Archiv der Kategorie: Oper

Der gejagte Clown: Herbert Fritsch und sein „Don Giovanni“ an der Komischen Oper

Für die Verhältnisse von Herbert Fritsch ist sein “Don Giovanni” schon ziemlich konventionell, fast handzahm, die Vorlage von Mozart/del Ponte bleibt stets erkennbar: weit weniger groteske Körper-Verrenkungen als in seiner “Physiker”-Inszenierung in Zürich und auch keine selbstverliebt-dadaistischen Sprachspielereien wie “der die mann” oder “Murmel Murmel” an der Volksbühne.

Der Unterhaltungswert kommt aber auch bei seiner Mozart-Inszenierung, die am 30. November 2014 an der Komischen Oper Berlin Premiere hatte und dort am 15. April 2016 wiederaufgenommen wurde, nicht zu kurz.

Fritsch legt seine Inszenierung als muntere Verfolgungsjagd an. Im Zentrum des Abends steht Günter Papendell als wild grimassierender Clown. Ihm macht dieser Ausflug ins komische Fach sichtlich Spaß. Bei ihm ist die Titelfigur Don Giovanni kein galanter Verführer, sondern ein spitzbübischer Dauergrinser, der von den Harlekinen der Commedia dell´Arte inspiriert ist, aber auch der “Joker” aus “Batman” schimmert durch.

Die knapp dreieinhalbstündige Opernaufführung könnte man als wilde Verfolgungsjagd zusammenfassen: Donna Anna (Erika Roos), Don Ottavio (Adrian Strooper), Donna Elvira (Karolina Gumos), Masetto (Nikola Ivanov) und Zerlina (Anna Brull) haben einige Rechnungen mit ihm offen. Gemeinsam mit dem Chor sind sie ihm auf den Fersen, so dass sich Don Giovanni und sein Leporello (Evan Hughes) ständig neue Finten ausdenken müssen.

Mit den knallig-bunten Kostümen (Victoria Behr) und den temporeichen Verwicklungen ist Fritschs “Don Giovanni” eine amüsante Clownerie, bis Don Giovanni nach dem Auftritt des Komturs (Alexey Antonovs) ins Grab sinkt.

Bis zum Schluss bleibt Fritsch seinem Regiekonzept treu: sein “Don Giovanni” ist ein Clown, der mit den anderen Figuren spielt und mit dem Publikum schäkert. Als sich Vorhang zur Pause senkt, ruft er noch ein kurzes “Buh” ins Parkett.

Diese Lesart sorgt für einen lustigen Abend, bietet aber wenig Stoff, sich intensiver mit der Figur auseinander zu setzen. Im Programmheft informiert Johannes Oertel über zwei frühere “Don Giovanni”-Inszenierungen von anderem Kaliber: Harry Kupfer legte den “Don Giovanni” 1987 als ein “Symbol einer zutiefst menschlichen Lebenskraft” an, der besonders den Frauen “die Eingeschränktheit ihrer Position” bewusst macht. Er wird von einer Gesellschaft, die sich mit Stagnation und daraus folgender Selbstzerstörung abschottet bestraft. Als am Ende Balken vorgeschoben und das Loch zur Hölle versiegelt wird, konnte man das zwei Jahre vor dem Mauerfall auch als Kommentar zur Lage in der DDR lesen.

2003 stand der “Don Giovanni” bei Peter Konwitschny allein gegen die Masse der Mitläufer in grauen Anzügen und Krawatte aufbegehrt, bis auch er als Greis vom Einheitsgrau geschluckt wurde.

Daran gemessen erscheint Fritsch Clowenerie recht eindimensional.

Weitere Termine an der Komischen Oper

Im Spinnennetz

Außergewöhnliche “Zauberflöte” an der Komischen Oper wiederaufgenommen

Mozarts “Zauberflöte” ruft bei vielen Opernfreunden nur noch ein müdes Gähnen hervor. Die meistgespielte Oper gehört in fast jedem Haus zum Repertoire. Die Arie der Königin der Nacht wurde x-fach durchgenudelt und auch die Vogelfänger-Arie entlockt irgendwann nur noch ein müdes Lächeln.

Aber auch wenn man diese Hits schon gar nicht mehr hören will, sollte man der Inszenierung an der Komischen Oper eine Chance geben. Intendant Barrie Kosky besuchte vor einigen Jahren eine Aufführung von “Between the Devil and the Deep Blue Sea” des britischen Performance-Duos 1927. Er berichtet im Programmheft, dass er schon nach wenigen Minuten fest entschlossen war, mit dieser Gruppe eine “Zauberflöte” zu inszenieren. Ihn reizte, dass die beiden Opern-Neulinge Suzanne Andrade und Paul Barritt “völlig unbelastet” an den Dauerbrenner herangehen. Das Markenzeichen ihrer Arbeiten ist, dass sie Live-Performance mit Animationen mischen.

