien.

An dem Abend dominierte die Ratlosigkeit, mit welchen Rezepten man diesem Populismus begegnen und kritisches politisches Denken wieder satisfaktionsfähig machen kann. Rückbesinnung auf die Rezepte von John Maynard Keynes? Oder eine sozial-ökologisches Modernisierung, die sich Rot-Grün auf die Fahnen geschrieben hatte, bevor Gerhard Schröder das Ruder übernommen hat?

Neues argentinisches Kino zwischen Wildnis und K-Gruppen-Intrigen

Tief in die ideologischen K-Gruppen-Debatten taucht auch El estudiante, der Debütfilm von Santiago Mitre aus dem Jahr 2011, ein. Roque (Esteban Lamothe), der zunächst mehr an Partys und seinen Kommilitoninnen als an politischen Diskussionen interessiert ist, gerät in ein Gewirr aus Intrigen und Machtspielen der Hochschulpolitik. Ständig wechselnde Allianzen und erbitterte Kämpfe um jede noch so klein erscheinende Meinungs-Differenz prägen die 110 Minuten dieses Films, der fast ausschließlich unter der Käseglocke einer universitären Parallelwelt spielt. Als Studie über einen jungen Mann, der die Winkelzüge politischer Strategie kennenlernt und mit Charme und Raffinesse nach und nach selbst anwendet, zeigt der Film einige vielversprechende Ansätze. Er kreist aber doch zu monothematisch um seine eigene kleine Welt, so dass er für ein breiteres Publikum kaum interessant ist.

Ein weiteres Beispiel für das Nuevo Cine Argentino , dem das Haus der Kulturen der Welt eine Reihe widmete, ist Los salvajes/Wild Ones. Der Hollywood Reporter war begeistert von der visuellen Kraft dieses Regie-Debüts, das Alejandro Fadel mit seinen Laiendarstellern in einer Nebenreihe des Festivals von Cannes 2012 präsentierte.

Der Film beginnt mit dem Gefängnis-Ausbruch junger Straftäter, die in den kommenden zwei Stunden durch dunkle Wälder irren und mehr oder minder erfolgreich ums Überleben kämpfen. Auch dieser Film versandet nach vielversprechendem Beginn in zu vielen Längen. Leider fehlt beiden Filmen die Wucht, die Relatos salvajes – Wild Tales zu Beginn des Jahres zu einem Kinoerlebnis machte.

„Back to Black“: Tänzeln um den Tod in der Box des Deutschen Theaters

Der Anfang des Abends wirkt fast wie ein Meditationskurs: die Box des Deutschen Theaters ist bis auf Notbeleuchtung abgedunkelt, mit sonorer Stimme fordern die drei DT-Ensemblemitglieder Katrin Wichmann, Markwart Müller-Elmau und Thorsten Hierse das Publikum auf, sich auf die Dunkelheit einzulassen und die kommenden 90 Minuten über Kopfhörer zu verfolgen.

Das Regie-Duo Auftrag: Lorey, das sich selbst an der Grenze zwischen Performance und installativer Kunst verortet, hat sein „Back to Black“-Experiment im Programmheft als Schule für die Wahrnehmung folgendermaßen theoretisch aufgeladen: „Die Dinge, die uns umgeben, sind nicht einfach da und müssen nur passiv wahrgenommen werden. Unser Gehirn konstruiert sie, indem es alle Sinneseindrücke miteinander verbindet, verarbeitet, filtert und formt. Mithilfe einer spezifischen Zuschauersituaton trennen Auftrag: Lorey die Ebene der akustischen Wahrnehmung von der visuellen. Dahinter steckt der Versuch, die Wahrnehmung darauf zu lenken, wie wir wahrnehmen und mit der gleichzeitigen An- und Abwesenheit von Sinnesinformationen zu spielen. Hier eröffnet sich mithilfe des Theaters ein Raum, unser Verständnis von Tod als kulturelles und geschichtlich bedingtes Konstrukt zu erkennen. Darin liegt die Chance, die eigenen Wahrnehmungsmuster und die Gestalt der eigenen Realität zu befragen.“

Als das Licht wieder angeht, geht der Abend zum Glück nicht so verquast weiter. Zunächst schildern die Schauspieler sehr persönliche Erlebnisse, wie sie mitten im Alltag mit dem Tod konfrontiert wurden. Katrin Wichmann erzählt von einem Workshop mit Flüchtlingskindern in diesem Sommer, bei dem ein Jugendlicher ertrank. Thorsten Hierse berichtet von einem Ausflug, bei dem seine Mutter plötzlich das Bewusstsein verlor und erst nach einigen Minuten wiederbelebt werden konnte.

Im Saal wurde es bei diesen traurigen Schilderungen sehr still. Die Schauspieler legen nun schnell den Schalter um und versuchen für den Rest des Abends, auf möglichst humorvolle Art um die Themen Sterben und Tod zu kreisen. Katrin Wichmann stimmt den Gute-Laune-Song Dumb Ways to die an, ihre beiden Mitstreiter schlenkern mit ihren Armen und Beinen – genauso wie die Animationsfiguren im Video. So leichtfüßig tänzeln die Drei um ihr Thema auch im Rest des Abends herum, der streckenweise aber zu leichtgewichtig daherkommt.

Assoziativ kommen sie vom Hundertsten ins Tausendste, springen von den Sterbeszenen, die sie schon immer mal spielen wollten, über die letzten Worte und Mahlzeiten in US-Todeszellen zu einem weiteren Web-Video, das eine Anleitung gibt, wie man den eigenen Tod fingiert und dann – am besten in der Ostukraine – untertaucht. Wir erfahren außerdem, dass das Kunstblut am Deutschen Theater nach Himbeere schmeckt. Ganz basisdemokratisch wurde das ausdiskutiert, zur Auswahl standen noch die Geschmacksrichtungen Erdbeere und Pfefferminz.

