Archiv des Autors: Konrad Kögler

Über Konrad Kögler

In unserem Kulturblog schreibt /e-politik.de/ – Autor Konrad Kögler Rezensionen über Film, Theater, Lesungen, Gespräche, Kabarett, Konzerte, Oper und Tanz. Außerdem gibt es auf dem Twitter-Account @daskulturblog Hinweise auf Lesenswertes in Feuilletons und politischen Magazinen.

Heiner Müller-Revue: „Der Auftrag“ zu Gast am DT und Videoschnipsel von Kuttner

“Die Zeit hätte gern, dass sie über Müller hinweggehen könnte. Oder sie glaubt sie wäre schon über ihn hinweggegangen”, konstatiert Jürgen Kuttner.

Heiner Müllers Texte sind von scharfkantigen Brüchen geprägt, sie sind vollgepackt mit Gedankensplittern aus zweieinhalb Tausend Jahren europäischer Kulturgeschichte “von Aischylos bis Honecker”, alles andere als leicht verdaulich. Das passt nicht in eine Zeit, die es gerne “gluten- und lactosefrei” mit “kleinen Häppchen” hat.

Jürgen Kuttner zog mit seinem bewährten Regiepartner Tom Kühnel die Konsequenz, dass sie Heiner Müllers “Der Auftrag” als bunten Stilmix inszenieren: mit Pudel-Ballett, “Vom Winde verweht”-Parodie, vielen wehenden roten Fahnen und Corinna Harfouch im Pierrot-Kostüm. Das Publikum ist gefordert, sich auf diesen assoziativ durch Müllers Gedankenwelt springenden Varieté-Reigen, der live von den “Tentakeln von Delphi” (um Harfouchs Sohn Hannes Gwisdek) untermalt wird, seinen eigenen Reim zu machen.

Im Zentrum der Clownerien steht der Text: die Schauspieler bewegen ihre Lippen zum Playback. Der Meister selbst spricht zu uns vom Band, die Inszenierung verwendet einen Mitschnitt von Heiner Müllers Lesung an der Volksbühne im Jahr 1980. In seinem charakteristischen, monotonen, raunenden Stil liest er sein ein Jahr zuvor erschienenes Stück über eine gescheiterte Revolution in Jamaika: als Zigarrenqualm-umwölktes Orakel von Friedrichsfelde erscheint er vor dem inneren Auge der Zuschauer.

Das Playback-Prinzip wird nur selten unterbrochen, den einzigen längeren Monolog hat Corinna Harfouch, die sich durch den Albtraum “Mann im Fahrstuhl” sächselt. Er handelt von einem Angestellten, der in Panik gerät, weil er zu spät zur Vorladung beim Chef kommt, und sich zu allem Überfluss auch noch überraschend in Peru wiederfindet, als er den Fahrstuhl verlässt.

Dieses Kabinettstückchen erhält den stärksten Szenenapplaus beim Berliner Gastspiel von Kuttners/Kühnels “Der Auftrag”. Es ist auch die stringenteste Nummer in dieser Müller-Revue, die von den Ruhrfestspielen Recklinghausen und dem Schauspiel Hannover co-produziert wurde und am Oster-Wochenende im Deutschen Theater Berlin zu Gast war.

Die knapp 90 Minuten waren am Karsamstag aber nur die Ouvertüre zu einem Videoschnipselvortrag von Jürgen Kuttner, der kurz vor Mitternacht endete, weil der Personalrat des Deutschen Theaters auf die Einhaltung der vorgeschriebenen Zeiten für die Bühnenarbeiter gepocht hatte. Man ist ja hier schließlich nicht an der Volksbühne, wo Frank Castorf sich, sein Ensemble und die Zuschauer gerne mal sechs Stunden mit Stücke-Zertrümmerungen martert.

