Archiv der Kategorie: Konzerte

Das depressive Ach – Georgette Dees melancholische Berlin-Premiere am Berliner Ensemble

Ein Abend, der mit dem Bekenntnis der Diva bekannt, nicht mehr geliebt zu werden und nicht mehr zu lieben, könnte eine sehr schwermütige Veranstaltung werden.

Georgette Diva, die Gastgeberin des Chanson-Abends “Ach Du – mein Ach!” stellt aber schnell klar, dass man zwischen einem depressiven und einem melancholischen Ach unterscheiden muss.

Letzterem widmet sie mit ihrem bewährten Klavier-Begleiter Terry Truck ihr neues Bühnenprogramm, das am Montag in Hamburg Premiere hatte und einen Tag später im Berliner Ensemble zu sehen war.

Zwischen den Liedern streut Dee Anekdoten aus ihrem Berliner Kiez ein, die sich aber zu sehr in Banalitäten verheddern. Wir lernen Frida, Mira und einen Spanier kennen. Die Monologe lavieren zwischen Alltagsbeobachtungen und Anzüglichkeiten.

Georgette Dees neuer Abend richtet sich deshalb vor allem an treue Fans und Insider.

Tourdaten von Georgette Dee

Gregor Gysi ist fast omnipräsent, Kurzfilmraritäten bei interfilm, Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs rufen im HAU vergeblich um Hilfe

Gregor Gysi auch nach dem Rückzug aus der ersten Reihe omnipräsent

Es ist knapp einen Monat her, dass sich Gregor Gysi aus der ersten Reihe der Politik zurückgezogen hat. Statt Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag ist er künftig nur noch stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Sein Terminkalender ist trotzdem proppenvoll wie eh und je. Zwischen der Laudatio auf Till Schweiger bei der Bambi-Verleihung, einem Gespräch mit dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales und einer CD-Aufnahme für Prokofjews „Peter und der Wolf“ gibt es kaum noch Lücken.

Auf den Berliner Theaterbühnen war Gysi, der Workaholic mit Entertainer-Qualitäten, an diesem Wochenende gleich zwei Mal zu Gast. Am Freitag Abend sprach er mit Stephan Hebel über das Buch „Ausstieg links? – Eine Bilanz“, das sie gemeinsam vor kurzem im Frankfurter Westend Verlag herausgegeben haben.

Gysi präsentierte sich in dem einstündigen Gespräch auf der Probebühne des Berliner Ensembles sehr nachdenklich. Seiner Analyse, dass die Welt derzeit aus den Fugen scheint und sich zu viele frei flottierende Kräfte bekriegen, kann man kaum widersprechen. Auch Gysi hatte natürlich an diesem Abend nicht den „Stein der Weisen“ anzubieten, wie diese Probleme schnell gelöst werden könnten.

Er warnte davor, dass wir in eine unbeherrschbare Situation hineingeraten, falls es uns nicht bald gelinge, die Fluchtursachen in Afrika sowie im Nahen und Mittleren Osten mit solidarischen, vernünftigen Konzepten anzugehen. Zum aktuellen Koalitionsstreit über die Flüchtlingspolitik ließ Gysi einige pointierte Bemerkungen fallen: Seehofer mache mit seinen scharfen Tönen letztlich Wahlkampf für die AfD. Seine Versuche, der neuen Partei das Wasser abzugraben, fruchteten bislang nicht. Im Gegenteil: Nur im Osten habe die AfD zuletzt noch stärker zugelegt als in Bayern. Merkel stehe derzeit zwar gewaltig unter Druck, überrasche ihn aber mit ihren Über-Nacht-Entscheidungen (AKW-Ausstieg nach Fukushima, Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik) immer wieder.

