Archiv der Kategorie: Berlinale 2014

„5 Zimmer, Küche, Sarg“: originelle Vampir-Komödie aus Neuseeland

Pünktlich zum Halloween-Wochenende kam die neuseeländische Vampir-Komödie 5 Zimmer, Küche, Sarg in die deutschen Kinos. Unter ihrem Originaltitel What we do in the shadows sorgte sie bereits in der Jugend-Sektion Generation 14 plus der Berlinale 2014 für gute Laune.

Die beiden Comedians Taika Waititi und Jemaine Clement führen nicht nur Regie, sondern übernehmen auch tragende Rollen: Waititi spielt den linkisch-gutmütigen Viago, Clement verkörpert den Bad boy Vladislav mit russischem Akzent. Die beiden Vampire leben zusammen mit dem grummeligen Senior Petyr, der schon mehr als 8.000 Jahre auf dem Buckel hat, dem Rocker Deacon und dem Neuzugang Nick in einer WG in Wellington.

Im Mockumentary-Stil berichten uns die Untoten aus ihrem Alltag. Eine erste Erkenntnis: Wie in den meisten WGs gibt es Streit um den Putzplan. Wie lernen sie ihre Opfer kennen, die sie aussaugen können? Wie stehen sie zu Menschen und Werwölfen? Was machen sie in ihrer Freizeit?

Manchen Szenen merkt man zwar ihren improvisierten Charakter an, dennoch bietet der Film gute Unterhaltung (Altersfreigabe: ab 12) und einige originelle Ideen.

Waititi könnte als Regisseur des Maori-Coming of Age-Dramas Boy (2010) bekannt sein. Jemaine Clement war als Boris, die Bestie in Men in Black 3 (2012) zu sehen.

5 Zimmer, Küche, Sarg/What we do in the shadows. Neuseeland 2014. 85 Minuten

Kinostart: 30. Oktober 2014

Ivo Pietzcker als „Jack“: allein gelassen mitten in Berlin

In den vergangenen Jahren lud die Berlinale-Auswahl-Jury eine Reihe von Filmen in den Wettbewerb des Festivals, die mit hochgezogenen Brauen kritisch beäugt wurden. Was haben sie in diesem internationalen Festival-Schaufenster verloren. Nasch schwachen Kritiken waren sie schnell vergessen.

Auch die HR/arte-Produktion Jack, die Regisseur Edward Berger, der zuletzt vor allem TV-Filme gedreht hat, gemeinsam mit seiner Frau und Co-Drehbuchautorin Nele Mueller-Stöfen erarbeitete, wurde anfangs Ähnliches befürchtet. Doch diese Befürchtungen waren in diesem Fall grundlos. Jack ist ein sehenswerter Film, der auf der Berlinale aufhorchen ließ und seit drei Wochen erfolgreich im Kino läuft.

Das Gerüst der Handlung lässt sich sehr knapp zusammenfassen: Der 10jährige Junge Jack wird von seiner überforderten Mutter vernachlässigt, die nur Augen für ihre wechselnden Lover hat (darunter Jacob Matschenz mit einem markanten Kurzauftritt). Das Jugendamt gibt ihn in ein Heim, wo er gemobbt und geschlagen wird. Doch als die ersehnten Ferien endlich da sind, holt ihn seine Rabenmutter (Luise Heyer) nicht ab. Er stromert auf sich allein gestellt durch Berlin – vorbei an S-Bahn-Gleisen, Tankstellen und Mietwagen-Verleihfirmen. Charlottenburg und Wilmersdorf zeigen sich von ihrer hässlichsten Seite, die Erwachsenen reagieren achselzuckend auf Jack, der auch noch für seinen kleinen Bruder Manuel, den die Mutter bei einer Kollegin geparkt hat, Verantwortung übernehmen muss.

Der wichtigste Grund, warum dieser Film so gut funktioniert, ist die beeindruckende schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers Ivo Pietzcker, der schon auf der Berlinale zu einem der Publikumslieblinge avancierte.

Berger und Mueller-Stöfen drehten diesen Film, wie sie im ZEIT-Interview sagten, inspiriert von einem realen Erlebnis in ihrem Umfeld. Ihr Film ist eine überzeugende Mahnung gegen Verantwortungslosigkeit und legt den Finger in Wunden des anonymen Großstadtlebens.

