Archiv der Kategorie: Berlinale 2014

Düsterer Montag: „Das finstere Tal“ und „Historia del miedo“

Zwei düstere Filme standen am Montag im Mittelpunkt der Berlinale. Benjamin Naishtat, 1986 in Buenos Aires geboren, ist mit Historia del miedo der jüngste Teilnehmer im Wettbewerb um die Goldenen Bären.

Nach seinen Kurzfilmen, die auch schon in Cannes liefen, war das Publikum auf sein Spielfilmdebüt gespannt. Er hatte sich mit den Gated Communities auch ein hochbrisantes, interessantes Thema ausgesucht. Leider stellte sich heraus, dass ihm noch die Mittel fehlten, eine packende Geschichte zu erzählen.

Der Film bleibt 80 Minuten lang in Assoziationen und Ansätzen stecken. In Endlosschleife werden groteske kurze Szenen aneinandergereiht. Die Reichen haben sich hinter ihren hohen Mauern und Alarmanlagen in ihrer Paranoia eingerichtet, diffuses Unbehagen hängt über jeder Szene.

Historia del miedo erreicht weder die dramatische Rasanz und die Klasse des mexikanischen Films La zona noch den skurrilen Witz des brasilianischen Films Neighbouring sounds, die bewiesen, was man aus dem Thema der Gated Communities machen kann, das südamerikanischen Filmmemachern derzeit unter den Nägeln brennt.

Einen gelungenen Genre-Film bot der österreichische Regisseur Andreas Prochaska, der vor kurzem von der FAZ für seinen ZDF-Fernsehfilm Spuren des Bösen: Der Zauberberg hymnisch gefeiert wurde: Das finstere Tal ist ein hochalpiner Rache-Western, der Ende des 19. Jahrhunderts in einer abgelegenen Berggegend spielt. Der Brenner-Bauer herrscht als Patriarch über seinen Clan und beansprucht bei jeder Hochzeit das Recht der ersten Nächte bis zur Schwangerschaft der Braut.

Prochaska, der auch an Michael Hanekes Funny Games mitarbeitete und von dessen Regie-Handschrift spürbar geprägt ist, taucht mit seinem wuchtigen Film tief in die schroffe Bergwelt ein. Die wortkargen Dialoge kippen schnell in brutale, stilisierte Gewalt bis hin zum eindrucksvollen Showdown zwischen den Hauptdarstellern Sam Riley und Tobias Moretti.

Das finstere Tal hatte seine Weltpremiere als Berlinale Special im frisch renovierten Zoo-Palast und startet am 13. Februar in den deutschen Kinos.

Scheiternde Beziehungen: Uma Thurman und „Land of Storms“

Uma Thurman spielte sich mit einem fulminanten Auftritt in ihrer Nebenrolle als verlassene Ehefrau Mrs. H ins Zentrum von Lars von Triers Nymphomaniac. Es ist großes Kino, wie sie mit ihren drei Söhnen im Schlepptau in der neuen Wohnung ihres Ex-Manns und seiner neuen Geliebten auftaucht und ihnen mit passiv-aggresiven, subtilen Bemerkungen ein schlechtes Gewissen macht.

Die restlichen zweieinhalb Stunden dieses Films konnten das Niveau dieser gelungenen Miniatur nicht ganz halten. Der Film erntete dennoch freundlichen Schluss-Applaus zu den Rammstein-Klängen und zwischendurch einige Lacher, z.B. für die amüsante Schilderung eines Wettstreits von zwei Teenagerinnen, wer auf einer Zugfahrt mehr Männer aufreißen kann und dafür mit einer Packung Schoko-Bonbons belohnt wird. An einigen Stellen wirkt von Triers Film überkonstruiert: dass sich die Irrwege seiner nymphomanischen Hauptdarstellerin Joe (Charlotte Gainsbourg) immer wieder mit Jerome (Shia LaBeouf) kreuzen, wirkt unglaubwürdig und wenig subtil.

Nymphomaniac. Volume I lief im Berlinale-Palast am Sonntag außer Konkurrenz. Er startet bundesweit am 20. Februar in den Kinos, der zweite Teil folgt im April.

