Archiv der Kategorie: Berlinale 2012

Sehenswertes aus dem Iran und von den Philippinen

Im Forum des Jungen Films ragten zwei Filme heraus:

Ang Babae sa septic tank (was Die Frau in der Klärgrube bedeutet und einen in Cannes sehr erfolgreichen Filmtitel persifliert) von den Philippinen ist eine intelligente Satire auf die Mechanismen internationaler Filmfestivals: Kritik und Publikum in den westlichen Metropolen sind oft sehr angetan von ausführlichen Schilderungen des Elends in exotischen Regionen. Kinderarbeit, Prostitution, Slums: Das sind die Themen, mit denen politisch ambitionierte Filme punkten wollen. Solche Werke, die vor allem nach Aufmerksamkeit für ihre Botschaften heischen, aber künstlerisch uninteressant sind, also reines Wohlfühlprogramm für ein aufgeklärtes Publikum, gibt es auch traditionell im Berlinale-Wettbewerb zu sehen.

Marlon N. Rivera lässt in seiner bösen Abrechnung drei ambitionierte Filmemacher darüber nachdenken, wie sie am besten an Fördergelder, die begehrten Reisen an interessante Orte von Venedig über Berlin und Cannes bis Toronto und vor allem die Trophäen kommen können. Am Reißbrett entwickeln sie eine herzzerreißende Geschichte über eine alleinerziehende Mutter, die ihre sieben Kinder in ärmlichsten Slum-Verhältnissen versorgen muss und deshalb einen Sohn zur Kinderprostitution im Hotel an einen reichen Touristen verkauft.

Der Film unterhält vor allem mit den drastischen Porträts eines eingebildeten Regie-Konkurrenten, der als Liebling der Festivals bereits durch die Welt tingelt, und der Filmdiva Eugene Domingo, die auf den Philippinen tatsächlich ein Soap-Star und sich in der Rolle als vom Filmteam umworbene, exzentrische Hauptdarstellerin selbst auf die Schippe nimmt.

Bemerkenswert war auch der iranische Beitrag Paziaire Sadeh von Mani Haghighi spielt geschickt mit den Erwartungen, die das iranische Regime an sein Kino hat. Präsident Ahmadinedschad inszeniert sich als barmherziger Mann, der bescheiden auftritt und sich um die Armen kümmert. Diese Propaganda kehrt Haghighi, der auch selbst eine der beiden Hauptrollen spielt, ins Absurde: Ein reiches Paar aus Teheran fährt mit prall gefüllten Geldsäcken durch das Gebirge im Grenzland und versucht, ihr Vermögen unter die Leute zu bringen.

Geschickt bleibt diese Parabel in der Schwebe: die Zuschauer sind ebenso im Unklaren über die eigentlichen Ziele des Paars wie die Bergbewohner, die völlig überrascht von dem unkonventionellen Auftritt des Paars in der ansonsten gottverlassenen Gegend sind.

Düsteres Kammerspiel am Polarkreis: Gnade

Im Wettbewerb um die Goldenen Bären war Gnade von Matthias Glasner einer der spannenderen Beiträge: Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel, die den Film mit ihren eindringlichen schauspielerischen Leistungen tragen, verschlägt es als Paar in die Polarnacht von Hammerfest, im Norden Norwegens. Minichmayr spielt Maria, die ihrem Mann Niels, einem Ingenieur, folgte und dort in einem Hospiz arbeitet. Nach einer Doppelschicht fährt sie übermüdet nach Hause, hört auf freier Strecke einen dumpfen Schlag und fährt in Panik einfach weiter.

Mehr als zwei Stunden lang beleuchtet das Kammerspiel das Gefühlsleben der beiden Hauptdarsteller: Aus der Angst, dass sie vielleicht doch "nicht nur" einen Hund überfahren haben könnte, wird in den nächsten Tagen Gewissheit. Ein 16jähriges Mädchen verblutete im Straßengraben.

In manchen Rezensionen wurde kritisiert, dass es doch kaum vorstellbar sei, dass die Polizei im Fall einer Fahrerflucht mit Todesfolge kaum mit Ermittlungen präsent ist. Das ist tatsächlich das Glaubwürdigkeitsdefizit des Films. Seine Stärke ist aber, wie genau er beschreibt, wie sich das Verhältnis von Maria und Niels, der sie bisher mit einer Affäre betrügt, langsam verändert.

