Archiv der Kategorie: Around the world in 14 films

10. cineastische Weltreise: Düsteres aus dem Iran, Groteskes aus Russland, Höhepunkte aus Jordanien und Norwegen

Ein Pflichttermin am Jahresende für Filmfreunde ist das „Around the World in 14 films“-Festival, das in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfand und erstmals in die Kulturbrauerei umgezogen ist.

Die größte Überraschung des Festivals war für mich „Theeb“ aus Jordanien. Der Debütfilm von Naji Abu Nowar ist auf den ersten Blick ein Abenteuerfilm über einen kleinen Jungen, der sich mit seinem großen Bruder genretypisch durch allerlei Widrigkeiten kämpfen muss. Der Film überzeugt nicht nur durch seine für einen Erstlingsfilm erstaunliche ästhetische Brillanz: die Wüstenregionen des Nahen Ostens wurden selten so eindrucksvoll gefilmt wie hier, das Wadi Rum war als Drehort eine exzellente Wahl, dort entstand auch schon David Leans Monumentalfilm „Lawrence von Arabien“. Beeindruckend ist an „Theeb“ auch, wie beiläufig und doch präzise er über das Jahr 1916 erzählt, als die Kolonialmächte willkürlich Grenzen zogen und Territorien durchschnitten – mit den bekannten, bis heute spürbaren Spätfolgen. Auch deshalb lohnt sich dieser Film, der in Venedig den Preis der Reihe „Orizzonti“ im Jahr 2014 bekam, seitdem auf zahlreichen Festivals lief, aber bisher noch keinen Kinoverleih in Deutschland hat.

Es ist das Verdienst von Bernhard Karl und seinem kleinen Team, dass sie jedes Jahr Filmperlen, die sonst nie auf deutschen Leinwänden zu sehen wären und zu Unrecht vergessen würden, aufspüren und mit Unterstützung des Auswärtigen Amts, arte und prominenter Filmpaten präsentieren.

Mein zweites Highlight war „Louder than bombs“ des Norwegers Joachim Trier. Er hat sich mit seinem Junkie-Drama „Oslo, 31. August“ einen Namen als großes Talent des europäischen Autorenkinos gemacht. In seinem dritten Werk arbeitete er erstmals mit bekannten internationalen Stars zusammen: mit der französischen Ausnahmeschauspielerin Isabelle Huppert, dem jungen Hollywood-Star Jesse Eisenberg (er spielte Mark Zuckerberg in „The Social Network“) und dem Iren Gabriel Byrne.

„Louder than Bombs“ ist ein sensibel erzähltes, bis in die Nebenrollen exzellent gespieltes Familiendrama über die Leerstelle, die der Tod der Mutter hinterlassen hat. Der Film kreist um die Frage, ob ihr Tod tatsächlich ein Autounfall oder ein Suizid war, und vor allem wie die drei Männer damit umgehen: der Witwer (Byrne), der schon erwachsene Sohn (Eisenberg), der seine eigene Familie gegründet hat und an seiner Uni-Karriere bastelt, und schließlich der pubertierende Devin Druid, der mit 16 Jahren eine beeindruckende Leistung zeigt. Dank der vielen großen Namen wird dieser Film am 7. Januar 2016 deutschlandweit in den Kinos starten.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie es iranische Filmemacher schaffen, auch ohne offizielle Drehgenehmigung und trotz aller Schikanen des Regimes das Weltkino zu bereichern. Jafar Panahi wurde für seine Taxi-Tour durch Teherean auf der Berlinale 2015 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Wesentlich düsterer, aber nicht weniger sehenswert ist „Paradise“, der Debütfilm von Sina Ataeian Dena, der beim Festival von Locarno mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde.

Er erzählt von der Lehrerin Hanieh, die jeden Morgen durch öde Industriebrachen an eine Mädchenschule fährt, die vom Drill der Direktorin beherrscht wird: politische und religiöse Instruktionen gibt es regelmäßig über das Megaphon. Fußball ist ebenso streng verboten wie Nagellack. Das geringste Verrutschen des Hijabs führt zu Ermahnungen.