Kuttner nimmt sein Publikum auf eine Tour unter dem Titel “Müller? Den Namen wird man sich merken müssen” mit, die sowohl amüsanter als auch präziser als seine “Der Auftrag”-Inszenierung ist. Großartig, welche Fundstücke er diesmal wieder ausgegraben hat: eine späte Müller-Aufnahme wenige Jahre nach dem Mauerfall, als er trotzig einen Brecht-Text rezitiert und mit schelmischem Lächeln darauf pocht, auch nach dem Scheitern des real existierenden Sozialismus von einer gerechteren Gesellschaft und Alternativen zum Status quo zu träumen, was dem damaligen Zeitgeist komplett widersprach. Oder ein Interview aus einer Literatursendung des DDR-Fernsehens Mitte der 70er, in dem alle drei Beteiligten in Andeutungen sprechen und auch das Tabuthema seiner verbotenen Stücke zwischen den Zeilen durchschimmern. Lassen. Der schmale Müller thront wie ein gelassener Buddha in der Mitte. Oder das unfreiwillig-komische Porträt des ZDF, das ihn kurz vor seinem Tod im Plattenbau in Friedrichsfelde besuchte und dem West-Publikum mit Nahaufnahmen aus einer zugemüllten Tristesse zu den pathetischen Klängen des Gefangenenchores ein wohliges Schaudern über den Rücken jagen wollte.

Weitere “Der Auftrag”-Termine in Hannover

Aussortiert: Deprimierendes französisches Sozialdrama „Der Wert des Menschen“

Dieser Film ist das krasse Gegenteil einer Feel-good-Komödie. Stéphane Brizé zeichnet in “Der Wert des Menschen” ein deprimierend realistisches Porträt eines ca. 50jährigen Familienvaters, der plötzlich arbeitslos wurde.

Das Jobcenter verschiebt ihn von einer Umschulung zur nächsten, einer beruflichen Perspektive kommt er dadurch keinen Millimeter näher. Beim Vorstellungsgespräch via Skype macht ihm der Arbeitgeber sofort klar, dass seine Chancen sehr gering sind. Er solle bitte auf keinen Fall anrufen, man werde sich melden.

Ein Tiefpunkt auf der Leidenstour, die Thierry (Vincent Lindon) absolvieren muss, ist das Bewerbungstraining, bei dem der Kursleiter und die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sein Probe-Video hämisch auseinandernehmen.

Die Handkamera bleibt bei dieser arte-Co-Produktion immer dicht an ihrer Hauptfigur. Mit stoischer Miene müht sich Thierry, bis er endlich als Detektiv in einem Kaufhaus angestellt wird.

Er ist zwar wieder in Lohn und Brot, aber Glück sieht anders aus: er wird von der Filialleitung darauf angesetzt, neben potenziellen Ladendieben vor allem die Kassiererinnen genau zu überwachen: Da Personal eingespart werden soll, ist jeder Beweis einer Verfehlung höchst willkommen. Wer Treuepunkte aufs eigene Konto bucht oder Pfandmarken (wie im Fall Emmely) einsteckt, fliegt sofort.

“Der Wert des Menschen” ist eine 90minütige Sozialstudie, die sich ihrem Thema hochkonzentriert widmet. Nur der Nebenstrang des behinderten Sohnes wirkt etwas zu krampfhaft hinzugefügt. Die Leistung des Hauptdarstellers Vincent Lindon überzeugte auch die Jury in Cannes, die ihn beim Festival 2015 als besten männlichen Hauptdarsteller auszeichnete.

Nach der Berlin-Premiere zur Eröffnung des “Around the world in 14 films”-Festivals im November 2015 startete “Der Wert des Menschen” am 17. März 2016 bundesweit in den Kinos.

Raum: Hollywood wird von den Kampusch und Fritzl inspiriert

Ihren Namen kannten bis vor kurzem nur Insider: die kalifornische Schauspielerin Brie Larson gewann in diesem Jahr den “Golden Globe” und den “Oscar” als beste Hauptdarstellerin in “Raum”.

Sie spielt eine junge Mutter, die entführt und in einem Schuppen regelmäßig von ihrem Peiniger vergewaltigt wird. Es ist klar, von welchen realen Ereignissen sich die kanadische Drehbuchautorin Emma Donoghue inspirieren ließ: die österreichischen Fälle von Natascha Kampusch und der Familie Fritzl standen Pate.

