Archiv der Kategorie: Gespräche

Gegenbesuch: Gysi hält sich mit Pelzig ohne Bowle im Deutschen Theater

Gregor Gysi, auch nach seinem Rückzug aus der ersten Reihe immer noch bekanntester Kopf der Linkspartei, hat die Prinzipien der Marktwirtschaft verinnerlicht: Leistung für Gegenleistung!

Er ließ sich in ZDF-Sendung „Pelzig hält sich“ mit der berüchtigten Bowle quälen und stellte sich den nur scheinbar harmlos-naiven Fragen des Gastgebers, mit denen schon mancher Gesprächspartner aufs Glatteis geführt wurde. Aber nur unter folgender Bedingung: „Pelzig“ musste ihm nach mehreren gescheiterten Versuchen einen festen Termin nennen, an dem er ihm bei Gysis Matinee-Reihe im Deutschen Theater einen Gegenbesuch abstattet.

Am Sonntag Vormittag erschien „Erwin Pelzig“ aber ohne seine Markenzeichen: Ohne Hut und Herrenhandtasche, dafür mit Brille ist der Kabarettist Frank Markus Barwasser gut getarnt, auf der Straße hätte ihn wohl kaum jemand auf Anhieb erkannt. Im Gespräch wirkt er introvertiert, viel weniger red- und leutselig als seine Kunstfigur „Erwin Pelzig“, mit der er seit 1993 auf den Bühnen zu sehen ist.

Die beiden wichtigsten Fragen wurden erst gegen Ende angesprochen: Was ist eigentlich in der Bowle drin, von der nur Theo Waigel freiwillig mehrere Gläser trank? Das genaue Rezept ist vermutlich so geheim wie die Coca Cola-Formel, aber „Pelzig“ lässt sich doch etwas in die Karten schauen. Die Zutaten, die er für den alkoholfreien Mix aufzählt, sind zum Gruseln und würden sich auch für die nächste Dschungelprüfung eignen. Die zweite Frage, wann wir „Pelzig“ nach dem Aus von „Neues aus der Anstalt“ (2013) und der letzten Folge von „Pelzig hält sich“ im Dezember 2015 wieder im TV erleben können, ließ er offen. Zuerst freue er sich auf die Geburt seines Kindes, nach einer Kreativpause sei auch ein neues Bühnenprogramm denkbar. Aber die aktuellen politischen Umbrüche seien so gravierend und die Situation so unübersichtlich, dass er einen gewissen Abstand brauche.

Schon kurz nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Neueren Geschichte und Ethnologie in München und Salamanca begann er damit, eigene Programme zu schreiben. Er tingelte bereits über die fränkischen Kleinkunstbühnen, als er noch Redakteur des Bayerischen Rundfunks in seiner Heimatstadt Würzburg war. Sein „Erwin Pelzig“ wirkte damals noch tölpelhafter, erst im Lauf der Jahre entwickelte er sich zu einem bauernschlauen Beobachter von Politik und Gesellschaft, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und sich seine Gedanken über die Zeitungslektüre von der Finanzkrise bis zur GroKo-Politik macht, dabei aber auch mal überraschend Hannah Arendt zitiert.

Die Fassaden des Bürgertums: zwischen Leichenhalle und Überbiss in die „Rue de Lourcine“ am Deutschen Theater, „Ein Tag für Frank Witzel“ auf RAF-Spurensuche

„Die Affäre Rue de Lourcine“: Publikums-Erfolg zwischen Klamauk und Loop-Effekten

Die von Henrike Engel gestaltete Bühne ist fast komplett in Weiß getaucht und als Leichenhalle bis zu einem christlichen Kreuz an der Rückwand stark verengt: der bürgerliche Salon des 19. Jahrhunderts, in dem Eugène Labiche seine wie am Fließband produzierten Boulevardkomödien ansiedelte, wird zum Krematorium. Ein ungemütlicher Ort, der sich ständig dreht, voller Hall-Effekte und Loops, die an diesem Abend im Deutschen Theater Berlin exzessiv eingesetzt werden.

Um die Fassaden bürgerlicher Wohlanständigkeit zu wahren und Unangenehmes unter den Teppich zu kehren, müssen schon echte Profis geholt werden. Das macht schon die erste Szene deutlich: Während das Publikum noch seine Plätze sucht, sind schon acht „Tatortreiniger“ unter Hochdruck am Werk.

Im Zentrum von Labiches Komödie, die tief im Klamauk und Slapstick herumwühlt, stehen zwei verkaterte Männer mit „Filmriss“. Oscar Lenglumé und sein Zech-Kumpel Mistingue werden von Michael Goldberg und Felix Goeser mit recht brachialer Komik gespielt. An diesen beiden Hauptfiguren des Stücks wird deutlich, wie brüchig das Fundament ist, auf dem gesellschaftliche Konventionen und Moralverstellungen errichtet wurden. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes bereit, über Leichen zu gehen und vermeintliche Belastungszeugen aus dem Weg zu räumen.

Dass der Abend trotz seines derben Grundtons erstaunlich gut funktioniert, liegt vor allem an einer umwerfenden Anita Vulesica als Norine (Gattin von Lenglumé). Urs Widmer schrieb im Programmheft über Labiches Stücke: „Nicht zufällig sind sie voller Bombenrollen für Männer, die Frauen sind alle auswechselbar, entweder jung oder nicht mehr so jung oder Dienstmädchen.“ Damit räumt Regisseurin Karin Henkel auf: Vulesica ist das Kraftzentrum ihrer Inszenierung und erntet den stärksten Applaus. Wie sie vor Zorn bebt, um Fassung ringt und sich verzweifelt müht, die bürgerlichen Fassaden am Tag der Taufe ihres Neffen zu wahren, ist der Höhepunkt des Abends. Ganz in Schwarz gehüllt zieht sie in der sterilen weißen Umgebung ohnehin schon die Blicke auf sich. Der Überbiss, durch den sie ihre Ermahnungen zischt und keift, verstärkt diesen Effekt noch.

„Ein Tag mit Frank Witzel“: Assoziatives Kreisen um den Deutschen Buchpreis-Wälzer

Die Berliner Festspiele luden zu einem langen Sonntag Nachmittag-Gesprächsreigen ein: Die Veranstaltung „Ein Tag mit Frank Witzel“ nahm sich vor, den dicken Wälzer „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ aus mehreren Perspektiven zu beleuchten.

Einige Passagen aus dem Werk, das im Oktober mit dem prestigeträchtigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, wurden von Schauspielern vorgetragen. Anschließend umkreisten Gespräche mit Carolin Emcke oder Philipp Felsch den Roman assoziativ. Trotz dieser klugen Köpfe bekam die Veranstaltung ihr Thema nicht richtig in den Griff und verlor sich zu sehr in Detailbeobachtungen.

Mal ging es um die überraschende Rückkehr der RAF in die Schlagzeilen. Die taz machte sich vor einigen Tagen auf der Titelseite über die „Seniorenkriminalität“ lustig und auch Carolin Emcke schüttelte über die banale Beschaffungskriminalität den Kopf. Mal wurden längere Ausschnitte aus der Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am hellichten Tag“ eingespielt und analysiert.

Wir dürfen gespannt sein, ob es Armin Petras besser gelingt, sich dem lesenswerten Roman in seiner für April als Co-Produktion des Schauspiels Stuttgart und der Berliner Schaubühne angekündigten Theater-Inszenierung anzunähern.

Wie hältst Du es mit der Religion? Frank Castorfs „Karamasow“-Exzess, Salman Rushdies neuer Roman und Heribert Prantl zu Gast bei Gregor Gysi

Castorfs „Brüder Karamasow“-Exzess: mit All-Star-Team durchs Planschbecken und aufs Dach

In Frank Castorfs sechseinhalbstündigem „monologisch-labyrinthischem Dostojewski-Exerzitium“ führt der Weg zur Religion wie sooft an der Volksbühne durch ein Planschbecken: Der Abend beginnt damit, dass die Schauspieler durch das Wasser zur Klause des Starez Sossima (Jeanne Balibar) waten, der hier als überfordertes Würstchen zu erleben ist.

Erwartungsgemäß hat Castorf die seitenlangen, oft staubtrockenen Abhandlungen über theologische und staatskirchenrechtliche Fragen in seiner Bearbeitung des 1200 Seiten-Wälzers „Die Brüder Karamasow“ gestrichen. Die Frage nach der Religion bleibt als Hintergrundrauschen in den folgenden Stunden präsent, die das Publikum entweder auf den nicht sonderlich bequemen Sofa-Sitzsäcken oder auf Stühlen miterlebt.

Castorf entschied sich jedoch dafür, vor allem die Zerrissenheit Russlands zwischen orthodoxer Tradition und westlichem Liberalismus zu thematisieren. Immer wieder hat er Fremdtexte von DJ Stalingrad in seinen Dostojewski-Abend geschmuggelt: es wird über Hooligans geschimpft, über Putin räsoniert und auch mal der Bogen zur Sowjet-Vergangenheit geschlagen.

Wir erleben einen wild durcheinandergewirbelten Mix aus knackigen Szenen und mäandernden Monologen: ein Best-of aus Dostojewskis philosophischem Krimi und der Schauspielkunst des Volksbühnen-Ensembles. Viele bekannte Namen aus der bald zuendegehenden Castorf-Ära sind hier noch einmal in Rollen zu erleben, die ihnen wie auf den Leib geschrieben scheinen: Kathrin Angerer als die Männer um den Finger wickelnde Femme fatale Gruschenka; Patrick Güldenberg mit der nervösen Intellektualität des Michail Rakitin; Alexander Scheer als Iwan Karamasow, der unmittelbar nach der Pause über das Dach der Volksbühne tigert und im Gleichnis des Großinquisitors über die Sklaven-Mentalität herzieht. Und schließlich Sophie Rois als Pawel Smerdjakow, die „Mörder, Mörder, Mörder“ kräht, als sich fast alle Ensemble-Mitglieder bei einem gemeinsamen Saunagang nach schon weit mehr als fünf Stunden die letzten Reste an Energie herausschwitzen.

