Archiv der Kategorie: Kabarett

Heiner Müller-Revue: „Der Auftrag“ zu Gast am DT und Videoschnipsel von Kuttner

“Die Zeit hätte gern, dass sie über Müller hinweggehen könnte. Oder sie glaubt sie wäre schon über ihn hinweggegangen”, konstatiert Jürgen Kuttner.

Heiner Müllers Texte sind von scharfkantigen Brüchen geprägt, sie sind vollgepackt mit Gedankensplittern aus zweieinhalb Tausend Jahren europäischer Kulturgeschichte “von Aischylos bis Honecker”, alles andere als leicht verdaulich. Das passt nicht in eine Zeit, die es gerne “gluten- und lactosefrei” mit “kleinen Häppchen” hat.

Jürgen Kuttner zog mit seinem bewährten Regiepartner Tom Kühnel die Konsequenz, dass sie Heiner Müllers “Der Auftrag” als bunten Stilmix inszenieren: mit Pudel-Ballett, “Vom Winde verweht”-Parodie, vielen wehenden roten Fahnen und Corinna Harfouch im Pierrot-Kostüm. Das Publikum ist gefordert, sich auf diesen assoziativ durch Müllers Gedankenwelt springenden Varieté-Reigen, der live von den “Tentakeln von Delphi” (um Harfouchs Sohn Hannes Gwisdek) untermalt wird, seinen eigenen Reim zu machen.

Im Zentrum der Clownerien steht der Text: die Schauspieler bewegen ihre Lippen zum Playback. Der Meister selbst spricht zu uns vom Band, die Inszenierung verwendet einen Mitschnitt von Heiner Müllers Lesung an der Volksbühne im Jahr 1980. In seinem charakteristischen, monotonen, raunenden Stil liest er sein ein Jahr zuvor erschienenes Stück über eine gescheiterte Revolution in Jamaika: als Zigarrenqualm-umwölktes Orakel von Friedrichsfelde erscheint er vor dem inneren Auge der Zuschauer.

Das Playback-Prinzip wird nur selten unterbrochen, den einzigen längeren Monolog hat Corinna Harfouch, die sich durch den Albtraum “Mann im Fahrstuhl” sächselt. Er handelt von einem Angestellten, der in Panik gerät, weil er zu spät zur Vorladung beim Chef kommt, und sich zu allem Überfluss auch noch überraschend in Peru wiederfindet, als er den Fahrstuhl verlässt.

Dieses Kabinettstückchen erhält den stärksten Szenenapplaus beim Berliner Gastspiel von Kuttners/Kühnels “Der Auftrag”. Es ist auch die stringenteste Nummer in dieser Müller-Revue, die von den Ruhrfestspielen Recklinghausen und dem Schauspiel Hannover co-produziert wurde und am Oster-Wochenende im Deutschen Theater Berlin zu Gast war.

Die knapp 90 Minuten waren am Karsamstag aber nur die Ouvertüre zu einem Videoschnipselvortrag von Jürgen Kuttner, der kurz vor Mitternacht endete, weil der Personalrat des Deutschen Theaters auf die Einhaltung der vorgeschriebenen Zeiten für die Bühnenarbeiter gepocht hatte. Man ist ja hier schließlich nicht an der Volksbühne, wo Frank Castorf sich, sein Ensemble und die Zuschauer gerne mal sechs Stunden mit Stücke-Zertrümmerungen martert.