Die fiktive Handlung dieses Indepent-Films, der laut Süddeutscher Zeitung mit schmalem Budget auskommen musste, beginnt am 5. Geburtstag von Jack (Jacob Tremblay). Wie wir nach und nach erfahren, wurde er bei einer der zahlreichen Vergewaltigungen gezeugt.

Er hat nie etwas anderes als den wenige Quadratmeter großen Raum kennengelernt. Frei nach dem berühmten Wittgenstein-Zitat bedeuten die Grenzen des Zimmers die Grenzen seiner Welt. Die Menschen im Fernsehen seien frei erfunden; Ozeane, Wälder und Städte existierten auch nicht in der Realität, impft Jacks Mutter ihm anfangs ein. Jenseits der Oberluke liege nur das Weltall. Dennoch versucht Joy, ihn zwischen Kochnische, Bett, Schrank, Stühlen und Zimmerpflanze so “normal” und behütet wie möglich aufwachsen zu lassen.

Das Erzähltempo zieht nur langsam an. Im Mittelteil lässt Regisseur Lenny Abrahmson die Zuschauer im Kinosessel bei den Fluchtversuchen mitfiebern. Diese Passagen sind die stärksten Momente des Films.

Danach tappt der Film zu oft in die Klischeefallen, als er versucht, Mutter und Sohn dabei zu beobachten, wie sie sich mühsam an die Welt jenseits ihres Gefängnisses herantasten. Es ist sicher eine schwierige Gratwanderung und erfordert viel Fingerspitzengefühl, dieses Thema in den Griff zu bekommen. Aber das penetrante Klaviergeklimper und die hölzernen “Es tut mir leid”-Dialoge, mit denen sich der Film seinem Ende entgegen schleppt, sind schon ziemlich enttäuschend.

“Raum” startete am 17. März 2016 in den Kinos: Webseite und Trailer

Im Spinnennetz

Außergewöhnliche “Zauberflöte” an der Komischen Oper wiederaufgenommen

Mozarts “Zauberflöte” ruft bei vielen Opernfreunden nur noch ein müdes Gähnen hervor. Die meistgespielte Oper gehört in fast jedem Haus zum Repertoire. Die Arie der Königin der Nacht wurde x-fach durchgenudelt und auch die Vogelfänger-Arie entlockt irgendwann nur noch ein müdes Lächeln.

Aber auch wenn man diese Hits schon gar nicht mehr hören will, sollte man der Inszenierung an der Komischen Oper eine Chance geben. Intendant Barrie Kosky besuchte vor einigen Jahren eine Aufführung von “Between the Devil and the Deep Blue Sea” des britischen Performance-Duos 1927. Er berichtet im Programmheft, dass er schon nach wenigen Minuten fest entschlossen war, mit dieser Gruppe eine “Zauberflöte” zu inszenieren. Ihn reizte, dass die beiden Opern-Neulinge Suzanne Andrade und Paul Barritt “völlig unbelastet” an den Dauerbrenner herangehen. Das Markenzeichen ihrer Arbeiten ist, dass sie Live-Performance mit Animationen mischen.

Wie gut das funktioniert, zeigt dieses Beispiel: Beate Ritter wird als die Spinne im Netz hell angestrahlt. Als sie zu ihren berühmten Koloraturen ansetzt, krabbeln die computeranimierten kleinen Wesen über die Bühne und erzeugen eine Gänsehaut, wie sie lange bei keiner “Königin der Nacht” zu erleben war.

Inspiriert vom expressionistischen Stummfilm und vom Varieté der Zwanziger Jahre entwerfen die britischen Gäste wunderbare Bilderwelten, die aus dem abgedroschenen Klassiker ein außergewöhnliches Seh-Erlebnis machen. Die Aufführung ist reich an skurrilen Einfällen: Wenn Papageno zum Cocktail greift, findet er sich mitten unter rosa Elefanten wieder.

