Archiv der Kategorie: Berliner Theater

„Wodka-Käfer“: Momentaufnahmen vom Prenzlauer Berg in der Box des Deutschen Theaters

Mit ganz einfachen Mitteln stellte das Deutsche Theater Berlin bei seiner letzten Produktion vor Weihnachten einen interessanten Theaterabend auf die Beine: Anne Jelena Schulte klingelte an den Türen eines Altbaus im Prenzlauer Berg, unterhielt sich mit den Bewohnern und verdichtete die Quintessenz ihrer Gespräche zum Theaterstück „Wodka-Käfer“.

Auf die Idee zu dieser Klingel-Recherche-Expedition brachte Schulte der Reportageband „Berliner Mietshaus“ aus dem Jahr 1980. Vor 36 Jahren verwickelte Irina Liebmann die Bewohner desselben Mietshauses im damaligen Ost-Berliner Arbeiter- und Dissidenten-Bezirk Prenzlauer Berg in Gespräche an der Haustür oder in der Küche mitten im „Bratkartoffelgeruch des Alltags“.

Die Stärke dieses Abends ist es, dass er präzise Momentaufnahmen aus dem Prenzlauer Berg liefert, über den so viele Klischees von Latte Macchiatto-Müttern bis Bioladen-Bionade-Schwaben kursieren. Gabriele Heinz und Barbara Schnitzler, zwei große Damen des DT-Ensembles, wechseln sich mit Olivia Gräser und Jonas Vietzke ab, die Hausbewohner zu verkörpern: den alleinerziehenden Architekten Peter, der sich mit Minijobs über Wasser hält. Die in der DDR aufgewachsene Pharmaassistentin Katja, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelt, es aber in der geerbten Eigentumswohnung in Lichterfelde nicht aushielt. Die gerade aus Hamburg zugezogene Startup-Kreativagentur-Beraterin Steffi, die Berlin so supercool findet, aber bisher keine sozialen Kontakte aufbauen konnte. Der Punksänger Mark, der von der Kreuzberger Hausbesetzer-Szene geprägt ist und sich mit seiner Partnerin, einer Schauspielerin, die als Sekretärin jobbt, und zwei im Hintergrund zankenden Kindern mehr schlecht als recht über Wasser hält. Astrid, die Tischlerin mit dem Faible für Astrologie, die sich wie eine Billardkugel fühlt, da sie wesentliche Lebensentscheidungen ihren wechselnden Männern überlassen hat, die sie nach Belieben hin und herschubsen. Die junge Mutter Steffi, die von Panikattacken geplagt wird, sobald sie S-Bahn fährt, und sich deshalb am liebsten mit dem kleinen Kind in ihrem Nest verkriecht.

Erst ganz am Ende landet der Abend bei Prototypen, wie sie durch Prenzlauer Berg-Klischees geistern: bei der schwäbischen Architektin Cordula und ihrem Mann, die eine Sechs-Zimmer-Wohnung großzügig umgestaltet haben. Neben ihren repräsentativen Coffee Table Books und ihren klavierspielenden Kindern liegt ihr vor allem eine Bürgerinitiative am Herz, mit der sie sich bislang vergeblich für eine verkehrsberuhigte Straße einsetzt.

Diese Porträts aus dem Prenzlauer Berg von heute werden von Livemusik (Ingo Schröder) untermalt und in der Regie von Brit Bartkowiak mit nachgespielten Szenen aus dem Jahr 1980 gespiegelt. Auf der Video-Leinwand erleben wir beispielsweise Vietzke und Gräser, wie sie ein junges Paar Anfang 20 spielen, das voller Stolz auf die eigene Wohnung die Parolen des Arbeiter- und Bauern-Staates nachbetet, aber schon bei ersten zaghaften Nachfragen der Interviewerin rat- und sprachlos wird.

Als Faktotum geistert außerdem ein Kammerjäger über die Bühne: Michael Gerber schildert, wie sehr sich der Prenzlauer Berg in den Jahrzehnten gewandelt hat und belegt dies ganz praktisch an den unterschiedlichen Maßnahmen zur Schädlingsbekämpfung. Bei einem seiner letzten Auftritte lüftet er auch das Geheimnis, was es mit dem Titel auf sich hat: der „Wodka-Käfer“ ist eines seiner Lieblingsinsekten.

Nach manchen Enttäuschungen in dieser Spielzeit ist mit „Wodka-Käfer“ in der Box des Deutschen Theater ein kleiner, feiner Abend gelungen. Er unterhält mit seinen zu amüsanten Szenen verdichteten Wohnzimmer-Interviews und zeichnet ein angenehm differenziertes Bild des vielgescholtenen Bezirks, über den sich in einigen Köpfen vorschnelle Urteile verfestigt haben.

Neurotische Diven, zerrissene Grande Nation und russische Elegien: „Service/no service“, „Je suis Jeanne d´Arc“, „Väter und Söhne“, „Kings“

Service/No service: Bildungsbürgerscherze zwischen Lametta und Asphalt

„No Service“: Die großen roten Lettern am Bühnenhintergrund sind in René Polleschs neuem Stück an der Volksbühne ganz wörtlich zu nehmen. Nach den Sitzreihen im Parkett wurden auch noch die „Karamasow“-Sofasäcke entfernt. Wer nicht rechtzeitig da ist, um einen der knapp zwanzig Stühle zu ergattern, muss auf dem abschüssigen Asphalt Platz nehmen. Noch bevor es richtig losgeht, wird das Publikum von Maximilian Brauer aufgescheucht, der sich mit einem Thespiskarren eine Gasse durch die Reihen bahnt, bevor er in einer Phantasiesprache auf seine vielen, bunten Smarties einbrabbelt. Kathrin Angerer pflaumt das Publikum an: „Warum lungert ihr hier eigentlich herum? Ihr könnt doch auf den Brettern, die die Welt bedeuten, nicht einfach so lang latschen!“

Der Volksbühnen-Diva geht es in „Service/no service“ aber auch nicht besser: sie muss sich von ihren drei Kollegen (neben Maximilan Brauer noch Franz Beil und Daniel Zillmann) und einem „Stalker“-Chor aus 18-25jährigen jungen Männern Vorwürfe gefallen lassen: sie habe komplett versagt und ihren „Elektra“-Monolog einfach abgebrochen. Die Schauspielerin ist plötzlich verstummt, Ingmar Bergmans „Persona“ läßt grüßen, aber Kathrin Angerer nölt dann doch gewohnt munter durch den restlichen Abend.

Assoziativ umkreist Pollesch mit Bildungsbürgerscherzen seine bekannten Themen: die Liebe („Es ist so schwer, einen zu finden, der nicht nervt“), das Theater und die Liebe zum Theater. Anspielungsreich geht es von „Manufactum“-Stühlen über „Romeo und Julia“ bis zu „Occupy“ und wieder zurück. Der „Stalker“-Chor entpuppt sich als launischer, fast schon tyrannischer Regisseur, der seine vier Schauspieler hin und herscheucht, Angerer auch mal als „Saftschubse“ abkanzelt. Zum letzten Mal wurde dieses „poststrukuralistische Boulevardtheater“ (Tagesspiegel) vom schwarzen Lametta des im Juli verstorbenen Bert Neumann eingerahmt.

„Service/no service“ ist ein Abend für Pollesch-Fans, der die Leib- und Magen-Themen in neuen Variationen auslotet. Aber sein kongenialer Partner Fabian Hinrichs wurde diesmal vermisst: an „Keiner findet sich schön“ oder „Kill your darlings“ reicht „Service/no service“ nicht heran.

„Je suis Jeanne d´Arc“: Assoziationen am Gorki zu einer nationalen Ikone und zur Zerrissenheit der „Grande Nation“

Über weite Strecken ist „Je suis Jeanne d´Arc“ nur albern: eine Aneinanderreihung von Klamauk und Sexwitzchen, eingerahmt von den klassischen Schiller-Versen.

Erst kurz vor Schluss findet der Abend langsam zu sich: aus seinen Assoziationen webt Regisseur Mikaël Serre, der in Paris lebt, ein Bild der zerrissenen französischen Nation. Auf großen Videoleinwänden erscheint die Front National-Einpeitscherin Marine Le Pen, die sich in ihren Reden häufig auf die französische Ikone Jeanne d´Arc beruft und deren Traum vom Einzug in den Elysee mittlerweile gefährlich realistisch ist. Schnelle Schnitte zwischen den Bildern von Polizei-Einsätzen, Kerzen und Mahnwachen („Nein, wir haben keine Angst“), im Vordergrund kippt ein Schiller-Vers unvermittelt in das Daesh-Bekennerschreiben nach den Pariser Anschlägen.

