Archiv der Kategorie: Filmkritik

Aussortiert: Deprimierendes französisches Sozialdrama „Der Wert des Menschen“

Dieser Film ist das krasse Gegenteil einer Feel-good-Komödie. Stéphane Brizé zeichnet in “Der Wert des Menschen” ein deprimierend realistisches Porträt eines ca. 50jährigen Familienvaters, der plötzlich arbeitslos wurde.

Das Jobcenter verschiebt ihn von einer Umschulung zur nächsten, einer beruflichen Perspektive kommt er dadurch keinen Millimeter näher. Beim Vorstellungsgespräch via Skype macht ihm der Arbeitgeber sofort klar, dass seine Chancen sehr gering sind. Er solle bitte auf keinen Fall anrufen, man werde sich melden.

Ein Tiefpunkt auf der Leidenstour, die Thierry (Vincent Lindon) absolvieren muss, ist das Bewerbungstraining, bei dem der Kursleiter und die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sein Probe-Video hämisch auseinandernehmen.

Die Handkamera bleibt bei dieser arte-Co-Produktion immer dicht an ihrer Hauptfigur. Mit stoischer Miene müht sich Thierry, bis er endlich als Detektiv in einem Kaufhaus angestellt wird.

Er ist zwar wieder in Lohn und Brot, aber Glück sieht anders aus: er wird von der Filialleitung darauf angesetzt, neben potenziellen Ladendieben vor allem die Kassiererinnen genau zu überwachen: Da Personal eingespart werden soll, ist jeder Beweis einer Verfehlung höchst willkommen. Wer Treuepunkte aufs eigene Konto bucht oder Pfandmarken (wie im Fall Emmely) einsteckt, fliegt sofort.

“Der Wert des Menschen” ist eine 90minütige Sozialstudie, die sich ihrem Thema hochkonzentriert widmet. Nur der Nebenstrang des behinderten Sohnes wirkt etwas zu krampfhaft hinzugefügt. Die Leistung des Hauptdarstellers Vincent Lindon überzeugte auch die Jury in Cannes, die ihn beim Festival 2015 als besten männlichen Hauptdarsteller auszeichnete.

Nach der Berlin-Premiere zur Eröffnung des “Around the world in 14 films”-Festivals im November 2015 startete “Der Wert des Menschen” am 17. März 2016 bundesweit in den Kinos.

Raum: Hollywood wird von den Kampusch und Fritzl inspiriert

Ihren Namen kannten bis vor kurzem nur Insider: die kalifornische Schauspielerin Brie Larson gewann in diesem Jahr den “Golden Globe” und den “Oscar” als beste Hauptdarstellerin in “Raum”.

Sie spielt eine junge Mutter, die entführt und in einem Schuppen regelmäßig von ihrem Peiniger vergewaltigt wird. Es ist klar, von welchen realen Ereignissen sich die kanadische Drehbuchautorin Emma Donoghue inspirieren ließ: die österreichischen Fälle von Natascha Kampusch und der Familie Fritzl standen Pate.

Die fiktive Handlung dieses Indepent-Films, der laut Süddeutscher Zeitung mit schmalem Budget auskommen musste, beginnt am 5. Geburtstag von Jack (Jacob Tremblay). Wie wir nach und nach erfahren, wurde er bei einer der zahlreichen Vergewaltigungen gezeugt.

Er hat nie etwas anderes als den wenige Quadratmeter großen Raum kennengelernt. Frei nach dem berühmten Wittgenstein-Zitat bedeuten die Grenzen des Zimmers die Grenzen seiner Welt. Die Menschen im Fernsehen seien frei erfunden; Ozeane, Wälder und Städte existierten auch nicht in der Realität, impft Jacks Mutter ihm anfangs ein. Jenseits der Oberluke liege nur das Weltall. Dennoch versucht Joy, ihn zwischen Kochnische, Bett, Schrank, Stühlen und Zimmerpflanze so “normal” und behütet wie möglich aufwachsen zu lassen.

Das Erzähltempo zieht nur langsam an. Im Mittelteil lässt Regisseur Lenny Abrahmson die Zuschauer im Kinosessel bei den Fluchtversuchen mitfiebern. Diese Passagen sind die stärksten Momente des Films.

Danach tappt der Film zu oft in die Klischeefallen, als er versucht, Mutter und Sohn dabei zu beobachten, wie sie sich mühsam an die Welt jenseits ihres Gefängnisses herantasten. Es ist sicher eine schwierige Gratwanderung und erfordert viel Fingerspitzengefühl, dieses Thema in den Griff zu bekommen. Aber das penetrante Klaviergeklimper und die hölzernen “Es tut mir leid”-Dialoge, mit denen sich der Film seinem Ende entgegen schleppt, sind schon ziemlich enttäuschend.

“Raum” startete am 17. März 2016 in den Kinos: Webseite und Trailer

Biopic „Trumbo“: Drehbuchautor wird Opfer der Kommunisten-Paranoia

Was für ein Stoff! Das Biopic „Trumbo“ erzählt die wahre Geschichte des Drehbuchautors Dalton Trumbo, der sich in den 40er Jahren für die Kommunistische Partei in den USA engagierte. Dementsprechend schnell geriet er ins Visier des berüchtigten Komitees für unamerikanische Umtriebe , das während der McCarthy-Ära eine paranoide Hexenjagd auf zahlreiche Künstler und Intellektuelle startete.

Trumbo und seine Mitstreiter sahen den Vorwürfen anfangs ganz gelassen entgegen. Spätestens der Supreme Court werde dem Spuk ein Ende machen und den Gesinnungsschnüffeleien ein Ende setzen, da dort eine 5:4-Mehrheit von liberalen Richtern amtierte. Diese Rechnung ging nicht auf, nicht zuletzt weil einer der Richter plötzlich nach einer Herzattacke starb: Die linken Regisseure, Drehbuchautoren und Schauspieler gingen als sogenannte Hollywood Ten in die Geschichte ein. Sie wurden zu Geld- und Haftstrafen verurteilt und landeten auf einer „Schwarzen Liste“, keines der großen Hollywood-Studios nahm sie unter Vertrag.

Dalton Trumbo wusste sich zu helfen. Mit fast schon despotischer Strenge baute Trumbo in jenen Jahren, als er von den Kommunistenhassern mit Berufsverbot belegt war, ein kleines Familienunternehmen auf. Er spannte seine Frau und die Kinder ein und belieferte unter diversen Pseudonymen seine Auftraggeber. Das meiste davon war billiger Trash für Frank King (John Goodman in einer Paraderolle), für den er wie am Fließband seine Plots entwickelte. Er veröffentlichte aber auch zwei Drehbücher, die mit einem Oscar prämiert wurden: „Ein Herz und eine Krone“ (1953) mit Audrey Hepburn und Cary Grant läuft hin und wieder im Feiertagsprogramm, der Western „Roter Staub“ (1957) ist dagegen heute fast vergessen.