Wie bei Castorfs Volksbühnen-Exzessen üblich wird das Geschehen über weite Strecken mit Livekamera gefilmt und auf die Leinwand übertragen. Auch das oligatorische Zetern, Kreischen und Brüllen fehlt nicht, angereichert mit einer Prise Selbstironie, als ein Schauspieler ins Publikum fragt: Glauben Sie denn, dass uns dieses ständige Brüllen Spaß macht?!

Das Fazit der sechseinhalb Stunden fällt ähnlich wie bei Thorsten Lensings Inszenierung in den Sophiensaelen vor einem Jahr aus: die Regisseure nutzen den Karamasow-Wälzer als Steinbruch und picken sich einige Motive heraus. Zwischen Langeweile und Schreiduellen blitzt hin und wieder ein Kabinettstückchen auf. Eine wirklich überzeugende Adaption dieses schweren Brockens Weltliteratur für die Theaterbühne steht aber noch aus.

Salman Rushdie über IS, Saudi-Arabien und seinen neuen Roman voller Fantasy-Motive

Um die Religion ging es auch beim Auftritt eines weltberühmten Autors im Haus der Berliner Festspiele: Nur eine Woche nach den Pariser Anschlägen und angesichts der strengen Sicherheitskontrollen hatten sicher viele Besucher der Lesung von Salman Rushdie ein mulmiges Gefühl. Trotz des spannenden Themas und des prominenten Schriftstellers blieben ungewöhnlich viele Plätze bei der letzten Veranstaltung des internationalen literaturfestivals berlin leer.

Zunächst ging es um seinen aktuellen Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ (die zusammen 1001 Nacht ergeben). Darin lässt Rushdie den Glauben und die Vernunft der Aufklärung zur Schlacht gegeneinander antreten. Märchengestalten wie die Dschinn und eine Königin des Lichts geistern durch die Handlung, so dass es eine naheliegende Wahl war, den Game of Thrones-Star Tom Wlaschiha aus der deutschen Übersetzung lesen zu lassen.

Die Feuilletons waren von diesem Werk nicht so angetan, attestierten ihm zwar Fabulierlust, bemängelten aber, dass der Plot eines manichäischen Kampfs zwischen Gut und Böse zu einfach gestrickt sei. Die FAZ empfahl deshalb, lieber zu den Rushdie-Klassikern „Mitternachtskinder“ (1980) oder „Die satanischen Verse“ (1988) zu greifen.

Dementsprechend wurde auch das Gespräch von Salman Rushdie mit der FAS-Redakteurin Johanna Adorján interessanter, als es vom Roman zu allgemeineren Themen überging: zu seinen Jahren in wechselnden Verstecken nach der Fatwa des iranischen Ayatollahs Chomeini im Jahr 1989 gegen ihn und zur aktuellen Weltlage.

Rushdie forderte die westlichen Gesellschaften auf, sich nicht vom Terror einschüchtern und die Lebensfreude nehmen zu lassen. Fast ebenso hart wie mit den „Bastarden“ vom IS ging er mit dem Regime in Saudi-Arabien ins Gericht, das islamische Fundamentalisten großzügig alimentiert. Er entließ das Publikum nach knapp 90 Minuten mit der Prognose in den Abend, dass die fundamentalistischen Terrorgruppen den religiösen Glauben langfristig so diskreditieren könnten, dass er vielleicht in einigen Jahrhunderten im gesellschaftlichen Zusammenleben gar keine Rolle mehr spielt.

Heribert Prantl und Gregor Gysi über Wölfe im Schafspelz, Apfelbäume und die Wackersdorf-Proteste

Auch die Matinee am Deutschen Theater begann Gregor Gysi mit der Frage, wie es sein Gast Heribert Prantl denn mit der Religion halte. Der Leitartikler der Süddeutschen Zeitung antwortete, dass er seine Kindheit in der tief-katholischen und politisch tief-schwarzen Oberpfalz in sehr angenehmer Erinnerung habe. Nur das katholische Internat, in das er gesteckt wurde, sei so grässlich gewesen, dass er nachts weggelaufen und in seine Heimatgemeinde Nittenau geflüchtet sei. Er sei bis heute nicht aus der katholischen Kirche ausgetreten und bezeichnete sich als „Weihrauchkatholik“.

Prantl zeichnete in der Reihe „Gysi trifft Zeitgenossen“ seinen Werdegang nach: das Jura-Studium fand er anfangs entsetzlich trocken, so dass er auch Vorlesungen in Geschichte und Philosophie besuchte. Dass Jura mehr als Paragraphen-Handwerk sein kann, lernte er bei den Rechtswissenschaftlern Dieter Medicus, Claus Roxin und Dieter Schwab, die über den Tellerrand ihres Fachgebiets hinausblickten.

Nach einem Praktikum bei einem Notar erschien es ihm zu langweilig, sein Berufsleben mit dem Verlesen von Urkunden zu verbringen. Stattdessen wurde er Staatsanwalt in Regensburg und war dort vor allem für die Auseinandersetzungen um die Atom-Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf zuständig.

Als der junge Staatsanwalt Prantl mit 32 Jahren das Angebot annahm, als rechtspolitischer Redakteur zur Süddeutschen Zeitung zu wechseln, sei er von den Kolleginnen und Kollegen anfangs „mit spitzen Fingern“ angefasst worden. Aus heutiger Sicht ist es schon sehr skurril, dass dem meinungsstarken und wortgewaltigen Verteidiger der Bürgerrechte damals der Ruf vorauseilte, eher konservative, regierungsnahe Positionen zu vertreten. Mit seinen ersten Kommentaren gegen das Vermummungsverbot und die Einführung der Kronzeugenregelung änderte sich dieses Bild natürlich schnell. Prantl berichtete bei der Matinee, dass Mitglieder der damaligen SZ-Chefredaktion gestöhnt haben sollen, dass man sich hier anscheinend den „Wolf im Schafspelz“ ins Haus geholt habe.

Erwartungsgemäß viel Applaus erntete Prantl für seine bekannten Positionen zu Asyl und Direkter Demokratie. Er wetterte erneut gegen die Änderung des Grundrechts auf Asyl im Jahr 1993, gegen die er sich damals schon die Finger wund geschrieben habe. In der Debatte über Flucht und Asyl seien 25 Jahre mit Scheinlösungen vergeudet worden. Nach der großen Euphorie-Welle und den Bildern vom Münchner Hauptbahnhof, die vor 12 Wochen um die Welt gingen, sei nun große Ernüchterung eingetreten. Enttäuscht zeigte sich Prantl vor allem von CDU und CSU, denen er vorwarf, das C im Parteinamen zu verraten: die Bibel sei ein Flüchtlingsbuch par excellence.

Wie ein „Apfelbaum“ müsste auch unsere repräsentative Demokratie veredelt werden, indem plebiszitäre Äste aufgepropft werden, forderte Prantl. Eine Grundgesetzänderung, die Elemente direkter Demokratie auch auf Bundesebene einführt, sei überfällig. Diese Chance sei leider bei der Verfassungsdiskussion Anfang der 1990er Jahre verschenkt worden. Der größte Fehler sei es aber damals gewesen, die deutsche Einheit über einen Beitritt der DDR nach Art. 23 GG zu regeln anstatt gemäß Art. 146 GG eine neue Verfassung zu erarbeiten.

Gregor Gysi ist fast omnipräsent, Kurzfilmraritäten bei interfilm, Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs rufen im HAU vergeblich um Hilfe

Gregor Gysi auch nach dem Rückzug aus der ersten Reihe omnipräsent

Es ist knapp einen Monat her, dass sich Gregor Gysi aus der ersten Reihe der Politik zurückgezogen hat. Statt Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag ist er künftig nur noch stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Sein Terminkalender ist trotzdem proppenvoll wie eh und je. Zwischen der Laudatio auf Till Schweiger bei der Bambi-Verleihung, einem Gespräch mit dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales und einer CD-Aufnahme für Prokofjews „Peter und der Wolf“ gibt es kaum noch Lücken.

Auf den Berliner Theaterbühnen war Gysi, der Workaholic mit Entertainer-Qualitäten, an diesem Wochenende gleich zwei Mal zu Gast. Am Freitag Abend sprach er mit Stephan Hebel über das Buch „Ausstieg links? – Eine Bilanz“, das sie gemeinsam vor kurzem im Frankfurter Westend Verlag herausgegeben haben.

Gysi präsentierte sich in dem einstündigen Gespräch auf der Probebühne des Berliner Ensembles sehr nachdenklich. Seiner Analyse, dass die Welt derzeit aus den Fugen scheint und sich zu viele frei flottierende Kräfte bekriegen, kann man kaum widersprechen. Auch Gysi hatte natürlich an diesem Abend nicht den „Stein der Weisen“ anzubieten, wie diese Probleme schnell gelöst werden könnten.