Von diesem Film bleibt vor allem der depressive, leere Blick in Erinnerung, mit dem die Hauptdarstellerin Dorna Dibaj durch die alles andere als paradiesischen Zustände wandert und mit der Ministerialbürokratie um eine Versetzung an eine andere Schule ringt. Reizvoll ist dieser iranische Film auch wegen der vielen Details, die der Regisseur sehr bewusst eingeflochten hat. Auf dieser Entdeckungsreise begegnen uns Verbotsschilder, graue Vorstädte von Teheran, große „Nieder mit USA und Israel“-Propaganda-Banner, im Hintergrund laufen TV-Auftritte der Verbündeten Assad und Chávez zum Versagen der EU in der Griechenland-Krise).

Ein Stammgast internationaler Festivals ist Jia Zhangke. Sein neues Epos „Mountains may depart“ spielt auf drei Zeitebenen (1999, 2014 und 2025) und prangert den Turbokapitalismus zu den Klängen der „Pet Shop Boys“-Hymne „Go west“ vehement an. Der zweite Erzählstrang, die Suche nach Identität und den heimatlichen Wurzeln, ist aber streckenweise etwas zu kitschig geraten. Deshalb ist Zhangkes neuestes Werk nicht so überzeugend wie seine Vorgänger.

Lohnenswert könnte es auch sein, ins russische Kino hineinzuschnuppern. Vasili Sigarev zeigt in seiner märchenhaften Groteske „The Land of Oz“ ein Panoptikum derangierter Gestalten. Mittendrin findet sich Lenka Shabadinova wieder, die gleichmütig durch all die Absurditäten, die ihr widerfahren, hindurchschreitet und sich auch von kuriosen Verhaltensweisen ihrer Mitmenschen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Dieser Film schwebt ganz in seiner eigenen Welt und trägt manchmal etwas zu dick auf, ist aber für den einen oder anderen vielleicht als Beispiel dafür sehenswert, wie junge russische Regisseure die Lage in ihrem Land kommentieren.

Einige Special interest-Filme, die mir weniger gut gefielen: „The Court“ aus Indien zeigt die Willkür in einem Gerichtsverfahren und ist ein wohltuender Kontrapunkt zu den Bollywood-Produktionen, die den dortigen Markt beherrschen. „The Embrace of Serpent“ (Kolumbien) bietet eindrucksvolle Aufnahmen aus dem Amazonas-Dschungel und besonders von Schlangen, ist aber als Meditation über Schamanismus und Kolonialismus etwas zu langatmig geraten. Gegen die Austeritätspolitik der EU-Troika wendet sich der Portugiese Miguel Gomes in seiner „Arabian Nights“-Trilogie, die jedoch den Vorschusslorbeeren nicht gerecht wurde.

Eröffnung der 9. „Around the world in 14 films“-Tour: Andrey Zvyagintsevs Epos „Leviathan“ wühlt im Korruptionssumpf

Der Andrang bei der Eröffnung der 9. cineastischen Weltreise Around the world in 14 films war derart groß, dass Festival-Direktor Bernhard Karl erst die Schlange an der Kasse abwartete und eine halbe Stunde später als geplant auf die Bühne des Kinos Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz kam. Sichtlich euphorisch wegen des Publikumsinteresses fand er in seiner Eröffnungsrede fast alles „extrem“: einige Filme „extrem lang“, die Schauspieler „extrem toll“, seine Freude über die prominenten Filmpaten „extrem groß“. Aber ohne diese Begeisterungsfähigkeit für Filmkunst wäre es wohl auch gar nicht möglich, Jahr für Jahr mit den begrenzten finanziellen Mitteln und umso größerer Energie dieses Festival in der ersten Advents-Woche aus dem Boden zu stampfen. Immerhin konnte in diesem Jahr Frank-Walter Steinmeier als Schirmherr und das Auswärtiger Amt als weiterer Hauptsponsor gewonnen werden.