Wie gut das funktioniert, zeigt dieses Beispiel: Beate Ritter wird als die Spinne im Netz hell angestrahlt. Als sie zu ihren berühmten Koloraturen ansetzt, krabbeln die computeranimierten kleinen Wesen über die Bühne und erzeugen eine Gänsehaut, wie sie lange bei keiner “Königin der Nacht” zu erleben war.

Inspiriert vom expressionistischen Stummfilm und vom Varieté der Zwanziger Jahre entwerfen die britischen Gäste wunderbare Bilderwelten, die aus dem abgedroschenen Klassiker ein außergewöhnliches Seh-Erlebnis machen. Die Aufführung ist reich an skurrilen Einfällen: Wenn Papageno zum Cocktail greift, findet er sich mitten unter rosa Elefanten wieder.

Die Inszenierung tourte nach der gefeierten Premiere am 25. November 2012 durch die Welt und wurde am Gründonnerstag in Berlin wiederaufgenommen. Auch wenn es mit den Computer-Animationen anfangs Probleme gab und sich Kosky in seinem Denglish-Mix für die kleine Verzögerung entschuldigen musste, war es ein gelungener Opern-Abend.

Für die nächste Spielzeit 2016/17 wurde bereits eine weitere Zusammenarbeit von “1927” mit der Komischen Oper geben.

Weitere Termine

Händels „Xerxes“ an der Komischen Oper als barocke Muppet-Show mit Conchita Wurst

Eine Inhaltsangabe von Georg Friedrich Händels „Xerxes“ wäre eine ziemliche Herausforderung: Wer liebt hier wen? Wer intrigiert gegen wen? Abgefangene Briefe; Frauen, die in Männerkleider schlüpfen; Männer, die sich im Gegenzug als Frau verkleiden. „Es ist bei Händels „Xerxes“ fast ein Ding der Unmöglichkeit, die Handlung sinnvoll und verständlich wiederzugeben“, konstatiert das Programmheft der Komischen Oper.

Der norwegische Regisseur Stefan Herheim entschied sich dafür, das Ganze als „barocke Muppet-Show“ zu inszenieren. Die Sängerinnen und Sänger frotzeln den Dirigenten (Konrad Junghänel) an und mischen auch mal das Orchester auf, wenn sie durch den Graben Richtung Publikum marschieren. Die meisten Lacher erntet Hagen Matzeit (Elviro), der das bunte Treiben als berlinerndes Blumenmädchen anheizt.

Leider bleibt der Abend aber auf halber Strecke stehen und zieht sein Muppet-Show-Konzept nicht konsequent durch: die Travestie-Nummern kommen teilweise nicht über den Conchita Wurst-Look hinaus (Stephanie Houtzeel in der Titelrolle des persischen Königs Xerxes). Vor allem fehlt dieser Inszenierung der bissige Spott, für den bei den Muppets die beiden Alten auf dem Balkon (Waldorf und Statler) zuständig sind.

Dennoch gab es für die Inszenierung, die im Mai 2012 Premiere hatte, bei ihrer Wiederaufnahme im Februar 2016 wohlwollenden Applaus. Ganz anders lief es bei der Uraufführung von Händels 40. Oper 15. April 1738 im Londoner King´s Theatre am Haymarket: Sie floppte und wurde nach fünf Vorstellungen abgesetzt. Kurios ist: Die „Xerxes“-Oper verschwand für zwei Jahrhunderte in der Versenkung, aber die Melodie der Arie, mit der Xerxes zu Beginn des ersten Aktes seine Liebe zu einer Platane besingt, wurde als „Händels Largo“ zum Welterfolg.

Die nächsten Termine im März 2016

Mozarts „Figaro“: Altmeisterlich von Jürgen Flimm an der Staatsoper in Szene gesetzt

Kurz vor dem Ende seiner langen Regie-Karriere und vor dem Ende seiner Intendanz an der Staatsoper unter den Linden, die umbaubedingt derzeit noch im Schillertheater gastiert, brachte Jürgen Flimm einen von Mozarts-Opern-Evergreens auf die Bühne. „Le Nozze di Figaro“ ist mit seinen fröhlich angezettelten Intrigen, seinen Liebesverwirrungen und seiner Happy-end-Garantie eine sichere Bank und gute Unterhaltung fürs Abo-Publikum.

Die Handlung wird zwar aus Sevilla in ein Landhaus an der See verlegt. Das war es dann aber auch schon mit Eingriffen des Regisseurs in Mozarts Werk: altmeisterlich gediegen entfaltet sich in den knapp dreieinhalb Stunden die Geschichte von Susanna und ihrem Figaro als einer Hochzeit mit den bekannten Hindernissen.