Kuttner nimmt sein Publikum auf eine Tour unter dem Titel “Müller? Den Namen wird man sich merken müssen” mit, die sowohl amüsanter als auch präziser als seine “Der Auftrag”-Inszenierung ist. Großartig, welche Fundstücke er diesmal wieder ausgegraben hat: eine späte Müller-Aufnahme wenige Jahre nach dem Mauerfall, als er trotzig einen Brecht-Text rezitiert und mit schelmischem Lächeln darauf pocht, auch nach dem Scheitern des real existierenden Sozialismus von einer gerechteren Gesellschaft und Alternativen zum Status quo zu träumen, was dem damaligen Zeitgeist komplett widersprach. Oder ein Interview aus einer Literatursendung des DDR-Fernsehens Mitte der 70er, in dem alle drei Beteiligten in Andeutungen sprechen und auch das Tabuthema seiner verbotenen Stücke zwischen den Zeilen durchschimmern. Lassen. Der schmale Müller thront wie ein gelassener Buddha in der Mitte. Oder das unfreiwillig-komische Porträt des ZDF, das ihn kurz vor seinem Tod im Plattenbau in Friedrichsfelde besuchte und dem West-Publikum mit Nahaufnahmen aus einer zugemüllten Tristesse zu den pathetischen Klängen des Gefangenenchores ein wohliges Schaudern über den Rücken jagen wollte.

Weitere “Der Auftrag”-Termine in Hannover

Gegenbesuch: Gysi hält sich mit Pelzig ohne Bowle im Deutschen Theater

Gregor Gysi, auch nach seinem Rückzug aus der ersten Reihe immer noch bekanntester Kopf der Linkspartei, hat die Prinzipien der Marktwirtschaft verinnerlicht: Leistung für Gegenleistung!

Er ließ sich in ZDF-Sendung „Pelzig hält sich“ mit der berüchtigten Bowle quälen und stellte sich den nur scheinbar harmlos-naiven Fragen des Gastgebers, mit denen schon mancher Gesprächspartner aufs Glatteis geführt wurde. Aber nur unter folgender Bedingung: „Pelzig“ musste ihm nach mehreren gescheiterten Versuchen einen festen Termin nennen, an dem er ihm bei Gysis Matinee-Reihe im Deutschen Theater einen Gegenbesuch abstattet.

Am Sonntag Vormittag erschien „Erwin Pelzig“ aber ohne seine Markenzeichen: Ohne Hut und Herrenhandtasche, dafür mit Brille ist der Kabarettist Frank Markus Barwasser gut getarnt, auf der Straße hätte ihn wohl kaum jemand auf Anhieb erkannt. Im Gespräch wirkt er introvertiert, viel weniger red- und leutselig als seine Kunstfigur „Erwin Pelzig“, mit der er seit 1993 auf den Bühnen zu sehen ist.

Die beiden wichtigsten Fragen wurden erst gegen Ende angesprochen: Was ist eigentlich in der Bowle drin, von der nur Theo Waigel freiwillig mehrere Gläser trank? Das genaue Rezept ist vermutlich so geheim wie die Coca Cola-Formel, aber „Pelzig“ lässt sich doch etwas in die Karten schauen. Die Zutaten, die er für den alkoholfreien Mix aufzählt, sind zum Gruseln und würden sich auch für die nächste Dschungelprüfung eignen. Die zweite Frage, wann wir „Pelzig“ nach dem Aus von „Neues aus der Anstalt“ (2013) und der letzten Folge von „Pelzig hält sich“ im Dezember 2015 wieder im TV erleben können, ließ er offen. Zuerst freue er sich auf die Geburt seines Kindes, nach einer Kreativpause sei auch ein neues Bühnenprogramm denkbar. Aber die aktuellen politischen Umbrüche seien so gravierend und die Situation so unübersichtlich, dass er einen gewissen Abstand brauche.

Schon kurz nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Neueren Geschichte und Ethnologie in München und Salamanca begann er damit, eigene Programme zu schreiben. Er tingelte bereits über die fränkischen Kleinkunstbühnen, als er noch Redakteur des Bayerischen Rundfunks in seiner Heimatstadt Würzburg war. Sein „Erwin Pelzig“ wirkte damals noch tölpelhafter, erst im Lauf der Jahre entwickelte er sich zu einem bauernschlauen Beobachter von Politik und Gesellschaft, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und sich seine Gedanken über die Zeitungslektüre von der Finanzkrise bis zur GroKo-Politik macht, dabei aber auch mal überraschend Hannah Arendt zitiert.