Als sich 1960 das gesellschaftliche Klima liberalisierte, waren Stanley Kubricks berühmtes „Spartacus“-Epos mit Kirk Douglas, das damals auch den jungen Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy begeisterte, und Otto Premingers „Exodus“ waren die ersten Filme, bei denen Dalton Trumbo wieder mit seinem richtigen Namen im Abspann genannt wurde.

Die Biografie des Drehbuchautors, der politischer Hysterie zum Opfer fiel und erst spät zu den verdienten Ehren kam, wäre eine Steilvorlage für einen spannenden Kinoabend. Erst recht bei diesen Schauspielern: „Breaking Bad“-Hauptdarsteller Bryan Cranston spielt den „Trumbo“ und war auch in der engeren Wahl bei der Oscar-Verleihung, zog aber gegen Leonardo di Caprio als „The Revenant“ den Kürzeren. Helen Mirren verkörpert die Kolumnistin Hedda Hopper, die gemeinsam mit dem Western-Helden John Wayne in Hollywood gegen die Linken agitierte.

Leider hat dieser Film aber einige Schwächen. Regisseur Jay Roach, der mit seinen James Bond-Parodien „Austin Powers“ bekannt wurde, ist diesem Stoff nicht gewachsen. Er inszeniert ihn zu melodramatisch und mit zu vielen Längen. Ihm gelang der Sprung vom reinen Unterhaltungsfilm zum anspruchsvollen Zeitgeschichts-Drama und Gesellschaftsporträt nicht so gut, wie er seinem Kollegen Adam McKay mit „The Big Short“ überraschend glückte.

Fazit: Der Film „Trumbo“, der am 10. März 2016 in den Kinos startete, ist zwar thematisch sehr interessant, aber leider nicht ganz gelungen.

Webseite und Trailer zu „Trumbo“

„The Big Short“: Satirisches Kino-Porträt der Lemminge auf dem Weg zum Crash

„The Big Short“ hätte gründlich schief gehen können. Dass ausgerechnet Adam McKay eine gelungene Verfilmung des Sachbuch-Bestsellers „The Big Short: Inside the Doomsday Machine“, des Wirtschaftsjournalisten Michael Lewis gelingen könnte, ist wirklich nicht naheliegend.

Zwischen diesem Buch, das von der FAZ schon 2010 als eines der kenntnisreichsten und informativsten Bücher über den Finanzmarkt-Crash von 2008 ff. empfohlen wurde, und McKays bisherigem Filmschaffen liegen Welten. Er fiel in den vergangenen Jahren vor allem als Regisseur von Will Ferrell-Filmen wie „Anchorman“ und „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“ auf: „Pubertäre Jungskomödien“, wie ZEIT Online schrieb, die WELT bezeichnet ihn als „Teil der Männer-werden-nie-erwachsen-Spaßblase um Judd Arpatow“.

Angesichts dieser Vorgeschichte ist „The Big Short“ eine erstaunlich ernsthafte, „geerdete“ (Filmstarts.de) Aufarbeitung der Ära, als die Banker sich gegenseitig darin überboten, Ramschpapiere in hübscher Verpackung und mit angeblich bester Bonität zu verkaufen, bis sich die Risiken zu einer gewaltigen Spekulationsblase anhäuften. Der Film porträtiert die skrupellosen Geschäftemacher, die Mitläufer, die Zocker, die nur auf das schnelle Geld und Partys aus waren, und beschreibt präzise, wie die Lemminge gemeinsam dem Abgrund entgegen strömten und alle Warnungen als lächerlich abtaten.

„The Big Short“ zeigt aber auch die Stimmen, die früh darauf hinwiesen, dass hier etwas gewaltig schiefläuft: Eine der Hauptrollen spielt Christian Bale als Hedgefonds-Manager Michael Burry, ein Außenseiter und Analytiker-Nerd, der sich durch die Zahlenkolonnen wühlte und zu dem Schluss kam, dass diese Rechnung niemals aufgehen kann. Die meisten schlugen seine Mahnung in den Wind. Einige waren schlau genug, aufs richtige Pferd zu setzen, so z.B. Jared Vennett (Ryan Gosling), der sich im „House of Cards“-Stil immer wieder ans Publikum wendet und triumphierend mit aasigem Grinsen von seinen neuen Winkelzügen berichtet, bevor er am Ende absahnt. Als cholerischer Kritiker der Missstände an der Wall Street mischt Mark Baum (Steve Carell) regelmäßig die Meetings seiner Bank auf. Er hat ebenso wie die beiden Jungs vom Land (Finn Wittrock und John Magaro), die vom Durchbruch träumen und einen Wallstreet-Aussteiger (gespielt von Brad Pitt, der den Film auch co-produzierte) als Mentor haben, das richtige Näschen.

Der Film „The Big Short“ jongliert mit all den Abkürzungen wie CDOs und ähnlichen Schrottpapieren, die zum Crash 2008 führten. Das Fachchinesisch wird anschließend in kurzen satirischen Einspielern anschaulich erklärt, z.B. von Margot Robbie, die im Schaumbad ihren Champagner schlürft, oder von Selena Gomez am Roulette-Tisch.

Auch wenn dem Publikum während dieser rasanten, von ZEIT Online als „adrenalgeschwängert“ bezeichneten Parforce-Tour durch die Welt des Finanz-Turbokapitalismus die Begriffe manchmal nur so um die Ohren fliegen, ist die Botschaft dieses lohnenden Psychogramms der Banker-Welt allgemein verständlich und leider zutreffend: Als die Krise eintrat, wurden die Verluste sozialisiert, die Gewinne privatisiert. Ein großes Umdenken hat aber nicht stattgefunden, das Casino bleibt geöffnet, es darf weiter gezockt werden.

„The Big Short“ startete bereits am 15. Januar in den deutschen Kinos und bekam einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch (nach dem oben erwähnten Bestseller von Michael Lewis).

Webseite und Trailer zu „The Big Short“

„El Clan“: sehenswerter Politfilm über mörderische Familie auf dem holprigen Weg zur Demokratie

In diesem Kinojahr folgt ein hochinteressanter Polit-Film auf den nächsten. Die Auswahl fällt schwer, aber das argentinische Drama „El Clan“, der mit dem Untertitel „Verbrechen ist Familiensache“ in den deutschen Kinos startete, sollte man sich unbedingt ansehen.