Während Thorsten Hierse im Kugelhagel zu Boden sinkt und sich langsam eine Kunstblutlache um ihn herum ausbreitet, fragen sich seine Kollegen Katrin Wichmann und Markwart Müller-Elmau gegenseitig, was sie unbedingt noch erleben möchten, bevor sie sterben: ein Jahr in Paris leben, in einem Kostümschinken á la „Sissi“ mit wallenden, schönen Kleidern mitspielen, lange Gespräche mit guten Freunden führen. Als das Ping-Pong nach einigen Runden endet, hat das Publikum einen streckenweise unterhaltsamen Abend überstanden, der sein Thema nicht recht zu fassen kriegt, aber uns immerhin mit der interessanten Frage in den Herbst-Abend entlässt: Was will ich vor dem Sterben unbedingt noch erleben?

Harald Schmidt meldet sich zurück und befasst sich mit dem Schwankenden Westen

Wann haben wir eigentlich das letzte Mal etwas von Harald Schmidt gehört? In diesem Jahr, in dem sich die Schlagzeilen nur so überschlagen, wird so richtig klar, welche Leerstelle er hinterlassen hat. Harald Schmidt fehlt mit seiner bissigen, manchmal auch zynischen, immer lebensklugen Rundschau über die Aufgeregheiten des Politikberiebs und mit seinem Spott über aufgeblasene Nichtigkeiten im Medienbusiness und Kunstgewerbe.

Am Donnerstag Abend durften wir ihn auf Einladung des C.H.Beck-Verlags im Auditorium Friedrichstraße erleben. Es war absehbar, dass er sich bei der Buchvorstellung von Schwankender Westen des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo di Fabio nicht brav auf die Rolle des Stichwortgebers beschränken würde. Harald Schmidt lief sich im Lauf des Abends wieder warm, setzte hier einen kleinen Nadelstich mit einer Anekdote über die schon fast vergessenen „Stuttgart 21“-Wutbürger, ließ dort eine kleine Sotisse aus dem Gehege seiner Zähne fallen.

Ansonsten bot der Abend wenig Neues: in gewohnt selbstverliebter Art zitierte Udo di Fabio seine bekannten Stichworte von Pico della Mirandola bis zur normativen Doppelhelix. Wer wollte seiner Gegenwartsanalyse widersprechen, dass wir uns in einem merkwürdigen Schwebezustand zwischen Hoffnung und Angst, zwischen Öffnung der Grenzen und neuen Kontrollen befinden?

Schmidt und di Fabio endeten am selben Punkt wie Leggewie und Bude: der Druck der Populisten macht es den „Krawattenträgern“ und „Eliten“ schwerer, auf die Krisen besonnen zu reagieren. Di Fabio konstatierte „Verkantungen“ und fragte bang, ob die Stabilitätskultur der gesellschaftlichen Mitte noch tragfähig sei.

Das Selbstbewusstsein der westlichen Gesellschaften sei durch Finanz- und Staatsschuldenkrise erschüttert, die Träume á la Francis Fukuyama von einer Idylle nach 1989 geplatzt. Als Ausweg hatte di Fabio nur anzubieten, dass wir unser kulturelles Erbe besser kennenlernen und unserer Identität selbstvergewissern müssten: das sind natürlich Steilvorlagen für weitere bohrende Sticheleien von Schmidt, der mit Seitenhieben und Anekdoten die Frage umkreiste, was sich denn nun eigentlich hinter den Schlagworten vom kulturellen Erbe des Westens und der Aufklärung verberge.

Sand im Getriebe bei Premieren, Hipster-Satire beim Literaturfestival

An den Berliner Bühnen jagt weiter eine Premiere die nächste, dennoch ist noch zu viel Sand im Getriebe.

Die Zauberberg-Adaption, die Martin Laberenz am 11. September in den Kammerspielen des Deutschen Theaters präsentieren wollte, musste kurzfristig auf Mai 2016 verschoben werden.

Brecht-Parabel „Der gute Mensch von Sezuan“: zähe vier Stunden am Berliner Ensemble

Einen Tag später brachte Leander Haußmann Brechts kapitalismus- und religionskritische Parabel Der gute Mensch von Sezuan auf die Bühne des Berliner Ensembles. Zähe vier Stunden lang, die nicht nur Deutschlandradio Kultur „fast qualvoll“ fand, schleppte sich die Inszenierung dahin.

An diesem matten Abend war nichts von dem Drive übrig, mit dem Haußmann und sein Woyzeck-Soldatenchor vor einem Jahr die Bühne erzittern ließen. Kaum zu glauben, dass diese ideen- und farblose Brecht-Nacherzählung vom selben Regisseur stammt, der zur letzten Spielzeiteröffnung gezeigt hat, wie ein fulminanter Theaterabend aussehen kann.

Den Guten Menschen von Sezuan kann man nach den einhelligen Verrissen getrost schnell abhaken und lieber noch mal Haußmanns Repertoire-Inszenierungen am BE besuchen, seinen Woyzeck (2014) oder seinen Hamlet (2013), der am Dienstag, 15. September, wieder auf dem Spielplan stand: Trotz einiger Kritikpunkte blieb sein Woyzeck als eine packend inszenierte, interessant zugespitzte Inszenierung mit einem beeindruckenden Händchen für den passenden Pop-Soundtrack in Erinnerung.

Christopher Nell als „Hamlet“ am Berliner Ensemble: Blutiger Amoklauf, but „death is not the end“

Mit Shakespeares Hamlet kehrte Leander Haußmann nach zehnjähriger Pause im Novembeer 2013 zurück ans BE und wirbelte gleich gehörig Staub auf. Er setzt in dieser Inszenierung alles ein, was die Theatermaschinerie hergibt. Fast über die gesamten vier Stunden bleibt die Drehbühne von Johannes Schütz in Bewegung. Es blitzt, wummert, dröhnt und donnert. Das Kunstblut spritzt, in den ersten beiden Reihen werden Decken bereitgelegt. Der zaudernde Dänenprinz wird bei Christopher Nell zum Amokläufer, der an Tarantino erinnert.

