Archiv der Kategorie: Theatertreffen 2015

Castorfs umstrittene, verbotene „Baal“-Inszenierung zum Abschluss des Berliner Theatertreffens 2015

So einen Rummel hat das beschauliche Wilmersdorf lange nicht erlebt. In dem Trubel und Gewusel vor dem Festspielhaus stehen an den wenigen freien Plätzen Menschen mit bangendem bis verzweifeltem Blick und „Suche Karte“-Schildern. Gesprächsfetzen: „Wie, Du hast noch gar keine Karte?“ Und im Epizentrum der allgemeinen Aufregung vor der ultimativ letzten „Baal“-Aufführung hat sich das Theatertreffen-Blog postiert: in einer Auktion wollen sie die allerallerletzte Karte versteigern, der Erlös soll an die Brecht-Erben gehen, die mit ihrer Klage verhindert haben, dass die Inszenierung im Repertoire des Münchner Residenztheaters bleiben kann.

Falls sich jemand ohne ausreichende Sprachkenntnisse in diese Menschentraube verirrt haben sollte und vor lauter „Karte, Karte, Karte“ nur noch Bahnhof versteht: es ging „nur“ um eine Theater-Aufführung von Frank Castorf. Ein Berliner Theatermacher, von dem man ähnliche Arbeiten einige Kilometer weiter östlich in seinem Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz ganz stressfrei ohne die ganze „Suche Karte“-Hysterie erleben kann. Wenn man sich statt für seine aktuellste Arbeit Baal für seine vorletzte Produktion Kaputt entscheidet, kann man es sich in einem halbleeren Auditorium richtig gemütlich machen.

Wenn der zufällig in den Trubel geratene Besucher sich nun fragt, was ihn bei einem Castorf-Abend erwartet, können wir ihn guten Gewissens an das Theatertreffen-Blog verweisen. Genau, das sind die mit der allerallerletzten versteigerten Karte. Auf Englisch erklärten sie dort, woran man einen Castorf-Abend erkennt.

Wenn man sich mit dieser Checkliste in die Aufführung setzt, kann man fleißig die Punkte abhaken: es gibt wieder viele Live-Videos, es wird viel geschrien, die Schauspielerinnen und Schauspieler rennen leichtbekleidet über die Bühne und beschimpfen sich: „Hier geht man nicht halbnackt auf die Bühne!“ – „Idiot!“ Und das Ganze dauert wieder deutlich mehr als vier Stunden.

Brechts „Baal“ wurde mit viel Fremdtext zu den Themen Krieg und Kolonialismus angereichert, dazu coole Beats, etwas Tarantino-Style und ein Hubschrauber.

Die Quintessenz: „Das Leben ist eine Farce, die wir spielen müssen.“

Also alles wie immer bei Castorf. Kein Grund zur Aufregung.

Baal von Bertolt Brecht. – Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Gerrit Jurda, Live-Kamera: Marius Winterstein und Jaromir Zezula, Video: Stefan Muhle, Dramaturgie: Angela Obst. – Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Aurel Manthei, Hong Mei, Franz Pätzold, Katharina Pichler, Jürgen Stössinger, Andrea Wenzl. – Dauer: ca. 4 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Zu seinem 70. Geburtstag: Fassbinder an allen Ecken und Enden

Rainer Werner Fassbinder wäre am 31. Mai 70 Jahre geworden. Dementsprechend kann man dem Regie-Beserker und seinem Werk, das er in wenigen Jahren ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit auf die Kinoleinwände zauberte und auf die Theaterbühnen schleuderte, derzeit in Berlin kaum entgegen. Schon auf der Berlinale im Februar war er auf den Plakaten allgegenwärtig. Im Panorama lief die sehenswerte Dokumentation Fassbinder – lieben ohne zu fordern, eine sehenswerte Collage aus bisher unveröffentlichtem Interview-Material aus den 70ern und Zeitzeugen-Erinnerungen. Im Martin-Gropius-Bau eröffnete vor wenigen Tagen die große Fassbinder – JETZT – Schau.

