Archiv der Kategorie: Gespräche

Munteres Matinee-Gespräch von Ulrich Matthes und Gregor Gysi am Deutschen Theater

Ulrich Matthes kennen wir aus unzähligen Kino-, Theater- und Hörbuchproduktionen. Momentan ist er schon mitten in den Proben für Macbeth, der ab dem 19. März 2015 am Deutschen Theater Berlin zu sehen sein wird.

In der stets ausverkauften Matinee-Reihe Gregor Gysi trifft Zeitgenossen hatte das Publikum an diesem stürmischen Wochenende die Gelegenheit, andere Seiten des Schauspielers kennenzulernen. Die Veranstaltung begann unfreiwillig komisch mit einer Slapstick-Nummer Gregor Gysis, die jedem Boulevardtheater zur Ehre gereichen würde: Desorientiert suchte er seinen Gast hinter der falschen Tür des umgebauten Bühnenbildes. Nach diesen Anfangsschwierigkeiten entwickelte sich ein munteres, zweistündiges Gespräch im nachdenklichen Plauderton.

Ulrich Matthes wurde in eine Wilmersdorfer Bürgertum-Familie hineingeboren. Sein Vater distanzierte sich von seiner Nazi-Verstrickung und verteidigte jahrzehntelang liberale, demokratische Werte auf verantwortungsvollen Positionen beim Tagesspiegel. Obwohl er von Haus aus eher konservativ gesonnen war, verteidigte er Rudi Dutschke und die Studentenproteste der 68er in seinen Leitartikeln gegen die Springer-Blätter. Der jüngste Sohn war ein sehr lebendiges, extrovertiertes Kind: Matthes erinnerte sich daran, dass er sich ständig verkleidete, Stimmen parodierte und durch die Wohnung tobte, so dass er die übrigen Familienmitglieder oft gehörig nervte. Seine Mutter meldete das Energiebündel früh zu einem Film-Casting an, so dass Matthes sich als Kinderstar austoben konnte, bis die Eltern die Notbremse zogen, da sie fürchteten, dass es ihm allzusehr zu Kopf steige, dass sich in der Erwachsenenwelt von Film und Fernsehen ständig alles um den heranwachsenden Jungen drehte.

In der Pubertät prägten ihn während der hochpolitischen 70er Jahre der sozialdemokratische Reformeifer von Willy Brandt, dessen Partei Matthes bis heute die Treue hält, und die Lektüre des Tagebuchs der Anne Frank. Er entschied sich nach dem Abitur für einen längeren Kibbuz-Aufenthalt in Israel und ein Lehramtsstudium, fühlte sich aber an der FU Berlin weder im von marxistischen und maoistischen K-Gruppen durchsetzten Fachbereich Germanistik noch bei den Einstecktüchlein-Kommilitonen in der Anglistik wohl. Bei seinen Besuchen an der legendären Schaubühne von Peter Stein und am Schillertheater wuchs sein Wunsch, von der Theorie des Sekundärliteratur-Studiums zurück auf die Bühne zu kommen, so dass er sich an den damals sehr bekannten Schauspieler Martin Held wandte, der ihn an eine schon recht betagte private Schauspiel-Lehrerin, die u.a. Hildegard Knef entdeckt hatte, vermittelte.

Bei den ersten Versuchen, an Bühnen vorzusprechen, bekam Matthes einige Abfuhren. In Ulm wurde ihm vorgeworfen, dass er niemals zum Schauspieler tauge und lieber sein abgebrochenes Studium wiederaufnehmen solle. Am Schillertheater bekam er den Rat, sich erst mal in der „Provinz“ hochzudienen, so dass ihn sein erstes Engagement nach Krefeld führte. Über Stationen in Düsseldorf und München, wo er in sieben Jahren jedoch nie heimisch wurde, kehrte er nach Berlin zurück und begann eine spannungsreiche Zusammenarbeit mit Andrea Breth an der Schaubühne. Nach einigen Jahren als freier Schauspieler ist Ulrich Matthes seit etwas mehr als einem Jahrzehnt eine der Größen im Ensemble des Deutschen Theaters Berlin: Wer hat Angst vor Virginia Woolf? an der Seite von Corinna Harfouch in der Regie von Jürgen Gosch war einer seiner größten Erfolge. Sofern es die Theaterverpflichtungen zulassen, unternimmt Matthes auch immer wieder Ausflüge auf die Kinoleinwand. Seine Rollen als Goebbels in Der Untergang und als Priester in einem KZ in Volker Schlöndorffs Der neunte Tag wurden bei dieser Matinee besonders hervorgehoben.

