Archiv der Kategorie: Berlinale 2011

Der Fall Chodorkowski: Sehenswerte Dokumentation

Dokumentarfilme sorgen nur selten für Schlagzeilen. Der Fall Chodorkowski von Cyril Tusch ist eine dieser Ausnahmen. Vor der Berlinale 2011 waren unter mysteriösen Umständen Kopien verschwunden, was zu Spekulationen in den Medien führte. Bei der Premiere im Kino International soll es zu fast tumultartigen Szenen gekommen sein, weil das Publikumsinteresse das Fassungsvermögen des Kinosaals weit überstieg.

Cyril Tuschi gelang mit Der Fall Chodorkowski eine der sehenswertesten Dokumenationen dieses Kinojahres, die in ruhigem Ton und vielen Interviews die vielfältigen Facetten dieses Justiz- und Politdramas aus Putins gelenkter Demokratie auffächert. 180 Stunden Interviews wurden auf 110 Minuten verdichtet, ein besonderer Coup des Regisseurs war, dass ihm tatsächlich einige kurze Gesprächsminuten mit Chodorkowskij am Rande einer Gerichtsverhandlung gewährt wurden. Chodorkowskij wirkt darin erstaunlich gelassen. Offensichtlich war er sich auch vor seiner Verhaftung im Jahr 2003 bewusst, dass er im Visier der Justiz steht, da sich die Vorwürfe und die Untersuchungen gegen den Yukos-Konzern  und seinen Geschäftspartner Platon Lebedew intensivierten. Vor allem galt dies nach einem denkwürdigen Konflikt mit Putin bei einem Treffen mit den anderen Wirtschafts-Oligarchen im Kreml und angesichts finanzieller Unterstützung von Oppositionspolitikern. Obwohl ihm seine Situation bewusst war, kehrte er von einer USA-Reise zurück und wurde noch im Privatjet verhaftet. Ihm wurden in mehreren Verfahren Steuerhinterziehung, Untreue und Diebstahl von Ölvorräten vorgeworfen. Das gesamte Verfahren wirrd seit Jahren von Menschenrechtsorganisationen massiv kritisiert.

Der Film zeichnet aber auch die interessante Vorgeschichte nach: Der Komsomol-Kader und Chemiestudent Chodorkowskij steigt während Gorbatschows Perestroika und Jelzins Privatisierungspolitik zu einem der reichsten Männer seines Landes, verändert seinen gesamten Kleidungsstil und wird zu einem einflussreichen Konzernlenker.

Für das deutsche Publikum, das diesen Film nach seinem bundesweiten Start ab 17. November im Kino erleben kann, sind vor allem die Auftritte von Joschka Fischer und Gerhard Schröder höchst interessant. Gerhard Schröder verweigert jedes Interview zu seinem Duzfreund und Geschäftspartner Putin und dessen Widersacher Chodorkowskij. Der Film zitiert nur Archivaufnahmen einer ZEIT-Matinee, als Schröder von Josef Joffe und Michael Naumann auf den Prozess und die anschließende Inhaftierung des Ölmanagers Chodorkowskij in Sibirien angesprochen wurde. In seiner flapsigen Machohaftigkeit antwortete er nur, dass schließlich jeder Staat seine Steuersünder bestrafen müsse. Auf Joffes Einwand, aber doch nicht gleich in Sibirien, konterte der Alt-Kanzler, dass wir hierzulande eben kein Sibirien haben.

Sein langjähriger Vize-Kanzler und Außenminister Joschka Fischer stellte sich einem Gespräch in sommerlicher Parklandschaft, die wohl sein Garten im Grunewald ist. In seiner unnachahmlichen Art macht er dem Regisseur Tuschi klar, dass er wie die meisten anderen Menschen nicht in der Lage sei, die Weltlage so klug zu analysieren wie der große Staatsmann Joschka Fischer. Menschenrechte seien schön und gut. Aber man dürfe nicht übersehen, dass die Weltpolitik von Interessen dominiert werde. Das habe sein Gegenüber nicht begriffen, raunzte er beim Aufstehen aus seinem Stuhl.

