Archiv der Kategorie: Filmkritik

Viel Glamour, aber fade Gags bei der 50er Jahre-Hommage „Hail, Caesar!“ zur Berlinale-Eröffnung

George Clooney und Scarlett Johansson! Zwei der schillerndsten Stars, die Hollywood zu bieten hat: Festival-Direktor Dieter Kosslick ist zur Eröffnung der Berlinale ein echter Coup gelungen. Aber auch das restliche Staraufgebot kann sich sehen lassen: Ralph Fiennes! Tilda Swinton! Jonah Hill! Channing Tatum! Josh Brolin! Frances McDormand! Sie alle spielen in „Hail, Caesar!“, dem neuen Film der Brüder Ethan und Joel Coen mit.

Über mangelnden Glamour auf dem Roten Teppich konnte sich zur Eröffnung der Berlinale 2016 niemand beschweren. Der Film „Hail, Caesar!“ hielt aber leider nicht ganz, was die geballte Ladung hochkarätiger Könner versprach. Dass Programmheft kündigte den Film als „überdrehte Komödie“ an und verglich ihn mit „Burn after Reading“ (Eröffnungsfilm des Festivals in Venedig 2008).

Der Plot von „Hail, Caesar!“ bietet Momente zum Schmunzeln. Für eine aberwitzge Farce fehlt aber das nötige Tempo. Ohne zuviel zu verraten: Im Mittelpunkt der Handlung steht Eddie Mannix (Josh Brolin). Seine Frau liegt ihm damit in den Ohren, dass er endlich mit dem Rauchen aufhören soll. Im Job hat er alle Hände voll zu tun, dass sein Hollywood-Studio nicht im Chaos versinkt. Die Allüren seiner Filmstars sind ziemlich anstrengend. Die Diva DeeAnna Moran (Scarlett Johannson) zickt beim Meerjungfrauen-Ballett herum und ist schwanger, aber unverheiratet: Was für ein Skandal in den 50er Jahren! Das Teenie-Idol Hobie Doyle (Alden Ehrenreich) ist als Western-Held ein Kassenmagnet, stößt aber schnell an seine Grenzen, wenn er die Dialoge in einer Komödie sprechen soll. Zu allem Überfluss ist auch noch der Star des neuen Sandalen-Historienschinkens wie vom Erdboden verschwunden: Ist Baird Whitlock (George Clooney) mal wieder auf einer seiner berüchtigten Sauftouren? Es ist zum Hasareraufen. Kein Wunder, dass Mannix überlegt, das Filmbusiness zu verlassen und lieber zum Rüstungskonzern Lockheed zu wechseln.

Am stärksten ist der Film, wenn er als satirische Hommage an das Kino der 50er Jahre in die damals beliebtesten Genres eintaucht: neben dem monumentalen Historienfilm mit biblischen Motiven (á la „Ben Hur“) und den Western sind das Musicals (hier mit Matrosen) und Theater-Adaptionen vom Broadway. Charmant gemacht ist auch, wie die Paranoia der McCarthy-Ära vor einer Unterwanderung durch die Kommunisten aufgespießt wird. Zu viele Längen und zu wenige zündende Gags machen diese guten Ansätze zunichte. Deshalb bekam der neueste Coen-Film „Hail, Caesar!“ auch vor wenigen Tagen beim US-Kino-Start oft nur mäßige Kritiken. Hinter den Meisterwerken der beiden regieführenden Brüder bleibt er zurück. Aber bei der Eröffnungsgala der Berlinale steht ja ohnehin das „Sehen und Gesehenwerden“ im Mittelpunkt.

„Hail, Caesar!“ startet nächste Woche am 18. Februar auch außerhalb der Berlinale in den deutschen Kinos.

Weitere Berichte von der Berlinale folgen in den nächsten Tagen hier und als Kurzkritiken auf Twitter

Golden Globe-Gewinner und Oscar-Favoriten: Leonardo Di Caprio als „The Revenant“ und Eddie Redmayne als „The Danish Girl“

„The Revenant“, der neue Blockbuster von Alejandro Gónzalez Iñárritu nach „Birdman“, hat eigentlich zwei Hauptdarsteller: Natürlich Leonardo Di Caprio als wortkarger Rächer, der nach dem Angriff einer Bärin schwer verletzt allein zurückgelassen wurde und sich mit letzter Kraft durch die Eiswüste robbt. Aber auch die Kamera von Emmanuel Lubezki, der schon im Weltraumdrama „Gravity“ seine Brillanz bewiesen, sich diesmal aber selbst übertroffen hat. Wie er die Kamera um die Protagonisten kreisen, tanzen und schweben lässt, ist meisterhaft.

Den Oscar für die Beste Kamera dürfte Lubetzki deshalb kaum jemand streitig machen können, wenn die Academy Awards am 28. Februar vergeben werden. Spannender wird das Rennen um die begehrte Trophäe für den Besten Hauptdarsteller: DiCaprio ist spätestens seitdem er am Wochenende den „Golden Globe“ bekommen hat einer der Top-Favoriten. Er war zwar bereits dreimal in der engeren Auswahl der Oscar-Nominierten (2005 als „Aviator“, 2007 mit „Blood Diamond“ und 2014 für die Hauptrolle in Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“), ging aber jedes Mal leer aus.

Das könnte ihm auch diesmal wieder drohen. Ernsthafte Konkurrenz macht ihm neben Matt Damon in Ridley Scotts „Der Marsianer“ vor allem der Brite Eddie Redmayne, der als Überraschungs-Oscargewinner des vergangenen Jahres für seine Rolle als Physiker Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ ausgezeichnet wurde. Diesmal ist Redmayne mit seinem überzeugenden Auftritt als dänischer Maler Einar Wegener/Lili Elbe zu erleben, der/die sich als eine(r) der ersten transsexuellen Menschen in den Jahren 1930/31 mehreren Operationen zur Geschlechtsumwandlung in Berlin und Dresden unterzogen hat, jedoch an den Komplikationen der dritten OP gestorben ist.

Tom Hoopers Film beruht auf wahren Begebenheiten und folgt den Schilderungen aus Lili Elbes 1931 erschienener Autobiographie „Fra mand til kvinde“ und David Ebershoffs Bestseller-Roman „The Danish Girl“ (2000) schrieb. Redmayne prägt diesen Film mit seinem sensiblen Spiel. Der Hauptdarsteller rettet „The Danish Girl“ auch davor, in süßlichen Kitsch abzugleiten. Der Klangbrei, der über diesem Hollywood-Film ausgegossen wurde, ist über weite Strecken schwer zu ertragen. Susan Vahazadeh fühlte sich in der SZ zurecht an eine „Überdosis Lebkuchen“ erinnert. Da der Film abgesehen von der Leistung des Hauptdarstellers offensichtliche Schwächen hat, spielt „The Danish Girl“ im Wettkampf um die Trophäe für den „Besten Film des Jahres“ keine Rolle mehr.

„The Revenant“ ist auch in dieser Königsklasse „Film des Jahres“ weiter im Rennen und bringt es auf insgesamt 12 Nominierungen. Ob es allerdings gegen die starke Konkurrenz auch für die prestigeträchtige Auszeichnung als „Bester Film“ reicht, wird sich vor allem an der Frage entscheiden, wie die Jury auf die Brutalität von „The Revenant“ reagiert. „Muss man wirklich alles zeigen?“, fragte Teresa Corceiro in ihrem Kulturzeit-Beitrag angesichts der herausquellenden Eingeweide und in Großaufnahme regelrecht zelebrierter Gemetzel? Optisch erschlägt der Film sein Publikum regelrecht mit seiner Kunstfertigkeit, inhaltlich bleibt die Rachegeschichte recht eindimensional.

Auf den Oscar für die beste weibliche Hauptdarstellerin können sich Cate Blanchett als „Carol“ und Charlotte Rampling in „45 Years“ Hoffnungen machen. Diese Filme starteten bereits im Dezember bzw. September in unseren Kinos, ich habe sie hier und hier besprochen. Vielleicht gewinnt aber auch ein noch recht unbeschriebenes Blatt: Brie Larson räumte für ihre Rolle in „Room“, der bei uns erst Mitte März startet, den „Golden Globe“ ab.

Im Schatten der großen Hollywood-Produktionen steht traditionell der Wettstreit um den besten fremdprachigen Film: Hier drücke ich dem jordanischen Debüt-Film „Theeb“ die Daumen, den ich bei seiner Berlin-Premiere während des „Around the World in 14 film“-Festivals gesehen habe.

10. cineastische Weltreise: Düsteres aus dem Iran, Groteskes aus Russland, Höhepunkte aus Jordanien und Norwegen

Ein Pflichttermin am Jahresende für Filmfreunde ist das „Around the World in 14 films“-Festival, das in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfand und erstmals in die Kulturbrauerei umgezogen ist.

Die größte Überraschung des Festivals war für mich „Theeb“ aus Jordanien. Der Debütfilm von Naji Abu Nowar ist auf den ersten Blick ein Abenteuerfilm über einen kleinen Jungen, der sich mit seinem großen Bruder genretypisch durch allerlei Widrigkeiten kämpfen muss. Der Film überzeugt nicht nur durch seine für einen Erstlingsfilm erstaunliche ästhetische Brillanz: die Wüstenregionen des Nahen Ostens wurden selten so eindrucksvoll gefilmt wie hier, das Wadi Rum war als Drehort eine exzellente Wahl, dort entstand auch schon David Leans Monumentalfilm „Lawrence von Arabien“. Beeindruckend ist an „Theeb“ auch, wie beiläufig und doch präzise er über das Jahr 1916 erzählt, als die Kolonialmächte willkürlich Grenzen zogen und Territorien durchschnitten – mit den bekannten, bis heute spürbaren Spätfolgen. Auch deshalb lohnt sich dieser Film, der in Venedig den Preis der Reihe „Orizzonti“ im Jahr 2014 bekam, seitdem auf zahlreichen Festivals lief, aber bisher noch keinen Kinoverleih in Deutschland hat.

Es ist das Verdienst von Bernhard Karl und seinem kleinen Team, dass sie jedes Jahr Filmperlen, die sonst nie auf deutschen Leinwänden zu sehen wären und zu Unrecht vergessen würden, aufspüren und mit Unterstützung des Auswärtigen Amts, arte und prominenter Filmpaten präsentieren.

