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Berlinale 2010: Road, Movie

60 Jahre Berlinale – 60 Jahre Filmgeschichte. Wie folgerichtig ist es da, dass Road, Movie von Dev Benegal, der in der Kategorie Generation 14Plus lief, ein Paradebeispiel für modernes, globalisiertes Kino und gleichzeitig eine Hommage an das Medium selbst ist.

Vishnu hat es satt. Seine Zukunft ist so vorausgeplant wie vorhersehbar und verspricht vor allem eines zu werden – langweilig. Der junge, gutaussehende Inder mit der westlich-stylischen Kleidung verspürt keinerlei Ambitionen die Familientradition zu wahren und das Haarölgeschäft seines Vaters zu übernehmen. Das Angebot seines Onkels, eine Lieferung Haaröl in dessen alten, klapprigen Transporter quer durch die indische Einöde zu chauffieren, klingt unter diesen Umständen verlockend.

Reisen und bewahren

Erst widerwillig und berechnend – einen Mechaniker an Bord zu haben kann schließlich nicht schaden – aber zunehmend selbstlos nimmt Vishnu (Abhay Deol) Weggefährten auf seiner Reise mit. Den Mechaniker namens Om (Satish Kaushik, Brick Lane, 2007), einen kleinen Jungen (Mohammed Faizal) und eine geheimnisvolle junge Frau (Tannishtha Chatterjee, Brick Lane, 2007). Während er mit ihnen Abenteuer besteht, verliert der hedonistische junge Mann allmählich das Interesse an seinem ipod und lernt in dieser klassischen coming-of-age Konstellation Freundschaft, romantische Liebe und sich selbst kennen.
Nichtsahnend macht sich Vishnu – dessen Name nicht zufällig der indischen Mythologie entstammt und Bewahrer der Ordnung bedeutet – auf eine Reise, an deren Ende eine integrative Identitätsfindung steht. Der Kreis schließt sich, als Vishnus Transformation zu einem modernen Geschäftsmann, der dennoch die Traditionen seiner Vorfahren zu schätzen gelernt hat, vollendet ist.

Wüste

Das blaue Schlachtschiff, in dem die Gefährten ihre Reise unternehmen und das an einen geschmückten indischen Elefanten erinnert, dient dem Film als ständige Kulisse. Es bildet in fast jeder Einstellung das Zentrum des Bildes, als Fixpunkt inmitten von weissgelber, gleißender Wüste. Eine zentrale Rolle spielt dieses Ungetüm auch für die Protagonisten, denen es gleich mehrfach das Leben rettet – als Fortbewegungmittel in der Wüste und als Schattenspender in einer Landschaft, in der sonst nichts die Sicht auf die am Horizont aufeinandertreffenden Himmel und Erde versperrt. Das beste jedoch steckt im Innern des Chevy. Ein funktionierender Filmprojektor und zahlreiche Filmrollen – eine eklektizistische Sammlung von Buster Keaton bis Bollywood.

Mythenmosaik

Road, Movie ist ein Mosaik aus Mythen und Märchen wie aus Homers Odyssee oder Tausend und einer Nacht: So droht ein korrupter Polizeichef, Vishnu und seine Freunde mit dem Tode zu bestrafen, falls sie einen Film zeigen, der ihm nicht gefällt. Weitere Steinchen in diesem Mosaik sind die Leitmotive verschiedenster Filmgenres von der Verfolgungsjagd des Actionfilm über den Showdown des Western bis zur Bollywood Tanzeinlage. Schließlich sind es auch die im Film gezeigten Glanzlichter der Filmgeschichte, die das Mosaik vervollständigen.

Globalisierung und Filmgeschichte

Road, Movie präsentiert Film als ein kulturübergreifend verständliches Medium. Die Bildsprache der Sequenz aus der amerikanischen Stummfilmkomödie Safety Last (1923), in der Harold Lloyd an dem Zeiger einer Hochhausuhr hängt, verstehen nicht nur Amerikaner. Der Mensch, der an der Zeit hängt und sie festzuhalten versucht, reflektiert die Vergänglichkeit des Daseins im weitesten Sinne. Solche transzendentalen Überlegungen kennen alle Kulturen. Doch was ergibt sich aus diesem Mosaik, wenn man zurücktritt, um es zu betrachten?

Das Ergebnis des Mosaik? Tarantino-Style.

