Archiv der Kategorie: Berlinale 2015

Dokumentartheater „El Dschihad“, talentierte Ernst Busch-Schüler in „Zwei Herren aus Verona“, „45 Years“-Ehekrise mit Charlotte Rampling und Auftakt des 15. Literaturfestivals

„El Dschihad“: Dokumentartheater ohne klaren Zugriff

Das Projekt von Claudia Basrawi und ihrem Team klingt sehr interessant: zur Spielzeiteröffnung des Ballhaus Naunynstraße wollten sie in einem Dokumentartheaterabend dem facettenreichen Begriff El Dschihad auf den Grund gehen. Ein naheliegender Gedanke in einem Jahr, das mit dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo begann, in dem Meldungen über Geiselnahmen oder Zerstörungen von Kunstschätzen durch den IS einen Stammplatz in den Nachrichten haben und in dem ein Ende des syrischen Bürgerkriegs und des Leids der Flüchtlinge noch längst nicht abzusehen ist.

Dem El Dschihad-Abend ist auch einige Rechercherabeit anzumerken: aus den Archiven wurde beispielsweise ein Plan aus der Ära des deutschen Kaiserreichs ausgegraben. Max von Oppenheim wollte muslimische Kriegsgefangene in einem sogenannten „Halbmondlager“ in Wünsdorf bei Berlin mit islamistischen Ideen aufwiegeln und „die ganze mohemmadanische Welt zum wilden Aufstand entflammen“. Ausgerechnet dort, wo nur noch die Überreste einer hölzernen Moschee an die Instrumentalisierungsversuche aus dem Kaiserreich erinnern, soll demnächst ein Erstaufnahmelager für Flüchtlinge entstehen.

Es gäbe also genügend Ansatzpunkte für einen anregenden, lehrreichen Theaterabend. Dass das Projekt nicht gelungen ist, liegt vor allem daran, dass Claudia Basrawi, die den Abend mit einem autobiographischen Monolog eröffnet, und ihre Mitspieler Elmira Bahrami, Erdinç Güler, Mario Mentrup und Rahel Savoldelli ihr Material nicht in den Griff bekamen.

Mit gespielter Naivität stellen sie sich gegenseitig Fragen, spielen Experten-Interviews nach und springen durch die Jahrzehnte. Sie bemühen sich sehr darum, das ernste Thema möglichst komisch zu präsentieren, verheddern sich aber in einer Aneinanderreihung kleiner Schnipsel. Der Erkenntnisgewinn blieb deshalb leider gering. Schade, dieser Stoff hätte wesentlich mehr hergegeben.

„Zwei Herren aus Verona“: Ernst Busch-Hochschüler holen aus Shakespeares Frühwerk das Beste heraus

Eine schlechtere Ausgangssituation hatten die sieben Studentinnen und Studenten der HfS Ernst Busch, die unter der Regie von Veit Schubert Zwei Herren aus Verona im Pavillon des Berliner Ensemble einstudierten. Diese Komödie gehört zum Frühwerk von William Shakespeare und ist vermutlich 1590/91 entstanden. Dass dieses Stück im Gegensatz zu Othello, Hamlet oder Romeo und Julia kaum auf den Spielplänen steht, hat seine Gründe: viele Themen und Motive werden angerissen, der Schluss wirkt unglaubwürdig. Die Dramaturgin Anika Bárdos urteilte bei der Einführung im Gartenhaus, dass es sich um einen Text voller Anfängerfehler handele, weil Shakespeare zu viel gewollt habe.

Dennoch schaffen es die jungen Talente, aus diesem Stoff einen wunderbaren Theaterabend zu machen. Die Übersetzung von Frank Günther wurde auf eine knapp zweistündige Fassung klug gekürzt, ihr frischer Ton und die schnellen Rollenwechsel sorgen für eine komischen, schwungvolle Inszenierung.

Aus dem sehr guten Ensemble ragen Leonard Scheicher und Felix Strobel als Valentin und Proteus heraus: der beste Freund wird im Streit um die begehrte Frau zum Intriganten. Zwischen all den Verwicklungen um nicht abgeschickte Briefe, chancenlose Nebenbuhler, sächselnde, aus Klappen im Boden auftauchende Waldbewohner und kauzige Kammerdiener bleibt genug Raum für eine feine Charakterisierung der Hauptfiguren. Zu dem gelungenen Theaterabend trägt auch die schöne musikalische Untermalung bei. Schon bevor sich der Vorhang hebt, gibt Felix Strobel mit der Gitarre eine Kostprobe seines Könnens.

Die Zwei Herren aus Verona sind seit ihrer Premiere im Dezember 2014 ein Publikumserfolg auf der kleinen Bühne des Berliner Ensembles und bieten die Chance, vielversprechende Talente bei ihren ersten Karriereschritten zu erleben.

Kino-Starts von zwei Berlinale-Filmen: „45 Years“ und „Knight of Cups“

Außerdem starteten in dieser Woche zwei Filme in den Kinos, die am Eröffnungswochenende der Berlinale im Februar 2015 liefen.

Vor Knight of Cups kann ich leider nur warnen. Was kann denn schiefgehen, wenn Regie-Altmeister Terrence Malick, der für Thin red line 1998 den Goldenen Bären verdient hat, mit Stars wie Christian Bale, Cate Blanchett und Natalie Portman arbeitet?

Leider fast alles, wie die sich stark lichtenden Reihen bei der Pressevorführung von Knight of Cups am Sonntag Mittag im Berlinale-Palast dokumentierten. So viel Publikumsschwund war selten zu erleben…

Wesentlich besser gefiel mir 45 Years, ein Kammerspiel über ein alterndes Ehepaar. Ein Brief aus der Schweiz stellt plötzlich vieles in Frage: in einer Gletscherspalte wurde die Leiche der jungen Frau gefunden, mit der Geoff (Tom Courtenay) damals zusammen war, bis sie bei einer gemeinsamen Bergtour verunglückte. Seine Kate (Charlotte Rampling) kannte er damals noch nicht, mit ihr ist er nun jahrzehntelang – wie es scheint – recht glücklich verheiratet. Am nächsten Wochenende soll eine große Party mit vielen Freunden aus dem Dorf zum 45. Hochzeitstag stattfinden.