Mein zweites Highlight war „Louder than bombs“ des Norwegers Joachim Trier. Er hat sich mit seinem Junkie-Drama „Oslo, 31. August“ einen Namen als großes Talent des europäischen Autorenkinos gemacht. In seinem dritten Werk arbeitete er erstmals mit bekannten internationalen Stars zusammen: mit der französischen Ausnahmeschauspielerin Isabelle Huppert, dem jungen Hollywood-Star Jesse Eisenberg (er spielte Mark Zuckerberg in „The Social Network“) und dem Iren Gabriel Byrne.

„Louder than Bombs“ ist ein sensibel erzähltes, bis in die Nebenrollen exzellent gespieltes Familiendrama über die Leerstelle, die der Tod der Mutter hinterlassen hat. Der Film kreist um die Frage, ob ihr Tod tatsächlich ein Autounfall oder ein Suizid war, und vor allem wie die drei Männer damit umgehen: der Witwer (Byrne), der schon erwachsene Sohn (Eisenberg), der seine eigene Familie gegründet hat und an seiner Uni-Karriere bastelt, und schließlich der pubertierende Devin Druid, der mit 16 Jahren eine beeindruckende Leistung zeigt. Dank der vielen großen Namen wird dieser Film am 7. Januar 2016 deutschlandweit in den Kinos starten.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie es iranische Filmemacher schaffen, auch ohne offizielle Drehgenehmigung und trotz aller Schikanen des Regimes das Weltkino zu bereichern. Jafar Panahi wurde für seine Taxi-Tour durch Teherean auf der Berlinale 2015 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Wesentlich düsterer, aber nicht weniger sehenswert ist „Paradise“, der Debütfilm von Sina Ataeian Dena, der beim Festival von Locarno mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde.

Er erzählt von der Lehrerin Hanieh, die jeden Morgen durch öde Industriebrachen an eine Mädchenschule fährt, die vom Drill der Direktorin beherrscht wird: politische und religiöse Instruktionen gibt es regelmäßig über das Megaphon. Fußball ist ebenso streng verboten wie Nagellack. Das geringste Verrutschen des Hijabs führt zu Ermahnungen.

Von diesem Film bleibt vor allem der depressive, leere Blick in Erinnerung, mit dem die Hauptdarstellerin Dorna Dibaj durch die alles andere als paradiesischen Zustände wandert und mit der Ministerialbürokratie um eine Versetzung an eine andere Schule ringt. Reizvoll ist dieser iranische Film auch wegen der vielen Details, die der Regisseur sehr bewusst eingeflochten hat. Auf dieser Entdeckungsreise begegnen uns Verbotsschilder, graue Vorstädte von Teheran, große „Nieder mit USA und Israel“-Propaganda-Banner, im Hintergrund laufen TV-Auftritte der Verbündeten Assad und Chávez zum Versagen der EU in der Griechenland-Krise).

Ein Stammgast internationaler Festivals ist Jia Zhangke. Sein neues Epos „Mountains may depart“ spielt auf drei Zeitebenen (1999, 2014 und 2025) und prangert den Turbokapitalismus zu den Klängen der „Pet Shop Boys“-Hymne „Go west“ vehement an. Der zweite Erzählstrang, die Suche nach Identität und den heimatlichen Wurzeln, ist aber streckenweise etwas zu kitschig geraten. Deshalb ist Zhangkes neuestes Werk nicht so überzeugend wie seine Vorgänger.

Lohnenswert könnte es auch sein, ins russische Kino hineinzuschnuppern. Vasili Sigarev zeigt in seiner märchenhaften Groteske „The Land of Oz“ ein Panoptikum derangierter Gestalten. Mittendrin findet sich Lenka Shabadinova wieder, die gleichmütig durch all die Absurditäten, die ihr widerfahren, hindurchschreitet und sich auch von kuriosen Verhaltensweisen ihrer Mitmenschen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Dieser Film schwebt ganz in seiner eigenen Welt und trägt manchmal etwas zu dick auf, ist aber für den einen oder anderen vielleicht als Beispiel dafür sehenswert, wie junge russische Regisseure die Lage in ihrem Land kommentieren.

Einige Special interest-Filme, die mir weniger gut gefielen: „The Court“ aus Indien zeigt die Willkür in einem Gerichtsverfahren und ist ein wohltuender Kontrapunkt zu den Bollywood-Produktionen, die den dortigen Markt beherrschen. „The Embrace of Serpent“ (Kolumbien) bietet eindrucksvolle Aufnahmen aus dem Amazonas-Dschungel und besonders von Schlangen, ist aber als Meditation über Schamanismus und Kolonialismus etwas zu langatmig geraten. Gegen die Austeritätspolitik der EU-Troika wendet sich der Portugiese Miguel Gomes in seiner „Arabian Nights“-Trilogie, die jedoch den Vorschusslorbeeren nicht gerecht wurde.

Im Advent im Kino: „Carol“, „Dheepan – Dämonen und Wunder“, „Das brandneue Testament“, „Duke of Burgundy“

Welche Kinofilme lohnen sich im Advent 2015?

Kurz vor Weihnachten starteten zwei große Gewinner des Filmfestivals von Cannes (Mai 2015): Cate Blanchett und Rooney Mara wurden für ihre Rollen in „Carol“ (Regie: Todd Haynes, Start: 17.12.) als beste weibliche Hauptdarstellerinnen ausgezeichnet. Der wichtigste Preis, die Goldene Palme, ging in diesem Jahr an „Dheepan – Dämonen und Wunder“ (Regie: Jaques Audiard, Start: 10.12.)

„Dheepan – Dämonen und Wunder“: so viel Blut, so große Themen, so wenig Substanz

„Dheepan“ hätte der Film des Jahres werden können. Mangelnden Mut kann man dem französischen Regisseur Jaques Audiard nicht vorwerfen. Er greift die zentralen politischen Themen des Jahres auf: die große Zahl der Flüchtlinge und ihre Schwierigkeiten, sich in der fremden Umgebung ohne Sprachkenntnisse zurechtzufinden; die Tristesse der französischen Banlieues, die Hoffnungslosigkeit, die in Radikalisierung und der Gewaltexplosion mündet.

Leider findet er keine überzeugenden Mittel, von diesen drängenden Problemen zu erzählen. Ratlos springt er zwischen klassischem Sozialrealismus, einem Liebesmelodram und Thriller-Motiven hin und her. Die Exposition seiner Figuren war vielversprechend: in einem Flüchtlingslager auf Sri Lanka begegnen sich zwei wildfremde Menschen, die nur der gemeinsame Wunsch eint, das vom Bürgerkrieg geplagte Land möglichst schnell zu verlassen und nach Europa zu fliehen. Sie geben ein Waisenkind als ihre Tochter aus und machen sich mit gefälschten Pässen auf den Weg nach Europa, wo sie in einem heruntergekommenen Wohnblock in einer der Pariser Vorstädte landen, die so traurige Berühmtheit erlangten.

Audiards Film krankt daran, dass er sich nicht entscheiden kann, welche Geschichte er erzählen will: Mal folgt er den Flüchtlingen bei ihren Behördengängen oder schildert, wie die Titelfigur Dheepan als Hausmeister nur schwer Fuß fassen kann, weil er immer nur brav nickt, aber in Wahrheit nur Bahnhof versteht und wenige Brocken Französisch beherrscht. Dieses Sozialdrama kommt aber so betulich und mit so hölzernen Dialogen daher, dass es weit hinter sehenswerteren Beiträgen des Genres zurückbleibt.

Je länger der Film dauert, desto schlimmer wird es: die Flüchtlinge werden plötzlich in einen Drogen- und Bandenkrieg in der Banlieue verwickelt. Im Kugelhagel versinkt die letzte Chance, diesen Film noch zu retten. Tiefpunkt ist der kitschige Epilog, der lieblos und unvermittelt noch drangeklatscht wurde.

„So viel Blut“, seufzt eine Figur. Aber leider auch so wenig Substanz! Während des Festivals in Cannes wurden Filme von ganz anderem Kaliber als Favoriten auf die Goldene Palme gehandelt. Vermutlich gab vor allem die politische Brisanz des Stoffes den Ausschlag, dass die prominente Jury, ein Glamour-Mix aus Schauspielerinnen, Regisseuren und weiteren Filmschaffenden, ausgerechnet diesen schwachen Film mit dem Hauptpreis auszeichnete.

„Carol“: 50er-Jahre-Melodram

„Carol“ von Todd Haynes ist mit so großen Vorschusslorbeeren gestartet, dass es kaum gut gehen konnte. Kurz vor dem deutschen Kinostart wurde auch noch bekanntgegeben, dass dieser Film die meisten Golden Globes-Nominierungen erhielt. Die Kritiken schwärmen von diesem Liebesmelodram.

Sicher: es ist Schauspielkunst, wie sich Carol (Cate Blanchett) und Therese (Rooney Mara) mit Blicken taxieren, einen vorsichtigen Flirt beginnen und langsam auf etwas im New York der 50er Jahre Unerhörtes einlassen: die Liebe zwischen zwei Frauen.

Ja: die Ausstattung der Räume ist erlesen, der ganze Film atmet den Zeitgeist der Eisenhower-Ära, bis ins Detail wurde alles sorgfältig durchdacht und nachgestaltet.

Aber nach all den Lobeshymnen auf den Film bleibt nach der Realitätsüberprüfung Enttäuschung zurück: etwas zäh und langatmig kommt dieser Film daher, in seiner Erzählweise erinnert er zu sehr an „Dem Himmel so fern„. Dieser andere große Erfolg von Todd Haynes schwelgte 2002 als Hommage an Douglas Sirk ebenfalls melodramatisch im 50er Jahre-Flair.

„Das brandneue Testament“: ideensprühende, belgische Komödie über einen misanthropischen Gott

In Cannes lief „Das brandneue Testament“ (Regie: Jaco van Dormael, Kinostart: 3.12.) im Gegensatz zu den beiden vorher genannten Werken nicht im offiziellen Wettbewerb um die Goldene Palme, sondern „nur“ in der Nebenreihe „Quinzaine des réalisateurs“. Dennoch sollte man diese wunderbare Komödie, die vor Phantasie geradezu überschäumt, auf keinen Fall verpassen.

Beim belgischen Regisseur Jaco van Dormael ist Gott kein gütiger Weltenlenker, sondern ein misanthropischer Kettenraucher (Benoît Poelvoorde in einer Paraderolle), der nicht nur seine Frau (Yolande Moreau) quält, sondern sadistische Lust daran empfindet, die armen menschlichen Kreaturen in immer neue Unglücke zu stürzen und am Gängelband seiner meist schlechten Laune zappeln zu lassen.