Das ist selbstverständlich musikalisch auf hohem Niveau, wie es auch nicht anders zu erwarten ist, wenn Könner wie Ildebrando D´Arcangelo (als Graf Almaviva) oder Dorothea Röschmann (als Gräfin Almaviva) singen.

Dennoch gab es bei der Aufführung am Sonntag zwei Wochen nach der Premiere einige Wermutstropfen: Kurzfristig mussten nicht nur Dirigent Gustavo Dudamel, sondern auch Anna Prohaska in der zentralen Rolle der Susanna ersetzt werden. Damit fielen ausgerechnet die beiden großen Namen unerwartet aus, die bei dieser Produktion besonders im Mittelpunkt des Interesses standen: für Dudamel war es die erste Neuinszenierung am Berliner Dirigentenpult. Für ihn sprang Michele Gamba früher als ursprünglich geplant ein. Noch schwerer war Prohaska zu ersetzen, deren Leistung nach der Premiere von Publikum und Kritik besonders bejubelt wurde. Für sie musste Sylvia Schwartz einspringen.

Der zweite Einwand gegen diese Produktion ist grundsätzlicher Natur und hat mit diesen Neubesetzungen nichts zu tun: Die gediegene Altmeisterlichkeit dieser Inszenierung ist eine zweischneidige Sache. Der Opernabend bietet gute Unterhaltung auf hohem musikalischem Niveau. Aber in seiner Routiniertheit fehlen ihm doch das gewisse Etwas an Experimentierfreude, an „Drive“ (rbb-inforadio) und auch die notwendigen „Ecken“ (WELT) und Kanten, die eine Inszenierung interessant machen.

„Zauberflöte“-Gastspiel an der Neuköllner Oper: katalanische Tatortreiniger kürzen radikal

In Tatortreiniger-Kostümen kommen die sechs Akteure der Compagnia dei Furbi auf die fast völlig leere Bühne der Neuköllner Oper. Neben den Kostümen und Masken ist ein großer Schrank das einzige Requisit, im obersten Spind muss von diesem Sondereinsatz-Kommando noch schnell eine tickende Bombe entschärft werden.

Dann kann die knapp einstündige Tour-de-Force durch Mozarts berühmte Zauberflöte beginnen: das Orchester ist komplett gestrichen. Die Handlung ist stark gerafft. Auf die bekannten Arien der Königin der Nacht und des Vogelfängers Papageno muss niemand verzichten. Aber es empfiehlt sich schon, die Mozart-Oper gut zu kennen, sonst droht man in dieser temporeichen Aneinanderreihung kleiner Späße im Stil der Commedia dell´Arte und dem Best of von Mozarts märchenhafter Aufklärungs-Fabel den Anschluss zu verlieren.

Die vier Männer und zwei Frauen machen sich darüber auch an einigen Stellen augenzwinkernd lustig, wenn sie sich gegenseitig fragen, an welcher Stelle der Handlung man denn nun gerade sei. Als Service fürs Publikum sind alle Dialoge und Arien auf Deutsch übertitelt.

Eine weitere Spindtür öffnet sich: Pamina tritt heraus. Die Königin der Nacht hat ihren großen Auftritt mit den sehr hohen Tönen. In Zwergenkostümen purzeln einige Schauspieler über die Bühne. Im nächsten Moment ist Sarastro dran oder doch gleich wieder Papageno und seine Papagena.

Kurz nach 21 Uhr ist der Reigen schon an seinem Ziel angekommen, die furiose Zugabe wird vom Publikum im voll besetzten Saal der Neuköllner Oper freudig beklatscht. Das Gastspiel dieses amüsanten Sommertheaters, das in Spanien im Jahr 2014 mit dem Premio Max ausgezeichnet wurde, geht heute Abend mit der Dernière zu Ende.

Trailer zu La Flauta mágica/Die Zauberflöte

La Flauta mágica/Die Zauberflöte. – Gastspiel der Compagnia dei Furbi. – Termine an der Neuköllner Oper: 11. Juli – 2. August 2015

Infos zur Compagnia dei Furbi

Händels „Alcina“ in Starbesetzung beim Opern-Festival in Aix-en-Provence: ausgestopfte Tiere und wandlungsfähige Zauberinnen

Für die größte Aufregung beim Opern-Festival von Aix-en-Provence 2015 sorgte in diesem Jahr Martin Kušej, der bei Mozarts Entführung aus dem Serail die Köpfe rollen lassen wollte. Die Anspielungen auf den IS-Terror gingen Festival-Chef Bernard Foccroule zu weit: nach mehreren Anschlägen, vor allem auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo, herrscht höchste Alarmstufe in Frankreich. Die Opern-Aufführung durfte nur in entschäfter Form stattfinden und wurde in den meisten Kritiken verrissen.