Auch wenn es wenig wirklich Neues gab, waren die leiseren Zwischentöne interessant, vor allem, wie deutlich er sich namentlich erneut von Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht abgrenzte: Anschaulich erinnerte er sich noch mal an die Zeit vor dem Göttinger Parteitag im Juni 2012, als er das Gefühl hatte, dass zwei Züge auf ihn als Zentristen der Fraktion zurasten. Einleuchtend analysierte die kulturellen Unterschiede zwischen West-Linken, die häufig in K-Gruppen oder Protestbewegungen sozialisiert sind und sich seit Jahrzehnten bewusst in scharfer Opposition zum Establishment sehen, und den ostdeutschen Reformen aus der ehemaligen Staatspartei, die sich nach gesellschaftlicher Anerkennung sehnen.

Zwei Tage später diskutierte Gregor Gysi in den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit Wolfgang Schorlau über seinen gerade erschienen neunten Dengler-Krimi. In „Die schützende Hand“ macht sich der Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler auf die Spur der NSU-Mordserie.

Gysi und Dengler deklinieren all die Ungereimtheiten durch, die in den vergangenen vier Jahren seit dem Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in diversen Untersuchungsausschüssen, zahlreichen Features und Zeitungsberichten, auf Theaterbühnen und natürlich auch im Münchner Gerichtssaal zu einem Puzzle zusammengesetzt werden sollten – leider bislang vergeblich. Wir stochern weiter im Nebel, der den gesamten NSU-Komplex umgibt.

Die Geschichten über geschredderte Akten zu Karnevalsbeginn am 11.11. im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz, die großzügige finanzielle Unterstützung des Verfassungsschutzes für fragwürdige V-Männer wie Tino Brandt, das bis heute ungeklärte Auftauchen eines hessischen Verfassungsschutz-Mitarbeiters an einem Tatort (in einem Internet-Café in Kassel) sind alle nicht neu, aber so haarsträubend, dass sie immer wieder Kopfschütteln im Publikum und Entsetzen auslösen.

Die Matinee endete mit vorsichtigem Optimismus: die Widersprüche sind so eklatant, dass sich alle Fraktionen in der vergangenen Woche einig waren, einen weiteren Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags zur NSU-Mordserie einzusetzen. Es bleibt die vage Hoffnung, dass dieses Gremium die dringend notwendigen Fortschritte bei der Aufklärung des rechtsextremistischen Terrors erreichen kann.

31. interfilm-Festival: Fundgrube für Kurzfilm-Raritäten

Das interfilm-Festival erwies sich auch in diesem Jahr wieder als Fundgrube für kleine Kurzfilm-Kostbarkeiten, die quer über die Programme und die verschiedenen Kinosäle der Stadt verstreut waren.

Ein kleines Highlight waren die „Best of Berlin Beats“: eine bunte Mischung aus ästhetischen Experimenten wie „Little Big Berlin“ (Hauptstadtansichten im Miniaturformat), anarchischem Humor wie „Trotzdem Danke“ (wie reagieren BVG- und S-Bahnfahrer, wenn plötzlich ein Scheibenwischer-Putztrupp unangemeldet auftaucht?), dokumentarischen Einblicken wie „Aleyna – Little Miss Neukölln“ (ein übergewichtiges, in der Schule verspottetes, türkisches Mädchen verwirklicht sich den Traum, bei einer Gala im tipi am Kanzleramt zu tanzen) oder Nachwuchsrapper mit „Meine Stadt“. Die elf Filme, die unter diesem Dach gebündelt wurden, stammen aus den Jahren 2004 bis 2011 und spiegeln den Wandel einer Stadt, die nicht nur arm ist, sondern auch für Touristen sexy wird.

Bemerkenswert war auch die spanische queere Splatterfilm-Parodie „Pulsión Sangrienta“ über eine Familie, die auf eine lange Ahnenreihe aus Frauenmördern zurückblickt. Diese Vorführung im Roten Salon litt jedoch etwas darunter, dass der Saal zwar sehr gut für Konzerte und Partys genutzt werden kann ist, aber mangels geeigneter Kinobestuhlung die Untertitel nur schwer zu sehen und zu lesen waren.

Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs am HAU: René Pollesch fehlte

Nach einer halben Stunde fällt die Tür krachend zu, die ersten Zuschauer gehen genervt. Die anderen rätseln noch, worauf sie sich bei dieser Performance „Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück“ eingelassen haben. Als Fabian Hinrichs und Schorsch Kamerun gemeinsam mit PC Nackt musizieren, ist das zwar ein sympathischer Einstieg und eine Viertelstunde hört man auch gern zu. Schön wäre es allerdings, wenn die Texte auch so artikuliert werden, dass sie verstanden werden können.

Mit der Textverständlichkeit wird es zwar etwas besser, sonst hat sich aber auch nach vierzig Minuten nichts geändert.

Der Abend ist schon halb vorbei, als seine beiden Kumpels verschwinden und sich Fabian Hinrichs kurz hinter der Palme am Bühnenrand umzieht. Im Taucheranzug tigert er über die Bühne und bietet einen Monolog, der unentschieden irgendwo zwischen schlechter Kopie und Parodie seines „Keiner findet sich schön“-Solos an der Volksbühne pendelt.

Zwischendurch tritt dann auch noch eine Tanzgruppe aus Minsk in einer nicht näher definierbaren Landestracht auf und Hinrichs setzt seinen Monolog in einem Elektro-Auto fort. An diesem Abend, an dem ohnehin nichts zueinander passt, stören auch solche Merkwürdigkeiten nicht weiter.

Das Ganze war unter dem Festival-Titel „Marx´ Gespenster“ angekündigt und gefühlte fünf Minuten geht es in dem Monolog nach dem Konzert auch um Vergesellschaftung und „Produktionsidioten“. So unvermittelt wie dieser Themenstrang angerissen wurde, versandet er auch schon wieder. Hinrichs gibt stattdessen einen kurzen Abriss über die Architektur des Jugendstils im Allgemeinen und des Hebbeltheaters.

Fabian Hinrichs fällt es immer schwerer, sich das Grinsen über diese albernen, aneinandergestückelten Textbausteine zu verkneifen. Mehrmals muss er sich von der Souffleuse helfen lassen. Da ihm partout nicht mehr einfallen will, dass er angeblich ein Fan von Genesis von Phil Collins sei, entschuldigt sich Hinrichs mit kokettem Augenaufschlag: „Ja, das kommt eben nicht von Herzen.“ Mit Sicherheit nicht. Aber das gilt dann wohl auch für diesen ganzen Abend, der lieber im Probenraum einer Hobbycombo geblieben wäre, in den sich Esther Slevogt versetzt fühlte.

Wittenbrinks „Schlafe, mein Prinzchen“: ein Klassik-Pop-Liederabend zu Kindesmissbrauch – kann das funktionieren?

Eigentlich sollte Franz Wittenbrink am Berliner Ensemble einen Liederabend zur Villa Aurora inszenieren: Lion Feuchtwanger hat dieses Anwesen in den Hügeln bei Los Angeles gekauft, als er vor den Nazis ins Exil fliehen musste. Das im spanischen Stil erbaute Schlösschen entwickelte sich in den 1940er Jahren zu einem Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen. Thomas Mann, Charlie Chaplin oder Bertolt Brecht gehörten zu den prominenten Gästen. Heute dient die Villa Aurora als Künstlerresidenz inklusive Stipendiatenprogramm, unterstützt vom Auswärtigen Amt und der Staatsministerin für Kultur.

Wer Wittenbrink-Abende kennt, die an vielen großen Häusern zu erleben waren, kann sich sehr gut ausmalen, wie ein Villa Aurora-Abend aussehen dürfte: ein unterhaltsamer Reigen aus Liedern, bunt gemixt aus verschiedenen Genres, ohne Scheu, zwischen E und U hin und her zu springen. Das würde bestimmt wieder gute Unterhaltung im typischen Wittenbrink-Stil, von dessen schwebender Leichtigkeit die Süddeutsche Zeitung einmal schwärmte.

Aber diesen Villa Aurora-Abend können wir uns bisher leider nur in unserer Vorstellung ausmalen. Wittenbrink entschied, dass er sich stattdessen viel lieber einem ganz anderen Thema widmen möchte, das ihn seit langer Zeit beschäftigt.