Der Film erzählt mit liebenswertem Humor, wie sich Tochter Ea (Pili Groyne) gegen ihren Vater auflehnt, den Menschen das genaue Datum des Todes per Kurznachricht aufs Smartphone sendet, große Unruhe stiftet und sechs Apostel um sich schart. Dieser Film ist ein großes, cineastisches Fest bunter Einfälle, getragen von herausragenden Schauspielern: neben den beiden Stars des belgischen Kinos, Poelvoerde und Moreau, ist auch Catherine Deneuve, die große Diva des französischen Films, zu erleben (unter anderem in einer Liebesszene mit einem Gorilla).

Es lohnt sich, Jaco von Dormael auf seine aberwitzige, anspielungsreiche Tour zu folgen, die mit der verdienten Strafe endet: Gott wird nach Usbekistan abgeschoben und muss dort am Fließband schuften.

„The Duke of Burgundy“: Peter Stricklands Kammerspiel über Macht und Unterwerfung

Es gehört fast schon zu den festen Ritualen der Berlinale, dass sich Wieland Speck, obwohl er sich als Programmchef der Reihe Panorama nach Kräften bemüht, vorhalten lassen muss, dass lesbische Figuren und Themen auch innerhalb des queeren Filmschaffens zu kurz kämen und der männliche Blick dominiere. Deshalb ist es schon ein bemerkenswertes Ereignis, dass neben der schon erwähnten „Carol“ in diesen Wochen mit „The Duke of Burgundy“ ein zweiter Film ein lesbisches Paar in den Mittelpunkt rückt.

Der britische Regisseur Peter Strickland lotet mit seinen beiden hervorragenden Protagonistinnen Sidse Babett Knudsen (in Deutschland vor allem seit ihrer Rolle als Premierministerin Brigitte Nyborg aus der dänischen Polit-Serie „Borgen“ bekannt) und Chiara d´Anna eine komplizierte Beziehung aus.

Auf den ersten Blick scheinen die Rollen klar verteilt: hier die dominante Cynthia (Knudsen), die ihr Dienstmädchen Evelyn (d´Anna) schikaniert und demütigt. Im Lauf des Films wird klar: die Fäden hat tatsächlich das vermeintliche Opfer in der Hand. Evelyn macht ihrer Lebensgefährtin detaillierte Vorgaben auf Karteikarten, wie ihre „Herrin“ sie ansprechen, welche Aufgaben sie ihr geben und welche Strafen sie ihr auferlegen soll.

Cynthias Emanzipation steht im Kern des Films: Sie ist es leid, „die Sklavin ihrer Sexsklavin zu sein. Die endlosen Forderungen Evelyns arbeitet sie mit wachsendem Widerwillen ab, denn Cynthias Lebenszweck scheint darauf reduziert, als Werkzeug für die sexuelle Befriedigung ihrer Partnerin zu dienen“, beschreibt critic.de den Konflikt.

Strickland und seinen beiden Hauptdarstellerinnen gelingt es, daraus ein intelligentes Kammerspiel über Macht, Dominanz und sexuelle Abhängigkeit zu entwickeln, das ganz auf nackte Haut und reißerische Effekte verzichtet.

Der einzige Kritikpunkt ist, dass sich der Film (Kinostart: 3.12.) streckenweise allzu manieriert daran berauscht, verschiedene Insektenarten in Detailstudien und Zeitlupenaufnahmen ins Bild zu rücken: die beiden Frauen verbindet auch eine wissenschaftliche Passion für die Insektenforschung.

Im Kino: „Stonewall“, „Steve Jobs“ und „Unter der Haut“

„Stonewall“: Roland Emmerichs Ausflug ins Historiendrama mit Posterboy

Mit Roland Emmerich assoziiert man sofort seine Hollywood-Action-Blockbuster von „Independence Day“ über „Godzilla“ bis „The Day after Tomorrow“.

Gelingt ihm der Ausflug in das ungewohnte Genre des zeithistorischen Gesellschaftsdramas? Die Antwort lautet: leider nur ansatzweise. Emmerich und sein Drehbuchautor Jon Robin Baitz reißen in „Stonewall“ zu viele Nebenstränge an. Im Zentrum des Films stehen die legendären Proteste in der New Yorker Christopher Street vor der Stonewall-Bar, bei denen sich Homo- und Transsexuelle im Juni 1969 gegen Polizeigewalt, Razzien und Diskriminierung wehrten. Weltweit wird mit den großen CSD-Paraden an diesen Stonewall-Aufstand erinnert.

Emmerich wollte den damaligen Aktivisten ein filmisches Denkmal setzen. Leider kleistert er seine filmische Zeitreise süßlich zu, das Multiplex-Popcorn-Kino-Publikum fest im Blick. Diesem Zweck dient auch, dass er einen fiktiven Hauptdarsteller dazuerfindet. Der britische Schauspieler Jeremy Irvine spielt Danny, der als Junge vom Land (aus Kansas) in die Metropole kommt und sich in einer Gruppe aus Transgender-Freunden, Strichern und Aktivisten durch sein Coming-out kämpfen muss.

In den USA wurde heftig kritisiert, dass dieser Posterboy der Revolte eine Geschichtsklitterung sei und die Latinos, Schwarzen und Transsexuellen, die den Widerstand von Stonewall nach Zeitzeugenberichten tatsächlich anführten, „historisch enteignet“. Nach Boykott-Aufrufen wurde der Film in den USA ein Flop.

Außerdem tut es dem Film nicht gut, dass er sich zwischendurch verzettelt: der Hauptdarsteller wird plötzlich von der Mafia entführt und zur Prostitution gezwungen. Der Kriminebenstrang fügt sich aber nicht recht in die Haupthandlung ein, sondern endet im Nirwana.

So endet Emmerichs ambitionierter Ausflug ins Drama-Fach zwiespältig. Dem Film ist zwar anzumerken, dass er für den Regisseur ein Herzensanliegen war. Als die Finanzierung des Projekts in Hollywood stockte, steckte der Starregisseur viel eigenes Geld hinein. Ihm fehlten aber die erzählerischen und ästhetischen Mittel, daraus einen überzeugenden Film zu machen. Die Info-Tafeln am Anfang und Ende des Films vermitteln sehr ernsthaft Wissenswertes über die Homophobie der damaligen Zeit (Elektroschocks, berufliches Aus), in den etwas mehr als zwei Stunden, die dazwischen liegen, bleibt der Film aber meist hinter seinen Möglichkeiten zurück.

„Steve Jobs“: kitschige Läuterung eines Egomanen

Diese Kombination großer Namen weckt hohe Erwartungen: das Biopic „Steve Jobs“ hat mit dem von vielen fast schon religiös verehrten Apple-Guru als schillernde Hauptfigur, dem exzellenten Drehbuch-Autor Aaron Sorkin (u.a. „The West Wing“ und „The Social Network“), dem britischen Regisseur Danny Boyle („Trainspotting„), dem herausragenden Charakterdarsteller Michael Fassbender (gerade erst als „Macbeth“ auf der Leinwand zu sehen) in der Titelrolle und Hollywood-Star Kate Winslet als die mütterliche Assistentin Joanna Hoffman von Steve Jobs viele Trümpfe in der Hand.

Leider wird dieses Potenzial in den knapp zwei Stunden kaum genutzt: in kammerspielartiger Verdichtung erleben wir Hinterzimmer-Wortgefechte vor drei großen Produktpräsentationen (1984, 1988, 1998). Die Atmosphäre ist jeweils hypernervös, alle umschwirren den Guru, werden von ihm so sehr gedemütigt, dass sich Horst Seehofer für weitere Parteitagsauftritte von Angela Merkel in der Höhle des bayerischen Löwen noch Lehrmaterial abschauen könnte. Wir erleben Steve Jobs als eiskalten Egomanen, der Weggefährten abserviert, die Tochter genauso auflaufen lässt wie die Assistentin und von seiner historischen Bedeutung, die er mit der Mondlandung vergleicht, so sehr überzeugt, dass es schon sehr bedenkliche Züge annimmt.

Die drei Szenen sind mit unterschiedlichem Film-Material gedreht und durch kurze Filmrisse getrennt, aber ansonsten leider redundant: dasselbe Personal verhandelt dieselben Themen, herumwuselnd, sich anzickend und ständig unter Strom stehend. Das Ganze mündet in eine allzu kitschige Läuterung eines Firmengründers, der nicht nur als verlorener Sohn in den Mutterkonzern zurückkehrt, der ohne ihn kurz vor dem Ruin stand, sondern auch plötzlich Zeit für die Sorgen der Tochter hat.

„Unter der Haut“: ein stiller Film mit Ursina Lardi

Zwischen all den großen Namen und den Blockbustern dieses Kinoherbstes droht ein sehenswerter kleiner Debütfilm aus der Schweiz unterzugehen: Claudia Lorenz beschreibt in „Unter der Haut“, wie die Ehe von Alice (Ursina Lardi) und Frank (Dominique Jann) zerbricht.

Der Film erzählt aus der Perspektive von Alice, wie sie auf dem gemeinsamen Rechner der Familie ein schwules Dating-Portal findet und zunächst den pubertierenden Sohn Luca (Florin Giger) dahinter vermutet.

In stimmigen Dialogen schildert der Film die Ehekrise, die ihren Lauf nimmt, als Alice erfährt, dass sich ihr Mann, mit dem sie seit zwanzig Jahren verheiratet ist, in einen anderen Mann verliebt hat: Pablo (Antonio Buíl).

Der Film vermeidet es geschickt, in Kolportage und Klischees abzudriften, und reüssierte deshalb auf mehreren Festivals wie beim Max-Ophüls-Wettbewerb in Saarbrücken. Ursina Lardi ist außerdem als Beste Hauptdarstellerin für den Schweizer Filmpreis nominiert.

„Unter der Haut“ startete mit nur wenigen Kopien in den Programmkinos und ist ein TV-Tipp für die Kultursender und Dritten Programme, in denen er vermutlich bald zu sehen sein wird.