Er warnte davor, dass wir in eine unbeherrschbare Situation hineingeraten, falls es uns nicht bald gelinge, die Fluchtursachen in Afrika sowie im Nahen und Mittleren Osten mit solidarischen, vernünftigen Konzepten anzugehen. Zum aktuellen Koalitionsstreit über die Flüchtlingspolitik ließ Gysi einige pointierte Bemerkungen fallen: Seehofer mache mit seinen scharfen Tönen letztlich Wahlkampf für die AfD. Seine Versuche, der neuen Partei das Wasser abzugraben, fruchteten bislang nicht. Im Gegenteil: Nur im Osten habe die AfD zuletzt noch stärker zugelegt als in Bayern. Merkel stehe derzeit zwar gewaltig unter Druck, überrasche ihn aber mit ihren Über-Nacht-Entscheidungen (AKW-Ausstieg nach Fukushima, Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik) immer wieder.

Auch wenn es wenig wirklich Neues gab, waren die leiseren Zwischentöne interessant, vor allem, wie deutlich er sich namentlich erneut von Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht abgrenzte: Anschaulich erinnerte er sich noch mal an die Zeit vor dem Göttinger Parteitag im Juni 2012, als er das Gefühl hatte, dass zwei Züge auf ihn als Zentristen der Fraktion zurasten. Einleuchtend analysierte die kulturellen Unterschiede zwischen West-Linken, die häufig in K-Gruppen oder Protestbewegungen sozialisiert sind und sich seit Jahrzehnten bewusst in scharfer Opposition zum Establishment sehen, und den ostdeutschen Reformen aus der ehemaligen Staatspartei, die sich nach gesellschaftlicher Anerkennung sehnen.

Zwei Tage später diskutierte Gregor Gysi in den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit Wolfgang Schorlau über seinen gerade erschienen neunten Dengler-Krimi. In „Die schützende Hand“ macht sich der Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler auf die Spur der NSU-Mordserie.

Gysi und Dengler deklinieren all die Ungereimtheiten durch, die in den vergangenen vier Jahren seit dem Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in diversen Untersuchungsausschüssen, zahlreichen Features und Zeitungsberichten, auf Theaterbühnen und natürlich auch im Münchner Gerichtssaal zu einem Puzzle zusammengesetzt werden sollten – leider bislang vergeblich. Wir stochern weiter im Nebel, der den gesamten NSU-Komplex umgibt.

Die Geschichten über geschredderte Akten zu Karnevalsbeginn am 11.11. im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz, die großzügige finanzielle Unterstützung des Verfassungsschutzes für fragwürdige V-Männer wie Tino Brandt, das bis heute ungeklärte Auftauchen eines hessischen Verfassungsschutz-Mitarbeiters an einem Tatort (in einem Internet-Café in Kassel) sind alle nicht neu, aber so haarsträubend, dass sie immer wieder Kopfschütteln im Publikum und Entsetzen auslösen.

Die Matinee endete mit vorsichtigem Optimismus: die Widersprüche sind so eklatant, dass sich alle Fraktionen in der vergangenen Woche einig waren, einen weiteren Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags zur NSU-Mordserie einzusetzen. Es bleibt die vage Hoffnung, dass dieses Gremium die dringend notwendigen Fortschritte bei der Aufklärung des rechtsextremistischen Terrors erreichen kann.

31. interfilm-Festival: Fundgrube für Kurzfilm-Raritäten

Das interfilm-Festival erwies sich auch in diesem Jahr wieder als Fundgrube für kleine Kurzfilm-Kostbarkeiten, die quer über die Programme und die verschiedenen Kinosäle der Stadt verstreut waren.

Ein kleines Highlight waren die „Best of Berlin Beats“: eine bunte Mischung aus ästhetischen Experimenten wie „Little Big Berlin“ (Hauptstadtansichten im Miniaturformat), anarchischem Humor wie „Trotzdem Danke“ (wie reagieren BVG- und S-Bahnfahrer, wenn plötzlich ein Scheibenwischer-Putztrupp unangemeldet auftaucht?), dokumentarischen Einblicken wie „Aleyna – Little Miss Neukölln“ (ein übergewichtiges, in der Schule verspottetes, türkisches Mädchen verwirklicht sich den Traum, bei einer Gala im tipi am Kanzleramt zu tanzen) oder Nachwuchsrapper mit „Meine Stadt“. Die elf Filme, die unter diesem Dach gebündelt wurden, stammen aus den Jahren 2004 bis 2011 und spiegeln den Wandel einer Stadt, die nicht nur arm ist, sondern auch für Touristen sexy wird.

Bemerkenswert war auch die spanische queere Splatterfilm-Parodie „Pulsión Sangrienta“ über eine Familie, die auf eine lange Ahnenreihe aus Frauenmördern zurückblickt. Diese Vorführung im Roten Salon litt jedoch etwas darunter, dass der Saal zwar sehr gut für Konzerte und Partys genutzt werden kann ist, aber mangels geeigneter Kinobestuhlung die Untertitel nur schwer zu sehen und zu lesen waren.

Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs am HAU: René Pollesch fehlte

Nach einer halben Stunde fällt die Tür krachend zu, die ersten Zuschauer gehen genervt. Die anderen rätseln noch, worauf sie sich bei dieser Performance „Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück“ eingelassen haben. Als Fabian Hinrichs und Schorsch Kamerun gemeinsam mit PC Nackt musizieren, ist das zwar ein sympathischer Einstieg und eine Viertelstunde hört man auch gern zu. Schön wäre es allerdings, wenn die Texte auch so artikuliert werden, dass sie verstanden werden können.

Mit der Textverständlichkeit wird es zwar etwas besser, sonst hat sich aber auch nach vierzig Minuten nichts geändert.

Der Abend ist schon halb vorbei, als seine beiden Kumpels verschwinden und sich Fabian Hinrichs kurz hinter der Palme am Bühnenrand umzieht. Im Taucheranzug tigert er über die Bühne und bietet einen Monolog, der unentschieden irgendwo zwischen schlechter Kopie und Parodie seines „Keiner findet sich schön“-Solos an der Volksbühne pendelt.

Zwischendurch tritt dann auch noch eine Tanzgruppe aus Minsk in einer nicht näher definierbaren Landestracht auf und Hinrichs setzt seinen Monolog in einem Elektro-Auto fort. An diesem Abend, an dem ohnehin nichts zueinander passt, stören auch solche Merkwürdigkeiten nicht weiter.

Das Ganze war unter dem Festival-Titel „Marx´ Gespenster“ angekündigt und gefühlte fünf Minuten geht es in dem Monolog nach dem Konzert auch um Vergesellschaftung und „Produktionsidioten“. So unvermittelt wie dieser Themenstrang angerissen wurde, versandet er auch schon wieder. Hinrichs gibt stattdessen einen kurzen Abriss über die Architektur des Jugendstils im Allgemeinen und des Hebbeltheaters.

Fabian Hinrichs fällt es immer schwerer, sich das Grinsen über diese albernen, aneinandergestückelten Textbausteine zu verkneifen. Mehrmals muss er sich von der Souffleuse helfen lassen. Da ihm partout nicht mehr einfallen will, dass er angeblich ein Fan von Genesis von Phil Collins sei, entschuldigt sich Hinrichs mit kokettem Augenaufschlag: „Ja, das kommt eben nicht von Herzen.“ Mit Sicherheit nicht. Aber das gilt dann wohl auch für diesen ganzen Abend, der lieber im Probenraum einer Hobbycombo geblieben wäre, in den sich Esther Slevogt versetzt fühlte.

Roland Schimmelpfennigs raunende „Wintersonnenwende“, Falk Richters fulminante Pegida-Abrechnung „Fear“

Roland Schimmelpfennig raunt in „Wintersonnenwende“ am Deutschen Theater

Jutta Wachowiak hatte bei ihrem Comeback auf der Großen Bühne des Deutschen Theaters Pech: mit Roland Schimmelpfennigs „Wintersonnenwende“, das nach der Uraufführung am „Dramaten“ Stockholm als deutsche Erstaufführung auf dem Spielplan stand, erwischte sie eine schwache Vorlage.

Der raunende Tonfall dieser kruden Mischung aus einer Prenzlauer Berg-Bashing-Komödie à la „Stück Plastik“ und einer Mahnung à la „Biedermann und die Brandstifter“ ist kaum auszuhalten.

Der Abend begann noch recht vielversprechend: gebildete Akademiker, der Schriftsteller Albert (Felix Goeser) und seine Frau Bettina, eine Filmemacherin, (Judith Hofmann) bereiten sich auf Weihnachten und den Besuch der etwas überspannten Corinna (die bereits erwähnte Jutta Wachowiak) vor. Mutter und Tochter sind sich in herzlicher Abneigung verbunden.

Die Nachricht, dass sich Corinna bis Anfang Januar in der Altbau-Wohnung einquartieren wird, weckt Vorfreude auf pointierte Wortgefechte und vergnügliche zwei Stunden im bewährten Salonkomödien-Stil, im besten Fall so zündend wie bei Yasmina Reza oder Edward Albee.

Leider fehlt schon diesem ersten Teil das nötige Temperament. Zwischen Chopin und Bachs „wohltemperiertem Klavier“ schleppt sich der Abend dahin. Statt scharf gewürzter Dialoge hören wir viel Betuliches und sehr viele ins Publikum gesprochene Regieanweisungen: in der Regel sind das Gedanken über andere Anwesende, die man aus Höflichkeit vor allem in den hier porträtierten gutbürgerlichen Kreisen lieber für sich behält. Wie der Dramaturg David Heiligers in der Einführung erklärte, war es der ausdrückliche Wunsch des Autors Roland Schimmelpfennig, dass diese Regieanweisungen gesprochen werden.