Dem Abend ist anzumerken, dass er mit heißer Nadel gestrickt ist und nicht nur brandaktuell sein möchte, sondern möglichst viele Stichworte dieses aufwühlenden Jahres in den neunzig Minuten unterbringen will: von den Banlieues über die Diskurse französischer Starphilosophen bis zu den Kurden von Kobane im Kampf gegen Daesh. Im Laufe des Abends geht es etwas subtiler zu als in Aleksandar Radenkovićs Monolog, der sich anfangs von „Charlie Hebdo“ zu „Charlie Brown und Snoopy“ kalauerte.

Nach holprig-albernem Start bekommt er noch die Kurve und skizziert im letzten Drittel französische Zustände. Er nahm sich aber leider nicht die nötige Zeit, sein Material zu ordnen und daraus eine interessante Inszenierung zu machen, die auch über 90 Minuten sehenswert wäre.

„Väter und Söhne: russische Elegie nach Turgenjew“

Zwischen Pollesch und Serres wirkt Daniela Löffners „Väter und Söhne“ am Deutschen Theater fast wie ein Kulturschock: Vier Stunden lang klassisches Schauspielertheater, ohne Schnickschnack und Fremdtext, dafür mit großem Ensemble.

Das Publikum ist ganz nah dran, sitzt auf Stühlen am Rand der Bühne. Die Schauspieler, die gerade nicht dran sind, mischen sich unter die Zuschauer und verfolgen die Dialoge über Politik, Liebe und Generationenkonflikt.

In Brian Friels Bühnen-Fassung (1997) von Turgenjews Roman aus der Zaren-Zeit (1861) werden essend, trinkend, zankend und plaudernd große Themen verhandelt: Zunächst dominiert die Auseinandersetzung mit den revolutionären Ideen des Nihilismus und Anarchismus, mit denen die beiden Studenten Arkadij Nikolajitsch Kirsanow (Marcel Kohler) und Jewgenij Wasiljew Bazarow (Alexander Khuon) das verschlafene Landgut aufmischen. Später geht es um Liebesgeständnisse, die mal glücklich im Duett eines Paares enden (Kohler/Kirsanow mit Katerina Sergejewna/Kathleen Morgeneyer), mal schroff zurückgewiesen werden (Bazarow/Khuon versus Anna Sergejewna Odinzowa/Franziska Machens).

Ausgiebiges Palaver an der langen Tafel wechselt mit kurzen Redegefechten im Stehen, die Waffeln duften verlockend: dennoch bleibt nach den vier Stunden der Eindruck, dass es diesen ausufernden Seelenbespiegelungen gut getan hätte, sie noch mehr zu verdichten. Diese russische Elegie bietet viele schöne Momente und auch Kabinettstückchen von Schauspielkunst, ist aber doch etwas langatmig geraten. Vor allem aus den politischen Debatten im vorrevolutionären Russland hätte das Regieteam noch mehr Funken schlagen können, während einige Tischszenen, auch wenn schon alles gesagt schien, noch weiter gedehnt wurden.

„Kings“: Kunstbetriebssatire zwischen Art Basel und Sulzbach an der Hecke

Nora Abdel-Maksouds Satire „Kings“, die im Ballhaus Naunynstraße wiederaufgenommen wurde, hält Hipstern, Galeristen, Mäzenen, überschätzten Hype-Künstlern und Langzeitpraktikanten, die vergeblich vom großen Durchbruch träumen, den Spiegel vor. Mit gut getimten Pointen und zahlreichen Insidergags werden der selbstverliebten Betrieb, die „Dauervergleicher“, die „Beißschienenträger“ aufs Korn genommen. Der Abend ist eine gelungene Mischung, die mal an René Polleschs Assoziationsschleifen und mal an die bissigen Sibylle Berg-Abende erinnert. Das kommt nicht von ungefähr: In „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“, spielte Abdel-Maksoud, Autorin und Regisseurin von „Kings“, eine der wütenden jungen Frauen am Gorki.

Die vier Protagonisten sind grell überzeichnet, aber wohl jeder im Publikum ist ähnlichen Personen schon im realen Berliner Kulturleben begegnet: Serkan Kaya spielt den Impresario „Mabuse“, der mit großen Gesten darüber hinwegtäuschen möchte, dass er vor dem Ruin steht. Seine talentfreie Dauerpraktikantin Pino (Maryam Zaree) hat sich in den Kopf gesetzt, Künstlerin zu werden, seitdem sie in Sulzbach an der Hecke als Jugendliche den Film „Billy Elliot – I will dance“ gesehen hat. Eva Bay spielt Grete, die den Kunstbetrieb verachtet, sich immer absurdere Performances ausdenkt und damit zum angesagten, allerletzten Schrei auf der Art Basel wird und den fiktiven Josef Ackermann-Preis verliehen bekommt. Niemals von ihrer Seite weicht Mehmet (Anne Haug), der Agent der Kunst-Diva. Ständig im Kommunikationsmodus ist ihm das Handy schon fest mit dem Arm verwachsen.

„Kings“ ist eine unterhaltsame Künstlerkomödie, die treffsicher zwischen dem „Herz der Finsternis“, dem Kaufhaus „Alexa“, und den nicht weniger düsteren Galerien und Kreativagenturen, die sich auf engstem Raum ballen, manövriert.

„Grimm!“: Wer hat Angst vorm bösen Wolf an der Neuköllner Oper?

Das Duo Thomas Zaufke (Musik) und Peter Lund (Regie und Text) hat sich einen Namen mit seinen sozialkritischen und witzigen Musicals gemacht. Zum mittlerweile 15. Mal entwickelten sie mit Lunds Studentinnen und Studenten von der Universität der Künste (UdK), die im 3. und 4. Studienjahr kurz vor dem Abschluss stehen, eine Produktion für die Neuköllner Oper.

Auf den ersten Blick könnte man vermuten, dass Zaufke/Lund diesmal neue Wege gehen: „Grimm! Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ taucht in den Fundus der Figuren aus Mythen und Märchen ein. Neben dem Rotkäppchen (Devi-Ananda Dahm) und dem Wolf (Jan-Philipp Rekeszus) bevölkern drei Schweinchen auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität (Dennis Hupka, Fabian-Joubert Gallmeister und Feline Zimmermann), ein Wildschwein (Klara Brunken), zwei Hunde (Anthony Curtis Kirby als Rex und Dennis Weißert als Sultan), eine Oma Eule (Sophia Euskirchen) sowie Gisela Geiß (Katharina Beatrice Hierl) die Szenerie.

Aber Zaufke/Lund geht es natürlich nicht darum, die bekannten Märchen brav zu bebildern. Sie bedienen sich der Motive, brechen sie ironisch und senden eine Botschaft: Geht ohne Vorurteile auf einander zu! Habt keine Angst vor Fremden! In dieser bunten Musical-Revue treffen zwei Welten aufeinander: Hier das engstirnige Dorf, das sich abschottet, einigelt und vor dem „bösen Wolf“ zittert. Dort der Wald, der für Anarchie, In-den-Tag-hinein-Leben und Freizügkeit steht.

Das Stück lebt von seinen liebenswerten Figuren, aus dem Ensemble ragen besonders heraus: Sophia Euskirchen als die altersweise Eule, die viel Geduld aufbringt, zwischen den Streithähnen immer wieder zu schlichten; Katharina Beatrice Hierl als die schwäbelnde, opportunistisch zwischen den Fronten schwankende, alleinerziehende Gisela Geiß, die schon mal den Überblick verliert, ob sie nun eigentlich sechs oder sieben Geißlein hat; Dennis Hupka als im Fatsuit tapsendes Schweinchen Didi, das im Lauf des Stücks lernt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, und sich am Ende in den Wolf verliebt; Jan-Philipp Rekeszus als Wolf Grimm.

Unter den Schauspielern gibt es keine Ausfälle. Einige von ihnen waren auch schon an der Seite von Katharine Mehrling in „Next to normal“ im Sommer 2015 im Renaissancetheater zu sehen. Aber Peter Lunds Textvorlage balanciert manchmal in süßlicher Tonlage gefährlich nah an den Kitsch heran. Die Botschaft von Völkerverständigung und „Habt euch alle lieb“ kommt in manchen Nummern viel weniger subtil daher, als wir es von ihm gewohnt sind.

