Archiv der Kategorie: Oscars 2016

Raum: Hollywood wird von den Kampusch und Fritzl inspiriert

Ihren Namen kannten bis vor kurzem nur Insider: die kalifornische Schauspielerin Brie Larson gewann in diesem Jahr den “Golden Globe” und den “Oscar” als beste Hauptdarstellerin in “Raum”.

Sie spielt eine junge Mutter, die entführt und in einem Schuppen regelmäßig von ihrem Peiniger vergewaltigt wird. Es ist klar, von welchen realen Ereignissen sich die kanadische Drehbuchautorin Emma Donoghue inspirieren ließ: die österreichischen Fälle von Natascha Kampusch und der Familie Fritzl standen Pate.

Die fiktive Handlung dieses Indepent-Films, der laut Süddeutscher Zeitung mit schmalem Budget auskommen musste, beginnt am 5. Geburtstag von Jack (Jacob Tremblay). Wie wir nach und nach erfahren, wurde er bei einer der zahlreichen Vergewaltigungen gezeugt.

Er hat nie etwas anderes als den wenige Quadratmeter großen Raum kennengelernt. Frei nach dem berühmten Wittgenstein-Zitat bedeuten die Grenzen des Zimmers die Grenzen seiner Welt. Die Menschen im Fernsehen seien frei erfunden; Ozeane, Wälder und Städte existierten auch nicht in der Realität, impft Jacks Mutter ihm anfangs ein. Jenseits der Oberluke liege nur das Weltall. Dennoch versucht Joy, ihn zwischen Kochnische, Bett, Schrank, Stühlen und Zimmerpflanze so “normal” und behütet wie möglich aufwachsen zu lassen.

Das Erzähltempo zieht nur langsam an. Im Mittelteil lässt Regisseur Lenny Abrahmson die Zuschauer im Kinosessel bei den Fluchtversuchen mitfiebern. Diese Passagen sind die stärksten Momente des Films.

Danach tappt der Film zu oft in die Klischeefallen, als er versucht, Mutter und Sohn dabei zu beobachten, wie sie sich mühsam an die Welt jenseits ihres Gefängnisses herantasten. Es ist sicher eine schwierige Gratwanderung und erfordert viel Fingerspitzengefühl, dieses Thema in den Griff zu bekommen. Aber das penetrante Klaviergeklimper und die hölzernen “Es tut mir leid”-Dialoge, mit denen sich der Film seinem Ende entgegen schleppt, sind schon ziemlich enttäuschend.

“Raum” startete am 17. März 2016 in den Kinos: Webseite und Trailer

Biopic „Trumbo“: Drehbuchautor wird Opfer der Kommunisten-Paranoia

Was für ein Stoff! Das Biopic „Trumbo“ erzählt die wahre Geschichte des Drehbuchautors Dalton Trumbo, der sich in den 40er Jahren für die Kommunistische Partei in den USA engagierte. Dementsprechend schnell geriet er ins Visier des berüchtigten Komitees für unamerikanische Umtriebe , das während der McCarthy-Ära eine paranoide Hexenjagd auf zahlreiche Künstler und Intellektuelle startete.

Trumbo und seine Mitstreiter sahen den Vorwürfen anfangs ganz gelassen entgegen. Spätestens der Supreme Court werde dem Spuk ein Ende machen und den Gesinnungsschnüffeleien ein Ende setzen, da dort eine 5:4-Mehrheit von liberalen Richtern amtierte. Diese Rechnung ging nicht auf, nicht zuletzt weil einer der Richter plötzlich nach einer Herzattacke starb: Die linken Regisseure, Drehbuchautoren und Schauspieler gingen als sogenannte Hollywood Ten in die Geschichte ein. Sie wurden zu Geld- und Haftstrafen verurteilt und landeten auf einer „Schwarzen Liste“, keines der großen Hollywood-Studios nahm sie unter Vertrag.

Dalton Trumbo wusste sich zu helfen. Mit fast schon despotischer Strenge baute Trumbo in jenen Jahren, als er von den Kommunistenhassern mit Berufsverbot belegt war, ein kleines Familienunternehmen auf. Er spannte seine Frau und die Kinder ein und belieferte unter diversen Pseudonymen seine Auftraggeber. Das meiste davon war billiger Trash für Frank King (John Goodman in einer Paraderolle), für den er wie am Fließband seine Plots entwickelte. Er veröffentlichte aber auch zwei Drehbücher, die mit einem Oscar prämiert wurden: „Ein Herz und eine Krone“ (1953) mit Audrey Hepburn und Cary Grant läuft hin und wieder im Feiertagsprogramm, der Western „Roter Staub“ (1957) ist dagegen heute fast vergessen.