Kabarett-Gastspiele: Gerhard Polt mit den Wellbrüdern im Berliner Ensemble, Bodo Wartke bei den Wühlmäusen

Gerhard Polt und die Wellbrüder auf der Suche nach Demokratie mit „humanitärem Beigeschmack“

Wenn die Kabarettnummern zu spezifisch auf bayerische Landespolitik eingehen, bleibt es beim Berliner Gastspiel von Gerhard Polt und seinen musikalischen Begleitern, den Wellbrüdern aus´m Biermoos, erwartungsgemäß still. Mit dem jahrelangen Streit um die Schulpolitik (G8) und dem Seitenhieb auf die über eine Modellbau-Affäre gestrauchelte Ex-Staatskanzlei-Chefin Christine Haderthauer können im Berliner Ensemble nur wenige etwas anfangen. Auch die Bezüge zur Berliner Landespolitik zünden nicht so recht: zu abgedroschen sind die Pointen zum LaGeSo und Berliner Flughafen.

Dass dennoch ein hervorragender, mit Zugaben fast dreistündiger Kabarettabend daraus wird, liegt an der Qualität der Nummern, die auch das Herzstück von „Ekzem Homo“ bilden, das seit einem Jahr an den Münchner Kammerspielen läuft. Gerhard Polt läuft zur Hochform auf, wenn er als Miesbacher Landrat seinen „Dom Perignon“ schlürft und mit Unschuldsmiene über sein Beziehungsgeflecht zum Sparkassendirektor und zum örtlichen Bauunternehmer aus dem Nähkästchen plaudert. Man kennt sich, man hilft sich. Auch wenn die „Kaulquappennummerierer“ aufjaulen, schafft man es gemeinsam, den Sumpf in einem Naturschutzgebiet trockenzulegen und zum Gewerbegebiet umzuwidmen.

Dieselbe Lektion erteilt Polt auch seinem Enkel Geoffrey, den er nur „Bubi“ nennt: die Demokratie ist eine feine Sache, aber am wichtigsten ist das Vitamin B. „Denn was nützt es Dir, dass der Herr Maschmeyer ein Demokrat ist, wenn Du ihn nicht kennst?“

Bitterböse rechnet er auch mit den Nachbarn ab, die ihrem Nachwuchs mit dem Latinum schon im Kindergarten die besten Startchancen sichern wollen und felsenfest davon überzeugt sind, dass es sich bei ihren Sprösslingen um hochbegabte Wunderkinder handelt. Als in der Schule der erhoffte Erfolg auf sich warten lässt, brechen sie endlich ihre Zelte ab und ziehen mit den Kindern nach Florida, um sie dort an einer Tennis-Akademie anzumelden.

Bodo Wartkes Klavierkabarett: sein 5. Programm „Was, wenn doch?“

Ein interessanter Kontrast zur bayerischen Volksmusik der Wellbrüder ist das hanseatische Klavierkabarett von Bodo Wartke.

Wie es sich für einen „Gentleman-Entertainer“ (Selbsteinschätzung auf seiner Webseite) gehört, schlägt er dezente und leise Töne an. Den Gangsta-Rap gibt es erst als Zugabe, davor dominieren Charleston, Tango, Blues und klassisches Opernrepertoire, das Wartke genüsslich auf die Schippe nimmt. Seine Textanalyse der berühmten Arie der „Königin der Nacht“ ist einer der Höhepunkte seines Auftritts bei den Wühlmäusen: Fast jeder kennt Mozarts Musik. Aber wer machte sich schon mal die Mühe, Emanuel Schikaneders Libretto zu studieren?

