Archiv der Kategorie: Theater

„The Dark Ages“: Milo Rau lässt am Residenztheater von Krieg, Genozid und Vertreibung erzählen

Unsere mitteleuropäische Zivilisation ist auf dünnem Eis gebaut: das ist die Quintessenz von Milo Raus “The Dark Ages”.

Am eindrucksvollsten wird dies bei den Schilderungen von Vedrana Seksan klar. Sie war eine 15jährige Teenagerin, als Sarajevo eingekesselt wurde. Eine Flugstunde von München und zwei Flugstunden von Berlin entfernt endete der Alltag einer europäischen Großstadt: keine Heizung, kein Strom, kein Licht; ständige Gefahr durch Heckenschützen und Granatenbeschuss.

Seksan und ihre vier Mitstreiter erzählen von Krieg, Genozid, Entwurzelung und Vertreibung: Sanja Mitrović erlebte das Bombardement auf Belgrad im Frühjahr 1999, nach dem Sturz von Milosevic ging sie nach Brüssel. Der Menschenrechtsaktivist Sudbin Musić ist als einziger kein Profi-Schauspieler. Er schildert, wie er das Lager Omarska überlebte, und empört sich im Publikumsgespräch, dass der Stahlkonzern Arcelor Mittal das Gelände aufgekauft hat und ein würdiges Gedenken an die Opfer verhindert.

Aus dem Ensemble des Münchner Residenztheaters wirken Valery Tscheplanowa und Manfred Zapatka mit. Tscheplanowa kam mit ihrer Mutter aus Kasan nach Deutschland, da das verunreinigte Trinkwasser in der untergehenden Sowjetunion sie krank gemacht hatte. Sie erzählt, wie schwer sie in der Fremde Fuß fasste und deshalb meist schwieg. Als schüchterne junge Frau wurde sie von Dimiter Gotscheff bei einem Vorsprechen fürs Deutsche Theater Berlin entdeckt. In einer der wenigen Abschweifungen, die sich der Abend gönnt, erinnert Tscheplanowa an die gemeinsame Arbeit mit dem Regisseur in “Hamletmaschine” und die letzten Begegnungen vor seinem Krebstod.

An den Zweiten Weltkrieg hat aus diesem Quintett nur Manfred Zapatka persönliche Erinnerungen. Er schildert, wie die Familie in Bremen ausgebombt wurde, der Vater aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte und wie er sich mit dem Bruder in einem Erbschaftsstreit überwarf.

Mehrere Wochen lang erzählten sich die fünf Protagonisten gegenseitig ihre Geschichten. Milo Rau machte daraus eine bedrückende Dokumentartheater-Collage in fünf Akten. Wie nahe die autobiographischen Erzählungen über Krieg und Genozid gehen, zeigt vor allem die Stille im Saal.

Anders als Yael Ronen in “Common Ground” lässt Milo Rau keine kabarettistischen Pausen zum Durchatmen zu. Ein berührendes, schlimmes Erlebnis reiht sich an das nächste. Gerade diese konzentrierte Vorgehensweise macht “The Dark Ages” so packend: ein gelungener Abschluss der FIND-Festival-Woche an der Schaubühne.

“The Dark Ages” gastierte am 16. und 17. April beim FIND-Festival der Schaubühne in Berlin. Weitere Termine in München

Das depressive Ach – Georgette Dees melancholische Berlin-Premiere am Berliner Ensemble

Ein Abend, der mit dem Bekenntnis der Diva bekannt, nicht mehr geliebt zu werden und nicht mehr zu lieben, könnte eine sehr schwermütige Veranstaltung werden.

Georgette Diva, die Gastgeberin des Chanson-Abends “Ach Du – mein Ach!” stellt aber schnell klar, dass man zwischen einem depressiven und einem melancholischen Ach unterscheiden muss.

Letzterem widmet sie mit ihrem bewährten Klavier-Begleiter Terry Truck ihr neues Bühnenprogramm, das am Montag in Hamburg Premiere hatte und einen Tag später im Berliner Ensemble zu sehen war.

Zwischen den Liedern streut Dee Anekdoten aus ihrem Berliner Kiez ein, die sich aber zu sehr in Banalitäten verheddern. Wir lernen Frida, Mira und einen Spanier kennen. Die Monologe lavieren zwischen Alltagsbeobachtungen und Anzüglichkeiten.