Jack. Deutschland 2013. 103 Minuten. Kinostart: 9. Oktober 2014

Kinostart von drei Berlinale-Panorama-Beiträgen: das Nick Cave-Biopic 20.000 Days on Earth“, das Schweizer Doku-Drama „Der Kreis“ und irischer Brachialhumor in „Am Sonntag bist Du tut“

Ende Oktober starten drei Filme bundesweit in den Kinos, die Wieland Speck und sein Team schon in der Sektion Panorama der Berlinale im Februar 2014 präsentierten.

Der Schweizer Stefan Haupt nahm für sein Dokudrama Der Kreis gleich zwei Preise mit aus Berlin nach Zürich: neben dem queeren Teddy-Award eroberte er auch Platz 1 in der Zuschauerabstimmung über den besten Dokumentarfilm im Panorama. Außerdem schickt ihn die Schweiz ins Rennen um die nächste Oscar-Verleihung Anfang 2015.

Haupts Film ist ein interessanter Mix aus Interviews mit Zeitzeugen und nachgestellten Spielszenen. Er beleuchtet das miefige gesellschaftliche Klima der 50er Jahre, als sich der junge Lehrer Ernst Ostertag (gespielt von Matthias Hungerbühler) und der Travestiekünstler Röbi Rapp (Sven Schelker) im Umfeld des Magazins Der Kreis kennenlernen und verlieben. Diese Zeitschrift testete ab Ende der 1940er Jahre bis in die 1960er Jahre die Grenzen des Sag- und Schreibbaren aus und war einer der Vorreiter homosexueller Emanzipation. Das Paar ist bis heute liiert und hat 2003 die erste Homo-Ehe im Kanton Zürich geschlossen.

Auch wenn manche Passagen etwas zu behäbig sind, handelt es sich bei diesem Kino-Neustart um einen bemerkenswerten gesellschaftspolitischen Dokumentarfilm.

Die zweite neue Dokumentation 20.000 Days on Earth, die eigentlich eher ein Filmessay ist, stellt den Musiker Nick Cave in den Mittelpunkt. Leider begehen Iain Forsyth und Jane Pollard einen Grundsatzfehler: sie machten Nick Cave nicht nur zum Zentrum der Handlung, sondern auch noch zum Drehbuchautor, der uns eine 97minütige Selbstinszenierung bietet, die auf die Dauer langweilt. Nur für eingefleischte Fans empfehlenswert, alle anderen werden durch ein paar schöne, zumeist neuere Songs entschädigt. Für eine erste Annäherung an Nick Cave ist aber die Berner Theaterinszenierung Murder Ballads besser geeignet.

Zwiespältig ist John Michael McDonaghs Am Sonntag bist Du tot (Originaltitel: Calvary) zu bewerten. Er reicht ebenso wie sein voriger Film The Guard nicht an die Qualität seines Bruders Martin McDonagh heran, der mit 7 Psychos und vor allem Brügge sehen… und sterben? auf hohem Niveau unterhält.

Der Film hat nicht recht viel mehr zu bieten als einen fulminanten Anfang und einen bemerkenswerten Schluss. McDonagh geht es um eine wütende Abrechnung mit der für pädophile Missbrauchsskandale verantwortlichen katholischen Kirche Irlands im Gewand einer schwarzen, leider oft holzschnittartigen Komödie. Der lange Mittelteil zerfasert in langastmigen Szenen mit Abziehbildern statt Figuren. Die schönen Aufnahmen der rauen irischen Landschaft und die bekannten Schauspieler Brendan Gleeson (als mit einer Morddrohung konfrontierter Priester) und Kelly Reilly (als seine Tochter) machen dies nicht wett.

