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Berlinale-Bilanz 2016: Enttäuschungen im Wettbewerb, Goldener Bär für „Fuocoammare“ als politisches Statement, starkes Kino aus Chile

Die Berlinale 2016 begann enttäuschend und konnte sich in der zweiten Hälfte nur wenig steigern.

Bilanz des Wettbewerbs um den Goldenen und die Silbernen Bären

Die Dokumentation „Fuocoammare“ über die Not der Flüchtlinge vor Lampedusa wurde seit Tagen als Favorit auf den Goldenen Bären gehandelt.

Die Entscheidung der Jury passt tatsächlich sehr gut zum Selbstverständnis der Berlinale, die sich als das Politischste unter den drei großen Film-Festivals (neben Berlin sind dies Cannes und Venedig) positioniert. Die Schwächen des Films sind jedoch nicht zu übersehen. Wie bereits berichtet, schaffte es Francesco Rosi nicht, sein Material zu verdichten. Die knapp zwei Stunden wirken redundant. Aus den starken Szenen hätte ein überzeugender Film werden können, wenn er sich auf das Wesentliche konzentriert und um die Hälfte gekürzt hätte.

Aus ästhetischer Sicht drängt sich „Fuocoammare“ nicht für den Goldenen Bären auf. Deshalb schließe ich mich der Vermutung an, dass es der Jury mit dieser Auszeichnung vor allem um ein politisches Statement ging: ein Goldener Bär für alle, die sich in den vergangenen Monaten so stark für Flüchtlinge engagieren wie der Arzt, der in diesem Film kurz zu Wort kommt.

Der Goldene Bär für „Fuocoammare“ ist aber auch deshalb vertretbar, weil es im Festival-Jahrgang 2016 unter den Wettbewerbs-Filmen, die ich sehen konnte, keinen gab, der mich ohne Abstriche überzeugt hat.

Gute Ansätze bot immerhin der tunesische Film „Hedi“ über einen jungen Mann, der Schritt für Schritt lernt, sich von seiner dominanten Mutter zu lösen. Sie bestimmt über sein ganzes Leben, vermittelt ihm einen Job und arrangiert für ihn eine Ehe. Auch sonst sagt Hedi zunächst zu allem Ja und Amen, bevor er lernt, seinen eigenen Weg zu gehen.

„Hedi“ ist ein Film, der keine Überraschungen bietet, sondern seine wie am Reißbrett entwickelte Geschichte Punkt für Punkt abhakt. Aus politischer Sicht ist der Film unter zwei Aspekten bemerkenswert: der Tourismus als zentraler Wirtschaftsfaktor Tunesiens und die Einbußen nach den islamistischen Anschlägen werden in einigen Szenen im Hintergrund verhandelt. Außerdem lässt sich der Film über einen Mann, der aus seiner Erstarrung ausbricht, als Parabel auf die „Arabellion“ im Frühling 2011 lesen, die in einem Gespräch der beiden Hauptfiguren erwähnt wird.

Majd Mastoura bekam einen Silbernen Bären für die beste männliche Hauptrolle, Regisseur Mohamed Ben Attia wurde für den besten Erstlingsfilm ausgezeichnet. Es spricht nicht für die Qualität des Wettbewerbs-Jahrgangs 2016, dass dieser nur mäßig überzeugende Film gleich zwei Preise mit nach Hause nehmen durfte.

Zu den großen Enttäuschungen des Wettbewerbs gehören neben „L´Avenir“, der unverständlicherweise mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie ausgezeichnet wurde, und der Fallada-Verfilmung „Alone in Berlin“ der iranische Film „Ejhdeha Vared Mishavad!/A Dragon Arrives!“ und „Genius“.

Das iranische Kino war in den vergangenen Jahren häufig eine Bereicherung der großen Festivals. Regisseure wie Jafar Panahi oder Asghar Farhadi schafften es immer wieder, der Zensur ein Schnippchen zu schlagen und „unglaublich aufregendes Kino“ zu bieten. Auch Mani Haghighi gehört mit „Paziraie Sadeh/Modest Reception“, der 2012 im Forum der Berlinale lief und unter dem Titel „Die Macht des Geldes“ in einigen Programmkinos startete, in diese Reihe.