Gregor Gysi ist fast omnipräsent, Kurzfilmraritäten bei interfilm, Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs rufen im HAU vergeblich um Hilfe

Gregor Gysi auch nach dem Rückzug aus der ersten Reihe omnipräsent

Es ist knapp einen Monat her, dass sich Gregor Gysi aus der ersten Reihe der Politik zurückgezogen hat. Statt Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag ist er künftig nur noch stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Sein Terminkalender ist trotzdem proppenvoll wie eh und je. Zwischen der Laudatio auf Till Schweiger bei der Bambi-Verleihung, einem Gespräch mit dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales und einer CD-Aufnahme für Prokofjews „Peter und der Wolf“ gibt es kaum noch Lücken.

Auf den Berliner Theaterbühnen war Gysi, der Workaholic mit Entertainer-Qualitäten, an diesem Wochenende gleich zwei Mal zu Gast. Am Freitag Abend sprach er mit Stephan Hebel über das Buch „Ausstieg links? – Eine Bilanz“, das sie gemeinsam vor kurzem im Frankfurter Westend Verlag herausgegeben haben.

Gysi präsentierte sich in dem einstündigen Gespräch auf der Probebühne des Berliner Ensembles sehr nachdenklich. Seiner Analyse, dass die Welt derzeit aus den Fugen scheint und sich zu viele frei flottierende Kräfte bekriegen, kann man kaum widersprechen. Auch Gysi hatte natürlich an diesem Abend nicht den „Stein der Weisen“ anzubieten, wie diese Probleme schnell gelöst werden könnten.

Er warnte davor, dass wir in eine unbeherrschbare Situation hineingeraten, falls es uns nicht bald gelinge, die Fluchtursachen in Afrika sowie im Nahen und Mittleren Osten mit solidarischen, vernünftigen Konzepten anzugehen. Zum aktuellen Koalitionsstreit über die Flüchtlingspolitik ließ Gysi einige pointierte Bemerkungen fallen: Seehofer mache mit seinen scharfen Tönen letztlich Wahlkampf für die AfD. Seine Versuche, der neuen Partei das Wasser abzugraben, fruchteten bislang nicht. Im Gegenteil: Nur im Osten habe die AfD zuletzt noch stärker zugelegt als in Bayern. Merkel stehe derzeit zwar gewaltig unter Druck, überrasche ihn aber mit ihren Über-Nacht-Entscheidungen (AKW-Ausstieg nach Fukushima, Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik) immer wieder.

Auch wenn es wenig wirklich Neues gab, waren die leiseren Zwischentöne interessant, vor allem, wie deutlich er sich namentlich erneut von Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht abgrenzte: Anschaulich erinnerte er sich noch mal an die Zeit vor dem Göttinger Parteitag im Juni 2012, als er das Gefühl hatte, dass zwei Züge auf ihn als Zentristen der Fraktion zurasten. Einleuchtend analysierte die kulturellen Unterschiede zwischen West-Linken, die häufig in K-Gruppen oder Protestbewegungen sozialisiert sind und sich seit Jahrzehnten bewusst in scharfer Opposition zum Establishment sehen, und den ostdeutschen Reformen aus der ehemaligen Staatspartei, die sich nach gesellschaftlicher Anerkennung sehnen.

Zwei Tage später diskutierte Gregor Gysi in den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit Wolfgang Schorlau über seinen gerade erschienen neunten Dengler-Krimi. In „Die schützende Hand“ macht sich der Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler auf die Spur der NSU-Mordserie.

Gysi und Dengler deklinieren all die Ungereimtheiten durch, die in den vergangenen vier Jahren seit dem Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in diversen Untersuchungsausschüssen, zahlreichen Features und Zeitungsberichten, auf Theaterbühnen und natürlich auch im Münchner Gerichtssaal zu einem Puzzle zusammengesetzt werden sollten – leider bislang vergeblich. Wir stochern weiter im Nebel, der den gesamten NSU-Komplex umgibt.

Die Geschichten über geschredderte Akten zu Karnevalsbeginn am 11.11. im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz, die großzügige finanzielle Unterstützung des Verfassungsschutzes für fragwürdige V-Männer wie Tino Brandt, das bis heute ungeklärte Auftauchen eines hessischen Verfassungsschutz-Mitarbeiters an einem Tatort (in einem Internet-Café in Kassel) sind alle nicht neu, aber so haarsträubend, dass sie immer wieder Kopfschütteln im Publikum und Entsetzen auslösen.

Die Matinee endete mit vorsichtigem Optimismus: die Widersprüche sind so eklatant, dass sich alle Fraktionen in der vergangenen Woche einig waren, einen weiteren Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags zur NSU-Mordserie einzusetzen. Es bleibt die vage Hoffnung, dass dieses Gremium die dringend notwendigen Fortschritte bei der Aufklärung des rechtsextremistischen Terrors erreichen kann.

31. interfilm-Festival: Fundgrube für Kurzfilm-Raritäten

Das interfilm-Festival erwies sich auch in diesem Jahr wieder als Fundgrube für kleine Kurzfilm-Kostbarkeiten, die quer über die Programme und die verschiedenen Kinosäle der Stadt verstreut waren.

Ein kleines Highlight waren die „Best of Berlin Beats“: eine bunte Mischung aus ästhetischen Experimenten wie „Little Big Berlin“ (Hauptstadtansichten im Miniaturformat), anarchischem Humor wie „Trotzdem Danke“ (wie reagieren BVG- und S-Bahnfahrer, wenn plötzlich ein Scheibenwischer-Putztrupp unangemeldet auftaucht?), dokumentarischen Einblicken wie „Aleyna – Little Miss Neukölln“ (ein übergewichtiges, in der Schule verspottetes, türkisches Mädchen verwirklicht sich den Traum, bei einer Gala im tipi am Kanzleramt zu tanzen) oder Nachwuchsrapper mit „Meine Stadt“. Die elf Filme, die unter diesem Dach gebündelt wurden, stammen aus den Jahren 2004 bis 2011 und spiegeln den Wandel einer Stadt, die nicht nur arm ist, sondern auch für Touristen sexy wird.

Bemerkenswert war auch die spanische queere Splatterfilm-Parodie „Pulsión Sangrienta“ über eine Familie, die auf eine lange Ahnenreihe aus Frauenmördern zurückblickt. Diese Vorführung im Roten Salon litt jedoch etwas darunter, dass der Saal zwar sehr gut für Konzerte und Partys genutzt werden kann ist, aber mangels geeigneter Kinobestuhlung die Untertitel nur schwer zu sehen und zu lesen waren.

Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs am HAU: René Pollesch fehlte

Nach einer halben Stunde fällt die Tür krachend zu, die ersten Zuschauer gehen genervt. Die anderen rätseln noch, worauf sie sich bei dieser Performance „Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück“ eingelassen haben. Als Fabian Hinrichs und Schorsch Kamerun gemeinsam mit PC Nackt musizieren, ist das zwar ein sympathischer Einstieg und eine Viertelstunde hört man auch gern zu. Schön wäre es allerdings, wenn die Texte auch so artikuliert werden, dass sie verstanden werden können.

Mit der Textverständlichkeit wird es zwar etwas besser, sonst hat sich aber auch nach vierzig Minuten nichts geändert.

Der Abend ist schon halb vorbei, als seine beiden Kumpels verschwinden und sich Fabian Hinrichs kurz hinter der Palme am Bühnenrand umzieht. Im Taucheranzug tigert er über die Bühne und bietet einen Monolog, der unentschieden irgendwo zwischen schlechter Kopie und Parodie seines „Keiner findet sich schön“-Solos an der Volksbühne pendelt.

Zwischendurch tritt dann auch noch eine Tanzgruppe aus Minsk in einer nicht näher definierbaren Landestracht auf und Hinrichs setzt seinen Monolog in einem Elektro-Auto fort. An diesem Abend, an dem ohnehin nichts zueinander passt, stören auch solche Merkwürdigkeiten nicht weiter.

Das Ganze war unter dem Festival-Titel „Marx´ Gespenster“ angekündigt und gefühlte fünf Minuten geht es in dem Monolog nach dem Konzert auch um Vergesellschaftung und „Produktionsidioten“. So unvermittelt wie dieser Themenstrang angerissen wurde, versandet er auch schon wieder. Hinrichs gibt stattdessen einen kurzen Abriss über die Architektur des Jugendstils im Allgemeinen und des Hebbeltheaters.

Fabian Hinrichs fällt es immer schwerer, sich das Grinsen über diese albernen, aneinandergestückelten Textbausteine zu verkneifen. Mehrmals muss er sich von der Souffleuse helfen lassen. Da ihm partout nicht mehr einfallen will, dass er angeblich ein Fan von Genesis von Phil Collins sei, entschuldigt sich Hinrichs mit kokettem Augenaufschlag: „Ja, das kommt eben nicht von Herzen.“ Mit Sicherheit nicht. Aber das gilt dann wohl auch für diesen ganzen Abend, der lieber im Probenraum einer Hobbycombo geblieben wäre, in den sich Esther Slevogt versetzt fühlte.

Altbackene Brecht-Hommage und frischgebackene Schauspiel-Absolventen am Berliner Ensemble, 007 zurück im Kino

„Es wechseln die Zeiten“: altbackene, verqualmte Brecht-Revue am Berliner Ensemble

Hinter „Es wechseln die Zeiten“ verbirgt sich genau das, was der Untertitel ankündigt: „Eine Revue durch Brechts Stücke in Liedern und Gedichten“. Als das Berliner Ensemble mit „Mutter Courage und ihre Kinder“ am Théâtre de la Ville in Paris zu Gast war, schlugen die französischen Theatermacher vor, als Rahmenprogramm ein Best-of aus Brechts Songs und Texten zu gestalten. Seit der Premiere im September 2014 stand die Produktion „Es wechseln die Zeiten“ auch einige Male an Bertolt Brechts alter Wirkungsstätte am Berliner Schiffbauerdamm auf dem Spielplan.

Es ist eine naheliegende Idee und durchaus legitim, den Ahnherrn und Übervater des Hauses mit einer kleinen, etwas mehr als einstündigen Hommage zu ehren. Aber dieser Abend ist eine altbackene Enttäuschung. Regisseur Manfred Karge sitzt vorne links am Bühnenrand und hangelt sich streng chronologisch durch Brechts Werk. Hinter ihm sitzen die Musiker, rechts haben sich BE-Ensemble-Mitglieder um einen langen Tisch versammelt. Wenn sie nicht gerade an der Reihe sind, einen kurzen Song zum Besten zu geben, vertreiben sie sich die Zeit damit, sich und das Publikum mit Qualm einzunebeln.

