Archiv der Kategorie: Theater

Theater-Debüt: Florian Bartholomäi als Dorian Gray

Der Mörder ist immer der Florian: „Tatort“-Aficionados haben nachgezählt, dass kein Schauspieler so oft am Sonntag Abend mordete wie Florian Bartholomäi. Dabei wirkt der Endzwanziger auf den ersten Blick ganz und gar nicht gefährlich, sondern wie der nette Junge von nebenan aus dem Friedrichshain.

Bei seinem Theater-Debüt bleibt er sich treu: einen Mehrfach-Täter spielt Bartholomäi auch im Kleinen Theater in Friedenau, einer gutbürgerlichen Gegend im alten West-Teil der Stadt, in der es wesentlich beschaulicher zugeht als im hippen Fhain, die aber mit der Ring-Bahn von dort schnell zu erreichen ist. Er spielt die Hauptfigur in John von Düffels Bühnen-Fassung von „Das Bildnis des Dorian Gray“, bei der sich der Dramaturg des Deutschen Theaters nah an Oscar Wildes Roman-Vorlage (1891) hielt.

Recht konventionell bringt Regisseur Boris von Poser die bekannte Geschichte auf die Bühne. Neben Bartholomäi sind noch weitere bekannte Namen in dem weniger als 100 Zuschauer fassenden Kleinen Theater zu Gast: Matthias Freihof bekommt als Lord Henry die berühmten Aphorismen und Bonmots in den Mund gelegt, deren Wiedererkennungswert so hoch ist, dass jedes Mal ein Raunen durchs Publikum geht. Stella Maria Adorf ist als Lady Wotton zu sehen.

Bei seiner ersten Theater-Rolle erreicht Bartholomäi leider nicht die Präsenz, mit der er 2006 in „Reine Geschmackssache“ an der Seite der erfahrenen Kollegen Edgar Selge und Roman Knižka überzeugte. Seine zweite Film-Rolle (nach „Kombat Sechzehn“) war damals ein Kino-Überraschungs-Hit, sein Theater-Debüt „Das Bildnis des Dorian Gray“ ist eine grundsolide Roman-Adaption.

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„Geächtet“ am Kudamm: Scherbenhaufen nach entgleistem Abendessen

Zwei gutsituierte Paare, ein gepflegtes Abendessen, Small-Talk über Gott und die Welt, bis der Abend komplett entgleist: diese Thematik kennen wir aus zahlreichen Salonkomödien, vor allem aus Edward Albees Klassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“?

Das Problem des Broadway-Hits „Geächtet“ von Ayad Akhtar, der momentan von Berlin über München bis Hamburg auf mehreren deutschen Spielplänen steht, ist, dass die knapp zwei Stunden thematisch zu sehr überfrachtet sind. Private Eifersuchtsdramen verschränken sich mit Amirs schwierigem Verhältnis zum Islam. Der hochbezahlte Anwalt verleugnet seine muslimisch-pakistanische Herkunft und gibt sich den indischen Nachnamen Kapoor. Er ist peinlich darauf bedacht, sich von der Religion abzugrenzen, mit der er aufgewachsen ist, bis es während des Dinners aus ihm herausbricht: Er sei stolz auf die Attentäter von 9/11.

Wie er zu dieser Einschätzung kommt, bleibt im Dunkeln. Um so nachvollziehbarer ist die entsetzte Reaktion der drei Mitdiskutanten. Sie verzetteln sich in Diskussionen über das Racial Profiling bei Sicherheitskontrollen an Flughäfen und die Drohungen des ehemaligen iranischen Präsidenten Ahmadinejad gegen Israel. Die Dialoge bleiben jedoch hölzern, so dass sie ebenso wenig Interesse wecken können wie die privaten Über-Kreuz-Verstrickungen der beiden Paare.