Als Eröffnungsfilm hatten Bernhard Karl und sein Team Andrey Zvyangintsevs Leviathan ausgewählt, der im sehr stark besetzten Wettbewerb in Cannes 2014 für das Beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Der russische Regisseur machte sich 2003 mit seinem Debüt The Return/Die Rückkehr schlagartig bekannt und brachte gleich den Goldenen Löwen aus Venedig mit nach Hause. Nach zwei weniger beachteten Werken taucht er mit Leviathan tief in ein Geflecht mehrer mythologischer, philosophischer und literarischer Stoffe ein.

In diesem Werk, das voller Anspielungen steckt, die man beim ersten Sehen kaum alle erkennen und einordnen kann, verknüpft er den staatsphilosophischen Klassiker Leviathan von Thomas Hobbes mit dem biblischen Hiob, Kleists Michael Kohlhaas und einem Zeitungsbericht über eine wahre Geschichte aus den USA. Den 141 Minuten hätte eine stärkere Verdichtung jedoch gut getan, in einigen langatmigen Passagen schleppt sich Leviathan recht zäh dahin.

Überzeugend sind die dramatischen Momente der Konfrontation zwischen Kolja und dem übergewichtigen, versoffenen Bürgermeister, der sich als Provinzfürst irgendwo in den russischen Weiten aufspielt und für sich das Recht des Stärkeren in Anspruch nimmt. Als es der Bürgermeister auf Koljas Grundstück abgesehen hat und ihn enteignen möchte, vollzieht sich ein für unsere Augen surrealer Gerichtsprozess. Regisseur Zvyagintsev stellte jedoch im Film-Nachgespräch mit Ulrich Matthes klar, dass es sich bei dem Auftritt der Richterin um eine realistische Beschreibung russischer Zustände handelte.

Putins Kulturmininsterium bewilligte Fördergelder für den Film, aber man kann gut nachvollziehen, dass sich der zuständige Minister nicht sonderlich erfreut zeigte, als er das fertige Werk zum ersten Mal sah: zu deutlich ist die scharfe Kritik an der mangelnden Rechtsstaatlichkeit, an der Korruption und an der zu engen Allianz der politischen Macht im Kreml mit der orthodoxen Kirche.

Unter dem Strich war Leviathan ein ansprechender Auftakt für die kommenden zehn Tage. Ein echter Glücksgriff war die Patenschaft von Ulrich Matthes. In früheren Jahren absolvierten die prominenten Paten, die jeweils einen Film des Festivals begleiten, teilweise nur sehr oberflächliche Pflicht-Kurzauftritte. Der renommierte Schauspieler aus dem Ensemble des Deutschen Theaters hob sich davon sehr positiv ab: Seinen Fragen im Nachgespräch war deutlich anzumerken, dass er den Film vorab zwei Mal gesehen und sich intensiv mit dem Werk des Regisseurs befasst hatte. Diese 45 Minuten waren ein Gewinn für das Publikum.

Leviathan von Andrey Zvyangitsev. – Russland, 2014. – Kinostart für Frühjahr/Sommer 2015 geplant

Starker Jahrgang bei der 8. cineastischen Weltreise „Around the world in 14 films“ 2013

25 % mehr Zuschauer waren der verdiente Lohn für eine erlesene Filmauswahl bei der 8. Auflage des Around the world in 14 filmsFestivals, das in der ersten Adventswoche im Berliner Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz stattfand.

2013 war ein starker und hochpolitischer Jahrgang. Besonders hervorzuheben sind Manuscripts don´t burn von Mohammad Rasoulof, Le Capital von Altmeister Costa-Gavras, Like father, like son von Hirokazu Kore-eda und The Missing picture von Rithy Pan.

