Archiv der Kategorie: Venedig 2015

„El Clan“: sehenswerter Politfilm über mörderische Familie auf dem holprigen Weg zur Demokratie

In diesem Kinojahr folgt ein hochinteressanter Polit-Film auf den nächsten. Die Auswahl fällt schwer, aber das argentinische Drama „El Clan“, der mit dem Untertitel „Verbrechen ist Familiensache“ in den deutschen Kinos startete, sollte man sich unbedingt ansehen.

Wir schreiben das Jahr 1983: Die argentinische Militärjunta musste nach sieben Jahren abtreten. Als bei den Präsidentschaftswahlen Raúl Alfonsín von der Unión Cívica Radical gewann, hielten die Mitläufer und Stützen des alten Regimes dies nur für ein „vorübergehendes linksliberales Experiment“, wie sie sich auch im Film „El Clan“ gegenseitig versichern. Sie trafen noch einige Vorkehrungen vor dem Machtwechsel: „In ihren letzten Tagen versuchte die Regierung hauptsächlich, die Verantwortung für die Menschenrechtsverletzungen von sich zu schieben. Im sogenannten „Befriedungsgesetz“ oder „Selbstamnestiegesetz“ wurde deklariert, alle gerichtlichen und polizeilichen Entscheidungen aus der Zeit zwischen 1973 und 1982 zu annullieren. Das Gesetz wurde jedoch bereits in einer der ersten Sitzungen des demokratisch neugewählten Parlaments annulliert.“

Die Junta hinterließ eine Spur des Grauens: brutale Folter in Geheimgefängnissen und zahlreiche Morde an Oppositionellen gehen auf das Konto dieses Regimes. Archímedes Puccio entschied sich, aus seiner langjährigen Erfahrung als Folterknecht ein Geschäftsmodell zu machen: gemeinsam mit einigen Handlangern entführte er Familienmitglieder aus der argentinischen Oberschicht, quälte sie im Keller seines Hauses mitten in Buenos Aires und erpresste Lösegeldforderungen. Als Lockvogel setzte er seinen Sohn Alejandro ein. Als Star der Rugby-Nationalmannschaft hatte er Kontakt zu potentiellen Opfern aus dem Establishment und konnte ihre Lebensgewohnheiten ausspionieren, so dass der Familien-Clan möglichst geräuschlos zuschlagen konnte.

Der Film „El Clán“ beruht auf einer wahren Geschichte, die sich, wie Regisseur Pablo Trapero versichert, in den Jahren 1983-85 auf dem holprigen Weg der Transformation Argentiniens zur Demokratie tatsächlich zutrug. Er verwendete für seinen Film die Akten und Zeugenaussagen des Gerichtsprozesses gegen den Puccio-Clan. Darüber spricht der Regisseur auch in einem Interview mit der SZ, das man jedoch, wenn man Spoiler vermeiden will, erst nach dem Kinobesuch lesen sollte.

Für die beiden Hauptrollen fand Trapero glänzende Besetzungen: Guillermo Francella spielt den Patriarchen als ehrenwerten Mann mit bürgerlichen Umgangsformen und eiskalt-stahlblauen Augen. Peter Lanzani verkörpert den Sohn mit unschuldigem Dackelblick und Wuschelkopf.

Die Geschichte ist nicht als klassischer Thriller erzählt. Um den Aufbau von Spannung geht es nur in zweiter Linie. „El Clan“ lohnt sich vor allem als Studie einer von Diktaturerfahrungen traumatisierten Gesellschaft mitten im Umbruch. Ästhetisch lässt sich der Film keinem Genre zuordnen. Er nimmt natürlich Anleihen beim Thriller, aber auch beim Melodram, beim Film Noir und experimentiert mit Popsongs aus den 80ern, die einigen Szenen unterlegt sind. Dieser Stil-Mix ist eine kleine Schwäche des Films. Vermutlich hätte Pedro Almodóvar, der den Film co-produzierte, aus diesem Stoff noch mehr herausholen können, als der international noch recht unbekannte argentinische Regisseur Trapero.