Dank der guten Darsteller und weil auch Lunds Text immer wieder doch noch rechtzeitig die Kurve kriegt, ist „Grimm!“ unterhaltsames Theater für die ganze Familie. Wer über die Weihnachtstage an die Neuköllner Oper möchte, muss aber Glück haben: für die meisten Vorstellungen gibt es höchstens noch Restkarten an der Abendkasse.

Gefühle im Kapitalismus: „Herzerlfresser“, „Nora“, „7 Pleasures“

Das Deutsche Theater Berlin versuchte im Advent, aus den Gefühlsverwirrungen im Kapitalismus komödiantische Funken zu schlagen.

„Der Herzerlfresser“: Zombiejagd und Gefühlschaos in der österreichischen Provinz

Im ersten Fall ist dies noch halbwegs geglückt: „Der Herzerlfresser“ ist ein unterhaltsamer Abend in der Box, auf der kleinsten Bühne des traditionsreichen Hauses.

Der dritte Text von Ferdinand Schmalz (hinter diesem Pseudonym verbirgt sich ein junger Autor aus Graz) ist eine Groteske aus der österreichischen Provinz. Die Figuren sind stark überzeichnet, aber bei weitem nicht so boshaft und skandalträchtig wie bei seinem Landsmann Werner Schwab. Statt deftiger Gesellschaftskritik stehen bei Schmalz die Sprachverliebtheit und ein Konfettiregen aus Metaphern und Wortspielen im Mittelpunkt. „Herz“ und „Fuß“ ziehen sich als Leitmotive durch die Dialoge und Aperçus dieses Abends.

Regisseur Ronny Jakubaschk entschied sich dafür, das Ganze als Farce zu inszenieren: knallrot und giftgrün sind die dominierenden Farben. Grell geschminkte Schauspieler, die Karikaturen alpenländischer Trachtenmode tragen, stolpern durch die Jagd nach dem „Herzerlfresser“, einem Frauenmörder, der seinen Opfern das Herz herausreißt. Elias Arens spielt die Titelfigur als Mischung aus Zombie und Vampir, mit blutigen Lefzen und mahlendem Kiefer, ständig auf der Suche nach dem nächsten Opfer.

Die Jagd nach dem Serienmörder gerät zwischendurch immer wieder in den Hintergrund, da die Figuren vor allem mit ihrem Gefühlchaos zu kämpfen haben. Amourös geht es hier kreuz und quer durcheinander, Missverständnisse lassen die Angebetete zunächst unerreichbar scheinen, bevor die Paare doch noch zueinander finden. Das Gefühlschaos wird noch dadurch verschärft, dass die Figuren auch noch ständig damit befasst sind, ihre Chancen auf dem kapitalistischen Markt zu optimieren: die Fußpflegerin Irené (Isabel Schosnig, nach längerer Zeit zurück am Deutschen Theater) träumt vom Beauty-Salon im neuen Einkaufszentrum. Bürgermeister Rudi (Harald Baumgartner) ist der Prototyp eines mit Schärpe durch die Gegend stolzierenden Provinzpolitikers, der davon träumt, Investoren anzulocken und auch ein Stück vom Kuchen abzubekommen, sich dabei aber maßlos überschätzt.

Eigentliche Hauptfigur des Abends ist aber der Gangsterer Andi: Thorsten Hierse, der häufig ernste Rollen spielt, beweist sein komödiantisches Talent und bringt die verschiedenen Facetten seiner Figur wandlungsfähig zum Leuchten: mal dominiert die Schmierigkeit des Kleinkriminellen; mal seine sensible Seite, da er Fauna Florentina (Lorna Ishema, neu im DT-Ensemble) umwirbt; mal wirft er sich als Lockvogel in Frauenkleider und schlägt aus der Travestie-Nummer Funken.

„Der Herzerlfresser“ bietet knapp achtzig Minuten kurzweilige Unterhaltung. Jakubaschk vertraute seinem Regiekonzept aber anscheinend doch nicht ganz: anstatt seine Groteske als temporeiche Farce zu spielen, lässt er die Schauspieler immer wieder in stilisierte, zeitlupenartige Bewegungen verfallen, die dem ansonsten munteren Abend einiges an Schwung nehmen.

Ibsens „Nora“, neu eingerichtet von Petras/Pucher: hier passt nichts zusammen

Weniger überzeugend war die „Nora“-Premiere auf der Großen Bühne des Deutschen Theaters. Es begann schon mit einer falschen Weichenstellung: statt wie bei seiner gelungenen „Hedda Gabler“-Inszenierung (2013) auf die Kraft von Henrik Ibsens Vorlage zu vertrauen, lässt der Regisseur sein Ensemble die „neu eingerichtete“ Stückfassung sprechen, die Armin Petras zu verantworten hat.

Die armen Schauspieler müssen sich mit einem verquasten Mix aus Anglizismen, Alltags-Banalitäten und Slang abquälen, der eine Zumutung ist. Da können die Schauspieler noch so oft bei jeder unpassenden Gelegenheit sich gegenseitig „Sorry“ zurufen: Hier gibt es nichts mehr zu entschuldigen. In 70er Jahre-Outfits sagen sie brav ihren Text auf.

Im Zentrum dieser „Nora“-Inszenierung steht nicht – wie meist üblich – die Emanzipation der Frau aus dem klassischen Rollenmuster der Bankiersgattin, die für das Repräsentieren auf Empfängen, ein schönes Zuhause und die Erziehung der Kinder zuständig ist und aus diesem „Puppenheim“ ausbricht.

Der Ansatz, dem Petras/Pucher stattdessen folgen, wäre durchaus interessant: ihnen geht es um die Frage, wie Beziehungen gelingen können, wenn Liebe, Sex und Emotion im Kapitalismus zur Ware verkommen und jeder Einzelne in ständiger Angst davor, den Arbeitsplatz zu verlieren und auf dem Abstellgleis zu landen, zur Selbstoptimierung gezwungen ist. Diese Gedanken, die der Dramaturg Claus Caesar in seiner Einführung darlegte, wären ein exzellenter Stoff für spannende Theater-Auseinandersetzungen. Nur leider fehlt der Vorlage von Armin Petras, der nach seinem Zerwürfnis mit Klaus Wowereit als Intendant vom Berliner Gorki Theater ans Stuttgarter Schauspiel wechselte, jedes Format: zu viel Geblubber, zu viel Gefasel, wie sich die Figuren auch gegenseitig vorwerfen.

Das Elend wird noch dadurch verschlimmert, dass auf Videoleinwand im Hintergrund dieselben Schauspieler noch mal zu sehen sind: diesmal sprechen sie den Ibsen-Klassiker, wie man ihn kennt. Auch die Mode entspricht dem 19. Jahrhundert. Das Kleid von Katrin Wichmann als „Nora“ erinnert an Hanna Schygullas Auftritt als „Effi Briest“ in der Fassbinder-Verfilmung (1974).

Die Verdopplung der Handlung auf zwei verschiedenen Zeitebenen wäre eine diskussionswürdige Idee. Es wird nur nicht klar, was das Regieteam damit bezwecken will: an diesem Abend passt einfach nichts zueinander.

Auf einige bekannte Pucher-Stilmittel ist dennoch auch bei dieser missglückten Inszenierung Verlass: die phantasievollen Kostüme von Annabelle Witt und opulenten Roben, die an diesem Abend oft gewechselt und von den Schauspielern spazieren geführt werden, sind aufwändig gemacht und ein echter Blickfang. Auch die schönen Popsongs, die bei Pucher nie fehlen dürfen und diesmal vor allem von Katrin Wichmann und Tabea Bettin gesungen werden, sorgen kurzzeitig für willkommene Abwechslung, die wenigstens für einige Augenblicke die Tristesse der schwer erträglichen Dialoge durchbrechen.

Für diese Gesangseinlagen gab es mehrfach verdienten Szenenapplaus. Ebenso berechtigt waren aber die lauten Buhrufe, als das Regieteam nach achtzig Minuten verschenkter Lebenszeit auf die Bühne kam.

„7 Pleasures“: dänischer Performance-Star Mette Ingvartsen und ein Knäuel nackter Körper zu Gast im HAU

Eine lange Schlange bildete sich vor der Kasse des HAU 2: viele hofften, mit Wartenummer noch eine Karte für das „7 Pleasures“-Gastspiel von Mette Ingvartsen zu ergattern. Die Erwartungen waren groß. Gewaltig war auch der theoretische Ballast, der sich in Ingvartsens Programmheft-Interview um ihre neue Arbeit rankt.