Anfang 2010 begannen die Nachrichtensendungen fast täglich mit schrecklichen Enthüllungen, an welcher eben noch hochangesehen Bildungs-Institution offensichtlich systematisch sexueller Missbrauch an Kindern betrieben und vertuscht wurde. Regisseur Franz Wittenbrink war damals in Sandra Maischbergers ARD-Talkrunde zu Gast und berichtete über seine Zeit bei den Regensburger Domspatzen in den 60er Jahren. Auch im Programmheft zu Schlaf, mein Prinzchen schreibt er über seine Zeit bei diesem Chor mit Weltruf und ehrwürdiger Tradition. Er erwähnt harte Strafen für Banalitäten wie einen fallengelassenen Bleistift und Schläge auf den nackten Hintern. Vor „direktem sexuellem Missbrauch“ sei er verschont geblieben, vermutlich auch weil sein Onkel damals bayerischer Ministerpräsident war.

Der Dramaturg Steffen Sünkel berichtete bei der Einführung, dass die erste Reaktion an Claus Peymanns Berliner Ensemble war: Ein Liederabend zum sexuellen Missbrauch – kann das gut gehen? Wie passen die fröhlichen Songs und Wittenbrinks oft ironischer Stil, die das Publikum an so vielen Abenden mit einem Lächeln nach Hause gehen ließen, zu diesem bedrückenden, zu lange tabuisierten Thema? Das kann doch kaum funktionieren, oder?

Dementsprechend behutsam tastet sich der Abend auf dem schwierigen Gelände voran. Mit großem Ernst und sehr stringent bearbeitet Wittenbrink sein Thema. Zu lachen gibt es diesmal kaum etwas und das wäre bei diesem Stoff ja auch deplatziert.

Die erste Szene führt ins Internat der Regensburger Domspatzen, der Bühnenhintergrund erinnert an Sakralbauten, vorne singen die Schüler (gespielt von jungen Schauspielerinnen und zwei männlichen Kollegen) ausgelassen den Stones-Klassiker Satisfaction. Einer der Präfekten betritt das Zimmer und schlagartig ist es mit der guten Stimmung vorbei. Sehr genau beobachtete kurze Szenen schildern den erbarmungslosen Drill und die körperlichen Übergriffe, subtil beginnend, dann immer dreister. An diesem Abend werden sie nur angedeutet. Das Grauen, das die Opfer erlebt haben, wird dennoch beklemmend spürbar.

Kurze Dialoge wechseln sich mit Gesang ab. Im ersten Teil des knapp zweistündigen Abends dominieren geistliche Lieder und Klassik von Mozart und Bach. Danach ändert sich der Schauplatz, die Enge des katholischen Internats weicht den Bäumen um die Odenwaldschule, auf Klassik folgen die Pophits der späten 60er und frühen 70er. Aber die Missbrauchs-Muster bleiben dieselben: der Schulleiter begrüßt die Spitzen der Gesellschaft, die ihre Sprößlinge in seine Obhut gegeben haben. Familie von Weizsäcker, Familie Porsche, mehr Establishment geht kaum. Wie schon im ersten Teil taucht auch hier wieder ein besorgter Vater auf: seine kritischen Nachfragen, ob es stimme, was sein Sohn berichtet hat, werden mit einer Mischung aus Drohungen und Überheblichkeit abgewiegelt.

Der Missbrauch geht weiter, wer nicht mitmacht, wird im libertären Milieu, das von der Überwindung autoritärer Strukturen träumte und in dem sich auch Wittenbrink in den 70ern wiederfand, als „verklemmt“ und kleinbürgerlich beschimpft. Philosophische Texte von Platon aus der griechischen Antike werden in beiden Fällen (sowohl bei den Domspatzen als auch in der Odenwaldschule) dazu missbraucht, sexuelle Übergriffe als Akt eines ganzheitlichen Erziehungsprozesses zu rechtfertigen. Der Abend endet mit dem Auftritt eines ehemaligen Lehrers im Rollstuhl, der sich keiner Schuld bewusst ist und darauf beharrt, dass er doch nur das Beste für seine Schützlinge gewollt habe. Auch diese Haltung kennen wir leider aus der Realität nur zu gut.