Regisseur Dev Benegal ist einer der Begründer eines indischen Independent Kinos, das den populären und konventionellen Bollywood Filmen etwas entgegensetzt. Vielleicht kann man ihn den indischen Tarantino nennen, nimmt er doch auf ähnliche Weise Versatzstücke des Bollywoodkinos mit hohem Wiedererkennungswert wie beispielsweise bestimmte Filmmusiken, die im Indien der 1970er Jahre Gassenhauer waren und mischt diese mit unterschiedlichen Erzählstrukturen und Genres der westlichen und östlichen Filmgeschichten zu einem surrealen, ganz gewollt unrealistischen Stück Kino. Dabei merkt man Road, Movie seine Verehrung des Bollywoodfilms aber jederzeit an.

Western global

Wie schon in Benegals zweiter Regiearbeit Split Wide Open (1999), in der es um die Wasserkriege in Bombay ging, ist das Wasserproblem auch in Road, Movie Thema. Genre Einfälle sind mit Globalisierungskritik vermischt. Der Waterlord, ein notorischer Bösewicht wie man ihn nur aus dem Western kennt, hält die raren Brunnen in der indischen Wüste unter seiner Kontrolle. Als es zum Showdown zwischen ihm und Vishnu kommt, wird deutlich, dass dieses lokale Problem im Grunde ein globales ist: Die voranschreitende Privatisierung der Ressourcen der Erde. Mit gespielter Märtyrerpose empört sich der Waterlord, dass ihn sicherlich niemand kritisiert hätte, würde er das Wasser in Flaschen abfüllen und ihm einen schicken Namen verpassen, wie die internationalen Edelwasserkonzerne es tun. Vishnu bestätigt dem Schurken, dass dieser und die internationalen Firmen Brüder im Geiste sind: „You are no different from corporations. You steal our water and sell it back to us.“.
Die Kritik an den bestehenden globalen Verhältnissen präsentiert der Film in sarkastischem Ton und umgeht damit den moralischen Zeigefinger. Immer, so scheint er dem Zuschauer signalisieren zu wollen, im Film wie im Leben, ist bei Verhandlungen mit Schurken die Währung Öl im Spiel – in diesem Fall Haaröl. Vishnu entdeckt sein Verhandlungsgeschick, indem er dem Waterlord mit den abgegriffenen Werbesprüchen seines Vaters das Haaröl im Tausch gegen Wasser andreht.

Film im Film

In seinem traurigsten Moment, dem Tod des Mechanikers während einer Filmvorführung, wird Road, Movie selbtreferentiell; der Film tritt aus sich heraus und gibt sich als Fiktion zu erkennen. Vor der mitten in der Wüste aufgespannten Leinwand scharen sich die Freunde um den Toten. Der Film des Abends läuft noch immer. Der Projektor strahlt diese Szene an und in diesem Moment verwischen Fiktion und on-screen Realität – man kann nicht mehr genau erkennen, ob sie vor oder auf der Leinwand agieren. Für einen Moment flüchtet sich der Film in die Möglichkeit, dass Oms Tod nur Schauspiel ist. Wie schon in Woody Allens The Purple Rose of Cairo (1985) suggeriert das Kino auch hier seine eigene Realität und macht seine Protagonisten unsterblich. Haben Vishnu und seine Freunde das provisorische Kino einmal aufgebaut und zum Leben erweckt, ist nichts mehr unmöglich: Aus öder Wüste wird binnen Minuten ein Jahrmarkt mit Schaustellern, Publikum, Musik und quietschbunten Lichtern.

Berlinale 2010: Haiti als „Moloch Tropical“

Nach dem Erdbeben auf Haiti wurde kurzfristig Moloch Tropical als Berlinale Special ins Programm genommen. Nach der Gala – Vorführung im Cinema Paris sammelten UNICEF – Botschafterin Sabine Christiansen und Festival – Direktor Dieter Kosslick Spenden für die Opfer.

Raoul Pecks neuer Film Moloch Tropical ist wieder ein sehr politisches Werk: Seit Anfang der 80er Jahre setzt sich der Regisseur in Dokumentar- und Spielfilmen mit den Krisenherden auseinander. Neben den Konflikten Afrikas, wo er einige Jahre mit seinen Eltern lebte, beschäftigt ihn vor allem Haiti, wo er 1953 geboren ist und zwischen 1995 und 1997 Kulturminister war.

Moloch Tropical spielt in einer Bergfestung oberhalb von Port – au – Prince. Ein demokratisch gewählter Präsident verliert den Rückhalt im Volk: Professoren verfassen einen Rücktrittsaufruf, die Proteste wachsen, seine letzten Verbündeten außerhalb des Mitarbeiterstabs sind die USA, die ihn bislang als Hoffnungsträger stützten. Der Präsident steigert sich mehr und mehr in religiöse Erlösungsphantasien und lässt politische Gegner und unliebsame Journalisten brutal foltern.