Der Beatles-Song „A day in the life“ ist einer der wenigen Momente, die von dieser Inszenierung von Ivan Vrgoč im Theater am Kurfürstendamm angenehm in Erinnerung bleiben. Für Amir endet der Abend als Scherbenhaufen, für das Publikum ist er kein großes Theatervergnügen. Es war für die fünf Schauspieler (Katja Sallay, Mehdi Moinzadeh, Dela Dabulamanzi, Gunther Gillian und Rauand Taleb) allerdings sicher auch nicht einfach, knapp zwei Monate nach der Premiere vor einem nur spärlich besetzten Saal zu spielen.

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Die Paranoia der grauen Mäuse: Kafka-Abend „Ein Käfig ging einen Vogel suchen“

Die fünf grauen Mäuse, denen Andrea Schraad einen Einheitslook (Seitenscheitel, Brille, beiger Pullunder, Aktentasche) verpasst hat, sind bedauernswerte Gestalten. Angststarr verkriechen sie sich in ihrer Wohnung. Vor den Zumutungen der Außenwelt sind sie aber auch hier nicht sicher: die Stimme im Radio verliest Nachrichten vom Wüten der IS-Terroristen und dem vergeblichen Ringen um eine „europäische Lösung“.

Wenn es nicht so traurig wäre, mitzuerleben, wie die Idee der europäischen Einigung erodiert und die Mitgliedstaaten der EU seit Monaten daran scheitern, sich auf die naheliegende Lösung einer solidarischen Verteilung der Flüchtlinge zu einigen, könnte man die grotesken Gipfel-Treffen, an denen sich die EU-Regierungschefs entlang hangeln, fast für eine Erfindung von Franz Kafka halten: Bürokratisiert, ein Trott eingespielter Rituale, die durch unerwartete Ereignisse kurz aufgemischt werden, und doch wieder nur mit Formelkompromissen enden oder sich komplett ergebnislos vertagen.

Der auf fünf Klone (Elias Arens, Moritz Grove, Bernd Moss, Jörg Pose, Natali Seelig) aufgespaltene Protagonist von Andreas Kriegenburgs Kafka-Abend „Ein Käfig ging einen Vogel suchen“ am Deutschen Theater hat es längst aufgegeben, sich mit diesen Details zu befassen. Er hat sich in seine kleine Höhle zurückgezogen, völlig überfordert von einer Welt da draußen, die aus den Fugen scheint und ihm nur Angst macht. Panisch verkriecht er sich im „Bau“ und steigert sich immer tiefer in seine Angstphantasien hinein, dass das Unbekannte und Fremde auch in seinen letzten Zufluchtsort eindringen könnte.

Gefährlich wird diese Haltung vor allem dann, wenn sie sich aggressiv gegen Dritte wendet. „Er tut uns nichts, aber er ist uns lästig, das ist genug getan; warum drängt er sich ein, wo man ihn nicht haben will. Wir kennen ihn nicht und wollen ihn nicht bei uns aufnehmen. Wir fünf haben zwar früher einander auch nicht gekannt, und wenn man will, kennen wir einander auch jetzt nicht, aber was bei uns fünf möglich ist und geduldet wird ist bei jenem sechsten nicht möglich und wird nicht geduldet“, schreien die fünf ihren Fremdenhass in Kafkas „Die Gemeinschaft“ heraus. Diese Erzählung hat Andreas Kriegenburg mit weiteren Texten und Fragmenten zu einem Collage-Abend verbunden und auf seine schiefe Bühne gebracht.

Derartig lautsprecherische Pegida-Parolen bleiben an diesem Theaterabend aber eher die Ausnahme: die Figuren verkriechen sich lieber mit ihrer Lebensuntüchtigkeit in ihrem Angstkokon. Diese Haltung beschreibt „Ein Käfig ging einen Vogel suchen“ unterhaltsam, aber mit auf die Dauer ermüdender Redundanz. Die spielerische Annäherung an die besorgten Bürger wäre noch sehenswerter, wenn sie weniger im Slapstick herumtändeln würde. Es muss ja nicht gleich zu einer frontalen Abrechnung mit AfD und Co. wie Falk Richters „Fear“ an der Schaubühne kommen, aber mehr Zuspitzung hätte der recht brave Abend gut vertragen können.