Der Kreis von Stefan Haupt (Schweiz). 100 Minuten. Kinostart: 23. Oktober 2014

20.000 Days on Earth von Iain Forsyth/Jane Pollard (Großbritannien). 97 Minuten. Kinostart: 16. Oktober 2014

Am Sonntag bist Du tot/Calvary von John Michael McDonagh (Großbritannien/Irland). 100 Minuten. Kinostart: 23. Oktober 2014

Goldener Bär 2014 für chinesischen Genrefilm: „Feuerwerk am helllichten Tag“

Die Sommer-Berlinale im Freiluftkino am Friedrichshain litt an den ersten beiden Tagen unter den starken Regenfällen und brodelnden Gewittern. Erst am Samstag meldete sich der Hochsommer mit fast 30 Grad und blauem Himmel zurück – gerade noch rechtzeitig, damit der Goldene Bären-Preisträger in einem würdigen Rahmen bei lauen Sommerabend-Temperaturen in der proppenvollen Arena präsentiert werden konnte.

Nach diesem sonnig-heißen Tag hätte der Kontrast auf der großen Leinwand kaum stärker sein können: Diao Yinans Feuerwerk am hellichten Tage (im Original: Bai ri yan huo) spielt im tiefsten Winter in der chinesischen Provinz. Die Figuren stapfen durch Schnee und Eis, laufen Schlittschuh und benutzen diese praktischerweise auch gerne mal als Mordwaffe. Graue, verwaschene Bilder, harte Kost: ein Genrefilm, der mit den Stereotypen einer Femme fatale (Kwai Lun Mei) und eines alkohol-suchtkranken Ex-Polizisten (Liao Fan, der bei der Berlinale 2014 mit dem Silbernen Bären als Bester männlicher Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde) an die Tradition des Film noir anknüpft und oft mehr an Humphrey Bogart als an fernöstliche Sehgewohnheiten erinnert.

Der Genrefilm macht es seinen Zuschauern nicht einfach, die Figuren sind wortkarg, die Handlung über weite Strecken in Nebenstränge verästelt, schwankend zwischen Melodram und Detektivgeschichte. Der Film ist zwar in sich recht stimmig, die Jury-Entscheidung überrascht aber dann doch: ein anderer chinesischer Beitrag, Wu Ren Qu/No man´s land von Ning Hao, war in diesem Jahr wesentlich reifer, ästhetisch beeindruckender und in seiner komplexen, spannungsgeladenen Handlung überzeugender, ging jedoch völlig leer aus.

Feuerwerk am hellichten Tage läuft auch seit dem 24. Juli bundesweit im Kino.

Oscar-Favoriten Teil III: „American Hustle“

In allen sogenannten Big Five-Kategorien der Oscars 2014 ist die Betrügerkomödie American Hustle nominiert: Bester Film, bester Regisseur, bestes Drehbuch, bester Hauptdarsteller (Christian Bale), beste Hauptdarstellerin (Amy Adams).

Diesen Lorbeeren wird David O. Russell, der mit Komödien voller schrulliger Figuren wie Flirting with disaster (1996) und I heart huckabees (2005) auf sich aufmerksam gemacht hat, nicht gerecht: sein neuer Film ist unterhaltsam und die Schauspieler hatten sichtlich Spaß, das skurrile Trickbetrüger-Pärchen im 70er-Jahre-Look zu mimen. Schiefsitzende Haarteile, extratiefe Dekolletees, verqualmte Besprechungen, falsche Scheichs und ein Robert de Niro in gewohnt souveräner Form als Mafia-Anwalt bilden den Rahmen für die Geschichte über die völlig aus dem Ruder gelaufenen FBI-Ermittlung eines ehrgeizigen jungen Polizisten (Bradley Cooper).

Fazit: Der Film hat einige Längen. Mehr Konzentration auf das Wesentliche hätte diesem fast 2,5-Stunden dauernden Film gutgetan. Eine nette Komödie, aber nicht der Film des Jahres. Mit ihrem Oscar-Konkurrenten The Wolf of Wall Street kann sie nicht mithalten.

American Hustle lief zunächst als Berlinale Special im Friedrichstadt-Palast und ist seit 13. Februar in den deutschen Kinos zu sehen.

Webseite zum Film

Nachtrag vom 3. März 2014: Der Film ging bei der Oscar-Verleihung leer aus.