Noch schlimmer wird es aber im zweiten Teil: der ungebetene Gast Rudolph (Bernd Stempel), eine Zufallsbekanntschaft von Corinna, der ihr während der Bahnfahrt mit guten, geradezu „ritterlichen“ Manieren den Hof machte, entpuppt sich als antisemitischer, esoterisch angehauchter Rattenfänger.

Plumpe Anspielungen auf den Traum der Nationalsozialisten von einem „1000jährigen Reich“ und auf das Abtauchen vieler Nazis nach Südamerika (Paraguay wird immer wieder genannt) werden zu einer schwer erträglichen Textmasse angedickt, die mit dem Holzhammer davor warnt, dass das gutsituierte Bürgertum den Extremisten schutz- und kraftlos gegenüber steht.

Die Endzeitstimmung von Schimmelpfennigs Text schreibt Regisseur Jan Bosse im Programmheft-Interview einfach fort: „Die Zwischenzeit, in der wir leben, geprägt von der Ahnung wie der Befürchtung großer kommender Umwälzungen, wird wohl von unseren Nachfahren als Inseldasein zwischen den großen Kriegen wahrgenommen werden.“

Der Abend scheitert jedoch daran, diese These überzeugend zur Diskussion zu stellen und die geeigneten theatralischen Mittel dafür zu finden. Er kommt nicht über ein Raunen hinaus, mit dem er sein Unbehagen artikuliert. Er ist ärgerlich, vor allem für Jutta Wachowiak, die einen würdigeren Rahmen für ihr Comeback verdient hätte.

„Fear“ an der Schaubühne: Fulminante Abrechnung mit AfD, Pegida und Co.

„Hässliche hassende Frauen“ könnte das Stück heißen, ätzt Tilman Strauß. Oder „Kelle, Kuby, von Storch“ in Anlehnung an „Ritter, Dene, Voss“, legt er nach. „Aber das wollten wir Dir nicht antun, Ilse“, ruft er Ilse Ritter zu, seiner Bühnenpartnerin aus Falk Richters vorheriger Arbeit „Never Forever“, die in einer der ersten Reihen sitzt.

Es ist auch nicht notwendig, sich noch weiter den Kopf über einen alternativen Titel für die neueste Stückentwicklung von Falk Richter zu machen: „Fear“ ist die passende Überschrift für diesen zweistündigen Streifzug durch wabernde Ängste vor Islamisierung und durch Hasspredigten. Diese bunte, temporeiche Collage ist – wie wir es von Falk Richter gewohnt sind – mit tänzerischen Elementen verknüpft, für die an diesem Abend vor allem Denis Kuhnert, Frank Willens und Jakob Yaw zuständig sind.

„Fear“ ist eine fulminante Abrechnung mit AfD, Pegida und Co., ganz auf der Höhe der Zeit. Von Akif Pirinçcis „KZ“-Rede, die mittlerweile ein Fall für den Staatsanwalt ist, bis zu Björn Höckes Deutschland-Fahnen-Auftritt bei Jauch wurde bei den Endproben aktuellstes Zitate- und Video-Material aufgenommen.

Schlag auf Schlag geht es von einem Pamphlet zum nächsten Einspieler. Gut recherchiert werden nicht nur die bekannten Köpfe der rechtspopulistischen Bewegung zitiert, sondern Bezüge hergestellt, Netzwerke aufgezeigt und auch einige Namen genannt, die der breiten Öffentlichkeit noch nicht so bekannt sind. Zu Wort kommen natürlich die Demo-Teilnehmer, die treuherzig darauf pochen, dass sie ganz bestimmt keine Nazis seien, aber man müsse doch mal sagen dürfen…

Als diese Auseinandersetzung mit Pegida, AfD und Co. im Sommer von der Schaubühne angekündigt worden war, wähnten sich viele noch in dem Glauben, dass das Randphänomene seien, die sie nichts angingen und bald vergessen seien. Die AfD schien sich in parteiinternen Machtkämpfen vor allem mit sich selbst zu beschäftigen. „Im Sommer noch hätte Veranlassung bestanden, das Ende von Pegida zu prognostizieren. Von einer Bewegung, die Zehntausende zu mobilisieren vermochte, war eine kleine Gruppe dauerprotestierender wütender Bürger übrig geblieben“, leitete Hans Vorländer seine Pegida-Analyse in der FAZ ein.

Falk Richter und seinem Ensemble geht es darum, dass wir genau hinsehen, uns mit dem Denken und der Sprache derer auseinandersetzen, die Ängste schüren, Minderheiten beschimpfen und Hass säen. Wenn Bernardo Arias Porras zu Beginn die Haltung eines Hipsters karikiert, der lieber auf Dachterrassen feiere und Serie wie „True Detective“ gucke, weil ihn diese Proteste irgendwo in Dresden oder Heidenau doch nichts angingen, dann wird sehr deutlich: So einfach dürfen wir es uns nicht machen.

Gegen Ende drohte diesem hochtourig rasenden Abend etwas die Luft auszugehen. Aber da musste er offensichtlich noch mal Atem holen, bevor er in einer Travestie-Nummer kulminiert, die ihr Publikum auch weiter polarisieren wird: Tilman Strauß schlüpft in ein Glitzer-Abendkleid und gibt sich als AfD-Europaparlamentarierin Beatrix von Storch aus, die ihre Ahnen ihres Adelsgeschlechts beschwört und auf ihrem Schloss von nächtlichen Angstattacken vor Überfremdung geplagt wird.

„Transit“ – Monolog über eine Flucht nach dem Roman von Anna Seghers

Thorsten Hierse sitzt verloren in der Box des Deutschen Theaters Berlin. Das karge Bühnenbild beschränkt sich auf einen Stuhl und die Flasche Rosé, die der Schauspieler in den 90 Minuten seines „Transit“-Monologs leeren wird. Aus dem Hintergrund sorgt Tobias Vethake für einen Live-Musik-Klangteppich, der die Erinnerungen des Gestrandeten untermalt.

Hochkonzentriert arbeitet sich Hierse durch den Abend und nimmt die Perspektive des namenlosen Ich-Erzählers aus der Romanvorlage von Anna Seghers ein: er ist aus einem Zwangs-Arbeitslager bei Rouen entkommen und hat sich nach Südfrankreich durchgeschlagen. Mit vielen Leidensgenossen verbringt er seine Zeit vor allem mit Warten: in Konsulaten auf ein Visum, am Hafen auf ein Schiff, das die Flüchtlinge vor den Nazis in Sicherheit bringen soll, oder im Café auf eine interessante Begegnung, einen kleinen Flirt.

Während Hierse auf seinem Stuhl sitzt, einige Schritte geht, wieder zum Glas greift und aus dem Leben eines Flüchtlings berichtet, tänzelt Wiebe Mollenhauer in unregelmäßigen Abständen diagonal über die kleine Bühne: mal spielerisch tänzelnd, mal atemlos rennend. Sie spielt die Marie, ständig auf der Suche nach ihrem Geliebten, ständig zwischen mehreren Männern. Der Ich-Erzähler genießt ihre Nähe, bekommt sie aber nicht zu fassen.

Alexander Riemenschneider blieb in seiner Theaterfassung nah am Roman-Text und verzichtete auf Aktualisierungen. Das Programmheft referiert zwar Statistiken und Entscheidungsquoten des BAMF, das für die Bearbeitung von Asylanträgen zuständig ist, ansonsten vertraut der Abend aber ganz auf die Kraft der Vorlage.

„Transit“ ist ein kleiner, stiller Abend in der sehr gut besuchten „Box“, auch die nächste Vorstellung am 25. November ist bereits wieder ausverkauft.

Navid Kermani: Literarische Werkschau am Deutschen Theater

Am Deutschen Theater Berlin ist es fast schon eine kleine Tradition, den jeweiligen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels zu einer literarischen Werkschau einzuladen, erklärt Intendant Ulrich Khuon in seiner Begrüßung.

Die knapp zwei Stunden können natürlich nur einen ersten Überblick über Navid Kermanis facettenreiches Werk geben: vom Roman bis zur Reportage, vom ernsten Sachbuch bis zur ironischen, fast schon dadaistischen Anekdote lernt das Publikum auch bislang weniger bekannte Seiten von Kermani kennen.

Unter Leitmotiven wie „Geburt“, „Liebe“, „Tod“ und „Weisheit“ wurden je zwei Ausschnitte mit einander in Beziehung gesetzt und von Ensemble-Mitgliedern vorgetragen: von Ulrich Matthes, der als Hörbuchsprecher und regelmäßiger Lese-Matinee-Gastgeber für diese Aufgabe prädestiniert ist, und seinem Kollegen Timo Weisschnur, der seine Sache nicht schlechter macht. Leider wurde die Lesung wie in einem schlechten Film von den Geräuschen gestört, die ein Albtraum jedes Vortragskünstlers sind: vom quengelnden Kind bis zum klingelnden Handy wurde kein Klischee ausgelassen.

Der Abend litt außerdem darunter, dass der Schweizer Verleger Egon Ammann, bei dem Kermani „Das Buch der von Neil Young Getöteten“ veröffentlicht hat, kurzfristig absagen musste. Für ihn sprang ZEIT-Feuilletonist Jens Jessen als Kermanis Gesprächspartner ein, der es jedoch nicht verstand, mit zugespitzten Fragen ein Gespräch in Gang zu bringen, sondern sich zu oft in weitschweifigen Referaten und Interpretationen verlor.