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Gegenbesuch: Gysi hält sich mit Pelzig ohne Bowle im Deutschen Theater

Gregor Gysi, auch nach seinem Rückzug aus der ersten Reihe immer noch bekanntester Kopf der Linkspartei, hat die Prinzipien der Marktwirtschaft verinnerlicht: Leistung für Gegenleistung!

Er ließ sich in ZDF-Sendung „Pelzig hält sich“ mit der berüchtigten Bowle quälen und stellte sich den nur scheinbar harmlos-naiven Fragen des Gastgebers, mit denen schon mancher Gesprächspartner aufs Glatteis geführt wurde. Aber nur unter folgender Bedingung: „Pelzig“ musste ihm nach mehreren gescheiterten Versuchen einen festen Termin nennen, an dem er ihm bei Gysis Matinee-Reihe im Deutschen Theater einen Gegenbesuch abstattet.

Am Sonntag Vormittag erschien „Erwin Pelzig“ aber ohne seine Markenzeichen: Ohne Hut und Herrenhandtasche, dafür mit Brille ist der Kabarettist Frank Markus Barwasser gut getarnt, auf der Straße hätte ihn wohl kaum jemand auf Anhieb erkannt. Im Gespräch wirkt er introvertiert, viel weniger red- und leutselig als seine Kunstfigur „Erwin Pelzig“, mit der er seit 1993 auf den Bühnen zu sehen ist.

Die beiden wichtigsten Fragen wurden erst gegen Ende angesprochen: Was ist eigentlich in der Bowle drin, von der nur Theo Waigel freiwillig mehrere Gläser trank? Das genaue Rezept ist vermutlich so geheim wie die Coca Cola-Formel, aber „Pelzig“ lässt sich doch etwas in die Karten schauen. Die Zutaten, die er für den alkoholfreien Mix aufzählt, sind zum Gruseln und würden sich auch für die nächste Dschungelprüfung eignen. Die zweite Frage, wann wir „Pelzig“ nach dem Aus von „Neues aus der Anstalt“ (2013) und der letzten Folge von „Pelzig hält sich“ im Dezember 2015 wieder im TV erleben können, ließ er offen. Zuerst freue er sich auf die Geburt seines Kindes, nach einer Kreativpause sei auch ein neues Bühnenprogramm denkbar. Aber die aktuellen politischen Umbrüche seien so gravierend und die Situation so unübersichtlich, dass er einen gewissen Abstand brauche.

Schon kurz nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Neueren Geschichte und Ethnologie in München und Salamanca begann er damit, eigene Programme zu schreiben. Er tingelte bereits über die fränkischen Kleinkunstbühnen, als er noch Redakteur des Bayerischen Rundfunks in seiner Heimatstadt Würzburg war. Sein „Erwin Pelzig“ wirkte damals noch tölpelhafter, erst im Lauf der Jahre entwickelte er sich zu einem bauernschlauen Beobachter von Politik und Gesellschaft, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und sich seine Gedanken über die Zeitungslektüre von der Finanzkrise bis zur GroKo-Politik macht, dabei aber auch mal überraschend Hannah Arendt zitiert.

No One Survives: ein Holocaust-Überlebender zwischen drei Frauen am Gorki

Yael Ronen springt mit ihrer neuen Inszenierung „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“ aus der Schublade, in der sie es sich eigentlich bequem eingerichtet hatte und die ihr zwei Einladungen zum Theatertreffen in Folge beschert hatte. „Common Ground“ (2015 ausgewählt) und „The Situation“ (2016), aber auch ihre anderen Gorki-Inszenierungen „Erotic Crisis“ und „Das Kohlhaas-Prinzip“ machten den Namen Ronen zu einer Marke in der Berliner Theaterlandschaft. Das Publikum glaubte zu wissen, was man von ihr bekommt: temporeiche Stückentwicklungen, die aus den Biographien aller Mitspieler schöpfen. Abende mit Zuspitzungen, streitbar, überschäumend, mal übers Ziel hinausschießend, aber nie langweilend.