Klischeebilder von Nacktheit und Sexualität sollten dekonstruiert werden. Die übersexualisierte Ästhetik der Werbung sollte aufgespießt werden. Hedonismus und Sinnlichkeit, sowohl zwischen Menschen als auch Gegenständen, sollten ausgelotet werden. Die Auseinandersetzung mit dem Körper sollte auch unter politischen Aspekten verhandelt werden. Langer Rede, kurzer Sinn: es geht auch hier um die Gefühle und das Zusammenleben im Kapitalismus.

Platzt diese Theorieblase? Steht Ingvartsen, die als einer der Stars der europäischen Performance-Szene gehandelt wird und 2017 gemeinsam mit Chris Dercon die Volksbühne umkrempeln soll, mit ihrem Regiekonzept am Ende ebenso nackt da wie ihre Performerinnen und Tänzer während dieses 90minütigen Abends?

Zunächst passiert erst mal nichts. Bässe wummern im Hintergrund, aber noch genug Zeit, sich mit der Sitznachbarin über den neuen Pollesch auszutauschen – bis sich mitten im Publikum die Darsteller des Abends nach und nach von ihren Plätzen erheben. Sie ziehen sich langsam aus, zwängen sich durch die engen Reihen des HAU und schreiten langsam auf die Bühne, wo sie ein großes, hin und her wogendes Knäuel bilden.

Katrin Bettina Müller hat die perfekt choreographierte Ästhetik dieser Eröffnungsszene in der „taz“ sehr gut beschrieben: „Wie das fließt und vorwärts gleitet, lautlos dahin schmilzt, sich träge ausbreitet, in träumerischer Langsamkeit Hindernisse überrollt und schließlich zum Stillstand kommt.“

Nach etwa einer halben Stunde löst sich das Knäuel der Performance-Künstler Schritt für Schritt auf. Das zweite Drittel fällt leider deutlich ab. Ekstatische Zuckungen, dazu umkreisen sie eine Yucca-Palme, einen Schreibtisch oder eine Couch. Das Urteil von Michaela Schlagenwerth, die sich in der „Berliner Zeitung“ an eine Mischung aus „Sport, Seelenhygiene und Kindergeburtstag“ erinnert fühlte, fällt vernichtend aus. Aber in der Tat hinterlässt dieser Mittelteil viele Fragezeichen und wirkt an manchen Stellen redundant.

Im letzten Drittel findet der Abend zurück in die Spur. Einige Akteure ziehen sich an, andere bleiben nackt: der Fokus richtet sich auf Machtgefälle und Abhängigkeiten in den Beziehungen. Der gesamte Abend kommt ohne Worte aus, diese starken Schluss-Szenen sprechen aber eine deutliche Sprache und regen zum Nachdenken an.

Fazit: Streckenweise bleibt Ingvartsen hinter ihrem Anspruch zurück. Zwischendurch gelingt es ihr aber doch, einige der Themen, um die es ihr geht, deutlich zu markieren.

Höchstwahrscheinlich wird der Andrang auch heute Abend vor der letzten der drei Berliner Aufführungen wieder enorm sein. Ebenso wahrscheinlich wird die Auseinandersetzung über Ingvartsen und ihre Performance-Kunst in den kommenden Jahren weiter hitzig geführt werden. Die Meinungen, was ihre Arbeiten taugen, gingen in den Berliner Feuilletons zwischen „taz“ und „Berliner Zeitung“ weit auseinander. Und ganz sicher wird auch weiter über den Plan von Müller/Renner/Dercon gestritten werden, der Volksbühne nach der Ära Castorf ein neues Profil zu geben und Ingvartsen dabei eine zentrale Rolle zu geben.

Wie hältst Du es mit der Religion? Frank Castorfs „Karamasow“-Exzess, Salman Rushdies neuer Roman und Heribert Prantl zu Gast bei Gregor Gysi

Castorfs „Brüder Karamasow“-Exzess: mit All-Star-Team durchs Planschbecken und aufs Dach

In Frank Castorfs sechseinhalbstündigem „monologisch-labyrinthischem Dostojewski-Exerzitium“ führt der Weg zur Religion wie sooft an der Volksbühne durch ein Planschbecken: Der Abend beginnt damit, dass die Schauspieler durch das Wasser zur Klause des Starez Sossima (Jeanne Balibar) waten, der hier als überfordertes Würstchen zu erleben ist.

Erwartungsgemäß hat Castorf die seitenlangen, oft staubtrockenen Abhandlungen über theologische und staatskirchenrechtliche Fragen in seiner Bearbeitung des 1200 Seiten-Wälzers „Die Brüder Karamasow“ gestrichen. Die Frage nach der Religion bleibt als Hintergrundrauschen in den folgenden Stunden präsent, die das Publikum entweder auf den nicht sonderlich bequemen Sofa-Sitzsäcken oder auf Stühlen miterlebt.

Castorf entschied sich jedoch dafür, vor allem die Zerrissenheit Russlands zwischen orthodoxer Tradition und westlichem Liberalismus zu thematisieren. Immer wieder hat er Fremdtexte von DJ Stalingrad in seinen Dostojewski-Abend geschmuggelt: es wird über Hooligans geschimpft, über Putin räsoniert und auch mal der Bogen zur Sowjet-Vergangenheit geschlagen.

Wir erleben einen wild durcheinandergewirbelten Mix aus knackigen Szenen und mäandernden Monologen: ein Best-of aus Dostojewskis philosophischem Krimi und der Schauspielkunst des Volksbühnen-Ensembles. Viele bekannte Namen aus der bald zuendegehenden Castorf-Ära sind hier noch einmal in Rollen zu erleben, die ihnen wie auf den Leib geschrieben scheinen: Kathrin Angerer als die Männer um den Finger wickelnde Femme fatale Gruschenka; Patrick Güldenberg mit der nervösen Intellektualität des Michail Rakitin; Alexander Scheer als Iwan Karamasow, der unmittelbar nach der Pause über das Dach der Volksbühne tigert und im Gleichnis des Großinquisitors über die Sklaven-Mentalität herzieht. Und schließlich Sophie Rois als Pawel Smerdjakow, die „Mörder, Mörder, Mörder“ kräht, als sich fast alle Ensemble-Mitglieder bei einem gemeinsamen Saunagang nach schon weit mehr als fünf Stunden die letzten Reste an Energie herausschwitzen.

Wie bei Castorfs Volksbühnen-Exzessen üblich wird das Geschehen über weite Strecken mit Livekamera gefilmt und auf die Leinwand übertragen. Auch das oligatorische Zetern, Kreischen und Brüllen fehlt nicht, angereichert mit einer Prise Selbstironie, als ein Schauspieler ins Publikum fragt: Glauben Sie denn, dass uns dieses ständige Brüllen Spaß macht?!

Das Fazit der sechseinhalb Stunden fällt ähnlich wie bei Thorsten Lensings Inszenierung in den Sophiensaelen vor einem Jahr aus: die Regisseure nutzen den Karamasow-Wälzer als Steinbruch und picken sich einige Motive heraus. Zwischen Langeweile und Schreiduellen blitzt hin und wieder ein Kabinettstückchen auf. Eine wirklich überzeugende Adaption dieses schweren Brockens Weltliteratur für die Theaterbühne steht aber noch aus.

Salman Rushdie über IS, Saudi-Arabien und seinen neuen Roman voller Fantasy-Motive

Um die Religion ging es auch beim Auftritt eines weltberühmten Autors im Haus der Berliner Festspiele: Nur eine Woche nach den Pariser Anschlägen und angesichts der strengen Sicherheitskontrollen hatten sicher viele Besucher der Lesung von Salman Rushdie ein mulmiges Gefühl. Trotz des spannenden Themas und des prominenten Schriftstellers blieben ungewöhnlich viele Plätze bei der letzten Veranstaltung des internationalen literaturfestivals berlin leer.

Zunächst ging es um seinen aktuellen Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ (die zusammen 1001 Nacht ergeben). Darin lässt Rushdie den Glauben und die Vernunft der Aufklärung zur Schlacht gegeneinander antreten. Märchengestalten wie die Dschinn und eine Königin des Lichts geistern durch die Handlung, so dass es eine naheliegende Wahl war, den Game of Thrones-Star Tom Wlaschiha aus der deutschen Übersetzung lesen zu lassen.