Kermani nahm die manchmal kauzig wirkenden Ausflüge gelassen-schmunzelnd hin und erlaubte sich den Spaß, bei Jessen nachzuhaken, ob er denn Neil Young überhaupt kenne: Sein Gesprächspartner erwies sich nicht sehr trittsicher bei der Abgrenzung von Pop und Rock.

Harald Schmidt sorgt sich um den schwankenden Westen. Und dann kam Mirna mit den Furien ans Gorki zurück

„Und dann kam Mirna“: die neurotischen Furien sind zurück am Gorki

Mitte 30 und verzweifelt, aber immer noch im Schlabberpulli und in Trainingsjacken, kehren die wütenden jungen Frauen aus „Es sagt mir nichts das sogenannte Draußen“ ans Gorki zurück.

Unter dem Pulli tragen sie mindestens genauso häßliche, geblümte Umstandskleider: die Träume sind geplatzt, stattdessen schlagen sie sich alleinerziehend mit altklugen, nervigen Gören herum. „Wir können uns neu erfinden“, das Mantra der Ratgeberliteratur, „sagen nur Dummköpfe!“, höhnt der Chor der vier Furien, die sich so viel mehr vom Leben erhofft hatten.

Wie konnte es nur soweit kommen? Auf den Partys standen sie im Abseits, ohne Chance bei den schönen Menschen, die ihre Körper als durchtrainierte Präzisionsinstrumente präsentierten. Da blieb nur Torben, der One-Night-Stand mit ihm war allerdings so prickelnd wie eine mit „Stiefmütterchen bepflanzte Verkehrsinsel“. Und dann kam eben Mirna. Die Teenie-Tochter ist ebenfalls auf vier Schauspielerinnen aufgespalten: vier Mädchen mit Pferdeschwanz und rosa Röckchen, die gleich mal einen Stapel Bücher mit lautem Knall fallen lassen.

Die Mittdreißigerinnen schieben großen Frust: mit dem Idealbild einer warmherzigen, sorgenden, sanften und glücklichen Mutter können sie sich so gar nicht anfreunden, Muttergefühle wollen sich nicht einstellen und das Zusammenleben mit dem Erzeuger ist natürlich überhaupt keine Option. Das Leben sollte eigentlich so weiter gehen wie bisher, nur mit Kind. „Das sogenannte Draußen“ sagte ihnen bekanntlich noch nie etwas, aber nach Mirnas Geburt wurde es noch schlimmer. Einziger Kontakt zur Außenwelt sind die in Mirnas Augen „peinlichen“ Freundinnen, denen es auch nicht besser ergangen ist. Auch für sie wurde die Reproduktion zur „Frauenentsorgungsmaßnahme“. So glasklar und bitterböse kennen wir Sibylle Berg.

Was bleibt dann noch? Den Liebesbrief an David Guetta, den frau, wenn die nervige Tochter nachts im Bett ist, nach einem Gläschen zu viel in den Computer getippt hat, schickt sie dann doch lieber nicht ab. Deshalb scheint die Uckermark die Last exit-Option zu sein: Gemeinsam mit den anderen depressiven Frauen, die „von der Lebensabwicklung genauso erschöpft sind“, und ihren soziopathischen Kindern eine Kommune im leider von Neonazis bevölkerten Umland gründen!

Sibylle Bergs neue Textcollage feuert die bissige Beschreibung der Neurosen einer frustrierten, alleinerziehenden Mittdreißigerin mit der Präsision eines Maschinengewehrs ins Publikum. Die giftig-funkelnden Sätze werden von den Schauspielerinnen manchmal ganz beiläufig dahin gesagt, meist aber mit kollektivem Aufstampfen herausgeschleudert. Regisseur Sebastian Nübling tat gut daran, auf schmückendes Beiwerk zu verzichten. Die Bühne ist leer. Im Mittelpunkt stehen der starke Text und die nicht weniger beeindruckenden Darstellerinnen. Gemeinsam mit Tabea Martin machte Nübling aus einer XXL-Kolumne eine gelungene Choreographie von Gift und Galle spuckenden Frauen.

Streit ums Politische an der Schaubühne: den populistischen Bewegungen auf der Spur

Die Flüchtlinge werden wohl bald wieder vor verschlossenen Türen stehen, prognostiziert der Soziologe Heinz Bude zum Auftakt der Gesprächsreihe „Streit ums Politische“, die an der Schaubühne in Kooperation mit der Vodafone-Stiftung fortgesetzt wird. Seine düstere Analyse: die gesellschaftliche Mitte droht zwischen wachsendem Prekariat und einer reichen Oberschicht zerrieben zu werden. Der demokratische Kapitalismus kann seine Versprechen kaum noch einlösen. Linke Volksparteien werden fast in ganz Europa zum Auslaufmodell, neue Bewegungen entstehen am rechten Rand.

Am ersten von vier Abenden, die sich mit dem „heimatlosen Antikapitalismus“ auseinandersetzen wollen, ist Claus Leggewie zu Gast. Der Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen engagierte sich in der 68er-Protestbewegung und hat die wissenschaftliche und öffentliche Debatte über gesellschaftliche Konflikte in den vergangenen Jahrzehnten mit zahlreichen Veröffentlichungen mitgeprägt.

In einer Tour d´horizon skizzierte Leggewie das antikapitalistische Denken der vergangenen anderthalb Jahrhunderte als ein „freiflottierendes“ Phänomen: Noch in den 1940er Jahren war Kapitalismuskritik auch in den westlichen Gesellschaften tief verwurzelt, ein bekanntes Beispiel ist das ganz der katholischen Soziallehre verpflichtete Ahlener Programm der CDU von 1947.

In den Nachkriegsjahrzehnten ist es gelungen, den Kapitalismus durch den Sozialstaat zu domestizieren und breite Bevölkerungsschichten am Wohlstand eines „Spätkapitalismus auf Pump“ teilhaben zu lassen: In den 1970ern kam es zu einem markanten Einschnitt: der Club of Rome und die Ökologiebewegung stellten die Frage nach den Grenzen des Wachstums. Maoistische und trotzkistische Kadergruppen debattierten an den Universitäten über die aus ihrer Sicht bevorstehende Revolution. Weltpolitisch setzte sich jedoch plötzlich die Deregulierungsphilosophie der Chicago-Schule in den Regierungsprogrammen von Thatcher und Reagan durch, China begann seinen langen Marsch in den Staatskapitalismus.

Leggewie zeichnete das Bild einer seit den 80er Jahren anhaltenden Dauerkrise. Gleichzeitig erstarkte der Populismus an den Rändern, vor allem dort ist der antikapitalistische Diskurs heute zu Hause. Die Front National-Vorsitzende Marine Le Pen wettert gegen die Ausbeutung billiger „Arbeitssklaven“, auf der linken Seite des politischen Spektrums wird Jeremy Corbyn mit seiner entschiedenen Absage an Tony Blairs „New Labour“-Kurs und der Forderung nach Verstaatlichungen der umjubelte Star der Urwahlen um den Parteivorsitz in Großbritannien.

An dem Abend dominierte die Ratlosigkeit, mit welchen Rezepten man diesem Populismus begegnen und kritisches politisches Denken wieder satisfaktionsfähig machen kann. Rückbesinnung auf die Rezepte von John Maynard Keynes? Oder eine sozial-ökologisches Modernisierung, die sich Rot-Grün auf die Fahnen geschrieben hatte, bevor Gerhard Schröder das Ruder übernommen hat?

Neues argentinisches Kino zwischen Wildnis und K-Gruppen-Intrigen

Tief in die ideologischen K-Gruppen-Debatten taucht auch El estudiante, der Debütfilm von Santiago Mitre aus dem Jahr 2011, ein. Roque (Esteban Lamothe), der zunächst mehr an Partys und seinen Kommilitoninnen als an politischen Diskussionen interessiert ist, gerät in ein Gewirr aus Intrigen und Machtspielen der Hochschulpolitik. Ständig wechselnde Allianzen und erbitterte Kämpfe um jede noch so klein erscheinende Meinungs-Differenz prägen die 110 Minuten dieses Films, der fast ausschließlich unter der Käseglocke einer universitären Parallelwelt spielt. Als Studie über einen jungen Mann, der die Winkelzüge politischer Strategie kennenlernt und mit Charme und Raffinesse nach und nach selbst anwendet, zeigt der Film einige vielversprechende Ansätze. Er kreist aber doch zu monothematisch um seine eigene kleine Welt, so dass er für ein breiteres Publikum kaum interessant ist.

Ein weiteres Beispiel für das Nuevo Cine Argentino , dem das Haus der Kulturen der Welt eine Reihe widmete, ist Los salvajes/Wild Ones. Der Hollywood Reporter war begeistert von der visuellen Kraft dieses Regie-Debüts, das Alejandro Fadel mit seinen Laiendarstellern in einer Nebenreihe des Festivals von Cannes 2012 präsentierte.

Der Film beginnt mit dem Gefängnis-Ausbruch junger Straftäter, die in den kommenden zwei Stunden durch dunkle Wälder irren und mehr oder minder erfolgreich ums Überleben kämpfen. Auch dieser Film versandet nach vielversprechendem Beginn in zu vielen Längen. Leider fehlt beiden Filmen die Wucht, die Relatos salvajes – Wild Tales zu Beginn des Jahres zu einem Kinoerlebnis machte.

„Back to Black“: Tänzeln um den Tod in der Box des Deutschen Theaters

Der Anfang des Abends wirkt fast wie ein Meditationskurs: die Box des Deutschen Theaters ist bis auf Notbeleuchtung abgedunkelt, mit sonorer Stimme fordern die drei DT-Ensemblemitglieder Katrin Wichmann, Markwart Müller-Elmau und Thorsten Hierse das Publikum auf, sich auf die Dunkelheit einzulassen und die kommenden 90 Minuten über Kopfhörer zu verfolgen.