Im „Freitag“ kündigte Ronen zwar an, dass ihre neue Inszenierung eine „werkgetreue“ Romanadaption von Isaac Bashevis Singers „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“ werde. Das Ergebnis ist dennoch ein überraschender Bruch mit den Erwartungen. Was sie bewog, diesen Stoff, der in Deutschland weitgehend unbekannt, aber in Israel Schullektüre ist, auf die Bühne zu bringen, deutet sie im „Freitag“ nur an: „Es war sogar Teil meiner Abschlussprüfungen. Ich kenne und liebe das Buch also schon sehr lange. Ich wäre aber nicht auf die Idee gekommen, ein Theaterstück daraus zu machen. Eine der Schauspielerinnen hat Feinde auf Deutsch gelesen und zu mir gesagt: Die Geschichte ist auch heute noch relevant.“

So hölzern und mit so vielen Längen war Ronen am Gorki noch nicht zu erleben. In 50er Jahre-Kostümen turnt Herman Broder (Aleksandar Radenković) über das Baugerüst auf der Bühne, hin- und hergerissen zwischen drei Frauen: seiner polnischen Haushaltshilfe Yadwiga (Orit Nahmias), die ihn vor den Nazis versteckte, seiner Affäre Masha (Lea Draeger) und seiner tot geglaubten, aber plötzlich wiederauftauchenden Frau Tamara (Çiğdem Teke). Der Hauptdarsteller ist deshalb über weite Strecken damit beschäftigt, sich Notlügen einfallen zu lassen, zwischen den Frauen hin- und herzuhetzen und sich aus-, an- oder umzuziehen.

Die knapp zwei Stunden wirken zäh und uninspiriert. Zum Rettungsanker des Abends wird der Musiker Daniel Kahn. Auf seinem Akkordeon und mit seinen beiden Mitstreitern Christian Dawid und Hampus Melin liefert er viel mehr als folkloristische Klezmer-Hintergrund-Musik als Pausenfüller, für die man seine Auftritte zwischen den Szenen zunächst halten könnte.

In einem Sprach-Mix aus Jiddisch, Deutsch, Englisch, Hebräisch und mit bissig-intelligenten Texten fasst er die Spielhandlung zusammen. Und noch viel mehr als das: er thematisiert den Schmerz der Vertreibung der Juden aus Europa und das Trauma des Holocausts, die den Hintergrund dieser Geschichte aus Brooklyn in den 50er Jahren bilden, aber in den holprigen Spielszenen viel zu kurz kommen. Mit seinem traurigen „No One Survives“ beschließt er das Stück und erntet den stärksten Applaus. Es hätte völlig genügt, die ganze Geschichte nur von ihm und seiner Band als Liederabend erzählen zu lassen.

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Strampeln im Hamsterrad: ≈ [ungefähr gleich] im Schaubühnen-Studio

Unter Hamster-Masken schwitzen die vier Schauspielerinnen und Schauspieler dieses Abends (Iris Becher, Bernardo Arias Porras, Renato Schuch, Alina Stiegler). Die SZ erinnerte es an eine Textilfabrik in Bangladesch, wie sie im Akkord schuften und Gold-Papier in kleine Schnipsel schneiden. In den folgenden 90 Minuten teilen sie sich mehr als zwanzig Rollen auf, die alle eines gemeinsam haben: sie träumen von Glück und Wohlstand, strampeln und strampeln, scheitern aber doch.