Die Feuilletons waren von diesem Werk nicht so angetan, attestierten ihm zwar Fabulierlust, bemängelten aber, dass der Plot eines manichäischen Kampfs zwischen Gut und Böse zu einfach gestrickt sei. Die FAZ empfahl deshalb, lieber zu den Rushdie-Klassikern „Mitternachtskinder“ (1980) oder „Die satanischen Verse“ (1988) zu greifen.

Dementsprechend wurde auch das Gespräch von Salman Rushdie mit der FAS-Redakteurin Johanna Adorján interessanter, als es vom Roman zu allgemeineren Themen überging: zu seinen Jahren in wechselnden Verstecken nach der Fatwa des iranischen Ayatollahs Chomeini im Jahr 1989 gegen ihn und zur aktuellen Weltlage.

Rushdie forderte die westlichen Gesellschaften auf, sich nicht vom Terror einschüchtern und die Lebensfreude nehmen zu lassen. Fast ebenso hart wie mit den „Bastarden“ vom IS ging er mit dem Regime in Saudi-Arabien ins Gericht, das islamische Fundamentalisten großzügig alimentiert. Er entließ das Publikum nach knapp 90 Minuten mit der Prognose in den Abend, dass die fundamentalistischen Terrorgruppen den religiösen Glauben langfristig so diskreditieren könnten, dass er vielleicht in einigen Jahrhunderten im gesellschaftlichen Zusammenleben gar keine Rolle mehr spielt.

Heribert Prantl und Gregor Gysi über Wölfe im Schafspelz, Apfelbäume und die Wackersdorf-Proteste

Auch die Matinee am Deutschen Theater begann Gregor Gysi mit der Frage, wie es sein Gast Heribert Prantl denn mit der Religion halte. Der Leitartikler der Süddeutschen Zeitung antwortete, dass er seine Kindheit in der tief-katholischen und politisch tief-schwarzen Oberpfalz in sehr angenehmer Erinnerung habe. Nur das katholische Internat, in das er gesteckt wurde, sei so grässlich gewesen, dass er nachts weggelaufen und in seine Heimatgemeinde Nittenau geflüchtet sei. Er sei bis heute nicht aus der katholischen Kirche ausgetreten und bezeichnete sich als „Weihrauchkatholik“.

Prantl zeichnete in der Reihe „Gysi trifft Zeitgenossen“ seinen Werdegang nach: das Jura-Studium fand er anfangs entsetzlich trocken, so dass er auch Vorlesungen in Geschichte und Philosophie besuchte. Dass Jura mehr als Paragraphen-Handwerk sein kann, lernte er bei den Rechtswissenschaftlern Dieter Medicus, Claus Roxin und Dieter Schwab, die über den Tellerrand ihres Fachgebiets hinausblickten.

Nach einem Praktikum bei einem Notar erschien es ihm zu langweilig, sein Berufsleben mit dem Verlesen von Urkunden zu verbringen. Stattdessen wurde er Staatsanwalt in Regensburg und war dort vor allem für die Auseinandersetzungen um die Atom-Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf zuständig.

Als der junge Staatsanwalt Prantl mit 32 Jahren das Angebot annahm, als rechtspolitischer Redakteur zur Süddeutschen Zeitung zu wechseln, sei er von den Kolleginnen und Kollegen anfangs „mit spitzen Fingern“ angefasst worden. Aus heutiger Sicht ist es schon sehr skurril, dass dem meinungsstarken und wortgewaltigen Verteidiger der Bürgerrechte damals der Ruf vorauseilte, eher konservative, regierungsnahe Positionen zu vertreten. Mit seinen ersten Kommentaren gegen das Vermummungsverbot und die Einführung der Kronzeugenregelung änderte sich dieses Bild natürlich schnell. Prantl berichtete bei der Matinee, dass Mitglieder der damaligen SZ-Chefredaktion gestöhnt haben sollen, dass man sich hier anscheinend den „Wolf im Schafspelz“ ins Haus geholt habe.

Erwartungsgemäß viel Applaus erntete Prantl für seine bekannten Positionen zu Asyl und Direkter Demokratie. Er wetterte erneut gegen die Änderung des Grundrechts auf Asyl im Jahr 1993, gegen die er sich damals schon die Finger wund geschrieben habe. In der Debatte über Flucht und Asyl seien 25 Jahre mit Scheinlösungen vergeudet worden. Nach der großen Euphorie-Welle und den Bildern vom Münchner Hauptbahnhof, die vor 12 Wochen um die Welt gingen, sei nun große Ernüchterung eingetreten. Enttäuscht zeigte sich Prantl vor allem von CDU und CSU, denen er vorwarf, das C im Parteinamen zu verraten: die Bibel sei ein Flüchtlingsbuch par excellence.

Wie ein „Apfelbaum“ müsste auch unsere repräsentative Demokratie veredelt werden, indem plebiszitäre Äste aufgepropft werden, forderte Prantl. Eine Grundgesetzänderung, die Elemente direkter Demokratie auch auf Bundesebene einführt, sei überfällig. Diese Chance sei leider bei der Verfassungsdiskussion Anfang der 1990er Jahre verschenkt worden. Der größte Fehler sei es aber damals gewesen, die deutsche Einheit über einen Beitritt der DDR nach Art. 23 GG zu regeln anstatt gemäß Art. 146 GG eine neue Verfassung zu erarbeiten.

Theater in Zeiten von Terror und Bürgerkrieg: Ferdinand von Schirachs „Terror“ im Deutschen Theater, „Der klügste Mensch im Facebook“ im Ballhaus Naunynstraße

„Terror“ im Deutschen Theater: Freispruch der Schöffen für den angeklagten Kampfpiloten?

Den „Terror“ trägt der Abend am Deutschen Theater Berlin bereits im Titel. Der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, der sich als Bestsellerautor einen Namen gemacht hat, konstruierte in seinem ersten Theaterstück einen Fall, über den in der juristischen Fachwelt vom Uni-Seminar bis zum Olymp des Bundesverfassungsgerichts in seiner Entscheidung über das sogenannte Luftsicherheitsgesetz, in den vergangenen Jahren heiß diskutiert wurde.

Ein islamistischer Terrorist hat ein voll besetztes Flugzeug gekapert und droht damit, es in die ausverkaufte Münchner Allianz Arena abstürzen zu lassen, wo gerade Deutschland gegen England spielt. Kampfpilot Lars Koch (Timo Weisschnur) steht vor der schwierigen Abwägung, wie er reagieren soll, und entscheidet sich, die entführte Passagiermaschine abzuschießen.

Zu Beginn sehen wir ihn in seiner Gefängniszelle neben dem Waschbecken, im Hintergrund flimmern Videos aus Kampfszenen mit schnellen Schnitten, dazu dröhnt 90er Jahre-Indie-Rock: im Kopf des Angeklagten toben die Bilder und Gedanken, bevor er sich vor Gericht verantworten muss.

Der weitere Theaterabend besteht aus der fiktiven Gerichtsverhandlung. Der ehemalige Verfassungsrichter Dieter Grimm lobte im Nachgespräch, dass das Stück aus juristischer Sicht insgesamt recht sorgfältig argumentiere, in einem realen Strafprozess die verfassungsrechtlichen Exkurse aber stärker in den Hintergrund treten würden. Grimm legte den Finger in eine Wunde dieses Abends: die Schlussplädoyers von Staatsanwältin (Franziska Machens) und Verteidigerin (Aylin Esener) sind zu lehrbuchhaft geraten, er habe all die Fußnoten zu Kant, etc. regelrecht mitgehört.

In diesem Stück gibt es nur eine facettenreichere Figur, die mehr als Thesenträger ist: den Angeklagten Lars Koch. Timo Weisschnur spielt den Kampfpiloten, der oft militärisch-zackig antwortet, aber kein Rambo-Typ ist. Er fühlt sich einer Elite zugehörig (in Deutschland gebe es weniger Kampfpiloten als Vorstandsvorsitzende) und zeigt sich in den längeren Rechtfertigungspassagen als reflektierter Soldat, der vor dem Entschluss zum Abschuss lange mit sich gerungen hat.

Nach zwei kurzen Zeugenaussagen, in denen Lisa Hrdina und Helmut Mooshammer einen Hauch von Komik durchschimmern lassen, und den erwähnten Schlussplädoyers fordert Richterin Almut Zilcher das Publikum auf, als Schöffen über die Schuld des Angeklagten zu entscheiden und analog zum Hammelsprung im Deutschen Bundestag durch die entsprechende Tür zu gehen.