Ansonsten kreist sein neues, mittlerweile fünftes Programm um die Liebe und oft vergebliches Werben um die Herzen der Angebeteten. Die ersten Nummern kommen noch etwas schleppend daher, dann hat der Abend seine Form gefunden und beleuchtet verschiedene Facetten seines Themas, ohne redundant zu wirken. Mit der nötigen Selbstironie erzählt Wartke über Männer, die durchaus „Kompromissbereit“ wären und inhaltsleere Gespräche hinnehmen würden, sofern nur die Körpermaße und das sonstige äußere Erscheinungsbild der Flirtpartnerin ins Beuteraster passen, oder über Männer, die von einer Frau träumen, die ganz „Unkompliziert“ ist. Viele Songs sind in melancholischem Moll gehalten und erzählen von gebrochenen Herzen: Den Trennungsschmerz des Verlassenwerdens thematisiert Wartke in „Es reicht nicht“; „Happy end“ beklagt, dass es im Leben nur selten eine kinoreife Liebe auf den ersten Blick gibt, sondern das Timing nicht stimmt oder aus anderen Gründen die Liebe nicht auf Gegenseitigkeit beruht.

Im neuen Programm „Was, wenn doch?“ fehlen die großen Knaller wie „Monica“, seine Hommage an die Ex-Praktikantin im Weißen Haus und zugleich Protestsong gegen George W. Bushs Irak-Krieg. Erst gegen Ende richtet Wartke den Fokus vom Scheitern privater Zweier- oder Dreierbeziehungen (die er in „Ménage à trois“ besingt) auf das gesellschaftliche Ganze. „Das falsche Pferd“ träumt von der sympathischen Vision einer Gesellschaft, in der jeder beruflich genau das tut, wofür er wirklich brennt: ohne laue Kompromisse und ohne Rücksicht auf Erwartungen der Eltern. In dem Song schwingt eine gehörige Portion Skepsis mit, ob so ein Idealzustand jemals Realität werden kann. Er endet aber mit dem programmatischen Titel des Abends „Was, wenn doch?“

Anscheinend ist dieses Lied über Jura und BWL-Studenten, die keine rechte Freude an ihrem Fach haben, autobiographisch inspiriert: Wartke stammt aus einer Hamburger Ärzte-Familie. Dort wurde ganz selbstverständlich erwartet, dass er in diese Fußstapfen tritt. Als der Sohn nach dem Physik-, auch das Musik-Lehramtsstudium abbrach und beschloss, sein Glück als Musikkabarettist zu versuchen, ernteten die Eltern auf Ärzte-Kongressen irritierte Blicke ihrer Kollegen.

Merkel zwischen Schäuble und Seehofer: Kabarettistisches „Jahresendzeitprogramm“ 2015/16

Eingeweihte wissen: Während der öden Bundestagsdebatten, zähen Kabinettssitzungen und nächtelangen EU-Gipfel freut sich Angela Merkel schon das ganze Jahr darauf, im Dezember und Januar endlich wieder durch das „Jahresendzeitprogramm“ führen zu dürfen. Die Aussicht auf ein paar unterhaltsame, entspannte Abende im Mehringhoftheater und im Theater am Kurfürstendamm lässt manchen Frust leichter ertragen.

Aber nicht mal diese kurze Verschnaufpause ist unserer Kanzlerin vergönnt. Ihre beiden aktuellen Lieblings-Nervensägen verfolgen sie bis in ihr letztes Refugium: Erstens ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble, der gerne über Lawinen und Skifahrer philosophiert, mit sphinxhaftem Lächeln die naheliegende Vermutung, dass er mit seinen Sprachbildern auf die Kabinettschefin abzielt, als Unterstellung zurückweist und die Spekulationen, dass er bald ihr Nachfolger werden könnte, still genießt. Zweitens Horst Seehofer, der Vorsitzende ihrer Schwesterpartei, der ihr wie einem Schulmädchen minutenlang die Welt erklärt, wenn sie ihn auf dem CSU-Parteitag besucht, und ihr regelmäßig Drohbriefe schickt.