Bis zu den recht schwachen Schluss-Einstellungen trägt dieser rote Handlungsfaden der ZDF/arte-Koproduktion ein durchaus sehensewertes Drama um Schuld und Verdrängung.

Publikumsfavorit: Parada aus Serbien

Der Publikumsliebling der Berlinale war ein hochpolitischer und zugleich sehr komischer Beitrag aus Serbien: Parada von Srdjan Dragojevic geht schon im Vorspann die nationalistisch aufgeheizten Konflikte des Balkans mit Witz und Tempo an. In schneller Folge werden die Beschimpfungen eingeblendet, mit denen sich Kroaten, Serben, Kosovaren und bosnische Muslime gegenseitig belegen.

Mit rasanten Schnitten geht es auch weiter: Der Boss einer mafiösen Vereinigung aus ehemaligen "Kriegshelden", die jetzt als Sicherheitsdienst und auch auf anderen Geschäftsfeldern tätig sind, duscht gerade in seiner Villa, als sein geliebter Hund im Hof aus einem heranrasenden Auto angeschossen wird. Seine Gangsterbraut ist eine durchsetzungsstarke Blondine, die gerne das Heft des Handelns behält und unbedingt auf einer kitischigen Traumhochzeit besteht.

So entstehen zwei Querverbindungen des Mafia-Paares zum Tierarzt und dem örtlichen Wedding-Planer, der mit ihm liiert ist und zugleich als Aktivist den Belgrader Christopher Street Day, die titelgebende Parade, organisiert.

Mit viel Liebe fürs Details werden die Klischees des Pulverfasses Balkan und des Hasses der verschiedenen Ethnien demontiert: Der Mafia-Boss muss unter dem Druck seiner Liebsten alle homophoben Vorurteile beiseitewischen und sich mit einigen Mitstreitern (einem Kroaten, einem Kosovaren und einem Bosniaken aus gemeinsamen Kriegszeiten) dem Mob entgegenstellen, der die Gay Pride Parade mal wieder mit Schlagstöcken und Messern angreifen will.

Unter viel Applaus und Gelächter wurde Parada mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, den radio Eins und tip traditionell am Schlusstag der Berlinale vergeben.

Meryl Streep als Margret Thatcher und böse Mediensatire

Ein Highlight der Berlinale war die Verleihung des Goldenen Ehrenbären an Hollywood-Star Meryl Streep, die mit einer beeindruckenden schauspielerischen Leistung als The Iron Lady Margret Thatcher bei der Gala-Vorstellung zu erleben war und bald auch bundesweit in den Kinos zu sehen wird.

Der Film spaltet seit Wochen die Gemüter in Großbritannien, da er die ehemalige britische Premierministerin, die von 1979 bis 1990 in Downing Street No. 10 residierte, mit ihrer Altersdemenz porträtiert. Sie spricht immer wieder mit ihrem längst verstorbenen Gatten Dennis und taucht in die Erinnerungen ab, findet sich in der Gegenwart aber schon beim Einkaufen in der ersten Filmsequenz nicht mehr zurecht.

Regisseurin Phyllida Lloyd zeichnet mit ihrer Hauptdarstellerin das Bild einer durchsetzungsstarken Frau, die sich aus einfachen Verhältnissen als Tochter eines Krämers an die Uni von Oxford und in die damalige Männerbastion des britischen Unterhauses hocharbeitet. Der Film enthält sich jeder Wertung über die umstrittensten Aktionen ihrer Amtszeit: Sie provozierte Massenproteste der Gewerkschaften, als sie Bergwerke schliessen ließ und die Arbeitnehmerrechte beschnitt. Ihre glühenden Anhänger sagen, dass sie die Talfahrt der Nachkriegsjahre stoppte und Großbritanniens Wirtschaft mit hartem Spar- und Deregulierungskurs sanierte. Ihre Gegner werfen ihr vor, dass sie den Neoliberalismus mit aller Verve durchsetzte und damit Entwicklungen lostrat, die auch die Finanzkrise auslösten. Unbestritten ist, dass sie ihre Ära nachdrücklich geprägt  hat und bis heute die politische Debatte erhitzt. Die Rückblenden auf den harten Streit um die Wirtschaftspolitik, den Falkland-Krieg mit Argentinien und das IRA-Attentat auf ihren Parteitag in Brighton von 1984 sind das Herzstück des Films.