Durch das Blutbad begleitet ihn das Duo Apples in Space, die dem Abend, der sonst Vollgas gibt, mit Engelsflügeln, Gitarre, Akkordeon und dem leitmotivisch wiederkehrenden Death is not the end eine elegische Note geben. In August Wilhelm Schlegels Shakespeare-Übersetzung wird nur nach der Pause ein kurzer Fremdtext eingeflochten: die Passage aus Machiavellis Il Principe, dass ein Machthaber die Grausamkeiten gleich zu Beginn begehen solle.

So ähnlich wie diese Inszenierung von Leander Haußmann, die in einer Fechtszene kulminiert, muss man sich wohl auch die Aufführungen zu Shakespeares Zeiten im Londonder Globe Theatre vorstellen: laut, bunt, nicht jedermanns Sache, aber unterhaltsam.

„Rebel Dabble Babble Berlin“: James Franco knutscht in Volksbühnen-Video-Installation

Die Video-Installation Rebel Dabble Babble Berlin von Paul McCarthy, die noch bis 27. September an der Volksbühne zu sehen, ist leider genauso langweilig wie Der gute Mensch von Sezuan. Das Publikum wird von einem Wald aus Leinwänden empfangen. Jeder Besucher ist aufgefordert, seinen eigenen Parcours durch diese Rundum-Beschallung zu finden. Es wird lautstark geheimwerkert, geschrien und gestöhnt, in einigen Szenen ist Hollywood-Star James Franco zu erkennen.

Aus der Ankündigung erfahren wir: James Franco spielt Jungstar James Dean. Als „Meditation über Archetypen und ödipale Spannungen“ wurde das Ganze angekündigt. Man wolle hinter die Fassaden der Traumfabrik Hollywood blicken und auf „auf klassische Ikonen des Märtyrertums an, auf das Grand Guignol Theater sowie auf sexuell konnotiertes Vaudeville.“ Das Ergebnis der Bemühungen ist dürftig: Viel Lärm um Nichts. Spätestens „nach einer Dreiviertelstunde haben sich all die umgestülpten Bilder und Anspielungen ausgesprochen und ausgesehen“, fasst Doris Meierheinrich in der Berliner Zeitung zusammen.

„Rebel Dabble Babble“ erfüllt die Klischeevorstellungen von einem Volksbühnen-Abend der schlechteren Sorte voller Videobilder sich gegenseitig filmender Akteure. Ein Mix aus Reizüberflutung und inhaltlichem Leerlauf. Falls Michael Laages mit seiner Interpretation im Deutschlandfunk recht haben sollte, dass „das Gedabbel und Gebabbel (…) eine Art abendfüllender Warnung vor dem, was kommen könnte“ sein möchte, käme diese Abrechnung des Noch-Intendanten Frank Castorf mit seinem designierten Nachfolger Chris Dercon reichlich „grob-ironisch“ daher.

Für die Wut über die Entscheidung des Kulturstaatssekretärs Tim Renner, die Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz in neue Hände zu geben, hat Jürgen Kuttner bei seiner Jubiläums-Gala zum 100. Geburtstag des Hauses treffsicherere Pointen gefunden.

Hipster-Satire aus New York: Adelle Waldman beim Literaturfestival

Nathaniel P., die Hauptfigur von Adelle Waldmans Roman, und seine New Yorker Hipster-Freunde kann man sich sehr gut dabei vorstellen, wie sie ihre Zeit bei solchen Video-Installationen vergeuden. Messerscharf beobachtet und pointiert formuliert rechnet Adelle Waldman in ihrem zweiten Buch, das in den USA und Großbritannien 2014 ein großer Erfolg war und auch in deutscher Übersetzung gute Kritiken bekam, mit einem beziehungsunfähigen Bohemien ab.

Bei ihrem Gespräch mit dem Moderator Bernhard Robben berichtete Waldman, dass die Formulierung „Das ist ein echter Nathaniel P.“ in manchen Kreisen bereits zum geflügelten Wort wurde, um eine Begegnung mit einem Hipster zu beschreiben: oft negativ konnotiert, aber durchaus auch annerkennend.

Die Lesung von Naomi Krauss und die gut vorbereiteten Fragen von Bernhard Robben weckten Neugier auf dieses Buch und machten diesen Abend zu einer der interessanteren Veranstaltungen des 15. internationalen literaturfestivals Berlin.

Dokumentartheater „El Dschihad“, talentierte Ernst Busch-Schüler in „Zwei Herren aus Verona“, „45 Years“-Ehekrise mit Charlotte Rampling und Auftakt des 15. Literaturfestivals

„El Dschihad“: Dokumentartheater ohne klaren Zugriff

Das Projekt von Claudia Basrawi und ihrem Team klingt sehr interessant: zur Spielzeiteröffnung des Ballhaus Naunynstraße wollten sie in einem Dokumentartheaterabend dem facettenreichen Begriff El Dschihad auf den Grund gehen. Ein naheliegender Gedanke in einem Jahr, das mit dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo begann, in dem Meldungen über Geiselnahmen oder Zerstörungen von Kunstschätzen durch den IS einen Stammplatz in den Nachrichten haben und in dem ein Ende des syrischen Bürgerkriegs und des Leids der Flüchtlinge noch längst nicht abzusehen ist.

Dem El Dschihad-Abend ist auch einige Rechercherabeit anzumerken: aus den Archiven wurde beispielsweise ein Plan aus der Ära des deutschen Kaiserreichs ausgegraben. Max von Oppenheim wollte muslimische Kriegsgefangene in einem sogenannten „Halbmondlager“ in Wünsdorf bei Berlin mit islamistischen Ideen aufwiegeln und „die ganze mohemmadanische Welt zum wilden Aufstand entflammen“. Ausgerechnet dort, wo nur noch die Überreste einer hölzernen Moschee an die Instrumentalisierungsversuche aus dem Kaiserreich erinnern, soll demnächst ein Erstaufnahmelager für Flüchtlinge entstehen.

Es gäbe also genügend Ansatzpunkte für einen anregenden, lehrreichen Theaterabend. Dass das Projekt nicht gelungen ist, liegt vor allem daran, dass Claudia Basrawi, die den Abend mit einem autobiographischen Monolog eröffnet, und ihre Mitspieler Elmira Bahrami, Erdinç Güler, Mario Mentrup und Rahel Savoldelli ihr Material nicht in den Griff bekamen.