Aus dem Iran bekamen wir in den vergangenen Jahren viele Parabeln zu sehen, die kunstvoll verrätselt die Grenzen des Sag- und Zeigbaren ausloteten. Ganz anders Mohammad Rasoulof, der bereits mit seinen letzten Filmen in Konflikt mit dem iranischen Regime geriet und es in seinem neuen Werk dennoch frontal angeht: Rasoulof zeigt in eindringlichen Bildern, wie Sicherheitskräfte kritische Autoren unter Druck setzen. Die Zuschauer erleben den aalglatten Seitenwechsler, der eine hohe Stelle im Geheimdienstapparat übernahm und die ehemaligen Weggefährten mit Finten und einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche lockt. Auch die unteren Ränge, die die Drecksarbeit bei der Folter und beim Kidnapping verrichten, werden porträtiert, in einem Nebenstrang geht es um die Sorgen eines Mannes um sein krankes Kind und seine Mühe, die Krankenhausrechnung bezahlen zu können.

Manuscripts don´t burnder Titel spielt auf eine Zeile aus Bulgakows Werken zur Zeit des Stalinismus an – ist ein sehr mutiger, fordernder Film, der unter schwersten Bedingungen heimlich in Teheran und Hamburg gedreht wurde und auch das heiße Eisen der sogenannten Kettenmorde in den 90er Jahren thematisiert. Aus Sicherheitsgründen taucht außer dem Regisseur kein weiterer Name im Abspann auf. Rasoulof darf nach diesem provozierenden Film nicht aus dem Iran ausreisen, zwei seiner Darsteller leben derzeit in Deutschland, waren kurz auf der Bühne, blieben aber aus nachvollziehbaren Gründen beim Gespräch mit dem Festivaldirektor Bernhard Karl und dem Film-Paten Wim Wenders sehr wortkarg.

Der Film wurde in der Reihe Un certain regard in Cannes ausgezeichnet und wartet in Deutschland immer noch auf einen Verleih.

Le Capital von Costa-Gavras ist ein eleganter Polkt-Thriller aus der Finanzwelt, den man mehr als einmal sehen sollte, um dieses Geflecht aus Intrigen und schmutzigen Tricks ganz zu durchdringen. Mit Verfremdungseffekten wie in House of Cards spricht der Hauptdarsteller das Publikum immer wieder direkt an. Der Hauptdarsteller Marc Tourneuil (gespielt von Gad Elmaleh) wird nach einem gesundheitlichen Kollaps des Patriarchen als vermeintlich leicht steuerbare Marionette an der Spitze des Bankhauses installiert. Heuschrecken aus den USA planen eine feindliche Übernahme, ein Model umgarnt ihn mit undurchschaubaren Absichten, ein Einstieg im Asien-Geschäft soll ihn in eine Falle locken. Mit postmarxistisch-ernüchtertem Blick und der stilistischen Handschrift des Altmeisters entfaltet Costa-Gavras ein sehenswertes Drama aus der Parallel-Welt der Hoch-Finanz. Auch dieser Film hat noch keinen deutschen Verleih.

Ganz auf das Private konzentrierte sich Hirokazu Kore-eda in Like father, like son: bei Einschulungstests stellt sich heraus, dass die Krankenschwester mutwillig zwei Jungen nach der Geburt vertauschte. Während Keita mit Klavierunterricht und Leistungsdruck als Einzelkind im Haus eines überarbeiteten Top-Managers aufwächst, landet das andere Kind bei einem Vater, der in den Tag hineinlebt und keine klaren Erziehungsregeln vorgibt.

Zwei Stunden lang entfaltet sich ein berührendes Drama: Der Manager berät sich mit seinem Anwalt und möchte der anderen Familie das Kind abkaufen, die das entrüstet ablehnt. Als es zu einem Probetausch kommt, fühlt sich der Junge im kühlen Ambiente des Großbürgertums unwohl. Der Film lebt von den starken schauspielerischen Leistungen der Erwachsenen und Kinder, von seiner genauen, einfühlsamen Beobachtung der Prozesse und seiner durchdachten Konstruktion, und wurde in Cannes zurecht mit einem der Hauptpreise ausgezeichnet.