„Plötzlich ist der Raum voller Gespenster“, brachte David Constantine es in der Kurzgeschichte, die diesem Fim zugrundeliegt, auf den Punkt. Kate grübelt: Hätte Geoff sie auch geheiratet, wenn dieses Unglück nicht passiert wäre? Zweifel durchbohren die Routine des Alltags und stören die Feier-Vorbereitungen.

Rampling und Courtenay spielen dies glänzend, sehr minimalistisch. Es ist ein Kino-Erlebnis, die vielen kleinen fragenden, skeptischen, die Vergangenheit abtastenden Blicke und Gesten auf sich wirken zu lassen. Die Berlinale-Jury zeichnete das Duo mit den Silbernen Bären für die Besten Darsteller aus.
Der Film (Regie und Drehbuch: Andrew Haigh) kippt allerdings vor allem gegen Ende zu sehr ins Rührselige.

Trailer zu 45 Years

15. internationales Literaturfestival Berlin mit Javier Marías, Ha Jin, Michael Cunningham, Christian Brückner und Borussia Dortmund

Der spanische Bestsellerautor Javier Marías hielt nicht nur die Eröffnungsrede des 15. Literaturfestivals, sondern stellte dem Publikum auch einen kleinen Auszug aus seinem Roman „So fängt das Schlimme an“ vor, der am 24. September bei S. Fischer erscheinen soll.

Die Handlung spielt in Madrid Anfang der 1980er. Die Gesellschaft ist nach Francos Tod im Umbruch, das Scheidungsrecht wird eingeführt: ein Lichtblick für die unglückliche Ehe von Muriel und Eduardo. In ihr Leben tritt ein Regisseur, der über dem zweiten Auge eine Klappe trägt.

Dem Gespräch von Javier Marías mit Paul Ingendaay war zu entnehmen, dass es ihm vor allem wieder um die Themen Täuschung und Betrug geht. Ob daraus ein ähnlicher Erfolg wie Mein Herz so weiß (1992 im Original, 1996 auf Deutsch) wird, muss sich zeigen.

Auf der Gartenbühne des Festspielhauses in Wilmersdorf stellte Ha Jin seinen Roman Verraten vor: der Autor wurde im Norden Chinas geboren, lebt aber seit 1985 in den USA und lehrt englische Literaturwissenschaft. Über seinen neuen Roman, der im Arche-Verlag (Zürich) erschien, gehen die Meinungen deutlich auseinander.

Frank Arnold, der eine längere Passage aus der Übersetzung las, hielt anschließend ein flammendes Plädoyer für dieses Buch: Ha Jin verstehe es auf geradezu geniale Art, die chinesische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte mit der Erzählung über eine Familie zu verknüpfen. Verraten handelt von einem enttarnten Doppelagenten, der Suizid beging, und von der Identitätssuche seiner Tochter. Ganz anderer Meinung war die NZZ, für einen Thriller sei der Plot viel zu spannungsarm. Aber auch als Ersatz für ein Sachbuch tauge er kaum, da er nur bekannte Fakten wiederhole.

Ein Höhepunkt der ersten Festival-Tage war der Auftritt von Christian Brückner, der Synchronstimme von Robert de Niro. Er las eine Schlüsselstelle aus Die Schneekönigin von Michael Cunningham über einen Mann, der durch den Central Park irrt, nachdem er von seinem Lover per SMS den Laufpass bekommen hat. Diese Passage machte neugierig auf einen Roman, der jedoch nach Ansicht von FAZ und WELT schlicht überladen sei und sich in zu vielen Motiven verzettele.

Im Gespräch mit Sigrid Löffler dekliniert Michael Cunningham, der Creative Writing in New York lehrt, die vielfältigen Themen seines neuen Romans durch: er beschreibt das Kreativmilieu seiner Heimatmetropole, das sich mit prekären Jobs durchs Leben hangelt, schlägt den Bogen von der depressiven Stimmung an der liberalen Ostküste bei George W. Bushs Wiederwahl 2004 zu Obamas „Yes we can“-Wahlkampf 2008. Private Dramen von Krebs bis Trennung und Märchenmotive, die an Hans Christian Andersen anknüpfen, reichern den überbordenden Plot an.

Kann Michael Cunningham damit an seine beiden größten Erfolge The Hours und Ein Zuhause am Ende der Welt, die beide auch verfilmt wurden (2002 mit Meryl Streep und Julianne Moore bzw. 2004 mit Colin Farrell), anknüpfen?

Eine positive Überraschung der ersten Festival-Tage war der Auftritt der Autoren-Nationalmannschaft mit ihrem Sammelband Man muss ein Spiel auch lesen können. Bei jedem Heimspiel von Borussia Dortmund war in der vergangenen Bundesliga-Saison einer der Schriftsteller zu Gast: einige seit Jahren eingefleischte Borussen-Fans, andere dagegen Anhänger des FC Bayern. Die Mutigsten trauten sich in die „Wand“. Nach dem Spieltag erschienen ihre meist lesenswerten Texte (Glossen, Kurzgeschichten, Erlebnisberichte) auf der Webseite des Vereins und nun als Buch. Die Autoren-Nationalmannschaft wurde bei ihrem Auftritt auf der Großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele vom Schauspieler Joachim Król verstärkt, der sich in einem amüsanten Text an die Fahrt in das damals noch geteilte Berlin zum DFB-Pokalfinale 1989 erinnerte.

Da weniger als 48 Stunden später schon das nächste Bundesliga-Spiel anstand, tauchte der versprochene Überraschungsgast aus dem Team von Borussia Dortmund nicht auf. Als Entschädigung zog Monika Maron als Glücksfee die Gewinner von 3×2 Tickets.