Mit gespielter Naivität stellen sie sich gegenseitig Fragen, spielen Experten-Interviews nach und springen durch die Jahrzehnte. Sie bemühen sich sehr darum, das ernste Thema möglichst komisch zu präsentieren, verheddern sich aber in einer Aneinanderreihung kleiner Schnipsel. Der Erkenntnisgewinn blieb deshalb leider gering. Schade, dieser Stoff hätte wesentlich mehr hergegeben.

„Zwei Herren aus Verona“: Ernst Busch-Hochschüler holen aus Shakespeares Frühwerk das Beste heraus

Eine schlechtere Ausgangssituation hatten die sieben Studentinnen und Studenten der HfS Ernst Busch, die unter der Regie von Veit Schubert Zwei Herren aus Verona im Pavillon des Berliner Ensemble einstudierten. Diese Komödie gehört zum Frühwerk von William Shakespeare und ist vermutlich 1590/91 entstanden. Dass dieses Stück im Gegensatz zu Othello, Hamlet oder Romeo und Julia kaum auf den Spielplänen steht, hat seine Gründe: viele Themen und Motive werden angerissen, der Schluss wirkt unglaubwürdig. Die Dramaturgin Anika Bárdos urteilte bei der Einführung im Gartenhaus, dass es sich um einen Text voller Anfängerfehler handele, weil Shakespeare zu viel gewollt habe.

Dennoch schaffen es die jungen Talente, aus diesem Stoff einen wunderbaren Theaterabend zu machen. Die Übersetzung von Frank Günther wurde auf eine knapp zweistündige Fassung klug gekürzt, ihr frischer Ton und die schnellen Rollenwechsel sorgen für eine komischen, schwungvolle Inszenierung.

Aus dem sehr guten Ensemble ragen Leonard Scheicher und Felix Strobel als Valentin und Proteus heraus: der beste Freund wird im Streit um die begehrte Frau zum Intriganten. Zwischen all den Verwicklungen um nicht abgeschickte Briefe, chancenlose Nebenbuhler, sächselnde, aus Klappen im Boden auftauchende Waldbewohner und kauzige Kammerdiener bleibt genug Raum für eine feine Charakterisierung der Hauptfiguren. Zu dem gelungenen Theaterabend trägt auch die schöne musikalische Untermalung bei. Schon bevor sich der Vorhang hebt, gibt Felix Strobel mit der Gitarre eine Kostprobe seines Könnens.

Die Zwei Herren aus Verona sind seit ihrer Premiere im Dezember 2014 ein Publikumserfolg auf der kleinen Bühne des Berliner Ensembles und bieten die Chance, vielversprechende Talente bei ihren ersten Karriereschritten zu erleben.

Kino-Starts von zwei Berlinale-Filmen: „45 Years“ und „Knight of Cups“

Außerdem starteten in dieser Woche zwei Filme in den Kinos, die am Eröffnungswochenende der Berlinale im Februar 2015 liefen.

Vor Knight of Cups kann ich leider nur warnen. Was kann denn schiefgehen, wenn Regie-Altmeister Terrence Malick, der für Thin red line 1998 den Goldenen Bären verdient hat, mit Stars wie Christian Bale, Cate Blanchett und Natalie Portman arbeitet?

Leider fast alles, wie die sich stark lichtenden Reihen bei der Pressevorführung von Knight of Cups am Sonntag Mittag im Berlinale-Palast dokumentierten. So viel Publikumsschwund war selten zu erleben…

Wesentlich besser gefiel mir 45 Years, ein Kammerspiel über ein alterndes Ehepaar. Ein Brief aus der Schweiz stellt plötzlich vieles in Frage: in einer Gletscherspalte wurde die Leiche der jungen Frau gefunden, mit der Geoff (Tom Courtenay) damals zusammen war, bis sie bei einer gemeinsamen Bergtour verunglückte. Seine Kate (Charlotte Rampling) kannte er damals noch nicht, mit ihr ist er nun jahrzehntelang – wie es scheint – recht glücklich verheiratet. Am nächsten Wochenende soll eine große Party mit vielen Freunden aus dem Dorf zum 45. Hochzeitstag stattfinden.

„Plötzlich ist der Raum voller Gespenster“, brachte David Constantine es in der Kurzgeschichte, die diesem Fim zugrundeliegt, auf den Punkt. Kate grübelt: Hätte Geoff sie auch geheiratet, wenn dieses Unglück nicht passiert wäre? Zweifel durchbohren die Routine des Alltags und stören die Feier-Vorbereitungen.

Rampling und Courtenay spielen dies glänzend, sehr minimalistisch. Es ist ein Kino-Erlebnis, die vielen kleinen fragenden, skeptischen, die Vergangenheit abtastenden Blicke und Gesten auf sich wirken zu lassen. Die Berlinale-Jury zeichnete das Duo mit den Silbernen Bären für die Besten Darsteller aus.
Der Film (Regie und Drehbuch: Andrew Haigh) kippt allerdings vor allem gegen Ende zu sehr ins Rührselige.

Trailer zu 45 Years

15. internationales Literaturfestival Berlin mit Javier Marías, Ha Jin, Michael Cunningham, Christian Brückner und Borussia Dortmund

Der spanische Bestsellerautor Javier Marías hielt nicht nur die Eröffnungsrede des 15. Literaturfestivals, sondern stellte dem Publikum auch einen kleinen Auszug aus seinem Roman „So fängt das Schlimme an“ vor, der am 24. September bei S. Fischer erscheinen soll.

Die Handlung spielt in Madrid Anfang der 1980er. Die Gesellschaft ist nach Francos Tod im Umbruch, das Scheidungsrecht wird eingeführt: ein Lichtblick für die unglückliche Ehe von Muriel und Eduardo. In ihr Leben tritt ein Regisseur, der über dem zweiten Auge eine Klappe trägt.

Dem Gespräch von Javier Marías mit Paul Ingendaay war zu entnehmen, dass es ihm vor allem wieder um die Themen Täuschung und Betrug geht. Ob daraus ein ähnlicher Erfolg wie Mein Herz so weiß (1992 im Original, 1996 auf Deutsch) wird, muss sich zeigen.

