Archiv des Autors: Konrad Kögler

Über Konrad Kögler

In unserem Kulturblog schreibt /e-politik.de/ – Autor Konrad Kögler Rezensionen über Film, Theater, Lesungen, Gespräche, Kabarett, Konzerte, Oper und Tanz. Außerdem gibt es auf dem Twitter-Account @daskulturblog Hinweise auf Lesenswertes in Feuilletons und politischen Magazinen.

„The Dark Ages“: Milo Rau lässt am Residenztheater von Krieg, Genozid und Vertreibung erzählen

Unsere mitteleuropäische Zivilisation ist auf dünnem Eis gebaut: das ist die Quintessenz von Milo Raus “The Dark Ages”.

Am eindrucksvollsten wird dies bei den Schilderungen von Vedrana Seksan klar. Sie war eine 15jährige Teenagerin, als Sarajevo eingekesselt wurde. Eine Flugstunde von München und zwei Flugstunden von Berlin entfernt endete der Alltag einer europäischen Großstadt: keine Heizung, kein Strom, kein Licht; ständige Gefahr durch Heckenschützen und Granatenbeschuss.

Seksan und ihre vier Mitstreiter erzählen von Krieg, Genozid, Entwurzelung und Vertreibung: Sanja Mitrović erlebte das Bombardement auf Belgrad im Frühjahr 1999, nach dem Sturz von Milosevic ging sie nach Brüssel. Der Menschenrechtsaktivist Sudbin Musić ist als einziger kein Profi-Schauspieler. Er schildert, wie er das Lager Omarska überlebte, und empört sich im Publikumsgespräch, dass der Stahlkonzern Arcelor Mittal das Gelände aufgekauft hat und ein würdiges Gedenken an die Opfer verhindert.

Aus dem Ensemble des Münchner Residenztheaters wirken Valery Tscheplanowa und Manfred Zapatka mit. Tscheplanowa kam mit ihrer Mutter aus Kasan nach Deutschland, da das verunreinigte Trinkwasser in der untergehenden Sowjetunion sie krank gemacht hatte. Sie erzählt, wie schwer sie in der Fremde Fuß fasste und deshalb meist schwieg. Als schüchterne junge Frau wurde sie von Dimiter Gotscheff bei einem Vorsprechen fürs Deutsche Theater Berlin entdeckt. In einer der wenigen Abschweifungen, die sich der Abend gönnt, erinnert Tscheplanowa an die gemeinsame Arbeit mit dem Regisseur in “Hamletmaschine” und die letzten Begegnungen vor seinem Krebstod.

An den Zweiten Weltkrieg hat aus diesem Quintett nur Manfred Zapatka persönliche Erinnerungen. Er schildert, wie die Familie in Bremen ausgebombt wurde, der Vater aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte und wie er sich mit dem Bruder in einem Erbschaftsstreit überwarf.

Mehrere Wochen lang erzählten sich die fünf Protagonisten gegenseitig ihre Geschichten. Milo Rau machte daraus eine bedrückende Dokumentartheater-Collage in fünf Akten. Wie nahe die autobiographischen Erzählungen über Krieg und Genozid gehen, zeigt vor allem die Stille im Saal.

Anders als Yael Ronen in “Common Ground” lässt Milo Rau keine kabarettistischen Pausen zum Durchatmen zu. Ein berührendes, schlimmes Erlebnis reiht sich an das nächste. Gerade diese konzentrierte Vorgehensweise macht “The Dark Ages” so packend: ein gelungener Abschluss der FIND-Festival-Woche an der Schaubühne.

“The Dark Ages” gastierte am 16. und 17. April beim FIND-Festival der Schaubühne in Berlin. Weitere Termine in München

Der gejagte Clown: Herbert Fritsch und sein „Don Giovanni“ an der Komischen Oper

Für die Verhältnisse von Herbert Fritsch ist sein “Don Giovanni” schon ziemlich konventionell, fast handzahm, die Vorlage von Mozart/del Ponte bleibt stets erkennbar: weit weniger groteske Körper-Verrenkungen als in seiner “Physiker”-Inszenierung in Zürich und auch keine selbstverliebt-dadaistischen Sprachspielereien wie “der die mann” oder “Murmel Murmel” an der Volksbühne.

Der Unterhaltungswert kommt aber auch bei seiner Mozart-Inszenierung, die am 30. November 2014 an der Komischen Oper Berlin Premiere hatte und dort am 15. April 2016 wiederaufgenommen wurde, nicht zu kurz.

Fritsch legt seine Inszenierung als muntere Verfolgungsjagd an. Im Zentrum des Abends steht Günter Papendell als wild grimassierender Clown. Ihm macht dieser Ausflug ins komische Fach sichtlich Spaß. Bei ihm ist die Titelfigur Don Giovanni kein galanter Verführer, sondern ein spitzbübischer Dauergrinser, der von den Harlekinen der Commedia dell´Arte inspiriert ist, aber auch der “Joker” aus “Batman” schimmert durch.