Brasilianischer Berlinale-Publikums-Liebling „Que horas ela volta?/Der Sommer mit Mamã“ durchbricht Klassenschranken

Im Rahmen der Sommer-Berlinale im Freiluftkino Friedrichshain lief an diesem Wochenende der brasilianische Publikums-Liebling Que horas ela volta? von Anna Muylaert, der im Februar von der Zuschauer-Jury der Sektion Panorama auf den ersten Platz gewählt wurde.

Der Film ist ein klassisches Emanzipationsdrama: die Haushälterin Val (gespielt von Regina Casé, einer in Brasilien sehr bekannten Schauspielerin) führt seit fast zwei Jahrzehnten den Haushalt einer Oberschichtsfamilie in Sao Paulo. Stets loyal liest sie den Herrschaften jeden Wunsch von den Lippen ab, den Sohn Fabinho verwöhnt und streichelt sie wie ein eigenes Kind, sie wirkt mit ihrer Rolle und ihrer bescheidenen Kammer durchaus zufrieden. Bis sich plötzlich ihre Tochter Jéssica meldet (Camila Márdila): da Val dringend Geld verdienen musste, hat sie das Mädchen bei einer Tante in der Provinz geparkt. Die selbstbewusste junge Frau möchte sich für ein Architekturstudium an der angesehnsten Hochschule der Metropole bewerben und bringt das Sozialgefüge in diesem Haushalt gehörig durcheinander: mit kecken Suggestivfragen erkämpft sie sich das luxuriöse Gästezimmer anstatt auf der Matratze am Boden der Dienstboten-Wohnung zu kauern. Und auch sonst ist sie nicht bereit, sich an die vielen ungeschriebenen Regeln und Standesschranken zu halten, die ihr Val kopfschüttelnd immer wieder einzutrichtern versucht.

Das Ende dieser trotz einiger Längen ganz amüsanten Studie über eine Gesellschaft im Wandel, in der starre Klassengegensätze langsam in Frage gestellt werden, ist absehbar: Auch Val, aus deren Perspektive die knapp zwei Stunden erzählt werden, nimmt die bestehende Ordnung nicht mehr einfach hin, sondern das Heft das Handelns in die Hand.

Que horas ela volta? wird unter dem Verleih-Titel Der Sommer mit Mamã am 20. August 2015 in den Kinos starten.

Berlinale-Filmdatenblatt zu Que horas ela volta?

Höhepunkte und Totalausfälle im Berlinale-Wettbewerb 2015: insgesamt stärker als in den vergangenen Jahren

Jafar Panahis Taxi zählt trotz einiger Kritikpunkte (mehr dazu hier) sicher zu den gelungeneren und interessanteren Filmen im Berlinale-Wettbewerb 2015. Die Entscheidung der Jury um Darren Aronofsky und Daniel Brühl, ihm den Goldenen Bären zu verleihen, war deshalb gut vertretbar.

Es dürfte ausschlaggebend gewesen sein, dass die Jury ein klares politisches Statement gegen die Zensur abgeben und dem renommierten Regisseur, der nur unter schwersten Bedingungen im Iran weiterarbeiten kann, den Rücken stärken wollte. Die Berlinale wurde mit dieser Entscheidung in jedem Fall ihrem Anspruch gerecht, das politischste der drei großen Kino-Festivals (Cannes, Venedig, Berlin) zu sein.

Die empörten Reaktionen des Mullah-Regimes ließen nicht lange auf sich warten, die staatliche Nachrichtenagentur Tasnim bezeichnete die Preisverleihung als „Höhepunkt der politischen Spielereien bei der Berlinale.“

Der zweite große Sieger bei der Berlinale 2015 war El Club des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín: der von der Kritik hochgehandelte Film gewann verdientermaßen den Großen Preis der Jury. In düsteren, verwaschenen, blau-grauen Farben führt uns der Film in ein abgelegenes Dorf am Meer. Die katholische Amtskirche hat Priester, die sich des sexuellen Missbrauchs oder ähnlicher Vergehen schuldig gemacht haben, in ein Wohnheim abgeschoben, um sie vor dem Fokus der Öffentlichkeit und Strafverfolgung zu schützen.

Das Arrangement wird bedroht, als ein Missbrauchsopfer vor dem Heim auftaucht und seine Wut herausbrüllt. Einer der Priester wagt sich vor die Tür und schießt seinem Ankläger in den Kopf. Dies ruft einen Sonderermittler auf den Plan, der die Ruhe mit intensiven Befragungen stört und mit der Schließung des Heims droht. Beeindruckend ist vor allem, wie die scheinbar harmlose Schwester Mónica (Antonia Zegers, die Frau des Regisseurs) als Aufseherin die Fäden zieht.

El Club ist ein düsterer, gut komponierter Film, der schonunglos in den Wunden der Missbrauchsskandale der katholischen Kirche bohrt, die in den vergangenen Jahren nach und nach ans Licht kamen. Wie es dem Thema entspricht, schlägt Larraín in seinem neuen Werk einen wesentlich bittereren Ton als in seiner bunten Politsatire No an, mit der er 2012 international bekannt wurde und für einen Oscar nominiert war. Damals spielte Gael García Bernal die Hauptrolle, der in El Club leider nicht mitspielt, aber einen weiteren wichtigen Film zum Thema sexueller Missbrauch geprägt hat: La mala educación (2004) von Pedro Almodóvar.

Unter den deutschen Beiträgen ragte Sebastian Schippers fulminanter Victoria-Trip durch die Berliner Nacht heraus, der zurecht einen Silbernen Bären für die beste Kamera bekam (mehr dazu hier). Wesentlich schwächer waren Als wir träumten und Elser: Die Roman-Verfilmung Als wir träumten von Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase blieb hinter den Erwartungen zurück. Ihrer jüngsten Zusammenarbeit fehlt der Witz, der Sommer vorm Balkon (2005) so stark gemacht hat. Stattdessen zieht sich Als wir träumten recht langatmig mit meist sehr jungen, noch unbekannten Schauspielern dahin, die Story über eine Clique Jugendlicher in Leipzig nach dem Mauerfall kann nicht fesseln.