Schäuble und Seehofer (beide gespielt von Hannes Heesch) drängen sich Merkel (Christoph Jungmann) als Co-Moderatoren des „Jahresendzeitteams“ auf. Zu allem Überfluss schneit kurz vor Schluss auch noch Bundespräsident Joachim Gauck (ebenfalls Heesch) herein, den sie nur mit Mühe davon abhalten kann, eine seiner ausufernden, salbungsvollen Ansprachen an die lieben Bürgerinnen und Bürger zu halten.

Der obligatorische Spott über das BER-Desaster darf auch in diesem Jahr nicht fehlen. Horst Evers hat sichtlich Freude daran, neue aberwitzige Aspekte dieser nichtendenwollenden Peinlichkeit für den Berliner Senat aufzuspießen. Gemeinsam mit Bov Bjerg ist er für die Skurrilitäten des Alltags zuständig. Der Rest des Programms ist nachdenklicher als sonst und spiegelt die mediale Katerstimmung nach einem kurzen Sommer der Euphorie. Manfred Maurenbrecher lamentiert am Klavier in der Rolle eines Alt-68ers, der sich auf ein paar schöne Rentner-Jahre im sorglosen Wohlstand gefreut hatte und nun darüber erschrickt, dass sich plötzlich so viele Menschen auf der Flucht vor Hunger und Krieg auf den Weg zu uns machen. Auch Angela Merkel zeigt sich an diesem Abend nicht so felsenfest überzeugt, dass wir das schaffen, sondern beklagt, dass sie ausgebrannt und ratlos sei.

Die beiden lustigsten Nummern des Abends führten weg vom aktuellen Krisendiskurs: Der Song über das Bürgeramt, das nachts davon träumt, endlich seine Ruhe vor den lästigen Bürgern zu haben, und am nächsten Morgen wieder in der tristen Realität voller Wartezimmer und stundenlang nicht aufgerufener Nummern ankommt, spricht jedem aus dem Herzen, der schon mal versucht hat, dort seinen Pass zu verlängern. Ähnlich viel Applaus bekam eine Parodie auf Xavier Naidoos Ohrwürmer: der umgedichtete Text hielt den Helikopter-Eltern im Kita-Streik den Spiegel vor.

Gentrifizierungs-„Seifen Oper“ im Wintergarten: Lärm, Ratten, we´ll get them out

Akrobatik durchtrainierter Körper trifft Kreuzberger Gesellschaftskritik: im Wintergarten Varieté funktioniert diese Mischung erstaunlich gut. Die Seifen Oper von Markus Pabst und Maximilian Rambaek nimmt die Grundmotive ihrer Show Soap auf, die 2007 im Chamäleon am Hackeschen Markt so erfolgreich lief, dass aus den geplanten drei Monaten eine Welttournee wurde.

Wie damals zeigen die Artisten ihre beeindruckende Körperbeherrschung unter schwierigen Umständen: Badewannen werden zu Turngeräten. Auf der glitschigen Bühne wird auch ein Handstand zur Herausforderung. Die Akteure wirbeln durch die Luft, bis sie nach knapp zwei Stunden triefnass sind.

Drumherum bauten Pabst und Rambaek eine unterhaltsame Gentrifizierungs-Story aus dem wahren Leben: der Miethai Mr. Stonewood hat ein Auge auf ein Kreuzberger Wohnhaus voller Lebenskünstler und skurriler Gestalten gestalten. Seine Tochter (Sarah Bowden) soll Schwächen der Bewohner auskundschaften, so dass es möglichst schnell gelingt, die Bewohner rauszuekeln.

Alle klassischen Register des „Entmietens“ werden entzogen: Lärmbelästigung durch die stundenlang probende Operndiva (Lina Navakaite) die ihre Nachbarn mit genreübergreifendem Repertoire von „Kreuzberger Nächte sind lang“ bis Bach und Beethoven beschallt, ganz abgestelltes oder nur noch eiskaltes Wasser und schließlich Ratten (Ximena Ameri Cespedes).