Sein neuer Film „Ejhdeha Vared Mishavad!/A Dragon Arrives!“ löste so heftiges Kopfschütteln in den vorderen Reihen aus, dass es teilweise schwer war, die Untertitel zu lesen. Er springt zwischen den Zeiten (1965 und heute), versucht eine Film-im-Film-Ebene einzubauen, spielt mit mystischen Elementen und Erdbeben, die durch Todesfälle ausgelöst werden. Dabei kommt ein völlig überladener Experimentalfilm heraus, der weit hinter der gewohnten Qualität des iranischen Kinos zurückbleibt. Fraglich ist, ob es für ein iranisches Publikum einfacher ist, die Anspielungen zu dechiffrieren.

Sehr langatmig geriet das Spielfilmdebüt „Genius“ des britischen Theaterregisseurs Michael Grandage. Statisch und ohne Spannung erzählt er die Entstehungsgeschichte des Romans „Schau heimwärts, Engel!“ Der Film beschreibt, wie der Lektor Max Perkins, der auch Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald betreute, mit seinem Autor darum rang, das ausufernde Manuskript auf einen immer noch umfangreichen 700 Seiten-Wälzer zu kürzen. Trotz geballter Hollywood-Prominenz (Jude Law als Wolfe, Colin Firth als Lektor und Nicole Kidman als Muse des exzentrisch-genialen Autors) schleppt sich der Film knapp zwei Stunden dahin.

Leider konnte ich mir von folgenden vier Preisträgerfilmen kein eigenes Bild machen: Den Großen Preis der Jury gewann der bosnische Regisseur Danis Tanović für „Smrt u Sarajevu /Mort à Sarajevo“, der hier positiv besprochen, aber z.B. in der taz als „plump“ verrissen wurde. Ein cineastisches Nischenpublikum mit viel Sitzfleisch spricht der knapp achtstündige Film „Hele Sa Hiwagang Hapis/ A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ von Lav Diaz über die Kolonialgeschichte der Philippinen an. Er wurde mit dem Alfred Bauer-Preis ausgezeichnet. Der Silberne Bär für das Beste Drehbuch ging an den Polen Tomasz Wasilewski für „Zjednoczone stany miłości/United States of Love“, der in mehreren Episoden von der Tristesse in der Umbruchphase Anfang der 90er Jahre erzählt. Die Dänin Trine Dyrholm wurde als beste Schauspielerin des Festivals ausgezeichnet: Thomas Vinterbergs „Kollektivet“ über eine Kommune in den 70ern erntete zwar viele negative Kritiken und wurde z.B. in der ZEIT als „konventionell-missglückt“ kritisiert. Dyrholm, die bereits in Vinterbergs herausragendem Dogma-Film „Das Fest“ (1996) mitspielte, wurde jedoch für ihre Darstellung einer starken Frau zwischen „Pantoffelhelden“ gelobt.

Starke Auftritte des chilenischen Kinos und Teddy-Jubiläum

Wie sah es abseits des Wettbewerbs im Panorama aus? Dort lief mein Lieblingsfilm des Festivals „Aquí no ha pasado nada/Much ado about nothing“. Dem chilenischen Regisseur Alejandro Fernández Almendras gelang ein packendes Drama, das zugleich ein präzises Gesellschaftsporträt zeichnet. Sunnyboy Vicente (Agustín Silva) trifft am Strand zufällig eine Clique aus der Oberschicht. Nach einer alkoholreichen Partynacht endet der Trip mit der Luxuskarosse eines angesehenen Senators für einen Passanten tödlich.