Franz Wittenbrink schließt seinen Text im Programmheft mit den Worten: „Kindesmissbrauch ist nicht zu verhindern, gesetzlich verboten ist er ohnehin. Aber man kann eine Gesellschaft dafür sensibilisieren. Dazu möge dieser Theaterabend beitragen.“

Und das funktioniert an diesem Abend durchaus: Schlaf, mein Prinzchen liefert keine vorgefertigen Antworten, sondern fordert dazu auf, hinzuschauen, was an den angesehenen Institutionen geschehen ist.

Schlafe, mein Prinzchen. – Ein musikalischer Abend von Franz Wittenbrink. – Uraufführung am Berliner Ensemble. 20. Juni 2015. – Mit: Annemarie Brüntjen (Hans Aigner / Joe), Raphael Dwinger (Philipp Odenthal / Phil), Johanna Griebel (Wolfgang Hornung / Wolfi), Nadine Kiesewalter (Andreas Trautwein / Andi), Andreas Lechner (Chorleiter Obermayer / Franz Grünberger), Lennart Lemster (Ferdinand Sebius / Ferdi), Dorothee Neff (Walther Rheinberger / Walther), Corinna Pohlmann (Siggi Benatzky / Sina), Maike Schmidt (Manfred Müller / Manni), Veit Schubert (Domkapellmeister Radinger / Gernot Bofinger), Laura Tratnik (Sepp Unterholzner / Josy), Thomas Wittmann (Präfekt Fortner / Freddy Bäumer). – Band: Mathias Weibrich (Flügel), Ariane Spiegel (Cello), Jarek Jeziorowski (Tenorsaxophon, Klarinette, Querflöte), Tornike Ugrekhelidze (Violine), Martin Fehr (Tenor). – Regie: Franz Wittenbrink, Musikalische Leitung: Franz Wittenbrink, Mathias Weibrich, Bühne: Alfred Peter, Kostüme: Wicke Naujoks, Dramaturgie: Anika Bárdos, Steffen Sünkel, Licht: Steffen Heinke. – Ca. 1 h 45 Minuten, ohne Pause

„Muttis Kinder“: beeindruckendes Schauspieler-Trio in der Bar jeder Venunft nimmt sich „Zeit zum Träumen“

Muttis Kinder: hinter diesem Titel verbergen sich drei begnadete Stimmen. Claudia Graue, Marcus Melzwig und Christopher Nell lernten sich während des Schauspielstudiums in Rostock kennen und gründeten ihr A-capella-Trio im Jahr 2003.

Ab 2007 war das Trio mehrfach im Berliner Ensemble zu erleben, wo Muttis bekanntestes Kind, Christopher Nell, auch regelmäßig auf der Bühne zu sehen ist, z.B. als Leander Haußmanns Hamlet oder Mephisto in Robert Wilsons/Herbert Grönemeyers Faust-Musical.

Mittlerweile sind Muttis Kinder vor allem der Bar jeder Vernunft eng verbunden, wo ihr aktueller Liederabend Zeit zum Träumen vor zwei Jahren Premiere hatte und derzeit wieder für einige Tage gastiert. Das Trio überzeugt mit einer gut zusammengestellten Mischung von Soul bis Gangsta-Rap, von Schlager bis Stadion-Rock, von Gospel bis Slapstick.

Markenzeichen der Kinder ist ihre Freude daran, die Lieder oft ironisch zu brechen und als kleine Theaterstücke auf der Bühne zu zelebrieren. Dies gilt vor allem für Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, das als Lieblingslied von Marcus Melzwig angekündigt und von ihm als Solo voller Leidenschaft dargeboten wird, während sich die beiden Mitstreiter angewidert abwenden.