Gegen Ende vergisst man fast, dass auf der Leinwand "nur" Meryl Streep und nicht die echte Margret Thatcher zu sehen: Der Film zeichnet im letzten Drittel eindrucksvoll nach, wie sie ihre engsten Mitarbeiter in Kabinettssitzungen abkanzelt und sich in ideologischen Flat-Tax-Steuersenkungs-Ideen verrennt, so dass sie ähnlich wie Stoiber in Kreuth 2007 mit einer Palastrevolution der eigenen Abgeordneten erlebt, da sie die Stimmung an der Basis und bei den Wählern nicht mehr richtig wahrnimmt.

Auch ohne genaue Kenntnisse der britischen Zeitgeschichte ist der Film, der auf der Berlinale außer Konkurrenz präsentiert wurde und ein Oscar-Favorit ist, eine interessante politische Studie, die auch mit dem räumlichen und zeitlichen Abstand hochaktuelle Fragen über den richtigen wirtschaftspolitischen Kurs aufwirft.

Eine weiteres Berlinale Special präsentiert den neuen Film La chispa de la vida des spanischen Regisseurs Alex de la Iglesia, der bei uns bisher noch im Schatten von Pedro Almodóvar steht. Neben Dictado beweist auch dieser Film, dass das spanische Kino mit interessanten Stoffen und kreativen Ideen glänzt. La chispa de la Vida erzählt von der Massenarbeitslosigkeit in Spanien. Ein Familienvater bekommt in der PR-Branche keinen Fuß mehr auf den Boden, obwohl er einen Coca Cola-Slogan erfunden hat, und wird bei seinen Bewerbungsversuchen auf demütigende Art abgefertigt. Als er voller Nostalgie an den Ort seiner Hochzeitsreise fährt, stürzt er in die Baustelle von Ausgrabungen eines Amphitheaters und liegt mit einem Eisennagel im Hinterkopf bewegungsunfähig am Unfallort.

In seiner intelligenten, temporeichen, um keine absurd anmutende Wendung verlegenen Mediensatire zeigt de la Iglesia, wie sich die Filmteams auf die Sensation stürzen. Der verletzte Mann wittert die Chance, seine 15 Minuten Berühmtheit zu versilbern und engagiert einen schmierigen PR-Agenten, der um die Honorare für Exklusiv-Interviews feilscht. Die Sender geben der Frau des Opfers, gespielt von Salma Hayek, zu verstehen, dass die Gage selbstverständlich dann am höchsten wäre, wenn Roberto nicht überlebt und nur das eine Interview hinterlässt.

Words of witness: sehenswerte Dokumentation aus Kairo

Der Schwerpunkt der aktuellen Dokumentarfilmreihe 2012 liegt auf dem Arabischen Frühling. Besonders gut wird die Euphorie nach Mubaraks Sturz, aber auch die große Unsicherheit im schwierigen Transitionsprozess in Words of witness eingefangen.

Die US-Dokumentarfilmerin Mai Iskander heftete sich an die Fersen von Heba Afify, die mit dem frischen Blick einer Anfang Zwanzigjährigen in der Online-Redaktion einer unabhängigen Kairoer Tageszeitung arbeitet: Nach den ersten Jubelbildern vom Tahrir-Platz wird schnell die Skepsis als Grundton des Films spürbar. Afify recherchiert nach den zahlreichen Vermissten, recherchiert in den Akten der staatlichen Sicherheitsorgane und wagt sich in die aufgeladene Stimmung in einem Vorort, wo Konflikte zwischen Christen und Muslimen aufflammen.

Eine wichtige Rolle in der Dokumentation hat Afifyas verschleierte Mutter, die Sympathien für die Revolution hat, ihrer Tochter am liebsten verbieten würde, abends gefährliche Recherchen zu starten: Immer wieder streiten sie, am Ende siegt aber doch die journalistische Neugier der Tochter. Für Heiterkeit sorgt, wie sie ihre Mutter bei den ersten Gehversuchen auf Facebook und Twitter, den Leitmedien der Revolte, begleitet.