Die Inszenierung tourte nach der gefeierten Premiere am 25. November 2012 durch die Welt und wurde am Gründonnerstag in Berlin wiederaufgenommen. Auch wenn es mit den Computer-Animationen anfangs Probleme gab und sich Kosky in seinem Denglish-Mix für die kleine Verzögerung entschuldigen musste, war es ein gelungener Opern-Abend.

Für die nächste Spielzeit 2016/17 wurde bereits eine weitere Zusammenarbeit von “1927” mit der Komischen Oper geben.

Weitere Termine

Die Lächerlichkeit der Bourgeoisie: „Victor oder Die Kinder an der Macht“ auf der BE-Probebühne

Der französische Regisseur Nicolas Charaux hat offensichtlich ein Faible für die farcenhaften Abrechnungen mit der Bourgeoisie: Während seines Regie-Studiums am Wiener Max Reinhardt Seminar befasste er sich mit der „Affäre Rue de Lourcine“ von Eugéne Labiche. Für das Berliner Ensemble grub er vor kurzem „Victor oder Die Kinder an der Macht“, ein surrealistisches Theaterstück von Roger Vitrac aus dem Jahr 1928 aus.

Auf der BE-Probebühne machte sich Charaux mit vielen bekannten Namen aus Peymanns Ensemble wie Norbert Stöß, Swetlana Schönfeld oder Roman Kaminski über das Bürgertum lustig, das von einem neunjährigen Kind (Raphael Dwinger als Victor) manipuliert und wie am Nasenring durch die Manege geführt wird. Anfangs ist das bunte Treiben im Wohnzimmer ganz amüsant mit anzusehen.

Auf die Dauer werden die knapp zwei Stunden langweilig, da dem Abend die Abgründe und die Doppelbödigkeit fehlen, die z.B. Karin Henkels Inszenierung der „Affäre Rue de Lourcine“ einige Hundert Meter weiter am Deutschen Theater auszeichnen.

Die „Victor oder Die Kinder an der Macht“-Inszenierung von Nicolas Charaux, der seit seiner Auszeichnung mit dem „Young Directors Award“ in Salzburg 2014 als Nachwuchshoffnung gehandelt wurde, plätschert erschreckend museal vor sich hin.

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Dilemma der Whistleblower als Gametheater: „Lessons of Leaking“ von machina eX

Trübe Aussichten für Europa! Das Kollektiv machina eX entwirft folgendes Szenario für 2021: Das Unbehagen der „besorgten Bürger“ brachte eine rechtspopulistische Kanzlerin ins Amt. Beate Peters will in einem Volksentscheid über den „Dexit“ abstimmen lassen. In einer Fernsehansprache schimpft sie darüber, dass die deutschen Interessen seit Jahren zu kurz kommen. Deshalb sei es an der Zeit, sich aus der zerbröselnden Europäischen Union zu verabschieden.

Die Fernsehansprache verfolgen die zehn Teilnehmer des Mitrate-Theaters „Lessons of Leaking“ gemeinsam mit Clara (Nora Decker) und ihrem Freund David (Roland Bonjour). Während noch emotionale Pro- und Contra-Kommentare des Social Media-Schwarms eingeblendet werden, lässt eine Nachricht Clara hochschrecken.

Jetzt sind die Zuschauer gefragt: von Station zu Station müssen sie Clara dabei unterstützen, Botschaften zu dechiffrieren, Alarmanlagen auszuschalten und geheime Dokumente aufzustöbern. Die Rätsel sind so angelegt, dass nur gemeinsames Knobeln im Team weiterführt. Einzelkämpfer fahren bei diesem Spiel genauso gegen die Wand, wie es der EU gerade im realen Leben droht. Die Aufgaben sind raffiniert ausgetüftelt, ähneln in ihrer Machart aber früheren Game-Theater-Abenden wie „Toxik“, so dass Neueinsteiger den größten Spaß daran haben werden.

Das Rate-Spiel ist kein Selbstzweck, sondern erfordert schwierige Abwägungen: Transparenz um jeden Preis? Wer profitiert, wenn eine Manipulation aufgedeckt wird? To leak or not to leak? Wie würden Sie entscheiden?