Offensichtlich zielt dieses Porträt eines Präsidenten auf Jean – Bertrand Aristide ab, der 1994 mit großen Hoffnungen gewählt wurde, dessen Herrschaft aber zwischen 2002 und 2004 nach Misswirtschaft und Korruption in bürgerkriegsähnliche Zustände mündete, bevor er im Januar 2004 von den USA ins Exil ausgeflogen wurde.

Leider gerät Raoul Peck diese Figur an vielen Stellen zur lächerlichen Karikatur. Das Drehbuch dichtet dem Präsidenten auch noch weitere negative Eigenschaften an, die von den Schlagzeilen über frühere und aktuelle Politiker aus den USA und Italien inspiriert sind: Er belästigt jede Frau, die seinen Weg kreuzt, und drängt eine junge Mitarbeiterin zum Sex.

Alles in allem entsteht ein sehr brutaler Film über eine lächerliche, einsame Figur und ihren Sturz. Raoul Pecks Ziel, die Mechanismen von Politik zu illustrieren, gelingt ihm diesmal schlechter als bei seinem eindringlichen Drama Sometimes in April über die Dynamik zwischen Hutu und Tutsi, die zum Ruanda – Krieg 1994 führte.

Berlinale 2010: Sehr gute Dokumentation über den iranischen Wahlkampf

Ein herausragender Beitrag der Sektion Panorama Dokumente war Red, White & The Green des Iraners Nader Davoodi. Nur mit einer kleinen Handkamera ausgestattet porträtierte er die drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl im Juni 2009: Teheran präsentiert sich in diesen knapp 60 Minuten als sehr junge, pulsierende Stadt mit vielen optimistischen und fröhlichen Gesichtern.

Die grünen Bänder und Schals der Reformbewegung des unterlegenen Kandidaten Mussawi kommen durch einen kleinen Kunstgriff besonders zur Geltung: Davoodi retuschierte in einigen Passagen alle sonstigen Farben weg, so dass das hoffnungsvolle Grün einen Kontrast zum Schwarz – Weiß – Hintergrund bildet.

Red, White & The Green lohnt sich wegen der vielen Statements aus erster Hand: Die Frustrierten, die keinem der beiden Lager mehr trauen, kommen ebenso zu Wort wie die jungen Mussawi – Fans und Ahmadinedschad – Anhänger aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. So entsteht ein dichtes Bild der gärenden Situation mit einigen Skurrilitäten: Ein Mann argumentiert, dass er vor allem deshalb für Ahmadinedschad stimmen werde, weil er gehört habe, dass die iranische Grüne Reformbewegung von deutschen Faschisten und der Grünen Partei unterstützt werde. 

Dieser aufschlussreiche Film überzeugt, weil die meisten Aussagen fundierter sind als solche Verschwörungstheorien, und weil auch die ästhetische Umsetzung trotz begrenzter Mittel sehr ansprechend ist und auf der Höhe des aktuellen Niveaus internationaler Dokumentarfilme ist.

Red, White & The Green wurde in Berlin als Weltpremiere gezeigt. Bisher haben die iranischen Zensurbehörden auf das Projekt noch nicht reagiert und dem Regisseur und Publizisten Nader Davoodi auch die Reise zur Berlinale erlaubt.  Im Gegensatz zu seinem prominenteren Kollegen Jaher Panafi, der 2006 für seinen beeindruckenden Film Offside ausgezeichnet wurde und wegen seiner eindeutigen Unterstützung der Opposition nicht an einer geplanten Podiumsdiskussion in Berlin teilnehmen durfte.

Wohl auch deshalb hielt sich Davoodi im Publikumsgespräch ziemlich bedeckt und vermied jede Festlegung, die ihn bei seiner Rückkehr nach Teheran in Schwierigkeiten bringen könnte.

Berlinale 2010: „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ ausgebuht

Oskar Roehler hat im Berlinale – Wettbewerb mal wieder polarisiert: Einige Kritiken feierten den Regisseur von Elementarteilchen und Die Unberührbare schon als Meister politischer Dramen und würdigen Nachfolger von Rainer Werner Fassbinder. Trotzdem wurde er auch bisher schon mit viel Skepsis betrachtet.

Nach der Pressevorführung von Jud Süß – Film ohne Gewissen schlug ihm heftige Ablehnung entgegen: Ich kann mich nicht erinnern, solch ein lautes Buh – Konzert im Berlinale – Palast gehört zu haben. Normalerweise verschwinden die Kritiker nach den morgendlichen Veranstaltungen ohne größere Reaktionen oder mit kurzem, freundlichem Applaus zur Pressekonferenz oder in die nächste Vorstellung.