Ebenfalls keinen bleibenden Hinterdruck hinterließ Elser, da sich Regisseur Oliver Hirschbiegel und seine Drehbuch-Autoren Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer nicht recht entscheiden konnten, wie sie die Geschichte des schwäbischen Schreiners Georg Elser erzählen wollen. Im Gegensatz zur Widerstands-Gruppe um Graf von Stauffenberg ist der nur knapp gescheiterte Attentats-Versuch (deshalb auch der englische Titel 13 Minutes) von Elser im Münchner Bürgerbräu-Keller im November 1939 in der breiten Öffentlichkeit nur wenig bekannt, deshalb bleibt positiv hervorzuheben, dass sich eine große Kino-Produktion dieser historischen Persönlichkeit widmet. Der Film bleibt jedoch unter dem Niveau des übrigen Wettbewerbs: zu effekthascherisch und brutal sind die Gestapo-Folter-Szenen (mit Burghart Klaußner), zu aufgesetzt wirken die Schilderungen von Elsers Liebe zu Elsa (Katharina Schüttler).

Experimentierfreudig, aber nur teilweise geglückt waren Eisenstein in Guanajuto und Cha và con và. Mit Eisenstein in Guanajuto kehrte der britische Regisseur Peter Greenaway nach mehrjähriger Pause zurück, konnte dabei jedoch nicht ganz an das Niveau seiner Meisterwerke aus den 80er und 90er Jahren anknüpfen. Visuell sehr interessant, aber inhaltlich zu eindimensional schildert er die Erlebnisse des sowjetischen Regisseurs Sergej Eisenstein auf einer Mexiko-Reise. Bei seinen Dreharbeiten zu Que viva Mexico stürzt sich der Bücherwurm Eisenstein ins pralle Leben und verliebt sich zum ersten Mal. Das Publikum lernt neue Facetten des Meisterregisseurs kennen, der mit Filmen wie Panzerkreuzer Potemkin (1925) Maßstäbe der Filmkunst setzte. Im Gesamtwerk von Greenaway bleibt sein jüngster Film aber wohl nur eine Fußnote.

Der junge vietnamesische Regisseur Phan Dang Di erzählt seine Geschichte über schwierige Liebesbeziehungen, arrangierte Ehen und gesellschaftlichen Druck in Cha và con và zu konfus. Das macht es erstens für die Zuschauer unübersichtlich. Zweitens gelingt es ihm schlechter, seine Kritik an gesellschaftlichen Missständen in Südostasien zu transportieren, als es zum Beispiel in How to win at Checkers (every time) der Fall war, der im Panorama der Berlinale lief.

Trotz eines Totalausfalls wie Terrence Malicks Knight of Cup (mehr dazu hier) war der Wettbewerb um die Goldenen Bären in seiner Breite 2015 stärker besetzt als in den vergangenen Jahren. Dies lag vor allem an den von der Kritik gelobten Filmen Ixcanul aus Guatemala (Alfred-Bauer-Preis), dem Ehekrisen-Drama 45 Years mit Charlotte Rampling (Silberne Bären für die beiden Hauptdarsteller), dem zweiten chilenischen Wettbewerbs-Film El botón de nacár (Silberner Bär für das Beste Drehbuch), Aferim! von Radu Jude über Roma-Diskriminierung und Body der polnischen Regisseurin Malgorzata Szumowska, die schon 2013 mit Teddy-Gewinner In the name of überzeugte, (beide teilten sich den Silbernen Bären für die Beste Regie) sowie Alexey Germans russischem Albtraum Pod electricheskimi oblakami (er teilte sich mit Victoria den Silbernen Bären für die Beste Kamera).

Licht und Schatten bei den Arthouse-Spielfilmen im Panorama der Berlinale 2015

Charakteristisch für die Spielfilm-Auswahl im Panorama der Berlinale 2015 war, dass es häufig Pärchen von zwei ähnlichen Filmen gab, von denen nur einer überzeugte.

Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die beiden Beiträge aus Thailand:
How to win at checkers (every time) ist das gelungene Spielfilm-Debüt von Josh Kim, der als Kind von südkoreanischen Immigranten in Texas geboren wurde und nach einer Station als Journalist in Hongkong seit wenigen Jahren in Bangkog lebt. Der Film hat zwei Stärken: er versteht es, seine düsteren Themen und die harte Kritik an Korruption, Gewalt und Ausbeutung durch Prostitution in einer unterhaltsamen, aus der Sicht des pfiffigen Jungen Oak leichtfüßig erzählten Geschichte anzusprechen. Als ehemaliger Dokumentarfilmer und politischer Journalist hat Josh Kim einen präzisen Blick für Phänomene, an denen sich gesellschaftliche Missstände wie unter einem Brennglas besonders gut sezieren lassen. In diesem Film spielt die sehr manipulationsanfällige Lotterie, mit der Wehrpflichtige in Thailand rekrutiert werden, eine Schlüsselrolle. Während sich die Sprößlinge der lokalen Eliten aus Politik, Geschäftswelt und Mafia einen hinteren Platz in der Schlange erkaufen und somit beim Roulette kaum noch eine der gefürchteten roten Kugeln ziehen, müssen die Jungs aus den unteren Schichten der Gesellschaft als Kanonenfutter herhalten.

Das Gegenteil der sehr fokussierten Herangehensweise von How to win at checkers (every time) war in Onthakan/The Blue Hour, dem zweiten Film aus Thailand, zu erleben. Anucha Boonyawatana macht den typischen Fehler vieler Erstlings-Werke, zu viel aufeinmal zu wollen. Der Film kann sich nicht zwischen den verschiedenen angerissenen Motiven und Genres entscheiden, springt zwischen Mobbing-Opfer-Drama, Liebesgeschichte und Horror-Fantasy-Story hin und her. Trotz vielversprechender Bilder und Szenen, die Potenzial aufblitzen lassen, bleibt Ontahakan weit unter seinen Möglichkeiten.