Dieser Abend ist eine Zumutung für die Atemwege und in all seiner Einfallslosigkeit schnell abzuhaken.

„Wir wollen spielen!“: Ernst Busch-Schauspiel-Absolventen zeigen ihr Können auf der BE-Probebühne

Empfehlenswerter war einen Tag später „Wir wollen spielen!“: der aktuelle Absolventen-Jahrgang der Ernst Busch-Hochschule zeigte kurz nach dem Intendantenvorspiel auf der Probebühne des Berliner Ensembles ihr Können mit kurzen Ausschnitten ihrer Abschlussarbeiten.

Der Schwerpunkt lag auf klassischen Stoffen: Stella Hinrichs sprach das Gretchen, Annemarie Brüntjen und Jaela Carlina Probst duellierten sich als Elektra und Klytaimnestra. Tschechow war mit gleich drei Szenen vertreten: aus „Die Möwe“, „Platonow“ und „Der Bär“.

In den mehr als drei Stunden, die von einer kurzen Pause unterbrochen waren, ragten folgende Kabinettstückchen besonders hervor:

Leonard Scheicher und Felix Strobel (das Duo aus „Zwei Herren aus Verona“ und „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“) schlüpften in die surrealen Figuren aus Roland Schimmelpfennigs Theaterfassung von „Alice im Wunderland“.

Lukas Darnstädt spielt den Monolog eines Beziehungsunfähigen, der seine Partnerinnen nach allen Regeln der Kunst verführt und dann eiskalt abserviert: eine Episode aus dem Band „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ von David Foster Wallace, der die Feuilletons zu Beginn des Jahrtausends begeisterte.

Jaela Carlina Probst interpretierte das Lied „Gastgeber“ des Kleinkunstduos „Pigor singt. Benedikt Eichhorn muss begleiten“, das über Gäste, die zu früh erscheinen und nur im Weg stehen, lästert.

Zum Schluss sorgte das Quartett Annemarie Brüntjen, Gaja Vogel, Tim Riedel und Tiomcin Vogel mit einem längeren Ausschnitt aus dem Broadway-Hit „The Odd Couple“ für Komödienspaß.

Auch in den anderen Szenen präsentierte sich der Abschlussjahrgang 2016 als talentierte Truppe. Hoffentlich sehen wir viele von ihnen bald mit festen Engagements wieder.

„Spectre“: Sam Mendes bringt die James Bond-Reihe auf die Höhe der Zeit

An „Skyfall“ reicht der 24. Bond-Film „Spectre“ nicht heran, weder qualitativ noch nach dem Einspielergebnis an den Kinokassen in der Startwoche.

Auf Javier Bardem folgt diesmal Christoph Waltz in seiner Paraderolle als „asig-sardonischer Bösewicht“ (Perlentaucher). Aber Judi Dench als „M“ ist kaum zu ersetzen und an Adeles Titelsong-Ohrwurm kommt die neue Melodie, die man sofort wieder vergisst, bei weitem nicht heran.

Dennoch gehört „Spectre“ zu den sehenswerteren, nicht eindimensionalen Filmen der Bond-Reihe. Regisseur Sam Mendes, der mit Hauptdarsteller Daniel Craig schon 2002 in „Road to Perdition“ zusammenarbeitete und nach „Skyfall“ zum zweiten Mal Regie führte, bringt die britische Agenten-Thriller-Reihe auf die Höhe der Zeit.

Das Product Placement für teure Uhren und schnelle Autos ist zwar auch diesmal nicht zu übersehen. Aber während in schwächeren Bond-Filmen zwischen Cocktail-Seligkeit an Traumstränden, Flirts mit austauschbaren Bond-Girls und Action-Baller-Szenen ein inhaltlicher Abgrund klaffte, setzen sich Mendes und sein Drehbuchautoren-Team mit den aktuellen politischen Themen auseinander, die spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden weit oben auf der Tagesordnung stehen.

Nicht nur die Grundstimmung der 007-Filme hat sich von Sommer, Sonne und Laissez-Faire zu einer düsteren, melancholischeren Farbe gewandelt. Auch die Welt der Geheimdienste ist eine andere geworden: Ralph Fiennes (Nachfolger von Judi Dench als „M“) und Ben Wishaw als „Q“ halten sich noch an die alten Gepflogenheiten und Einhegungen. Aber ihnen sitzt der diabolisch-unberechenbare „C“ (gespielt von Andrew Scott, der als Gegenspieler von Benedict Cumberbatch in der „Sherlock“-Serie auf sich aufmerksam machte) im Nacken: Er setzt ganz auf möglichst lückenlose Überwachung aller Datenströme und bastelt daran, aus dem „Five Eyes“-Bündnis der Geheimdienste noch schlagkräftigere „Nine Eyes“ zu machen.

Trotz einer Überlänge von fast zweieinhalb Stunden bietet der neue Bond ansprechende Unterhaltung. Das Spionage-Genre, das schon etwas angestaubt schien, wurde für das 21. Jahrhundert behutsam aufgefrischt. Sein Umgang mit den Bond-Girls kommt nicht mehr ganz so sexistisch rüber (lesenswert dazu Dietmar Dath in der FAZ) und die Verfolgungsjagden wie z.B. die Auftaktszene in Mexiko City sind wie immer glänzend choreographiert. Das Rad wird dabei natürlich nicht jedes Mal neu erfunden: „Das alles wirkt ein bisschen, als habe man den achten Bondfilm „Leben und sterben lassen“ mit der Istanbul-Sequenz des letzten und dreiundzwanzigsten Bondfilms „Skyfall“ vermengt“, fasst Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung diese Eröffnungssequenz schmunzelnd zusammen.

„Macbeth“ im Kino, „Peer Gynt“ im Deutschen Theater, Staatsballett-Choreographien in der Deutschen Oper

Michael Fassbender versinkt als „Macbeth“ in Nebelschwaden und Blut

An „Macbeth“-Bearbeitungen gibt es wahrlich keinen Mangel. Am Deutschen Theater Berlin hatte erst vor wenigen Monaten Ulrich Matthes in dieser Shakespeare-Rolle Premiere, leider blieb Tilmann Köhlers Regiearbeit ziemlich blutleer.

Der australische Regisseur Justin Kurzel entschied sich für ein opulentes Leinwandspektakel an schottischen Originalschauplätzen: mittelalterliche Heere prallen aufeinander, das Blut spritzt. Die Kamera hält in Großaufnahme drauf, wenn Macbeth den König Duncan ermordet und auch immer sonst, wenn Leiber von Schwertern durchstoßen oder Speeren durchbohrt werden.

Wir erleben eine gekürzte Fassung, die nah an der klassischen Vorlage bleibt, nur ganz am Anfang, vor dem berühmten Auftritt der Hexen, etwas hinzudichtet: das Ehepaar Macbeth bestattet ein Baby. Dass sie ein Kind verloren haben, wurde von Shakespeare nur kurz angedeutet. Hier wird es an so prominenter Stelle in Szene gesetzt, weil Kurzel uns sagen will: die beiden sind schwer traumatisiert und reißen die Welt um sich herum mit in den Abgrund.

Dräuend und wabernd breitet sich ein düsterer Klangteppich über dem Drama aus, graue Nebel wallen durch die Herbstlandschaft, zum großen Finale wird die Leinwand in Rot getaucht. Fürs Auge ist in dieser neuen Shakespeare-Verfilmung, die in Cannes Premiere feierte und in diesem Herbst in den Kinos startete, manches geboten. Es ist deutlich zu merken, dass der Regisseur sein Handwerk bei Werbe- und Videoclips gelernt hat.

An Oberflächenreizen mangelt es in diesen zwei Stunden nicht, leider fehlt dem Film aber der erhoffte Tiefgang. Dieses Defizit kann auch der Glanz der prominenten Besetzung mit Michael Fassbender als Macbeth und Marion Cotillard als Lady Macbeth nicht überstrahlen. Dementsprechend verhalten war die Resonanz in den Feuilletons.

Webseite zum Film

„Peer Gynt“: Margit Bendokat und Samuel Finzi tasten sich durchs Dunkel

Das Licht ist in den Kammerspielen des Deutschen Theaters stark heruntergedimmt. Samuel Finzi (als Peer Gynt) und Margit Bendokat (in allen anderen Rollen von Aase bis Solveig) tasten sich über den Sand und durch eine stark gekürzte Fassung von Henrik Ibsens dramatischem Gedicht.

Gotscheff-Schüler Ivan Panteleev trieb den Minimalismus, der schon in seiner „Warten auf Godot“-Inszenierung polarisierte, an diesem knapp zweistündigen Abend noch weiter auf die Spitze.

Kunstpausen dehnen sich zu halben Ewigkeiten, jede kleine Geste wird zelebriert. Das mag zwar stellenweise virtuos gemacht sein und Margit Bendokats Stimme, für die man in der deutschen Sprache erst noch ein passendes Adjektiv erfinden müsste, ist immer ein Hörerlebnis. Aber diese Inszenierung ist ansonsten einfach entsetzlich langweilig.

„Duato | Kylián | Naharin“: überzeugender Saisonauftakt des Staatsballetts Berlin

Nacho Duato musste sich in seinem ersten Jahr als Intendant des Berliner Staatsballets, einiges an Kritik anhören. Mit der Auftakt-Premiere seiner zweiten Spielzeit ist ihm jedoch eine sehenswerte, dreiteilige Arbeit gelungen.

Der Abend beginnt mit „Castrati“: ein junger Mann (Wei Wang) wird von einer bedrohlichen Gruppe schwarz gekleideter Männer zu den Barock-Klängen Antonio Vivaldis in die Enge getrieben. Duato studierte diese Choreographie ursprünglich mit seiner spanischen Compãnia Nacional de Danza im Jahr 2002 ein, die Berliner Version überzeugt durch eine bedrohliche Grundstimmung. In einem schnellen Wechsel kurzer Szenen und Schrittfolgen umtanzen die Angreifer ihr Opfer: ein Initiationsritus, der mit der Kastration enden soll. Bekanntlich waren Kastratensänger im 16. und 17. Jahrhundert an den Opernhäusern sehr gefragt, das Programmheft weist darauf hin, dass verzweifelte Eltern damals Theaterdirektoren ihre Söhne anboten und darauf hofften, ein Stück vom Kuchen in diesem florierenden Geschäft abzubekommen.