Peer Steinbrück streitet am DT mit Andres Veiel über „Himbeerreich“ und die Lehren aus der Finanzkrise

Andres Veiels Insider-Dokumentartheater Himbeerreich steht seit zwei Jahren auf dem Spielplan des Deutschen Theaters Berlin und des Schauspiels Stuttgart. Eine Kritik habe ich hier veröffentlicht.

Im Anschluss an die gestrige Vorstellung diskutierte der Regisseur Andres Veiel mit Peer Steinbrück, der während der Krise nach dem Lehman-Crash 2008/2009 als Finanzminister Verantwortung trug: das Podiumsgespräch, das taz-Redakteur Stefan Reinecke moderierte, begann recht harmonisch. Steinbrück attestierte Veiel, dass er an diesem Abend vieles wiedererkannt habe und dass die brisanten Entwicklungen auf den Märkten zwar zugespitzt, aber überzeugend dargestellt seien.

Der Ton wurde rauer, als Reinecke und Veiel den ehemaligen Minister nach seiner Rolle bei einer geplanten Übernahme der Dresdner Bank fragten. Die drei Akteure auf dem Podium stritten sich um fachliche Details, Steinbrück räumte ein, dass man rückblickend konstatieren müsse, dass die damaligen Übernahme-Deals falsch gewesen seien.

Spannend wurde es, als Veiel und Steinbrück sich darüber auseinandersetzten, ob wir die richtigen Lehren aus der Krise gezogen haben. Der Politiker sah das Glas halb voll, es seien wichtige Regulierungen eingeleitet worden. So gebe es mittlerweile eine klare Haftungskaskade, falls sich Banken verzocken. Unter dem Strich gehe die Regulierung noch nicht weit genug, vor allem das System der Schattenbanken sei noch völlig unangetastet. Steinbrück beklagte, dass er für seine Vorschläge im Wahlkampf keine Mehrheiten bekommen habe und die Verhandlungen auch auf europäischer und internationaler Ebene nur zäh vorankämen. Überfällige Schritte wie die Einführung einer Finanztransaktionssteuer würden deshalb weiterhin blockiert. Veiel entgegnete, dass sich seine hochrangigen Banker-Informanten einig gewesen seien, dass wir bereits auf den nächsten großen Crash zusteuern, da es bisher nur kosmetische Änderungen gegeben habe.

Weitgehend einig waren sich die Diskussionspartner, dass Risiken nicht verschwunden sind, sondern oft nur verschoben wurden: Durch die Entscheidungen von Draghis EZB seien Schulden faktisch vergemeinschaftet worden, allerdings ohne dies offen auszusprechen und ohne die notwendige demokratische Legitimation. Problematisch sei es, dass viele griechische Millionäre ihr Geld weiterhin in der Schweiz vor dem Fiskus verstecken und Irland seine niedrigen Körperschaftssteuern für internationale Unternehmen nicht den üblichen Standards anpasse. Konsens war auch, dass seit Mitte der 1990er Jahre die soziale Spaltung deutlich zugenommen habe, dies aber öffentlich zu wenig diskutiert werde.

Gegen Ende des etwas mehr als einstündigen Gesprächs warf Steinbrück Veiel unfaire Attacken vor und zeigte ihm mit dem Satz „Ich gehe Ihnen doch auch nicht an die Wäsche!“ verbal den Stinkefinger. Steinbrück analysierte in der Schlussrunde, dass das Ringen um den Primat zwischen Politik und Wirtschaft aus seiner Sicht derzeit unentschieden sei, und kündigte ein neues Buch zu diesem Thema an.

Das Himbeerreich
von Andres Veiel am Deutschen Theater Berlin.