Sehr informativ war das anschließende Gespräch mit dem ehemaligen Verfassungsrichter Dieter Grimm. Anders als die Mehrheit der Zuschauer, die auf Freispruch entschied, plädierte Grimm für „Schuldig“, dem Angeklagten müsste jedoch ein strafmildernder Rabatt gewährt werden. Vorbild könnte hier das Urteil des Frankfurter Landgerichts im Fall des Frankfurter Polizeipräsidenten Daschner sein, das Grimm als „weise“ lobte.

Ausführlich befasste sich Grimm mit der Kriegsrhetorik: Ebenso wie der französische Staatspräsident Francois Hollande argumentiert auch die fiktive Verteidigerin im Stück „Terror“, dass wir uns im Krieg gegen den internationalen Terrorismus befinden. Grimm warnte davor, den IS und andere Gruppen dadurch aufzuwerten. „Das Wort von den „asymmetrischen Kriegen“, eine These des deutschen Clausewitz-Experten und Politik-Professors Herfried Münkler, insinuiert, dass Verbrecherbanden, die wie Krieg führende Parteien auftreten, auch auf der Seite des Angegriffenen, des Rechtsstaates, alle Regeln außer Kraft setzen. Das dürfe man nicht zulassen,“ warnte Grimm bereits vor einem Jahrzehnt, nachdem George W. Bush den „war on terror“ ausgerufen hatte.

„Der klügste Mensch im Facebook“: Eskapismus mitten im syrischen Bürgerkrieg

Mit einer gehörigen Portion Narzissmus und kaum weniger Eskapismus wollte sich Aboud Saeed die gute Laune nicht verderben lassen. Während sich der syrische Bürgerkrieg in den vergangenen vier Jahren, der als Aufstand gegen Assad begann, zu einem Geflecht aus Stellvertreterkriegen verkomplizierte, schrieb der junge Mann aus Aleppo auf Facebook lieber über die beiden Priortäten in seinem Leben: sein Ego und die Frauen, mit denen er flirtet. Seine gesammelten Posts und Posen erschienen 2013 bei einem kleinen Verlag.

Knapp 80 Minuten lang versuchen Karim Chérif (Schauspieler und Regisseur) und Bärbel Schwarz (an Schlagzeug und Keyboard sowie in den weiblichen Rollen), gegen den Schrecken des Krieges zu lachen und zu singen. Ihre Bühnenfassung von „Der klügste Mensch im Facebook“ im Ballhaus Naunynstraße witzelt und tänzelt gegen den „blöden Diktator“ an.

Manches an dieser Performance war ganz hübsch, z.B. der Song „Keinen Pfennig wert“, auch wenn niemand im Publikum der Aufforderung folgen wollte, den Refrain mitzusingen. Ansonsten drehte sie sich aber zu selbstverliebt im Kreis, bevor sie abrupt endete. Aboud Saeed, der mittlerweile in Berlin lebende Autor der Vorlage, hatte noch einen kurzen Gastauftritt in gebrochenem Englisch. Dann brach die Realität doch noch in die Partystimmung ein: über die Videowände flimmerten die Bilder der Ruinen von Aleppo, aufgenommen im Herbst 2015.

Diese recht belanglose, zu sehr mit sich selbst beschäftigte Revue wirkt wie aus der Zeit gefallen. Wir können die Augen vor der Lage in Syrien genauso wenig verschließen wie Aboud Saeed: Kaum zuhause angekommen, läuft auf vielen Kanälen die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. In Interviews von „Heute-journal“ bis „Tagesthemen“ erklärt sie, dass Aufklärungstornados und eine Fregatte geschickt werden sollen.

Schade, dass das Ballhaus Naunynstraße, das zurecht stolz auf seinen politischen Anspruch ist, zu den brisanten Themen und vielen drängenden Fragen nicht mehr anzubieten hat.

Blicke zurück im Zorn? „Testament“ von She She Pop und Michael Eberths Theatertagebücher „Einheit“

An den Berliner Theatern waren Anfang der Woche zwei Abende zu erleben, die auf sehr unterschiedliche Arten versuchten, persönliche Konflikte aufzuarbeiten und Vergangenheit zu bewältigen.

„Vergangenheitsbewältigung“: Bei diesem Begriff assoziieren viele bleierne Schwere, wie sie im Saal des Deutschen Theaters herrschte. Bei der Buchvorstellung von „Einheit. Berliner Theatertagebücher 91-96“ prallten zwei Lager unversöhnlich aufeinander, die sich tief verletzt fühlten: Scharfe Töne, persönliche Vorwürfe und alte Schlachten, die zwanzig Jahre später noch einmal geschlagen wurden, machten diesen Abend zu einem unangenehmen Erlebnis.

Nach einer kurzen Einführung der DT-Chefdramaturgin Sonja Anders las Ensemble-Mitglied Jörg Pose aus den Tagebuchaufzeichnungen von Michael Eberth, der kurz nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ihr Vorgänger als Chefdramaturg während der Ära von Thomas Langhoff war.

Diese Erinnerungen sind bittere, polemische Abrechnungen eines Mannes, der sich nach Stationen in der Bundesrepublik (u.a. Münchner Kammerspiele) und Österreich (u.a. Wiener Burgtheater) in Berlin zwischen 1991 und 1996 völlig fremd fühlte. Er schimpft über ein „DDR-Nostalgiezentrum“, das ästhetisch angestaubt und in bloßem Virtuosentum erstarrt sei. Er fühlt sich isoliert, gemobbt und von Stasi-Seilschaften und alten Kadern umgeben.

In seiner Rezension für die Berliner Zeitung warf Stephan Suschke dem Autor vor: „Dabei ist er immer etwas zu persönlich, zu distanzlos.“ Und in diesem Stil endet leider auch der Abend in gegenseitigen, giftigen Vorwürfen. „Anmaßung“, „Halbwahrheiten“, „Häme“ und „Zorn“ sind die Stichworte, die aus diesen wütenden Redegefechten in Erinnerung bleiben.

Sehr persönlich geht es in dieser Woche auch im Hebbel am Ufer (HAU 2) zu. Das Performance-Kollektiv She She Pop kehrt gemeinsam mit ihren Vätern zur letzten Berliner Wiederaufnahme von „Testament“ zurück, das 2010 hier Premiere feierte und ein Jahr später zum Theatertreffen eingeladen war.

Ausgehend von Shakespeares „Lear“ verhandeln die Töchter (Mieke Matzke und Ilia Papatheodorou) und der Sohn (Sebastian Bark) aus dem „She She Pop“-Kollektiv das schwierige Verhältnis zu ihren Vätern.

Immer wieder werden Ausschnitte aus den Proben im Sommer/Herbst 2009 dazwischengeschoben/nachgespielt: den Vätern ist das deutliche Unbehagen anzumerken, so persönliche, familiäre Angelegenheiten als Seelenstriptease auf offener Bühne zu verhandeln. Ihnen ist auch der gesamte Ansatz ihrer Kinder suspekt: Mit den Regisseuren Peter Stein, Giorgio Strehler oder Peter Brook können sie viel mehr anfangen als mit den Auftritten ihres Nachwuchses.

Obwohl sich „Testament“ mit sehr intimen Fragen auseinandersetzt, sie sogar frontal und mit offenem Visier angeht, lässt der Abend allen Beteiligten ihre Würde. Er hält die Balance, spart ernste Themen wie die Pflege der in einigen Jahren vielleicht bettlägerigen oder gar dementen Eltern nicht aus, zwingt zur Auseinandersetzung mit Fragen, die man im Alltag gerne wegschiebt, bietet aber immer wieder auch komische Momente. Ein Beispiel ist die minutiös mit Taschenrechner kalkulierte Aufstellung von „Enkelzeit“: die kinderlosen Performer rechnen nach, wie viel die 68-Eltern-Generation in ihre Enkel investiert: vom Baby-Sitting über gemeinsame Ausflüge in Zoo oder Kino bis zu kleinen Geschenken.

„Testament“ ist bis Sonntag noch drei Mal in Berlin zu erleben: ein nachdenklicher Abend, der in seinen vielen, ausufernden Facetten zwischen Zukunftsvisionen, Retrospektive, kleinen Slapstick-Nummern und Songs manchmal etwas zu beliebig zu werden droht, aber doch stets zu seinem Thema zurückfindet: dem Gespräch auf Augenhöhe zwischen zwei Generationen über das Älterwerden, über das Erben und über den Tod. Nicht zuletzt auch über die vielen kleinen Verletzungen, die sie sich in den vergangenen Jahrzehnten mal mehr, mal weniger bewusst zugefügt haben.