Mit scheiternden Liebesbeziehungen befasst sich auch der ungarische Regisseur Ádám Császi mit seinem Spielfilm-Debüt Viharsarok/Land of Storms. Mutig verknüpft er zwei Tabuthemen: Erstens Homosexualität im Fußball, die lange totgeschwiegen und für unvorstellbar gehalten wurde, bis Thomas Hitzlsperger mit seinem ZEIT-Interview kurz vor der Berlinale für Schlagzeilen sorgte. Zweitens das gesellschaftliche Klima in Ungarn, das von einer autoritären, rechtspopulistischen Regierungspartei und einer aggressiven Politik gegen Minderheiten seit Jahren bei den EU-Partnern für Kopfschmerzen, aber ansonsten hilflose Reaktionen sorgt.

Cszászis erster Langfilm ist über die Strecke von 105 Minuten noch nicht ganz rund, der Regisseur demonstriert aber vielversprechendes Potenzial. Für seine Kurzfilme wurde er schon mit nationalen Preisen in Ungarn ausgezeichnet.

Bemerkenswert ist, dass diese komplizierte Dreiecks-Liebes- und Eifersuchts-Geschichte tief in die beschriebenen Milieus eintaucht: Uwe Lauer spielt überzeugend den Fußball-Trainer mit gewöhnungsbedürftigen Schleifer-Methoden, die bedrohliche Stimmung in der deutschen Fußball-Kabine und anschließend in der ungarischen Provinz wird gut eingefangen.

Der Regisseur erzählte im Publikumsgespräch, dass der Film auf einer wahren Begebenheit  2007 in Ungarn beruht. Allerdings hat er die Realität etwas redigiert und deutlich entschärft, so dass er auf den brutalen Doppelmord (der Täter zerstückelte die beiden anderen Männer in dieser Dreiecks-Geschichte) verzichtet hat.

„The Monuments Men“: George Clooney ausgebuht

Am Samstag reiste George Clooney zur Gala-Premiere seiner Ein-Mann-Show The Monuments Men an: Er ist nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Regisseur, Produzent und Co-Drehbuchautor dieses Weltkriegs-Dramas aus Hollywood.

Die knapp zwei Stunden ertrinken in Pathos, unterlegt mit süßlicher Musik und lahmen Witzchen. Seinen Kumpel Matt Damon quält Clooney mit einer Nebenrolle als New Yorker Kurator, der sich mit seinen mangelnden Französisch-Kenntnissen abmüht und von seinen Gesprächspartnern regelmäßig zu hören bekommt: Sprechen Sie bitte einfach Englisch!

Nur Cate Blanchett gibt dem Film als Claire Simon (Mitarbeiterin eines Museums im von Nazis besetzten Paris und Unterstützerin der Résistance) etwas Format.

Fazit: Bei der Presse-Vorführung gab es nicht mal höflichen Schluss-Applaus, sondern nur Buh-Rufe. Schade, dass Clooney den hohen Erwartungen nicht gerecht wurde. Die wahre Geschichte einer amerikanischen Spezialeinheit, die 1943-45 europäische Kunstschätze sichern sollte, hätte eine bessere Verfilmung verdient, meinte auch Christiane Peitz im Tagesspiegel.

The Monuments Men lief am 7. Februar außer Konkurrenz im Berlinale-Wettbewerb und startet am 20. Februar in den deutschen Kinos.

„Night Flight“: Leistungsdruck und Homophobie in Südkorea

Südkoreanische Filme, die Leistungsdruck und Mobbing im Schulsystem thematisieren, sind in fast jedem Berlinale-Jahrgang vertreten. Diesmal entzaubert LeeSong Hee-il den Mythos des hochgelobten Pisa-Spitzenreiters mit drastischen Bildern.

Mit Ya gan bi haeng/Night flight ist er nach Huhwae Haji Anah/No regret (2007) und Baek Ya/White Night (20213) bereits zum dritten Mal im Panorama der Berlinale vertreten. Dies ist sein reifstes Werk, er bettet seine Kritik am Schulsystem in eine vielschichtige Story über die Machtspielchen seiner beiden Hauptfiguren (Gi-woong und Yong-ju) ein und verknüpft sie mit dem Hauptthema seiner früheren Filme, der Gewalt gegen Homosexuelle.

Fazit: Eine neue Variation bekannter Themen und Motive des südkoreanischen Kinos. Night flight ist nicht schlecht, ihm fehlt aber die emotionale Wucht von Pluto, dem Highlight des Jugend-Festivals Generation 14plus der Berlinale 2013 und der Koreanischen Filmwoche im Haus der Kulturen der Welt 2013.