Als sich 1960 das gesellschaftliche Klima liberalisierte, waren Stanley Kubricks berühmtes „Spartacus“-Epos mit Kirk Douglas, das damals auch den jungen Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy begeisterte, und Otto Premingers „Exodus“ waren die ersten Filme, bei denen Dalton Trumbo wieder mit seinem richtigen Namen im Abspann genannt wurde.

Die Biografie des Drehbuchautors, der politischer Hysterie zum Opfer fiel und erst spät zu den verdienten Ehren kam, wäre eine Steilvorlage für einen spannenden Kinoabend. Erst recht bei diesen Schauspielern: „Breaking Bad“-Hauptdarsteller Bryan Cranston spielt den „Trumbo“ und war auch in der engeren Wahl bei der Oscar-Verleihung, zog aber gegen Leonardo di Caprio als „The Revenant“ den Kürzeren. Helen Mirren verkörpert die Kolumnistin Hedda Hopper, die gemeinsam mit dem Western-Helden John Wayne in Hollywood gegen die Linken agitierte.

Leider hat dieser Film aber einige Schwächen. Regisseur Jay Roach, der mit seinen James Bond-Parodien „Austin Powers“ bekannt wurde, ist diesem Stoff nicht gewachsen. Er inszeniert ihn zu melodramatisch und mit zu vielen Längen. Ihm gelang der Sprung vom reinen Unterhaltungsfilm zum anspruchsvollen Zeitgeschichts-Drama und Gesellschaftsporträt nicht so gut, wie er seinem Kollegen Adam McKay mit „The Big Short“ überraschend glückte.

Fazit: Der Film „Trumbo“, der am 10. März 2016 in den Kinos startete, ist zwar thematisch sehr interessant, aber leider nicht ganz gelungen.

Webseite und Trailer zu „Trumbo“

„The Big Short“: Satirisches Kino-Porträt der Lemminge auf dem Weg zum Crash

„The Big Short“ hätte gründlich schief gehen können. Dass ausgerechnet Adam McKay eine gelungene Verfilmung des Sachbuch-Bestsellers „The Big Short: Inside the Doomsday Machine“, des Wirtschaftsjournalisten Michael Lewis gelingen könnte, ist wirklich nicht naheliegend.

Zwischen diesem Buch, das von der FAZ schon 2010 als eines der kenntnisreichsten und informativsten Bücher über den Finanzmarkt-Crash von 2008 ff. empfohlen wurde, und McKays bisherigem Filmschaffen liegen Welten. Er fiel in den vergangenen Jahren vor allem als Regisseur von Will Ferrell-Filmen wie „Anchorman“ und „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“ auf: „Pubertäre Jungskomödien“, wie ZEIT Online schrieb, die WELT bezeichnet ihn als „Teil der Männer-werden-nie-erwachsen-Spaßblase um Judd Arpatow“.

Angesichts dieser Vorgeschichte ist „The Big Short“ eine erstaunlich ernsthafte, „geerdete“ (Filmstarts.de) Aufarbeitung der Ära, als die Banker sich gegenseitig darin überboten, Ramschpapiere in hübscher Verpackung und mit angeblich bester Bonität zu verkaufen, bis sich die Risiken zu einer gewaltigen Spekulationsblase anhäuften. Der Film porträtiert die skrupellosen Geschäftemacher, die Mitläufer, die Zocker, die nur auf das schnelle Geld und Partys aus waren, und beschreibt präzise, wie die Lemminge gemeinsam dem Abgrund entgegen strömten und alle Warnungen als lächerlich abtaten.

„The Big Short“ zeigt aber auch die Stimmen, die früh darauf hinwiesen, dass hier etwas gewaltig schiefläuft: Eine der Hauptrollen spielt Christian Bale als Hedgefonds-Manager Michael Burry, ein Außenseiter und Analytiker-Nerd, der sich durch die Zahlenkolonnen wühlte und zu dem Schluss kam, dass diese Rechnung niemals aufgehen kann. Die meisten schlugen seine Mahnung in den Wind. Einige waren schlau genug, aufs richtige Pferd zu setzen, so z.B. Jared Vennett (Ryan Gosling), der sich im „House of Cards“-Stil immer wieder ans Publikum wendet und triumphierend mit aasigem Grinsen von seinen neuen Winkelzügen berichtet, bevor er am Ende absahnt. Als cholerischer Kritiker der Missstände an der Wall Street mischt Mark Baum (Steve Carell) regelmäßig die Meetings seiner Bank auf. Er hat ebenso wie die beiden Jungs vom Land (Finn Wittrock und John Magaro), die vom Durchbruch träumen und einen Wallstreet-Aussteiger (gespielt von Brad Pitt, der den Film auch co-produzierte) als Mentor haben, das richtige Näschen.