Diesmal provozierte Roehler bereits während der Vorführung einige Pfui – Rufe. Allzu spekulativ und holzschnittartig erschien sein Melodram über Ferdinand Marian, den Hauptdarsteller des berüchtigten NS – Propagandafilms Jud Süß, der während der Nazizeit zum Aufputschen von SS – Truppen vor Massenerschießungen eingesetzt wurde und wegen seiner perfiden Demagogie heute nur noch unter strengsten Auflagen öffentlich aufgeführt werden darf.

Roehler zeigt einen Marian (gespielt von Tobias Moretti), der daran zerbricht, dass er den Schmeicheleien und Drohungen von Propaganda – Minister Goebbels nachgab und die Hauptrolle in diesem Hetz – Film annahm. Mit den historischen Fakten nimmt er es dabei nicht so genau: Seine katholische Ehefrau wird bei ihm zur Jüdin, letztlich bekommt Martina Gedeck für ihre Rolle nicht allzu viel Raum. Im Zentrum stehen der ziellos zwischen Alkohol, Selbstzweifeln, Frauengeschichten und Narzissmus herumlavierende Marian und ein Goebbels, der von Moritz Bleibtreu in einem gewagten Auftritt verkörpert wird. In breitem rheinischem Singsang und mit erhobenem Zeigefinger hinkt er durch die Szenen und spinnt sein Netz: Endlich soll ein anspruchsvoller Nazi – Film entstehen, der damals auch auf Mussolinis Festival in Venedig gefeiert wurde.

Zurecht spielte dieser Film Jud Süß – Film ohne Gewissen bei der Vergabe der Bären keine Rolle, als am Samstag die erwarteten Favoriten Bal, Eu cand vreau sa fluier, fluier und The Ghost Writer die Hauptpreise unter sich ausmachten. 

Berlinale 2010: „Ghostwriter“ – Roman Polanski arbeitet sich an Tony Blair ab

The Ghost Writer ist ein mit Spannung erwarteter Polit – Thriller, der in überraschend traditionellem Tempo daherkommt. So hätte man einen derartigen Stoff wohl schon zu Beginn von Roman Polanskis Karriere in den 60er Jahren gedreht. Obwohl die Ästhetik der Bourne – Trilogie um Lichtjahre entfernt ist, überzeugt der Film auf seine Art und gilt ebenfalls als Anwärter auf einen der Bären. Da die Wettbewerbsjury aber traditionell ein Herz für Exoten hat, wird dieser Film wohl kaum den Hauptpreis bekommen. Auf der Zielgeraden des Festivals gelten der türkische Beitrag Bal und Eu cand vreau sa fluier, fluier aus Rumänien als heißeste Anwärter auf den Goldenen Bären.

Polanskis neues Werk The Ghost Writer basiert auf einer Vorlage des britischen Bestseller – Autors Robert Harris. Es braucht keinen besonderen detektivischen Spürsinn, um herauszufinden, dass die eine der beiden Hauptfiguren, der britische Ex – Premier Adam Lang, frappierende Ähnlichkeiten mit Tony Blair hat. Als das Buch erschien, sorgte es für einigen Wirbel in den internationalen Medien, dass sich Harris so unverhohlen an dem früheren Labour – Premier und seiner umstrittenen special relationship zu George W. Bush, für die er oft als Bushs Pudel karikiert wurde, abarbeitet.

Ex – Bond – Star Pierce Brosnan strebt nach einem Image – Wandel und mimt diesen ehemaligen britischen Premier Adam Lang. Das breite Grinsen, das teflonartige Abperlenlassen von Vorwürfen und auch die ständigen Vorwürfe seiner Gegner, er sei mehr Schauspieler als Politiker, lassen auch hier die Erinnerungen an Tony Blair wach werden.

Gerade, als er einen völlig unpolitischen Ghostwriter engagiert, der seine Memoiren zu einem Kassenerfolg machen und ihn im besten Licht erscheinen lassen soll, erhebt sein ehemaliger Außenminister schwere Vorwürfe gegen ihn: Der Ex – Staatsmann Lang soll in geheimen Kommandoaktionen die Verhaftung mutmaßlicher Islamisten in Pakistan angeordnet und diese dann der CIA übergeben haben, obwohl er wusste, dass ihnen umstrittene Verhörmethoden wie Waterboarding drohen. Deshalb leitet der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Ermittlungen gegen ihn ein. Harris und Polanski greifen für ihren fiktionalen Verschwörungs – Plot reale Praktiken aus der Bush – Ära auf: Bis heute ist ungeklärt, in welchem Umfang Terrorverdächtige in Geheimgefängnissen außerhalb des US – Territoriums festgehalten wurden. Auch der Folter – Vorwurf wurde immer wieder erhoben. Vor allem beschäftigte die Praxis, Terrorverdächtige an Geheimdienste fremder Staaten zu überstellen, die im Verdacht stehen, die Wahrung der Menschenrechte nicht so streng zu sehen, die politischen und völkerrechtlichen Debatten. Dabei richtete sich der Vorwurf aber meist an die CIA, Gefangene an Autokratien im Nahen oder Mittleren Osten zu übergeben, wofür sich der Fachbegriff rendition eingebürgert hat.