Auch das Theatertreffen 2015 widmet sich mit Focus Fassbinder diesem stilprägenden Autor, Regisseur, Clan-Oberhaupt, An- und Aufreger. Neben Panels mit Jürgen Trittin, Susanne Kennedy und Hans-Werner Kroesinger über ihren Blick auf Fassbinder wurden während der zwei Festival-Wochen die aktuellen Berliner Repertoire-Inszenierungen Die Ehe der Maria Braun (Schaubühne) und Angst essen Seele auf (Gorki) aufgeführt. Außderdem war Volker Schlöndorffs legendäre Baal-Verfilmung zu sehen, wo der junge Fassbinder als Bürgerschreck wütete. Wegen Rechtsstreitigkeiten lag dieser Film lange im Giftschrank und konnte erst auf der Berlinale 2014 wieder gezeigt werden (zur Film-Besprechung geht es hier).

Ein Höhepunkt des Focus Fassbinder auf dem Theatertreffen 2015 war der Abend 17/70 – Eine Zeitreise: eine sehr persönliche Erinnerung von Hanna Schygulla an Fassbinder. Als sie von 10 Semestern theoretischem Ballast im Philologie-Studium angeödet war, folgte sie einer Freundin an die Schauspielschule in Schwabing, wo sie Fassbinder kennenlernte. Daraus entwickelte sich eine sehr enge Bindung: eine konfliktreiche Zusammenarbeit, mit Brüchen und Versöhnungen, künstlerisch hochproduktiv, die beide zu internationalem Ruhm führte.

Trotz der stickigen Enge auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele lohnte es sich für die Zuhörer, mit Hanna Schygulla auf ihre gemeinsamen Jahre mit Fassbinder zurückzublicken. Am Klavier wird sie von Stephan Kaymar begleitet, während sie frühe Gedichte und Notizen von Fassbinder rezitiert oder singt. Persönliche Erinnerungen treten neben Pop-Klassiker jener Jahre von Janis Joplin bis zu den Rolling Stones.

17/70 – eine Zeitreise – Hanna Schygulla denkt an Rainer Werner Fassbinder. – Mit Hanna Schygulla. – Musik: Stephan Kanyar. – Licht: Benoît Théron. – Regie: Alicia Bustamante. – Konzert in der Reihe Focus Fassbinder beim Berliner Theatertreffen am 8. Mai 2015

Weniger lohnenswert war das Porträt Fassbinder von Annekatrin Hendel, das seit 30. April auch im Kino läuft. Die Regisseurin ist eine Expertin für Porträts der jüngeren Zeitgeschichte und behutsames Nachfragen. Mit Vaterlandsverräter und Anderson war sie bereits zwei Mal zur Berlinale eingeladen.

Die knapp anderthalb Stunden sind eine recht lieblose, weitgehend chronologische Aneinanderreihung von Ausschnitten seiner Filme aus dem Archiv der Rainer Werner Fassbinder Foundation und kurzen Soundbites seiner prominenten Weggefährtinnen und Weggefährten, vor allem Hanna Schygulla, Irm Hermann und Volker Schlöndorff.

Was hätte wohl Fassbinder zu einem so oberflächlich dahinplätschernden Porträtfilm gesagt? Vielleicht hätte er einen seiner Wutanfälle bekommen, ziemlich sicher wäre er mit dieser Collage unzufrieden gewesen. Das meinte auch Daniel Kothenschulte in seiner Besprechung für die Frankfurter Rundschau, wo er konstatierte, dass wir Fassbinders Schaffen hier nicht wirklich näher kommen und schon gar keine neuen Facetten kennenlernen: „Kaum jemand versucht auch nur zu benennen, worin denn die künstlerische Eigenständigkeit seines Kinos liegt.“ Das ist der größte Unterschied zur assoziativen, vielschichtigeren Arbeit Fassbinder – lieben ohne zu fordern des dänischen Regisseurs Christian Braad Thomsen, die auf der Berlinale präsentiert wurde.