Martin Schulz zu Gast bei Gregor Gysis Matinee am Deutschen Theater: Alkoholexzesse, Anekdoten und Europabegeisterung

Bei dieser Konstellation war es fast vorprogrammiert: wenn zwei der profiliertesten und scharfzüngigsten Redner aus der politischen Arena aufeinandertreffen, ist der Zeitplan kaum zu halten. Erst nach 2,5 Stunden bogen Gregor Gysi und sein Gast Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, auf die Zielgerade ihrer Matinee im Deutschen Theater ein. Trotz Überlänge wurde das Gespräch nicht langweilig, da Schulz sehr offen und authentisch über seinen Werdegang berichtete und dem Linken-Fraktionschef Gysi schlagfertig Paroli bot.

Die ersten Lacher erntete Schulz, als er sehr anschaulich über seine Familie berichtete: am Küchentisch zogen heftige Gewitter auf, sobald das Gespräch auf Politik kam. Sein Vater stammte aus einer sozialdemokratischen Bergarbeiterfamilie, die Mutter war leidenschaftliche Anhängerin der katholisch-wertkonservativen Zentrumspartei, die vor allem im Rheinland tief verwurzelt war, und gründete nach dem Zweiten Weltkrieg die CDU mit. Sobald jemand in der Familie Schulz den Namen des SPD-Kanzlers Willy Brandt in den Mund nehmen wollte, empörte sich die Mutter über die dritte Ehe des Mannes, den Martin Schulz und seine Geschwister als Hoffnungsträger verehrten.

Während seiner Spitzenkandidatur zur Europawahl wurden seine Alkoholexzesse, unter denen er mit Anfang 20 aus Frust über eine Sportverletzung und die gescheiterte Gymnasial-Karriere litt, so breit thematisiert, dass hier wohl schon jeder im Publikum Bescheid wusste. Erst mit Hilfe eines älteren Bruders, der bis vor kurzem als Arzt praktizierte, und eines ehemaligen Lehrers wurde er „trocken“ und begann eine Buchhändlerlehre. Mit 30 Jahren schaffte er es in der Kleinstadt Würselen bei Aachen zum jüngsten Bürgermeister der Region, der von den alteingesessenen Honoratioren sehr skeptisch beäugt wurde.

1994 sicherte er sich ein Mandat im Europaparlament und kniete sich als Hinterbänkler in wichtige Themen wie die Bekämpfung der Mafia und die Aufklärung der belgischen Pädophilie-Affäre um Marc Dutroux. Im Sommer 2003 wurde er auf einen Schlag bekannt, als er im Europaparlament dem damaligen EU-Ratspräsidenten Silvio Berlusconi in einem Wortgefecht entgegentrat. Schulz erklärte bei dieser Matinee die Hintergründe: dieser Eklat ereignete sich nicht aus heiterem Himmel, sondern war der Kulminationspunkt der jahrelangen Bemühungen von Schulz, die Verstrickungen von Berlusconi aufzudecken, dessen Immunität aufheben zu lassen und zu verhindern, dass einer der engsten Vertrauten des langjährigen italienischen Ex-Premiers auf einen wichtigen Parlamentsausschuss-Vorsitz kommen könnte.

Aufschlussreich waren auch die Schilderungen von Martin Schulz über die Auswahl des Portugiesen José Manuel Barroso als EU-Kommissionspräsident nach der Europawahl 2004. Gerhard Schröder und Jaques Chirac hatten sich auf den belgischen Liberalen Guy Verhofstadt. Doch der britische Premier Tony Blair, der spanische Premier José María Aznar und die deutsche Oppositionsführerin Angela Merkel legten ihr Veto ein und setzten den konservativen Politiker durch, der sich an der Koalition der Willigen für George W. Bushs Irakkrieg beteiligt und wenige Tage vor Beginn dieses Feldzugs den umstrittenen Azoren-Gipfel organisiert hatte.

Nach diesen interessanten Ausflügen in die jüngere Zeitgeschichte wiederholte Martin Schulz gegen Ende seine bekannten Positionen: sein flammendes Plädoyer für europäische Solidarität mit den südeuropäischen Krisenstaaten, seine Warnung vor der Überwachung durch Geheimdienste und sein Hohes Lied auf das Europäische Parlament als Motor für eine demokratisch stärker legitimierte und besser funktionierende Europäische Union.

Der nächste Gast der Reihe Gregor Gysi trifft Zeitgenossen wird am 11. Januar 2015 der Schauspieler Ulrich Matthes sein.