Der Film schildert die juristischen Winkelzüge des von den Familien der reichen Sprösslinge beauftragten Anwalts, der Indizien uminterpretiert, Druck auf Zeugen ausübt und an Deals mit der Staatsanwaltschaft feilt. Almendras versteht es, eine dichte Atmosphäre zu schaffen und mit dem passenden Soundtrack zu unterlegen. Interessant gemacht ist auch die visuelle Einbettung der vielen Smartphone-Nachrichten, die sich die Tatbeteiligten schicken. Alejandro Fernández Almendras ist ein Name, den man sich merken sollte. Der Film „Aquí no ha pasado nada“ weckt Neugier auf seinen bereits 2014 in Sundance ausgezeichneten Film „Matar un hombre/To kill a man“ und das chilenische Kino, das in diesem Jahr auf der Berlinale stark vertreten war.

Ebenso wie „Aquí no ha pasado nada“ beruht auch der bereits hier besprochene chilenische Film „Nunca vas a estar solo“ auf einer wahren Begebenheit. Dieser Debütfilm über den Mord einer Nazi-Gang an einem homosexuellen Jungen wurde bei der 30. Teddy-Gala mit dem Spezial-Preis der Jury ausgezeichnet.

Dies war ein würdiger Preisträger einer sehr politischen Teddy-Preisverleihung, bei der Selmin Çaliskan, die Generalsekretärin von amnesty international in Deutschland mit deutlichen Worten davor warnte, Marokko, Tunesien und Algerien als sogenannte „sichere Herkunftsstaaten“ einzustufen.

Als Rahmenprogramm des Teddy-Jubiläums gab es eine kleine Filmreihe, deren Höhepunkt die restaurierte Fassung von „Anders als die Andern“ war. Der Film nutzte im Jahr 1919 eine kurze Phase der Freiheit, bevor er 1920 nach Wiedereinführung der Zensur mit dem sog. „Reichslichtspielgesetz“ verboten wurde. Magnus Hirschfeld tritt als Arzt auf und plädiert anhand seiner mit einem Suizid endenden Erpressungsgeschichte für die Abschaffung des Strafrechtsparagraphen 175. Dies ist das erste Werk der Filmgeschichte, in dem Homosexualität offen behandelt wurde.

Mit einem Teddy für ihr Lebenswerk wurde die amerikanische Regisseurin und Produzentin Christine Vachon ausgezeichnet, die von „Velvet Goldmine“ von Todd Haynes (1998) bis „Carol“ (2015) wichtige Independent-Filme ermöglichte. Im Panorama Spielfilm-Programm war Vachons neuester Film „Goat“ vertreten, den sie mit James Franco produzierte. Regisseur Andrew Neel erzählt darin von den demütigenden Aufnahmeritualen einer Studentenverbindung an einer US-Elite-Uni.

„Goats“ ist ein Film zu einem wichtigen Thema, gegen den jedoch einzuwenden ist, dass er sich etwas zu sehr an den sadistischen Spielen und der Brutalität seiner Protagonisten weidet. Überzeugende Leistungen bieten Ben Schnetzer, der bereits in den beiden britischen Dramen „Pride“ und „The Riot Club“ (zu einem ähnlichen Thema in Oxford) aufgefallen ist, und Nick Jonas, ein ehemaliger Boygroup-Sänger. Hollywood-Star James Franco bleibt dagegen in seiner Nebenrolle diesmal blass.

Deutlich mehr erwartet hatte ich von der New Yorker Stadtneurotiker-Tragikomödie „Maggie´s Plan“. Rebecca Miller hatte zwar ein hervorragendes Ensemble mit Greta Gerwig, Ethan Hawke und Julianne Moore zur Verfügung, macht daraus aber nur einen lauen Aufguss der bekannten Genre-Geschichten von Woody Allen und Noah Baumbach.