The Ghost Writer ist ein sehr routinierter Genre – Film, der nachzeichnet, wie sich der unbedarfte Schriftsteller, der nur als „Ghost“ bezeichnet und von Ewan McGregor glänzend gespielt wird, in einem undurchsichtigen Machtkampf verstrickt, in dem Politiker und Geheimdienstler falsche Fährten legen und unklar ist, wem er noch trauen kann. Vor allem die Atmosphäre im engsten Stab um den Ex – Premier, der sich in eine Hochsicherheitsvilla auf der Atlantikinsel Martha`s Vineyard zurückgezogen hat, ist stimmig gezeichnet.

Der Film startet bereits am 18. Februar bundesweit in den Kinos und ist ein spannungsreicher Film, der Unterhaltungswert und politischen Diskussionsstoff für ein breites Publikum geschickt verknüpft.

Berlinale 2010: „Zeit des Zorns“ als Parabel auf die Lage im Iran

Einen der begehrten Bären hätte sicher Rafi Pitts für sein Drama Shekarchi/Zeit des Zorns verdient, dass heute unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen präsentiert wurde. Der Exil – Iraner, der mit seiner Familie als kleiner Junge zunächst nach London zog und jetzt in Paris lebt, ist nicht nur Regisseur und Drehbuchautor, sondern auch Hauptdarsteller dieses stimmig inszenierten Films.

Rafi Pitts spielt den vom Leben gezeichneten Familienvater Ali, der sich nach einer Haftstrafe als Nachtwächter über Wasser hält. In langsamen Einstellungen folgt die Kamera dem ärmlichen Alltag der Figuren. Bis ein unerwartetes Ereignis eintritt: Eines Abends wartet Ali vergeblich auf seine Frau Sara und seine Tochter Leila. Auf der Polizeiwache erfährt er, dass sie in die Unruhen auf Teherans Straßen hineingeraten sind und seine Frau sicher tot ist.

Ali steigert sich in eine fieberhafte Suche nach der Tochter, bis der letzte Strohhalm der Gewissheit weicht, dass auch sie tut ist. Aus Rache postiert er sich über einer Autobahn und erschießt gezielt zwei Polizisten. Nach einer wilden Verfolgungsjagd über nebelverhangene Serpetinen wird Ali von zwei weiteren Polizisten geschnappt.  

Nun entspinnt sich ein spannendes Psychoduell mit wechselnden Fronten und überraschendem, aber schlüssigem Ende zwischen den beiden Sicherheitskräften und ihrem Gefangenen: Bei starkem Regen haben sie sich im Wald verlaufen, die Aggressionen nehmen zu.

Der Film kann auch als Parabel auf die aktuelle Situation im Iran gesehen werden: Das Land steckt in einer Sackgasse, die Opposition und das theokratische System stehen sich in einem zermürbenden Konflikt gegenüber, für den keine schnelle Lösung in Sicht ist. Risse innerhalb des Sicherheitsapparats lassen sich erahnen und machen die Lage unübersichtlicher. Wie im Film gilt auch im Machtkampf von Teheran: Bei manchen Akteuren weiß man nicht so recht, auf welche Seite sie sich letztlich schlagen werden.

Berlinale 2010: Leonardo DiCaprios Albtraum „Shutter Island“

Außer Konkurrenz präsentierte Hollywood – Altmeister Martin Scorsese seinen Thriller Shutter Island im Berlinale – Palast. Wie schon in Gangs of New YorkAviator und The Departed setzte er wieder auf seinen aktuellen Lieblings – Schauspieler Leonardo DiCaprio, dem es diesmal erstaunlich gut gelingt, gegen sein Milchbubi – Image anzuspielen.

Die Handlung spielt im Jahr 1954: Die USA sind in den Koreakrieg verwickelt, zwei US Marshals (DiCaprio und Mark Ruffalo) werden zur Festung Shutter Island gerufen, da eine Insassin der psychiatrischen Anstalt für Schwerverbrecher spurlos verschwunden ist. Bei ihren Ermittlungen zeigt sich der Dr. John Cawley, der Chefpsychiater, von Beginn an nicht besonders kooperativ: Ben Kingsley überzeugt als undurchsichtiger Wissenschaftler und Herr über ein Labyrinth aus dunklen Gängen und Höllen.