Pure Lebens- und Bewegungsfreude war nach der Pause in „Secus“ zu erleben. Ohad Naharin hatte seine „Gaga“-Methode von der Batsheva Dance Company aus Israel mitgebracht. Die Experimentierfreude, mit der die Ensemble-Mitglieder sich in Schlangen vor der Bühnenrampe aufreihten und sich zu Pop und Electro-Klängen in raffinierten Bewegungsabläufen ausprobierten, war ein interessanter Kontrast zu klassischem Ballett.

Der Abschluss des Triptychons „Duato | Kylián | Naharin“ konnte das Niveau leider nicht ganz halten: Jiří Kyliáns „Petite Mort“ blieb zu sehr in einer klischeehaften Nacherzählung der klassischen Rollenbilder von Männern und Frauen stecken. Auch wenn diese Choreographie, die bereits 1991 bei den Salzburger Festspielen zu den Klängen von Mozarts Klavierkonzerten uraufgeführt worden war, weniger gelungen ist: insgesamt überzeugt dieser facettenreiche, sinnliche Abend an der Deutschen Oper Berlin.

Revuen zu Genderfragen und Westberliner Insulanern; Protestkultur, Nazijäger und „Wunderkammer“-Varieté

„Westberlin“: Rainald Grebes Nostalgie-Revue an der Schaubühne

Sieben Zeitzeugen, echte „Insulaner“ aus dem Kalten Krieg, machen sich gemeinsam mit Rainald Grebe auf eine Zeitreise nach Westberlin.

In einer runtergekommenen, verqualmten Kaschemme hängen sie ihren Jugenderinnerungen nach. Evelyn, mit 84 Jahren die Älteste, berichtet von den Rosinenbombern der Luftbrücke. Die Jüngeren erzählen von ihren Erlebnissen auf dem Straßenstrich hinter dem Bahnhof Zoo oder einem gescheiterten Experiment in einem besetzten Haus im hintersten Winkel Kreuzbergs: die Kommune kapitulierte am Ende vor den Bergen ungespülten Geschirrs und der Ratten.

Zwischendurch werden berühmte Szenen wie der Sprung des Grenzsoldaten am Tag des Mauerbaus nachgespielt. David Bowie, Rolf Eden, Wolfgang Neuss und Christiane F. geistern durchs Bühnenbild, gegen Ende wird der Birkenwald aus Peter Steins „Sommergäste“-Inszenierung beschworen, die 1974 an der Schaubühne damals noch am Halleschen Ufer Premiere hatte.

Die Zeitzeugenberichte sind authentisch. Der Rest des etwas mehr als zweistündigen Abends kommt streckenweise unterhaltsam, aber doch wesentlich uninspirierter daher, als wir es von Rainald Grebe gewohnt sind. Der gebürtige Kölner, der mit seinen Oden auf Thüringen, Brandenburg und die Pärchen in den gentrifizierten Wohngebieten von Mitte und Prenzlauer Berg bekannt wurde, fremdelt auf West-Berliner Terrain.

Der Grundton des Abends ist nostalgisch, der Altersdurchschnitt des Publikums recht hoch. „Far Out“ und „Dschungel“ sind Geschichte und von denen, die das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Frontstadt prägten und an diesem Abend aufgezählt werden, lebt auch niemand mehr: Harald Juhnke, Brigitte Mira, Günter Pfitzmann, Otto Sander… Am stärksten bleiben die beiden Gesangseinlagen in Erinnerung, als das gemischte Ensemble aus West-Berliner Bürgern und Schaubühnen-Profis „Heroes“ von David Bowie anstimmt und Iggy Pops „The Passenger“ covert.

Bleibt nur noch die Frage: War West-Berlin wirklich so piefig, wie es bei dieser Show am Ku’damm dargestellt wird?

„Thisisitgirl“: Feminismus-Revue zwischen Lachen und Kopfschütteln

Als einen „Abend über Frauen und Fragen und Frauenfragen für Frauen und Männer“ hat die Schaubühne ihre neue Produktion „thisisitgirl“ angekündigt. Herausgekommen ist ein typischer Patrick Wengenroth-Abend: temporeich, mit Hang zu stark überzeichneter Komik und Travestie, manchmal aber gefährlich nah am Trash. Ein Abend, bei dem die eingeflochtenen Diskurs-Schnipsel feministischer Theorie nur eine Nebenrolle spielen und bei dem das Publikum zwischen Lachen und Kopfschütteln hin- und hergerissen ist.

In einem spießigen 50er-Jahre-Wohnzimmer-Ambiente saugt der Regisseur erst noch mal persönlich durch. Als er sich dezent zurückgezogen hat, übernimmt Iris Becher, die einzige Frau, die an diesem Abend auf der Bühne steht, das Kommando. Sie ruft nacheinander ihre drei Kollegen Ulrich Hoppe, Laurenz Laufenberg und Andreas Schröders auf die Bühne, stellt sie kurz vor und platziert sie dann in einer Ecke.

Die Sketche und Songs dieser etwas mehr als zweistündigen Revue werden lose von einer Rahmenhandlung zusammengehalten: Die Sessel werden zur Psycho-Couch, auf der Iris Becher sich als Psychotherapeutin um die drei verzweifelten Häuflein Elend kümmert, die von Panikattacken und Ödipus-Komplex geplagt unter der Last, traditionelle männliche Rollenbilder erfüllen zu müssen, zusammengebrochen sind. Das kommt stellenweise äußerst platt daher, z.B. mit dem Running-gag, dass die drei Schauspieler regelmäßig daran scheitern, die Tür zur Praxis zu öffnen.

In einem Spiel mit dem zum Beispiel hier kritisierten sexualisierten Blick auf Schauspielerinnen wird Laurenz Laufenberg von seiner Kollegin Iris Becher auf sein blondes, blauäugiges Äußeres reduziert und als „Traumschwiegersohn, Ryan Gosling unter den Berliner Schauspielern“ vorgestellt. Sie taxiert ihren Kollegen mit Blicken und zieht ihn bis auf verrutschendes Träger-Hemdchen und Frauen-Unterwäsche aus, mit der er durch den Abend stakst.

Zwischendurch setzt Iris Becher von der Tribüne aus zu einer Wutrede an, die entfernt an Thomas Wodiankas Auftritt in „Small Town Boy“ erinnert, ohne dessen Intensität zu erreichen. Auf der Bühne dominieren aber weiterhin Zerrbilder von Männlichkeit: grölende Fußballfans berauschen sich an ihren Gesängen und am Bier. Ein Büroangestellter buckelt vor dem Chef und reagiert seinen Frust einem Rap über das Aufreißen von Frauen im Club ab.

Der schnelle Wechsel kleiner Miniaturen hat trotz einiger flacher und zu klamaukiger Passagen auch unterhaltsame Momente. Tiefere Erkenntnisse zu Feminismus und Geschlechterfragen sind an diesem Abend jedoch kaum zu erwarten.

„Wunderkammer“: australisches Varieté im „Chamäleon“ für den Berliner Winter

Wengenroths „Thisisitgirl“ ist streckenweise schon nah am Varieté. Wer sich für dieses Genre interessiert, ist beim „Wunderkammer“-Gastspiel der australischen Compagnie „Circa“ im frisch und liebevoll restaurierten Chamäleon-Theater in den Hackeschen Höfen sehr gut aufgehoben.

Nach dem großen Publikumserfolg von 2011 ist die „Wunderkammer“ bis Ende Februar 2016 zurück in Berlin: ein buntes Spektakel für graue Herbst- und dunkle Winterabende und auch ein gelungener Kontrast zur düsteren, fast schon depressiven Grundstimmung, die beim Vorgänger-Gastspiel „Dummy Lab“ evoziert wurde.

Nicht ganz so frech wie ihre Landsleute von den „Briefs“, die mehrfach im tipi am Kanzleramt gastierten, aber mit ähnlich großem Körpereinsatz und beeindruckender Akrobatik demonstrieren die vier Männer und drei Frauen aus Australien, was die Kunstgattung des „New Circus“ zu bieten hat.

Regisseur Yaron Lifschitz stellte zu einem Klang-Mix von Bach bis Bowie eine Nummern-Revue zusammen, die während der zwei Stunden kaum Längen hat. Höhepunkte sind der Trapez-Auftritt von Jarred Dewey und der Schluss-Auftritt des Ensembles zu einer Cover-Version von Bob Dylans Don´t think twice, it´s all right.

Gorki-Gastspiel „On fire“: Constanza Macras reißt zu viele Themen an

Constanza Macras und ihr Dorky Park-Ensemble produzieren Schlag auf Schlag neue Chroeographien: ihre „Ghosts“ hatten gerade erst Premiere an der Schaubühne, nun gastiert On fire am Gorki zum ersten Mal in Europa. Diesen Abend entwickelte Macras gemeinsam mit südafrikanischen Tänzerinnen und Tänzern, die Premiere fand im Februar in Johannesburg statt.

Das Grundproblem dieser Inszenierung über die Frage, „wie Traditionen und Riten in urbanen Zentren heute aussehen“, haben Elisabeth Nehring im Deutschlandfunk und Sandra Luzina im Tagesspiegel gut auf den Punkt gebracht: die Stereotype werden temporeich auseinandergenommen und durcheinandergewirbelt. Aber viele Anspielungen auf arikanische Mythen und Riten sowie auf die aktuelle Situation im Post-Apartheid-Südafrika sind ohne fundierte Einführung kaum verständlich.

In die 90 Minuten, die über weite Strecken ohne Dialog auskommen, hat Constanza Macras (zu) vieles hineingepackt, aber doch nur angerissen. Ihr „On Fire“-Abend dreht sich in Hochgeschwindigkeit um sich selbst und rauscht somit über weite Strecken an seinem Publikum vorbei.

Srdja Popovic über politischen Protest im Schaubühnen-Studio: Vom Rocksänger zum weltweiten Berater von NGOs

Eine muntere Einführung in die Strategien von Protestbewegungen und zivilen Ungehorsam gab der serbische Aktivist Srdja Popovic. Wie es sich für ein mittlerweile global tätigen Vortragsreisenden und Berater gehört, startete er den Abend im leider nicht gut besuchten Studio der Schaubühne mit einer kurzen, knackigen, launig vorgetragenen Power-Point-Präsentation.