Schaubühnen-Streitraum: der marxistische Philosoph Alain Badiou sieht Demokratie als leeren Begriff

Die Schaubühne und die Bundeszentrale für politische Bildung laden regelmäßig zu Streitraum-Matineen, die von der Publizistin Carolin Emcke moderiert werden, an den Lehniner Platz.

Der Andrang war diesmal so groß, dass die Diskussion mit dem provokativen Titel Der demokratische Despotismus auch ins Foyer übertragen wurde und erst mit einer Viertelstunde Verspätung beginnen konnte. Ein prominenter Philosoph aus Paris hatte sich angekündigt: Alain Badiou ging in einer 40minütigen Tour d’Horizon hart mit dem Zustand der westlichen Demokratien ins Gericht.

Ein ungezügelter Kapitalismus teile die Menschen strikt in zwei Gruppen: hier die große Zahl der Mittellosen, die vom Zugang zu Ressourcen und Geld weitgehend abgeschnitten sind, dort die privilegierten Schichten in den wohlhabenden oder aufstrebenden Gesellschaften, die sich abschotten.

Badious Vortrag kreiste um den Begriff des Nomaden als Proletatariat und zugleich Keimzelle einer neuen, gerechteren Weltordnung: darunter fasst er vor allem die Flüchtlinge und Migranten. In seiner fundamentalen, sich mehrfach explizit auf Karl Marx berufenden Kritik an allen Grundlagen unserer Zuwanderungs- und Flüchtlingspolitik wirft er der westlichen Demokratie vor, dass sie nur noch ein Emblem, ein leeres Zeichen sei, da sie die Menschen nach ihrer ökonomischen Verwertbarkeit sortiere und den Schwächeren grundlegende Rechte vorenthalte. Es brauche deshalb einen neuen Internationalismus und die Menschenrechte müssten von Grund auf neu gedacht werden.

Im Gespräch mit der Moderatorin Carolin Emcke, dem Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier und dem Publikum herrschte jedoch Ratlosigkeit, wie sich die hehren Ansprüche von Badious radikaler politischer Philosophie in praktische Politik umsetzen ließe.

Die Streitraum-Reihe an der Schaubühne

„Das Rad der Geschichte dreht sich“: DT-Matinee zur Großdemonstration vom 4. November 198

Am 15. Oktober 1989 trafen sich Kulturschaffende zu einer Diskussion am Deutschen Theater Berlin: die Deutsche Demokratische Republik stand zu ihrem 40. Geburtstag vor dem ökonomischen und moralischen Bankrott. Auf dem Leipziger Ring waren die Montagsdemos zu einem breiten Proteststrom über den Ring, auch in den anderen Bezirken der Republik gärte die Unzufriedenheit.

Die Künstler und Intellektuellen diskutierten darüber, wie sie den Protest auch ins Zentrum der SED-Macht nach Ost-Berlin tragen könnten. Mit Rechtsanwalt Gregor Gysi, mittlerweile Fraktionschef der Linkspartei im Deutschen Bundestag, berieten sie darüber, wie sie die Rechte einfordern könnten, die in der DDR-Verfassung nur formal auf dem Papier bestanden. Sie versuchten, beim Polizeipräsidenten eine Kundgebung für Samstag, 4. November 1989, auf dem Alexanderplatz anzumelden, bei der die Forderungen nach Presse- und Meinungsfreiheit im Mittelpunkt stehen sollten.

Das Deutsche Theater Berlin lud im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe 25 Jahre Mauerfall gemeinsam mit der Robert Havemann-Gesellschaft zu einer bunt zusammengesetzten Podiumsdiskussion ein: mit den beiden unmittelbar an den Ereignissen Beteiligten Gregor Gysi und Jutta Wachowiak, die damals Schauspielerin im Ensemble des Hauses war, diskutierten Ines Geipel, die im Sommer 1989 über Ungarn in den Westen geflohen war und sich mit kritischen Veröffentlichungen zum Doping-System einen Namen gemacht hat, Stephan Hilsberg, Mitbegründer der SDP im Wende-Herbst und einige Jahre Parlamentarischer Staatssekretär in der wiedervereinigten Berliner Republik, sowie der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der einen fundierten Einführungs-Vortrag hielt.