Wir erleben den Fachmann für Wirtschaftsgeschichte, der in langen Monologen von seinem Fachgebiet schwärmt, aber keine Chance auf einen Lehrstuhl hat. Die Angestellte im Tabakladen muss Rubbellose verkaufen, würde aber lieber als Selbstversorgerin auf einem Öko-Bauernhof aussteigen. Der Nächste reiht Abendkurse an Fortbildungen, wird aber doch in allen Bewerbungsverfahren abgewiesen und muss sich von der frustriert-gelangweilten Jobcenter-Mitarbeiterin (Iris Becher in einer der gelungensten Miniaturen des Abends) schikanieren lassen. Freja schreckt nicht mal davor zurück, ihre Rivalin um den Arbeitsplatz vor ein Auto zu schubsen. Nur der Schauspieler Peter (Bernardo Arias Porras) zeigt dem Kapitalismus den Stinkefinger, er schnorrt sich als angeblicher Obdachloser durch. Er hat sein Geschäftsmodell optimiert und verfügt über ein großes Repertoire an Sprüchen und Geschichten, die er je nach Situation auspackt.

Das Problem des Abends ist, dass der schwedische Autor Jonas Hassen Kherimi die kurzen Szenen so überkonstruiert miteinander verknüpft hat, dass am Ende alle Figuren irgendwie miteinander zusammenhängen. Bis dahin hetzt das Stück von einer Episode zur nächsten. Kurze Schlaglichter statt Geschichten mit Tiefenschärfe. Mina Salehpour, die zum fünften Mal ein Kherimi-Stück auf die Bühne bringt und deren Arbeiten bisher vor allem in Hannover, Braunschweig oder am Grips Theater zu sehen waren, bringt diese Sketche aus dem kapitalistischen Hamsterrad souverän auf die Bühne.

Bleibt noch die Frage nach dem Unterhaltungswert: der oben erwähnte Wirtschaftshistoriker erklärt zu Beginn ausführlich eine mathematische Formel, mit der man diesen Wert angeblich ganz genau berechnen könnte. Bei dieser ≈ [ungefähr gleich]-Inszenierung im Studio der Schaubühne liegt er im soliden Mittelfeld. Der Abend bietet wenig Neues. Zu oft haben sich junge Dramatiker schon mit ähnlichen Ideen und Thesen an der Arbeitswelt abgearbeitet.

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Terror in Russland: „Die Gerechten / Das fahle Pferd“ von Albert Camus / Boris Sawinkow im bat-Studiotheater

Wenn die zehn Theatertreffen-Inszenierungen wie Stadionrock-Stars auf Tour eine Vorgruppe hätten, wäre klar, welches Stück vor Daniela Löffners russischer Turgenjew-Elegie „Väter und Söhne“ aufgeführt werden müsste.

Marcel Kohler spielt bei diesem Überraschungserfolg in den Kammerspielen des Deutschen Theaters eine der Hauptrollen als Arkadij Nikolajitsch Kirsanow. Kurz danach studierte er mit fünf Studenten aus dem 3. Studienjahr der HfS Ernst Busch (Lukas Gabriel, Roman Schomburg, Joshua Jaco Seelenbinder, Samuel Simon, Alexander Wanat) und ihrer Kommilitonin Luise Pöls den Abend „Die Gerechten / Das fahle Pferd“ von Albert Camus / Boris Sawinkow im bat-Studiotheater ein.

Die Stoffe sind nicht nur thematisch ähnlich, hier geht es ebenfalls um die politischen Umwälzungen im Zarenreich und anarchistische Ideen. Auch ästhetisch schwelgen beide Abende in einer elegischen Grundstimmung mit langen Kunstpausen. Wie am DT sitzt das Publikum in einem Rechteck um die Schauspieler auf der Bühne.

Auch wenn die bat-Studiotheater-Inszenierung vor allem in der ersten Hälfte von „Väter und Söhne“ inspiriert ist, handelt es sich natürlich nicht um ein Plagiat. Nach der Pause wird der Abend dynamischer. Nach den recht zähen Planungen des Attentats auf den Großfürsten und einer ausgiebigen Kunstschneeballschlacht während der Pause findet sich das Ensemble im Gefängnis wieder.