„La voie de l´ennemi“: Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren

Rachid Bouchareb ist nach London River (2009) wieder im Berlinale-Wettbewerb vertreten: La voie de l´ennemi (Two men in town) ist ein Remake von José Giovannis Krimi Deux hommes dans la ville (von 1973, mit Alain Delon und Jean Gabin) und mit Forest Whitaker, Harvey Keitel und Brenda Blethyn so prominent besetzt, dass er auch gleich am von Regisseuren und Produzenten begehrten und heiß umkämpften Eröffnungs-Wochenende läuft.

Dieses Drama startet mit der interessanten Grundidee, am Fall des wegen guter Führung vorzeitig auf Bewährung aus der Haft entlassenen Mörders William Garnett (Whitaker) zwei unterschiedliche rechtsphilosophische Standpunkte auf einander prallen zu lassen.

Auf der einen Seite steht die Bewährungshelferin Emily Smith (Blethyn), die aus Kansas nach New Mexico gezogen ist und ihren neuen Kollegen predigt, dass man den Ex-Häftlingen Vertrauen entgegen bringen und sie behutsam begleiten muss. Wie klischeehaft die Figuren-Zeichnung gerät, zeigt schon das kleine Detail, dass die sanftmütige Linksliberale abends gerne auf ihrer Terrasse französische Chansons hört. Ihr archetypischer Antipode ist Sheriff Bill Agati (Keitel), ein Südstaaten-Redneck, der Law and Order predigt und – wo er nur kann – neue Perspektiven des Ex-Häftlings (als Hilfsarbeiter auf einer Farm oder bei einer sich anbahnenden Liebesbeziehung mit einer Bankangestellten) sabotiert. Der Sheriff hat Garnett bis heute nicht verziehen, dass er vor 18 Jahren seinen engsten Mitarbeiter erschossen hat.

Interessant ist noch, dass Bouchareb die Handlung aus seiner französischen Heimat nach New Mexico verlegt hat. Daraus macht er allerdings recht wenig, abgesehen von der eindrucksvollen Hubschrauber-Aufnahme auf die hochgesicherte Grenzanlage zwischen Mexiko und den USA.

Fazit: Das Drama hat ein ungewohnt langsames Tempo und leidet an der zu klischeehaften Darstellung seiner verhandelten Konflikte. Mit 2 Stunden ist der Film auch etwas zu lang geraten.

„Baal“: Fassbinders legendärer Auftritt in restaurierter Fassung

Berlinale-Direktor Kosslick und Kulturstaatsministerin Grütters begrüßten am Freitag Nachmittag große Namen der westdeutschen Kinogeschichte der 70er und 80er Jahre auf dem Roten Teppich vor dem Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße.

1969 lag Rebellion in der Luft, das konservative Bildungsbürgertum war von Rudi Dutschke und der Apo zwar einiges gewohnt. Die TV-Ausstrahlung von Volker Schlöndorffs (damals ein junger Regisseur, der sich mit ersten Filmen einen Namen gemacht hatte) Baal in der ARD war für viele empörte Zuschauer aber doch zu viel des Guten.

Schlöndorff bearbeitete Bertolt Brechts expressionistisches Frühwerk Baal und schrieb die Rolle Rainer Werner Fassbinder auf den wuchtigen Leib, der in der Schwabinger Kunstszene seit Mitte der 60er Jahre für Furore gesorgt hatte und ebenfalls auf dem Sprung zu einer großen Karriere stand.

Nach der Erstausstrahlung griff Brechts Witwe Helene Weigel ein, sie erwirkte ein Verbot des Films, weil der Klassenstandpunkt nicht richtig dargestellt sei. Bis vor kurzem lag Baal im Giftschrank, rechtzeitig vor der Berlinale wurde das Verbot von Brechts Erben nach langer Überzeugungsarbeit aufgehoben und der Film restauriert. Man merkt dem Film-Material noch einige Schwächen und Farbstiche an, die Sprechweise der Schauspieler wirkt auch manchmal wie auf Valium.

Dennoch war es interessant, Fassbinder, Hanna Schygulla oder Margarethe von Trotta in einer ihrer jeweils ersten Rollen wieder neu erleben zu können. Ein weiterer prominenter Stargast war Klaus Doldinger, den Schlöndorff in einer Schwabinger Jazz-Kneipe entdeckt hatte und der Hanns Eislers Lieder für diesen Film neu vertonte.