In den knapp drei Wochen nach der Anmeldung der Kundgebung hatten sich die Ereignisse im Herbst 1989 stark beschleunigt: Erich Honecker und weitere führende Köpfe des Politbüros waren zurückgetreten, die Rufe nach Reisefreiheit wurden immer lauter. Auf dem Alexanderplatz kam es deshalb zu der surrealen Situation, dass kritische Künstler wie Ulrich Mühe, Christa Wolf oder Stefan Heym neben Vertretern des alten Regimes wie Stasi-General Markus Wolf und Politbüro-Mitglied Günter Schabowski sprachen. Während Wolfs und Schabowskis Reden mit Pfiffen und „Aufhören!“-Rufen quittiert wurden, brachte Stefan Heym die Stimmung des Tages auf den Punkt: „Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen.“ Besonders geschickt positionierte sich wieder einmal Gregor Gysi, dessen Rede mit Pfiffen und Beifall ambivalent begleitet wurde. Auch bei der Sonntags-Matinee am Deutschen Theater ließ er Angriffe der übrigen Diskussionsteilnehmer an sich abprallen und kritische Rückfragen ins Leere laufen.

Dennoch entwickelte sich eine knapp 90minütige muntere Diskussion, die sich auf einen Konsens einigen konnte: die Aufbruchstimmung dieser ersten Großkundgebung, die nicht vom DDR-Regime durchgeführt wurde, hinterließ bei allen Beteiligten nachhaltigen Eindruck und war ein wichtiger Baustein in der Dynamik, die fünf Tage später zum Fall der Mauer führte, da der Kreml nicht länger seine schützende Hand über die SED-Diktatur hielt.

Der streitbare Bürgerrechts-Vorkämpfer Gerhart Baum im DT-Matinee-Gespräch mit Gregor Gysi

Eine reizvolle politische Kombination gab es an diesem Wochenende bei der Matinee des Deutschen Theaters Berlin zu erleben: Oppositionsführer Gregor Gysi, Fraktionschef der LINKEN, traf auf das FDP-Urgestein Gerhart Baum. Obwohl Sozialisation und Weltanschauung der beiden Rechtsanwälte sehr unterschiedlich ist, waren sie sich in zwei Punkten völlig einig: Wortreich beklagten sie, dass es eine „Schande“ sei, wie „duckmäuserisch“ sich die Bundesregierung in der NSA-Snowden-Affäre verhalte. Der Bundesinnenminister a.D. (während der sozialliberalen Ära von 1978 – 1982 im Amt) Baum äußerte die Vermutung, dass der BND viel enger mit den US-Diensten kooperiere, als es öffentlich bekannt ist.

Das zweite Thema, über das sich Baum und Gysi ereiferten, war die Verengung des politischen Liberalismus auf reinen Wirtschaftsliberalismus und Klientelpolitik für Besserverdienende, welche die FDP vor einem Jahr in die außerparlamentarische Opposition katapultierte. Gerhart Baum war maßgeblich an der Entwicklung der Freiburger Thesen (1971) beteiligt, musste jedoch miterleben, wie Otto Graf Lambsdorff 1981/82 geschickt den Bruch der Regierung Schmidt/Genscher betrieb und den sozialliberalen Flügel düpierte. Enge Weggefährten wie Ingrid Matthäus-Maier und Günter Verheugen wechselten enttäuscht zur SPD. Baum und sein Kollege Burkhard Hirsch hielten – später vor allem auch von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger unterstützt – das Fähnchen als Bürgerrechtspartei hoch, waren dabei während der Kohl-Ära aber oft auf verlorenem Posten.

Als er im politischen Abseits gelandet war, verlegte sich Baum auf den Rechtsweg vor dem Bundesverfassungsgericht: In den letzten Minuten fragte Gysi stakkatoartig die Serie von erfolgreichen Verfassungsbeschwerden zum Lauschangriff, zur Online-Durchsuchung, zur Vorratsdatenspeicherung etc. ab, mit denen Baum und seine Mitstreiter der Bundesregierung in Karlsruhe mehrere empfindliche Niederlagen zufügten und den nach 9/11 verschärften Sicherheitsgesetzen einige Zähne zogen.