Begleitet von Jack Woodheads Musik bringen die Schauspieler einen unterhaltsamen Abend auf die Wintergarten-Bühne: ein Mix aus erstklassiger Artistik, musikalischen Ohrwürmen und Typen, die man aus dem echten Berliner Leben kennt, angereichert mit einem ordentlichen Schuss Gesellschaftskritik.

Die Seifen Oper. – Regie: Markus Pabst, Maximilian Rambaek. – Musik: Jack Woodhead. – Premiere im Wintergarten: 16. Juli 2015. – Weitere Vorstellungen: täglich außer Montags und Dienstags bis 26. September 2015

Dummy Lab: akrobatisch mit Cello durch die Clubs

Nur noch wenige Tage ist das Dummy Lab im Chamäleon in den Hackeschen Höfen zu sehen: eine Mischung aus Akrobatik und Licht- und Soundeffekten, die live auf der Bühne von Reecode und der Cellistin Lih-Qun Wong begleitet werden.

Auch wenn sich einige Nummern im Lauf des knapp zweistündigen Programms wiederholen, ist den Künstlern ein hohes Niveau zu attestieren: präzise aufeinander abgestimmte Choreographien, beeindruckende Körperbeherrschung und fast schon schlangenhafte Biegsamkeit prägen die Nummern.

Eine Handlung im klassischen Sinn wird man im Dummy Lab vergeblich suchen. Die aneinandergereihten Szenen verbindet eine düstere, melancholische Stimmung, die vor allem über die Musik transportiert wird.

Einige Motive rufen Assoziationen an die Club-Szene hervor: bevor die schweren Türen wieder ins Schloss fallen, geben sie den Blick auf helle Lichtreflexe frei.

Die aktuelle Show von Markus Pabst und Eike von Stuckenbrok lief vor vollbesetztem Haus, darunter sehr viele Touristen, die der Show langen Applaus spendeten.

Dummy Lab. – Regie: Eike von Stuckenbrok und Markus Pabst. – Interaktives Videodesign: Frieder Weiss. – Bühne /Kostümdesign: Daniele Drobny. – Lichtdesign in Berlin: Christian Skolud. – Musik: Reecode & Lih-Qun Wong. – Eine Produktion von BASE BERLIN und den GOP Varieté Theatern.Besetzung: Leilani Franco: Kontorsion, Tuch, Akrobatik. – Hong Nguyen Thai: Tanz, Akrobatik. – Laurence Racine: Bungee Straps, Flex-Pole, Akrobatik. – Reecode: Musik, Gesang. – Masha Terentieva: Luftring, Hula Hoop, Akrobatik. – Alexis Vigneault: Cyr Wheel, Acrobatic Light, Pole, Akrobatik. – Lih Qun Wong: Cello. – Florian Zumkehr: Handstand, Pole, Akrobatik. – Termine: 26. Februar 2015 – 09. August 2015 im Chamäleon

„Muttis Kinder“: beeindruckendes Schauspieler-Trio in der Bar jeder Venunft nimmt sich „Zeit zum Träumen“

Muttis Kinder: hinter diesem Titel verbergen sich drei begnadete Stimmen. Claudia Graue, Marcus Melzwig und Christopher Nell lernten sich während des Schauspielstudiums in Rostock kennen und gründeten ihr A-capella-Trio im Jahr 2003.

Ab 2007 war das Trio mehrfach im Berliner Ensemble zu erleben, wo Muttis bekanntestes Kind, Christopher Nell, auch regelmäßig auf der Bühne zu sehen ist, z.B. als Leander Haußmanns Hamlet oder Mephisto in Robert Wilsons/Herbert Grönemeyers Faust-Musical.