Georgette Dees neuer Abend richtet sich deshalb vor allem an treue Fans und Insider.

Tourdaten von Georgette Dee

Viel Qualm und Lärm um fast Nichts: Frank Witzels „Die Erfindung der RAF…“ an der Schaubühne adaptiert

Sicher: Wenn man einen 800 Seiten-Wälzer auf einen knapp zweieinhalbstündigen Theaterabend eindampfen will, geht zwangsläufig viel von der ausuferenden Detailverliebtheit der Vorlage verloren.

Aber ein so schwaches Ergebnis, wie es Armin Petras bei seiner Co-Produktion der Berliner Schaubühne und des Schauspiels Stuttgart ablieferte, ist dann doch eine negative Überraschung.

Was bleibt von diesem Abend, wenn sich der bei Petras-Inszenierungen fast schon obligatorische Zigarettenqualm gelichtet hat und die Trommelfell-Attacken der Live-Band “Die Nerven” nachgelassen haben?

Dann bleibt vor allem die Frage: Hatte Armin Petras nicht mehr Zeit oder schlicht keine Lust, einen ordentlichen Theaterabend auf die Bühne zu bringen? SPIEGEL Online vermutete: Beides.

Zwischen den dichten Schwaden aus Qualm und Trockeneis turnen die Darsteller über die Bühne, die ansonsten noch mit einer ganzen Armada aus Schaufensterpuppen zugestellt ist. Die in einem Aggregatszustand zwischen zähflüssig und dünnsuppig vorgetragenen Witzchen erreichen nicht das Format der Roman-Vorlage “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969” und sorgen für mehr Lacher auf der Bühne als im Publikum: ein ganz schlechtes Zeichen. Nicht nur der Tagesspiegel hatte das Gefühl, dass vieles aus früheren Petras-Inszenierungen seltsam bekannt ist.

Vom Zeitkolorit der späten 60er Jahre ist wenig zu spüren. Wenn die Schwarz-Weiß-Video-Einspieler und der kurze Moment nicht wären, als Jule Böwe, Julischka Eichel, Paul Grill und Tilman Strauß wie die “Kommune I” nackt vor der Wand posieren, könnte dieser Abend fast zu jeder beliebigen Zeit spielen.

Es ist schade, dass die Adaption von Frank Witzels Roman an diesem Premierenabend scheitert. Noch schlimmer ist aber, dass diese missglückte Inszenierung bei denen, die den Deutschen Buchpreis-Gewinner aus dem Herbst 2015 noch nicht gelesen haben, kaum Lust wecken wird, die Lektüre nachzuholen.

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Der Tyrann: Caligula am Münchner Volkstheater – ein Theaterereignis

“Nichts”: Vergeblich suchen die vornehmen Patrizier nach dem Kaiser Caligula. Nach dem Verlust seiner Geliebten Drusilla hat er sich irgendwo vergraben.

Hinter einem Vorhang taucht er dann doch endlich auf. Nackt, mit Lehm beschmiert und in einen Kokon existentialistischer Gedanken eingesponnen tigert Max Wagner als “Caligula” durch das Spiegel-Kabinett auf der Bühne. Untermalt von zarten Geigenklängen (Sophia Pfisterer) beklagt der Kaiser sein Schicksal und träumt davon, sich den Mond vom Himmel zu holen: “Diese Welt ist so, wie sie gemacht ist, nicht zu ertragen. Darum brauche ich den Mond oder das Glück oder die Unsterblichkeit, etwas, was unsinnig sein mag, was aber nicht von dieser Welt ist”, lässt ihn Albert Camus sagen.

So elegisch bleibt der Abend nicht: Er explodiert zu Rockmusik und lauten Bässen. Der “wilde Proben-Furor” ist in Lilja Rupprechts Inszenierung auch ein Jahr nach der Premiere am Münchner Volkstheater noch deutlich zu spüren.

Auch die Erleichterung des Senats, dass der Kaiser zurück ist, schlägt in Entsetzen um. Aus dem idealistischen jungen Mann wurde ein verbitterter Zyniker. Mit sadistischem Grinsen demütigt er seine Patrizier (Alexander Duda, Moritz Kienemann, Justin Mühlenhardt, Leon Pfannenmüller, Johannes Schäfer) und auch Caesonia (Constanze Wächter) kommt nicht ungeschoren davon.