Fassbinder
. – Ein Dokumentarfilm von Annekatrin Hendel. – 92 Minuten. – Kinostart: 30. April 2015, Premiere an der Volksbühne am 27. April 2015

Eine sehr eigenwillige Hommage an Rainer Werner Fassbinder war im Studio der Schaubühne zu sehen. Über Patrick Wengeroths Angst essen Deutschland auf gehen die Meinungen seit der Premiere weit auseinander. Mit viel Lust an Travestie, schrillen Kostümen und überzeichneten Figuren toben sich der – wie meist – selbst mitspielende Regisseur und sein Ensemble knapp zwei Stunden nach Herzenslust aus. Sie spielen Video-Ausschnitte auf der Bühne parallel nach, rezitieren Fassbinder-Texte vom Antitheater-Manifest bis zum berühmten Streitgespräch mit der Mutter im Episoden-Film Deutschland im Herbst und haben sichtlich Spaß daran. Wengenroth spielt den Fassbinder mit angeklebtem Schnauzer und offenem Hemd, Jule Böwe stolpert als Hanna Schygulla-Parodie über die Bühne, Christoph Gawenda umschlingt sich mit seinen Armen in einer grotesken Liebesszene selbst. Dem hier verehrten Meister hätte diese bunte Revue wohl sehr gefallen, aber als der letzte Gag abgefeiert ist (Patrick Wengeroth liest eine Regierungserklärung von Helmut Kohl aus Fassbinders Todesjahr 1982 und springt dann nackt aus einem Zottel-Kostüm), bleiben viele im Publikum ratlos zurück, was uns dieser Abend über „Ich will Spaß, ich geb Gas“ hinaus sagen wollte.

Angst essen Deutschland auf – Ein Blick zurück nach vorn aus der Sicht und mit den Worten von Rainer Werner Fassbinder. – Regie: Patrick Wengenroth. – Bühne: Mascha Mazur. – Kostüme: Ulrike Gutbrod. – Musik: Matze Kloppe. – Licht: Lutz Gruhlke. – Mit: Niels Bormann, Jule Böwe, Christoph Gawenda, Ulrich Hoppe, Matze Kloppe, Eva Meckbach, Felix Römer, Patrick Wengenroth. – Premiere im Studio der Schaubühne: 13. Januar 2013. – Im Rahmen des Focus Fassbinder beim Berliner Theatertreffen am 10., 12. und 13. Mai 2015 zu sehen

Theatertreffen-Fazit 2015: Lina Beckmann in Ibsens „John Gabriel Borkman“, Missbrauchsopfer unter Konfetti in „Das Fest“, Kettensägen in „Lächerliche Finsternis“

Was war beim Theatertreffen 2015 außer dem Jelinek/Stemann-Eröffnungs-Abend sonst noch bemerkenswert?

Zunächst ist hier sicher Lina Beckmann zu nennen. Ihre Tante Ella stolpert und stakst durch Karin Henkels John Gabriel Borkman, zerrt an ihrem bedauernswerten Neffen Erhart (Jan-Peter Kampwirth) und liefert sich ein sehr unterhaltsames Duell mit Zwillingsschwester Gunhild (Julia Wieninger). Im langen, begeisterten Schlussapplaus des Festspielhaus-Publikums ging die Schlusspointe bei manchen Zuschauern wohl unter: „Das ist mein Applaus!“, „Nein, meiner!“, fauchen sich die beiden Rivalinnen auch beim Verbeugen an der Rampe noch an, nachdem sie sich fast zwei Stunden in den Haaren gelegen haben.

Ein Ibsen-Abend, der in den ersten Szenen fast wie eine Totenmesse beginnt (Josef Ostendorf in der Titelrolle des betrügerischen Pleite-Bankers im Bühnenhintergrund aufgebahrt und von Kerzen umringt) und sich zur Komödie entwickelt. Das funktioniert erstaunlich gut und liegt vor allem an Lina Beckmann, dem Zentrum dieses Abends, die im Anschluss mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde. Ihre Ella ist ebenso wie alle Figuren um sie herum eine Verzweifelte, die sich viel mehr vom Leben erhofft hat und mit aller manipulativen Gewalt versucht, sich das zu nehmen, was ihr vermeintlich zusteht. Die Stärke dieser Inszenierung des Deutschen Schauspielhauses Hamburg ist, dass die Abgründe und die ernsten Themen, die Ibsens Drama verhandelt, hinter der Komik immer sichtbar bleiben.