Mittlerweile sind Muttis Kinder vor allem der Bar jeder Vernunft eng verbunden, wo ihr aktueller Liederabend Zeit zum Träumen vor zwei Jahren Premiere hatte und derzeit wieder für einige Tage gastiert. Das Trio überzeugt mit einer gut zusammengestellten Mischung von Soul bis Gangsta-Rap, von Schlager bis Stadion-Rock, von Gospel bis Slapstick.

Markenzeichen der Kinder ist ihre Freude daran, die Lieder oft ironisch zu brechen und als kleine Theaterstücke auf der Bühne zu zelebrieren. Dies gilt vor allem für Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, das als Lieblingslied von Marcus Melzwig angekündigt und von ihm als Solo voller Leidenschaft dargeboten wird, während sich die beiden Mitstreiter angewidert abwenden.

Manche Slapstick-Einlage geriet etwas albern, stimmlich überzeugen Muttis Kinder aber auf ganzer Linie: deshalb haben sie sich den langanhaltenden, mit Trampeln verstärkten Applaus des begeisterten Publikums verdient. Wie Gunda Bartels im Tagesspiegel schrieb: „All das hat Charakter, Witz und Klasse.“

Muttis Kinder

Bar jeder Vernunft

Trailer zum aktuellen Programm Zeit zum Träumen

„Love!“ im tipi am Kanzleramt: Gayle Tufts als routinierte Entertainerin

In ihrem neuen Programm Love! arbeitet Gayle Tufts wieder mit dem Pianisten und Komponisten Marian Lux zusammen. Weitere Verstärkung holte sie sich von den Strings de Lux. Die deutsch-amerikanische Entertainerin bietet gewohnt gute Unterhaltung. Wie wir es von ihr kennen, macht sie sich augenzwinkernd über Marotten lustig, die ihr diesseits und jenseits des Atlantiks auffallen: z.B. die Begeisterungsfähigkeit, mit der US-Amerikaner auf neue Menschen zugehen können, die Lebkuchen-Weihnachtsromantik, die schon im Frühherbst die Supermärkte überflutet.

Im Vergleich zu ihrem bislang besten Programm Some like it heiß! wirkt Love! wesentlich routinierter mit weniger Schwung und Biss. Aber bei einer Könnerin wie Gayle Tufts ist dennoch immer noch ein amüsanter Abend garantiert. Zu ihrer besten Form läuft sie auf, als sie in einem Medley berühmte Love-Popsongs interpretiert und zu Nothing compares to you über den Boden wälzt.

Das Highlight kommt zum Schluss: die Schlagerparodie, mit der sich Gayle Tufts über ihren Auftritt zwischen Andrea Berg und den Don-Kosaken in Florian Silbereisens Advents-Show selbstironisch lustig macht.

Love! ist noch bis 31. Dezember im tipi am Kanzleramt zu erleben.

„Jahresendzeitprogramm“ im Mehringhoftheater: Glänzendes Kabarett unter schlimmeren Bedingungen als in der Legehennen-Batterie

Nach einer schwächeren Ausgabe im vergangenen Jahr waren Christoph Jungmann, Horst Evers, Bov Bjerg, Manfred Maurenbrecher und Hannes Heesch beim Jahresendzeitprogramm 2014 wieder in Hochform.

Schon die Auftaktnummer war fulminant: Manfred Maurenbrecher stimmte frei nach Friedrich Liechtensteins Ohrwurm Supergeil eine Hymne auf Ursula von der Leyen und ihr Streben nach makelloser Außenwirkung an. Hannes Heesch parodiert die Verteidigungsministerin als Co-Moderatorin von Angela Merkel (Christoph Jungmann), die seit 16 Jahren in ihrem uckermärkischen Charme durch das 2,5-stündige Programm führt. Sehr treffend karikiert er von der Leyens überbetonte Sprechweise, ihren Elan, mit dem sie in jedem neuen Amt eine Flut von PR-Ideen lostritt, und ihre bildungsbürgerliche Attitüde (bei der Hausmusik mit der Blockflöte).