Dieser Auftritt von Max Wagner ist ähnlich eindrucksvoll wie Mirco Kreibichs Hauptrolle in Jette Steckels “Caligula”-Inszenierung in der Box des Deutschen Theaters. An diesem Abend beweist er, dass er “viel mehr sein kann als der obligatorische Bühnenschönling, als den ihn Christian Stückl so gerne einsetzt”.

Die Gewaltspirale nimmt ihren Lauf, Caligula zieht sich ins Publikum zurück und beobachtet genüsslich, wie auf der Bühne ein Opfer nach dem anderen daran scheitert, ein spontanes Gedicht vorzutragen. Er hat die Macht, “seine Umgebung in schonungsloser Brutalität” mit ihm gemeinsam leiden zu lassen. Nachdem er alle Weggefährten abgeknallt hat, richtet er sich schließlich selbst.

Schlusspunkt eines Theater-Ereignisses, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

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Raucherpause für König Ödipus: Münchner Residenztheater lässt Sophokles auf Mad Men treffen

Die antike Tragödie “König Ödipus” hat auch mehr als zweitausend Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Wucht verloren. Im Münchner Residenztheater wird es ganz still, als Thomas Lettow in seiner ersten Hauptrolle am Haus den Fluch der Atriden noch einmal durchleidet.

Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik bot eine sehr konzentrierte Inszenierung, die zurecht auf die Kraft ihrer Vorlage vertraut. Schon während der nur knapp 80 Minuten war zu spüren, wie sehr die Tragödie auch ein zeitgenössisches Publikum packt. Auch auf dem Weg aus dem Theater diskutierten viele Besucher intensiv über den Stoff.

Eine Schwachstelle des Abends ist jedoch der halbherzige Versuch, die Handlung zu aktualisieren. Raimund Orfeo Voigt baute das Foyer eines Konferenzraums im funktionalen, unästhetischen Zeitgeist der Nachkriegsjahrzehnte nach. Hinter einer Glaswand treffen sich Schauspieler und Chor zur Raucherpause. Bis auf den Seher Teireisas (für Hans-Michael Rehberg ist Manfred Zapatka eingesprungen) und Iokaste (Sophie von Kessel) tragen alle Anzüge von der Stange. Auch die Inneneinrichtung, die überhaupt nichts vom Glanz eines Königshauses spüren lässt, und das permanente Qualmen tun ihr Übriges, so dass man sich an die Serie “Mad Men” erinnert fühlt.

Leider wird zu keinem Moment klar, warum sich die Regisseurin entschieden hat, die antiken Figuren in die hässlichen Anzüge zu stecken und die Handlung in ein Tagungs-Foyer zu verlegen. Immer wieder laufen dienstbare Geister über die Bühne, die den Aschenbecher leeren oder Toilettenpapier austauschen. Aus diesem Regie-Einfall folgt jedoch nichts. Er wirkt nur beliebig.

Dass der Abend dennoch nicht scheitert, liegt an der beschriebenen Kraft der Vorlage, die auch diese “Ödipus”-Inszenierung trägt. Er reicht jedoch nicht an gelungenere Sophokles-Bearbeitungen wie z.B. Stefan Kimmigs “Ödipus Stadt” (2012), das morgen zum letzten Mal auf dem Spielplan des Deutschen Theaters Berlin steht.

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Depressiver Märchenkönig – Ludwig II.-Liederabend am Münchner Volkstheater

Vielleicht liegt es daran, dass gleich drei Regisseurinnen auf dem Programmzettel zu “Ludwig II. – Eine musikalische Utopie” auf der Kleinen Bühne des Münchner Volkstheaters genannt werden: Es ist kein Liederabend aus einem Guss. Ideen werden angespielt, aber nicht weitergeführt. Stattdessen kommt ein neuer Einfall.

Das ist hübsch anzusehen, driftet aber zu oft ins Alberne ab. Am stärksten ist der Abend, wenn er auf die Musik vertraut. Die Schauspieler singen zur Begleitung von Michael Gumpinger (alias Ludwigs Lieblingskomponist Richard Wagner) Songs von Nirvana bis Blondie.