Und dennoch bleibt eine gewisse Enttäuschung zurück: Am Abend vor dem Gastspiel porträtierte die 3sat-Kulturzeit die Preisträgerin Lina Beckmann. Der Zusammenschnitt einiger besonders gelungener Szenen weckte Vorfreude auf das Live-Erlebnis der ca. 100 Minuten. Das stark verdichtete „Best-of“ hat es naturgemäß viel einfacher, eine intensive Wirkung zu erzielen. Aber mit diesen Appetithäppchen im Hinterkopf fällt erst recht auf, was auch Sophie Diesselhorst und Georg Kasch als Mobiles Kritiker-Duo bemängelten: ja, der Abend ist unterhaltsam und es wird viel gelacht, zwischendurch gibt es aber einige Längen und Durchhänger, bis wieder Lina Beckmann in Aktion tritt.

John Gabriel Borkman von Henrik Ibsen. – Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel. – Regie: Karin Henkel. – Bühne: Katrin Nottrodt. – Kostüme: Nina von Mechow. – Musik: Arvild J. Baud. – Licht: Annette ter Meulen. – Dramaturgie: Sybille Meier. – Mit: Josef Ostendorf, Julia Wieninger, Jan-Peter Kampwirth, Lina Beckmann, Kate Strong, Matthias Bundschuh, Gala Winter. – Premiere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg: 21. September 2014. – Eingeladen zum Berliner Theatertreffen am 9. und 10. Mai 2015

Nach Michael Thalheimers Dresdner Inszenierung (2001) wurde zum zweiten Mal eine Bühnen-Adaption von Thomas Vinterbergs/Mogens Rokovs Das Fest (1996) zum Theatertreffen eingeladen. Dieses eindringliche Drama über eine Familienfeier, die jäh von der Anklage des Sohnes Christian, dass er und seine Geschwister jahrelang vom eigenen Vater sexuell missbraucht worden sind, gehört zu den stärksten Filmen der 90er Jahre und ist eines der wenigen Dogma-Werke, die zwei Jahrzehnte nach dem Hype um diese dänische experimentelle Bewegung nicht in Vergessenheit geraten sind.

Die Familie versucht, sich ihre Laune nicht verderben zu lassen. Christopher Rüpings Inszenierung treibt den verzweifelten Versuch, die Wahrheit einfach unter den Tisch zu lachen, auf die Spitze: Hilflos steht jeweils einer oder eine aus dem beeindruckenden Ensemble in viel zu langen Pullovern, die sie ebenso durchtauschen wie ihre Rollen, vor der saufenden und singenden Familienbande. Wie im wirklichen Leben gibt es auch bei dieser aus dem Ruder laufenden Geburtstagsfeier eine Reihe uralter Strategien, die unangenehme Wahrheit von sich wegzuschieben: zum Gegenangriff übergehen? Einen flachen Witz nach dem anderen abfeuern, so dass die Anklage im Gelächter verhallt? Oder den Störenfried in der allgemeinen „Wiki Wiki Waka Waka“- Feierseligkeit am besten gleich ignorieren und ihn allein im Konfettiregen stehen zu lassen? Mit jugendlichem Drive exerzieren die Twentysomethings aus dem jungen Ensemble alle diese Möglichkeiten durch.

Der Abend lebt von seinen bewusst gesetzten Kippmomenten: die ausgelassene, lärmende Partystimmung schlägt in Entsetzen über den Missbrauch um, bevor das Pendel erneut zurückschlägt: „Es ist nie vorbei“, heißt es einmal. Ihre Versuche, vor der Vergangenheit wegzulaufen, sind zum Scheitern verurteilt. Die bohrenden Fragen nach Schuld und Versagen holen alle Beteiligten wieder ein.