Deshalb war es wohl die richtige Entscheidung, mich auf den Höhepunkt des Festivals zu konzentrieren: die britische Regisseurin Katie Mitchell brachte Händels Alcina auf die Bühne. Die Co-Produktion mit dem Bolschoi-Theater prunkt mit einem Staraufgebot: Countertenor Philippe Jaroussky glänzt als Ruggiero, der den beiden Schwestern Alcina (Patricia Petibon) und Morgana (Anna Prohaska) in die Hände fällt. Die Solisten werden auf gewohnt hohem Niveau vom Freiburger Barockorchester begleitet. Zum Liebling des Publikums, das die Aufführung im Grand Théâtre von Aix-en-Provence mit großem Jubel quittiert, avancieren Elias Mädler und Lionel Wunsch vom Tölzer Knabenchor, die sich in der Rolle des Oberto abwechseln.

Neben den glänzenden musikalischen Darbietungen tragen die originellen Regie-Ideen von Katie Mitchell, die auch von ihren Theater-Arbeiten an der Berliner Schaubühne und dem Schauspiel Köln inklusive einer Einladung zum Theatertreffen bekannt ist, zu einem beeindruckenden Opern-Erlebnis bei: sobald die beiden Zauberinnen Alcina und Morgana ihren luxuriösen Salon verlassen, verwandeln sie sich zurück in alte Frauen.

Die Inszenierung spielt intelligent mit dem Rollentausch zwischen den strahlenden Star-Diven auf der Hauptbühne und den einsam vor sich hinqualmenden, verhärmt wirkenden älteren Schauspielerinnen an den Rändern. Die Verwandlung ausrangierter Liebhaber geht mithilfe eines überdimensionalen Apparats vor sich, der an Flughafen-Security erinnert. Am anderen Ende kommt dann ein ausgestopfter Fuchs oder ein anderes Tier vom Laufband.

Alcina wurde am Freitag, 10. Juli 2015, auch live auf arte übertragen.

Besetzungsliste, Premiere war am 2. Juli 2015 in Aix-en-Provence, weitere Aufführungen dort bis zum 20. Juli 2015

„West Side Story“: Die Komische Oper lässt die Muskeln spielen

Passend zu den tropischen Temperaturen prallten an der Komischen Oper die beiden verfeindeten Gangs, die alteingesessenen Jets und die neuzugezogenen Sharks, in hitzigen Gefechten aufeinander. Leonard Bernsteins West Side Story, die im November 2013 von Barrie Kosky neu inszeniert wurde, ist mit ihrem Temporeichtum, ihren Ohrwürmer-Songs (Maria oder America) und ihrem Mix aus jüdischen, Latino- und Jazz-Einflüssen einer der Publikumsmagneten des Hauses.

Die Handlung wurde aus der New Yorker Bronx der 1950er Jahre in eine nicht näher bezeichnete Metropole der Gegenwart verlegt. Von Vorurteilen und Rassismus geprägte Gruppen versuchen zwanghaft, sich von einander abzugrenzen. Dabei sind die feindlichen Lager, die sich auf der fast leeren Bühne duellieren, optisch kaum zu unterscheiden. Was sie wirklich trennt, sind die Barrieren im Kopf.

Testosterongeladen gehen die durchtrainierten Tänzer in den beeindruckenden Choreographien von Otto Pichler aufeinanderlos. Die Berliner Morgenpost fühlte sich an Streetdance und David Finchers Fight Club erinnert: roh, ungeschliffen, viril. Für die Liebe von Maria zu ihrem Tony ist hier kein Platz, ebensowenig wie es für Julia ein Happy-end mit ihrem Romeo, deren Geschichte bei der West Side Story bekanntlich Pate stand.

Absehbar, dass diese Zusammenballung von Hass und aus Unsicherheit über die eigene Identität resultierender Aggressivität tödlich enden muss. Für das oft süßlich endende Musical-Genre ist diese pessimistische Botschaft nicht selbstverständlich.

Frederik Hanssen jubelte im Tagesspiegel über die hottest show in town. Auch wenn man mit Superlativen vorsichtig ist: die Aufführung wirkt auch knapp zwei Jahre nach der Premiere frisch und mitreissend.

Respekt verdienen vor allem die Akteure der Kampfszenen: die 2,5 Stunden sind ohnehin schon kräftezehrend, aber erst recht an einem Tag mit Temperaturen jenseits der 30 Grad. Bei kühleren Temperaturen wird die West Side Story von Oktober bis Dezember 13 x zu sehen sein.