Die Schauspieler wirken etwas unterfordert: Jean-Luc Bubert (Ludwig II.) fläzt fast während der kompletten 90 Minuten in seinem Sessel. Jakob Geßner stöckelt als Lustknabe, der aussortiert wird, auf High Heels über die Kleine Bühne, wenn er nicht gerade exzessiv qualmt. Mara Widmann ruft sich als Sissi immer wieder in Erinnerung.

Lenja Schultze stopft als Sophie, obwohl sie ohnehin schon mit Fatsuits ausgepolstert ist, weiteren Kuchen in sich hinein. Auch Max Wagner kann in seiner Mehrfach-Rolle (u.a. als Regisseur von Wagners “Siegfried” in breitem Pfälzer Dialekt, als neuer Königs-Lover Sam und hier auf dem Bild als Conférencier) sein Können zu selten zeigen.

Der Liederabend von Lea Ralfs, Charlotte Oeken und Marie Jaksch hat seine witzigen Momente, bleibt aber zu sehr Stückwerk.

Premiere war am 10. Juni 2014, die Inszenierung stand am 30. März 2016 zum letzten Mal auf dem Spielplan.

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Im Totenreich: Musiktheater-Bearbeitung von Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich“ an den Münchner Kammerspielen

Mit marthaleresker Langsamkeit tastet sich Anna-Sophie Mahler an Josef Bierbichlers autobiographisch geprägten Roman “Mittelreich” heran. Die Arbeit als Christoph Marthalers Regieassistentin hat prägende Spuren hinterlassen. Vor allem in der ersten Hälfte ist der Abend aber so zäh, dass einige Plätze nach der Pause leer bleiben.

Drei Generationen der Seewirtsfamilie in einem bayerischen Dorf arbeiten sich an ihren Konflikten ab: Es wird viel geschwiegen und noch mehr verdrängt. “Ein deutsches Requiem” von Brahms erklingt, während die sechs Schauspieler auf ihren Holzstühlen in der Mitte der kargen Bühne Platz nehmen.

Vor allem zu Beginn ist “Mittelreich” mehr Musik- als Sprechtheater. Sicher könnte man Bierbichlers Geschichte bauch auf diese Art packend erzählen. Der Abend bleibt aber zu statisch, die Figuren verharren im Totenreich. Die Regisseurin erklärte im Programmheft-Interview: “Aus seiner Gegenwart heraus sucht er mit Hilfe der Erinnerung nun verzweifelt nach Antworten, um die Toten, seine Familie zu befragen – Antworten, die er in der Realität nicht bekommen hat.” Dieses seelische Drama konnte diese Inszenierung aber nicht ausreichend vermitteln.

Stärker wird der Abend erst, als er sich aus dem Kaiserreich in den Mief der restaurativen 1950er Jahre vorgearbeitet hat. Annette Paulmann spielt die engstirnige Theres, die über die Flüchtlinge herzieht: was wollen die denn hier?! Sie passen doch gar nicht hierher! Schnell landet sie bei antisemitischen Tönen. Der zweite bemerkenswerte Moment ist das Schaudern von Steven Scharf, als er in der Rolle des Semi berichtet, wie er im katholischen Internat von einem Mönch missbraucht wurde. Zitternd und angeekelt erinnert er sich an das Verbrechen.

Da der Abend zu wenige intensive Momente hat, kommt er nicht über eine solide Romanadaption mit musikalischer Untermalung hinaus. Die Entscheidung der Theatertreffen-Jury, “Mittelreich” als eine der zehn bemerkenswerten Inszenierungen dieser Saison nach Berlin einzuladen, ist deshalb für mich nicht nachvollziehbar.

Das Organisationsteam des tt 2016 steht nun vor der Herausforderung, eine geeignete Spielstätte zu finden: Einer der gelungenen Aspekte dieses Abends im Schauspielhaus der Kammerspiele an der Münchner Maximilianstraße, das seit der Ära Lilienthal als “Kammer 1” firmiert, ist der Auftritt des Jungen Vokalensembles München unter Leitung von Julia Selina Blank. Sie postieren sich hinter den Zuschauern auf dem Balkon und erzielen so eine optimale akustische Wirkung, die z.B. im Haus der Berliner Festspiele nicht zu erreichen wäre.