Im Gespräch mit taz-Redakteur Martin Reichert und in seinen Antworten auf Publikumsfragen stellte er die Quintessenz seines Buches Protest! Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt vor : Wer gegen Diktatoren wie Assad oder Milosevic kämpfen will, dürfte hoffnungslos unterlegen sein, wenn er auf Gewalt setzt. Stattdessen sollten sich Protestbewegungen kreative Aktionen ausdenken, mit denen sie das Regime im besten Fall der Lächerlichkeit preisgeben oder zumindest in unangenehme Situationen bringen. Als Beispiel nannte er das Abspielen verbotener Lieder auf Recordern, die überall in der Stadt in Papierkörben versteckt waren, so dass die Sicherheitskräfte hektisch damit beschäftigt waren, im Müll zu wühlen.

Natürlich gehöre zu erfolgreichem Protest auch immer eine durchdachte Strategie, aber den ersten Stein müsse man durch sympathische Aktionen ins Rollen bringen. Unbedingt ist auch darauf zu achten, dass die Protestbewegung sich nicht nur auf kritische, junge Akademiker beschränkt, da sie dann so folgenlos zu verpuffen droht wie die Demonstrationen und Sitzblockaden in Hongkong. Die Aktivisten müssen für weite Teile der Gesellschaft attraktiv sein und immer auch den Mainstream im Blick haben.

Lesenswert ist auch dieses Guardian-Porträt über Popovic, der als junger Rocksänger in Belgrad in die Otpor-Protestwelle in Belgrad hineinrutschte, die im Herbst 2000 zum Sturz von Milosevic führte.

„Der Staat gegen Fritz Bauer“: zwischen 50er Jahre-Gesellschaftspanorama und Polit-Krimi

Die Meinungen über Lars Kraumes Der Staat gegen Fritz Bauer, der in dieser Woche im Kino startete, gehen recht weit auseinander: auf der Piazza von Locarno gewann er im Sommer den Festival-Publikumspreis. Voll des Lobes war auch Jan Schulz-Ojala, der im „Tagesspiegel“ von einem „Meisterwerk“ mit einem brillanten Hauptdarsteller Burghart Klaußner schwärmte.

Lucas Stern warf dem Film auf critic.de dagegen vor, dass das Drehbuch holprig sei und der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer mit „salbungsvollen Wortsalven“ auf einen Denkmalsockel gestellt werde. Sehr hart ging Daniel Kothenschulte mit dem Film in der „Frankfurter Rundschau“ ins Gericht: Spekulationen über Bauers Homosexualität drängten sich in den Vordergrund. Die Aufarbeitung des Holocaust in Deutschland mit juristischen Mitteln werde zur reinen Nebensache.

Aus meiner Sicht liegt die Wahrheit in der Mitte: Lars Kraume versuchte zwei Genres miteinander zu verbinden, nämlich ein Gesellschaftspanorama der restaurativen Adenauer-Ära mit einem Polit-Thriller. Das gelingt ihm über weite Strecken recht gut. Die Betulichkeit der Nierentische und der penetrant durch den Film wabernde Zigarrenqualm stehen symbolisch für die Atemnot von Fritz Bauer und seinen Mitstreitern, die sich mühsam jeden Milimeter an Freiraum erkämpfen mussten, bevor die 68er-Studenten endlich die Fenster zum Durchlüften aufstießen.

In den stärkeren Momenten bietet Der Staat gegen Fritz Bauer einen spannungsgeladenen Plot voller Winkelzüge, mit denen Fritz Bauer (Burghart Klaußner, der den schwäbischen, stockenden Tonfall historischer TV-Aufnahmen treffsicher imitiert) und der fiktive Nachwuchs-Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld) den SS-Mann Adolf Eichmann jagen. Mit Argusaugen wachen die alten Nazi-Seilschaften (hier vor allem von Jörg Schüttauf und Sebastian Blomberg verkörpert) über jeden ihrer Schritte, vor allem über ihre Annäherungsversuche an den israelischen Geheimdienst Mossad, der Eichmann schließlich in seinem argentinischen Versteck kidnappte, so dass ihm in Jerusalem der Prozess gemacht werden konnte.

In seinen schwächeren Passagen ist Lars Kraumes Kinofilm noch zu nah an der Fernsehfilm-Ästhetik. Das ist auch nicht weiter überraschend, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen Jahren dort der Tätigkeitsschwerpunkt von Lars Kraume lag. Er wurde vor allem als Regisseur und Drehbuchautor der Frankfurter „Tatort“-Sonntagabend-Krimis mit Nina Kunzendorf und Joachim Król bekannt.

Manche Szenen schleppen sich zu langatmig dahin, einige Dialoge sind zu hölzern geraten. Unter dem Strich bewerte ich Kraumes Zeitreise in die späten 1950er Jahre trotz markanter Schwächen dennoch als geglückt – vor allem im direkten Vergleich mit dem zu melodramatischen „Im Labyrinth des Schweigens“, das im November 2014 in den Kinos lief und ebenfalls von den Versuchen der Frankfurter Staatsanwälte berichtete, Nazis zur Rechenschaften zu ziehen und die Auschwitz-Prozesse vorzubereiten.

Harald Schmidt sorgt sich um den schwankenden Westen. Und dann kam Mirna mit den Furien ans Gorki zurück

„Und dann kam Mirna“: die neurotischen Furien sind zurück am Gorki

Mitte 30 und verzweifelt, aber immer noch im Schlabberpulli und in Trainingsjacken, kehren die wütenden jungen Frauen aus „Es sagt mir nichts das sogenannte Draußen“ ans Gorki zurück.

Unter dem Pulli tragen sie mindestens genauso häßliche, geblümte Umstandskleider: die Träume sind geplatzt, stattdessen schlagen sie sich alleinerziehend mit altklugen, nervigen Gören herum. „Wir können uns neu erfinden“, das Mantra der Ratgeberliteratur, „sagen nur Dummköpfe!“, höhnt der Chor der vier Furien, die sich so viel mehr vom Leben erhofft hatten.

Wie konnte es nur soweit kommen? Auf den Partys standen sie im Abseits, ohne Chance bei den schönen Menschen, die ihre Körper als durchtrainierte Präzisionsinstrumente präsentierten. Da blieb nur Torben, der One-Night-Stand mit ihm war allerdings so prickelnd wie eine mit „Stiefmütterchen bepflanzte Verkehrsinsel“. Und dann kam eben Mirna. Die Teenie-Tochter ist ebenfalls auf vier Schauspielerinnen aufgespalten: vier Mädchen mit Pferdeschwanz und rosa Röckchen, die gleich mal einen Stapel Bücher mit lautem Knall fallen lassen.

Die Mittdreißigerinnen schieben großen Frust: mit dem Idealbild einer warmherzigen, sorgenden, sanften und glücklichen Mutter können sie sich so gar nicht anfreunden, Muttergefühle wollen sich nicht einstellen und das Zusammenleben mit dem Erzeuger ist natürlich überhaupt keine Option. Das Leben sollte eigentlich so weiter gehen wie bisher, nur mit Kind. „Das sogenannte Draußen“ sagte ihnen bekanntlich noch nie etwas, aber nach Mirnas Geburt wurde es noch schlimmer. Einziger Kontakt zur Außenwelt sind die in Mirnas Augen „peinlichen“ Freundinnen, denen es auch nicht besser ergangen ist. Auch für sie wurde die Reproduktion zur „Frauenentsorgungsmaßnahme“. So glasklar und bitterböse kennen wir Sibylle Berg.

Was bleibt dann noch? Den Liebesbrief an David Guetta, den frau, wenn die nervige Tochter nachts im Bett ist, nach einem Gläschen zu viel in den Computer getippt hat, schickt sie dann doch lieber nicht ab. Deshalb scheint die Uckermark die Last exit-Option zu sein: Gemeinsam mit den anderen depressiven Frauen, die „von der Lebensabwicklung genauso erschöpft sind“, und ihren soziopathischen Kindern eine Kommune im leider von Neonazis bevölkerten Umland gründen!

Sibylle Bergs neue Textcollage feuert die bissige Beschreibung der Neurosen einer frustrierten, alleinerziehenden Mittdreißigerin mit der Präsision eines Maschinengewehrs ins Publikum. Die giftig-funkelnden Sätze werden von den Schauspielerinnen manchmal ganz beiläufig dahin gesagt, meist aber mit kollektivem Aufstampfen herausgeschleudert. Regisseur Sebastian Nübling tat gut daran, auf schmückendes Beiwerk zu verzichten. Die Bühne ist leer. Im Mittelpunkt stehen der starke Text und die nicht weniger beeindruckenden Darstellerinnen. Gemeinsam mit Tabea Martin machte Nübling aus einer XXL-Kolumne eine gelungene Choreographie von Gift und Galle spuckenden Frauen.

Streit ums Politische an der Schaubühne: den populistischen Bewegungen auf der Spur

Die Flüchtlinge werden wohl bald wieder vor verschlossenen Türen stehen, prognostiziert der Soziologe Heinz Bude zum Auftakt der Gesprächsreihe „Streit ums Politische“, die an der Schaubühne in Kooperation mit der Vodafone-Stiftung fortgesetzt wird. Seine düstere Analyse: die gesellschaftliche Mitte droht zwischen wachsendem Prekariat und einer reichen Oberschicht zerrieben zu werden. Der demokratische Kapitalismus kann seine Versprechen kaum noch einlösen. Linke Volksparteien werden fast in ganz Europa zum Auslaufmodell, neue Bewegungen entstehen am rechten Rand.

Am ersten von vier Abenden, die sich mit dem „heimatlosen Antikapitalismus“ auseinandersetzen wollen, ist Claus Leggewie zu Gast. Der Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen engagierte sich in der 68er-Protestbewegung und hat die wissenschaftliche und öffentliche Debatte über gesellschaftliche Konflikte in den vergangenen Jahrzehnten mit zahlreichen Veröffentlichungen mitgeprägt.

In einer Tour d´horizon skizzierte Leggewie das antikapitalistische Denken der vergangenen anderthalb Jahrhunderte als ein „freiflottierendes“ Phänomen: Noch in den 1940er Jahren war Kapitalismuskritik auch in den westlichen Gesellschaften tief verwurzelt, ein bekanntes Beispiel ist das ganz der katholischen Soziallehre verpflichtete Ahlener Programm der CDU von 1947.