Der Film lebt vor allem von der klaustrophobischen Atmosphäre dieser Insel, die nach einem Hurrikan für mehrere Tage von der Außenwelt abgeschnitten ist, und von den guten Leistungen seiner Stars. Wem kann man trauen? Wer spielt nur eine Rolle? 

Scoresese gelingt ein routinierter Genre – Film, der geschickt mit den üblichen Motiven und Klischees spielt: Nichts ist so, wie es im Moment zuvor noch schien. Dabei werden auch zeithistorische Themen wie das Trauma des Holocausts, Menschenversuche der Nazis und psychiatrische Praktiken wie Lobotomie auf Haupt- oder Nebenpfaden des Plots eingeflochten. Das Drehbuch stützt sich auf den gleichnamigen Bestseller von Dennis Lehane aus dem Jahr 2003, der vor allem durch sein Missbrauchs – Drama Mystic River und dessen Oscar – prämierte Verfilmung durch Clint Eastwood bekannt wurde.

Der Film startet außerhalb der Berlinale 2010 am 25. Februar in den deutschen Kinos.

Berlinale 2010: The Oath – Einblicke in das alQaida – Netzwerk und Guantánamo

Laura Poitras Dokumentarfilm The Oath ist einer der ersten Höhepunkte dieser Berlinale. Sie porträtierte im Jemen den Mann, der als Abu Jandal zwischen 1996 und 2000 im engsten Zirkel um Osama bin Laden mitwirkte: Er war einer seiner Leibwächter und prüfte als eine Art Empfangschef die Interessenten der Ausbildungslager auf ihre Zuverlässigkeit. Heute lebt er als Taxi – Fahrer im Jemen und bemüht sich um einen neuen Job.

 

Die biographischen Brüche diese schillernden Figur werden in knapp 90 Minuten porträtiert. Die größte Leistung der New Yorker Dokumentarfilmerin, die auch an der Yale University lehrt, ist es, sich das Vertrauen dieses Mannes erworben zu haben. Am Ende ist die Hauptfigur aber doch nicht ganz zu fassen: Zu oft vermeidet er klare Festlegungen. Im einen Moment kritisiert er zwar die Anschläge von 9/11, weil sie zu viele unschuldige Opfer forderten… Am nächsten Tag bittet er aber darum, diese Passage zu löschen. In weiteren Passagen sieht er den Westen in einem Krieg gegen den Islam. Als er über battlefields schwadroniert, lässt er im Ungefähren, was er konkret damit meint.

Immerhin wird dieser Abriss seines Lebenslaufs deutlich: Er wächst als Sohn jemenititischer Eltern in Saudi – Arabien, zieht bereits als Jugendlicher in den Bosnien – Krieg während der 90er Jahre teil, geht dann mit einer kleinen Gruppe nach Tadschikistan, bis 1996 bin Laden auf die Gruppe aufmerksam wird und sie nach Afghanistan einlädt. Er verkehrt jahrelang im engsten Kreis um bin Laden und schwört ihm und Allah den Treueeid, der dieser Dokumentation den Titel gab. Dort lernt er nach eigener Aussage auch alle Attentäter von 9/11 kennen. 2000 zieht es ihn zu seiner Frau und seinen Kindern. Er verlässt Afghanistan und geht nach Jemen. Als die dortige Regierung nach dem Anschlag auf die USS Cole schärfer gegen islamistische Netzwerke vorgeht, landet er für einige Jahre im Gefängnis. Nach einem von staatlichen Stellen initiierten Dialogprogramm gibt er seitdem den geläuterten Ex – Fanatiker, der sich gerne von CNN bis al – Arabija präsentiert, aber auch dort in den meisten Aussagen vage bleibt. Er betont, dass er vor allem von jüngeren Anhängern der alQaida als Verräter eingestuft wird und angeblich ganz oben auf einer Todesliste steht…

Ungewöhnlich nah lässt Abu Jandal das Filmteam vor allem an seinen heutigen Alltag heran: Man sieht ihn auf seinen Taxi – Fahrten, wie er mit den Kunden um den Preis feilscht, wie er mit seinem kleinen Sohn spielt und betet. Wie er mit ihm gemeinsam vor dem Fernseher sitzt, der Kleine aber statt der Nachrichten über Anschläge in Afghanistan lieber Tom und Jerry sehen möchte. Außerdem schart er eine Gruppe Pubertierender um sich, die an seinen Lippen hängen. Auch in diesen Einstellungen wird das Bild aber wieder unscharf: Was genau vermittelt er den Jungen? 