Wir schreiben das Jahr 1983: Die argentinische Militärjunta musste nach sieben Jahren abtreten. Als bei den Präsidentschaftswahlen Raúl Alfonsín von der Unión Cívica Radical gewann, hielten die Mitläufer und Stützen des alten Regimes dies nur für ein „vorübergehendes linksliberales Experiment“, wie sie sich auch im Film „El Clan“ gegenseitig versichern. Sie trafen noch einige Vorkehrungen vor dem Machtwechsel: „In ihren letzten Tagen versuchte die Regierung hauptsächlich, die Verantwortung für die Menschenrechtsverletzungen von sich zu schieben. Im sogenannten „Befriedungsgesetz“ oder „Selbstamnestiegesetz“ wurde deklariert, alle gerichtlichen und polizeilichen Entscheidungen aus der Zeit zwischen 1973 und 1982 zu annullieren. Das Gesetz wurde jedoch bereits in einer der ersten Sitzungen des demokratisch neugewählten Parlaments annulliert.“

Die Junta hinterließ eine Spur des Grauens: brutale Folter in Geheimgefängnissen und zahlreiche Morde an Oppositionellen gehen auf das Konto dieses Regimes. Archímedes Puccio entschied sich, aus seiner langjährigen Erfahrung als Folterknecht ein Geschäftsmodell zu machen: gemeinsam mit einigen Handlangern entführte er Familienmitglieder aus der argentinischen Oberschicht, quälte sie im Keller seines Hauses mitten in Buenos Aires und erpresste Lösegeldforderungen. Als Lockvogel setzte er seinen Sohn Alejandro ein. Als Star der Rugby-Nationalmannschaft hatte er Kontakt zu potentiellen Opfern aus dem Establishment und konnte ihre Lebensgewohnheiten ausspionieren, so dass der Familien-Clan möglichst geräuschlos zuschlagen konnte.

Der Film „El Clán“ beruht auf einer wahren Geschichte, die sich, wie Regisseur Pablo Trapero versichert, in den Jahren 1983-85 auf dem holprigen Weg der Transformation Argentiniens zur Demokratie tatsächlich zutrug. Er verwendete für seinen Film die Akten und Zeugenaussagen des Gerichtsprozesses gegen den Puccio-Clan. Darüber spricht der Regisseur auch in einem Interview mit der SZ, das man jedoch, wenn man Spoiler vermeiden will, erst nach dem Kinobesuch lesen sollte.

Für die beiden Hauptrollen fand Trapero glänzende Besetzungen: Guillermo Francella spielt den Patriarchen als ehrenwerten Mann mit bürgerlichen Umgangsformen und eiskalt-stahlblauen Augen. Peter Lanzani verkörpert den Sohn mit unschuldigem Dackelblick und Wuschelkopf.

Die Geschichte ist nicht als klassischer Thriller erzählt. Um den Aufbau von Spannung geht es nur in zweiter Linie. „El Clan“ lohnt sich vor allem als Studie einer von Diktaturerfahrungen traumatisierten Gesellschaft mitten im Umbruch. Ästhetisch lässt sich der Film keinem Genre zuordnen. Er nimmt natürlich Anleihen beim Thriller, aber auch beim Melodram, beim Film Noir und experimentiert mit Popsongs aus den 80ern, die einigen Szenen unterlegt sind. Dieser Stil-Mix ist eine kleine Schwäche des Films. Vermutlich hätte Pedro Almodóvar, der den Film co-produzierte, aus diesem Stoff noch mehr herausholen können, als der international noch recht unbekannte argentinische Regisseur Trapero.

Dennoch ist allein der Plot schon so interessant, dass sich ein Kino-Besuch lohnt. In Argentinien wurde dieser Film zum Kassen-Hit, die Jury der Filmfestspiele von Venedig zeichnete ihn im September 2015 mit einem Silbernen Löwen aus. Seit 3. März 2016 läuft der Film in den deutschen Kinos.

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Denkmal für Investigativ-Reporter und Anklage gegen sexuellen Missbrauch: Oscar-Gewinner „Spotlight“

Ebenso wie Florian Gallenberger in „Colonia Dignidad“ widmet sich auch Tom McCarthy in „Spotlight“ einem gesellschaftlichen Missstand, der zu lange unter den Teppich gekehrt wurde. McCarthy geht aber einen ganz anderen Weg: statt eines actionreichen und zugleich melodramatischen Thrillers entschied sich McCarthy wie in seinen früheren Filmen „Station Agent“ und „Ein Sommer in New York – The Visitor“ für leise Töne.

Sein Thema ist der sexuelle Missbrauch katholischer Priester: in Deutschland kam der Skandal erst 2010 in einer Welle von Enthüllungen ans Licht. Die USA wurden schon 2002 wachgerüttelt, maßgeblich ist dies dem „Spotlight“-Team für Investigativ-Recherche der Tageszeitung „Boston Globe“ zu verdanken, das mit dem Pulitzer-Preis 2003 ausgezeichnet wurde.

Akribisch zeichnet der Kinofilm die damaligen Vorgänge nach: ein neuer Chefredakteur (gespielt von Liev Schreiber) kommt zur Zeitung. Er gibt seinen Investigativ-Experten nicht nur die nötige Rückendeckung, der Kirche und vor allem dem Erzbischof Bernard Law im katholisch-irisch geprägten Boston unangenehme Fragen zu stellen, sondern spornt das Team zu Beginn erst richtig an.

Der Film bleibt nah an dem Recherche-Team (Michael Keaton, der die Hauptrolle in „Birdman“, Oscar-Gewinner von 2015, spielte, Rachel McAdams und Mark Ruffallo). Er erzählt von ihren Zweifeln und Rückschlägen, aber auch von ihren Erfolgserlebnissen, ein neues Puzzle-Teil entdeckt zu haben. Täter- und Opferperspektive kommen nur am Rande vor.

Nicht nur der gesellschaftskritische Inhalt, sondern auch der Stil erinnern an das sogenannte „New Hollywood“ in den 70ern, vor allem an den Watergate-Film „Die Unbestechlichen“, der 1977 vier Oscars bekam. Das Erzähltempo von McCarthy ist fast so langsam wie damals, er verzichtete bewusst auf jede Emotionalisierung des Publikums druch dramatische Effekte. Stattdessen vertraute er ganz auf die Fakten, die der Boston Globe hier in einem Online-Dossier inklusive der Original-Artikel von 2002 zusammenstellte.

„Spotlight“ ist ein ungewöhnlicher Gewinner der Oscar-Königsklasse als Bester Film 2016 und wurde schon bei seiner Premiere in Venedig 2015 gefeiert. Er setzt den Journalisten, die den Skandal aufdeckten, ein Denkmal, weist aber deutlich auf jahrelange Versäumnisse hin: Frühere Hinweise waren abgetan, Missbrauchs-Betroffene als „Spinner“ und Querulanten nicht ernstgenommen worden.

Im Abspann zählt „Spotlight“ seitenlang die Orte weltweit auf, an denen Kinder und Jugendliche von Priestern missbraucht wurden: ein sehenswerter Film zu einem wichtigen Thema, der auch beispielhaft zeigt, wie existentiell die als „Lügenpresse“ diffamierten unabhängigen Qualitätsmedien für eine funktionierende Demokratie sind.

Der Film „Spotlight“ läuft seit 25. Februar in den Kinos: Webseite und Trailer

Politthriller „Colonia Dignidad“: Daniel Brühl und Emma Watson in den Fängen einer Sekte

Aus einem albtraumhaften Gefängnis müssen auch die beiden Hauptfiguren Daniel (Daniel Brühl) und Lena (Emma Watson) im Thriller „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ fliehen.

Dieses Liebespaar ist fiktiv: Daniel ist ein politisch engagierter deutscher Student, der nach Chile kam, um den Präsidenten Salvador Allende zu untersützen. Seine Freundin Lena arbeitet als Stewardess und trifft ihn regelmäßig bei Zwischenstopps.