Das Regie-Duo Auftrag: Lorey, das sich selbst an der Grenze zwischen Performance und installativer Kunst verortet, hat sein „Back to Black“-Experiment im Programmheft als Schule für die Wahrnehmung folgendermaßen theoretisch aufgeladen: „Die Dinge, die uns umgeben, sind nicht einfach da und müssen nur passiv wahrgenommen werden. Unser Gehirn konstruiert sie, indem es alle Sinneseindrücke miteinander verbindet, verarbeitet, filtert und formt. Mithilfe einer spezifischen Zuschauersituaton trennen Auftrag: Lorey die Ebene der akustischen Wahrnehmung von der visuellen. Dahinter steckt der Versuch, die Wahrnehmung darauf zu lenken, wie wir wahrnehmen und mit der gleichzeitigen An- und Abwesenheit von Sinnesinformationen zu spielen. Hier eröffnet sich mithilfe des Theaters ein Raum, unser Verständnis von Tod als kulturelles und geschichtlich bedingtes Konstrukt zu erkennen. Darin liegt die Chance, die eigenen Wahrnehmungsmuster und die Gestalt der eigenen Realität zu befragen.“

Als das Licht wieder angeht, geht der Abend zum Glück nicht so verquast weiter. Zunächst schildern die Schauspieler sehr persönliche Erlebnisse, wie sie mitten im Alltag mit dem Tod konfrontiert wurden. Katrin Wichmann erzählt von einem Workshop mit Flüchtlingskindern in diesem Sommer, bei dem ein Jugendlicher ertrank. Thorsten Hierse berichtet von einem Ausflug, bei dem seine Mutter plötzlich das Bewusstsein verlor und erst nach einigen Minuten wiederbelebt werden konnte.

Im Saal wurde es bei diesen traurigen Schilderungen sehr still. Die Schauspieler legen nun schnell den Schalter um und versuchen für den Rest des Abends, auf möglichst humorvolle Art um die Themen Sterben und Tod zu kreisen. Katrin Wichmann stimmt den Gute-Laune-Song Dumb Ways to die an, ihre beiden Mitstreiter schlenkern mit ihren Armen und Beinen – genauso wie die Animationsfiguren im Video. So leichtfüßig tänzeln die Drei um ihr Thema auch im Rest des Abends herum, der streckenweise aber zu leichtgewichtig daherkommt.

Assoziativ kommen sie vom Hundertsten ins Tausendste, springen von den Sterbeszenen, die sie schon immer mal spielen wollten, über die letzten Worte und Mahlzeiten in US-Todeszellen zu einem weiteren Web-Video, das eine Anleitung gibt, wie man den eigenen Tod fingiert und dann – am besten in der Ostukraine – untertaucht. Wir erfahren außerdem, dass das Kunstblut am Deutschen Theater nach Himbeere schmeckt. Ganz basisdemokratisch wurde das ausdiskutiert, zur Auswahl standen noch die Geschmacksrichtungen Erdbeere und Pfefferminz.

Während Thorsten Hierse im Kugelhagel zu Boden sinkt und sich langsam eine Kunstblutlache um ihn herum ausbreitet, fragen sich seine Kollegen Katrin Wichmann und Markwart Müller-Elmau gegenseitig, was sie unbedingt noch erleben möchten, bevor sie sterben: ein Jahr in Paris leben, in einem Kostümschinken á la „Sissi“ mit wallenden, schönen Kleidern mitspielen, lange Gespräche mit guten Freunden führen. Als das Ping-Pong nach einigen Runden endet, hat das Publikum einen streckenweise unterhaltsamen Abend überstanden, der sein Thema nicht recht zu fassen kriegt, aber uns immerhin mit der interessanten Frage in den Herbst-Abend entlässt: Was will ich vor dem Sterben unbedingt noch erleben?

Harald Schmidt meldet sich zurück und befasst sich mit dem Schwankenden Westen

Wann haben wir eigentlich das letzte Mal etwas von Harald Schmidt gehört? In diesem Jahr, in dem sich die Schlagzeilen nur so überschlagen, wird so richtig klar, welche Leerstelle er hinterlassen hat. Harald Schmidt fehlt mit seiner bissigen, manchmal auch zynischen, immer lebensklugen Rundschau über die Aufgeregheiten des Politikberiebs und mit seinem Spott über aufgeblasene Nichtigkeiten im Medienbusiness und Kunstgewerbe.

Am Donnerstag Abend durften wir ihn auf Einladung des C.H.Beck-Verlags im Auditorium Friedrichstraße erleben. Es war absehbar, dass er sich bei der Buchvorstellung von Schwankender Westen des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo di Fabio nicht brav auf die Rolle des Stichwortgebers beschränken würde. Harald Schmidt lief sich im Lauf des Abends wieder warm, setzte hier einen kleinen Nadelstich mit einer Anekdote über die schon fast vergessenen „Stuttgart 21“-Wutbürger, ließ dort eine kleine Sotisse aus dem Gehege seiner Zähne fallen.

Ansonsten bot der Abend wenig Neues: in gewohnt selbstverliebter Art zitierte Udo di Fabio seine bekannten Stichworte von Pico della Mirandola bis zur normativen Doppelhelix. Wer wollte seiner Gegenwartsanalyse widersprechen, dass wir uns in einem merkwürdigen Schwebezustand zwischen Hoffnung und Angst, zwischen Öffnung der Grenzen und neuen Kontrollen befinden?

Schmidt und di Fabio endeten am selben Punkt wie Leggewie und Bude: der Druck der Populisten macht es den „Krawattenträgern“ und „Eliten“ schwerer, auf die Krisen besonnen zu reagieren. Di Fabio konstatierte „Verkantungen“ und fragte bang, ob die Stabilitätskultur der gesellschaftlichen Mitte noch tragfähig sei.

Das Selbstbewusstsein der westlichen Gesellschaften sei durch Finanz- und Staatsschuldenkrise erschüttert, die Träume á la Francis Fukuyama von einer Idylle nach 1989 geplatzt. Als Ausweg hatte di Fabio nur anzubieten, dass wir unser kulturelles Erbe besser kennenlernen und unserer Identität selbstvergewissern müssten: das sind natürlich Steilvorlagen für weitere bohrende Sticheleien von Schmidt, der mit Seitenhieben und Anekdoten die Frage umkreiste, was sich denn nun eigentlich hinter den Schlagworten vom kulturellen Erbe des Westens und der Aufklärung verberge.

Chinesische „Ghosts“ an der Schaubühne, das Deutsche Theater sucht mit Sketchen nach „Göttern“. Yael Ronen fragt am Gorki: Gibt es Hoffnung für „The Situation“ im Nahen Osten?

Mit sehr hoher Schlagzahl starten die Berliner Theater in die neue Spielzeit: drei Premieren an zwei aufeinanderfolgenden Abenden.

Akrobatische Höchstleistung, prekäre Existenzen, aber keine runde Geschichte: „Ghosts“ an der Schaubühne

Nach knapp zwanzig Minuten stürmt Regisseurin Constanza Macras – mit Intendant Thomas Ostermeier an ihren Fersen – auf die Bühne und ruft „Stop!“ Die drei chinesischen Artistinnen im Hintergrund nehmen davon keine Notiz. Sie balancieren unbeirrt und hochkonzentriert weiter mit ihren Stangen und Tellern – so wie es auch schon zu Maos Zeiten üblich war, wie eine Anekdote im weiteren Verlauf des Abends berichtet: Als das Revolutionäre Komitee Shanghai beschloss, eine Gruppe mit traditioneller chinesischer Akrobatik zu einem Gastspiel in die USA zu schicken, wurde den Künstlern von den politischen Kadern eingeimpft, „unsere Aufführung in jedem Fall zu Ende zu bringen, selbst wenn Leute Gegenstände auf die Bühne werfen sollten.“

Am Premierenabend von Ghosts handelte es sich nur um eine kleine technische Panne: der Beamer war ausgefallen. Als Constanza Macras mit einem energischen „Girrrls!“ dafür gesorgt hatte, dass die Mädchen ihre Performance unterbrachen, konnte das Stück an der Schaubühne noch mal von vorne beginnen: zwei gellende Schreie, dann der erste Auftritt des jungen Chinesen, der seinen Waschbrettbauch an diesem Abend so stolz präsentierte, und ein langer Monolog eines kleinen Mädchens.

Da der Beamer im zweiten Anlauf funktionierte und die Übersetzung an die Wand projizierte, konnte nun auch jeder ohne Chinesisch-Sprachkenntnisse problemlos verfolgen, worauf der Abend hinauswollte: Constanza Macras und ihr Dorky Park-Ensemble beklagen gemeinsam mit ihren chinesischen Gästen das prekäre Leben chinesischer Akrobaten: nach jahrelangem Drill werden sie oft schon mit Mitte Zwanzig zum alten Eisen abgeschoben.

Mit einigen Anekdoten, aber auch mit interessanten Fakten z.B. über die Tricks, mit denen chinesische Familien die Ein-Kind-Politik des Regimes zu umgehen versuchen, indem sie Neugeborene heimlich zu anderen Familien abschieben, beleuchtet der Abend gesellschaftliche Missstände.

Die Monologe und Info-Häppchen werden von beeindruckenden artistischen Höchstleistungen zusammengehalten. Als eine zierliche Artistin den schweren Tisch in der Schluss-Nummer auf ihren Beinen balanciert, können einige gar nicht mehr hinsehen. Die Angst, dass eine weitere Panne diesmal lebensgefährliche Konsequenzen haben könnte, wurde zum Glück nicht Realität.