Words of witness ist vor allem empfehlenswert, da er nüchtern die doppelbödige Rolle des ägyptischen Militärs beleuchtet: Vor genau einem Jahr stellte sich das Militär eindeutig auf die Seite der Demonstranten und übernahm die Übergangsregierung. Der Film zeigt deutlich, wie seitdem um die Macht gerungen wird. Das Militär schob den Termin für freie Wahlen zunächst hinaus und musste sich vor allem den Vorwurf gefallen lassen, das alte System stabilisieren zu wollen und die Konflikte zwischen den verschiedenen Strömungen und Parteien gezielt zu schüren.

Gerade in diesen Tagen spitzt sich die Auseinandersetzung wieder zu, nach wie vor ist offen, wie das demokratische Experiment ausgeht. Trotz aller Skepsis und Rückschläge ist aus Heba Afifys Worten aber viel Optimismus zu spüren. Sie wird auf Facebook, Twitter und in ihrem Blog am Ball bleiben und auch über die Präsidentschaftswahl im Juni berichten.

Zur Premiere des Films war sie gemeinsam mit ihrer Mutter angereist, diesmal ganz ohne Konflikt.

Sarah Palin jagt Mond-Nazis, Spanien bewältigt Traumata

An diesem Wochenende stachen zwei Filme aus dem unübersichtlichen Mittelmaß heraus: Im Wettbewerb war ein überraschend starker Beitrag aus Spanien zu sehen, den vorher wohl kaum jemand auf der Rechnung hatte. Antonio Chacarrías gelang mit Dictado ein raffiniert konstruierter Psycho-Thriller. Der junge Lehrer Daniel lebt harmonisch mit seiner Frau María zusammen, bis die Idylle immer wieder von Traumsequenzen und Rückblenden durchbrochen wird. Traumata aus der Kindheit und Schuldfragen werden verhandelt und geschickt in die Dramaturgie eingebaut, die sich um die wahre Identität des Pflegekindes von Daniel und María dreht.

Vor allem Juan Diego Botta überzeugt in der Rolle des Daniel, wie er langsam die Kontrolle über feste Gewissheiten verliert, bis das Familiendrama mit einem, Showdown in den Bergen endet. Schroffe Bergkulissen sind auf dieser Berlinale ohnehin wieder schwer in Mode. 

Einen ganz anderen Ton schlägt Timo Vuorensala mit seinem Panorama Special-Beitrag Iron Sky an: In einer vor Ideen sprühenden Satire befehligt Udo Kier auf der Rückseite des Mondes eine Bastion von Nazis, die 1945 dorthin geflohen sind und für 2018 ihre Rückkehr auf die Idee mit einem Meteorblitzkrieg vorbereiten: Der finnische Regisseur phantasiert ein aberwitziges Paralleluniversum mit Wissenschaftlern, die an überdimensionierten Computern seit Jahrzehnten am Antrieb ihres Raumschiffs Götterdämmerung basteln und blonden Lehrerinnen, die ihren Pimpfen die Werte des Führerkults eintrichert, bis ein schwarzer Astronaut mit Smart-Phone und neuester Raumfahrt-Technik in diese Festung eindringt. Die Entdeckung der Mond-Nazis kommt wie gerufen für den dahin dümpelnden Wahlkampf der US-Präsidentin, einer wunderbaren Parodie der Ikone der Tea-Party, Sarah Palin. Zwei Stunden lang taucht das Publikum in diese Groteske eion, die lustvoll alle Mechanismen von US-Wahlkämpfen auf die Schippe nimmt und mit viel Liebe fürs Detail Science fiction-Klassiker persifliert.

The Reluctant Revolutionary im Arabischen Frühling

Der Jemen lag in den vergangenen Monaten eher im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit, die sich zunächst auf Tunesien und den Tahrir-Platz, dann auf Libyen und aktuell vor allem auf Syrien und Ägypten richtet. Immerhin war der Jemen parallel zum Berlinale-Auftakt wieder kurz in den internationalen Schlagzeilen: Das eindrucksvollste Pressefoto des Jahres wurde bei den Protesten gegen den autokratischen Staatschef Saleh aufgenommen.

Seit Jahren hatte der Jemen ein denkbar schlechtes Image: Als armer, von Rivalitäten zwischen Clans zerrissener Nachbar der ölreichen Golfmonarchien und Zufluchtsort von Al-Qaida wurde der Staat auf der Arabischen Halbinsel, wenn er nach neuen Entführungen westlicher Touristen oder neuen Drohnen-Angriffen der CIA mal wieder kurz ins Blickfeld geriet. Sean MacAllister wollte im Auftrag der BBC über Kais berichten, der als Hotelbesitzer und Reiseführer unter den instabilen Verhältnissen besonders leidet. Die Aufnahmen in McAllisters Dokumentation The Reluctant Revolutionary zeigen eine reizvolle Gebirgslandschaft, die dazu prädestiniert wäre, Besucher anzulocken.