Die Inszenierung trägt deutlich die Handschrift des Regisseurs Christopher Rüping, mit allen Vor- und Nachteilen seines Stils: das wilde Durcheinander ist keine Sekunde langweilig. Der Zorn auf den Täter und auf diejenigen, die wie die Mutter sein Verbrechen durch Wegschauen ermöglichten, ist deutlich spürbar. Auch wenn der Abend nicht die emotionale Intensität der Filmvorlage erreicht, kann man ihm nicht absprechen, dass das ganze Team voller Energie und Leidenschaft bei der Sache ist. Aber dann gibt es eben auch zu oft die Momente, wo „Das Fest“ ganz bewusst an die Grenzen der Albernheit geht, was viele Zuschauer auch bei „Romeo und Julia“ am Deutschen Theater Berlin störte.

Authentische, jugendliche Frische? Oder der zur Pose erstarrte Versuch, sich als „junger Wilder“ zu präsentieren? Ein Regisseur, der polarisiert: in Stuttgart gab es zur Premiere viele Buhs, wie beim tt-Publikumsgespräch mehrfach erwähnt wurde. Nach der ersten Aufführung in Berlin waren viele begeisterte Reaktionen zu hören, am zweiten Abend blieb die Resonanz auch hier gedämpfter. Auf Christopher Rüpings nächste Inszenierungen – vor allem als zukünftiger Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen – darf man gespannt sein.

Das Fest
nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov. – Regie Christopher Rüping. – Bühne: Jonathan Mertz. – Kostüme: Lene Schwind. – Musik: Christoph Hart. – Dramaturgie: Bernd Isele. – Mit: Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau, Christian Schneeweiß. – Am Flügel: Norbert Waidosch. – Premiere am Schauspiel Stuttgart: 20. April 2014. – Eingeladen zum Berliner Theatertreffen: 11. und 12. Mai 2015

Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz ist ein Text, der wohl bald ebenso schnell wieder vergessen sein wird, wie er im vergangenen Jahr kometengleich mit Inszenierungen an mehreren wichtigen Bühnen nacheinander aufgetaucht ist. Zu beliebig rührt der Text in Klischees und Versatzstücken der außenpolitischen Debatten der vergangenen zwei Jahrzehnte, springt vom Islam über die sogenannten Kollateralschäden im Jugoslawien-Krieg 1999 zum Bundeswehr-Einsatz am Hindukusch.

Dass die Uraufführung von Dušan David Pařízek am Wiener Burgtheater nicht ganz so seit an der Oberfläche surft wie Daniel Löffners Versuch an den Kammerspielen des Deutschen Theaters, liegt am komödiantischen Talent von Stefanie Reinsperger, die es versteht, aus der grotesken Vorlage subtileren Witz herauszukitzeln.

In Erinnerung wird außerdem die Einlage in der Pause bleiben: die Schauspielerinnen bleiben auf der Bühne, zerlegen das Interieur mit Kettensägen und Maschinen und trällern dazu The Lion Sleeps Tonight. Mit der Besetzung aller männlichen Figuren – vom diplomierten Piraten mit Stipendium der Studienstiftung des somalischen Volkes über den Hauptfeldwebel mit seinem Unteroffizier bis zum Missionar und dem italienischen Blauhelm-Soldaten – durch vier Frauen entsteht eine weitere ironische Brechung. Pařízek und seine vier Schauspielerinnen machen aus einer belanglosen Vorlage das Bestmögliche.

Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz. – Regie und Bühne Dušan David Pařízek. – Kostüme Kamila Polívková. – Licht Felix Dreyer. – Dramaturgie Klaus Missbach. – Mit: Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck. – Uraufführung im Akademietheater am Wiene Burgtheater: 6. September 2014. – Zu Gast beim Berliner Theatertreffen: 13. und 14. Mai 2015. – TV-Ausstrahlung auf 3sat am 9. Mai 2015

Jelineks/Stemanns „Die Schutzbefohlenen“: Pöseldorf und der Flüchtlings-Klagechor

Wenn Elfriede Jelinek eine neue Textfläche vorlegt, holt sie in ihrer Wut oft zu einem Rundumschlag aus. Glücklicherweise trifft dies bei Die Schutzbefohlenen, Nicolas Stemanns Uraufführung ihrer Flüchtlings-Klage, nicht zu: statt verbaler Sperrfeuer und assoziativer Sprünge legt dieser Abend zielsicher an und trifft den Kern. Mit gewohnter Jelinekscher Schärfe rechnet die Eröffnungs-Inszenierung des Theatertreffens 2015 mit der europäischen Flüchtlingspolitik ab.