Das ganze Ensemble versammelt sich wohlbehalten zum Applaus und verabschiedet das Publikum nach einem langen Abend mit dem Gefühl in die Nacht: Respekt vor diesen körperlichen Höchstleistungen! Der rote Faden blieb aber etwas dünn, von Constanza Macras haben wir schon stärkere Abende gesehen.

Ihren Ghosts ist jedoch zugutezuhalten, dass das Publikum mehr über die politische und soziale Lage erfuhr als beim Gespräch zwischen Ai Weiwei und Liao Yiwu in der Philharmonie am Abend zuvor. Das 15. internationale literaturfestival berlin organisierten diese Vorveranstaltung noch auf die Schnelle vor dem Start des Festivals in der kommenden Woche, nachdem Ai Weiwei im Juli überraschend von den chinesischen Behörden seinen Pass zurückbekommen hatte.

Die beiden berühmten Dissidenten hatten sich darauf geeinigt, den Moderator Wolfgang Herles wieder auszuladen, und das Gespräch mit zwei Dolmetschern allein zu führen. Statt eines interessanten Austauschs über die Probleme Chinas kam leider nur ein surrealer Schlagabtausch heraus, der darin gipfelte, dass Ai Weiwei seinem Gesprächspartner, dem Friedenspreisträger Liao Yiwu, der seit fünf Jahren in Berlin lebt, mehrfach ein Alkoholproblem unterstellte.

Der missglückte Kommunikationsversuch zwischen den beiden chinesischen Künstlern ließ das Publikum ratlos zurück. Den Spannungen zwischen den beiden Herren versuchte ein FAZ-Veranstaltungsbericht auf den Grund zu gehen. Positiv blieben von diesem Abend nur ein Gedicht über China als ein Land „im Winterschlaf“ und „ohne Nährstoffe“, das Liao Yiwu in einer kurzen Pause vortrug, und seine Vertonung von Herta Müllers Atemschaukel in Erinnerung.

„Götter“ im DT-Probebühnenzentrum: Sketche, Suppe, Speed-Dating und Schauspielstar als Schlachtopfer

Zehn Schauspieler aus sechs Ländern sollten fünf Szenen frei nach der Ring-Parabel aus Lessings Nathan der Weise erarbeiten: so lautete die neue Aufgabe beim Mitos21-Projekt.

Den Auftakt im Probebühnenzentrum des Deutschen Theaters Berlin machte der dänische Regisseur Nielsen, der mit Moritz Grove (aus dem DT-Ensemble) und Özlem Cosen, einer frei schaffenden Schauspielerin aus Berlin, vor Laptops an langen Tischen saß: Zunächst wurde per Handzeichen die Religionszugehörigkeit der Zuschauer abgefragt. Da sich ca. 30 von den mehr als 100 Zuschauern gar nicht beteiligten, wurde das Publikum von dem Trio ermahnt, doch bitte etwas kooperativer zu sein. Anschließend feuerten sie ihr Provokations-Stakkato mit allen gängigen Klischees gegen Juden, Christen und Muslime ab: ein Ton, den man vom Deutschen Theater nicht gewohnt war. So rotzig war höchstens Dimitrij Schaad am Gorki bei seinem Kollegen-Bashing in Yael Ronens Kohlhaas-Prinzip.

Anders als bei der Premiere gab es am zweiten Abend aber nur einen kurzen, pflichtschuldig wirkenden Protestversuch. Leider war auch das Timing dieses Sketches nicht so perfekt wie bei der Früh-Stücke-Matinee eine Woche zuvor, als das Trio eine erste Kostprobe gab. Das Publikum ließ die Provokationen freundlich lächelnd über sich ergehen und wartete auf den deutsch-ungarischen Beitrag Opfer des Katona József Theaters Budapest.

Katharina Schenk (vom Jungen DT) erklärt uns, dass dem DT-Intendanten Ulrich Khuon ein brennender Dornbusch erschienen sei. Er solle zur Einweihung des neuen, wirklich sehr schicken Probebühnenzentrums den Göttern das opfern, was ihm am Wertvollsten und Liebsten sei. Man sei schon kurz davor gewesen, den Schauspielstar Uli Matthes, der mit seinen Lesungen und den großen Klassiker-Rollen z.B. als Macbeth eines der Aushängeschilder des Hauses ist, zur Schlachtbank zu führen. Dann sei man aber doch auf die Idee gekommen, lieber einen ungarischen Nachwuchsschauspieler unter einem Vorwand nach Berlin zu locken und als Opfer darzubringen.

Während seine Kollegin Schenk dem Publikum diese Vorgeschichte Stück für Stück entfaltet, beginnt Lehel Kovács damit, sich auszuziehen: auf deutschen Bühnen sei das ein Muss, habe er gehört. Er hat offensichtlich die Nachtkritik-Debatten über die Romeo und Julia-Inszenierung an den DT-Kammerspielen sehr genau verfolgt oder sich vom Schaubühnen-Publikumsmagneten Lars Eidinger inspirieren lassen.

Die Groteske, in die auch Projektleiterin Christa Müller noch einbezogen wird, mündet in ein passendes Finale. Die weiteren Mini-Dramen sind schnell abzuhaken: Die Sforaris Theatre Company Athen versuchte sich an einer Quizshow. Elayce Ismail vom National Theatre London machte sich in Food for the soul zu den Personal Jesus-Klängen von Depeche Mode über die Flut an Wellness- und Sinnsuche-Angeboten lustig. Die nachdenklichste Szene kam aus Stockholm vom Dramaten: ein Streitgespräch über Religion, Toleranz und Vertrauen, das sich einem klaren Ergebnis verweigerte.

Nach einer kurzen Pause setzte sich der ganze Publikums-Tross in den ersten Stock in Bewegung. Björn Bicker hatte mit einem Bürgerchor Urban Prayers einstudiert: auch wenn nicht alle Einsätze klappten und nicht alle Sprechpausen eingehalten wurden, war dieser vielstimmige Chor aus Menschen unterschiedlicher Generationen (von 11 bis 77) und Glaubensichtungen einer der Höhepunkte des Abends.

Das anschließende Speed-Dating war eher überflüssig: jeder Zuschauer wurde in Klein-Gruppen gelost, die sich in den engen Garderoben-Räumen zehn Minuten lang mit Vertretern unterschiedlicher Glaubensrichtungen unterhalten konnten. Der Informationswert war relativ überschaubar: dass es in Kreuzberg ein Zentrum der afrobrasilianischen matriarchalen Naturreligion Candomblé gibt, war mir neu. Recht viel mehr war in der knappen Zeit aber auch nicht zu erfahren. Beruhigend ist, dass es auch katholische Geistliche gibt, die manchen Lehrmeinungen des Vatikans kritisch gegenüberstehen.

Diesen dritten Teil „Ten Believers“ hätte man auch streichen und gleich zu den Gesprächen bei Tomatensuppe, Wasser, Brot und Wein im Dachgeschoss übergehen können. Diese Möglichkeit wurde erfreulicherweise vom Publikum besser angenommen als bei der letzten Mitos21-Projekt-Runde, die sich im Rahmen der Autorentheatertage 2013 mit einer Rede des britischen Premierministers David Cameron auseinandersetzte.

Gibt es noch Hoffnung für den Nahen Osten? – Yael Ronens „The Situation“ in einer Sprachschule in Neukölln

Yael Ronen feuert ihre Stückentwicklungen mittlerweile fast so schnell ab wie die Pointen in ihren Dialogen: am Pfingstwochenende hatte das Kohlhaas-Prinzip Premiere, zur Eröffnung der neuen Spielzeit legt sie schon The Situation nach.

Eine tragende Rolle spielt wieder Dimitrij Schaad: diesmal aber nicht als coole Rampensau, sondern als das krasse Gegenteil, als das personifizierte, verkrampfte, schlechte Gewissen.

Er spielt Stefan, einen Lehrer an einer Sprachschule in Neukölln. Bevor sich am Ende alle wieder auf der großen gelben Showtreppe versammeln, laviert er sich durch mühsame Einzelgespräche mit seinen Schülern, immer peinlich darauf bedacht, nicht anzuecken, keine religiösen Gefühle zu verletzen oder weltanschaulichen Streit vom Zaun zu brechen.

Zunächst trift er auf Noa (Orit Nahmias) und ihren Ex-Mann Amir (Yousef Sweid, der nicht nur in früheren Yael Ronen-Abenden mitwirkte, sondern auch schon in israelischen Kinofilmen und der Serie Homeland zu sehen war). Während er stottert und angesichts von Holocaust und Nahost-Konflikt um die richtigen Worte ringt, sind die beiden vor allem mit ihrem privaten Scherbenhaufen beschäftigt und sehnen sich in Berlin vor allem nach einer Auszeit von der Politik.

Mit dem syrischen Flüchtling Hamoudi (Ayham Majid Agha) diskutiert er über Geschäftsideen als Humus-Fahrrad-Verkäufer und ein Land, das seit Jahren in einem Bürgerkrieg zwischen Assad-Regime und IS versinkt. Eigentlich geht es ihm aber vor allem darum, ihn endlich ins Bett zu bekommen.

Solange das nicht klappt, wendet er sich Laila (Maryam Abu Khaled) und Karim (Karim Daoud) zu, die sich über die israelische Besatzung palästinensischer Gebiete beklagen und Parkour-Künste vorführen.