Auf der Gartenbühne des Festspielhauses in Wilmersdorf stellte Ha Jin seinen Roman Verraten vor: der Autor wurde im Norden Chinas geboren, lebt aber seit 1985 in den USA und lehrt englische Literaturwissenschaft. Über seinen neuen Roman, der im Arche-Verlag (Zürich) erschien, gehen die Meinungen deutlich auseinander.

Frank Arnold, der eine längere Passage aus der Übersetzung las, hielt anschließend ein flammendes Plädoyer für dieses Buch: Ha Jin verstehe es auf geradezu geniale Art, die chinesische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte mit der Erzählung über eine Familie zu verknüpfen. Verraten handelt von einem enttarnten Doppelagenten, der Suizid beging, und von der Identitätssuche seiner Tochter. Ganz anderer Meinung war die NZZ, für einen Thriller sei der Plot viel zu spannungsarm. Aber auch als Ersatz für ein Sachbuch tauge er kaum, da er nur bekannte Fakten wiederhole.

Ein Höhepunkt der ersten Festival-Tage war der Auftritt von Christian Brückner, der Synchronstimme von Robert de Niro. Er las eine Schlüsselstelle aus Die Schneekönigin von Michael Cunningham über einen Mann, der durch den Central Park irrt, nachdem er von seinem Lover per SMS den Laufpass bekommen hat. Diese Passage machte neugierig auf einen Roman, der jedoch nach Ansicht von FAZ und WELT schlicht überladen sei und sich in zu vielen Motiven verzettele.

Im Gespräch mit Sigrid Löffler dekliniert Michael Cunningham, der Creative Writing in New York lehrt, die vielfältigen Themen seines neuen Romans durch: er beschreibt das Kreativmilieu seiner Heimatmetropole, das sich mit prekären Jobs durchs Leben hangelt, schlägt den Bogen von der depressiven Stimmung an der liberalen Ostküste bei George W. Bushs Wiederwahl 2004 zu Obamas „Yes we can“-Wahlkampf 2008. Private Dramen von Krebs bis Trennung und Märchenmotive, die an Hans Christian Andersen anknüpfen, reichern den überbordenden Plot an.

Kann Michael Cunningham damit an seine beiden größten Erfolge The Hours und Ein Zuhause am Ende der Welt, die beide auch verfilmt wurden (2002 mit Meryl Streep und Julianne Moore bzw. 2004 mit Colin Farrell), anknüpfen?

Eine positive Überraschung der ersten Festival-Tage war der Auftritt der Autoren-Nationalmannschaft mit ihrem Sammelband Man muss ein Spiel auch lesen können. Bei jedem Heimspiel von Borussia Dortmund war in der vergangenen Bundesliga-Saison einer der Schriftsteller zu Gast: einige seit Jahren eingefleischte Borussen-Fans, andere dagegen Anhänger des FC Bayern. Die Mutigsten trauten sich in die „Wand“. Nach dem Spieltag erschienen ihre meist lesenswerten Texte (Glossen, Kurzgeschichten, Erlebnisberichte) auf der Webseite des Vereins und nun als Buch. Die Autoren-Nationalmannschaft wurde bei ihrem Auftritt auf der Großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele vom Schauspieler Joachim Król verstärkt, der sich in einem amüsanten Text an die Fahrt in das damals noch geteilte Berlin zum DFB-Pokalfinale 1989 erinnerte.

Da weniger als 48 Stunden später schon das nächste Bundesliga-Spiel anstand, tauchte der versprochene Überraschungsgast aus dem Team von Borussia Dortmund nicht auf. Als Entschädigung zog Monika Maron als Glücksfee die Gewinner von 3×2 Tickets.

Lessings „Nathan“ versinkt im Lehm, Rowohlt feiert am Wannsee, bei „Tanz im August“ wird erst mal durchgesaugt, „Cantatatanz“ in der Zionskirche

Voronia: Bei Tanz im August wird erst mal durchgesaugt

In dieser Woche dominierte der Tanz auf den Berliner Spielplänen. Auf der Zielgeraden des Festivals „Tanz im August“ waren zwei Gastspiele von klangvollen Namen zu erleben. Voronia der katalanischen Gruppe La Veronal in der Schaubühne enttäuschte jedoch komplett. André Sokolowski (Kultura-extra) ärgerte sich über apokalyptischen Kunsthonig, Frank Schmid versuchte dem Jammertal in seiner kulturradio-Rezension noch etwas abzugewinnen, musste aber auch das bittere Fazit ziehen, dass dieser Abend in „pathosgetränkten Mummenschanz“ kippt.

Während das Publikum Platz nimmt, sind die Ensemblemitglieder aus Barcelona auf der Bühne damit beschäftigt, zum Spielzeitauftakt noch mal richtig durchzuwischen: in weißer Anstaltskleidung gehen sie mit Staubsauger, Lappen und Wischmop gründlich zu Werke. Am besten hätten sie es dabei belassen, in den kommenden siebzig Minuten folgt nur ein lieblos aneinandergeklatschtes Sammelsurium aus verrätselten Motiven der Kunst- und Religionsgeschichte. Der Abend verliert sich zwischen einem Fahrstuhl zur Hölle, einer leeren Tafel, einer Eisbärenmaske, einem kleinen Jungen, einem Lamm und dem Kurzauftritt von vier nackten Männern, die verzweifelt gegen die Wand hämmern, in Belanglosigkeit. Das Ganze ist von bombastischen Opernklängen unterlegt, die Tänzer winden sich schmerzverzerrt in Verrenkungen. Erstaunlich, dass nicht noch wesentlich mehr Besucher vorzeitig gingen.

Die Vorschusslorbeeren waren groß, bei „Tanz im August“ 2014 galt die Gruppe „La Veronal“ mit ihrem Vorgängerstück Siena als Überraschungs-Hit des Festivals. Ihr neuer Auftritt ist jedoch gründlich misslungen.