Darüber hinaus erfuhr das Publikum auch Interessantes über den Werdegang des Politikers, der von Heinrich Böll als „bester Innenminister, den wir je hatten“, gerühmt wurde: Bereits Großvater und Vater waren Juristen, beide kamen aus den Weltkriegen nicht mehr zurück. Nach den Bombenangriffen im Februar 1945 auf Dresden floh Baums Mutter mit dem Jugendlichen und den sechs Jahre jüngeren Zwillingen an den Tegernsee, bevor sie sich in Köln eine neue Existenz aufbauten, wo Baum bis heute lebt und in einer Düsseldorfer Anwaltskanzlei mitarbeitet, die auf Verbraucher- und Anlegerschutz spezialiert ist. Er betonte, dass ihm vor allem die Mandate von russischen Zwangsarbeitern ein wichtiges Anliegen sind, da er mit dem Verhandlungsergebnis, das sein alter Widersacher Graf Lambsdorff aushandelte, völlig unzufrieden ist.

Wenn Angela Merkel nicht fertig gedacht hat: Cicero-Foyergespräch

Ein fast bis zum letzten Platz gefülltes Berliner Ensemble und das Who is who des Hauptstadtjournalismus warteten am Mittwoch kurz vor 18 Uhr gespannt auf die nächste Ausgabe des Cicero-Foyergesprächs.

Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich hoher Besuch angekündigt, so dass die Veranstalter vom üblichen Sonntags-Matinee-Termin abwichen und stattdessen eine Soiree zur Wochen-Mitte oder – wie man Neudeutsch sagt – ein After-work-Event anboten. Merkel musste den CiceroChefredakteur Christoph Schwennicke jedoch gleich korrigieren: für sie sei es eher ein In-Between-Work-Format, eingebettet in die Vorbereitungen des EU-Gipfels und der Bundestags-Sondersitzung mit einer Regierungserklärung zu Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak.

Die einstündige Fragerunde stand ganz im Zeichen einer Welt in Unordnung. Angela Merkel bewies einmal mehr, dass sie die hohe Kunst beherrscht, alle heiklen Fragen von Christoph Schwennicke und dem Schweizer Frank A. Meyer zu den Krisen in der Ukraine sowie im Nahen und Mittleren Osten freundlich-souverän zu beantworten, ohne in ein Fettnäpfchen zu treten oder hysterische Tickermeldungen zu provozieren.

An diesem Abend zeigte sie außerdem ihren trockenen Humor: mit schlagfertigen, knappen Bemerkungen retournierte sie Fragen nach ihrem Draht zu Wladimir Putin oder ihrem Regierungsstil.

Die meisten Lacher und viel Zustimmung erntete sie für ihren Kommentar „Wenn ich nicht fertig gedacht habe, kann ich nicht entscheiden“. So reagierte sie auf Schwennickes Frage, warum sie oft tagelang schweigend abwartet, bis ein neues Thema bereits die Auf und Abs von zwei Zyklen hinter sich gebracht hat, bevor sie sich zu Wort meldet. Sie begründete ausführlich, woran es der Politik ihrer Meinung nach fehle: nämlich an der Kraft, ihren eigenen Rhythmus jenseits medialer Empörungsspiralen zu finden.

Am Ende antwortete sie auf eine letzte Zuschauerfrage, wie sie sich angesichts gleichzeitig eskalierender Krisen entspanne, dass sie sich bewusst Abende zur Erholung freischaufeln müsse und mittlerweile nach einem Termin am Samstag um 16 Uhr auch ganz offen sage, dass sie jetzt nach Hause gehe –  anstatt wie früher mit schlechtem Gewissen vorzuspielen, dass sie zum nächsten Anschlusstermin müsse.

Als die Kanzlerin schon wieder auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz war, durfte der obligatorische Wutausbruch von Rolf Hochhuth nicht fehlen, der sich echauffierte, dass die Kultur in diesem Gespräch überhaupt nicht vorgekommen sei.

Glenn Greenwald über die NSA-Affäre bei der DT-Matinee

Der amerikanische Journalist Glenn Greenwald machte auf der Lesereise mit seinem neuemn Buch Die globale Überwachung (Originaltitel: No place to hide) an diesem sonnigen Frühsommer-Sonntag im fast vollbesetzten Deutschen Theater Berlin Station. Sein Kollege Heinrich Wefing, Redakteur der ZEIT, fungierte als Moderator, war aber während des einstündigen Gesprächs doch eher ein biederer Stichwortgeber. Die spannenderen Fragen kamen anschließend aus dem Publikum.