Mit mehr Monologen, als wir es von Yael Ronen gewohnt sind, aber mit reichlich kleinen Pointen, die ihr eine treue Fangemeinde bescherten, gehen die knapp neunzig Minuten ihrem Ende entgegen. Zunächst darf auch der Lehrer Stefan seinen Migrationshintergrund darlegen, er heißt eigentlich Sergej und kommt aus Kasachstan.

Schließlich kommen alle an der großen Treppe zusammen, um Bilanz zu ziehen: Orit Nahmias, die schon in Common Ground für die heiteren Momente zuständig war, gibt die Optimistin. Wer hätte gedacht, dass die Berliner Mauer fällt? Sie zählt weitere Beispiele ganz unwahrscheinlicher historischer Entwicklungen auf und meint, dann muss es doch sicher auch eine Lösung für die Krisen im Nahen Osten geben, die nur als The Situation umschrieben werden.

Gibt es Hoffnung für den Nahen Osten? Der Abend endet am Gorki im Gemurmel der Schauspieler, die zwischen „bestimmt“ und „auf keinen Fall“ schwanken.

Gregor Gysi und Günther Jauch fassen sich bei der Gesprächsreihe am Deutschen Theater mit Samthandschuhen an

Für Günther Jauch, Wunsch-Bundespräsident vieler Deutscher und journalistische Allzweck-Waffe des öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehens, machte Gregor Gysi eine Ausnahme. Seine monatliche Matinee Gysi trifft Zeitgenossen wurde am Deutschen Theater Berlin extra vom üblichen Termin sonntags um 11 Uhr auf Donnerstag Abend vorverlegt, um Jauch nicht von der Vorbereitung seiner abendlichen Talk-Runde nach dem Tatort abzuhalten. Vielleicht klappt es demnächst auch mit einem Gegenbesuch: Jauch meckerte, dass Gysi sich seit Jahren ziert, als Kandidat bei der ca. halbjährlich stattfindenen Promi-Ausgabe von Wer wird Millionär? anzutreten und sich mit immer kreativeren Ausreden herauswindet.

Bis auf kleine Spitzen wie diese fassten sich der Talkmaster und der Berufspolitiker nur mit Samthandschuhen an. Brav gingen sie die Stationen von Jauchs Karriere durch: in West-Berlin als Sohn des Korrespondenten der Katholischen Nachrichtenagentur aufgewachsen, schloss er die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München als damals jüngster Absolvent ab und sammelte erste Erfahrungen in den Sport- und Politik-Ressorts des Bayerischen Rundfunks. Im Bonner Hauptstadtbüro arbeitete sich Jauch während der frühen Kohl-Ära durch alle Themen, an denen die älteren Kollegen kein Interesse hatten. Die beschauliche Stadt am Rhein war aber keineswegs Jauchs erste Wahl, sondern ein Trostpflaster für den geplatzten Traum einer Stelle im Londoner Büro, die aber als Versorgungsposten für einen altgedienten Kollegen genutzt wurde. Deshalb ließ sich Jauch darauf ein, bald wieder zurück nach München zu gehen und mit seinem alten Kumpel Thomas Gottschalk eine gemeinsame Radio-Unterhaltungsshow zu moderieren. Das Showmaster-Duo legte mit frechen Sprüchen den Grundstein zu steilen Karrieren und Jauch etablierte seinen Ruf als Generalist mit drei Standbeinen (Politik, Unterhaltung und Sport).

Etwas emotionaler wurde das Gespräch, als der Potsdamer Fernseh-Star auf sein mehrfaches Anecken in Sender-Hierarchien angesprochen wurde: er sei als Moderator beim ZDF-heute-journal im Gespräch gewesen, aber die Gremien hätten am Ende Sigmund Gottlieb mit seiner eindeutigen Nähe zur Union dem parteipolitisch unabhängigen und somit unberechenbareren Jauch vorgezogen. Der Rauswurf beim ZDF-Sportstudio sei ihm per Fax zugestellt worden. Die schwierigen Verhandlungen mit den ARD-Gremien um die Konditionen seiner Politik-Plauderrunde im Ersten bestimmten jahrelang die Schlagzeilen, nach dem Scheitern in einem ersten Anlauf zog Jauch im SPIEGEL-Interview über die Gremlins her.

Leider hakte Gysi an diesen Stellen, wo es spannend hätte werden können, nicht richtig nach. Ihm ist deshalb derselbe Vorwurf zu machen, den die Feuilletons und politischen Kommentatoren gegen Jauchs Sonntags-Runde erheben: statt die Chance zun nutzen und mit klugen Nachfragen, noch mehr Wissenswertes herauszukitzeln, hetzte Gysi diesmal durch seine Karteikarten.

Robert Misik zieht bei einem Vortrag am Deutschen Theater eine düstere Bilanz des „Kaputtalismus“

Er sei Mitte der 1990er Jahre schon einmal zu einer Diskussionsrunde über die Zukunft unseres Wirtschaftssystems am Deutschen Theater Berlin zu Gast gewesen, erinnerte sich der Wiener Journalist und Sachbuchautor Robert Misik zu Beginn seines Vortrags. Damals sei es fast schon provozierend gewesen, über Alternativen zum Kapitalismus überhaupt nachzudenken.

Die Debattenlage hat sich seitdem bekanntlich signifikant verändert: 2008 drohte der Lehman-Crash einen globalen Domino-Effekt auszulösen, das weltweite Finanzsystem stand kurz vor dem Kollaps. Regierungen und Notenbanken mussten mit massiven Hilfsprogrammen einspringen, was zu einem drastischen Anstieg der Schuldenberge führte.

Seit dem Sommer 2008 sind Politik und Gesellschaft nicht mehr aus dem Krisenmodus herausgekommen. Das Unbehagen über ein geringes, fast stagnierendes Wachstum und die sich vor allem in den vergangenen drei Jahrzehnten öffnende soziale Schere greift um sich. Als besonders markantes Symptom der Krise nannte Misik den allgemeinen Verschuldungsgrad aller Akteure (Staat, Unternehmen, Privathaushalte), der häufig schon bei 300 – 400 % des BIP liege.

Kritisch setzte sich Misik mit keynesianischen Lösungsansätzen auseinander: die Zähmung der deregulierten Finanzmärkte und eine stärkere Umverteilung, z.B. durch eine Vermögenssteuer, wie sie Thomas Piketty in seinem Bestseller Das Kapital im 21. Jahrhundert empfiehlt, löse die tieferliegenden Probleme nicht. Die ersehnte Rückkehr zu den stabilen Wirtschaftsverhältnissen in den knapp drei Jahrzehnten nach 1945, zu einem „guten Kapitalismus“, bleibe eine Illusion.

Nach Misiks Analyse trage der Kapitalismus bereits das „Kainsmal des Niedergangs“. Er beschrieb die gegenwärtige Situation des taumelnden Westens als einen Erosionsprozess, in dem wir mittendrin stecken. Statt eines großen Knalls seien wir Beteiligte und Zeugen eines schrittweisen Zusammenbruchs, wie es auch der Sozialwissenschaftler Wolfgang Streeck und der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman analysierten.

Das Tragische an dieser Situation sei, dass keine funktionierenden Alternativmodelle für eine gerechtere Wirtschaftsordnung in Sicht sein. Misik schloss seinen Vortrag mit der düsteren Pointe, dass es die finale Gemeinheit des Kapitalismus sei, dass wir uns nicht mal auf sein Ende freuen könnten.

„Play the Beat“: Anekdoten über Videokunst und die Performance-Szene

Tobi Müller und Jens Balzer (Berliner Zeitung) luden die beiden Künstlerinnen Angela Richter und Gayle Tufts zu einer Gesprächsrunde in die Kammerspiele des Deutschen Theaters ein. Unter dem Titel Play the Beat sollte es um das „schwierige Verhältnis zwischen Musik und Theater“ gehen.

Der Abend begann mit einem interessanten Einstieg: Über die Videowand flimmerten zwei Choreographien von Anne Teresa de Keersmaeker und direkt danach ein Clip von Beyoncé, der von den Arbeiten der belgischen Avantgarde-Künstlerin inspiriert schien. Die Schauspielerin Natalia Belitski las aus einem FAZ-Text über den Urheberrechts-Streit zwischen den beiden Damen.

Im weiteren Verlauf des Abends war jedoch kein roter Faden zu erkennen. Die vier Podiumsteilnehmer spielten sich die Bälle mit Insider-Wissen und Anekdoten zu. Mal ging es um die Arbeiten von Angela Richter, die sich in der Freien Szene (Sophiensäle, Kampnagel) einen Namen gemacht hat, häufig mit Bands der Hamburger Schule wie Tocotronic zusammenarbeitet und einige Ausschnitte vom Schauspiel Köln mitbrachte, wo sie mittlerweile als Hausregisseurin unter Vertrag steht. Dann hüpfte man mit Gayle Tufts in die New Yorker Performance-Off-Theater-Szene der frühen 1980er, wo die Entertainerin ihre ersten Erfahrungen gesammelt, den Karrierebeginn von Madonna miterlebt und auch mit Diane Martel kennengelernt hat, die im vergangenen Jahr mit dem umstrittenen Video zu Blurred Lines von Robin Thicke für Schlagzeilen sorgte. Am Ende landete man schließlich bei den Videos von Chris Cunningham für Aphex Twin, die in den späten 1990er Jahren für Aufsehen sorgten, und einem Konzert von Helene Fischer.

Dieser Streifzug durch die Welt der Popkultur war zwar durchaus unterhaltsam, aber so ungeordnet, dass er kaum tiefere Erkenntnisse vermittelte.