„In unserem Namen“: Gorki widmet sich mit Jelinek und Aischylos der Angst vor Überfremdung

Den stärksten Eindruck hinterlassen die pointiert-kabarettistischen Einlagen zu Beginn und am Ende von „In unserem Namen“: Orit Nahmias, die Spezialistin am Gorki für irritierende Einwürfe, fällt dem Mann vom Abenddienst das Wort ab, als er im Foyer die weiteren Ablauf des Abends erklärt. Sie habe das Stück gestern gesehen und könne nur warnen. Der Abend verderbe die Laune, sei langatmig und mache geradezu depressiv. Immer dieses Flüchtlingselend, das kenne man ja schon aus den Nachrichten zur Genüge. Am besten solle man gleich wieder gehen oder zumindest eine der Abwehrstrategien anwenden, die sie vorschlägt.

Knapp zwei Stunden später endet der Abend mit dem Auftritt von Thomas Wodianka, der seit „Small Town Boy“ und „Das Kohlhaas-Prinzip“ der Experte im Ensemble für Wut-Reden ist.

Er zitiert die Statements besorgter Bürger, die in Dresden oder Erfurt vor Überfremdung warnen und die abendländische Kultur in Gefahr sehen. Vor einem Jahr seien es die Rumänen gewesen, diese „Armutsflüchtlinge“, vor denen uns die CSU beschützte. Davor waren es die vielen Polen, seufzt er. Und davor mussten wir die Gastarbeiter aus der Türkei ertragen, fährt Wodianka genervt fort.

Richtig schlimm seien die Hugenotten, die Römer und die Zuwanderer aus Mesopotamien im Neolithikum gewesen. Sie alle hätten unsere bisherige Lebensweise zerstört und uns die Zivilisation aufgenötigt. Wer brauche schon Trinkbecher, wenn man das Wasser auch aus der Hand auflecken kann, empört sich Wodianka. Am aller schlimmsten seien aber die Fische und Amphibien, die es wagten, an Land zu kommen und die Evolution voranzutreiben. Das gehe doch wirklich zu weit und zerstöre unsere Traditionen. Die sollten doch bitte schön alle dorthin zurückgehen, wo sie hergekommen sind.

Zwischen diesen beiden Kabarettnummern liegt die babylonische Sprachverwirrung. Im leergeräumten Saal (dieser von der Volksbühne ausgelöste Trend scheint Kreise zu ziehen) haben sich die Schauspieler mitten unter das Publikum gemischt. Sie versuchen, sich einen Weg zu bahnen, in unserer Gesellschaft anzukommen. Sie schreien ihre Ängste auf Russisch, Arabisch und noch weitere Sprachen heraus. Sie gehen als Parcoursläufer aus Verzweiflung im wahrsten Sinne des Wortes die Wand hoch.

In der Uraufführungs-Inszenierung von Elfriede Jelineks Text „Die Schutzbefohlenen“ führte Nicolas Stemann mit sarkastischem Witz vor, wie wir versuchen, die Flüchtlinge zu ignorieren und nach dem Unglück von Lampedusa schnell wieder zur Tagesordnung übergingen. Heute sind solche Abwehrstrategien nicht mehr möglich, das ist seit diesem Sommer und Herbst allen klar geworden. Die Flüchtlinge sind längst nicht mehr zu übersehen und fordern ihr Recht ein, wahrgenommen und fair behandelt zu werden.

Diese körperbetonte Choreographie des Regisseurs Sebastian Nübling wird durch den Auftritt von Cynthia Micas, Dimitrij Schaad und Tim Porath in Business-Kleidung, Anzug und Krawatte abgelöst: sie spielen die Anhörung vor dem Innenausschuss des Deutschen Bundestages nach, wo sich im März 2015 Fachleute über den Paragraphendschungel des Bleiberechts stritten. Diese Passagen sind etwas zu lang geraten, da die Botschaft schnell angekommen ist. Aber dann nimmt der Abend durch das Wodianka-Solo noch mal Fahrt auf.

Statt eines Schlussapplauses klingt der Abend langsam aus. Während die ersten schon gehen, bleiben die meisten Zuschauer noch, versammeln sich in kleinen Gruppen um die Akteure dieses Abends und hören persönliche Geschichten über Flucht, Integration und das Zusammenleben in einer bunter gewordenen Gesellschaft.

Gregor Gysi ist fast omnipräsent, Kurzfilmraritäten bei interfilm, Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs rufen im HAU vergeblich um Hilfe

Gregor Gysi auch nach dem Rückzug aus der ersten Reihe omnipräsent

Es ist knapp einen Monat her, dass sich Gregor Gysi aus der ersten Reihe der Politik zurückgezogen hat. Statt Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag ist er künftig nur noch stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Sein Terminkalender ist trotzdem proppenvoll wie eh und je. Zwischen der Laudatio auf Till Schweiger bei der Bambi-Verleihung, einem Gespräch mit dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales und einer CD-Aufnahme für Prokofjews „Peter und der Wolf“ gibt es kaum noch Lücken.

Auf den Berliner Theaterbühnen war Gysi, der Workaholic mit Entertainer-Qualitäten, an diesem Wochenende gleich zwei Mal zu Gast. Am Freitag Abend sprach er mit Stephan Hebel über das Buch „Ausstieg links? – Eine Bilanz“, das sie gemeinsam vor kurzem im Frankfurter Westend Verlag herausgegeben haben.

Gysi präsentierte sich in dem einstündigen Gespräch auf der Probebühne des Berliner Ensembles sehr nachdenklich. Seiner Analyse, dass die Welt derzeit aus den Fugen scheint und sich zu viele frei flottierende Kräfte bekriegen, kann man kaum widersprechen. Auch Gysi hatte natürlich an diesem Abend nicht den „Stein der Weisen“ anzubieten, wie diese Probleme schnell gelöst werden könnten.

Er warnte davor, dass wir in eine unbeherrschbare Situation hineingeraten, falls es uns nicht bald gelinge, die Fluchtursachen in Afrika sowie im Nahen und Mittleren Osten mit solidarischen, vernünftigen Konzepten anzugehen. Zum aktuellen Koalitionsstreit über die Flüchtlingspolitik ließ Gysi einige pointierte Bemerkungen fallen: Seehofer mache mit seinen scharfen Tönen letztlich Wahlkampf für die AfD. Seine Versuche, der neuen Partei das Wasser abzugraben, fruchteten bislang nicht. Im Gegenteil: Nur im Osten habe die AfD zuletzt noch stärker zugelegt als in Bayern. Merkel stehe derzeit zwar gewaltig unter Druck, überrasche ihn aber mit ihren Über-Nacht-Entscheidungen (AKW-Ausstieg nach Fukushima, Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik) immer wieder.

Auch wenn es wenig wirklich Neues gab, waren die leiseren Zwischentöne interessant, vor allem, wie deutlich er sich namentlich erneut von Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht abgrenzte: Anschaulich erinnerte er sich noch mal an die Zeit vor dem Göttinger Parteitag im Juni 2012, als er das Gefühl hatte, dass zwei Züge auf ihn als Zentristen der Fraktion zurasten. Einleuchtend analysierte die kulturellen Unterschiede zwischen West-Linken, die häufig in K-Gruppen oder Protestbewegungen sozialisiert sind und sich seit Jahrzehnten bewusst in scharfer Opposition zum Establishment sehen, und den ostdeutschen Reformen aus der ehemaligen Staatspartei, die sich nach gesellschaftlicher Anerkennung sehnen.

Zwei Tage später diskutierte Gregor Gysi in den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit Wolfgang Schorlau über seinen gerade erschienen neunten Dengler-Krimi. In „Die schützende Hand“ macht sich der Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler auf die Spur der NSU-Mordserie.

Gysi und Dengler deklinieren all die Ungereimtheiten durch, die in den vergangenen vier Jahren seit dem Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in diversen Untersuchungsausschüssen, zahlreichen Features und Zeitungsberichten, auf Theaterbühnen und natürlich auch im Münchner Gerichtssaal zu einem Puzzle zusammengesetzt werden sollten – leider bislang vergeblich. Wir stochern weiter im Nebel, der den gesamten NSU-Komplex umgibt.

Die Geschichten über geschredderte Akten zu Karnevalsbeginn am 11.11. im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz, die großzügige finanzielle Unterstützung des Verfassungsschutzes für fragwürdige V-Männer wie Tino Brandt, das bis heute ungeklärte Auftauchen eines hessischen Verfassungsschutz-Mitarbeiters an einem Tatort (in einem Internet-Café in Kassel) sind alle nicht neu, aber so haarsträubend, dass sie immer wieder Kopfschütteln im Publikum und Entsetzen auslösen.