Dennoch ist allein der Plot schon so interessant, dass sich ein Kino-Besuch lohnt. In Argentinien wurde dieser Film zum Kassen-Hit, die Jury der Filmfestspiele von Venedig zeichnete ihn im September 2015 mit einem Silbernen Löwen aus. Seit 3. März 2016 läuft der Film in den deutschen Kinos.

Webseite und Trailer

Denkmal für Investigativ-Reporter und Anklage gegen sexuellen Missbrauch: Oscar-Gewinner „Spotlight“

Ebenso wie Florian Gallenberger in „Colonia Dignidad“ widmet sich auch Tom McCarthy in „Spotlight“ einem gesellschaftlichen Missstand, der zu lange unter den Teppich gekehrt wurde. McCarthy geht aber einen ganz anderen Weg: statt eines actionreichen und zugleich melodramatischen Thrillers entschied sich McCarthy wie in seinen früheren Filmen „Station Agent“ und „Ein Sommer in New York – The Visitor“ für leise Töne.

Sein Thema ist der sexuelle Missbrauch katholischer Priester: in Deutschland kam der Skandal erst 2010 in einer Welle von Enthüllungen ans Licht. Die USA wurden schon 2002 wachgerüttelt, maßgeblich ist dies dem „Spotlight“-Team für Investigativ-Recherche der Tageszeitung „Boston Globe“ zu verdanken, das mit dem Pulitzer-Preis 2003 ausgezeichnet wurde.

Akribisch zeichnet der Kinofilm die damaligen Vorgänge nach: ein neuer Chefredakteur (gespielt von Liev Schreiber) kommt zur Zeitung. Er gibt seinen Investigativ-Experten nicht nur die nötige Rückendeckung, der Kirche und vor allem dem Erzbischof Bernard Law im katholisch-irisch geprägten Boston unangenehme Fragen zu stellen, sondern spornt das Team zu Beginn erst richtig an.

Der Film bleibt nah an dem Recherche-Team (Michael Keaton, der die Hauptrolle in „Birdman“, Oscar-Gewinner von 2015, spielte, Rachel McAdams und Mark Ruffallo). Er erzählt von ihren Zweifeln und Rückschlägen, aber auch von ihren Erfolgserlebnissen, ein neues Puzzle-Teil entdeckt zu haben. Täter- und Opferperspektive kommen nur am Rande vor.

Nicht nur der gesellschaftskritische Inhalt, sondern auch der Stil erinnern an das sogenannte „New Hollywood“ in den 70ern, vor allem an den Watergate-Film „Die Unbestechlichen“, der 1977 vier Oscars bekam. Das Erzähltempo von McCarthy ist fast so langsam wie damals, er verzichtete bewusst auf jede Emotionalisierung des Publikums druch dramatische Effekte. Stattdessen vertraute er ganz auf die Fakten, die der Boston Globe hier in einem Online-Dossier inklusive der Original-Artikel von 2002 zusammenstellte.

„Spotlight“ ist ein ungewöhnlicher Gewinner der Oscar-Königsklasse als Bester Film 2016 und wurde schon bei seiner Premiere in Venedig 2015 gefeiert. Er setzt den Journalisten, die den Skandal aufdeckten, ein Denkmal, weist aber deutlich auf jahrelange Versäumnisse hin: Frühere Hinweise waren abgetan, Missbrauchs-Betroffene als „Spinner“ und Querulanten nicht ernstgenommen worden.

Im Abspann zählt „Spotlight“ seitenlang die Orte weltweit auf, an denen Kinder und Jugendliche von Priestern missbraucht wurden: ein sehenswerter Film zu einem wichtigen Thema, der auch beispielhaft zeigt, wie existentiell die als „Lügenpresse“ diffamierten unabhängigen Qualitätsmedien für eine funktionierende Demokratie sind.

Der Film „Spotlight“ läuft seit 25. Februar in den Kinos: Webseite und Trailer