Starke chinesisches Kino im Wettbewerb

Die chinesischen Filme dominierten in diesem Jahr den Wettbewerb um die Goldenen Bären. Diao Yinan gewann die begehrte Trophäe für seinen düsteren Film noir Bai Ri Yan Huo/Black Coal, Thin Ice und stahl damit leider dem zweiten bemerkenswerten Beitrag aus China die Show:

Ning Hao war 2005 mit seinem Film Mongolian Ping Pong schon mal im Forum der Berlinale zu Gast. Seit seinem Uni-Abschluss-Film war es stiller um ihn geworden, nun meldete er sich mit Wu Ren Qu/No man´s land furios zurück. Der Film zieht sein Publikum schon in den ersten Minuten in seinen Bann. Diese bildgewaltige Wüsten-Parabel hat alles, was einen guten Festival-Film ausmacht: eine komplexe, spannungsgeladene Story, starke Bilder aus der lebensfeindlichen Taklamakan im Nordwesten Chinas und klar konturierte, fein gezeichnete Charaktere, die sich gegenseitig übers Ohr hauen wollen. Ein aufstrebender Anwalt sorgte in der abgelegenen Provinz mit einigen Tricks für den Freispruch eines Ganoven aus Mangel an Beweisen, auf dem Heimweg gerät er in ein Geflecht krummer Geschäfte.  Die Figuren sind häufig mit dem Beseitigen der Kollateralschäden beschäftigt (Leichen werden vorzugsweise mit Öl übergossen und angezündet, um alle Spuren zu verwischen).

Fazit: Wu Ren Qu ist ein glänzendes Beispiel für das junge, wilde chinesische Kino, das auf hohem cineastischem Niveau von einer Gesellschaft erzählt, die im Umbruch ist. Dazu zählt auch A touch of sin, der 2013 als Favorit für die Goldene Palme in Cannes galt und momentan in den deutschen Kinos läuft. Gewalt und Korruption, die Parteikader und staatlich gelenkte Medien unter der Decke halten wollen, werden drastisch ins Bild gesetzt. Die Stärke dieses Films ist es, dass er seine gesellschaftspolitische Kritik nicht einfach postuliert , sondern als kunstvolle Parabel erzählt, die mit handwerklichen Finessen gespickt ist.

„Iranien“: gescheiterter Dialog mit den Mullahs

Mehran Tamadon lebt mit seiner Familie seit Jahren im Exil in Paris und machte 2009 mit dem Dokumentarfilm Bassidji über die loyalen Revolutionsgarden auf sich aufmerksam. Schon seit längerer Zeit arbeitete er an seinem nächsten spannenden Projekt: er wollte mit Klerikern vor laufender Kamera über die Grundlagen der iranischen Theokratie und alternative Gesellschaftsmodelle sprechen. Das Regime signalisierte früh und eindeutig, dass ein solcher Film nicht erwünscht sei, Gesprächspartner sagten ihm reihenweise ab, bis das Projekt im vergangenen Jahr doch noch heimlich verwirklicht werden konnte.

Tamadon reiste in den Iran und traf sich in seinem abgelegenen Landhaus mit vier Klerikern, ihr Wortführer ist ein süffisant lächelnder und sehr geschickt argumentierender bärtiger älterer Geistlicher. Tamadon gerät schnell in die Defensive. Als er die Verschleierung von Frauen in Frage stellt, kontern die Mullahs, auf welches allgemein verbindliche Wertefundament er seine säkularen Vorstellungen stellen wolle. Er weiß ihnen wenig entgegenzuhalten, als sie ihm Faschismus und Diktatur vorwerfen. Auch als es um Abtreibung und die Musik von weiblichen Sängerinnen geht, beißt sich Tamadon die Zähne aus.

Iranien ist ein spannender Dialogversuch, der krachend scheitert. Von iranischen Oppositionellen erntete Tamadon wütende Kritik, das Regime fühlt sich endgültig herausgefordert und erklärte, dass sie beim nächsten Einreiseversuch nach Teheran seinen Pass einziehen und ihn verhaften werden. Der Regisseur sitzt also zwischen allen Stühlen.

Fazit: Trotz einiger Längen dokumentiert der Film einen interessanten Dialogversuch, der an der Asymmetrie (vier gegen einen) und der Naivität des Protagonisten scheitert.