US-Dokumentarfilme als Berlinale Special

Michael Moore konnte wegen einer Erkrankung nicht zur Gala-Vorstellung seines neuen Films „Where to invade next“ kommen, der als Berlinale Special im Friedrichstadt-Palast lief. Dafür hat er einen kurzen Vorspann gedreht, in dem er sich im Bademantel direkt an das Kinopublikum wendet und Angela Merkel ausführlich für ihre Willkommens-Politik lobt. Die restlichen zwei Stunden sind eine Abrechnung mit der Politik seines Heimatlandes. Michael Moore reiste durch mehrere europäische Länder und stellt mit gespielter Verwunderung die Errungenschaften des europäischen Wohlfahrtsstaates vor (gesundes französisches Schulessen, großzügige, von den Gewerkschaften erkämpfte Urlaubsregeln wie in Italien oder Frauenförderung in Island). Das ist phasenweise schlitzohrig-amüsant, aber erschöpft sich dann im Recycling der bekannten Masche von Michael Moore: „Wim Wenders dreht keine Actionfilme, Disney keine Pornos, Michael Moore keine differenzierten Filme. So ist das nun mal.“

Die NDR-Co-Produktion „National Bird“ widmete sich ebenfalls als Berlinale Special dem Drohnenkrieg der USA. Sonia Kennebeck traf sich mit drei ehemaligen Analysten, die den Dienst quittiert haben.

Die Dokumentation bekommt ihr heißes Eisen nicht so recht zu fassen: das liegt zum einen daran, dass jeder Verstoß gegen die Geheimhaltungspflicht für die drei Insider schwere Konsequenzen hätte. Dem Mann im Trio droht eine Anklage nach dem Espionage Act. Eine der beiden Frauen arbeitet mittlerweile für eine NGO in Afghanistan, die andere kämpfte erfolgreich darum, die Behandlungskosten für ihre posttraumatische Belastungsstörung erstattet zu bekommen. Zum anderen leidet der Film darunter, dass manche Statements seiner Protagonisten etwas naiv daherkommen.

Vielleicht gibt es ja im nächsten Jahr einen neuen Versuch, das wichtige Thema Drohnenkrieg differenziert zu beleuchten? Vor allem wünsche ich mir, dass die Berlinale im Februar 2017 nach dem durchwachsenen Jahrgang 2016 wieder an das Niveau von 2015 anknüpfen kann.

Der Text ist zuerst hier erschienen: http://kulturblog.e-politik.de

Berlinale 2016: Viel Mittelmaß in der ersten Hälfte des Festivals

Die Halbzeitbilanz der Berlinale 2016 fällt ernüchternd aus: Das Mittelmaß regiert. Bemerkenswerte Filme sind bislang Mangelware.

Zunächst ein Blick auf den prestigeträchtigen Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären.

Am Freitag ging „Midnight Special“ ins Rennen: US-amerikanisches Independent-Kino von Jeff Nichols, der bereits zweimal im Forum zu Gast war (2007 mit „Shotgun Stories“ und 2011 mit „Take Shelter“). Sein vierter Film ist ein Science-Fiction-Roadmovie, das sich an den ambitionierten Versuch wagt, die NSA-Überwachungsdebatte mit den Erlösungsphantasien christlich-fundamentalistischer Sekten zu verknüpfen. Vermutlich waren es neben der prominenten Besetzung in den Nebenrollen (Kirsten Dunst als Mutter des Erlöser-Alien-Jungen Alton, der von Jaden Lieberhaer gespielt wird, und Adam Driver als NSA-Analyst) diese beiden brisanten Themen, die dem Film eine Einladung zum Festival sicherten.

Statt einer interessanten Studie über die „Gewalt- und Paranoiastrukturen der US-amerikanischen Provinz“, die im Programmheft versprochen wurden, bekamen wir nur eine verquaste Mischung aus Action und Mystery geboten, die außerhalb einer Fangemeinde kaum ein größeres Publikum erreichen dürfte.

Immerhin war dieser Film noch überzeugender als „L´avenir“: diese banale, vor Stereotypen strotzende Geschichte über die Philosophielehrerin Nathalie an einem französischen Lycée, die von ihrem Mann für eine Jüngere verlassen wird, plätschert betulich dahin. Hauptdarstellerin Isabelle Huppert ist eine Bereicherung für jedes Festival. Aber diesen Film von Mia Hansen-Løve, in dem sie einige Kalenderspruch-Weisheiten aufsagen muss, konnte auch sie nicht retten.