Trailer

West Side Story von Leonard Bernstein nach einer Idee von Jerome Robbins. – Deutsche Fassung von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald – Musikalische Leitung: Kristiina Poska – Inszenierung: Barrie Kosky, Otto Pichler- Choreographie: Otto Pichler – Bühnenbild Konzept: Barrie Kosky – Bühnenbild und Kostüme: Esther Bialas – Dramaturgie: Johanna Wall – Chöre: David Cavelius – Licht: Franck Evin. – U.a. mit: Katja Reichert, Michael Pflumm, Daniel Therrien, Gianni Meurer, Sigalit Feig, Terence Rodia, Hakan T. Aslan, Hunter Jaques, Peter Renz. – Ca. 2 Stunden 30 Minuten, mit Pause – Premiere an der Komischen Oper Berlin: 24. November 2013

„My Square Lady“: Roboter Myon und Gob Squad augenzwinkernd an der Komischen Oper

Das Augenzwinkern ist das Grundprinzip des Abends. Fast alles, was auf der Bühne passiert, wird auf den Displays kommentiert, die an der Komischen Oper für Untertitel genutzt werden. Wenn Carsten Sabrowski Der Wanderer anstimmt, ist dort Ach, endlich Schubert zu lesen. Ein kurzer Ausschnitt aus Mozarts Zauberflöte wird mit Oh, endlich doch noch Oper kommentiert. Und zu Beginn wird das Publikum aufgefordert: Stellen Sie sich am besten ihrem Sitznachbarn vor. Vielleicht wird es auf der Bühne so traurig, dass Sie noch eine Schulter zum Anlehnen brauchen. So geht das fast ununterbrochen…

Zu Beginn tritt erst mal eine Parade aus fast allen Arbeitsbereichen der Komischen Oper ans Mikrofon. Entweder schon hier oder später in eingespielten Videos stellen sie sich und ihre Tätigkeit vor: von den Technikern bis zum Kinderchor, von der Sopranistin über den Pförtner, vom Bass bis zur Geschäftsführenden Direktorin, deren österreichische Herkunft deutlich zu hören ist, denken sie darüber nach, ob sie durch einen Roboter ersetzen könnten. Dieses Konzept von Gob Squad verfolgt eine ähnliche Grundidee wie die Arbeit Einige von uns, die She She Pop vor kurzem in Stuttgart auf die Bühne brachten.

Als die eigentliche Hauptfigur des Abends auf die Bühne kommt, ist auch dies ein ironisches Spiel mit den Erwartungen: mit großem Pomp wird der Roboter Myon angekündigt. Von Hollywood-Vorbildern wie Terminator oder HAL aus Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum könnte er kaum weiter entfernt sein. Unbeholfen bleibt er auf die ständige Unterstützung seiner drei Entwickler Stefan Bethge, Torsten Siedel, Christian Thiele angewiesen, die ebenso wie ihr Teamleiter Professor Manfred Hild vom Forschungslabor Neurorobotik der Beuth Hochschule für Technik Berlin neben Johanna Freiburg, Sean Patten und Bastian Trost von Gob Squad und den Solisten der Komischen Oper über die Bühne wuseln. Wenn sie sich nicht gerade um ihren Roboter Myon kümmern, fungieren sie als Background-Tänzer zu Feel, das von einem Robbie Williams-Imitat im Glitzer-Outfit gesungen wird.

Bei dieser von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Co-Produktion von freier Szene und Opernhaus des Jahres durfte sich offensichtlich jede und jeder nach Herzenslust austoben und das machen, wovon er immer schon träumte: die Inspizientin Sabine Franz kommt mehrfach auf die Bühne, Christiane Oertel darf endlich die Carmen singen. Das Ganze hangelt sich zwischen Tätigkeitsbeschreibungen der Arbeiten an einem so großen Haus, halbprivatem Plaudern über die großen Themen der Oper von Liebe bis Tod und einem Potpourri schöner Arien dahin.

Der Mehrheit im Publikum schien dieser kurzweilige Abend durchaus gefallen zu haben. Myons Ausflug in die schillernde Welt der Oper dürfte aber schon bald beendet sein: nach der gestrigen Premiere sind noch zwei Aufführungen für den 25. Juni und 5. Juli angekündigt, eine Wiederaufnahme in der neuen Spielzeit sucht man bisher vergeblich.