Die übrigen Häftlinge sind als Menschenknäuel zusammengeballt und stellen dem Attentäter neugierige Fragen zu seinen Motiven. Neben der Musikalität (Chorgesang christlicher und russischer Melodien, begleitet von Klarinette und Gitarre) hat der Abend nun auch komische Momente. Die Begriffsstutzigkeit der Gefangenen wird zum running gag. Das leitmotivisch wiederholte „Russland wird heilen. Russland wird wieder schön sein“ hallt als hoffnungsvoller Appell für eine bessere Zukunft nach Putins autoritärer Herrschaft beim Verlassen des Theaters nach.

Wer „Väter und Söhne“ liebt, wird auch „Die Gerechten/Das fahle Pferd“ mögen.

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Zeitreise in die 90er: „Werther!“-Solo von Philipp Hochmair

Die Schulklassen, die gestern scharenweise zum „Werther!“-Gastspiel ans Berliner Ensemble geschleppt wurden, sind bedauernswert. Welchen Eindruck nehmen sie vom Theater nach Hause?

Ein manieriert gesprochener Monolog mit dem Reclam-Heftchen, das sie schon aus dem Unterricht kennen, als Bühnen-Hintergrund; der zweite Teil verliert sich in postdramatischen Mätzchen der einfallslosesten Art.

Als Regisseur Nicolas Stemann den Abend mit dem Schauspieler Philipp Hochmair im Jahr 1997 erarbeitete, mögen die Live-Video-Experimente, die hier recht tapsig eingesetzt werden, gerade eine spannende Innovation gewesen sein. Aber die Altherren-Humor-Zoten wirkten bestimmt auch damals nur peinlich. Die vorderen Reihen mit Salatblättern zu bewerfen, ist kein besonders aufregender oder auch nur ansatzweise gelungener Einfall. Außerdem ist der Sitznachbarin zuzustimmen, die sich über den sehr stark in den Saal wabernden Gestank beschwerte, als Hochmair und Stemann vermutlich keine anderen Gags mehr einfielen und der Schauspieler eine ausführliche Zigarettenpause einlegte.

Der Abend ist zu keinem Zeitpunkt packend, die missglückte Zeitreise in die 90er ist zum Gruseln. Die flauen Witzchen über die Herren Beil, Brandauer und Peymann, denen Hochmair im Mittelteil für die Einladung nach Berlin dankt, gehören angesichts der Tiefpunkte des Abends schon zu den erträglicheren Momenten.

Das einzig Lohnenswerte an diesem Ausflug in die 90er ist, dass mal wieder „Perfect Day“ von Lou Reed aus „Trainspotting“ zu hören war.

Trailer zu „Werther!“

Die Entzauberung der Birgitte Nyborg: Nicolas Stemann macht sich über die Polit-Serie „Borgen“ her

Birgitte Nyborg kann einem schon manchmal auf den Keks gehen: die „Borgen“-Hauptfigur bekommt von den Machern der dänischen Politserie (Adam Price als Hauptautor und den Co-Autoren Jeppe Gjervig Gram und Tobias Lindholm) oft Redetexte in den Mund gelegt, die zu sehr nach schöner, heiler Sprechblasen-Welt klingen. Mit einer Prise zu viel Pathos vorgetragen und so gestanzt, dass Nyborg nicht wie die Regierungschefin eines EU-Landes, sondern wie eine Prinzessin aus dem Märchenreich wirkt.

Daran störte sich auch der Regisseur Nicolas Stemann, der vor der Premiere seiner Theater-Adaption an der Berliner Schaubühne, im Interview mit der Freitags-Redakteurin Christine Käppeler sagte: „Ich misstraue der Nyborg.“

Er hat sich gemeinsam mit seinem Dramaturgen Bernd Stegemann und seinem Ensemble vorgenommen, den „Wohlfühlserienfilter“ wegzunehmen und die heilige Birgitte von Christiansborg zu entzaubern. Stefanie Eidt (als Birgitte Nyborg), Tilman Strauß (als Spindoktor Kasper Juul), Regine Zimmermann (als Journalistin Katrine Fønsmark) und Sebastian Rudolph (als Nyborgs Mann Phillip Christensen) finden sich an einem langen Tisch voller Apparate und Kabelsalat wieder, der an eine chaotisch organisierte TV-Redaktion erinnert.