Besser war der zweite französische Wettbewerbsbeitrag „Quand on a 17 ans“ von André Téchiné. Er begann in den 60ern als Redakteur der „Cahiers du Cinema“ und Regieassistent des kürzlich verstorbenen Jaques Rivette, eines der führenden Köpfe der „Nouvelle Vague“. Für seine dritte Teilnahme am Berlinale-Wettbewerb nach „Le temps qui changent“ (2004) und „Les témoins“ (2007) tat er sich mit seiner jüngeren Kollegin Céline Sciamma zusammen, die mit „Water Lillies“ (2007) und „Tomboy“ (2011) ihr Talent für subtile Psychodramen gezeigt hat.

„Quand on a 17 ans“ ist zumindest halbwegs gelungen: die Studie der schwierigen Beziehung der beiden Gymnasiasten Damien (Kacey Mottet Klein) und Tom (Corentin Fila) wird von den beiden Nachwuchsdarstellern überzeugend gespielt. Trotz Mobbing und Gewaltausbrüchen ist zwischen den beiden von Beginn an eine Anziehung zu spüren, die vor allem Tom nicht wahrhaben will und die beiden Angst macht. Dass diese schon in vielen Varianten erzählte Geschichte vor der eindrucksvollen Pyrenäen-Kulisse gut funktioniert, liegt an den begabten Schauspielern (Kacey Mottet Klein aus der französischen Schweiz wurde bereits 2013 für seine Hauptrolle in Ursula Meiers „Winterdieb“ ausgezeichnet) und am Können des Drehbuch-Duos Téchiné/Scíamma.

Eine Schwäche des Films ist, dass die Rolle von Marianne, der Mutter von Damien, (Sandrine Kiberlain) als Ärztin mit Helfer-Syndrom teilweise ins Klischeehafte abdriftet. Auch der Nebenstrang über ihren Mann, der bei einem Auslandseinsatz stirbt, wirkt überflüssig. Dennoch ist „Quand on a 17 ans“ ein annehmbarer Genrefilm und somit ein Lichtblick des bisherigen Festivals.

Im Vorfeld wurde besonders viel über die Dokumentation „Fuocoammare/Fire at sea“ des italienischen Regisseurs Gianfranco Rosi gesprochen. Er verzichtet auf jeden Kommentar aus dem Off und stellt knapp zwei Stunden lang seine Eindrücke aus Lampedusa gegenüber. Hier der Alltag der Inselbewohner: ein 12jähriger Junge erkundet mit seinen Freunden die Verstecke in der Natur und quält sich durch seine Hausaufgaben. Für ein älteres Ehepaar ist das tägliche Radio-Wunschprogramm ein festes Ritual: Anrufer dürfen sich ihr Lieblingslied wünschen und einen Bekannten oder Verwandten grüßen. Die Dramen aus dem Mittelmeer werden dazwischen geschnitten: Seenot-Rettungsrufe der Flüchtlinge auf den Schlepperbooten. Horrormeldungen über weitere Ertrunkene. Ihre Ankunft: völlig durchnässt und erschöpft. Ein Arzt schildert seine Gefühle von Wut, Ohnmacht und Schmerz.

Der Regisseur schaffte es nicht, sein Material zu verdichten. Die knapp zwei Stunden wirken redundant. Aus den starken Szenen hätte ein überzeugender Film werden können, wenn er sich auf das Wesentliche konzentriert und um die Hälfte gekürzt hätte.

Eine Enttäuschung war auch „Alone in Berlin“ die Verfilmung von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ von Vincent Perez aus der Schweiz. Er hätte eigentlich nur auf die packende, wahre Geschichte seiner Vorlage vertrauen müssen. Das Ehepaar Quangel (Brendan Gleeson und Emma Thompson) verteilte in Berliner Bürogebäuden mehrere Jahre lang Postkarten gegen die Nazis und wurde für ihren mutigen Widerstand hingerichtet. Luc Perceval machte daraus am Hamburger Thalia Theater eine sehenswerte Inszenierung, die 2013 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war.