My Square Lady – Von Menschen und Maschinen. Eine Opernerkundung von Gob Squad. – Premiere an der Komischen Oper: 19. Juni 2015. – Konzept, Regie und Kostüme: Gob Squad, (Johanna Freiburg, Sean Patten, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will); Musikalische Leitung und Arrangement: Arno Waschk; Bühnenbild: Gob Squad, Romy Kießling; Entwicklung und Betreuung Roboter: Manfred Hild, Dramaturgie: Ulrich Lenz, Christina Runge; Chöre: Andrew Crooks, Kinderchor: Dagmar Fiebach, Licht: Diego Leetz, Video: Kathrin Krottenthaler, Videomitarbeit: Miles Chalcraft, Kostümbildmitarbeit: Susanne Weiske, Mitarbeit und Betreuung Roboter: Torsten Siedel, Stefan Bethge, Christian Thiele, Marcus Janz, Peter Hirschfeld, Jörg Meier, Mario Weidner, Projektleitung: Rainer Simon, Christina Runge. – Mit: Manfred Hild, Johanna Freiburg, Sean Patten, Bastian Trost, Katarina Morfa, Christiane Oertel, Caren van Oijen, Mirka Wagner, Bernhard Hansky, Carsten Sabrowski, Christoph Späth, Chorsolisten der Komischen Oper Berlin, Kinderchor der Komischen Oper Berlin, Myon. – Ca. 2 h 45 Minuten, eine Pause

Ist die Welt eine trostlose Kloake? Oder lohnt es sich doch, zu kämpfen? Gorkis „Nachtasyl“ an der Schaubühne und Händels „Giulio Cesare in Egitto“ an der Komischen Oper

Wer gerne ein paar aufmunternde Botschaften mit nach Hause nehmen möchte, hat es an den Berliner Bühnen derzeit schwer: Johann Kresnik hämmerte uns in 120 Tage von Sodom an der Volksbühne ein, dass der Turbokapitalismus uns alle unterjocht. Von Stephan Kimmig wurden wir mit Farid Nagims niederschmetternder These aus Tag der weißen Blume in den Sommerabend entlassen, dass die Lage in Russland ohnehin hoffnungslos sei und trotz aller Umwälzungen am Ende alles beim Alten bleibt. Am düstersten ist aber Michael Thalheimers neue Inszenierung an der Schaubühne: er bediente sich wie Kimmig ebenfalls bei einem russischen Autor und brachte Maxim Gorkis Nachtasyl im gewohnt kompakten Format (nur 90 Minuten für das Kondensat der vier Akte) auf die Bühne.

Der Abend beginnt mit leisem Wummern, Bert Wredes Handschrift ist beim Soundtrack unverkennbar. Dieses Wummern bleibt uns 90 Minuten erhalten, „nervtötend“, schimpfte Leopold Lippert zurecht in seiner Nachtkritik. Die Monotonie dieses Klangbreis wird nur durchbrochen, wenn an einigen Stellen die Regler nach oben gedreht werden und die Bässe noch lauter wummern. Auch Olaf Altmann ist ein bewährter Mitarbeiter von Thalheimer, seine eindrucksvollen Bühnenbilder z.B. bei Medea oder den Ratten trugen dazu bei, dass Thalheimer-Inszenierungen zu einer starken Marke wurden: hohe Wiedererkennbarkeit, aber nach so vielen Jahren eben auch in der Gefahr, sich nur noch selbst zu kopieren.

Altmanns Bühnenbild verlangt den Schauspielern einiges an sportlichem Durchhaltevermögen ab. Nach und nach plumpsen sie in die Kloake: ein schlauchartiger Kanal, der mit dreckigen Rinnsalen aufgefüllt wird. Immer wieder versuchen sie, sich hochzuziehen, rutschen aber doch wieder nach ganz unten. Das Milieu ist nicht nur für Freunde bildungsbürgerlicher Umgangsformen gewöhnungsbedürftig: wenn sich die Figuren einfach nur angiften, ist das nächste Brüllduell sicher nicht mehr weit. Sie verhöhnen sich, demütigen sich, der Sadismus trieft ihnen ebenso aus allen Körperöffnungen wie manche Flüssigkeit, die mit Knigge nicht vereinbar ist.

Wie schon in Gorkis Sozialdrama, der ein pessimistisches Panorama des Elends zur Jahrhundertwende kurz vor der Oktoberrevolution zeichnete, ist die Hoffnungslosigkeit und Verkommenheit dieser Welt sehr plakativ dargestellt. Viele Rezensionen stießen sich daran und fragten, warum der Regisseur die Abgründe einer abgehängten Unterschicht so demonstrativ zur Schau stellte. In einigen Texten wurde der Abend recht schnell abgetan.