Licht und Schatten gab es auch bei den beiden Filmen, die sich der rauschhaften Welt der Underground-Clubs und des Partylebens widmen:
Mit Spannung war 54: Director´s Cut von Mark Christopher erwartet worden. 1998 hatten die Weinstein-Brüder von der Produktionsfirma Miramax ihr Veto eingelegt, der Film konnte nur mit radikalen Schnitten in ca. 20 Minuten kürzerer Fassung in den Kinos veröffentlicht werden. Die Hommage an den legendären New Yorker Club, in dem in den 1970er Jahren Andy Warhol und viele andere Promis Stammgast waren, ist jedoch auch im hier als Weltpremiere veröffentlichten Director´s Cut ein oberflächlicher Film, der allzu sehr auf seinen jungen Hauptdarsteller Ryan Phillippe vertraute, dem in Hollywood anschließend nicht mehr viel gelingen sollte.

Bizarre von Étienne Faure ist zwar auch nicht vollständig gelungen, schafft es aber wesentlich besser, die Stimmung des gleichnamigen New Yorker Clubs einzufangen. Dazu tragen ein glückliches Händchen bei der Wahl der Hauptdarsteller (Model Pierre Prieur bei einem vielverprechenden Schauspieler-Debüt) und eine gute Kameraführung bei. Die rätselhaft-assoziative Story passt gut zu den individualistischen Charakteren und der Underground-Atmosphäre.

Enttäuschend waren in diesem Jahr die Independent-Filme aus den USA: Nasty Baby von Sebastián Silva, der auch eine der Hauptrollen spielt, ist eine mäßig unterhaltsame Satire auf das Milieu von Performance-Künstlern in New York, die mit ihren Anträgen bei Geldgebern scheitern und sich in der übrigen Zeit ebenso verzweifelt um eine künstliche Befruchtung bemühen. Der langatmige Film ist kein würdiger Teddy-Gewinner. Mitchell Lichtenstein ließ in Angelica zwar in einigen Momenten seinen satirischen Biss aufblitzen. Sein mit Horror- und Fantasy-Motiven arbeitendes Porträt der viktorianischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts kommt allzu betulich daher und kann nicht an Teeth anknüpfen, mit dem er 2007 im Panorama überzeugte. Der Sohn des Pop-Art-Künstlers Roy Lichtenstein wurde als einer der Hauptdarsteller in Ang Lees Hochzeitsbankett bekannt, der 1993 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

Auch I am Michael konnte nicht ganz überzeugen: Hauptdarsteller James Franco, auf den dieser Film in langen Einstellungen fast komplett zugeschnitten ist, kann nicht über ein grundlegendes Problem in der Konzeption des Films hinweghelfen. Debüt-Regisseur Justin Kelly und sein erfahrener Produzent Gus van Sant hätten ihren interessanten Stoff, der auf einer wahren Geschichte beruht, lieber in einem Dokumentar- als in einem Spielfilm erzählen sollen. Die Wandlung des queeren Aktivisten Michael Glatze zum Pastor einer Freikirche, der Homosexualität strikt ablehnt und seinen langjährigen Partner verlässt, kommt nach einem Herzanfall etwas zu abrupt, um für das Publikum nachvollziehbar zu sein. Eine Dokumentation, die Weggefährten zu Wort kommen lässt und auch das religiöse und ideologische Umfeld der Evangelikalen in den USA ausleuchtet, wäre gewinnbringender gewesen als diese dramatisierte, nur in Ansätzen gelungene Fassung.

Mit den Themen Missbrauch und selbstbestimmter Sexualität setzte sich neben Härte (mehr dazu hier) auch Stina Werenfels in ihrer Kino-Adaption des Theaterstücks Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Autoren von Lukas Bärfuss auseinander. Der Film über eine behinderte junge Frau (Victoria Schulz), die gegen den Willen ihrer Eltern ein Abenteuer mit Peter (Lars Eidinger) beginnt und schwanger wird, wirft schwierige Fragen auf und wird beim Kinostart, der für Mai geplant ist, noch für viele Diskussionen sorgen. Überzeugend spielt vor allem Jenny Schily als Doras Mutter Kristin.

Das lateinamerikanische Kino, das schon im Wettbewerb einige Glanzlichter setzte (mehr dazu hier), war auch im Panorama mit dem Publikums-Preisträger Que horas ela volta?/The second mother aus Brasilien (über die Klassengegensätze zwischen einer Oberschichtsfamilie und ihrer Haushälterin und die selbstbewusste Reaktion der Tochter der Haushälterin) und Juan Schnitmans argentinischem Beziehungsdrama El Incendio stark vertreten. Sein Landsmann Marco Berger konnte jedoch mit seinem von Shakespeares Sommernachtstraum inspirierten, sehr versponnenen und zwischen Zeit-Ebenen und Figurenkonstellationen springenden Film Mariposa nicht an das Niveau früherer Werke wie Plan B (2009) oder Ausente (Teddy-Gewinner 2011) anknüpfen.

Entdeckung in der Reihe „Berlinale Classics“: „In Cold Blood“ nach Truman Capote

Seit einigen Jahren werden in der Reihe Berlinale Classics digital restaurierte Filme präsentiert. Neben Dauerbrennern wie James Bond 007 – Goldfinger (1964, mit dem Duell zwischen Gert Fröbe und Sean Connery) war in diesem Jahr ein glänzend komponierter Thriller wiederzuentdecken.

Truman Capotes Dokumentarroman In Cold blood über zwei Mörder, die bei einem Raubüberfall in Kansas eine Familie umgebracht haben, wurde 1965 zum Bestseller. Schon zwei Jahre später verfilmte Richard Brooks den Stoff für die große Leinwand. Obwohl der Film damals für vier Oscars nominiert war, ist er heute kaum noch bekannt.

Das Besondere an diesem Schwarz-Weiß-Film ist, wie gut er den Spannungsbogen über mehr als zwei Stunden hält und wie konsequent er mit gelungenen musikalischen und ästhetischen Mitteln scharfe Kontraste zwischen der Welt der Täter und der Opfer zeichnet. Hier aufgewühlter Jazz von Quincy Jones, düstere Einstellungen, die höchstens von brennenden Zigaretten aufgehellt werden; dort klassische Sinfonien und helle Räume.