Der Ort, an den Daniel nach dem Militärputsch von General Pinochet am 11. September 1973 verschleppt wird, ist dagegen sehr real: Das 30.000 Hektar große Gelände der „Colonia Dignidad“ wurde von Paul Schäfer hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Als Anführer einer evangelisch-fundamentalistischen Sekte herrschte Schäfer (von Mikael Nyqvist glänzend gespielt) mit einem sadistischen Terrorregime über seine Jünger: Frauen, Männer und Kinder waren streng getrennt. Harte Arbeit und brutale Strafen waren an der Tagesordnung. Für den sexuellen Missbrauch an Jungen wurde Schäfer 2004 in Chile zu 20 Jahren Haft verurteilt, im April 2010 starb er im Gefängnis von Santiago. In einem weiteren Prozess gestand Gerhard Mücke, ein ehemaliges Führungsmitglied der Sekte, im Juli 2006, dass 22 Regimegegner nach dem Putsch in der Colonia Dignidad ermordet und anschließend verbrannt worden waren.

Über diese Schreckenswelt wurde zu lange geschwiegen: Nicht nur Pinochet hielt seine schützende Hand über Schäfer und die Colonia Dignidad. Auch der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß war dort zu Gast, sein signiertes Porträt hing dort angeblich noch bis Mitte der 90er Jahre.

Die Stärke von Florian Gallenbergers Film ist es, dass er die brutalen Mechanismen dieser abgeschotteten Sekte sehr genau beschreibt und in eine packende Thriller-Handlung einbaut. Bemerkenswert ist an diesem Film auch, wie er die Rolle des Auswärtigen Amtes und des deutschen Botschafters (gespielt von August Zirner) thematisiert. Wie im Film angedeutet, hatten deutsche Diplomaten während der Diktatur die Colonia Dignidad teilweise in Schutz genommen. Personen, die aus der Siedlung fliehen konnten, wurde nicht ausreichend geholfen, so dass sie von Führungsmitgliedern wieder in die Colonia Dignidad zurückgebracht wurden. Vor einigen Tagen organisierte das Haus der Wannseekonferenz eine Sondervorführung in Berlin, zu der auch Opfer der chilenischen Diktatur und Bewohner der Colonia Dignidad eingeladen waren. Vertreter des Auswärtigen Amtes sagten dort zu, sich an der Aufarbeitung der Geschehnisse zu beteiligen.

Der von Pro7 und Sky co-produzierte Politthriller hat jedoch auch einige nicht zu übersehende Schwächen: die Liebesgeschichte ist vor allem im ersten Drittel zu melodramatisch geraten, die Streicherklänge sind zu dick aufgetragen. Auch manche Szenen im Action-Plot sind etwas zu effekthascherisch inszeniert.

Trotz dieser Mängel ist Florian Gallenberger ein bemerkenswerter Film zu einem wichtigen Thema gelungen. Um den Kurzfilm-Oscargewinner („Quiero ser“) von 2001 war es in den vergangenen Jahren still geworden, seine letzte Regiearbeit „John Rabe“ kam bereits 2009 ins Kino. Auf seine nächsten Projekte dürfen wir gespannt sein.

Der Film „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ startete am 18. Februar in den Kinos: Webseite und Trailer zum Film

„Mustang“: packender Film über den Ausbruch von türkischen Mädchen aus ihrem Gefängnis

„Vorher waren wir frei und plötzlich wurde alles Scheiße“. So beginnt Lale (Güneş Nezihe Şensoy), ein Mädchen irgendwo tief in der türkischen Provinz, 1.000 km von Istanbul entfernt, ihren Bericht.

Mit dem Sommerferien-Spaß am Strand ist es für sie und ihre vier älteren Schwestern bald vorbei. Als sich eine Nachbarin über harmlose Spiele empört, bauen die Großmutter und der Onkel, bei denen die Mädchen nach dem Tod ihrer Eltern aufwachsen, ihr Haus zu einem lustfeindlichen Gefängnis um. Ein Stacheldrahtzaun wird errichtet und vom Computer bis zu Postern alles entfernt, was nur entfernt an westlichhe Konsumkultur und Hedonismus erinnert. Die Schwestern werden in „hässliche, kackbraune Kleider“ gesteckt, wie Lale kommentiert, und in einer „Hausfrauenfabrik“ von der Welt abgeschirmt. Ihr ganzer Daseinszweck ist es, eine fromme Ehefrau zu werden. Eine nach der anderen wird zwangsverheiratet. Besonders demütigend sind die Jungfrauentests, denen zwei Schwestern im Lauf des Films unterzogen werden.

Die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven erzählt packend und in beeindruckenden Bildern vom Schicksal der Mädchen. Immer wieder gelingen ihr trotz des bedrückenden Themas auch komische Momente, z.B. als die Frauen im Dorf gemeinsam dafür sorgen, dass der verbotene Ausflug der Mädchen zu einem Fußball-Match unentdeckt bleibt.

„Mustang“ ist ein erstaunlich reifer Debütfilm einer Regisseurin, die 1978 in Ankara geboren ist und als Diplomatentochter in der Türkei, Frankreich und den USA aufwuchs. Bei der Premiere in Cannes gewann dieses Sozialdrama, das von französischen und deutschen Sendern wie ZDF und arte co-produziert wurde, zwei Preise in der Quinzaine des Réalisateurs, darunter den Preis des Europäischen Parlaments. Am Sonntag schaffte es der Film bis in die Endrunde der fünf Oscar-Kandidaten für den besten nicht-englischsprachigen Film.

Dieses beeindruckende Drama ist ein Höhepunkt des Kinojahres, den man auf keinen Fall verpassen sollte. In der Geschichte der Mädchen, die entfernt an Sofia Coppolas ebenso glänzendes Debüt „Virgin Suicides“ (1999) erinnert, spiegelt sich die Lage der Türkei: zerrissen zwischen westlichem Lebensstil in den weltoffenen Vierteln der Metropole Istanbul, wo dieser Film nach dem geglückten Ausbruch endet, und den rigiden islamischen Moralvorstellungen, wie sie auch von der AKP propagiert werden.

Bemerkenswert ist außerdem die Nebenrolle von Burak Yiğit: in zahlreichen TV-Produktionen, vorzugsweise im „Tatort“, trat er als Ganove oder Dealer auf. Auch in Sebastian Schippers Kinohit „Victoria“ war er noch auf diese Rolle festgelegt. Im „Mustang“ spielt er als LKW-Fahrer Yasin einen der wenigen Sympathieträger in diesem Film. Der große Erfolg von „Mustang“ ist vielleicht für den deutsch-türkischen Schauspieler die Chance, aus der Schublade seiner Klischeerollen so erfolgreich auszubrechen, wie es Lale und einer ihrer Schwestern gelingt.

Der Film startete am 25. Februar in den deutschen Kinos: Webseite und Trailer zum Film

Berlinale-Bilanz 2016: Enttäuschungen im Wettbewerb, Goldener Bär für „Fuocoammare“ als politisches Statement, starkes Kino aus Chile

Die Berlinale 2016 begann enttäuschend und konnte sich in der zweiten Hälfte nur wenig steigern.