Vieles ist überdeutlich ausgepinselt und in seiner Botschaft schlicht, drei Figuren lohnen aber einen zweiten Blick: erstens der junge Pepel (Christoph Gawenda). Der Vater war schon kriminell. Welche andere Chance könnte er haben, als selbst auch kriminell zu werden? So redet er sich seine krummen Touren schön – und doch gibt es die Momente in diesem Stück, wo er ernsthaft über einen Ausweg, einen Neuanfang nachdenkt. Zweitens Luka (Tilman Strauß), der als Fremdkörper in diese düstere Welt hineinpurzelt. Ganz in Weiß gehüllt verkündet er im Predigerton Lebensweisheiten aus Ratgeberbüchern. Nur leider wird schnell klar, dass dieser Prophet auch keine Lösung anzubieten hat. Drittens vor allem Wassilisa (Jule Böwe): gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie das Nachtasyl, in dem die unglücklichen Figuren gestrandet sind. Sie ist mit Abstand das fieseste Aas und zieht sadistisch alle Strippen.

Wie kann man in dieser trostlosen Kloake überleben? Wassilisa verfährt nach der Devise: Jeder ist sich selbst der Nächste. Mit einer Mischung aus Drohungen und geschickten Manipulationen versucht Wassilissa, alle gegeneinander auszuspielen, ihren Mann aus dem Weg räumen zu lassen und doch noch ein besseres Leben zu beginnen. Als sich alle in einer Traube um den Prediger Luka scharen, bleibt sie als einzige demonstrativ fern, lauernd in ihrer Ecke. Sie keift und bezirzt, faucht und umgarnt, und das alles mit einer Stimme, für die sie einen Waffenschein bräuchte. Bei der Tonlage, mit der sie ihrem Liebhaber, der sie verlassen möchte, ein verzweifelt-beleidigtes Pepel hinterherkräht, kann man gut verstehen, dass er nur noch weg will.

Wassilisa hat den Kampf um ein besseres Leben aufgenommen, aber auch sie scheitert: gemeinsam mit Pepel landet sie unter Mordverdacht in Untersuchungshaft. Und ihr Nachfolger als Schinder der ausgemergelten, verdreckten Gestalten im Nachtasyl wird sich problemlos finden. Kein Ausweg aus dieser Kloake, nirgends!

Ebenso wie Wassilisa kämpft auch eine Frau aus einer ganz anderen sozialen Schicht um ihren Platz im Leben: als Königstochter im alten Ägypten ist sie mit dem sprichwörtlichen Löffel im Mund geboren. Die Kloaken sind außer Sichtweite ihres Palastes, aber doch hat die Kleopatra in Händels Barockoper Giulio Cesare in Egitto einiges mit der weiblichen Hauptfigur aus dem Nachtasyl gemeinsam.

Ihr jüngerer Bruder hat sie vom Thron vertrieben. In ihrem syrischen Exil steht sie vor derselben Frage wie Wassilisa: wie sichere ich mir mein Stück vom Kuchen? Wie komme ich zurück in ein besseres Leben? Auch sie ist mit einem gewalttätigen Umfeld konfrontiert: abgeschnittene Köpfe von Rivalen werden als Gastgeschenke überreicht, um neue Bündnisse zu schmieden. Kleopatras Lage scheint ähnlich aussichtslos wie die Situation von Wassilisa. Sie zieht daraus dieselbe Konsequenz: sie nimmt den Kampf auf und möchte ihr Ziel mit der macchiavellistischen Manipulation der Menschen in ihrer Umgebung durchsetzen. Unter falschem Namen schleicht sie sich bei Cäsar, dem starken Mann aus der Weltmacht Rom ein, und umgarnt ihn, bis sie heiraten.

Auf den ersten Blick scheint diese opulente Barock-Oper in der Regie von Lydia Steier an der Komischen Oper das Gegenprogramm zum Elends-Panorama in Gorkis Nachtasyl zu sein: hier ein „Happy-end“ mit der Hochzeit des Traumpaars, dort hoffnungsloses Prekariat ohne Mut und Perspektive. Hier facettenreiche Arien mit großem Orchester, dort monotones, bedrückendes Wummern. Hier Schwelgen im Prunk der Ausstattung (ein besonderer Blickfang: die drei Krokodile in ihren Vitrinen!), dort verdreckte, heruntergekommene Gestalten.

Auf den zweiten Blick tut sich auch vor Kleopatra ein gähnender Abgrund auf. Das Happy-end ist nur ein scheinbares, böse Vorahnungen werden in Bildern schon während der drei Akte an die Wand gemalt und im Libretto angedeutet. Ihr Cäsar wird von Brutus ermordet. Mit ihrer bewährten Strategie wickelt sie Marc Anton um den Finger, der jedoch den Machtkampf gegen Octavian, den späteren Kaiser Augustus verliert. Kleopatra entscheidet sich für den Suizid mit Schlangengift.