Manche Slapstick-Einlage geriet etwas albern, stimmlich überzeugen Muttis Kinder aber auf ganzer Linie: deshalb haben sie sich den langanhaltenden, mit Trampeln verstärkten Applaus des begeisterten Publikums verdient. Wie Gunda Bartels im Tagesspiegel schrieb: „All das hat Charakter, Witz und Klasse.“

Muttis Kinder

Bar jeder Vernunft

Trailer zum aktuellen Programm Zeit zum Träumen

Eva Meckbachs Liederabend „We are Golden“ im Studio der Schaubühne löst Erwartungen nicht ein

Eva Meckbach hat Marius von Mayenburgs Shakespeare-Pop-Revue Viel Lärm um nichts bewiesen, dass sie eine gute Stimme hat. Deshalb klang die Ankündigung, dass sie gemeinsam mit den beiden Musikern Claus Erbskorn und Thomas Witte zu einem Liederabend ins Studio der Schaubühne einlädt, vielversprechend.

Auch ihr Konzept, 13 Freunde und Bekannte in persönlichen Briefen um einen Song zu bitten, den sie mit einer unerfüllten Sehnsucht verbinden, wirkt interessant.

Die Blues-, Soul- und Popnummern sind zwar musikalisch gelungen, jedoch ohne Dramaturgie lieblos aneinandergeklatscht. Joni Mitchells Woodstock. dessen Zeile We are Golden dem Abend den Titel gab, steht unvermittelt neben Moon River, Rio Reisers Der Traum ist aus, russischen und spanischen Melodien.

Wenn die drei Protagonisten des Abends doch mal eine Überleitung versuchen, endet es in Anzüglichkeiten oder flachen Kalauern.

Liederabend We are Golden – Thirteen notes about yearning. Ca. 90 Minuten im Studio der Schaubühne. Premiere war am 12. Oktober 2014

Nina Hagen und Gustl Mollath mit der Klampfe zu Brecht-Liedern gegen Maßregelvollzug

Bei Nina Hagen weiß man vorher nie so genau, was einen erwartet. Das Berliner Ensemble, Brechts traditionsreiche Bühne am Schiffbauerdamm, wo die junge Nina mit 12 Jahren ihre ersten Theaterfahrungen machte, lud zu einem Brecht-Lieder mit Klampfe-Abend mit der bekannten Künstlerin ein.

Das Publikum bekommt auch tatsächlich viele bekannte Songs des großen Dichters wie z.B. die Moritat von Mackie Messer (Und der Haifisch…) aus der Dreigroschenoper geboten. Die meiste Zeit des fast dreistündigen Abends verwendet Nina Hagen aber für ihr politisches Engagement gegen § 63 StGB und Missstände in der Psychiatrie. Mit Ilona Haslbauer an ihrer Seite auf einem großen Sofa trägt sie einige der Lieder und Gedichte ihrer Freundin vor, für deren Entlassung sie sich lange engagiert hat. Am Ende gibt auch Gustl Mollath, der berühmteste Kronzeuge für dieses Thema ein kurzes Statement ab – in der ersten Hälfte saß er noch mitten im Publikum.

Richtig hitzig wird es, als die Einweisung in die Psychiatrie durch ein Schlechtachten, wie es Nina Hagen in ihrem Wortspiel bezeichnete, in einem Gedicht mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus verglichen wird. Mehrere Zuschauer verließen protestierend den Saal, Türen knallten, ein psychiatrieerfahrener Mann brüllte denjenigen, die den Saal verließen, empört hinterher.

Ein auch für Nina Hagens Verhältnisse ungewöhnlicher Abend…

Whisky und Barockmusik im Radialsystem V: „Angels`Share“

Das Radialsystem V ist bekannt für seine ungewöhnlichen Crossover-Stilmixe: In den Tagen vor Weihnachten gastierte Nicola Hümpels Ensemble Nico and the Navigators mit den Urban Strings mit dem Programm Angels`Share – a staged concert nach der Premiere im Jahr 2012 wieder in der Halle am Spreeufer. Angels´Share (deutsch: Engelsanteil) stammt aus der Sprache der schottischen Whiskybrenner und meint den Anteil des hochprozentigen Getränks, der während der Lagerung im Fass verdunstet. An diesem Abend werden aber nicht nur die Engel, sondern auch das Publikum nach den 90 Minuten von den Musikern mit einem Glas versorgt.