Stilistisch gelungen und politisch hochinteressant: diese seltene Kombination trifft auf Rithy Panhs The Missing Picture. Dieser dokumentarische Essay, der in Cannes den Hauptpreis der Reihe Un certain regard erhielt, hätte mehr Zuschauer verdient gehabt, als sich am späten Abend im Babylon einfanden. Mit kunstvollen Holzpuppen illustriert Panh seine autobiographischen Erinnerungen an Pol Pots Rote Khmer-Regime (1975-1979). Als Kind des Bildungsbürgertums wurde er mit seiner Familie aus Phnom Penh vertrieben und in Umerziehungs-Arbeitslager. geschickt und reflektiert diese Zeit in diesem vielschichtigen, dennoch kompakten Werk.

 Neben diesen vier herausragenden Werken waren sehenswert:

The Attack von Ziad Doueiri. Die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Yasmina Khedira schildert, wie ein erfolgreicher palästinensischer Arzt in Tel Aviv erkennen muss, dass seine Frau ein Doppelleben führte und bei einem Attentat 17 Menschen in den Tod riss. Dieser Film ist künstlerisch durchschnittlich, aber politisch sehr brisant und wurde in vielen arabischen Staaten verboten, da der libanesische Regisseur es wagte, Rollen der Palästinenser mit israelischen Schauspielern zu befassen. Leider konnte Doueiri nicht wie angekündigt nach Berlin kommen und mit Thomas Ostermeier von der Schaubühne diskutieren.

An Tarantino erinnert A Touch of sin von Jia Zhang-ke: das Blut spritzt, Martial Arts-Szenen durchbrechen die Handlung des Films, der in Cannes für das Beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Der Regisseur griff vier Zeitungsmeldungen auf und verknüpft sie zu einem tiefschwarzen Porträt Chinas, das in seinen Augen von Korruption und Turbokapitalismus zerfressen ist. Vieles wirkt hier vorhersehbar und zu dick aufgetragen, am 16. Januar läuft der Film in den deutschen Kinos an.

Tilda Swinton trägt Jim Jarmuschs Vampir-Tragikomödie Only lovers left alive, der an den Weihnachtsfeiertagen in den Kinos startet und das Publikum in die versponnen Welten des amerikanischen Independent-Kinos entführt. Bereits am Mittwoch, 12. Dezember, kommt Jarmusch zur Premiere ins Berliner Kino International, anschließend legt er als DJ im Tresor auf.

Um den Oscar für den besten ausländischen Film konkurriert Asghar Farhadi mit Le Passé – Das Vergangene, einem interessanten Scheidungsdrama mit Komplikationen, bei dem sich mehrere Stränge verknoten und Schuldfragen an einem Suizid stellen. Bérenice Béjo wurde in Cannes als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet und spielt eine hochschwangere, verunsicherte Frau, die sich ständig an ihrer Sucht-Zigarette festhalten muss, unfreiwillig passend zur Tabak-Marke Pepe, die neben arte Hauptsponsor des Festivals ist.

Einen ungewöhnlichen Auftritt hatte der britische Botschafter Simon McDonald, der gemeinsam mit Sophie Fiennes (Schwester des Schauspielers Ralph Fiennes) The Pervert´s Guide to Ideology vorstellte. Feuilleton-Liebling Slavoj Zizek springt in seinem typischen assoziativen Stil 144 Minuten lang durch Konsum- und Kapitalismuskritik, Popkultur und Filmgeschichte.