„Lessons of Leaking“ wurde am 17. Februar an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt und ist bis 1. April 2016 im HAU 3 zu erleben (Restkarten an der Abendkasse).

Theater-Debüt: Florian Bartholomäi als Dorian Gray

Der Mörder ist immer der Florian: „Tatort“-Aficionados haben nachgezählt, dass kein Schauspieler so oft am Sonntag Abend mordete wie Florian Bartholomäi. Dabei wirkt der Endzwanziger auf den ersten Blick ganz und gar nicht gefährlich, sondern wie der nette Junge von nebenan aus dem Friedrichshain.

Bei seinem Theater-Debüt bleibt er sich treu: einen Mehrfach-Täter spielt Bartholomäi auch im Kleinen Theater in Friedenau, einer gutbürgerlichen Gegend im alten West-Teil der Stadt, in der es wesentlich beschaulicher zugeht als im hippen Fhain, die aber mit der Ring-Bahn von dort schnell zu erreichen ist. Er spielt die Hauptfigur in John von Düffels Bühnen-Fassung von „Das Bildnis des Dorian Gray“, bei der sich der Dramaturg des Deutschen Theaters nah an Oscar Wildes Roman-Vorlage (1891) hielt.

Recht konventionell bringt Regisseur Boris von Poser die bekannte Geschichte auf die Bühne. Neben Bartholomäi sind noch weitere bekannte Namen in dem weniger als 100 Zuschauer fassenden Kleinen Theater zu Gast: Matthias Freihof bekommt als Lord Henry die berühmten Aphorismen und Bonmots in den Mund gelegt, deren Wiedererkennungswert so hoch ist, dass jedes Mal ein Raunen durchs Publikum geht. Stella Maria Adorf ist als Lady Wotton zu sehen.

Bei seiner ersten Theater-Rolle erreicht Bartholomäi leider nicht die Präsenz, mit der er 2006 in „Reine Geschmackssache“ an der Seite der erfahrenen Kollegen Edgar Selge und Roman Knižka überzeugte. Seine zweite Film-Rolle (nach „Kombat Sechzehn“) war damals ein Kino-Überraschungs-Hit, sein Theater-Debüt „Das Bildnis des Dorian Gray“ ist eine grundsolide Roman-Adaption.

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„Geächtet“ am Kudamm: Scherbenhaufen nach entgleistem Abendessen

Zwei gutsituierte Paare, ein gepflegtes Abendessen, Small-Talk über Gott und die Welt, bis der Abend komplett entgleist: diese Thematik kennen wir aus zahlreichen Salonkomödien, vor allem aus Edward Albees Klassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“?

Das Problem des Broadway-Hits „Geächtet“ von Ayad Akhtar, der momentan von Berlin über München bis Hamburg auf mehreren deutschen Spielplänen steht, ist, dass die knapp zwei Stunden thematisch zu sehr überfrachtet sind. Private Eifersuchtsdramen verschränken sich mit Amirs schwierigem Verhältnis zum Islam. Der hochbezahlte Anwalt verleugnet seine muslimisch-pakistanische Herkunft und gibt sich den indischen Nachnamen Kapoor. Er ist peinlich darauf bedacht, sich von der Religion abzugrenzen, mit der er aufgewachsen ist, bis es während des Dinners aus ihm herausbricht: Er sei stolz auf die Attentäter von 9/11.

Wie er zu dieser Einschätzung kommt, bleibt im Dunkeln. Um so nachvollziehbarer ist die entsetzte Reaktion der drei Mitdiskutanten. Sie verzetteln sich in Diskussionen über das Racial Profiling bei Sicherheitskontrollen an Flughäfen und die Drohungen des ehemaligen iranischen Präsidenten Ahmadinejad gegen Israel. Die Dialoge bleiben jedoch hölzern, so dass sie ebenso wenig Interesse wecken können wie die privaten Über-Kreuz-Verstrickungen der beiden Paare.