Bilanz des Wettbewerbs um den Goldenen und die Silbernen Bären

Die Dokumentation „Fuocoammare“ über die Not der Flüchtlinge vor Lampedusa wurde seit Tagen als Favorit auf den Goldenen Bären gehandelt.

Die Entscheidung der Jury passt tatsächlich sehr gut zum Selbstverständnis der Berlinale, die sich als das Politischste unter den drei großen Film-Festivals (neben Berlin sind dies Cannes und Venedig) positioniert. Die Schwächen des Films sind jedoch nicht zu übersehen. Wie bereits berichtet, schaffte es Francesco Rosi nicht, sein Material zu verdichten. Die knapp zwei Stunden wirken redundant. Aus den starken Szenen hätte ein überzeugender Film werden können, wenn er sich auf das Wesentliche konzentriert und um die Hälfte gekürzt hätte.

Aus ästhetischer Sicht drängt sich „Fuocoammare“ nicht für den Goldenen Bären auf. Deshalb schließe ich mich der Vermutung an, dass es der Jury mit dieser Auszeichnung vor allem um ein politisches Statement ging: ein Goldener Bär für alle, die sich in den vergangenen Monaten so stark für Flüchtlinge engagieren wie der Arzt, der in diesem Film kurz zu Wort kommt.

Der Goldene Bär für „Fuocoammare“ ist aber auch deshalb vertretbar, weil es im Festival-Jahrgang 2016 unter den Wettbewerbs-Filmen, die ich sehen konnte, keinen gab, der mich ohne Abstriche überzeugt hat.

Gute Ansätze bot immerhin der tunesische Film „Hedi“ über einen jungen Mann, der Schritt für Schritt lernt, sich von seiner dominanten Mutter zu lösen. Sie bestimmt über sein ganzes Leben, vermittelt ihm einen Job und arrangiert für ihn eine Ehe. Auch sonst sagt Hedi zunächst zu allem Ja und Amen, bevor er lernt, seinen eigenen Weg zu gehen.

„Hedi“ ist ein Film, der keine Überraschungen bietet, sondern seine wie am Reißbrett entwickelte Geschichte Punkt für Punkt abhakt. Aus politischer Sicht ist der Film unter zwei Aspekten bemerkenswert: der Tourismus als zentraler Wirtschaftsfaktor Tunesiens und die Einbußen nach den islamistischen Anschlägen werden in einigen Szenen im Hintergrund verhandelt. Außerdem lässt sich der Film über einen Mann, der aus seiner Erstarrung ausbricht, als Parabel auf die „Arabellion“ im Frühling 2011 lesen, die in einem Gespräch der beiden Hauptfiguren erwähnt wird.

Majd Mastoura bekam einen Silbernen Bären für die beste männliche Hauptrolle, Regisseur Mohamed Ben Attia wurde für den besten Erstlingsfilm ausgezeichnet. Es spricht nicht für die Qualität des Wettbewerbs-Jahrgangs 2016, dass dieser nur mäßig überzeugende Film gleich zwei Preise mit nach Hause nehmen durfte.

Zu den großen Enttäuschungen des Wettbewerbs gehören neben „L´Avenir“, der unverständlicherweise mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie ausgezeichnet wurde, und der Fallada-Verfilmung „Alone in Berlin“ der iranische Film „Ejhdeha Vared Mishavad!/A Dragon Arrives!“ und „Genius“.

Das iranische Kino war in den vergangenen Jahren häufig eine Bereicherung der großen Festivals. Regisseure wie Jafar Panahi oder Asghar Farhadi schafften es immer wieder, der Zensur ein Schnippchen zu schlagen und „unglaublich aufregendes Kino“ zu bieten. Auch Mani Haghighi gehört mit „Paziraie Sadeh/Modest Reception“, der 2012 im Forum der Berlinale lief und unter dem Titel „Die Macht des Geldes“ in einigen Programmkinos startete, in diese Reihe.

Sein neuer Film „Ejhdeha Vared Mishavad!/A Dragon Arrives!“ löste so heftiges Kopfschütteln in den vorderen Reihen aus, dass es teilweise schwer war, die Untertitel zu lesen. Er springt zwischen den Zeiten (1965 und heute), versucht eine Film-im-Film-Ebene einzubauen, spielt mit mystischen Elementen und Erdbeben, die durch Todesfälle ausgelöst werden. Dabei kommt ein völlig überladener Experimentalfilm heraus, der weit hinter der gewohnten Qualität des iranischen Kinos zurückbleibt. Fraglich ist, ob es für ein iranisches Publikum einfacher ist, die Anspielungen zu dechiffrieren.

Sehr langatmig geriet das Spielfilmdebüt „Genius“ des britischen Theaterregisseurs Michael Grandage. Statisch und ohne Spannung erzählt er die Entstehungsgeschichte des Romans „Schau heimwärts, Engel!“ Der Film beschreibt, wie der Lektor Max Perkins, der auch Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald betreute, mit seinem Autor darum rang, das ausufernde Manuskript auf einen immer noch umfangreichen 700 Seiten-Wälzer zu kürzen. Trotz geballter Hollywood-Prominenz (Jude Law als Wolfe, Colin Firth als Lektor und Nicole Kidman als Muse des exzentrisch-genialen Autors) schleppt sich der Film knapp zwei Stunden dahin.

Leider konnte ich mir von folgenden vier Preisträgerfilmen kein eigenes Bild machen: Den Großen Preis der Jury gewann der bosnische Regisseur Danis Tanović für „Smrt u Sarajevu /Mort à Sarajevo“, der hier positiv besprochen, aber z.B. in der taz als „plump“ verrissen wurde. Ein cineastisches Nischenpublikum mit viel Sitzfleisch spricht der knapp achtstündige Film „Hele Sa Hiwagang Hapis/ A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ von Lav Diaz über die Kolonialgeschichte der Philippinen an. Er wurde mit dem Alfred Bauer-Preis ausgezeichnet. Der Silberne Bär für das Beste Drehbuch ging an den Polen Tomasz Wasilewski für „Zjednoczone stany miłości/United States of Love“, der in mehreren Episoden von der Tristesse in der Umbruchphase Anfang der 90er Jahre erzählt. Die Dänin Trine Dyrholm wurde als beste Schauspielerin des Festivals ausgezeichnet: Thomas Vinterbergs „Kollektivet“ über eine Kommune in den 70ern erntete zwar viele negative Kritiken und wurde z.B. in der ZEIT als „konventionell-missglückt“ kritisiert. Dyrholm, die bereits in Vinterbergs herausragendem Dogma-Film „Das Fest“ (1996) mitspielte, wurde jedoch für ihre Darstellung einer starken Frau zwischen „Pantoffelhelden“ gelobt.