Das Berlinale-Rücktritts-Virus

Husten, triefende Nasen und Augenringe gehören zur Berlinale wie die langen Schlangen vor den Ticketschaltern. Aber auf der Berlinale grassiert noch ein anderes Virus:

2011 war die Berlinale gerade erst zur Hälfte vorbei, da veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ihre Plagiatsvorwürfe gegen einen gewissen Karl-Theodor zu Guttenberg. Am Freitag vor dem Abschluss-Wochenende versuchte der ehemalige Superstar des Kabinetts mit einem Slapstick-kinoreifen Statement voller Durchhalteparolen vor der Kulisse des Bendler-Blocks sein Amt zu retten und dem Festival die Show zu stehlen. Er schleppte sich noch über den Publikums-Sonntag, obwohl ständig neue Rücktrittsgerüchte über die Ticker der Agenturen jagten. Knapp zwei Wochen später war der glamouröse Baron Geschichte, in einer billigen Star Trek-Parodie erklärte er sich am Ende seiner Kräfte. Die biedere Wissenschaftsministerin Anette Schavan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

2012 erlebte das Publikum die Berlinale als willkommene Erlösung vom Talkshow-Einerlei, mit dem IllnerPlasbergJauchMaischbergerBeckmann der Rentner-Anstalten ARD und ZDF die Causa Wulff als Endlosschleife verhandelten. Die cineastische Weltreise doch wieder jäh unterbrochen: Wulff kämpfte wochen-, monatelang tapfer um sein Amt, wähnte sich schon über den Berg, aber er hatte sich nicht gegen das Berlinale-Virus immunisiert. Am Donnerstag vor dem Berlinale-Schlusswochenende verkündete die Staatsanwaltschaft eines ansonsten vor sich hin dämmernden Städtchens an der Leine, das als Inbegriff der Langeweile gilt, dass jetzt Schluss mit lustig sei. Am nächsten Tag reisten Christian Wulff, Bettina und das Bobbycar aus Schloß Bellevue ab. IllnerPlasbergJauchMaischbergerBeckmann sendeten hyperventilierend gegen das Festival an und riefen Gauck zum neuen Opa der Nation aus.

2013 war das Berlinale-Virus besonders aggressiv. Der Winter schien nicht enden zu wollen, die Abwehrkräfte waren besonders schwach. Schon am Eröffnungswochenende raffte das Berlinale-Rücktritts-Virus Anette Schavan dahin. Mutti hatte ihr ins Gewissen geredet, jetzt wird sie mit einem Botschafterinnenposten am Heiligen Stuhl abgespeist. Aber auch Rom ist nicht sicher vor dem Virus: Am Montag, an dem der typische Berlinale-Besucher den Film-Kater der Überdosis des Eröffnungswochenendes auskuriert, erwischte das Berlinale-Virus auch Joseph Ratzinger, der keine Lust mehr hatte, als Benedikt XIV. angesprochen zu werden.

Merkels GroKo hatte nach dieser Vorgeschichte sicher schon ein mulmiges Gefühl. Es kam, wie es kommen musste. Am Eröffnungswochenende erreichte uns die dürre Mitteilung, dass Sebastian Edathy, Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses in der letzten Legislaturperiode, sein Mandat niederlegt, drei Tage später stand die Staatsanwaltschaft vor seiner Tür. Am Freitag, als das Festival auf die Zielgerade ging, erwischte es Hans-Peter Friedrich, der sich tapfer als Ritter von der traurigen Gestalt durch durch die NSA-Affäre gequält hatte und nun eigentlich noch als Landwirtschaftsminister einige Weinköniginnen küssen und Grüne Wochen eröffnen wollte. Aber Friedrich hatte die Rechnung bekanntlich ohne das Berlinale-Rücktritts-Virus gemacht…

„The Unknown Known“: sehenswerte Rumsfeld-Doku

Wir hatten ihn schon fast vergessen: Donald Rumsfeld, Verteidigungsminister der Administration von George W. Bush. Sein maliziöses Lächeln, mit dem er bei den Pentagon-Pressekonferenzen mit den Journalisten scherzte. Die Chuzpe, mit der er über die Haftbedingungen in Guantánamo sprach. Die Vehemenz, mit der er vor angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak und Saddam Husseins Verbindungen zu alQaida warnte. Der sarkastische Tonfall, in dem er Old Europe abkanzelte.