Der Beatles-Song „A day in the life“ ist einer der wenigen Momente, die von dieser Inszenierung von Ivan Vrgoč im Theater am Kurfürstendamm angenehm in Erinnerung bleiben. Für Amir endet der Abend als Scherbenhaufen, für das Publikum ist er kein großes Theatervergnügen. Es war für die fünf Schauspieler (Katja Sallay, Mehdi Moinzadeh, Dela Dabulamanzi, Gunther Gillian und Rauand Taleb) allerdings sicher auch nicht einfach, knapp zwei Monate nach der Premiere vor einem nur spärlich besetzten Saal zu spielen.

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Die Paranoia der grauen Mäuse: Kafka-Abend „Ein Käfig ging einen Vogel suchen“

Die fünf grauen Mäuse, denen Andrea Schraad einen Einheitslook (Seitenscheitel, Brille, beiger Pullunder, Aktentasche) verpasst hat, sind bedauernswerte Gestalten. Angststarr verkriechen sie sich in ihrer Wohnung. Vor den Zumutungen der Außenwelt sind sie aber auch hier nicht sicher: die Stimme im Radio verliest Nachrichten vom Wüten der IS-Terroristen und dem vergeblichen Ringen um eine „europäische Lösung“.

Wenn es nicht so traurig wäre, mitzuerleben, wie die Idee der europäischen Einigung erodiert und die Mitgliedstaaten der EU seit Monaten daran scheitern, sich auf die naheliegende Lösung einer solidarischen Verteilung der Flüchtlinge zu einigen, könnte man die grotesken Gipfel-Treffen, an denen sich die EU-Regierungschefs entlang hangeln, fast für eine Erfindung von Franz Kafka halten: Bürokratisiert, ein Trott eingespielter Rituale, die durch unerwartete Ereignisse kurz aufgemischt werden, und doch wieder nur mit Formelkompromissen enden oder sich komplett ergebnislos vertagen.

Der auf fünf Klone (Elias Arens, Moritz Grove, Bernd Moss, Jörg Pose, Natali Seelig) aufgespaltene Protagonist von Andreas Kriegenburgs Kafka-Abend „Ein Käfig ging einen Vogel suchen“ am Deutschen Theater hat es längst aufgegeben, sich mit diesen Details zu befassen. Er hat sich in seine kleine Höhle zurückgezogen, völlig überfordert von einer Welt da draußen, die aus den Fugen scheint und ihm nur Angst macht. Panisch verkriecht er sich im „Bau“ und steigert sich immer tiefer in seine Angstphantasien hinein, dass das Unbekannte und Fremde auch in seinen letzten Zufluchtsort eindringen könnte.

Gefährlich wird diese Haltung vor allem dann, wenn sie sich aggressiv gegen Dritte wendet. „Er tut uns nichts, aber er ist uns lästig, das ist genug getan; warum drängt er sich ein, wo man ihn nicht haben will. Wir kennen ihn nicht und wollen ihn nicht bei uns aufnehmen. Wir fünf haben zwar früher einander auch nicht gekannt, und wenn man will, kennen wir einander auch jetzt nicht, aber was bei uns fünf möglich ist und geduldet wird ist bei jenem sechsten nicht möglich und wird nicht geduldet“, schreien die fünf ihren Fremdenhass in Kafkas „Die Gemeinschaft“ heraus. Diese Erzählung hat Andreas Kriegenburg mit weiteren Texten und Fragmenten zu einem Collage-Abend verbunden und auf seine schiefe Bühne gebracht.

Derartig lautsprecherische Pegida-Parolen bleiben an diesem Theaterabend aber eher die Ausnahme: die Figuren verkriechen sich lieber mit ihrer Lebensuntüchtigkeit in ihrem Angstkokon. Diese Haltung beschreibt „Ein Käfig ging einen Vogel suchen“ unterhaltsam, aber mit auf die Dauer ermüdender Redundanz. Die spielerische Annäherung an die besorgten Bürger wäre noch sehenswerter, wenn sie weniger im Slapstick herumtändeln würde. Es muss ja nicht gleich zu einer frontalen Abrechnung mit AfD und Co. wie Falk Richters „Fear“ an der Schaubühne kommen, aber mehr Zuspitzung hätte der recht brave Abend gut vertragen können.