Nur für die zahlreichen Anhänger ihres Gurus ist der verschrobene Beitrag La danza de la realidad von Alejandro Jodorowsky zu empfehlen. Enttäuschend war auch Love Steaks, ein Film von Studenten der Potsdamer HFF, der nach Dogma-ähnlichen Fogma-Regeln gedreht wurde und sich auf dem Stadium eines mäßig interessanten Experiments verliert. Love Steaks kann nicht mit den deutschen Beiträgen vergangener Jahre wie Die Kriegerin und Draußen ist Sommer mithalten.

Das Around the world in 14 films-Festival 

Zum siebten Mal startete die cineastische Weltreise

Das ehrenamtliche Engagement ist beeindruckend, mit dem Bernhard Karl mit einem kleinen Team nun schon zum siebten Mal das Around the world in 14 films-Festival im Berliner Kino Babylon stemmt. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, dem anspruchsvollen Großstadtpublikum, das auch dieses Jahr wieder zahlreich erschien, eine erlesene Auswahl cineastischer Leckerbissen zu präsentieren, die auf den Film-Festivals von Venedig über Cannes bis Toronto, Sundance oder San Sebastian glänzende Kritiken begannen, aber dennoch Schwierigkeiten haben, einen Verleih zu finden. Ohne dieses Festival würde ihnen drohen, in Vergessenheit zu geraten, höchstens auf DVD im Heimkino oder irgendwann mal auf arte zu sehen zu sein.

Besonders überzeugend waren in diesem Jahr die lateinamerikanischen Filme: Daniel Brühl präsentierte als Pate den Film No von Pablo Larraín, der ein Cannes einen wichtigen Preis gewann und für Chile in das Oscar-Rennen geschickt wird. Gael García Bernal spielt darin einen jungen Werbeprofi, der von der chilenischen Opposition für eine scheinbar aussichtslose Mission angeheuert wird: Der für Folter und andere Menschenrechtsverletzungen berüchtigte Militärdiktator Pinochet musste auf internationalen Druck 1988 eine Volksabstimmung über seine weitere Amtszeit zulassen. Der Film, der auf einem wahren Kern beruht, aber vieles dramaturgisch zuspitzt, zeichnet in einer seltenen Mischung aus politischem Engagement und Witz nach, wie die Opposition trotz aller Schikanen die Gunst der Stunde nutzt und dieses Referendum gewinnt. Der Film endet mit der Wahlnacht und zeigt leider nicht, mit welchen verfassungsrechtlichen Tricks sich Pinochet nach seiner Abwahl als Staatspräsident zum Senator auf Lebenszeit und Oberbefehlshaber ernennen ließ.

Stark war auch der rumänische Beitrag Dupa dealuri/Beyond the hills, der in epischer Länge von fast drei Stunden und akribischem Blick für Details das Schicksal der Freundinnen Alina und Voichita zeigt.  Cosmina Stratan und Cristina Flutur wurden in Cannes als beste Hauptdarstellerinnen ausgezeichnet, Cristian Mungius Film gewann außerdem den Preis für das beste Drehbuch. Auch diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit: Alina versuchte ihr Glück in Deutschland, Voichita entschied sich dafür, in ein strenges Kloster einzutreten. Es kommt zum Streit zwischen den beiden jungen Frauen, als Alina vergeblich versucht, ihre Freundin zu überreden, mit ihr zu kommen. Die unreligiöse Alina bleibt nun ebenfalls in diesem kargen Kloster in einer Bergregion, die wie aus der Zeit gefallen scheint, eckt aber von Tag zu Tag in diesem engen Korsett aus Riten, Beichten und Fasten mehr und mehr an. Der Exorzismus der alten Nonnen und ihres verehrten Priesters nimmt ein tödliches Ende, als sie versuchen, die "Besessene" aus den Fängen des Teufels zu entreißen.