Für ihre fast vierstündige Vorstellung, die von zwei Pausen unterbrochen wird, picken sie sich markante Szenen aus den mittlerweile 30 Folgen der drei TV-Staffeln heraus. Diese werden mit aufgeklebten Bärten, schiefen Perücken und vom Teleprompter abgelesenen Dialogen karikiert. Ist die Szene durchgespielt, folgt entweder ein Lied im Stil von Bert Brecht, das die Handlung zusammenfasst, oder die beiden altklugen Kinder von Birgitte Nyborg referieren über soziale Ungleichheit und die Schattenseiten der Globalisierung. An diesen Stellen entfernt sich der Abend am weitesten von seiner Vorlage. Meist wird aber gleich im Schnelldurchlauf vorgespult. Besucher, die das dänische Original bisher nicht kannten, könnten angesichts der vielen Namen und Nebenrollen, die das Ensemble unter sich aufteilt, den Überblick verlieren.

Diese kabarettistische Herangehensweise an „Borgen“ läuft Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Der bekennende Polit-Serien-Fan Jürgen Trittin hat in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur zurecht beklagt: „Das Plakative gewinnt, es verliert sozusagen die Differenzierung, der Zwischenton.“ Auch wenn Birgitte Nyborg manchmal nervt, ist „Borgen“ nicht umsonst ein Exportschlager und Qualitätsfernsehen. Die Serie malt nicht nur Schwarz-Weiß, sondern verhandelt in Grautönen das Aushandeln politischer Kompromisse bei Regierungsbildungen und im Tagesgeschäft. „Borgen“ lotet die Handlungsspielräume von Minderheitsregierungen aus, beleuchtet das schwierige Verhältnis gegenseitiger Instrumentalisierung von Politik und Boulevard-Medien und die Auswüchse von Spin-Doktoren und Lobbyismus. All das kommt an diesem langen Abend deutlich zu kurz. Stemann macht es sich mit seiner pauschalen Ablehnung der Serie zu einfach.

Mich hat an diesem Theaterprojekt vor allem ein Aspekt interessiert, den Stemann nur anreißt: wie im Rückspiegel erkennen wir in den Dialogen der 1. Staffel, die in Dänemark schon vor sechs Jahren ausgestrahlt wurde, ein erstaunliches Abbild unserer gegenwärtigen politischen Diskussion. Auf der einen Seite das Erstarken einer rechtspopulistischen Partei, die mit ihren Parolen die politische Mitte vor sich hertreibt. Sie fordern die Schließung der Grenzen, mehr Abschreckung und die Verschärfung des Asylrechts. Auf der anderen Seite eine Regierungschefin, die für Willkommenskultur eintritt. Stemann greift diese, wie er im Interview mit dem Freitag selbst sagte, „frappierenden“ Parallelen zwar auf, belässt es aber bei einigen eingestreuten „Wir schaffen das!“-Zitaten und einem Räsonieren über das ökonomische Kalkül hinter einer liberalen Einwanderungspolitik.

Als die Serie 2010 in Dänemark erstmals ausgestrahlt wurde, waren die Flüchtlinge hierzulande noch ein Thema für eine Minderheit um Pro Asyl und Claudia Roth. Auf unserer „Insel der Seligen“ vertrauten wir darauf, dass uns das Dublin-Abkommen die Not der Flüchtlinge vom Leib halte. Erst als sich die Bilder von Ertrinkenden vor Lampedusa häuften, wurde die deutsche Öffentlichkeit wachgerüttelt. Nicolas Stemann leistete dazu mit seiner sehenswerteren Inszenierung „Die Schutzbefohlenen“ seinen Beitrag. Die schrillen Töne von rechts, über die viele in den vergangenen Monaten erschrocken sind und die an der Schaubühne in Falk Richters „Fear“ thematisiert werden, waren in Dänemark und vielen anderen EU-Staaten schon damals in den Parlamenten vertreten. Die Dänische Volkspartei unterstützte zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung von „Borgen“ bereits seit mehreren Jahren eine liberal-konservative Minderheitsregierung und fuhr stabile Wahlergebnisse von 12-14 % ein. Verhältnisse, von denen wir uns damals weit entfernt wähnten… Mittlerweile ist die rechtspopulistische Volkspartei mit 37 Parlamentssitzen und 21,1 % der Stimmen zur zweitstärksten politischen Partei in Dänemark aufgestiegen.