Heiner Müller-Revue: „Der Auftrag“ zu Gast am DT und Videoschnipsel von Kuttner

“Die Zeit hätte gern, dass sie über Müller hinweggehen könnte. Oder sie glaubt sie wäre schon über ihn hinweggegangen”, konstatiert Jürgen Kuttner.

Heiner Müllers Texte sind von scharfkantigen Brüchen geprägt, sie sind vollgepackt mit Gedankensplittern aus zweieinhalb Tausend Jahren europäischer Kulturgeschichte “von Aischylos bis Honecker”, alles andere als leicht verdaulich. Das passt nicht in eine Zeit, die es gerne “gluten- und lactosefrei” mit “kleinen Häppchen” hat.

Jürgen Kuttner zog mit seinem bewährten Regiepartner Tom Kühnel die Konsequenz, dass sie Heiner Müllers “Der Auftrag” als bunten Stilmix inszenieren: mit Pudel-Ballett, “Vom Winde verweht”-Parodie, vielen wehenden roten Fahnen und Corinna Harfouch im Pierrot-Kostüm. Das Publikum ist gefordert, sich auf diesen assoziativ durch Müllers Gedankenwelt springenden Varieté-Reigen, der live von den “Tentakeln von Delphi” (um Harfouchs Sohn Hannes Gwisdek) untermalt wird, seinen eigenen Reim zu machen.

Im Zentrum der Clownerien steht der Text: die Schauspieler bewegen ihre Lippen zum Playback. Der Meister selbst spricht zu uns vom Band, die Inszenierung verwendet einen Mitschnitt von Heiner Müllers Lesung an der Volksbühne im Jahr 1980. In seinem charakteristischen, monotonen, raunenden Stil liest er sein ein Jahr zuvor erschienenes Stück über eine gescheiterte Revolution in Jamaika: als Zigarrenqualm-umwölktes Orakel von Friedrichsfelde erscheint er vor dem inneren Auge der Zuschauer.

Das Playback-Prinzip wird nur selten unterbrochen, den einzigen längeren Monolog hat Corinna Harfouch, die sich durch den Albtraum “Mann im Fahrstuhl” sächselt. Er handelt von einem Angestellten, der in Panik gerät, weil er zu spät zur Vorladung beim Chef kommt, und sich zu allem Überfluss auch noch überraschend in Peru wiederfindet, als er den Fahrstuhl verlässt.

Dieses Kabinettstückchen erhält den stärksten Szenenapplaus beim Berliner Gastspiel von Kuttners/Kühnels “Der Auftrag”. Es ist auch die stringenteste Nummer in dieser Müller-Revue, die von den Ruhrfestspielen Recklinghausen und dem Schauspiel Hannover co-produziert wurde und am Oster-Wochenende im Deutschen Theater Berlin zu Gast war.

Die knapp 90 Minuten waren am Karsamstag aber nur die Ouvertüre zu einem Videoschnipselvortrag von Jürgen Kuttner, der kurz vor Mitternacht endete, weil der Personalrat des Deutschen Theaters auf die Einhaltung der vorgeschriebenen Zeiten für die Bühnenarbeiter gepocht hatte. Man ist ja hier schließlich nicht an der Volksbühne, wo Frank Castorf sich, sein Ensemble und die Zuschauer gerne mal sechs Stunden mit Stücke-Zertrümmerungen martert.

Kuttner nimmt sein Publikum auf eine Tour unter dem Titel “Müller? Den Namen wird man sich merken müssen” mit, die sowohl amüsanter als auch präziser als seine “Der Auftrag”-Inszenierung ist. Großartig, welche Fundstücke er diesmal wieder ausgegraben hat: eine späte Müller-Aufnahme wenige Jahre nach dem Mauerfall, als er trotzig einen Brecht-Text rezitiert und mit schelmischem Lächeln darauf pocht, auch nach dem Scheitern des real existierenden Sozialismus von einer gerechteren Gesellschaft und Alternativen zum Status quo zu träumen, was dem damaligen Zeitgeist komplett widersprach. Oder ein Interview aus einer Literatursendung des DDR-Fernsehens Mitte der 70er, in dem alle drei Beteiligten in Andeutungen sprechen und auch das Tabuthema seiner verbotenen Stücke zwischen den Zeilen durchschimmern. Lassen. Der schmale Müller thront wie ein gelassener Buddha in der Mitte. Oder das unfreiwillig-komische Porträt des ZDF, das ihn kurz vor seinem Tod im Plattenbau in Friedrichsfelde besuchte und dem West-Publikum mit Nahaufnahmen aus einer zugemüllten Tristesse zu den pathetischen Klängen des Gefangenenchores ein wohliges Schaudern über den Rücken jagen wollte.