Filmstart: 17.11.2011

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Margin Call: Toxische Papiere lösen Finanzkrise

Parallel zur Abstimmung um den euro-Rettungsschirm und vor dem Hintergrund immer düsterer Meldungen über Griechenlands Schuldenlast kam ein Independent-Film in die deutschen Kinos, der schon im Winter auf der Berlinale viel Aufmerksamkeit bekam: Margin Call – Der große Crash zeichnet mit prominenter Besetzung (Kevin Spacey, Jeremy Irons, Demi Moore), aber geringem Budget den Moment nach, als in der Risikoabteilung einer Bank klar wird, dass die toxischen Papiere, die Warren Buffet als Massenvernichtungswaffen bezeichnete, unkontrollierbare Wirkung entfalten.

In nächtlichen, hektischen Krisensitzungen beraten zunächst die Abteilungsleiter, bis der Boss (Jeremy Irons) beschließt, dass es seiner Meinung nach keine andere Möglichkeit gibt, als die wertlosen Papiere binnen Stunden am nächsten Morgen auf den Markt zu werfen. Die Glaubwürdigkeit des Hauses und der einzelnen Börsenhändler, die ihren Käufern den Schrott mit Überzeugungskunst andrehen müssen, ist damit auf Jahre hinaus ruiniert. Aber andernfalls würde der große Crash das Bankhaus wohl sofort ruinieren.

Margin Call ist ein sehr dialoglastiger Film, der deutlich auf die Abgründe der internationalen Finanzmärkte hinweist. Die Regulierung, die nach der Lehman-Pleite 2008 angekündigt wurde, blieb in Ansätzen stecken, die überfällige Einführung der Finanzmarkttransaktionssteuer ist immer noch nur im Planungsstadium.

Der Filmtitel geht auf einen Fachbegriff aus der Börsensprache zurück, mit dem vor dem Überschreiten roter Linien gewarnt wird.

Kinostart: 30. September 2011

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Nader und Simin – eine Trennung: Konflikte in Teheran

Selten hat ein Film bei der Berlinale so abgeräumt wie "Nader und Simin – eine Trennung" in diesem Jahr: der Goldene Bär als Bester Film und gleich zwei Silberne Bären für die Besten Hauptdarsteller. Das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung überschlägt sich schier vor Begeisterung: ein "Ausnahmefilm", dessen Erzählgewebe so dicht sei wie in der US-Serie "Wire".

In dieser Woche startet der iranische Film bundesweit in den Kinos, so dass sich jeder selbst ein Bild machen kann, ob diese Vorschusslorbeeren berechtigt sind.

Bei Asgar Farhadis Gesellschaftsdrama handelt es sich meiner Meinung nach um den stärksten Sieger der Berlinale-Festivals der vergangenen Jahre. Das liegt zum Teil an seinem präzisen Blick auf die Konflikte zwischen den sehr unterschiedlichen Milieus in Teheran. Es liegt aber auch daran, dass frühere Preisträger meist schon nach wenigen Wochen in der Versenkung verschwanden und kaum jemand das Jury-Urteil nachvollziehen konnte.

Das Bemerkenswerteste an diesem Film ist, mit welchem Mut er zwei Stunden lang den Finger in die Wunden der iranischen Gesellschaft legt: die weibliche Hauptfigur Simin möchte am liebsten das Land gemeinsam mit ihrer Tochter verlassen. Nach den Regeln des Gottesstaates ist die Scheidung aber nicht so einfach möglich. Dennoch trennt sie sich von ihrem Mann Nader, der daraufhin eine streng religiöse Frau als Haushaltshilfe und Pflegerin seines dementen Vaters anstellt. Sie ist eine prototypische Anhängerin von Ahmadinedschad, der seine Basis vor allem in den ärmeren Stadtvierteln hat.

Der Film zeigt schonungslos, wie schwer es ist, sich in dem Netz aus Vorschriften und ungeschriebenen Verhaltensregeln in der Mullahkratie zurechtzufinden und halbwegs durchzulavieren. In wechselnden Konstellationen treffen sich die Protagonisten vor Gericht, verheddern sich in Halbwahrheiten und werden immer verzweifelter.

Es ist sehr erstaunlich, dass der Film der sonst so strengen Zensur nicht zum Opfer. Im Gegenteil: an den Kinokassen und vor allem im DVD-Verkauf ist der Film im Iran ziemlich erfolgreich. Der Regisseur hat im Gegensatz zu Kollegen wie Jafer Panahi auch kein Reiseverbot. In Berlin konnte er aber diese Woche dennoch nicht anwesend sein: der französische Kulturminister hatte ihn eingeladen.