Starke Auftritte des chilenischen Kinos und Teddy-Jubiläum

Wie sah es abseits des Wettbewerbs im Panorama aus? Dort lief mein Lieblingsfilm des Festivals „Aquí no ha pasado nada/Much ado about nothing“. Dem chilenischen Regisseur Alejandro Fernández Almendras gelang ein packendes Drama, das zugleich ein präzises Gesellschaftsporträt zeichnet. Sunnyboy Vicente (Agustín Silva) trifft am Strand zufällig eine Clique aus der Oberschicht. Nach einer alkoholreichen Partynacht endet der Trip mit der Luxuskarosse eines angesehenen Senators für einen Passanten tödlich.

Der Film schildert die juristischen Winkelzüge des von den Familien der reichen Sprösslinge beauftragten Anwalts, der Indizien uminterpretiert, Druck auf Zeugen ausübt und an Deals mit der Staatsanwaltschaft feilt. Almendras versteht es, eine dichte Atmosphäre zu schaffen und mit dem passenden Soundtrack zu unterlegen. Interessant gemacht ist auch die visuelle Einbettung der vielen Smartphone-Nachrichten, die sich die Tatbeteiligten schicken. Alejandro Fernández Almendras ist ein Name, den man sich merken sollte. Der Film „Aquí no ha pasado nada“ weckt Neugier auf seinen bereits 2014 in Sundance ausgezeichneten Film „Matar un hombre/To kill a man“ und das chilenische Kino, das in diesem Jahr auf der Berlinale stark vertreten war.

Ebenso wie „Aquí no ha pasado nada“ beruht auch der bereits hier besprochene chilenische Film „Nunca vas a estar solo“ auf einer wahren Begebenheit. Dieser Debütfilm über den Mord einer Nazi-Gang an einem homosexuellen Jungen wurde bei der 30. Teddy-Gala mit dem Spezial-Preis der Jury ausgezeichnet.

Dies war ein würdiger Preisträger einer sehr politischen Teddy-Preisverleihung, bei der Selmin Çaliskan, die Generalsekretärin von amnesty international in Deutschland mit deutlichen Worten davor warnte, Marokko, Tunesien und Algerien als sogenannte „sichere Herkunftsstaaten“ einzustufen.

Als Rahmenprogramm des Teddy-Jubiläums gab es eine kleine Filmreihe, deren Höhepunkt die restaurierte Fassung von „Anders als die Andern“ war. Der Film nutzte im Jahr 1919 eine kurze Phase der Freiheit, bevor er 1920 nach Wiedereinführung der Zensur mit dem sog. „Reichslichtspielgesetz“ verboten wurde. Magnus Hirschfeld tritt als Arzt auf und plädiert anhand seiner mit einem Suizid endenden Erpressungsgeschichte für die Abschaffung des Strafrechtsparagraphen 175. Dies ist das erste Werk der Filmgeschichte, in dem Homosexualität offen behandelt wurde.

Mit einem Teddy für ihr Lebenswerk wurde die amerikanische Regisseurin und Produzentin Christine Vachon ausgezeichnet, die von „Velvet Goldmine“ von Todd Haynes (1998) bis „Carol“ (2015) wichtige Independent-Filme ermöglichte. Im Panorama Spielfilm-Programm war Vachons neuester Film „Goat“ vertreten, den sie mit James Franco produzierte. Regisseur Andrew Neel erzählt darin von den demütigenden Aufnahmeritualen einer Studentenverbindung an einer US-Elite-Uni.

„Goats“ ist ein Film zu einem wichtigen Thema, gegen den jedoch einzuwenden ist, dass er sich etwas zu sehr an den sadistischen Spielen und der Brutalität seiner Protagonisten weidet. Überzeugende Leistungen bieten Ben Schnetzer, der bereits in den beiden britischen Dramen „Pride“ und „The Riot Club“ (zu einem ähnlichen Thema in Oxford) aufgefallen ist, und Nick Jonas, ein ehemaliger Boygroup-Sänger. Hollywood-Star James Franco bleibt dagegen in seiner Nebenrolle diesmal blass.

Deutlich mehr erwartet hatte ich von der New Yorker Stadtneurotiker-Tragikomödie „Maggie´s Plan“. Rebecca Miller hatte zwar ein hervorragendes Ensemble mit Greta Gerwig, Ethan Hawke und Julianne Moore zur Verfügung, macht daraus aber nur einen lauen Aufguss der bekannten Genre-Geschichten von Woody Allen und Noah Baumbach.

US-Dokumentarfilme als Berlinale Special

Michael Moore konnte wegen einer Erkrankung nicht zur Gala-Vorstellung seines neuen Films „Where to invade next“ kommen, der als Berlinale Special im Friedrichstadt-Palast lief. Dafür hat er einen kurzen Vorspann gedreht, in dem er sich im Bademantel direkt an das Kinopublikum wendet und Angela Merkel ausführlich für ihre Willkommens-Politik lobt. Die restlichen zwei Stunden sind eine Abrechnung mit der Politik seines Heimatlandes. Michael Moore reiste durch mehrere europäische Länder und stellt mit gespielter Verwunderung die Errungenschaften des europäischen Wohlfahrtsstaates vor (gesundes französisches Schulessen, großzügige, von den Gewerkschaften erkämpfte Urlaubsregeln wie in Italien oder Frauenförderung in Island). Das ist phasenweise schlitzohrig-amüsant, aber erschöpft sich dann im Recycling der bekannten Masche von Michael Moore: „Wim Wenders dreht keine Actionfilme, Disney keine Pornos, Michael Moore keine differenzierten Filme. So ist das nun mal.“

Die NDR-Co-Produktion „National Bird“ widmete sich ebenfalls als Berlinale Special dem Drohnenkrieg der USA. Sonia Kennebeck traf sich mit drei ehemaligen Analysten, die den Dienst quittiert haben.

Die Dokumentation bekommt ihr heißes Eisen nicht so recht zu fassen: das liegt zum einen daran, dass jeder Verstoß gegen die Geheimhaltungspflicht für die drei Insider schwere Konsequenzen hätte. Dem Mann im Trio droht eine Anklage nach dem Espionage Act. Eine der beiden Frauen arbeitet mittlerweile für eine NGO in Afghanistan, die andere kämpfte erfolgreich darum, die Behandlungskosten für ihre posttraumatische Belastungsstörung erstattet zu bekommen. Zum anderen leidet der Film darunter, dass manche Statements seiner Protagonisten etwas naiv daherkommen.

Vielleicht gibt es ja im nächsten Jahr einen neuen Versuch, das wichtige Thema Drohnenkrieg differenziert zu beleuchten? Vor allem wünsche ich mir, dass die Berlinale im Februar 2017 nach dem durchwachsenen Jahrgang 2016 wieder an das Niveau von 2015 anknüpfen kann.

Der Text ist zuerst hier erschienen: http://kulturblog.e-politik.de

Berlinale 2016: Viel Mittelmaß in der ersten Hälfte des Festivals

Die Halbzeitbilanz der Berlinale 2016 fällt ernüchternd aus: Das Mittelmaß regiert. Bemerkenswerte Filme sind bislang Mangelware.

Zunächst ein Blick auf den prestigeträchtigen Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären.