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Biopic „Trumbo“: Drehbuchautor wird Opfer der Kommunisten-Paranoia

Was für ein Stoff! Das Biopic „Trumbo“ erzählt die wahre Geschichte des Drehbuchautors Dalton Trumbo, der sich in den 40er Jahren für die Kommunistische Partei in den USA engagierte. Dementsprechend schnell geriet er ins Visier des berüchtigten Komitees für unamerikanische Umtriebe , das während der McCarthy-Ära eine paranoide Hexenjagd auf zahlreiche Künstler und Intellektuelle startete.

Trumbo und seine Mitstreiter sahen den Vorwürfen anfangs ganz gelassen entgegen. Spätestens der Supreme Court werde dem Spuk ein Ende machen und den Gesinnungsschnüffeleien ein Ende setzen, da dort eine 5:4-Mehrheit von liberalen Richtern amtierte. Diese Rechnung ging nicht auf, nicht zuletzt weil einer der Richter plötzlich nach einer Herzattacke starb: Die linken Regisseure, Drehbuchautoren und Schauspieler gingen als sogenannte Hollywood Ten in die Geschichte ein. Sie wurden zu Geld- und Haftstrafen verurteilt und landeten auf einer „Schwarzen Liste“, keines der großen Hollywood-Studios nahm sie unter Vertrag.

Dalton Trumbo wusste sich zu helfen. Mit fast schon despotischer Strenge baute Trumbo in jenen Jahren, als er von den Kommunistenhassern mit Berufsverbot belegt war, ein kleines Familienunternehmen auf. Er spannte seine Frau und die Kinder ein und belieferte unter diversen Pseudonymen seine Auftraggeber. Das meiste davon war billiger Trash für Frank King (John Goodman in einer Paraderolle), für den er wie am Fließband seine Plots entwickelte. Er veröffentlichte aber auch zwei Drehbücher, die mit einem Oscar prämiert wurden: „Ein Herz und eine Krone“ (1953) mit Audrey Hepburn und Cary Grant läuft hin und wieder im Feiertagsprogramm, der Western „Roter Staub“ (1957) ist dagegen heute fast vergessen.

Als sich 1960 das gesellschaftliche Klima liberalisierte, waren Stanley Kubricks berühmtes „Spartacus“-Epos mit Kirk Douglas, das damals auch den jungen Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy begeisterte, und Otto Premingers „Exodus“ waren die ersten Filme, bei denen Dalton Trumbo wieder mit seinem richtigen Namen im Abspann genannt wurde.

Die Biografie des Drehbuchautors, der politischer Hysterie zum Opfer fiel und erst spät zu den verdienten Ehren kam, wäre eine Steilvorlage für einen spannenden Kinoabend. Erst recht bei diesen Schauspielern: „Breaking Bad“-Hauptdarsteller Bryan Cranston spielt den „Trumbo“ und war auch in der engeren Wahl bei der Oscar-Verleihung, zog aber gegen Leonardo di Caprio als „The Revenant“ den Kürzeren. Helen Mirren verkörpert die Kolumnistin Hedda Hopper, die gemeinsam mit dem Western-Helden John Wayne in Hollywood gegen die Linken agitierte.

Leider hat dieser Film aber einige Schwächen. Regisseur Jay Roach, der mit seinen James Bond-Parodien „Austin Powers“ bekannt wurde, ist diesem Stoff nicht gewachsen. Er inszeniert ihn zu melodramatisch und mit zu vielen Längen. Ihm gelang der Sprung vom reinen Unterhaltungsfilm zum anspruchsvollen Zeitgeschichts-Drama und Gesellschaftsporträt nicht so gut, wie er seinem Kollegen Adam McKay mit „The Big Short“ überraschend glückte.

Fazit: Der Film „Trumbo“, der am 10. März 2016 in den Kinos startete, ist zwar thematisch sehr interessant, aber leider nicht ganz gelungen.

Webseite und Trailer zu „Trumbo“