Bul-ssang: Buntes Tanz-Gastspiel aus Südkorea

Stimmiger war das Gastspiel der Korea National Contemporay Dance Company in der Volksbühne: „Bul-ssang“ von Anh Aesson stammt aus dem Jahr 2009 und ist ein bonbonbunter Mix, der Tradition und Moderne aufeinderprallen lässt. Zu den coolen Beats von DJ Soulscape (am rechten Bühnenrand) tänzeln und springen die fünfzehn Artisten durch einen Parcours aus Buddha-Statuen und Konsumtempeln.

Der Versuch, die Zerrissenheit des asiatischen Landes zwischen dem Bewahren traditioneller Werte und Gangnam Style-Turbo-Beschleunigung zu zeigen, kommt phasenweise etwas platt daher. Dennoch ist Ahn Aesson und ihrem quirligen Ensemble zugutezuhalten, dass sie aus ihrer Grund-Idee eine schlüssige und auch unterhaltsam anzusehende Choreographie entwickeln. Für mehr als 60 Minuten hätte ihr Konzept aber kaum getragen.

Cantatatanz: Bach mit Tänzerin im Zionskirchenschiff

Einen deutlichen Kontrast zu diesem südkoreanischen Gastspiel setzte die Gruppe Nico and the Navigators mit der Wiederaufnahme von Cantatatanz (aus dem Jahr 2011) in der Zionskirche. In dem sakralen Raum herrschen an diesem Abend protestantische, karge Strenge und der Weltschmerz von Johann Sebastian Bachs Kantaten. Die japanische Tänzerin Yui Kawaguchi tritt zunächst verhüllt, fast wie unter einer Burka, in den Altarraum, während Countertenor Terry Wey sein „Bist Du bei mir, geh ich mit Freuden zum Sterben und zu meiner Ruh.“ (BWV 508) anstimmt. Beide umkreisen sich in den nächsten knapp 75 Minuten, nehmen sich nach und nach mehr Raum und navigieren durch das gesamte Kirchenschiff, so dass die Besucher auf den vorderen Plätzen die Wahl haben, sich die Hälse zu verdrehen oder über weite Strecken nur die Musik ohne die szenischen Bilder auf sich wirken zu lassen.

Dieses Experiment, Bachs „asketische Schlichtheit“ und „mathematische Klarheit“ („Nico and the Navigators“-Gründerin Nicola Hümpel in einem Interview mit dem Stadtmagazin tip) hat seinen ästhetischen Reiz. Gegen Ende hätte dem Stück aber noch ein stärkerer Regiezugriff gutgetan, da sich einige Längen eingeschlichen haben.

Womit haben wir es bei diesem Aufeinanderprallen von Tanz und christlicher Barockmusik im religiösen Raum zu tun? Hümpel grenzt sich in dem besagten Interview ab: „Nein, denn wir sind ja nicht Tanz. Wir waren immer: weder noch. Musiktheater sind wir in einem gewissen, noch nicht festgelegten Sinne. Bildertheater sind wir inzwischen auch nicht mehr, denn das finden wir bäh!“ Konsequenterweise war dieser Abend auch kein Bestandteil des „Tanz im August“-Festivals, sondern stand ganz für sich in der Berliner Kulturszene, gefördert von Bundes- und Landesmitteln.

Thematisch dockt Cantatatanz mit seinen Fragen nach dem Sterben, dem Jenseits und der Religion allerdings genau an das Spielzeit-Motto „Der leere Himmel“ des Deutschen Theaters Berlin an, das Intendant Ulrich Khuon bei der „Früh-Stücke“-Matinee mit seinen Regisseuren, Dramaturginnen und Schauspielern vorstellte. Ein Zufall der Spielplan-Gestaltung? Oder Untersuchungsmaterial für Soziologen, Kultur- und Religionswissenschaftler, die sich in ein paar Jahren intensiver damit befassen könnten, was diese geballte Auseinandersetzung mit den letzten Dingen über eine Gesellschaft aussagt, die zwischen Griechenland-Hilfspaketen und Anschlägen auf Flüchtlingsheime ganz offensichtlich darum ringt, neuen Halt zu finden?

Andreas Kriegenburg lässt Lessings „Nathan der Weise“ zur DT-Spielzeiteröffnung in Lehm und Kalauern versinken

Bei der Spielzeit-Eröffnungs-Inszenierung Nathan der Weise war von einer ernsten Auseinandersetzung mit den großen Themen, die dieser Spielzeit programmatisch vorangestellt wurden, kaum noch etwas zu erkennen. Andreas Kriegenburg lässt sein Ensemble (darunter vor allem seine bewährten Stammkräfte Elias Arens, Jörg Pose und Natali Seelig) drei Stunden lang im Buster Keaton-Stil über die Bühne watscheln und Klassiker-Text viel zu schnell herunterleiern.

Als „archaischen Comic“ hat das Programmheft die Inszenierung angekündigt. Heraus kam ein Abend mit lehmbeschmierten, bedauernswerten Figuren, der nicht mal halb so komisch war, wie er gerne gewesen wäre. Die Ringparabel, die Jörg Pose ausnahmsweise nicht veralberte, wirkte hier so deplatziert wie auf einem Kindergeburtstag, an den sich die SZ erinnert fühlte.

Nach der Pause wurde es nicht wesentlich besser, die Reihen hatten sich mittlerweile deutlich gelichtet. Auf der Bühne wurde munter weiter gewitzelt, getrippelt und gewatschelt, untermalt von einem Klangbrei aus Zwanziger-Jahre-Unterhaltungsmusik, nur kurz unterbrochen von gegenseitigen Ermahnungen der Schauspieler: „Lessing, biiiiiitttte!“

Zum Schlussapplaus hatten sie sich statt der großen Versöhnungs- und Umarmungsszene in Lessings Original noch einen weiteren Gag einfallen lassen: einer nach dem anderen kam – wie könnte es anders sein natürlich wieder im Watschelgang – nach vorne und starrte skeptisch, die Hand aufs Kinn gestützt, ins Publikum. Dass viele im Publikum genauso ratlos und mit derselben Pose zurück guckten, war dann immerhin einer der wenigen lustigen Momente dieser Saison-Eröffnungs-Premiere, die viel Luft nach oben ließ, wie der Tagesspiegel zurecht schrieb.