Am Freitag ging „Midnight Special“ ins Rennen: US-amerikanisches Independent-Kino von Jeff Nichols, der bereits zweimal im Forum zu Gast war (2007 mit „Shotgun Stories“ und 2011 mit „Take Shelter“). Sein vierter Film ist ein Science-Fiction-Roadmovie, das sich an den ambitionierten Versuch wagt, die NSA-Überwachungsdebatte mit den Erlösungsphantasien christlich-fundamentalistischer Sekten zu verknüpfen. Vermutlich waren es neben der prominenten Besetzung in den Nebenrollen (Kirsten Dunst als Mutter des Erlöser-Alien-Jungen Alton, der von Jaden Lieberhaer gespielt wird, und Adam Driver als NSA-Analyst) diese beiden brisanten Themen, die dem Film eine Einladung zum Festival sicherten.

Statt einer interessanten Studie über die „Gewalt- und Paranoiastrukturen der US-amerikanischen Provinz“, die im Programmheft versprochen wurden, bekamen wir nur eine verquaste Mischung aus Action und Mystery geboten, die außerhalb einer Fangemeinde kaum ein größeres Publikum erreichen dürfte.

Immerhin war dieser Film noch überzeugender als „L´avenir“: diese banale, vor Stereotypen strotzende Geschichte über die Philosophielehrerin Nathalie an einem französischen Lycée, die von ihrem Mann für eine Jüngere verlassen wird, plätschert betulich dahin. Hauptdarstellerin Isabelle Huppert ist eine Bereicherung für jedes Festival. Aber diesen Film von Mia Hansen-Løve, in dem sie einige Kalenderspruch-Weisheiten aufsagen muss, konnte auch sie nicht retten.

Besser war der zweite französische Wettbewerbsbeitrag „Quand on a 17 ans“ von André Téchiné. Er begann in den 60ern als Redakteur der „Cahiers du Cinema“ und Regieassistent des kürzlich verstorbenen Jaques Rivette, eines der führenden Köpfe der „Nouvelle Vague“. Für seine dritte Teilnahme am Berlinale-Wettbewerb nach „Le temps qui changent“ (2004) und „Les témoins“ (2007) tat er sich mit seiner jüngeren Kollegin Céline Sciamma zusammen, die mit „Water Lillies“ (2007) und „Tomboy“ (2011) ihr Talent für subtile Psychodramen gezeigt hat.

„Quand on a 17 ans“ ist zumindest halbwegs gelungen: die Studie der schwierigen Beziehung der beiden Gymnasiasten Damien (Kacey Mottet Klein) und Tom (Corentin Fila) wird von den beiden Nachwuchsdarstellern überzeugend gespielt. Trotz Mobbing und Gewaltausbrüchen ist zwischen den beiden von Beginn an eine Anziehung zu spüren, die vor allem Tom nicht wahrhaben will und die beiden Angst macht. Dass diese schon in vielen Varianten erzählte Geschichte vor der eindrucksvollen Pyrenäen-Kulisse gut funktioniert, liegt an den begabten Schauspielern (Kacey Mottet Klein aus der französischen Schweiz wurde bereits 2013 für seine Hauptrolle in Ursula Meiers „Winterdieb“ ausgezeichnet) und am Können des Drehbuch-Duos Téchiné/Scíamma.

Eine Schwäche des Films ist, dass die Rolle von Marianne, der Mutter von Damien, (Sandrine Kiberlain) als Ärztin mit Helfer-Syndrom teilweise ins Klischeehafte abdriftet. Auch der Nebenstrang über ihren Mann, der bei einem Auslandseinsatz stirbt, wirkt überflüssig. Dennoch ist „Quand on a 17 ans“ ein annehmbarer Genrefilm und somit ein Lichtblick des bisherigen Festivals.

Im Vorfeld wurde besonders viel über die Dokumentation „Fuocoammare/Fire at sea“ des italienischen Regisseurs Gianfranco Rosi gesprochen. Er verzichtet auf jeden Kommentar aus dem Off und stellt knapp zwei Stunden lang seine Eindrücke aus Lampedusa gegenüber. Hier der Alltag der Inselbewohner: ein 12jähriger Junge erkundet mit seinen Freunden die Verstecke in der Natur und quält sich durch seine Hausaufgaben. Für ein älteres Ehepaar ist das tägliche Radio-Wunschprogramm ein festes Ritual: Anrufer dürfen sich ihr Lieblingslied wünschen und einen Bekannten oder Verwandten grüßen. Die Dramen aus dem Mittelmeer werden dazwischen geschnitten: Seenot-Rettungsrufe der Flüchtlinge auf den Schlepperbooten. Horrormeldungen über weitere Ertrunkene. Ihre Ankunft: völlig durchnässt und erschöpft. Ein Arzt schildert seine Gefühle von Wut, Ohnmacht und Schmerz.

Der Regisseur schaffte es nicht, sein Material zu verdichten. Die knapp zwei Stunden wirken redundant. Aus den starken Szenen hätte ein überzeugender Film werden können, wenn er sich auf das Wesentliche konzentriert und um die Hälfte gekürzt hätte.

Eine Enttäuschung war auch „Alone in Berlin“ die Verfilmung von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ von Vincent Perez aus der Schweiz. Er hätte eigentlich nur auf die packende, wahre Geschichte seiner Vorlage vertrauen müssen. Das Ehepaar Quangel (Brendan Gleeson und Emma Thompson) verteilte in Berliner Bürogebäuden mehrere Jahre lang Postkarten gegen die Nazis und wurde für ihren mutigen Widerstand hingerichtet. Luc Perceval machte daraus am Hamburger Thalia Theater eine sehenswerte Inszenierung, die 2013 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war.

Auf der Berlinale ist leider nur eine hölzerne Film-Adaption zu erleben, die den Stoff emotionslos nacherzählt und die mangelnde Empathie durch eine schwer erträgliche Klangsoße von Alexandre Desplat zu überdecken versucht. Die namhafte Besetzung dieses Films (neben Gleeson und Thompson ist noch Daniel Brühl als Kommissar Escherich dabei), konnte das Scheitern dieser Verfilmung nicht verhindern.

Das Niveau im Wettbewerb bleibt zum Berlinale-Auftakt 2016 also weit hinter dem Vorjahr zurück. Damals waren „Victoria“, ein Highlight des gesamten Filmjahres, und der iranische Bären-Gewinner „Taxi Teheran“ von Jafar Panahi zu erleben. Starke Auftritte und überraschende Seherlebnisse fehlen diesmal, stattdessen viel Ödnis am Potsdamer Platz.

Wie sieht es im Panorama aus?

Die brasilianische Regisseurin Anna Mulyaert, die Gewinnerin des Publikumspreises 2015, kehrt mit „Mãe só há uma/Don´t call me son“ zurück.

Der Film erzählt die Geschichte des 17jährigen Pierre, der von seiner vermeintlichen Mutter Aracy nach der Geburt aus dem Krankenhaus entführt und als ihr Sohn ausgegeben wurde. Als sie mit einem Gentest überführt und von der Polizei abgeholt wird, fällt es Pierre schwer, sich bei seinen wohlhabenden, leiblichen Eltern einzuleben, die ihn Felipe nennen.