Der Abend konfrontiert die Barockmusik am Hof im London des 17. Jahrhunderts, deren wichtigster Komponist Henry Purcell ist, mit schottischen Traditionals. Für die steife Etikette des höfischen Zeremoniells steht Nadine Milzner, die stoisch und mit Halskrause auf ihrem Thron verharrt. Zu den schottischen Klängen binden sich die Darsteller und Musiker das Karo zum Kilt.

Man kann unschwer erkennen, dass Adrian Gillott im Clown-Theater seine ersten Erfahrungen sammelte. Zu den perfekten Harmonien der Musiker von Urban Strings, die auch als Solisten sehr gefragt sind, bringt er seine Scherze und Harmonien. Als die Harfe wegen der Luftfeuchtigkeit im Raum neu gestimmt wird, quatscht er demonstrativ dazwischen und spielt den begriffsstutzigen Störer.

Am heutigen Sonntag ist der Abend zum vorerst letzten Mal im Radialsystem zu erleben.

Das Radialsystem V

Nico and the navigators 

12 Tenors: Premiere im tipi

In den kommenden sieben Wochen gastiert eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus britischen, australischen, kanadischen und deutschen Sängern wieder einmal im tipi gleich vor Angela Merkels Büro im Kanzleramt. Bei der Premiere war sie zwar nicht persönlich anwesend, das politische Berlin war nur durch den ehemaligen Regierenden Bürgermeister Walter Momper, der an diesem lauen Sommerabend auf seinen charakteristischen roten Schal verzichtete, die Kreuzberger Grüne Gesundheitsexpertin im Abgeordnetenhaus, Heidi Kosche, und Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, seit der "Kürschner-Affäre" aber besser bekannt als "Babettes Chefin", vertreten.

Unsere Kanzlerin hätte allerdings optimal in die Zielgruppe der weiblichen Fans aus ihrer Altersgruppe gepasst, die bei der Premiere die meist jungen und gutaussehenden 12 Tenors in ihren schicken Anzügen umlagerten. Stimmlich waren die Herren bei ihrem musikalischen Streifzug vom klassischen Opernrepertoire über Nummern der Comedian Harmonists bis zu den bekanntesten Hits von Queen oder Michael Jackson sehr präsent. Auch ohne Mikrofon-Verstärkung hätte ihr stimmliches Volumen das tipi gut beschallt.

Ihr knapp zweieinhalbstündiger Auftritt wurde von der zahlreich erschienen Fangemeinde mit viel Applaus gefeiert und war musikalisch gelungen. Die Witzchen der Zwischenmoderationen blieben jedoch eher schal und nicht auf dem hohen Niveau der Kleinkunst-Darbietungen, die sonst jeden Abend im tipi am Kanzleramt und dem Wilmersdorfer Schwesterzelt Bar jeder Vernunft zu erleben sind.

Das tipi am Kanzleramt

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Weitere Informationen und Termine

Osterchoral auf Isländisch

Während andere am Ostersonntag suchten und fanden, waren die Organisatoren des Northzone Festivals offenbar weniger erfolgreich: Die DVD der angekündigten Musik-Dokumentation Backyard, „a realisation and celebration of Reykjavík’s creative spirit“, blieb verschollen. Auf eine Kostprobe dieses isländischen „schöpferischen Geistes“ mussten die Besucher des Lido an diesem Abend in Berlin-Kreuzberg dennoch nicht verzichten.