Weitere “Der Auftrag”-Termine in Hannover

Die Lächerlichkeit der Bourgeoisie: „Victor oder Die Kinder an der Macht“ auf der BE-Probebühne

Der französische Regisseur Nicolas Charaux hat offensichtlich ein Faible für die farcenhaften Abrechnungen mit der Bourgeoisie: Während seines Regie-Studiums am Wiener Max Reinhardt Seminar befasste er sich mit der „Affäre Rue de Lourcine“ von Eugéne Labiche. Für das Berliner Ensemble grub er vor kurzem „Victor oder Die Kinder an der Macht“, ein surrealistisches Theaterstück von Roger Vitrac aus dem Jahr 1928 aus.

Auf der BE-Probebühne machte sich Charaux mit vielen bekannten Namen aus Peymanns Ensemble wie Norbert Stöß, Swetlana Schönfeld oder Roman Kaminski über das Bürgertum lustig, das von einem neunjährigen Kind (Raphael Dwinger als Victor) manipuliert und wie am Nasenring durch die Manege geführt wird. Anfangs ist das bunte Treiben im Wohnzimmer ganz amüsant mit anzusehen.

Auf die Dauer werden die knapp zwei Stunden langweilig, da dem Abend die Abgründe und die Doppelbödigkeit fehlen, die z.B. Karin Henkels Inszenierung der „Affäre Rue de Lourcine“ einige Hundert Meter weiter am Deutschen Theater auszeichnen.

Die „Victor oder Die Kinder an der Macht“-Inszenierung von Nicolas Charaux, der seit seiner Auszeichnung mit dem „Young Directors Award“ in Salzburg 2014 als Nachwuchshoffnung gehandelt wurde, plätschert erschreckend museal vor sich hin.

Weitere Termine

Dilemma der Whistleblower als Gametheater: „Lessons of Leaking“ von machina eX

Trübe Aussichten für Europa! Das Kollektiv machina eX entwirft folgendes Szenario für 2021: Das Unbehagen der „besorgten Bürger“ brachte eine rechtspopulistische Kanzlerin ins Amt. Beate Peters will in einem Volksentscheid über den „Dexit“ abstimmen lassen. In einer Fernsehansprache schimpft sie darüber, dass die deutschen Interessen seit Jahren zu kurz kommen. Deshalb sei es an der Zeit, sich aus der zerbröselnden Europäischen Union zu verabschieden.

Die Fernsehansprache verfolgen die zehn Teilnehmer des Mitrate-Theaters „Lessons of Leaking“ gemeinsam mit Clara (Nora Decker) und ihrem Freund David (Roland Bonjour). Während noch emotionale Pro- und Contra-Kommentare des Social Media-Schwarms eingeblendet werden, lässt eine Nachricht Clara hochschrecken.

Jetzt sind die Zuschauer gefragt: von Station zu Station müssen sie Clara dabei unterstützen, Botschaften zu dechiffrieren, Alarmanlagen auszuschalten und geheime Dokumente aufzustöbern. Die Rätsel sind so angelegt, dass nur gemeinsames Knobeln im Team weiterführt. Einzelkämpfer fahren bei diesem Spiel genauso gegen die Wand, wie es der EU gerade im realen Leben droht. Die Aufgaben sind raffiniert ausgetüftelt, ähneln in ihrer Machart aber früheren Game-Theater-Abenden wie „Toxik“, so dass Neueinsteiger den größten Spaß daran haben werden.

Das Rate-Spiel ist kein Selbstzweck, sondern erfordert schwierige Abwägungen: Transparenz um jeden Preis? Wer profitiert, wenn eine Manipulation aufgedeckt wird? To leak or not to leak? Wie würden Sie entscheiden?

„Lessons of Leaking“ wurde am 17. Februar an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt und ist bis 1. April 2016 im HAU 3 zu erleben (Restkarten an der Abendkasse).