Auf der Berlinale ist leider nur eine hölzerne Film-Adaption zu erleben, die den Stoff emotionslos nacherzählt und die mangelnde Empathie durch eine schwer erträgliche Klangsoße von Alexandre Desplat zu überdecken versucht. Die namhafte Besetzung dieses Films (neben Gleeson und Thompson ist noch Daniel Brühl als Kommissar Escherich dabei), konnte das Scheitern dieser Verfilmung nicht verhindern.

Das Niveau im Wettbewerb bleibt zum Berlinale-Auftakt 2016 also weit hinter dem Vorjahr zurück. Damals waren „Victoria“, ein Highlight des gesamten Filmjahres, und der iranische Bären-Gewinner „Taxi Teheran“ von Jafar Panahi zu erleben. Starke Auftritte und überraschende Seherlebnisse fehlen diesmal, stattdessen viel Ödnis am Potsdamer Platz.

Wie sieht es im Panorama aus?

Die brasilianische Regisseurin Anna Mulyaert, die Gewinnerin des Publikumspreises 2015, kehrt mit „Mãe só há uma/Don´t call me son“ zurück.

Der Film erzählt die Geschichte des 17jährigen Pierre, der von seiner vermeintlichen Mutter Aracy nach der Geburt aus dem Krankenhaus entführt und als ihr Sohn ausgegeben wurde. Als sie mit einem Gentest überführt und von der Polizei abgeholt wird, fällt es Pierre schwer, sich bei seinen wohlhabenden, leiblichen Eltern einzuleben, die ihn Felipe nennen.

Die Regisseurin konnte sich anscheinend nicht dazu durchringen, dem Hauptstrang zu vertrauen, und verzettelt sich zu sehr in der Beschreibung der Pubertäts-Identitätssuche des Hauptdarstellers, der zwischen Partys, Bandproben und Lippentift/Frauen-Reizwäsche-Experimenten vor dem Spiegel nach seinem Ich sucht und seltsam blass bleibt.

Aus Deutschland ist „Jonathan“, das Regie-Debüt von Piotr J. Lewandowski, im Spielfilmprogramm. Für diese TV-Produktion von SWR/WDR/arte mit vielen bekannten Fernseh-Gesichtern ist die Leinwand auf dem internationalen Festival eine Nummer zu groß. Die Geschichte über Familiengeheimnisse, die unter den Teppich gekehrt werden, und die schrittweise Emanzipation des Bauern Jonathan (Jannis Niewöhner vom Regisseur in einer seiner ersten Hauptrollen gut in Szene gesetzt) plätschert zu konventionell vor sich hin.

Scharenweise gingen die Leute beim marokkanischen Spielfilm „Starve your Dog“ von Hicham Lasri zum Ausgang. Der Anfang war vielversprechend: eine alte Frau beklagt die Perspektivlosigkeit, der Geist des Arabischen Frühlings liegt in der Luft. Dieser „experimentelle Kino-Essay“ (Programmheft) kreist aber so selbstverliebt um seine Assoziationen, dass sich schnell eine genervte Stimmung im Publikum breit macht. Lasri imaginiert schließlich, dass Driss Basri, ein wegen Menschenrechtsverletzungen berüchtigter ehemaliger marokkanischer Innenminister, nicht in seinem Pariser Exil starb, sondern nach Casablanca zurückkehrt und von einem Filmteam begleitet wird. Ohne Kenntnis der innenpolitischen Entwicklungen auf dem Maghreb in den vergangenen Jahrzehnten lohnt sich der Film nicht, sondern wird zur Geduldsprobe.

Die Reihen lichteten sich auch im iranischen Film „Lantouri“ von Reza Dormishian. Das hatte zwei Gründe: Erstens legt der Film einige falsche Fährten und mäandert lange, bevor er zum Punkt kommt. Zweitens zeigt er explizite, grausame Szenen von nach Säureattentaten entstellten Gesichtern. Der Film beginnt mit hektisch aneinandergereihten Interview-Schnipseln über die Raubzüge der Gang „Lantouri“, die im Robin Hood-Stil bei der reichen Oberschicht einbricht und korrupten Unternehmern ihre Edelkarossen klaut. Im zweiten Drittel mutiert der Film zu einem zähen Stalking-Drama – die Premiere fand ausgerechnet am Valentinstag statt. Erst im letzten Drittel wird klar, worauf der Film eigentlich hinauswill: er ist ein Plädoyer für Vergebung und gegen das Prinzip „Auge um Auge“ (Lex Talionis), das wir aus dem Alten Testament und dem Koran kennen und das gültiger Bestandteil des iranischen Strafrechts ist.