Genau in den Beginn der Dreharbeiten platzten die Selbstverbrennung in Tunesien. Binnen Wochen flammten fast übrerall in Nordafrika und Arabien Proteste gegen die feudalen Strukturen und die Chancenlosigkeit der Jugend auf. McAllister nutzte die Chance, änderte sein Konzept und begleitete seinen Protagonisten durch die Umbruchszeit. Wie der Filmtitel schon verrät, will Kais zunächst nichts damit zu tun haben, als er von einem Protestcamp in der Hauptstadt Sanaa hört. Er nimmt die jungen Leute nicht ernst, die nach dem Vorbild des Tariert-Platzes dort ausharren und ihre Schuhe gegen die Großbildleinwand werfen, als Salehs Rede dort übertragen wird.

Kais kaut lieber Khat, die landestypische Droge, und sorgt sich um seine private Existenz: Das Hotel musste er schliessen, mit der Miete für das Reisebüro ist er seit Monaten im Rückstand und seine Frau droht, ihn zu verlassen. Mit verwackelten Handkameraaufnahmen filmen McAllister und Kais heimlich die ersten Demos, noch recht distanziert, für Kais ist das nicht mehr als ein Reiseführer-Job.

Die Stimmung kippt, als die Sicherheitskräfte am Friday of Dignity brutal auf die Proteste einknüppeln und es zu zahlreichen Toten und Verletzten kommt. Jetzt positioniert sich auch der unpolitische Kais klar auf der Seite der Regimegegner, als er hautnah miterlebt, wie Freunde und Nachbarn schwer verletzt werden.

The Reluctant Revolutionary ist ein gelungener Auftakt zur Dokumentarfilmreihe der Berlinale. Zur Premiere brachte der Regisseur auch seinen Hauptdarsteller Kais mit. Er berichtete, dass Saleh mit einigen Finten und Scheinangeboten im Amt bleiben wollte, schließlich aber doch nach 33 Jahren zurücktreten musste. Aktuell ist die Situation dort erstaunlich ruhig, man erwartet mit Spannung die ersten freien Wahlen.

Die Eröffnungsfilme

Zur Eröffnung des Berlinale-Wettbewerbs wurde gestern der französische Beitrag Les Adieux à la Reine gezeigt, der den Spagat zwischen historischem Kostümfilm und politischem Revolutionsdrama wagt.

Auf der Skala der Eröffnungsfilme bekamen wir von Regisseur Benoit Jaquot oberes Mittelmaß geboten: Kostümfilme neigen häufig dazu, dass sie allzu sehr in ihren Dekors schwelgen und hübsche Frauen in erlesenen Gewändern durch die Landschaft flanieren. An gutaussehenden Schauspielerinnen (Léa Seydoux, Diane Kruger, Virginie Ledoyen) herrscht in diesem Film wahrhaft kein Mangel.

Die Stärke des Films ist es, die Atmosphäre im Schloss Versailles am Vorabend der Französischen Revolution gekonnt nachzuzeichnen. Die Ereignisse werden aus der Sicht von Marie Antoinettes Vorleserin, Sidonie Laborde, erzählt: Im Hofstaat wird über merkwürdige Ereignisse getuschelt, auf den unteren Ebenen der Hierarchie weiß niemand etwas Genaues, hinter vorgehaltener Hand wird über einen Sturm auf die Pariser Bastille gemunkelt.

In langen Einstellungen wird debattiert, wie die Königsfamilie reagieren soll: Fliehen und dann mit treuen Verbündeten von der Festungsstadt Metz aus zurückschlagen? Oder kann man doch noch gelassen abwarten, bis sich die Unruhen in der Hauptstadt wieder legen?

Sehr im Spekulativen verliert sich der Film, als er die Gerüchte über eine lesbische Affäre von Marie Antoinette zu einer Gräfin in aller Ausführlichkeit auswalzt. Die Romanvorlage kolportiert schließlich ein Dreiecksverhältnis, das zu Lasten der unschuldig-naiven Vorleserin endet. Diese Nebenhandlung gewinnt am Ende die Oberhand über die interessante Studie über den Machtverfall, die den Anfang des Films prägte, und schmälert somit den positiven Eindruck.