Der politisch brisanteste und schrägste Film des Festivals war The Ambassador des dänischen Journalisten Mads Brügger, der im Programmheft treffend als schillernde Figur "irgendwo zwischen Günter Wallraff und Sascha Baron Cohen" vorgestellt wurde. Mit versteckter Kamera filmte er seine brenzligen Erlebnisse, nachdem er von einem dubiosen Geschäftsmann den Titel eines Diplomaten Liberias in der Zentralafrikanischen Republik gekauft hatte. Unter dem Vorwand, eine Streichholzfabrik aufbauen zu wollen, traf er sich mit den Größen aus Politik, Halb- und Unterwelt. Die Grenzen zwischen diesen Milieus waren fließend, ihre Verstrickung in den Schmuggel mit Diamanten und anderen wertvollen Diamanten das verbindende Element. Seitdem Brüggers Betrug als angeblicher Diplomat aufgeflogen ist, sucht ihn die Justiz Liberias mit Haftbefehl. Auch während seiner Harakiri-Aktionen drohte ihm schon, im berüchtigten Zentralgefängnis zu verschwinden, was er jedoch nach einem Anruf bei einem befreundeten Minister in letzter Minute abwenden konnte. Brügger ist weiter auf freiem Fuß und konnte im Publikumsgespräch in Berlin anschließend aus erster Hand über seine Erlebnisse berichten.

Interessante Einblicke waren auch in die prekären Arbeitsbedingungen der Regisseure und Filmteams in einigen Krisenstaaten. Wim Wenders stellte Sangue do meu sangue/Blood of my blood seines ehemaligen Regieassistenten Joao Canijo vor. Der portugiesische Regisseur erzählte im Anschluss an sein Familien- und Sozialdrama aus der Banlieue Lissabons, dass in dem südeuropäischen Staat auf dem Höhepunkt der Euro-Schulden-Krise in diesem Jahr kein Cent mehr in den Fördertöpfen für Filme war.

Auf unkonventionelle Art löste Sergey Loban seine Finanzprobleme, als ein Oligarch nach dem Lehman-Crash von 2008 den Geldhahn für den erst zur Hälfte produzierten Film The Chapiteau-Show zudrehte: Als Projekt lag auf Eis, bis sich eine Freundin des Filmteams von ihrem neuen Ehemann, einem anderen Oligarchen, zum Geburtstag wünschte, dass er die Löcher im Budget stopfen sollte. Heraus kam eine für westliche Augen gewöhnungsbedürftige Mixtur aus Märchen, Musical und Meditation über Begriffe wie Freundschaft und Respekt, die sich mittlerweile in Moskau zum Kultfilm entwickelte. Als Independent-Film mit durchaus kritischen Passagen gegen die orthodoxe Kirche und Putins herrschende Moral gestartet, erreichte er ein breites Publikum und lief mittlerweile sogar im privaten Mainstream-TV.

Das 7. Around the world in 14 films-Festival

Weltkino der Extraklasse: Japanische Favoriten

Zum 6. Mal fand im Berliner Kino Babylon ein besonderes Festival statt, das in der Fülle der Veranstaltungen herausragt. Pünktlich zum Adventsbeginn laden die Organisatoren zur Entdeckungsreise Around the world in 14 films ein: Die Highlights aus Cannes, Venedig, San Sebastian, Locarno oder Toronto, die sonst untergehen würden, wahrscheinlich nie in deutschen Kinos zu sehen wären und höchstens auf DVD einen Verleih finden würden, werden von prominenten Paten und mit interessanten Gesprächsrunden eine Woche lang präsentiert.

Der spannendste und bildgewaltigste Beitrag stammte aus Japan: Sono Sion fasste sich in Cold Fish zum Abschluss seiner Hass-Trilogie für seine Verhältnisse erstaunlich kurz: Nach Love Exposure, der mit einem wilden Mix aus Bolero-Klängen, religiösen Symbolen und Rache-Plots mehr als vier Stunden im Forum der Berlinale für volle Kinosäle sorgte, zaubert der Regisseur diesmal 144 Minuten lang ein diabolisches kleines Meisterwerk voller rabenschwarzem Humor auf die Leinwand. Ein eiskalter Geschäftsmann mit jovialer Fassade macht seinen Geschäftspartnern Angebote, die sie nicht ablehnen können, und lässt sie mit sehr ausgefeilten Techniken verschwinden, wenn sie es wagen, seinen Plänen zu widersprachen. In einer temporeichen Geschichte voller Ideen schwelgt der Film in seiner eigenen sarkastischen Parallelwelt.