In den knapp 100 Minuten von The Unknown Known ist all dies wieder zu erleben. Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Errol Morris, der 2003 für sein Interview The Fog of war mit dem Vietnamkriegs-Veteranen Robert McNamara mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, überredete Rumsfeld zu einem ausführlichen Gespräch vor der Kamera. Gelassen und selbstbewusst reflektiert Rumsfeld die Stationen seiner Karriere, sein gemeinsamer Aufstieg mit seinem Kumpel Dick Cheney in den Administrationen von Nixon und Ford Mitte der 70er Jahre, seine Niederlage im Wettstreit um den prestigeträchtigen Posten als running mate und Vize-Präsidenten-Kandidat von Ronald Reagan (er zog gegen Bush senior den Kürzeren) und vor allem die Zeit, als er nach 9/11 als graue Eminenz im Pentagon die Fäden zog.

The Unknown Known ist ein sehenswerter Dokumentarfilm, das Archivmaterial ist glänzend ausgewählt und weckt manche Erinnerungen, der Fragestil von Morris entlockt Rumsfeld interessante Antworten.

Er argumentiert immer klar und präzise, aber das Selbstbewusstsein, mit dem er sich acht Jahre nach seinem Rücktritt im Dezember 2006 (George W. Bush brauchte damals einen Sündenbock für die Gewaltspirale im Irak und die Niederlage bei den Kongresswahlen) als Sieger der Geschichte fühlt, überrascht dann doch: Obama habe in zwei Wahlkämpfen gegen Guantánamo, die military commissions und den war on terror gewettert. Aber in der Praxis habe er alle Instrumente beibehalten. Dann könne die Politik der Neocons um Bush also doch nicht so falsch gewesen sein, oder?, fragt Rumsfeld grinsend in die Kameras.

Fazit: Einer der Höhepunkte der Berlinale 2014

Nachtrag: Der Film startete am 3. Juli 2014 in den deutschen Kinos

Afghanistan-Drama „Zwischen Welten“ polarisiert

Feo Aladags Wettbewerbs-Beitrag Zwischen Welten wurde bei der Pressevorführung ausgebuht, bekam aber nach der Publikums-Vorführung im Haus der Berliner Festspiele freundlichen Applaus.

Mit ihrem zweiten Film wollte die Regisseurin ein starkes politisches Statement abgeben. Den knapp 100 Minuten, die an Original-Schauplätzen in Afghanistan gedreht wurden, merkt man deutlich an, wie intensiv sich Aladag (Produzentin, Regisseurin und Drehbuchautorin) in ihr Projekt eingearbeitet hat. Die Liste der Danksagungen an Gesprächspartner im Abspann liest sich wie ein Who is who der Sicherheits- und Außenpolitik.

Im Zentrum ihres Films steht das brisante Problem, wie Deutschland mit den afghanischen Ortskräften umgeht, die seit Jahren als Dolmetscher für NATO-Truppen arbeiten. Politikmagazine wie Monitor berichten seit längerem über die restriktive Linie der deutschen Behörden, den Afghanen, die nach dem schrittweisen Abzug der Bundeswehr als Verräter beschimpft werden und in großer Gefahr sind, Schutz und Aufenthalt in Deutschland zu gewähren.

Der Film erzählt aus der Perspektive des Dolmetschers Tarik (Mohsin Ahmady in seiner ersten Rolle). Es stimmt leider, dass die Konflikte zwischen ihm und den deutschen Soldaten und auch innerhalb der deutschen Truppe (Ronald Zehrfeld als Jasper gegen Burghart Klaußner als Oberst Haar) vorhersehbar und auch etwas zu schwarz-weiß gezeichnet sind. Deshalb war es keine gute Entscheidung, den Film in den prestigeträchtigen Wettbewerb um den Goldenen Bären aufzunehmen.

Der Film hat aber dennoch seine Berechtigung auf diesem Festival. Die ZDF/arte-Ko-Produktion wäre wie Aladags Debüt Die Fremde (2010 im Panorama) in einer der Nebenreihen besser aufgehoben gewesen.

Fazit: Zwischen Welten mag zwar kein cineastischer Meilenstein sein und einige Schwächen haben, aber er hat das Verdienst, dass er ein wichtiges Thema ins Bewusstsein holt, das von den politisch Verantwortlichen sonst verdrängt werden könnte.