Erstaunlicherweise gab es bei dieser Veranstaltung trotz des brisanten Themas auch keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen, Greenwald signierte nach der Veranstaltung ganz unbeschwert im Foyer. Für das Publikum war es sehr interessant, den Mann, der maßgeblich an den Enthüllungen von Edward Snowden beteiligt war, einmal aus nächster Nähe live erleben zu können. Allzu viel Neues war an diesem Vormittag allerdings nicht zu erfahren.

Den größten Neuigkeitswert dürfte für das deutsche Publikum die – in internationalen Medien auch schon mehrfach ausführlich dargestellte – Geschichte gehabt haben, wie sich Snowden und Greenwald kennenlernten: Der damals völlig unbekannte Whistleblower kontaktierte Greenwald, der sich als Enthüllungsjournalist beim renommierten britischen Guardian einen Namen gemacht hatte, und deutete ihm spektakuläres Material an. Greenwald, der regelmäßig von wirren Verschwörungstheoretikern angeschrieben wird, reagierte zunächst skeptisch. Als Snowden nachhakte, beriet sich Greenwald mit Laura Poitras, einer Dokumentarfilmerin, die mit mehreren sehenswerten Filmen im Panorama der Berlinale vertreten war, in Berlin lebt und auch heute im Publikum saß. In einem mehrstündigen Gespräch klopften die beiden Recherche-Profis Snowdens Glaubwürdigkeit ab und ließen sich von ihm im Juni 2013 schließlich in Hongkong das Material übergeben, bevor Snowden nach Russland flog, wo Greenwald ihn zuletzt an einem geheimen Ort am Donnerstag traf.

Im Kern drehte sich die Diskussion um das Selbstverständnis des Gehemdienstes NSA ein, das in einem internen Dokument in erstaunlicher Offenheit so formuliert wurde: sniff it all, collect it all, exploit it all, know it all! Sie litt allerdings etwas darunter, dass Greenwald sehr schnell und leider auch in recht monotonem Tonfall in seiner Muttersprache redete.

Die globale Überwachung

Augstein und Minkmar im Gorki/Freitag-Salon über „Zirkus“

Zwei Journalisten, die sich politisch links der Mitte verorten und duzen, aber für sehr unterschiedliche Medien arbeiten, diskutierten am 22. Januar im Foyer des Gorki-Theaters über den Wahlkampf-Zirkus und die Lage der SPD nach ihrem 150. Geburtstag: Jakob Augstein, Sohn der SPIEGEL-Legende und Verleger der Wochenzeitung Der Freitag, der aus seiner Sympathie für ein Rot-Rot-Grünes Bündnis (R2G) auch an diesem Abend keinen Hehl machte, und Nils Minkmar, der 2001 an der Gründung der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beteiligt war und als Leiter des Feuilletons der FAZ interessante Kontrapunkte zur bürgerlich-konservativen Linie der Politik- und Wirtschaftsressorts setzt.

Die Grundstimmung des Gesprächs der beiden Journalisten war von Melancholie geprägt. Minkmar berichtete von seinen Erfahrungen als embedded journalist in Peer Steinbrücks Kampagnen-Team, die er auch in dem vielbeachteten Buch Der Zirkus. Ein Jahr im Innersten der Politik verarbeitete. Im Rückblick auf den verkorksten Wahlkampf schildert er, dass er zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt habe, dass Steinbrück eine reale Chance auf den Einzug ins Kanzleramt  habe, auch wenn er ihm attestiert, dass er sicher das Format dazu hätte. 

Sehr umstritten ist Minkmars Analyse, dass der Kardinalfehler Steinbrücks aus seiner Sicht daran gelegen habe, dass er von vornherein Machtoptionen wie ein Bündnis mit den Linken und eine Vizekanzlerschaft in der GroKo unter Merkel für sich ausgeschlossen habe. Minkmar fand für den Umgang der Medien mit dem Kanzlerkandidaten scharfe Worte: Mit ihm sei der Boden gewischt worden.

Der Ausblick von Minkmar und Augstein auf die kommenden 4 Jahre fiel auch eher trist aus: Sie prognostizierten, dass Merkel gezielt versuchen werde, einen Keil zwischen Steinmeier und Gabriel zu treiben.