Die Matinee endete mit vorsichtigem Optimismus: die Widersprüche sind so eklatant, dass sich alle Fraktionen in der vergangenen Woche einig waren, einen weiteren Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags zur NSU-Mordserie einzusetzen. Es bleibt die vage Hoffnung, dass dieses Gremium die dringend notwendigen Fortschritte bei der Aufklärung des rechtsextremistischen Terrors erreichen kann.

31. interfilm-Festival: Fundgrube für Kurzfilm-Raritäten

Das interfilm-Festival erwies sich auch in diesem Jahr wieder als Fundgrube für kleine Kurzfilm-Kostbarkeiten, die quer über die Programme und die verschiedenen Kinosäle der Stadt verstreut waren.

Ein kleines Highlight waren die „Best of Berlin Beats“: eine bunte Mischung aus ästhetischen Experimenten wie „Little Big Berlin“ (Hauptstadtansichten im Miniaturformat), anarchischem Humor wie „Trotzdem Danke“ (wie reagieren BVG- und S-Bahnfahrer, wenn plötzlich ein Scheibenwischer-Putztrupp unangemeldet auftaucht?), dokumentarischen Einblicken wie „Aleyna – Little Miss Neukölln“ (ein übergewichtiges, in der Schule verspottetes, türkisches Mädchen verwirklicht sich den Traum, bei einer Gala im tipi am Kanzleramt zu tanzen) oder Nachwuchsrapper mit „Meine Stadt“. Die elf Filme, die unter diesem Dach gebündelt wurden, stammen aus den Jahren 2004 bis 2011 und spiegeln den Wandel einer Stadt, die nicht nur arm ist, sondern auch für Touristen sexy wird.

Bemerkenswert war auch die spanische queere Splatterfilm-Parodie „Pulsión Sangrienta“ über eine Familie, die auf eine lange Ahnenreihe aus Frauenmördern zurückblickt. Diese Vorführung im Roten Salon litt jedoch etwas darunter, dass der Saal zwar sehr gut für Konzerte und Partys genutzt werden kann ist, aber mangels geeigneter Kinobestuhlung die Untertitel nur schwer zu sehen und zu lesen waren.

Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs am HAU: René Pollesch fehlte

Nach einer halben Stunde fällt die Tür krachend zu, die ersten Zuschauer gehen genervt. Die anderen rätseln noch, worauf sie sich bei dieser Performance „Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück“ eingelassen haben. Als Fabian Hinrichs und Schorsch Kamerun gemeinsam mit PC Nackt musizieren, ist das zwar ein sympathischer Einstieg und eine Viertelstunde hört man auch gern zu. Schön wäre es allerdings, wenn die Texte auch so artikuliert werden, dass sie verstanden werden können.

Mit der Textverständlichkeit wird es zwar etwas besser, sonst hat sich aber auch nach vierzig Minuten nichts geändert.

Der Abend ist schon halb vorbei, als seine beiden Kumpels verschwinden und sich Fabian Hinrichs kurz hinter der Palme am Bühnenrand umzieht. Im Taucheranzug tigert er über die Bühne und bietet einen Monolog, der unentschieden irgendwo zwischen schlechter Kopie und Parodie seines „Keiner findet sich schön“-Solos an der Volksbühne pendelt.

Zwischendurch tritt dann auch noch eine Tanzgruppe aus Minsk in einer nicht näher definierbaren Landestracht auf und Hinrichs setzt seinen Monolog in einem Elektro-Auto fort. An diesem Abend, an dem ohnehin nichts zueinander passt, stören auch solche Merkwürdigkeiten nicht weiter.

Das Ganze war unter dem Festival-Titel „Marx´ Gespenster“ angekündigt und gefühlte fünf Minuten geht es in dem Monolog nach dem Konzert auch um Vergesellschaftung und „Produktionsidioten“. So unvermittelt wie dieser Themenstrang angerissen wurde, versandet er auch schon wieder. Hinrichs gibt stattdessen einen kurzen Abriss über die Architektur des Jugendstils im Allgemeinen und des Hebbeltheaters.

Fabian Hinrichs fällt es immer schwerer, sich das Grinsen über diese albernen, aneinandergestückelten Textbausteine zu verkneifen. Mehrmals muss er sich von der Souffleuse helfen lassen. Da ihm partout nicht mehr einfallen will, dass er angeblich ein Fan von Genesis von Phil Collins sei, entschuldigt sich Hinrichs mit kokettem Augenaufschlag: „Ja, das kommt eben nicht von Herzen.“ Mit Sicherheit nicht. Aber das gilt dann wohl auch für diesen ganzen Abend, der lieber im Probenraum einer Hobbycombo geblieben wäre, in den sich Esther Slevogt versetzt fühlte.

„Eisler on the beach“: laue Angelegenheit statt intensiver Auseinandersetzung mit Hysterie, Paranoia und Verrat

Die Geschwister Eisler in Amerika: was hätte man aus diesem Stoff machen können! Charlie Chaplin verglich die Abgründe aus Misstrauen und Verrat, die sich zwischen Hanns, Gerhart und Ruth Eisler auftaten, mit Shakespeares Königsdramen.

Das wäre doch eine ideale Vorlage für Jürgen Kuttner, der mit Tom Kühnel seit 2010 jährlich eine zeithistorische Revue am Deutschen Theater inszeniert. Den beiden gelangen durchaus schon große Würfe: „Demokratie“ über die Guillaume-Affäre und die SPD-Troika Brandt/Wehner/Schmidt aus den 70ern ist ein großer Spaß mit sehr präzise beobachteten Politikerporträts und bissigen Dialogen. Das Publikumsinteresse ist so groß, dass das Stück auch weiterhin im DT-Repertoire bleibt, obwohl bereits im Januar 2015 die Dernière angekündigt war. Auch über „Der Auftrag“ nach Heiner Müller, eine Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Schauspiels Hannover, war viel Positives zu lesen. Dieser Abend war bisher leider nicht in Berlin zu sehen, aber vielleicht ja beim nächsten Theatertreffen?

Häufiger haben wir leider bei Kuttner/Kühnel auch Abende erlebt, die sang- und klanglos wieder vom Spielplan verschwanden, ohne größere Spuren zu hinterlassen. „Agonie“ in den Kammerspielen war so ein Fall. Und auch „Eisler on the Beach“ fällt eher in diese Kategorie, zu saft- und kraftlos schleppt sich der Abend dahin, weit entfernt davon, in der Liga von „Demokratie“ mitspielen zu können.

Jürgen Kuttner kommt mit Hawaiihemd, überdimensionaler Sonnenbrille und Sätzen aus dem Baukasten eines Motivations-Trainers oder Wellness-Gurus auf die Bühne. Nach diesem gewohnt ironischen Intro taucht er über weite Strecken der folgenden zwei Stunden ab. Die links und rechts postierte Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot darf auch erst nach einer halben Stunde loslegen.

Die Schauspieler Maren Eggert, Daniel Hoevels, Ole Lagerpusch, Jörg Pose, Michael Schweighöfer und Simone von Zglinicki beginnen mit einer „kommunistischen Familienaufstellung“. Die Masche, Verhörprotokolle und Zeugenaussagen der Familie Eisler vor McCarthys berüchtigtem „Ausschuss für unamerikanische Umtriebe“ in eine Bar oder zu einem Liebespaar ins Hotelzimer zu verlegen, wiederholt sich allzu oft.

Der Verfremdungseffekt allein führt noch nicht zu Erkenntnisgewinn. Mal stellen die Schauspieler die Gemälde von Edward Hopper nach. Mal sprechen sie die Verhörszenen wie in den Melodramen von Douglas Sirk. Mit ironischem Zwinkern und viel Vierziger/Fünfziger-Jahre-Kolorit hält sich die Inszenierung den brisanten Stoff vom Leib.

Statt einer intensiven Auseinandersetzung über Intrigen und Verrat in der eigenen Familie, über anti-kommunistische Paranoia im Kalten Krieg bekommen wir nur einen lauen Aufguss serviert. Ach, wie schön wäre es gewesen, einen richtigen Kuttner-Abend in Hochform zu diesen Themen zu erleben! Es blieb aber nur bei einer Pflichtübung, die er zwischen seinen beiden Volksbühnen-Video-Schnipsel-Abenden zum Karamasow-Komplex und mit dem Philosophen Slavoj Žižek einschob.