Der Film erzählt, wie der Gang-Boss aus Frust über die unerwiderte Liebe seine Angebetete mit Säure übergießt. Sie ist zunächst fest entschlossen, auf ihr Recht zu pochen, und will dabei zusehen, wie Ärzte dem Täter ebenfalls Säure in die Augen träufeln, bevor sie es sich im letzten Moment anders überlegt. Der Film ist in seiner Grausamkeit schwer zu ertragen und wegen seiner Verwirrungstaktik zu Beginn auch schwer zugänglich: „Lantouri“ ist kein guter, aber doch immerhin ein bemerkenswerter Film!

Von brutaler Gewalt erzählt auch der chilenische Film „Nunca vas a estar solo“: ein homosexueller Junge wird zusammengeschlagen und übel zugerichtet. Der Film erzählt aus der Perspektive des Vaters, der mit der Krankenkasse um die Abrechnung der Behandlungskosten ringt. Die Täter kommen ungeschoren davon, Zeugen fehlen. Der Musiker Alex Anwandter erzählt die bedrückende Geschichte seines ersten Films mit eindringlichen Bildern, das Ende wird gerät etwas zu kitschig. Inspiriert ist sein Film von einer wahren Begebenheit: im März 2012 wurde Daniel Zamudio in Santiago de Chile von Neonazis totgeprügelt. Er war ein Fan von Alex Anwandters Band.

Bei der Dokumentation „Hotel Dallas“ wurde die Hoffnung, dass das regieführende Paar Livia Ungur und Sherng-Lee Huang noch die Kurve bekommt, leider enttäuscht. Nach einigen Kurzfilmen drehten sie ihr erstes 75 Minuten-Werk und wählten dafür auch ein interessantes Thema: in Rumänien war die Seifenoper „Dallas“ in den 80ern ein echter Straßenfeger, ansonsten liefen nur Ceaucescu-Propaganda-Reden. Das Regime wollte mit dieser Serie ein Ventil schaffen und hoffte, dass die kapitalistischen Machenschaften von J. R. Ewing ihren Beitrag zur sozialistischen Erziehung der Bevölkerung leisten würde. Stattdessen wurde J. R. für manche Oligarchen, die nach dem Sturz des Regimes 1989 schnell zu Geld kamen, zum Vorbild. Ilie baute sogar die Southfork Ranch mitten in der rumänischen Landschaft nach und setzte den Eiffelturm in die Mitte. Leider erschöpft sich der Film in ästhetischen Spielereien. Bei dem Versuch, „eine vielschichtige und oft auch surreale Parabel auf Kommunismus, Kindheit und die Macht der Kunst zu erzählen“, übernimmt sich der Film und versandet in Belanglosigkeit.

Berghain-Flair kommt im französischen Film „Théo et Hugo dans le même bateau/Paris 05:59“ der beiden regelmäßigen Panorama-Gäste Olivier Ducastel und Jaques Martineau auf. Die 2ominütigen, expliziten Szenen einer Sex-Party sind sicher nicht mainstream-kompatibel. Der Film (Edition Salzgeber) wechselt jedoch schnell das Ambiente und geht in der Tristesse der Notaufnahme einer Klinik weiter. Da Théo und Hugo die Grundregeln des „Safer Sex“ nicht befolgt haben, werden dort die Notfallmaßnahmen gegen eine befürchtete HIV-Infektion eingeleitet. Der Film beschreibt die Gefühlsschwankungen zwischen Party-Ekstase, Schock über die Diagnose und der bangen Frage, wie es weiter geht, und dreht sich vor allem darum, wie schnell und wie viel Nähe die beiden Hauptfiguren zulassen. „Paris 05:59“ ist in der Tradition französischer Beziehungsdramen souverän gefilmt, verzettelt sich aber auch etwas zu sehr in banalen Dialogen mit anderen Metro-Fahrgästen.