Árstíðir live und in FarbeStatt des ursprünglich geplanten Films läuft nun eine Dokumentation über die Band Árstíðir, gefolgt vom Auftritt der Truppe selbst – live und ganz in Farbe. Trotz gewisser Längen im Leinwandprogramm hat diese Dopplung ihre Reize. So lernt die überschaubare Zuschauerschar die sechs jungen Männer kurz vor ihrer Berlin-Premiere rasch noch namentlich kennen, macht sich ein Bild von ihrem Proberaum-Idyll und von Reykjaviks Straßen, wo in der dunklen Jahreszeit völlig andere Songs entstehen als im Sommer und, wo die jungen Musiker auch gerne ganz ohne Mikrophone auf engstem Raum vor Freunden auftreten.

Das folgende Konzert ist dann allerdings alles andere als unplugged: Ein Klangteppisch aus Gitarre, Piano, Cello und Violinen mischt und ergießt sich voll, verstärkt und mit Nachhall durch den anfangs spärlich, dann immer besser gefüllten Zuschauerraum. Den Indie-Folk der jungen Musiker und ihre sechs ausgezeichneten Stimmen begleitet der Mann am Licht mit einem Farbspektakel, das eigenen Regeln folgt. So erscheint die Bänd in gesättigten Farben und rotierende Ornamentprojektionen durchkreuzen immer wieder die Tonspur.

Dabei trägt die Musik auch ganz für sich: Kraftvoll setzen die Streicher rhythmische Akzenten oder enden mit kammermusikalisch barocken Schlusstakten. Der Mann am Klavier, der für Geld auch Hochzeiten klanglich begleitet, wie er später verrät, entführt seine Zuhörer auf der Bühne mit zarter Stimme und perlendem Anschlag. Hin und wieder legen die Sechs ihre Instrumente beiseite und sorgen mit altertümlichen a cappella Gesangseinlagen für Highlights. „Ich arbeite hier schon seit fünf Jahren, aber kein Konzert hat mich so bewegt wie das heute“, lautete das Fazit der jungen Barfrau nach drei Zugaben, kurz vor Mitternacht beim Ausklang mit der Band am CD-Stand. Im Sommer wird Árstíðir zurück sein mit dem aktuellen zweiten Album, in Berlin und auf Deutschlandtour.

Crossover-Barock Lounge im Radialsystem V

Das Radialsystem V, das für seine Experimentierfreude bekannt ist, brachte Musiker aus zwei sehr unterschiedlichen Musikrichtungen zu einem ungewöhnlichen Hörerlebnis zusammen. In der Veranstaltungsreihe Barock Lounge traf das Hamburger Barockorchester Elbipolis auf Brezel Göring, der von den Elektro-Pionieren wie Kraftwerk geprägt wurde und ansonsten gemeinsam mit Françoise Cactus mit liebenswert-skurrilen Texten als das Pop-Duo Stereo Total auftritt.

Alles beginnt so, wie man es auch aus klassischen Konzertsälen kennt: Edel gekleidete Damen und Herren spielen auf Violine, Violoncello, Laute und Cembalo eine Sinfonie von Georg Friedrich Händel. Nach dem Allegro greift Brezel Göring ein, der sich hinter einem Mischpult inklusive Kabelgewirr verschanzt hat, und sampelt einige Motive. Mal wird der Originalklang komplett zerstört und endet in wildem Fiepen, mal improvisiert er nur um die klar erkennbare barocke Klangfülle herum. Den größten Spaß scheinen die Barock-Musiker selbst zu haben, die nach jedem Stück gespannt sind, was ihr DJ aus Ohrwürmern wie Greensleaves oder Sonaten von Antonio Vivaldi macht.

Passend zum Lounge-Charakter ist auch die Bestuhlung: Hinten gibt es unbequeme Plastikstühle, vorne angenehme Sitzwürfel mit Blick auf die Spree. Nach knapp siebzig Minuten und einigen Zugaben endete dieser Clash der Stile, die Reihe, die 2008 in Kooperation mit NDR und Kampnagel in Hamburg, begann, wird aber sicher mit neuen interessanten Paarungen fortgesetzt.

Das Radialsystem V