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Wettbewerbsfilme

Die ersten acht Filme für den Wettbewerb der 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin stehen fest. Neben dem bereits angekündigten Eröffnungsfilm True Grit von Joel und Ethan Coen kommen sieben Produktionen bzw. Co-Produktionen aus der Türkei, den Niederlanden, Israel, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den USA hinzu:

Bizim Büyük Çaresizliğimiz (Our Grand Despair)
Türkei / Deutschland / Niederlande
Von Seyfi Teoman
Mit İlker Aksum, Fatih Al, Güneş Sayın, Baki Davrak, Taner Birsel, Mehmet Ali Nuroğlu
Weltpremiere

Coriolanus Großbritannien – Debütfilm
Von Ralph Fiennes
Mit Ralph Fiennes, Gerard Butler, Vanessa Redgrave, Brian Cox, James Nesbitt
Weltpremiere / außer Konkurrenz

Lipstikka  Israel/Großbritannien
Von Jonathan Sagall
Mit Clara Khoury, Nataly Attiya, Moran Rosenblatt, Ziv Weiner
Weltpremiere

Pina  Deutschland/Frankreich – Tanzfilm in 3D
Von Wim Wenders
Mit dem Ensemble des Tanztheater Wuppertal
Weltpremiere /außer Konkurrenz

Wer wenn nicht wir (If not us, who?)  Deutschland
Von Andres Veiel 
Mit August Diehl, Lena Lauzemis, Alexander Fehling
Weltpremiere

Yelling To The Sky  USA – Debütfilm
Von Victoria Mahoney
Mit Zoë Kravitz, Gabourey Sidibe, Tim Blake Nelson
Weltpremiere

The Future  Deutschland / USA
Von Miranda July
Mit Hamish Linklater, Miranda July, David Warshofsky
Internationale Premiere

Berlinale-Jurypräsidentin 2011: Isabella Rosselini

Die italienisch-amerikanische Schauspielerin und Regisseurin Isabella Rossellini wird Jury-Präsidentin bei den 61. Internationalen Filmfestspielen Berlin (10.-20.02.2011).

Die Tochter der schwedischen Schauspielerin Ingrid Bergman und des italienischen Regisseurs Roberto Rossellini begann ihre berufliche Laufbahn zunächst als Modedesignerin und Journalistin. Sie arbeitete damals vor allem in New York. Ihr Schauspieldebüt hatte sie 1976 an der Seite ihrer Mutter in Vincente Minellis A Matter Of Time, danach spielte sie u.a. in Filmen von Paolo und Vittorio Taviani, Norman Mailer, Robert Zemeckis, Joel Schumacher, John Schlesinger, Peter Weir, Abel Ferrara, Stanley Tucci, Guy Maddin, Peter Greenaway u.v.m. International bekannt wurde sie vor allem durch ihre Rollen in David Lynchs Filmen Blue Velvet (1986) und Wild at Heart – die Geschichte von Sailor und Lula (1990).

Erstmals bei der Berlinale war Isabella Rossellini 1994 als Hauptdarstellerin in Peter Weirs Wettbewerbsbeitrag Fearless zu sehen. In den vergangenen Jahren war sie regelmäßig zu Gast bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin: 2005 drehte sie mit dem kanadischen Experimentalfilmer Guy Maddin den Kurzfilm My Dad is 100 Years Old, eine Hommage an ihren Vater Roberto Rossellini, der im Rahmen des Berlinale Special 2006 lief. 2007 kehrte sie als Kinoerzählerin in Guy Maddins experimentellem Stummfilm Brand Upon the Brain! im Forum der Filmfestspiele nach Berlin zurück. Ihr Regie-Debüt Green Porno präsentierte Isabella Rossellini bei der Berlinale 2008 bei Forum Expanded: Acht spielerische Kurzfilm-Episoden stellen das Sexualleben von Regenwürmern, Libellen, Schnecken, Bienen oder Gottesanbeterinnen dar.

Ende Juli 2010 stand Isabella Rossellini in Studio Babelsberg für Dreharbeiten der Verfilmung der Graphic Novel Huhn mit Pflaumen von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud vor der Kamera. Es ist das zweite Mal, dass Rossellini in Babelsberg arbeitet. Bereits 1992 drehte sie auf dem früheren DEFA-Gelände – damals für die Filmadaption des Ian McEwan-Romans The Innocent unter der Regie von John Schlesinger.

Demnächst ist Isabella Rossellini in Saverio Costanzos Romanverfilmung Die Einsamkeit der Primzahlen  (La solitudine dei numeri primi) von Paolo Giordano beim Filmfestival Venedig zu sehen.