Die Regisseurin konnte sich anscheinend nicht dazu durchringen, dem Hauptstrang zu vertrauen, und verzettelt sich zu sehr in der Beschreibung der Pubertäts-Identitätssuche des Hauptdarstellers, der zwischen Partys, Bandproben und Lippentift/Frauen-Reizwäsche-Experimenten vor dem Spiegel nach seinem Ich sucht und seltsam blass bleibt.

Aus Deutschland ist „Jonathan“, das Regie-Debüt von Piotr J. Lewandowski, im Spielfilmprogramm. Für diese TV-Produktion von SWR/WDR/arte mit vielen bekannten Fernseh-Gesichtern ist die Leinwand auf dem internationalen Festival eine Nummer zu groß. Die Geschichte über Familiengeheimnisse, die unter den Teppich gekehrt werden, und die schrittweise Emanzipation des Bauern Jonathan (Jannis Niewöhner vom Regisseur in einer seiner ersten Hauptrollen gut in Szene gesetzt) plätschert zu konventionell vor sich hin.

Scharenweise gingen die Leute beim marokkanischen Spielfilm „Starve your Dog“ von Hicham Lasri zum Ausgang. Der Anfang war vielversprechend: eine alte Frau beklagt die Perspektivlosigkeit, der Geist des Arabischen Frühlings liegt in der Luft. Dieser „experimentelle Kino-Essay“ (Programmheft) kreist aber so selbstverliebt um seine Assoziationen, dass sich schnell eine genervte Stimmung im Publikum breit macht. Lasri imaginiert schließlich, dass Driss Basri, ein wegen Menschenrechtsverletzungen berüchtigter ehemaliger marokkanischer Innenminister, nicht in seinem Pariser Exil starb, sondern nach Casablanca zurückkehrt und von einem Filmteam begleitet wird. Ohne Kenntnis der innenpolitischen Entwicklungen auf dem Maghreb in den vergangenen Jahrzehnten lohnt sich der Film nicht, sondern wird zur Geduldsprobe.

Die Reihen lichteten sich auch im iranischen Film „Lantouri“ von Reza Dormishian. Das hatte zwei Gründe: Erstens legt der Film einige falsche Fährten und mäandert lange, bevor er zum Punkt kommt. Zweitens zeigt er explizite, grausame Szenen von nach Säureattentaten entstellten Gesichtern. Der Film beginnt mit hektisch aneinandergereihten Interview-Schnipseln über die Raubzüge der Gang „Lantouri“, die im Robin Hood-Stil bei der reichen Oberschicht einbricht und korrupten Unternehmern ihre Edelkarossen klaut. Im zweiten Drittel mutiert der Film zu einem zähen Stalking-Drama – die Premiere fand ausgerechnet am Valentinstag statt. Erst im letzten Drittel wird klar, worauf der Film eigentlich hinauswill: er ist ein Plädoyer für Vergebung und gegen das Prinzip „Auge um Auge“ (Lex Talionis), das wir aus dem Alten Testament und dem Koran kennen und das gültiger Bestandteil des iranischen Strafrechts ist.

Der Film erzählt, wie der Gang-Boss aus Frust über die unerwiderte Liebe seine Angebetete mit Säure übergießt. Sie ist zunächst fest entschlossen, auf ihr Recht zu pochen, und will dabei zusehen, wie Ärzte dem Täter ebenfalls Säure in die Augen träufeln, bevor sie es sich im letzten Moment anders überlegt. Der Film ist in seiner Grausamkeit schwer zu ertragen und wegen seiner Verwirrungstaktik zu Beginn auch schwer zugänglich: „Lantouri“ ist kein guter, aber doch immerhin ein bemerkenswerter Film!

Von brutaler Gewalt erzählt auch der chilenische Film „Nunca vas a estar solo“: ein homosexueller Junge wird zusammengeschlagen und übel zugerichtet. Der Film erzählt aus der Perspektive des Vaters, der mit der Krankenkasse um die Abrechnung der Behandlungskosten ringt. Die Täter kommen ungeschoren davon, Zeugen fehlen. Der Musiker Alex Anwandter erzählt die bedrückende Geschichte seines ersten Films mit eindringlichen Bildern, das Ende wird gerät etwas zu kitschig. Inspiriert ist sein Film von einer wahren Begebenheit: im März 2012 wurde Daniel Zamudio in Santiago de Chile von Neonazis totgeprügelt. Er war ein Fan von Alex Anwandters Band.

Bei der Dokumentation „Hotel Dallas“ wurde die Hoffnung, dass das regieführende Paar Livia Ungur und Sherng-Lee Huang noch die Kurve bekommt, leider enttäuscht. Nach einigen Kurzfilmen drehten sie ihr erstes 75 Minuten-Werk und wählten dafür auch ein interessantes Thema: in Rumänien war die Seifenoper „Dallas“ in den 80ern ein echter Straßenfeger, ansonsten liefen nur Ceaucescu-Propaganda-Reden. Das Regime wollte mit dieser Serie ein Ventil schaffen und hoffte, dass die kapitalistischen Machenschaften von J. R. Ewing ihren Beitrag zur sozialistischen Erziehung der Bevölkerung leisten würde. Stattdessen wurde J. R. für manche Oligarchen, die nach dem Sturz des Regimes 1989 schnell zu Geld kamen, zum Vorbild. Ilie baute sogar die Southfork Ranch mitten in der rumänischen Landschaft nach und setzte den Eiffelturm in die Mitte. Leider erschöpft sich der Film in ästhetischen Spielereien. Bei dem Versuch, „eine vielschichtige und oft auch surreale Parabel auf Kommunismus, Kindheit und die Macht der Kunst zu erzählen“, übernimmt sich der Film und versandet in Belanglosigkeit.

Berghain-Flair kommt im französischen Film „Théo et Hugo dans le même bateau/Paris 05:59“ der beiden regelmäßigen Panorama-Gäste Olivier Ducastel und Jaques Martineau auf. Die 2ominütigen, expliziten Szenen einer Sex-Party sind sicher nicht mainstream-kompatibel. Der Film (Edition Salzgeber) wechselt jedoch schnell das Ambiente und geht in der Tristesse der Notaufnahme einer Klinik weiter. Da Théo und Hugo die Grundregeln des „Safer Sex“ nicht befolgt haben, werden dort die Notfallmaßnahmen gegen eine befürchtete HIV-Infektion eingeleitet. Der Film beschreibt die Gefühlsschwankungen zwischen Party-Ekstase, Schock über die Diagnose und der bangen Frage, wie es weiter geht, und dreht sich vor allem darum, wie schnell und wie viel Nähe die beiden Hauptfiguren zulassen. „Paris 05:59“ ist in der Tradition französischer Beziehungsdramen souverän gefilmt, verzettelt sich aber auch etwas zu sehr in banalen Dialogen mit anderen Metro-Fahrgästen.

Auch im „Panorama“ der Berlinale 2016 ist bisher mehr Schatten als Licht.