Surreal und voller Halluzinationen, aber dennoch hochpolitisch ging es zur Eröffnung bei Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod zu. Der spanische Regisseur Alex de la Iglesia steht hierzulande bisher im Schatten von Pedro Almodóvar, zeigte aber in einigen seiner Filme bereits erstaunliche Kunstfertigkeit. In seinem Parforce-Ritt durch die spanische Geschichte widmet sich der Film vor allem den Massakern des Bürgerkriegs und den bleiernen Franco-Jahren. Mit grausamen Splatter-Gemetzeln und symbolisch aufgeladenen Szenen über einen bösen Clown, der den Diktator darstellen soll, und einen traurigen Clown, der für den Widerstand steht, inszeniert de la Iglesia einen Film, der sich an seinen Bildern berauscht und das Publikum spaltet. Die Jury unter Vorsitz von Quentin Tarantino zeichnete Mad Circus für die Beste Regie und das Beste Drehbuch aus. Die Brutalität der albtraumhaften Szenen ist auf die Dauer aber sehr zermürbend, wie auch der prominente Filmpate Volker Schlöndorff warnte. Vieles wirkt auch zu sehr wie L´art pour l´art.

Sehr viel ruhiger ging es beim iranischen Film Good Bye von Mohammad Rasoulof zu, der im Oktober zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde: In beklemmenden Einstellungen folgt er dem Kampf einer jungen Anwältin, die zunächst ihre Arbeitserlaubnis verliert und anschließend mit den Behörden um ein Ausreisevisum ringt. Der Film wurde im Sommer heimlich zum Festival nach Cannes geschmuggelt und wurde dort mit dem Hauptpreis der Reihe Un Certain Regard ausgezeichnet.

Weniger explizit, aber doch  wahrnehmbar werden die gesellschaftlichen Konflikte in den Beiträgen aus Marokko und Russland verhandelt: Leila Kilani porträtiert in On the edge die Wut junger Arbeiterinnen in einer Shrimps-Fabrik, die vom besseren Leben in Freihandelszonen an der Küste oder in Europa träumen. Ihre gehetzten Blicke, ihre wilden Raps und ihre aufgestaute Energie lassen erahnen, welche Konflikte zum Arabischen Frühling führten. Die enorme soziale Kluft in Russland thematisiert Elena von Andrei Zvyangitsev, der von Ulrich Matthes voller Begeisterung vorgestellt wurde, aber manchmal etwas plakativ war: Elena heiratete einen Neureichen, der den größten Teil seines Vermögens seiner verwöhnten Tochter vererben möchte. Sie pendelt zwischen zwei Welten: Ihrem neuen Leben in der Luxus-Villa und der Sozialwohnung, in der ihr Sohn mit seiner Familie haust.

Musikalisch konnten die Small Town Murder Songs des Kanadiers Ed Gass-Donnelly am meisten überzeugen: Den Soundtrack zu diesem düsteren Film Noir über Morde in einer Mennonitengemeinde lieferte Bruce Peninsula mit Gospel-, Rock- und Percussion-Klängen.

Für Freunde des Bollywood-Kinos ist Raavanan empfehlenswert. Diese tamilische Dreiecksgeschichte ist gespickt mit Anspielungen auf archaische Mythen, stilisierten Action-Einlagen und schwülstigen Gefühlsausbrüchen, unter denen die Hauptdarstellerin, das L´Oreál-Model Aishwarya Rai Bachchan ausdrucksstark leidet.

Festival Around the world in 14 films