Ein überraschend reifes Erstlingswerk eröffnete die Reihe Panorama: Umut Dag taucht in Kuma in das Beziehungsgeflecht einer türkischen Migrantenfamilie in Wien ein. Die Mutter ist an Krebs erkrankt und verfällt auf die Idee, aus einem anatolischen Bergdorf ein junges Mädchen zu holen. Offiziell wird die arrangierte Ehe mit dem Sohn der Familie geschlossen, der aber nur an Männern interessiert ist. Tatsächlich ist die junge Frau aus der Türkei als neue Ersatzfrau für das Familienoberhaupt vorgesehen.

Mit viel Feingefühl entwickeln Drehbuch und Regie ein bedrückendes Drama aus einer Parallelgesellschaft mit ihren eigenen rigiden Moralvorstellungen, überraschenden Wendungen, aber nicht ohne Aggressionen, Blut und Gewalt. Kuma ist ein sehenswerter Eröffnungsfilm, der die Spannungsverhältnisse unaufdringlich auslotet und vom Publikum mit viel Lob aufgenommen wurde.

Berlinale 2012: Vorbericht

Typisch für die Berlinale ist ein Schmuddelwetter mit Matsch, Schneeregen und Triefnasen. Wahrscheinlich wird es auch gegen Ende des 10tägigen Festivals bei der 62. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele vom 9.-19. Februar wieder so werden. Aktuell hat die sibirische Kaltluft Berlin noch mit zweistelligen Minusgraden als Tageshöchsttemperaturen fest in ihrem eisigen Griff. Die Oscar-Verleihung, die bereits ihre Schatten vorauswirft, ist ohenhin eine starke Konkurrenz. Man darf aber nun umso mehr gespannt sein, wieviele Hollywood-Diven es wagen, im Abendkleid der Kälte zu trotzen und über den Roten Teppich zu flanieren.

Aus der Not, in puncto Glamour-Faktor nicht ganz mit Cannes, Venedig oder Los Angeles mithalten zu können, macht Festival-Direktor Dieter Kosslick eine Tugend und schärft das politische Profil des Festivals: Zwei Schwerpunkte sind klar erkennbar. Im Forum des Jungen Films sind drei Beiträge aus Japan zu Gast, die aus verschiedenen Perspektiven die Katastrophe von Fukushima aufarbeiten. vor allem im Panorama sind Dokumentarfilme aus der Arabischen Welt stark vertreten, die in den Arabischen Frühling vom Kairoer Tahrir-Platz bis nach Jemen eintauchen.

Der Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären muss ohne ganz große Namen aufkommen. Gespannt dürfen wir auf Brillante Mendoza sein, der mit Captive in das Milieu der Abu-Sayyaf-Milizen im Dschungel der Philippinen eintaucht und in den vergangenen Jahren der Liebling anderer Filmfestivals war. Aus der Riege der deutschen Regisseure sind mal wieder die drei "üblichen Verdächtigen" Hans-Christian Schmid (Was bleibt, mit Corinna Harfouch und Lars Eidinger), Matthias Glasner (Gnade, mit Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr am Polarkreis) und Christian Petzold (Nina Hoss als Barbara) vertreten.

Ein Blick lohnt sich auch auf die Sektion Generation 14 plus die längst mehr ist als das Jugendfestival des Filmmonsters Berlinale: Die Filme überraschen immer wieder durch ihren frischen, frechen Ton und ihre ernsten Themen.

Eine Hollywood-Diva ist jedenfalls doch fest eingeplant: Meryl Streep wird mit einem Ehrenbären für ihr facettenreiches Lebenswerk ausgezeichnet. Vor der Preisverleihung wird ihr neuer Film The Iron Lady, ein Porträt von Margret Thatcher, zum ersten Mal in Deutschland zu sehen sein: In Großbritannien streiten sich die Filmkritiker und Leitartikler von links bis rechts bereits seit einigen Wochen, ob die streitbare Ex-Politikerin zu einseitig dargestellt ist.

Darüber und über anderes Wissenswertes wird /e-politik.de/ wieder vom 9. bis 19. Februasr aus den Berliner Festival-Kinos berichten.

Die 62. Berlinale

Die Bildrechte liegen bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.