Eindrucksvoll sind auch die Passagen über die Ermittlungsarbeit, die schließlich zur Verhaftung und Verurteilung der Täter führt.

„Panorama Dokumente“ der Berlinale 2015: klare politische Haltung und Eintauchen in unbekannte Welten

In der Arthouse-Independent-Sektion Panorama der Berlinale 2015 überzeugten vor allem die Dokumentarfilme. Neben der bereits erwähnten Une jeunesse allemande über die Radikalisierung mancher 68er bis zum Deutschen Herbst 1977 (mehr dazu hier) stachen folgende Filme hervor:

Die New Yorker Polit-Guerrrilla-Aktivisten The Yes Men (Andy Bichlbaum und Mike Bonanno) kamen nach 2009 (Panorama Publikumspreis für The Yes Men fix the world) zurück nach Berlin und wurden mit gemischten Gefühlen erwartet. Würde es ihnen gelingen, ihren anarchistischen Späßen einen neuen Dreh zu geben oder würde nur alter Wein in neuen Schläuchen serviert? Glücklicherweise gelang ersteres: Der neue Film The Yes Men are revolting ist eine spannende Selbst-Reflexion der Polit-Aktivisten über ihre Arbeit. Auf einer Achterbahnfahrt sprechen sie schonungslos auch über die Momente ihres Scheiterns und ihrer Selbstzweifel wie nach dem desaströsen UN-Klimagipfel in Kopenhagen 2009, bevor der Arabische Frühling und die Occupy-Bewegung ihnen 2011 neue Kraft gaben, an die Veränderbarkeit politischer Zustände zu glauben. Gegen Ende des Films laufen die Yes Men wieder zur Hochform auf, als sie eine Konferenz des Militär- und Sicherheits-Establishments dazu bringen, einen Tanz für Erneuerbare Energien und Klimaschutz aufzuführen. Auch am Rande der Berlinale sorgten sie wieder für Wirbel, als sie die Charity-Gala Cinema for Peace während einer Laudatio von Natalie Portman stürmten und lautstark fossile Energieerzeugung anprangerten, was ihnen sofort ein Hausverbot im Konzerthaus am Gendarmenmarkt einbrachte.

Mut bewies das tschechische Fernsehen, als es die Regisseurin Veronika Lišková fragte, die Dokumentation Danieluv Svet/Daniel´s World über einen 25jährigen Literaturwissenschafts-Studenten zu drehen, der sich ausschließlich zu präpubertären Jungen hingezogen fühlt. Die Kamera porträtiert einen jungen Mann, der offen zu seiner sexuellen Veranlagung steht und für sich die Grenze zieht, dass er zwar die Nähe der Kinder sucht, aber einen sexuellen Übergriff ausschließt. Sensibel und ohne die Reproduktion von Klischees und Zerrbildern erfährt das Publikum über Daniels Träume, Hoffnungen und Ängste, die jedoch alle von der bitteren Gewissheit geprägt sind, dass seine pädophile Veranlagung eine glückliche Liebesbeziehung fast aussichtslos macht. Ein 74 Minuten kurzer, intensiver Film.

Schwächer als Tell spring not to come this year, ein Film über den Rückzug der NATO-Truppen aus Afghanistan, der den Panorama-Publikumspreis und den Amnesty-Friedensfilmpreis gewann, war Misfits, die Reise des dänischen Filmemachers Jannik Splidsboel in ein LGBT-Jugendzentrum in Tulsa, Oklahoma, einer Hochburg der Evangelikalen im amerikanischen Bible Belt. Splidsboel wurde durch einen Zeitungsartikel auf das Jugendzentrum, das symbolisch zwischen zwei Kirchtürmen eingezwängt ist, aufmerksam. Bei seiner Recherche blickt er aber zu wenig über den Tellerrand der Weltsicht und des Alltags seiner 15-19jährigen Hauptfiguren hinaus. Wenn er seine Interview-Ergebnisse in einen breiteren Kontext eingeordnet hätte, wäre der Film für das Publikum noch interessanter und lohnender geworden. So bleibt er in – teilweise interessanten – Momentaufnahmen stecken.

Ein zu früh verstorbener Meister des deutschen Autorenkinos wurde von seinem dänischen Kollegen und Weggefährten Christian Braad Thomsen in der No-Budget-Doku Fassbinder – Lieben ohne zu fordern gewürdigt. Thomsen kramte alte Interview-Aufnahmen, die er mit dem damals – wie so oft – akut erschöpften Rainer Werner Fassbinder in einem Hotel am Rande des Festivals von Cannes führte, vom Mai 1978 aus seinem Archiv heraus. Ungewöhnlich offen sprach Fassbinder damals über prägende Kindheitserfahrungen, seinen cineastischen Stil und Zukunftspläne. Angereichert mit Zeitzeugen-Interviews von damals und heute sowie mit Filmausschnitten seiner wichtigsten Werke entsteht eine liebevolle Collage der Stärken und Schwächen Fassbinders. Leider ist die Anordnung des Materials in neun Kapiteln nicht immer nachvollziehbar, sondern oft recht assoziativ, dies ändert jedoch nichts daran, dass Fassbinder-Kenner neue Facetten kennenlernen und Neueinsteiger einen ersten Überblick über sein gewaltiges Schaffen bekommen. Irm Hermann, die auf der Leinwand die interessantesten Interview-Passagen über eine lebenslang sehr schwierige, verletzende, aber dennoch enge Beziehung zu Fassbinder beisteuerte, konnte bei der Premiere im Berliner Kino International nicht dabei sein, da sie mit Christoph Marthaler für eine Theater-Premiere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg probte.

Erste Filme im Wettbewerb: Berliner Kleinkriminielle in „Victoria“, Widerstand gegen Zensur im Iran in „Taxi“, Massenabwanderung in Terrence Malicks „Knight of Cup“

Zu den ersten Höhepunkten des Festivals zählt die WDR/arte-Co-Produktion Victoria, mit der sich Regisseur und Drehbuchautor Sebastian Schipper zurückmeldet. Nach ersten Erfolgen (Absolute Giganten, 1999 und Ein Freund von mir, 2004) war es stiller um ihn geworden.