In den Nachkriegsjahrzehnten ist es gelungen, den Kapitalismus durch den Sozialstaat zu domestizieren und breite Bevölkerungsschichten am Wohlstand eines „Spätkapitalismus auf Pump“ teilhaben zu lassen: In den 1970ern kam es zu einem markanten Einschnitt: der Club of Rome und die Ökologiebewegung stellten die Frage nach den Grenzen des Wachstums. Maoistische und trotzkistische Kadergruppen debattierten an den Universitäten über die aus ihrer Sicht bevorstehende Revolution. Weltpolitisch setzte sich jedoch plötzlich die Deregulierungsphilosophie der Chicago-Schule in den Regierungsprogrammen von Thatcher und Reagan durch, China begann seinen langen Marsch in den Staatskapitalismus.

Leggewie zeichnete das Bild einer seit den 80er Jahren anhaltenden Dauerkrise. Gleichzeitig erstarkte der Populismus an den Rändern, vor allem dort ist der antikapitalistische Diskurs heute zu Hause. Die Front National-Vorsitzende Marine Le Pen wettert gegen die Ausbeutung billiger „Arbeitssklaven“, auf der linken Seite des politischen Spektrums wird Jeremy Corbyn mit seiner entschiedenen Absage an Tony Blairs „New Labour“-Kurs und der Forderung nach Verstaatlichungen der umjubelte Star der Urwahlen um den Parteivorsitz in Großbritannien.

An dem Abend dominierte die Ratlosigkeit, mit welchen Rezepten man diesem Populismus begegnen und kritisches politisches Denken wieder satisfaktionsfähig machen kann. Rückbesinnung auf die Rezepte von John Maynard Keynes? Oder eine sozial-ökologisches Modernisierung, die sich Rot-Grün auf die Fahnen geschrieben hatte, bevor Gerhard Schröder das Ruder übernommen hat?

Neues argentinisches Kino zwischen Wildnis und K-Gruppen-Intrigen

Tief in die ideologischen K-Gruppen-Debatten taucht auch El estudiante, der Debütfilm von Santiago Mitre aus dem Jahr 2011, ein. Roque (Esteban Lamothe), der zunächst mehr an Partys und seinen Kommilitoninnen als an politischen Diskussionen interessiert ist, gerät in ein Gewirr aus Intrigen und Machtspielen der Hochschulpolitik. Ständig wechselnde Allianzen und erbitterte Kämpfe um jede noch so klein erscheinende Meinungs-Differenz prägen die 110 Minuten dieses Films, der fast ausschließlich unter der Käseglocke einer universitären Parallelwelt spielt. Als Studie über einen jungen Mann, der die Winkelzüge politischer Strategie kennenlernt und mit Charme und Raffinesse nach und nach selbst anwendet, zeigt der Film einige vielversprechende Ansätze. Er kreist aber doch zu monothematisch um seine eigene kleine Welt, so dass er für ein breiteres Publikum kaum interessant ist.

Ein weiteres Beispiel für das Nuevo Cine Argentino , dem das Haus der Kulturen der Welt eine Reihe widmete, ist Los salvajes/Wild Ones. Der Hollywood Reporter war begeistert von der visuellen Kraft dieses Regie-Debüts, das Alejandro Fadel mit seinen Laiendarstellern in einer Nebenreihe des Festivals von Cannes 2012 präsentierte.

Der Film beginnt mit dem Gefängnis-Ausbruch junger Straftäter, die in den kommenden zwei Stunden durch dunkle Wälder irren und mehr oder minder erfolgreich ums Überleben kämpfen. Auch dieser Film versandet nach vielversprechendem Beginn in zu vielen Längen. Leider fehlt beiden Filmen die Wucht, die Relatos salvajes – Wild Tales zu Beginn des Jahres zu einem Kinoerlebnis machte.

„Back to Black“: Tänzeln um den Tod in der Box des Deutschen Theaters

Der Anfang des Abends wirkt fast wie ein Meditationskurs: die Box des Deutschen Theaters ist bis auf Notbeleuchtung abgedunkelt, mit sonorer Stimme fordern die drei DT-Ensemblemitglieder Katrin Wichmann, Markwart Müller-Elmau und Thorsten Hierse das Publikum auf, sich auf die Dunkelheit einzulassen und die kommenden 90 Minuten über Kopfhörer zu verfolgen.

Das Regie-Duo Auftrag: Lorey, das sich selbst an der Grenze zwischen Performance und installativer Kunst verortet, hat sein „Back to Black“-Experiment im Programmheft als Schule für die Wahrnehmung folgendermaßen theoretisch aufgeladen: „Die Dinge, die uns umgeben, sind nicht einfach da und müssen nur passiv wahrgenommen werden. Unser Gehirn konstruiert sie, indem es alle Sinneseindrücke miteinander verbindet, verarbeitet, filtert und formt. Mithilfe einer spezifischen Zuschauersituaton trennen Auftrag: Lorey die Ebene der akustischen Wahrnehmung von der visuellen. Dahinter steckt der Versuch, die Wahrnehmung darauf zu lenken, wie wir wahrnehmen und mit der gleichzeitigen An- und Abwesenheit von Sinnesinformationen zu spielen. Hier eröffnet sich mithilfe des Theaters ein Raum, unser Verständnis von Tod als kulturelles und geschichtlich bedingtes Konstrukt zu erkennen. Darin liegt die Chance, die eigenen Wahrnehmungsmuster und die Gestalt der eigenen Realität zu befragen.“

Als das Licht wieder angeht, geht der Abend zum Glück nicht so verquast weiter. Zunächst schildern die Schauspieler sehr persönliche Erlebnisse, wie sie mitten im Alltag mit dem Tod konfrontiert wurden. Katrin Wichmann erzählt von einem Workshop mit Flüchtlingskindern in diesem Sommer, bei dem ein Jugendlicher ertrank. Thorsten Hierse berichtet von einem Ausflug, bei dem seine Mutter plötzlich das Bewusstsein verlor und erst nach einigen Minuten wiederbelebt werden konnte.

Im Saal wurde es bei diesen traurigen Schilderungen sehr still. Die Schauspieler legen nun schnell den Schalter um und versuchen für den Rest des Abends, auf möglichst humorvolle Art um die Themen Sterben und Tod zu kreisen. Katrin Wichmann stimmt den Gute-Laune-Song Dumb Ways to die an, ihre beiden Mitstreiter schlenkern mit ihren Armen und Beinen – genauso wie die Animationsfiguren im Video. So leichtfüßig tänzeln die Drei um ihr Thema auch im Rest des Abends herum, der streckenweise aber zu leichtgewichtig daherkommt.

Assoziativ kommen sie vom Hundertsten ins Tausendste, springen von den Sterbeszenen, die sie schon immer mal spielen wollten, über die letzten Worte und Mahlzeiten in US-Todeszellen zu einem weiteren Web-Video, das eine Anleitung gibt, wie man den eigenen Tod fingiert und dann – am besten in der Ostukraine – untertaucht. Wir erfahren außerdem, dass das Kunstblut am Deutschen Theater nach Himbeere schmeckt. Ganz basisdemokratisch wurde das ausdiskutiert, zur Auswahl standen noch die Geschmacksrichtungen Erdbeere und Pfefferminz.

Während Thorsten Hierse im Kugelhagel zu Boden sinkt und sich langsam eine Kunstblutlache um ihn herum ausbreitet, fragen sich seine Kollegen Katrin Wichmann und Markwart Müller-Elmau gegenseitig, was sie unbedingt noch erleben möchten, bevor sie sterben: ein Jahr in Paris leben, in einem Kostümschinken á la „Sissi“ mit wallenden, schönen Kleidern mitspielen, lange Gespräche mit guten Freunden führen. Als das Ping-Pong nach einigen Runden endet, hat das Publikum einen streckenweise unterhaltsamen Abend überstanden, der sein Thema nicht recht zu fassen kriegt, aber uns immerhin mit der interessanten Frage in den Herbst-Abend entlässt: Was will ich vor dem Sterben unbedingt noch erleben?

Harald Schmidt meldet sich zurück und befasst sich mit dem Schwankenden Westen

Wann haben wir eigentlich das letzte Mal etwas von Harald Schmidt gehört? In diesem Jahr, in dem sich die Schlagzeilen nur so überschlagen, wird so richtig klar, welche Leerstelle er hinterlassen hat. Harald Schmidt fehlt mit seiner bissigen, manchmal auch zynischen, immer lebensklugen Rundschau über die Aufgeregheiten des Politikberiebs und mit seinem Spott über aufgeblasene Nichtigkeiten im Medienbusiness und Kunstgewerbe.

Am Donnerstag Abend durften wir ihn auf Einladung des C.H.Beck-Verlags im Auditorium Friedrichstraße erleben. Es war absehbar, dass er sich bei der Buchvorstellung von Schwankender Westen des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo di Fabio nicht brav auf die Rolle des Stichwortgebers beschränken würde. Harald Schmidt lief sich im Lauf des Abends wieder warm, setzte hier einen kleinen Nadelstich mit einer Anekdote über die schon fast vergessenen „Stuttgart 21“-Wutbürger, ließ dort eine kleine Sotisse aus dem Gehege seiner Zähne fallen.

Ansonsten bot der Abend wenig Neues: in gewohnt selbstverliebter Art zitierte Udo di Fabio seine bekannten Stichworte von Pico della Mirandola bis zur normativen Doppelhelix. Wer wollte seiner Gegenwartsanalyse widersprechen, dass wir uns in einem merkwürdigen Schwebezustand zwischen Hoffnung und Angst, zwischen Öffnung der Grenzen und neuen Kontrollen befinden?

Schmidt und di Fabio endeten am selben Punkt wie Leggewie und Bude: der Druck der Populisten macht es den „Krawattenträgern“ und „Eliten“ schwerer, auf die Krisen besonnen zu reagieren. Di Fabio konstatierte „Verkantungen“ und fragte bang, ob die Stabilitätskultur der gesellschaftlichen Mitte noch tragfähig sei.

Das Selbstbewusstsein der westlichen Gesellschaften sei durch Finanz- und Staatsschuldenkrise erschüttert, die Träume á la Francis Fukuyama von einer Idylle nach 1989 geplatzt. Als Ausweg hatte di Fabio nur anzubieten, dass wir unser kulturelles Erbe besser kennenlernen und unserer Identität selbstvergewissern müssten: das sind natürlich Steilvorlagen für weitere bohrende Sticheleien von Schmidt, der mit Seitenhieben und Anekdoten die Frage umkreiste, was sich denn nun eigentlich hinter den Schlagworten vom kulturellen Erbe des Westens und der Aufklärung verberge.