Der Film „The Big Short“ jongliert mit all den Abkürzungen wie CDOs und ähnlichen Schrottpapieren, die zum Crash 2008 führten. Das Fachchinesisch wird anschließend in kurzen satirischen Einspielern anschaulich erklärt, z.B. von Margot Robbie, die im Schaumbad ihren Champagner schlürft, oder von Selena Gomez am Roulette-Tisch.

Auch wenn dem Publikum während dieser rasanten, von ZEIT Online als „adrenalgeschwängert“ bezeichneten Parforce-Tour durch die Welt des Finanz-Turbokapitalismus die Begriffe manchmal nur so um die Ohren fliegen, ist die Botschaft dieses lohnenden Psychogramms der Banker-Welt allgemein verständlich und leider zutreffend: Als die Krise eintrat, wurden die Verluste sozialisiert, die Gewinne privatisiert. Ein großes Umdenken hat aber nicht stattgefunden, das Casino bleibt geöffnet, es darf weiter gezockt werden.

„The Big Short“ startete bereits am 15. Januar in den deutschen Kinos und bekam einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch (nach dem oben erwähnten Bestseller von Michael Lewis).

Webseite und Trailer zu „The Big Short“

Denkmal für Investigativ-Reporter und Anklage gegen sexuellen Missbrauch: Oscar-Gewinner „Spotlight“

Ebenso wie Florian Gallenberger in „Colonia Dignidad“ widmet sich auch Tom McCarthy in „Spotlight“ einem gesellschaftlichen Missstand, der zu lange unter den Teppich gekehrt wurde. McCarthy geht aber einen ganz anderen Weg: statt eines actionreichen und zugleich melodramatischen Thrillers entschied sich McCarthy wie in seinen früheren Filmen „Station Agent“ und „Ein Sommer in New York – The Visitor“ für leise Töne.

Sein Thema ist der sexuelle Missbrauch katholischer Priester: in Deutschland kam der Skandal erst 2010 in einer Welle von Enthüllungen ans Licht. Die USA wurden schon 2002 wachgerüttelt, maßgeblich ist dies dem „Spotlight“-Team für Investigativ-Recherche der Tageszeitung „Boston Globe“ zu verdanken, das mit dem Pulitzer-Preis 2003 ausgezeichnet wurde.

Akribisch zeichnet der Kinofilm die damaligen Vorgänge nach: ein neuer Chefredakteur (gespielt von Liev Schreiber) kommt zur Zeitung. Er gibt seinen Investigativ-Experten nicht nur die nötige Rückendeckung, der Kirche und vor allem dem Erzbischof Bernard Law im katholisch-irisch geprägten Boston unangenehme Fragen zu stellen, sondern spornt das Team zu Beginn erst richtig an.

Der Film bleibt nah an dem Recherche-Team (Michael Keaton, der die Hauptrolle in „Birdman“, Oscar-Gewinner von 2015, spielte, Rachel McAdams und Mark Ruffallo). Er erzählt von ihren Zweifeln und Rückschlägen, aber auch von ihren Erfolgserlebnissen, ein neues Puzzle-Teil entdeckt zu haben. Täter- und Opferperspektive kommen nur am Rande vor.

Nicht nur der gesellschaftskritische Inhalt, sondern auch der Stil erinnern an das sogenannte „New Hollywood“ in den 70ern, vor allem an den Watergate-Film „Die Unbestechlichen“, der 1977 vier Oscars bekam. Das Erzähltempo von McCarthy ist fast so langsam wie damals, er verzichtete bewusst auf jede Emotionalisierung des Publikums druch dramatische Effekte. Stattdessen vertraute er ganz auf die Fakten, die der Boston Globe hier in einem Online-Dossier inklusive der Original-Artikel von 2002 zusammenstellte.

„Spotlight“ ist ein ungewöhnlicher Gewinner der Oscar-Königsklasse als Bester Film 2016 und wurde schon bei seiner Premiere in Venedig 2015 gefeiert. Er setzt den Journalisten, die den Skandal aufdeckten, ein Denkmal, weist aber deutlich auf jahrelange Versäumnisse hin: Frühere Hinweise waren abgetan, Missbrauchs-Betroffene als „Spinner“ und Querulanten nicht ernstgenommen worden.

Im Abspann zählt „Spotlight“ seitenlang die Orte weltweit auf, an denen Kinder und Jugendliche von Priestern missbraucht wurden: ein sehenswerter Film zu einem wichtigen Thema, der auch beispielhaft zeigt, wie existentiell die als „Lügenpresse“ diffamierten unabhängigen Qualitätsmedien für eine funktionierende Demokratie sind.

Der Film „Spotlight“ läuft seit 25. Februar in den Kinos: Webseite und Trailer