Rowohlt Geburtstag am Wannsee mit Titanic, Horst Evers, Herfried Münkler, Ulrich Matthes und Tschick

Wer anschließend frische Luft brauchte, war bei perfektem Sommerwetter am Wannsee gut aufgehoben: Dort feierte der Rowohlt Berlin Verlag seine Party zum 25. Geburtstag in der Villa des Literarischen Colloquiums Berlin. Auf den engen Pfaden durch den Garten herrschte dichtes Gedränge, das Publikum pendelte zwischen der Terrasse und der Rotunde am See, wo die Aushängeschilder des Verlags Appetithäppchen aus ihren Neuerscheinungen lasen.

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler wandte sich in seinem Gespräch mit dem SZ-Redakteur Jens Bisky entschieden gegen einen zu idealistischen Blick auf die Welt: beispielsweise sei der ägyptische Präsident al-Sisi ein unverzichtbarer Stabilitätsanker im Krisenbogen zwischen Libyen und Syrien. Münkler wies die Kritik von NGOs, dass dem autoritären Herrscher im Mai beim Staatsbesuch in Berlin der rote Teppich ausgerollt wurde, zurück, und warnte davor, dass ohne sein Regime die Lage für Israel noch prekärer werden könnte. Biskys Fazit, dass seien keine besonders tröstlichen Aussichten, konterte Münkler mit seinem süffisanten Lächeln damit, dass er ja auch kein Pastor und Trost nicht seine Aufgabe sei.

Wesentlich heiterer war die Stimmung erwartungsgemäß bei den Auftritten der Titanic-Chefredakteure Oliver Maria Schmidt und Martin Sonneborn und Jahresendzeit-Team-Miglied Horst Evers. Die beiden Satiriker lasen einige Kostproben aus ihrem demnächst erscheinenden Best-of-Band „Titanic Boygroup Greatest Hits – 20 Jahre Krawall für Deutschland“: als sie sich in den 90ern als Nachfolgepartei der NSDAP ausgaben und bei Schweizer Banken Zugriff auf alte Konten forderten; oder als sie den Twitter-Novizen Thorsten Schäfer-Gümbel mit einem Fake-Account parodierten und im hessischen Landtagswahlkampf für einige Verwirrung im Netz sorgten. Horst Evers brachte das Publikum anschließend mit einigen Kostproben seiner Kurzgeschichten über die Absurditäten des Alltags zum Lachen: er rechnete mit den Widrigkeiten einer Lesereise in die Wilstermarsch wegen einer überambitionierten Veranstalterin ab und ließ einen Mail-Dialog über eine Online-Massage in eine groteske Fantasy-Story über Gummibäume mit CIA-Spionageauftrag münden.

Höhepunkt des langen Nachmittags und Abends war die Lesung einiger Passagen aus Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick von Ulrich Matthes. Für dieses Buch muss man wohl keine Werbung mehr machen: der lakonische Ton dieses Brandenburg-Trips von drei Pubertierenden voller skurriler Nebenfiguren schafft es auch beim Wiederlesen und -Hören, sein Publikum im einen Moment zu berühren und im nächsten zum Lachen zu bringen. Matthes berichtete, dass er sich, als das Buch erschien, bis tief in die Nacht festlas und dem Intendanten eine Lesung im Deutschen Theater Berlin vorschlug. Die Bühnenfassung mit Sven Fricke, Thorsten Hierse und Wiebke Mollenhauer entwickelte sich seit der Premiere 2011 zu einem Dauerbrenner, die nächsten Aufführungen in den Kammerspielen sind bereits wieder ausverkauft.

Der Deutschen Bühnenverein teilte in einer Spielzeit-Bilanz mit, dass der Tschick sogar öfter als Goethes Faust gespielt wurde.

Corinna Harfouchs fulminante „Elektra“-Collage: Kammerspiele-Matinee am DT

Ein ungewöhnlicher Auftakt: Corinna Harfouch tigert bereits Minuten vor dem Beginn ihrer Elektra-Matinee über die kleine Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters. Auch ihr Sohn Johannes Gwisdek, der sie musikalisch begleitet, ist schon anwesend, sie besprechen sich hektisch, wirken angespannt.

Corinna Harfouch tritt nach vorne und setzt zu einer etwas umständlichen Einführung an. Sie hätten zwei Alternativen vorbereitet, sich nun kurzfristig für eine Textcollage mehrerer Autoren entschieden statt sich ganz auf Hugo von Hoffmansthals Elektra-Bearbeitung, das Libretto der Strauss-Oper, zu konzentrieren. Stockend berichtet sie, dass sie die Figur der Elektra aus dem Atriden-Mythos schon in ihrer Jugend fasziniert habe. An der Schauspielschule habe sie sich mit einem Monolog aus dem Drama von Sophokles beworben.

An der Elektra reize sie die Unerbittlichkeit, mit der sie in den Wunden bohre und die Verbrechen der Klytemnaistra und des Aigisthos anklage. Sie stemme sich gegen den Versuch, das begangene Unrecht unter den Teppich zu kehren, und habe ihr ganzes Leben der Rache verschrieben. Sie „nerve“ und sei „niemand, den man gerne zum Kaffee einlade“, meint Harfouch, aber ihr ständiges Mahnen habe eine wichtige und tief beeindruckende Funktion.

Zum Ende ihrer knappen Vorrede verhaspelt sie sich kurz, wünscht einem Gast, den sie persönlich begrüßt, einen „Guten Abend“, korrigiert sich schnell und beginnt dann ihr knapp einstündiges Solo.

Plötzlich wirkt sie verwandelt: eben noch nervös und unsicher, geht sie ganz in der Rolle der Elektra auf. Mal aggressiv donnernd, mal vorsichtig tastend trägt sie Fragmente aus den verschiedenen literarischen Bearbeitungen der vergangenen Jahrtausende vor. Aischylos und Sophokles, zwei der Großmeister der griechischen Tragödie, mischt sie mit neuzeitlichen Annäherungen von Hugo von Hoffmannsthal, Gerhart Hauptmann, Jean-Paul Sartre und Jean Giraudoux.