Victoria ist trotz Überlänge von 140 Minuten ein packender Thriller über eine Gang Kleinkrimineller, die zunächst in einem Club eine junge, erst vor drei Monaten nach Berlin gezogene Spanierin (Laia Costa in der Titelrolle der Victoria) kennenlernen und mit ihr gemeinsam ziellos durch die Nacht ziehen. Der Film wirkt anfangs wie eine Sozialstudie über Mittzwanziger in der Hauptstadt, nimmt aber rasant an Fahrt auf, als sich ein ehemaliger Knast-Genosse meldet und die Clique auffordert, für ihn eine Bank zu überfallen: ein Coup, der für die Kleinkriminellen ein paar Nummern zu groß scheint.

Zum sehr stimmigen Soundtrack von Nils Frahm schickt Regisseur Sebastian Schipper seine Jungs (überzeugend gespielt von Frederick Lau, Franz Rogowski und Burak Yigit) mit ihrer spanischen Begleiterin auf eine wilde Tour durch Berliner Milieus von den Hinterhöfen Kreuzbergs und Neuköllns bis zum Westin Grand Hotel.

Eine Besonderheit dieses deutschen Beitrags im Rennen um den Goldenen Bären ist, dass er ohne Schnitt gedreht wurde. Selbst die hanseatisch-vornehme ZEIT war von dieser rasanten Tour de Force begeistert: „Man sitzt und schaut und ist völlig überwältigt von dem, was man da sieht.“ Der RBB ruft den Film bereits zum Top-Favoriten aus, obwohl das Festival gerade erst begonnen hat: „Es fällt schwer, eine Auszeichnung aus dem Portfolio der Berlinale zu benennen, die „Victoria“ nicht verdient hätte. Laia Costa als Darstellerin, Frederick Lau als Darsteller, Kameramann Sturla Brandth Grøvlen, Co-Drehbuchautor und Regisseur Sebastian Schipper: Sie alle haben hier Herausragendes geleistet – und nicht nur der diesjährigen Berlinale den bisher kraftvollsten Film beschert, sondern dem Festival insgesamt den besten, gewagtesten, gewaltigsten deutschen Wettbewerbsbeitrag seit vielen Jahren.“

Wesentlich ruhiger, aber nicht weniger interessant geht es in Jafar Panahis neuem Film Taxi zu. Von Meisterwerken wie Offside (Silberner Bär, 2006) fühlte sich das iranische Regime so sehr provoziert, dass der Regisseur Panahi 2010 zu zwanzig Jahren Berufs- und Reiseverbot verurteilt wurde. Dennoch findet Panahi immer wieder Mittel und Wege, alle Schikanen zu unterlaufen und Filme auf die großen internationalen Festivals zu schmuggeln.

Panahis neuer Film Taxi ist ein mit hinter dem Armaturenbrett eines Teheraner Sammeltaxis versteckter Kamera gefilmtes philosophisches Roadmovie über Zensur und künstlerische Freiheit. Langsam schleicht sich der Film an sein zentrales Thema heran. In der ersten Stunde unterhält er mit skurrilen Momentaufnahmen und giftigen Dialogen zwischen den Taxi-Mifahrern: ein Straßenräuber diskutiert mit einer verschleierten Lehrerin über die Todesstrafe, zwei abergläubische Frauen müssen ihre Goldfische unbedingt zu einer bestimmten Uhrzeit in einem Teich aussetzen.

Als man denkt, dass der Film langsam redundant wird, spricht er das bis dahin nur zwischen den Zeilen erkennbare Thema Meinungsfreiheit offen an. Dies übernehmen eine Menschenrechtsanwältin, die gerade auf dem Weg zu einer inhaftierten Mandantin ist, und die Nichte des Regisseurs, die mindestens ebenso pfiffig ist wie ihr prominenter Onkel Jafar Panahi. In diesen Dialogen geht es um die für Künstler und NGOs im Iran überlebenswichtige Frage, wo die Grenzen des Sag- und Zeigbaren liegen. Die Nichte legt mit kindlich-schlauen Fragen zu ihrem Schulprojekt, einen Film mit Handkamera zu drehen, den Finger in die offenen Wunden, die Anwältin beleuchtet das Thema analytischer aus ihrer Praxis, bis der Film in einer überraschenden Pointe endet.

Taxi zählt zu den gelungenen Filmen an diesem Berlinale-Eröffnungswochenende, der Tagesspiegel fand ihn sogar „brillant“.

Was kann schiefgehen, wenn Regie-Altmeister Terrence Malick, der für Thin red line 1998 den Goldenen Bären verdient hat, mit Stars wie Christian Bale, Cate Blanchett und Natalie Portman arbeitet?

Leider fast alles, wie die sich stark lichtenden Reihen bei der Pressevorführung von Knight of Cups am Sonntag Mittag im Berlinale-Palast dokumentierten. So viel Publikumsschwund war selten zu erleben…

Düstere Stoffe zum Berlinale-Auftakt im „Panorama“: Drogenkrieg, Gewalt im Rotlicht-Milieu und RAF-Terror

Dass Gabriel Ripsteins 600 Millas nicht gut ausgehen wird, ahnt man schon bei der Exposition, als ein Teenager einen sehr reichhaltig ausgestatten Waffenladen irgendwo im Süden der USA betritt. Gemeinsam mit einem Kumpel hat er das Geschäftsmodell entdeckt, Waffen für Drogenkartelle über die Grenze nach Mexiko zu schmugggeln.

Als der Drogenfahnder Hank Harris (Tim Roth) sie festnehmen will, gerät er in die Gewalt der Jugendlichen und wird als Geisel genommen. Recht unrealistisch und für einen Genre-Film ungewöhnlich tempoarm entfaltet sich eine blutige Gewaltspirale. Gabriel Ripsteins erster Spielfilm ist deshalb leider nicht ganz gelungen. Die Zuschauer erfahren auch wenig über die explosive Gemengelage in der Grenzregion zwischen USA und Mexiko mit den Migrantenströmen, den hochgerüsteten Grenzanlagen und dem Krieg zwischen den rivalisierenden Kartellen.