Hanna Schygulla und Volker Schlöndorff meinten im Publikumsgespräch,
dass Rainer Werner Fassbinder mit dieser Filmrolle als kettenrauchender,
menschenverschlingender, energiegeladener Baal sein eigenes
Leben fast prophetisch spiegelte. Ähnlich wie Brechts Figur schockierte
er in das Establishment, verzauberte und benutzte er seine Mitmenschen
und starb ebenfalls viel zu früh nur 13 Jahre nach der Erstausstrahlung
dieses Werks.

Ein ganz anderer Zugriff auf den Baal-Stoff war vor einigen Jahren mit Mirco Kreibich in der Titelrolle am Deutschen Theater Berlin zu sehen.

Fazit zu Baal: Eine interessante Zeitreise in die wilden 60er/70er Jahre, auch wenn Baal als narzisstisches Ekel manchmal schwer zu ertragen ist.

„Nuóc/2030“ (Vietnam): zu viel gewollt

Der Panorama-Eröffnungsfilm Nuoc beginnt vielversprechend, kann sich aber nicht entscheiden, welche Geschichte er erzählen will. Der Vorspann ist ein aufrüttelnder Appell: die Negativ-Szenarien der Klimaforscher sind Wirklichkeit geworden, der Süden Vietnams ist im Jahr 2030 fast vollständig überschwemmt. In langen Einstellungen gleitet die Kamera über die Fluten, aus denen vereinzelt Straßenschilder und "Grundstück zu verkaufen"-Plakate halb herausragen.

Dann zoomt der Regisseur Nguyen-Vo Nghiem-Minh auf die Stelzen einer Fischerhütte. Ein Liebespaar diskutiert seine Beziehungskrise nach dem Sex. Von nun geht es bergab, er springt zwischen seiner Klimawandel-Dystopie, einer Love-Story zu Claude Debussys Piano-Klängen und einem investigativen Wirtschaftskrimi hin und her.

Fazit: Schade, der vietnamesische Regisseur wollte zu viel. Dabei kam nichts Halbes und nichts Ganzes heraus. Viele gingen vorzeitig aus dem Kinosaal, am Ende gab es dennoch freundlichen Applaus, weil sein Talent spürbar war. In der Schluss-Szene zeigte er noch mal sein Können. Er hat vor seinen ersten Regiearbeiten Luftfahrttechnik in Frankreich studiert und in Kalifornien in Physik promoviert.

„The Grand Budapest Hotel“: unterhaltsame Eröffnung

Wes Anderson leistete sich den Luxus, die auch hier wieder großartige Tilda Swinton schon nach wenigen Szenen mit einem Giftmord von der Leinwand verschwinden zu lassen und seine Lieblingsschauspieler Bill Murray und Owen Wilson, die seine früheren Filme trugen, mit Nebenrollen abzuspeisen. Seine Tragikomödie The Grand Budapest Hotel hat trotzdem noch eine geballte Ladung internationaler Schauspiel-Prominenz zu bieten, die sich bei der prestigeträchtigen Berlinale-Eröffnungs-Gala auf dem Roten Teppich drängelt.

Sein Hauptdarsteller ist diesmal Ralph Fiennes als Concierge Monsieur Gustave, der diskret die Fäden in einem Hotel zusammenhält, das seine besten Zeiten hinter sich hat bildet. Wie bei Wes Anderson üblich purzeln in diesem Mikrokosmos in einem fiktiven Staat am östlichen Rand Europas diverse schrullige Figuren mit der einen oder anderen Macke durch die Handlung, besonders markante Auftritte haben die beiden auf Bösewichte abonnierten Stars Willem Dafoe und Mathieu Amalric.

Das Ganze ist unterhaltsam anzuschauen, hat aber doch nicht den Charme seiner  Royal Tenenbaums, die Publikum und Kritiker auf der Berlinale 2002 beeindruckten. Festival-Direktor Kosslick wird aber erleichtert gewesen sein, dass Wes Andersons neuer Film nicht so floppte, wie das Tiefseetaucher-Drama, das er 2005 im Wettbewerb versenkte.

Fazit zu The Grand Budapest Hotel: ein netter Film, der kaum jemand aufregt, aber auch nicht zu Begeisterung hinreißt. Zum Festivalstart hatte die Prominenz aus Politik (z.B. Außenminister Steinmeier, Innenminister de Maizière und EU-Parlamentspräsident Schulz), Kultur und Wirtschaft einen vergnüglichen Abend, der qualitativ noch ausreichend Luft nach oben für die nächsten zehn Tage lässt.

Der Film hatte heute seine Weltpremiere, konkurriert im Wettbewerb um den Goldenen Bären und soll am 6. März in den deutschen Kinos starten.