Es wäre interessant gewesen, diese Zusammenhänge noch stärker zu beleuchten, anstatt sich in einer kabarettistischen Nacherzählung des Serienstoffs zu verzetteln. Außer einer entzauberten Birgitte Nyborg bleibt wenig von diesem Schaubühnen-Abend.

Wenn die heilige Birgitte von Christiansborg mal wieder nervt, gibt es aber noch zwei andere bewährte Gegenmittel: Entweder man legt ein paar Folgen „House of Cards“ mit Kevin Spacey als diabolischem Strippenzieher ein. Diese Serie wird etwa zur Hälfte von Stemanns Inszenierung, als es um Guantánamo-Häftlinge und einen US-Staatsbesuch geht, auch kurz zitiert. Oder man sieht sich die Birgitte-Darstellerin Sidse Babett Knudsen in „Duke of Burgundy“ an, wo sie von Peter Strickland ganz entgegen den mit ihrer „Borgen“-Rolle verknüpften Erwartungen besetzt wurde.

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Kaum Funkenflug auf dem „Feuerschiff“ im Deutschen Theater

An einigen Stellen blitzt das Potenzial der vier Schauspieler auf dem „Feuerschiff“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters auf.

Als sich Owen Peter Read (in der Doppelrolle als Eugen/Edgar) ganz in unschuldigem Weiß im Schlepptau von Hans Löw (Dr. Caspary) breitmacht, liegt eine Atmosphäre wie in „Funny Games“ in der Luft. Für kurze Momente treten die Eindringlinge so schnöselig auf wie bei Haneke, als sie ihre Opfer in die Enge treiben. Aber John von Düffels „skelettierte“ Fassung der Erzählung von Siegfried Lenz ist Thesentheater statt Psychothriller.

Auch bei der Konfrontation zwischen Fred (Timo Weisschnur) und seinem Vater, dem Kapitän Freytag (Ulrich Matthes), könnten die Funken fliegen. Die Textvorlage lässt ihnen aber zu wenig Raum zur Entfaltung. Ulrich Matthes muss die „Ordnung“ so oft beschwören, bis seine Figur zur Verkörperung eines Prinzips wird, aber nicht mehr wie ein Mensch aus Fleisch und Blut wirkt. Eine Energie, die diesem Abend gut tun würde, ist auch unter der Oberfläche spürbar, als Fred von den Gangstern provoziert wird. Sie darf sich aber nicht entladen.

Nach nur knapp einer Stunde endet der Abend ziemlich abrupt. Das Publikum bleibt mit dem Gefühl zurück, dass der Vater-Sohn-Konflikt über die Frage, ob zurückhaltendes Abwarten oder Gegengewalt die richtige Antwort auf einen Übergriff ist, nicht auserzählt ist. Auch zwischen Freytag (Matthes), dem bedingungslosen Verfechter von Ordnung und Status quo, und dem Desperado Dr. Caspary (Löw), der zwischen Raucherpausen seine von Sartres Existentialismus inspirierte Thesen vorträgt, entwickelte sich nicht das erhoffte packende Duell, in dem um Prinzipien gerungen wird.

Der Premierenabend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters endete zwar mit freundlichem Applaus für Regisseur Josua Rösing und seine Schauspieler, der Funke wollte aber nicht überspringen.

Trailer und weitere Termine, alle Vorstellungen im März sind bereits ausverkauft