Ein fulminanter Auftritt einer großen Schauspielerin!

Corinna Harfouch setzt ihre Matinee-Reihe seit dem Beginn dieser Spielzeit in unregelmäßigen Abständen fort. Beim nächsten Termin am 12. April wird sie sich der Kassandra widmen.

Aus dem Nachlass von Christa Wolf“: Dagmar Manzel liest aus den „Moskauer Tagebüchern“

Aus dem Werk der 2011 verstorbenen Christa Wolf lohnen sich nicht nur ihre bekannten Romane und Erzählungen wie Kassandra oder Der geteilte Himmel. Ihr 2003 veröffentlichter Band Ein Tag im Jahr dokumentierte, dass sie auch in ihren Tagebucheinträgen eine sehr wache Analytikerin des Zeitgeschehens war. Die gelungene Mischung aus melancholischen Betrachtungen, genauen Charakterisierungen ihrer Gesprächspartner und politischen Reflexionen machten diesen umfangreichen Band zu einem Lese-Vergnügen.

Deshalb durfte das Publikum auf einen neuen Sammelband von Tagebuch-Aufzeichnungen gespannt sein, den der verwitwete Gerhard Wolf gemeinsam mit dem Suhrkamp-Verlag edierte und mit umfangreichen Anmerkungen versah. Dieses recht schmale Buch widmet sich ausschließlich den zehn Reisen nach Moskau, die Christa Wolf meist zusammen mit ihrem Mann und häufig gemeinsam mit DDR-Funktionären zwischen 1957 und Oktober 1989 in die damalige sowjetische Hauptstadt unternahm.

Die Präsentation dieser Neuerscheinung litt daran, dass das kleine Podium auf der Bühne etwas überladen war: Nach der Einführung durch Ulrich Khuon, den Intendanten des Deutschen Theaters, liefen die Absprachen zwischen Gerhard Wolf, Dagmar Manzel, Tanja Walenski, die an der Edition mitgearbeitet hat, und Dr. Thomas Sparr vom Suhrkamp-Verlag nicht reibungslos. Auch die ersten beiden Texte waren nicht ganz glücklich ausgewählt: statt interessanter essayistischer Passagen dominierten lange Aufzählungen der Namen russischer Funktionäre, mit denen es das Ehepaar Wolf zu tun hatte und die Erinnerungen an ähnliche Abschnitte in Tolstois Krieg und Frieden wach werden ließ.

Der beste Text kam zum Schluss: Christa Wolfs Eindrücke von ihrer Moskau-Reise im Oktober 1989, als es in der DDR gärte, sie sich Sorgen um ihre nach Protesten in Ost-Berlin verhaftete Tochter machte und darum bangte, ob die Montagsdemos in Leipzig friedlich bleiben würden. Gespräche mit dem Politbüro-Mitglied Kurt Hager und einem Madrigal-Chor bilden ein hörens- und lesenswertes Mosaik aus den letzten Monaten eines untergehenden Staates.

Zu den interessanteren Textausschnitten dieser Matinee in den Kammerspielen des Deutschen Theaters gehörten außerdem noch die Schilderung einer Stadtführung eines Dostojewski-Enkels auf den Spuren von Raskolnikoff aus Schuld und Sühne durch das Leningrad des Jahres 1968 und eine lustige Montage der Tagebucheinträge von Max Frisch und Christa Wolf, die beide im selben Jahr an einer von der UdSSR organisierten Feierlichkeit zum 100. Geburtstag von Maxim Gorki teilnahmen und sich über die unfreiwillige Komik des Events lustig machten.

Christa Wolf: Moskauer Tagebücher – Wer wir sind und wer wir waren. – Herausgegeben von Gerhard Wolf. – Suhrkamp, 2014, 266 Seiten

Don Winslow und Daniel Hoevels lesen aus Kindesentführungs-Thriller „Missing. New York“ bei Matinee an DT-Kammerspielen

Die Ränge der Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin waren leider nur zur Hälfte gefüllt, als der US-Krimi-Autor Don Winslow auf der Lesereise zu seinem neuen 400-Seiten-Schmöker Missing. New York Station machte.

Harte Kost in rauhen, apodiktischen Sätzen bekamen die Zuhörer vorgesetzt: In Winslows neuem Buch geht es um einen New Yorker Cop, der verzweifelt nach einem kleinen, entführten Mädchen und ihrem Spielzeug-Pferd Magic sucht. Der Autor und DT-Ensemble-Mitglied Daniel Hoevels lasen im Wechsel aus dem Original und der vor kurzem bei Droemer Knaur erschienen Übersetzung, die Winslows von Christopher Schmidt im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung gerühmten lakonischen Stil gut imitiert.

Interessanter als die Lesung war das Gespräch mit dem Journalisten Philipp Schwenke über Winslows Jugend auf Rhode Island – in direkter Nachbarschaft zur ehrenwerten Mafia-Gesellschaft der 50er-Jahre, wie ihr Coppolas Godfather ein filmisches Denkmal setzte. Nach dem Studium der afrikanischen Geschichte schlug er sich als Safari-Leiter, Schmuggler und Privatdetektiv durch, bevor er mit Thrillern wie Frankie Machine und Zeit des Zorns (von Oliver Stone unter dem Titel Savages fürs Kino adaptiert) so bekannt wurde, dass er vom Schreiben leben kann.

Winslow beantwortete alle Fragen des fachkundigen Publikums zum Boom amerikanischer Qualitäts-Serien, zu Plänen für Verfilmungen seiner Stoffe und zu seinen wilden Jahren. Ganz undivenhaft stand er auch noch für Nachfragen zur Verfügung, als der Moderator nach knapp 90 Minuten den offiziellen Teil beendete und zur Signierstunde einlud.

Das Buch Missing. New York von Don Winslow. 400 Seiten. Droemer Knaur

Infos zur Matinee auf der DT-Webseite

Webauftritt des Autors Don Winslow