Auch im „Panorama“ der Berlinale 2016 ist bisher mehr Schatten als Licht.

Viel Glamour, aber fade Gags bei der 50er Jahre-Hommage „Hail, Caesar!“ zur Berlinale-Eröffnung

George Clooney und Scarlett Johansson! Zwei der schillerndsten Stars, die Hollywood zu bieten hat: Festival-Direktor Dieter Kosslick ist zur Eröffnung der Berlinale ein echter Coup gelungen. Aber auch das restliche Staraufgebot kann sich sehen lassen: Ralph Fiennes! Tilda Swinton! Jonah Hill! Channing Tatum! Josh Brolin! Frances McDormand! Sie alle spielen in „Hail, Caesar!“, dem neuen Film der Brüder Ethan und Joel Coen mit.

Über mangelnden Glamour auf dem Roten Teppich konnte sich zur Eröffnung der Berlinale 2016 niemand beschweren. Der Film „Hail, Caesar!“ hielt aber leider nicht ganz, was die geballte Ladung hochkarätiger Könner versprach. Dass Programmheft kündigte den Film als „überdrehte Komödie“ an und verglich ihn mit „Burn after Reading“ (Eröffnungsfilm des Festivals in Venedig 2008).

Der Plot von „Hail, Caesar!“ bietet Momente zum Schmunzeln. Für eine aberwitzge Farce fehlt aber das nötige Tempo. Ohne zuviel zu verraten: Im Mittelpunkt der Handlung steht Eddie Mannix (Josh Brolin). Seine Frau liegt ihm damit in den Ohren, dass er endlich mit dem Rauchen aufhören soll. Im Job hat er alle Hände voll zu tun, dass sein Hollywood-Studio nicht im Chaos versinkt. Die Allüren seiner Filmstars sind ziemlich anstrengend. Die Diva DeeAnna Moran (Scarlett Johannson) zickt beim Meerjungfrauen-Ballett herum und ist schwanger, aber unverheiratet: Was für ein Skandal in den 50er Jahren! Das Teenie-Idol Hobie Doyle (Alden Ehrenreich) ist als Western-Held ein Kassenmagnet, stößt aber schnell an seine Grenzen, wenn er die Dialoge in einer Komödie sprechen soll. Zu allem Überfluss ist auch noch der Star des neuen Sandalen-Historienschinkens wie vom Erdboden verschwunden: Ist Baird Whitlock (George Clooney) mal wieder auf einer seiner berüchtigten Sauftouren? Es ist zum Hasareraufen. Kein Wunder, dass Mannix überlegt, das Filmbusiness zu verlassen und lieber zum Rüstungskonzern Lockheed zu wechseln.

Am stärksten ist der Film, wenn er als satirische Hommage an das Kino der 50er Jahre in die damals beliebtesten Genres eintaucht: neben dem monumentalen Historienfilm mit biblischen Motiven (á la „Ben Hur“) und den Western sind das Musicals (hier mit Matrosen) und Theater-Adaptionen vom Broadway. Charmant gemacht ist auch, wie die Paranoia der McCarthy-Ära vor einer Unterwanderung durch die Kommunisten aufgespießt wird. Zu viele Längen und zu wenige zündende Gags machen diese guten Ansätze zunichte. Deshalb bekam der neueste Coen-Film „Hail, Caesar!“ auch vor wenigen Tagen beim US-Kino-Start oft nur mäßige Kritiken. Hinter den Meisterwerken der beiden regieführenden Brüder bleibt er zurück. Aber bei der Eröffnungsgala der Berlinale steht ja ohnehin das „Sehen und Gesehenwerden“ im Mittelpunkt.

„Hail, Caesar!“ startet nächste Woche am 18. Februar auch außerhalb der Berlinale in den deutschen Kinos.

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