Die glänzenden Fassaden und der verschwenderische Prunk können nicht darüber hinwegtäuschen: „Wer gestern die Welt im Sturm erobert, dessen Staub liegt heute im Grab. Aus Erde geschaffen, bleibt am Ende nur Stein“, wie Cäsar mit dem abgeschlagenen Schädel des Pompejus in der Hand sinniert.

Auch in dieser Barockoper ist die Welt eine brutale, gewalttätige Kloake. Daraus gibt es kein Entrinnen: weder für Kleopatra, noch für Wassilisa!

Nachtasyl von Maxim Gorki. – Fassung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens nach der Übersetzung von Andrea Clemen. – Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Bernd Stegemann, Licht: Erich Schneider. – Mit: Jule Böwe, Christoph Gawenda, Ulrich Hoppe, Ingo Hülsmann, Eva Meckbach, Peter Moltzen, Lise Risom Olsen, Bernardo Arias Porras, Felix Römer, David Ruland, Andreas Schröders, Alina Stiegler, Tilman Strauß. – Premiere an der Schaubühne: 6. Juni 2015. – Ca. 90 Minuten, ohne Pause

Giulio Cesare in Egitto von Georg Friedrich Händel. – Dramma per musica in drei Akten (1724). – Libretto von Nicola Francesco Haym nach dem Libretto von Giacomo Francesco Bussani. – Musikalische Leitung: Konrad Junghänel, Inszenierung: Lydia Steier, Bühnenbild: Katharina Schlipf, Kostüme: Ursula Kudrna, Dramaturgie: Johanna Wall, Chöre: David Cavelius, Licht: Diego Leetz. – Mit: Dominik Köninger, Valentina Farcas, Ezgi Kutlu, Theresa Kronthaler, Anna Bernacka, Günter Papendell. – Premiere an der Komischen Oper Berlin: 31. Mai 2015. – Ca. 3, 5 Stunden, eine Pause

Darth Vader, Elvis und Conchita Wurst an der Staatsoper: Strawinskys „The Rake´s Progress“

Igor Strawinskys einzige abendfüllende Oper The Rake´s Progress, 1951 uraufgeführt, ist ein anspielungsreicher Stilmix, der sich musikalisch von Barock bis Jazz bedient und sich einen Spaß daraus macht, quer durch die Kulturgeschichte auf andere Opern, die griechische Mythologie und vor allem den Faust anzuspielen.

Das Libretto von William H. Auden schickt seine Hauptfigur Tom Rakewell auf eine – wie der Titel verspricht – wüste Reise. Stephan Rügamer ist die Rolle des draufgängerischen Sunnyboys aber nicht ganz so perfekt auf den Leib geschrieben wie der Premieren-Besetzung Florian Hoffmann. In einem faustischen Pakt mit dem mephistophelischen Nick Shadow (Gidon Saks) macht sich Tom aus der Provinz auf den Weg in das Swinging London.

Regisseur Krzysztof Warlikowski und Małgorzata Szczęśniak, die für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich ist, schicken die beiden auf einen Parcours, der in verqualmten, angesagten Clubs mit ausschweifenden Partys beginnt und im Wahnsinn endet. Der Chor beäugt das Spektakel die gesamte Zeit etwas skeptisch-distanziert vom Rang aus. Ein starker Kontrast zwischen ihrer betont biederen Kleidung und den schrillen Kostümen auf der Bühne!

Nach Mother Goose (Birgit Remmert) kreuzt Baba the Turk (Nicolas Ziélinski) die Wege der beiden Wüstlinge. Tom Rakewell heiratet das bärtige Conchita Wurst-Double, seine Verlobte, die arme Anne (Anna Prohaska), stakst verzweifelt auf der Suche nach ihm im kurzen Rock durch den Dschungel des Nachtlebens. Das Panoptikum wird von Darth Vader, einem Elvis-Imitat und manchen Comic-Figuren bevölkert.

Trotz des großen Aufwandes und dieser bunten Sammlung schräger Charaktere wird man das Gefühl nicht los, dass der Abend nur mit angezogener Handbremse fährt und nicht den Mut hat, dem Trubel seiner durchgeknallten Figuren freien Lauf zu lassen.

The Rake’s Progress/Karriere eines Wüstlings. – Musikalische Leitung: Domingo Hindoyan. – Inszenierung: Krzysztof Warlikowski. – Bühnenbild und Kostüme: Małgorzata Szczęśniak. Mit: Jan Martiník, Anna Prohaska, Stephan Rügamer, Gidon Saks, Birgit Remmert, Nicolas Ziélinski, Patrick Vogel
Maximilian Krummen. – Ca. 2 h 45 Minuten mit Pause. – Premiere an der Staatsoper im Schillertheater: 10. Dezember 2010