Eine bemerkenswerte Szene hat der Film doch noch zu bieten: einer der beiden Jungs (Kristyan Ferrer, der auch im gelungeren mexikanischen Kinofilm Sin Nombre 2009 zu sehen war), posiert vor dem Spiegel im Stil von Robert de Niro und imitiert dessen legendäre You are talking to me?-Szene aus Taxi Driver.

In gewalttätige Milieus taucht auch Berlinale-Stammgast Rosa von Praunheim ein. Sein neuer Film Härte , eine Co-Produktion mit WDR, RBB und arte, erzählt die Lebensgeschichte des Neuköllner Karate-Weltmeisters und Zuhälters Andreas Marquardt. In diesem Dokudrama erinnern sich Marquardt und seine langjährige Partnerin Marion Erdmann vor der Kamera an die brutalen gemeinsamen letzten Jahrzehnte: wie Marquardt als Kind vom Vater gequält und einige Jahre später von der Mutter missbraucht wurde; wie er ins Rotlicht-Milieu hineingeriet und Frauen als Stück Fleisch behandelte; wie er sieben bis acht Frauen gleichzeitig vorspielte, er sei mit ihnen zusammen, und sie auf den Straßenstrich schickte; wie er mehrfach im Gefängnis landete; und wie er heute nach Haftentlassung und Therapie ein Fitness-Studio und eine Karateschule betreibt.

Man muss zugeben, dass die beiden exzellenten Schauspieler Hanno Koffler (als Andreas Marquardt) und Luise Heyer (als Marion Erdmann) in den Spiel-Szenen, die zwischen die aktuellen Interviews geschnitten sind, die düstere Geschichte der beiden eindrucksvoll auf der Leinwand darstellen. Warum sich Marion Erdmann nach so vielen Demütigungen und Gewalt darauf einlässt, den Heiratsantrag anzunehmen, den Marquardt ihr bereits am Ende des Films macht und den er bei der Premiere im Zoo-Palast wiederholt, bleibt ihr Geheimnis. Härte ist sehr rauhe Kost über unsympathische, brutale Menschen in dubiosen Milieus.

Um eine Gewalt-Spirale geht es auch im neuen Dokumentarfilm Une Jeunesse Allemande des Franzosen Jean-Gabriel Périot. Das berühmte Streitgespräch von Regie-Legende Rainer Werner Fassbinder mit seiner Mutter am Küchentisch in dem sehr empfehlenswerten Episoden-Film Deutschland im Herbst ließ ihn nicht los: unter dem unmittelbaren Eindruck der Schleyer-Einführung, des in Mogadischu von der GSG9 gestürmten Lufthansa-Flugzeugs und der Nachricht über die toten RAF-Terroristen im Gefängnis Stuttgart-Stammheim liefertenn sich Mutter und Sohn Fassbinder im Jahr 1977 eine hitzige Debatte über die richtige Antwort auf den Terror und die Frage, ob wir uns statt der Demokratie lieber für einen gütigen, aber strengen autokratischen Herrscher entscheiden sollten, wie ihn sich Frau Fassbinder wünscht.

Diese Szene war der Auslöser für Périots Reise ins Archiv der Deutschen Kinemathek. Er wollte wissen, warum sich begabte Studenten wie Gudrun Ensslin und Holger Meins oder die anerkannte Journalistin Ulrike Meinhof nach dem Mai 1968, als auch in Paris die Jugend auf die Barrikaden ging, anders als in Frankreich derart radikalisierten, dass sie das Land mit dem RAF-Terror der 70er Jahre überzogen.

Périot ist es tatsächlich gelungen, einige interessante und kaum bekannte Fundstücke aus dem Archiv auszugraben. Sein Film Une jeunesse allemande erklärt den Weg in den Untergrund zwar nicht, aber er dokumentiert den Zeitgeist und die Rahmenbedingungen auf sehenswerte Art und Weise.

Wer nach so viel Gewalt ein Kontrastprogramm braucht, ist bei der brasilianischen Liebesgeschichte Beira-Mar im Forum der Berlinale gut aufgehoben. Das Regie-Duo Marcio Relon und Filipe Matzembacher filmte die Erinnerung an ihre Jugend, als sie sich sehr langsam näher kamen. Die Entwicklung zwischen Martin und Tomaz ist filmisch stimmig umgesetzt, das Ende ist jedoch lange vorhersehbar. Beira-Mar ist eine von vielen Coming out-Liebesgeschichten und fügt diesem Genre nichts Neues hinzu.

Darren Aronofsky wird Jury-Präsident der Berlinale 2015

Der US-amerikanische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Darren Aronofsky wird Jury-Präsident der 65. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Nach seinem Studium an der Harvard University hatte Aronofsky sein Debüt als Kinoregisseur 1998 mit Pi – System im Chaos (Pi), der beim Sundance Festival den Preis für die beste Regie erhielt und bei den Independent Spirit Awards für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. 2000 präsentierte er seine umjubelte Literaturverfilmung Requiem for a Dream beim Filmfestival Cannes und 2006 seinen Kultfilm The Fountain in Venedig. Ebenfalls bei der Mostra del Cinema in Venedig 2008 erhielt The Wrestler den Goldenen Löwen und bei den AFI Awards in Los Angeles wurde The Wrestler als Film des Jahres gekrönt. Der Film bedeutete auch das aufsehenerregende Comeback seines Hauptdarstellers Mickey Rourke.

2011 stellte Darren Aronofsky den im Ballettmilieu spielenden Black Swan vor, der in der Kategorie Beste Regie sowohl beim Oscar als auch bei den Golden Globes, der Director’s Guild of America und beim britischen BAFTA nominiert wurde. 2014 startete Aronofskys bildgewaltiges Drama Noah weltweit im Kino.