Die zweite zentrale Figur des Films ist Salim Hamdan, Abu Jandals Schwager, obwohl er nie direkt im Bild auftaucht. Während seiner wilden Jugendjahre warb Abu Jandal diesen an und verpflichtete ihn als Fahrer für Bin Ladens Netzwerk. Hamdan blieb länger in Afghanistan, wurde prompt nach 9/11 von US – Truppen gefangengenommen und nach Guantánamo ausgeflogen. Sein Name ging oft durch die Weltpresse, da er einer der ersten war, gegen die vor den von der Bush – Administration eingerichteten Militärkommissionen ein umstrittener Prozess gemacht wurde. Im Film wird auch diese Phase intensiv beleuchtet: Laura Poitras bietet spannende Dokumentaraufnahmen von den Pressekonferenzen seiner Ankläger und Verteidiger auf der US – Basis Guantánamo Bay. Die Verhandlungen selbst waren natürlich tabu. Im Sommer 2006 gelang Hamdan und seinem Anwalt, dem Lieutenant Commander Charles Swift, ein überraschender Sieg vor dem Supreme Court gegen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der dazu führte, dass das Statut der Militärkommissionen stärker an rechtsstaatliche Grundsätze angepasst wurde und Hamdan seit Januar 2009 wieder in Freiheit ist. Wie sich herausstellte, war er im Gegensatz zu seinem Schwager nur ein ganz kleiner Fisch in Bin Ladens Entourage, dessen Aufgaben sich fast nur auf Chauffeur- und Logistikdienste beschränkten.

The Oath wurde im Forum der Berlinale erstmals außerhalb der USA gezeigt und beeindruckt vor allem, wenn man bedenkt, mit wie vielen Schwierigkeiten die Dreharbeiten verbunden warnten. Laura Poitras meinte im Publikumsgespräch, dass sie versuchte, „unter dem Radar“ zu bleiben. Beinahe hätte sie aber an diesem Wochenende gar nicht auf dem Festival anwesend sein können: Das Sicherheitspersonal am New Yorker Flughafen stellte sich gegen ihre Ausreise quer, bis sie einen Anwalt einschaltete. Offizielle Gründe für diese Schwierigkeiten wurden ihr nicht genannt: Lag es daran, dass sie zu viele Stempel des Jemen im Reisepass hatte und dieses Land seit dem weihnachtlichen Attentatsversuch von Detroit stärker in die Aufmerksamkeit rückte? Oder lag es daran, dass das Thema dieses Films, der vor kurzem bereits auf dem Sundance – Festival in den USA Premiere feierte, zu unbequem war?

Berlinale 2010: Eröffnungsfilme Teil II

Auch das Forum, die Berlinale – Sektion, die für ihre Experimentierfreude bekannt ist, eröffnete mit einem politischen Beitrag. In El recuento de los daños/ The Counting of the Damages der Argentinierin Inés de Oliveira Cézar werden die Hauptfiguren ebenfalls von den Verstrickungen der jüngeren Geschichte eingeholt. Dieser rote Faden zieht sich durch überraschend viele Beiträge der 60. Jubiläums – Berlinale, wie Wieland Speck, einer der Festival – Chefs, bei der Präsentation des Programms hervorhob. 

Der Film beginnt nach einigen neblig – düsteren Einstellungen als Wirtschaftskrisendrama. Ein junger Unternehmensberater wurde in die argentinische Provinz geschickt, um eine marode Fabrik in der Provinz mit den üblichen Konzepten aus dem Baukasten von McKinsey und Co. auf Rentabilität zu trimmen. Die Angestellten sollen künftig Doppelschichten fahren. Prompt kommt es zu einer Häufung von Arbeitsunfällen der überlasteten Mitarbeiter und Warnstreiks. Die argentinische Wirtschaft rutschte bereits vor einem Jahrzehnt in eine schwere Krise. In die Wunde dieser sozialen Verwerfungen legt die Regisseurin ihren Finger. 

Nach und nach enthüllt sich aber noch eine viel schwerere Hypothek der Familie des Fabrikbesitzers: Seine Schwester und Co – Geschäftsführerin war Oppositionelle während der brutalen Militär – Junta, die Argentinien zwischen 1976 und 1983 im Griff hatte. Die ganze Grausamkeit dieses Kapitels wird von der argentinischen Gesellschaft seit einigen Jahren mühsam aufgearbeitet: Neben der Verschleppung und Folter von Dissidenten war vor allem die Zwangsadoption der Kinder von "Staatsfeinden" an der Tagesordnung.