Während das Publikum langsam Platz nimmt, werden auf der Bühne Videos von Flüchtlingen eingespielt, die von Folter, Verfolgung und dramatischer Flucht berichten. In kleinen Gruppen stehen außerdem Refugees der Gruppe „Lampedusa in Hamburg“ oder dem Berliner Oranienplatz auch ganz real und analog auf der Bühne zusammen. Als das Saallicht ausgeht, formieren sie sich zu einem wütenden Chor: We are here. We fight for our right. Freedom to move everywhere!

Sie werden aber sofort in den Hintergrund gedrängt und sind über weite Strecken des Abends nur noch schemenheft am Bühnenrand wahrzunehmen: drei Ensemble-Mitglieder des Hamburger Thalia-Theaters (Daniel Lommatzsch, Felix Knopp, Sebastian Rudolph) reißen das Ruder an sich und stehen allein auf der Bühne. Von Zetteln lesen sie die Forderungen und Erfahrungsberichte aus den Mühlen der Asyl-Bürokratie ab. In den folgenden knapp zwei Stunden versuchen die Flüchtlinge, sich den Raum und die Deutungshoheit von den professionellen Schauspielern zurückzuerobern. Mit Jelinek-typischen Wortspielen, einer Kette von Missverständissen, einer Mischung aus gelungenen Pointen und Slapstick verhandelt der Abend die Frage, wie die Mehrheitsgesellschaft auf die schutzsuchenden Flüchtlinge reagiert und wie sie reagieren sollte: „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch ja spielen.“

Der satirische Biss nimmt immer dann zu, wenn sich Jelinek/Stemann auf einen konkreten Ausschnitt dieses größeren Panoramas konzentrieren: auf die Sprechblasen politischer Info-Broschüren für die ankommenden Flüchtlinge oder die Scheinheiligkeit der katholischen Kirche, an der sich Jelinek mit österreichischem Blick abarbeitet. Besonders gallig fällt die Abrechnung mit dem gutsituierten Hamburger Stadtteil Pöseldorf aus, wo betuchte Gattinnen vor laufenden NDR-Kameras ihre Ablehnung der Flüchtlinge mit scheinbar gut gemeinten Floskeln zu begründen versuchten und sich nach allen Regeln der Kunst blamierten. Ihre Statements werden von einem Chor um die wieder einmal wunderbare Barbara Nüsse vorgetragen. Aber wie nah Pöseldorf sein kann, zeigt die Aktualisierung des Stücks fürs Theatertreffen: wenige Kilometer vom Haus der Berliner Festspiele in Wilmersdorf entfernt mobilisierte vor einigen Monaten im Berliner Westend eine Bürgerinitiative, die nach Pöseldorfer Vorbild die Unterbringung von Flüchtlingen in ihrem Stadtviertel mit Protesten und Gerichtsverfahren verhindern wollte.

Die Schutzbefohlenen ist ein Abend, der seine Wut über die Lage der Flüchtlinge und seine scharfe Anklage dieser Zustände in gefällige Melodien und bitterböse Texte verpackt: Komm mit, auf unser Wertefundament!, werden die Flüchtlinge aufgefordert. Am liebsten hält man sie sich aber doch auf Distanz, nach dem nächsten Schiffsunglück vor Lampedusa gibt es für die ertrunkenen Kinder dann ein Bärli auf dem Sarg, wie Schauspieler und Flüchtlinge kurz vor Schluss gemeinsam singen.