Für alle, die diese Veranstaltung verpasst haben, gibt es eine neue Chance: Nils Minkmar wird über sein Buch auch im Streitraum an der Schaubühne mit Carolin Emcke am Sonntag, 16. Februar, unter dem Titel Politik der Gefühle – Gefühle der Politik sprechen.

Im nächsten Freitag-Salon wird Jakob Augstein die Grüne Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth am Sonntag, 23. Februar, unter dem Titel Grün ist die Hoffnung: Wohin steuert die einst exotische Partei? zu Gast haben.

LINKE trifft BILD: Gysi und Döpfner am Deutschen Theater

Eine spannende Begegnung stand am Sonntag bei der Matinee am Deutschen Theater Berlin auf dem Programm: Gregor Gysi, zukünftiger Oppositionsführer im Bundestag, falls die SPD-Basis der ungeliebten Koalition mit Merkels CDU zustimmen sollte, traf Matthias Döpfner, als Springer-Vorstandschef Feindbild aller Alt68er und aufrechten Linken. Mehrere böse Grass-Zitate rieb Gysi seinem Gast unter die Nase.

Freundlich-distanziert, mit besten Umgangsformen trat Döpfner auf, zu Beginn des Gesprächs ließ er seine Sozialistion in einem bildungsbürgerlichen Architektenhaushalt Revue passieren. Seine erste journalistische Station als Kulturkorrespondent im Brüsseler Büro der FAZ beschrieb der promovierte Musikwissenschaftler als geradezu paradiesische Existenz voller Freiheiten für einen kunstinteressierten, aber unpolitischen Mann.

Je länger das Gespräch ging, desto drängender stand eine Frage im Raum, die Gysi schließlich deutlich aussprach: Wie passt dieser Mann zum Revolver-Journalismus mit den großen Schlagzeilen und den Nackten auf Seite 1? Was führte ihn vom Leib- und Magenblatt der konservativen Mittel- und Oberschicht zum Boulevard?

Döpfners Lebenslauf scheint reich an Zufällen zu sein, er verstand es aber sehr geschickt, sich nicht zu sehr in die Karten respektive hinter die Fassaden blicken zu lassen, Gysi formulierte zurückhaltender, als man ihn aus Talkshows und dem Plenum des Bundestages kennt.

Als er Gruner + Jahr eine unausgegorene Geschäftsidee für ein Magazin vorschlug, habe Schulte-Hillen zwar abgelehnt, ihn aber zu seinem Assistenten gemacht, berichtete Döpfner. Nach einigen Lehrjahren wurde er zum Chefredakteur der kriselnden, mittlerweile eingestellten Wochenpost gemacht, die in der DDR eine interessante Nische besetzte, deren unterschiedliche Kulturen in der Redaktion sich nach der Wende aber nicht zu einem für ein breites Publikum attraktiven Blatt vereinen ließen. Das zweite Himmelfahrts-Kommando, bei dem Döpfner ebenso scheiterte, war sein Chefposten bei der Hamburger Morgenpost.

1998 wurde er zum Chefredakteur der WELT berufen, tief in den schwarzen Zahlen und einbetoniert in ideologischer Berechenbarkeit. Er entstaubte das Blatt, holte den Cohn-Bendit-Kumpel Thomas E. Schmidt und interessante Federn, führte das Blatt wieder in die Gewinnzone, erkannte früh die Potentiale des Online-Neulands und fiel Friede Springer so angenehm auf, dass er seit 2002 als Vorstandschef für die breiten Verästelungen des Springer-Konzerns zuständig ist, den er zurück von Hamburg nach Berlin führte.

Auf die eingangs erwähnte Frage, wie er zu BILD passe, konnte Döpfner keine wirklich überzeugende Antwort geben. Die spannenden aktuellen Fragen "Wie halten Springer und der Briefdienstleister PIN mit dem Mindestlohn?", "Wie sieht der Journalismus der Zukunft im Netz aus?", "Was wird aus dem Urheberrecht?" wurden von Gysi und Döpfner am Ende nur noch angerissen. Nach zwei Stunden entliess das Publikum Döpfner aus der Höhle des Löwen, mit Beifall, aber auch viel grauhaarigem Kopfschütteln und Grummeln.