Horst Evers setzte sich anschließend in einem seiner skurrilen Texte mit der Wut in den von Touristen überlaufenen Bezirken wie Kreuzberg auseinander und schickte die Berliner bei seinem „Touristenströmeausgleich“ mit Rollkoffern und laut grölend in Kleinstädte wie Bad Salzuflen.

In der zweiten Hälfte ragten ein böses Lied von Manfred Maurenbrecher über die AfD und der selbstgefällig vor sich hinschwadronierende Bundespräsident Joachim Gauck (ebenfalls von Hannes Heesch verkörpert) heraus, der dem Publikum erklärte, warum der Fußball-WM-Titel im Juli ohne seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz als Blaupause niemals möglich gewesen wäre.

Zum krönenden Abschluss kam Klaus Wowereit (Hannes Heesch) auf die Bühne: er schoss einige Giftpfeile gegen seinen Nachfolger Michael Müller ab und inszenierte sich ein letztes Mal zu den Klängen von Auf das Leben als Glamour-Bürgermeister.

Es hätte ein rundum gelungener Kabarettabend werden können, wenn die Bedingungen im ausverkauften Mehringhoftheater nicht so schlimm gewesen wären: die Stühle sind so eng nebeneinander gestapelt, dass das Publikum weniger Platz hat als Hühner in den Legebatterien. Stickige Luft und schlechte Sicht auf die Bühne treten als weitere Störfaktoren hinzu.

Das Jahresendzeitprogramm im Mehringhoftheater: alle Termine bis zum 11. Januar 2015 sind ausverkauft. Vom 14.-18. Januar 2015 gastiert das Stück anschließend in der Komödie am Kurfürstendamm. Weitere Gastspiele in Kiel und Hamburg

Briefs: The Second Coming – australisches Boylesque-Theater im Tipi am Kanzleramt

Manche Berliner Theatermacher könnten sich in ihrer Ehre gekränkt fühlen, aber sie müssen zugeben: die anarchischste und frivolste Inszenierung, die derzeit in der Stadt zu erleben ist, wurde aus Brisbane/Australien importiert.

Die sechs Männer der Gruppe Briefs haben es sich auf die Fahnen geschrieben, die Kunstgattungen Vaudeville und Burlesque wiederzubeleben. In ihrer sehr individuellen Herangehensweise lassen sie Dragqueens auf den Teenie-Schwarm Louis Biggs treffen: dabei kommt eine rasant-artistische Boylesque heraus, wie es das gastgebende tipi am Kanzleramt auf seiner Webseite prägnant zusammenfasst.

Die artistischen Einlagen zeugen von akrobatischer Eleganz und Körperbeherrschung, die oft tatsächlich nur mit Briefs oder vergleichbaren Textilien bekleideten Jungs und Männer wirbeln durch die Luft. Ihr Humor ist sicher nicht jedermanns Sache. Gelungene kleine Miniaturen, die Lady Gaga, Marilyn Monroe oder die Eröffnungsszene des Kubrick-Klassikers 2001: Odyssee im Weltraum imitieren, wechseln sich mit derben Einlagen ab. Die auf der Webseite angekündigte Lust an der Grenzüberschreitung führt dazu, dass die Inszenierung The second coming teilweise vom Lasziven ins allzu Platte abdriftet, wenn z.B. ein Zuschauer eine Bananenschale aufgesetzt bekommt oder manche Nummern drastisch überzeichnet sind, getreu dem Motto ihres Facebook-Auftritts: Briefs: all Male, all Vaudeville, all Trash.

An diesem Abend reichte aber auch schon ein harmloser Luftballon, der von der Bühne weggestupst wurde, um eine Gruppe fünf spätpubertärer Mädchen in der ersten Reihe zum nächsten hysterischen Kreischanfall zu bringen.

Die Australier gaben ihr Berlin-Debüt bereits im März 2014 und gastieren mit ihrem aktuellen Programm noch bis zum 9. November 2014.