Jelineks/Stemanns Flüchtlings-Klagechor ist bemerkenswertes, politisches Theater. Als sie die Arbeit an diesem Stoff begannen, gärte das Problem bereits, aber meist nur als kleine Meldung in der Tagesschau oder auf den hinteren Zeitungsseiten. Nach den Protesten von Pegida, brennenden Unterkünften und den sich häufenden Bildern ertrinkender Flüchtlinge im Mittelmeer ist das Thema ganz oben auf der politischen Agenda angekommen. Ein Brennpunkt nach dem nächsten, ein Gipfel nach dem anderen, keine Lösung in Sicht. Die Schutzbefohlenen werden ihre Brisanz wohl noch lange nicht verlieren, Nicolas Stemann und sein Team sollten sich auf weitere Aktualisierungen des Abends einstellen.

Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek. – Regie und Bühne: Nicolas Stemann. – Kostüme: Kathrin Wolfermann. – Musik: Daniel Regenberg und Nicolas Stemann. – Video: Claudia Lehmann. – Dramaturgie: Stefanie Carp.
Mit: Thelma Buabeng, Ernest Allan Hausmann, Felix Knopp, Isaac Lokolong, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Dennis Roberts, Sebastian Rudolph und einem Flüchtlingschor. – Uraufführung am 23. Mai 2014 bei Theater der Welt in Mannheim, seit 12. September 2014 im Repertoire des Thalia Theater Hamburg. – Eröffnung des Berliner Theatertreffens 2015 am 1. und 2. Mai 2015.

„Warten auf Godot“ am DT: Samuel Finzi und Wolfram Koch als traurige Clowns in Endlosschleife

Wie soll man Warten auf Godot, Samuel Becketts Klassiker des absurden Theaters, heute inszenieren? Heerscharen von Literatur- und Theaterwissenschaftlern beißen sich seit Jahrzehnten an der Frage die Zähne aus, wie dieses wohl berühmteste Anti-Drama des Literaturnobelpreisträgers zu interpretieren ist. Ging es Beckett um die Auseinandersetzung mit der Religion, die Suche nach Gott, die Theodizee-Frage? Oder arbeitet Beckett mit diesem Stück seine Jahre bei der Résistance im von den Nazis besetzten Frankreich auf, wie manche Forscher vermuten?

Regisseur Ivan Panteleev
lässt diese Frage dahingestellt. Er setzt auf seine beiden Hauptdarsteller, das Duo Samuel Finzi und Wolfram Koch aus der Gotscheff-Theaterfamilie, die an diesem Abend tun, was sie am besten können: Fast ganz ohne Requisiten beharken sie sich auf der abschüssigen Rampe rund um den Krater als traurige Clowns. Das Warten auf Godot wird zur Reflexion über die Leere und das Nichts, unterbrochen von virtuosen Slapstick-Nummern.

Im Publikum gehen die Meinung auseinander: der Regiestil dieser Inszenierung wird von den einen begeistert beklatscht, andere winken gähnend ab und zeigen sich lieber schon nach einer halben Stunde Kinderfotos auf ihren Smartphones. Jede Anspielung auf die zerdehnte Zeit, das vergebliche Warten und die aufkommende Langeweile von Wladimir und Estragon auf der Bühne wird von ironisch vor sich hin gemurmelten, zustimmenden Zuschauerkommentaren begleitet. Dieser Abend zieht sich trotz seiner Dauer von etwas mehr als zwei Stunden ziemlich in die Länge.

Einer wäre wohl sehr begeistert von dieser Inszenierung: Dimiter Gottscheff, der während der Vorarbeiten zu diesem Stoff an den Folgen seiner Suchterkrankung starb, so dass sein langjähriger Weggefährte Panteleev die Arbeiten abschließen musste. Ihm ist diese Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Deutschen Theaters Berlin gewidmet. Mit der Einladung zum Theatertreffen 2015 verneigt sich die Jury ein zweites Mal vor Gotscheff, dessen letzte Münchner Inszenierung Zement nach Heiner Müller das Festival im vergangenen Jahr eröffnete.

Warten auf Godot von Samuel Beckett. – Regie: Ivan Panteleev. – Für Dimiter Gotscheff. – Premiere bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen am 5. Juni 2014, am Deutschen Theater Berlin am 28. September 2014. – Eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2015. – Ca. 2 Stunden 20 Minuten