Inés de Oliveira Cézars Drehbuch liegt der griechische Mythos des Ödipus zugrunde: Wie Ödipus kennt auch der schnöselige Unternehmensberater seine wahre Herkunft nicht. Wie die Gestalt in der Tragödie wird auch ihm und seinem Umfeld die Wahrheit erst bewusst, als er seinen Vater bei einem Autounfall grob fahrlässig getötet und mit seiner Mutter geschlafen hat. In langen, ruhigen Einstellungen entwickelt dieser Film seine Geschichte einer Familie, die der Schmerz der Militärdiktatur einholt und die an den Verwicklungen, die die Rückkehr des verlorenen Sohnes lostritt, zerbricht. Ein mutiger, sehr politischer Film, der aber nach der Premiere von Publikum und Kritik doch auch mit viel Grummeln auf den Gängen quittiert wurde. Der allgemeine Tenor war, dass die Handlung zwar einige interessante Ansätze und eine bemerkenswerte Grundidee hat, aber die künstlerische Umsetzung noch nicht ganz ausgereift war. Manche Bildsequenzen wirken zu beliebig, so dass der Eindruck zurückblieb, dass die Regisseurin der Schwere ihres Themas noch nicht ganz gewachsen war.

Berlinale 2010: Eröffnungsfilme Teil I

Die Gala – Eröffnung des Berlinale – Wettbewerbs hat sich schon oft als ein etwas schwieriger Termin erwiesen: Fast alles, was in Kunst und Politik Rang und Namen hat, stolziert durch das Schneetreiben über den Roten Teppich und mit Anke Engelke wurde diesmal auch eine hervorragende Entertainerin verpflichtet. Als Höhepunkt steht dann traditionell der erste Kandidat im Rennen um den Goldenen Bären auf dem Programm. Richtig überzeugend waren die Eröffnungsfilme der vergangenen Jahre jedoch selten, manche Flops wurden verrissen und sind zum Glück fast vergessen. Eine kleine positive Ausnahme war Tom Tykwers Banken – Thriller International von 2009.

Um es vorwegzunehmen: Auch 2010 ist der Eröffnungsfilm Tuan Yuan/Apart together kein großer Wurf, eher ein betuliches Melodram. Dabei klang die Ausgangskonstellation des Drehbuchs sehr viel versprechend. Regisseur und Drehbuchautor Wang Quan´an fasst das heiße Eisen des Dauerkonflikts zwischen der Volksrepublik China und Taiwan an, der erst in den vergangenen Tagen durch Waffenlieferungen der USA an den Inselstaat neue Schärfe bekam.

Bekanntlich mussten sich die nationalistischen Kuomintang 1949 nach ihrer Niederlage im Bürgerkrieg gegen Maos Kommunisten vom Festland zurückziehen. Sie bauten die Inselrepublik Taiwan auf, die seitdem ein diplomatischer Zankapfel der Weltpolitik ist und von der Volksrepublik China als abtrünnige Provinz mit Kontaktsperre belegt wurde.

Nur zögerlich ließ die Pekinger Parteiführung nach jahrzehntelanger Blockade die Einreise von Taiwanesen zu. Der Film schildert den ersten Besuch des ehemaligen Soldaten Liu Yansheng (gespielt von Ling Feng), der in seine alte Heimat Shanghai aufbricht, um seine Jugendliebe Qiao Yu´e (Lisa Lu) zu suchen. Er ist frisch verwitwet, sie hat sich in einer Versorgungsehe ohne große Leidenschaft über die Jahre eingerichtet.

Bald wird beiden klar: Die alten Gefühle flammen wieder auf. Am liebsten würden beide einen Neuanfang in Taipeh machen. Aber von der Idee sind erwartungsgemäß Qiaos Kinder nicht sonderlich begeistert, auch ihr Ehemann stünde plötzlich ohne sie da. Diesen Familien – Konflikt schildert Tuan Yuan in knapp 90 Minuten: Langweilig wird es nicht, aber vieles plätschert doch etwas zu gemächlich vor sich hin. Die eine oder andere Gesangseinlage am Ende des Films hätte man auch kürzen können.

Wer mit einem politischen Auge auf die Leinwand blickt, wird immerhin noch mit einigen interessanten Momentaufnahmen über die soziale Realität in der Volksrepublik China entschädigt: Die rasante Transformation der Boom – Metropole Shanghai wird in mehreren Einstellungen eingefangen. Die Zwangsumsiedlung von Familien, die dem Neubau der Wolkenkratzer weichen müssen, wird in kurzen Passagen der Handlung ebenso angetippt wie das Problem einer ausufernden Bürokratie mit Neigung zur Korruption.