Die knapp dreieinhalbstündige Opernaufführung könnte man als wilde Verfolgungsjagd zusammenfassen: Donna Anna (Erika Roos), Don Ottavio (Adrian Strooper), Donna Elvira (Karolina Gumos), Masetto (Nikola Ivanov) und Zerlina (Anna Brull) haben einige Rechnungen mit ihm offen. Gemeinsam mit dem Chor sind sie ihm auf den Fersen, so dass sich Don Giovanni und sein Leporello (Evan Hughes) ständig neue Finten ausdenken müssen.

Mit den knallig-bunten Kostümen (Victoria Behr) und den temporeichen Verwicklungen ist Fritschs “Don Giovanni” eine amüsante Clownerie, bis Don Giovanni nach dem Auftritt des Komturs (Alexey Antonovs) ins Grab sinkt.

Bis zum Schluss bleibt Fritsch seinem Regiekonzept treu: sein “Don Giovanni” ist ein Clown, der mit den anderen Figuren spielt und mit dem Publikum schäkert. Als sich Vorhang zur Pause senkt, ruft er noch ein kurzes “Buh” ins Parkett.

Diese Lesart sorgt für einen lustigen Abend, bietet aber wenig Stoff, sich intensiver mit der Figur auseinander zu setzen. Im Programmheft informiert Johannes Oertel über zwei frühere “Don Giovanni”-Inszenierungen von anderem Kaliber: Harry Kupfer legte den “Don Giovanni” 1987 als ein “Symbol einer zutiefst menschlichen Lebenskraft” an, der besonders den Frauen “die Eingeschränktheit ihrer Position” bewusst macht. Er wird von einer Gesellschaft, die sich mit Stagnation und daraus folgender Selbstzerstörung abschottet bestraft. Als am Ende Balken vorgeschoben und das Loch zur Hölle versiegelt wird, konnte man das zwei Jahre vor dem Mauerfall auch als Kommentar zur Lage in der DDR lesen.

2003 stand der “Don Giovanni” bei Peter Konwitschny allein gegen die Masse der Mitläufer in grauen Anzügen und Krawatte aufbegehrt, bis auch er als Greis vom Einheitsgrau geschluckt wurde.

Daran gemessen erscheint Fritsch Clowenerie recht eindimensional.

Weitere Termine an der Komischen Oper

In die Enge getrieben: Starkes iranisches Theater – „Hearing“ zu Gast beim FIND-Festival der Schaubühne

Dieser Abend ist ein Tribunal. Zwei verschleierte Mädchen stehen unter Rechtfertigungsdruck: in der Silvesternacht will jemand Männerstimmen im Studentinnen-Wohnheim gehört haben.

Das wäre hierzulande nicht weiter der Rede wert, hätte aber vor wenigen Jahrzehnten sicher auch im spießigen Klima der Adenauer-Jahre für Empörung gesorgt. Im Iran löst der angebliche Männerbesuch im Frauen-Wohnheim auch heute noch einen handfesten Skandal.

Es gibt nur ein anonymes Schreiben und viel Hörensagen. Genug Stoff für Klatsch und Tratsch. Shamaneh (Zeugin) und Neda (Beschuldigte) werden vorgeladen – zunächst einzeln, dann als Gegenüberstellung.

Sie stehen verloren auf der fast völlig dunklen Bühne, während die Fragen der Heimvorsteherin in schneidendem Ton auf die beiden Mädchen niederprasseln. Sie feuert ihre Anschuldigungen und Nachfragen auf Farsi so schnell ab, dass Publikum kaum mit dem Lesen der Übertitel hinterherkommt.

Die Anklägerin sitzt mitten im Publikum und macht deutlich, dass es ihr vor allem um ihr persönliches Schicksal geht. Sie hat sich jahrelang hochgedient und erst vor kurzem das Vertrauen erarbeitet, dass sie während der Feiertage die Schlüsselgewalt für das Wohnheim bekam. Dementsprechend bangt die Anklägerin dieses “Hearings” darum, ihre Machtposition sofort wieder zu verlieren.

Auch während der 70 Minuten wird der Fall nicht aufgeklärt, die Vorwürfe stehen nach wie vor unbewiesen im Raum, treiben aber die Beschuldigte in den Suizid. Das erfahren wir im Schlussteil, der das hohe Niveau der Aufführung leider nicht ganz halten kann: Hektisch schwirren die Schauspielerinnen mit Head-Kamera durch das Keller-Labyrinth und über den Vorplatz der Schaubühne am Lehniner Platz – das ist ein Bruch mit den sehr präzise gespielten Dialoge der ersten Stunde und man wähnt sich nun eher an Castorfs Volksbühne.

Trotz dieser Schwäche ist “Hearing” ein sehenswertes Gastspiel der Mehr Theatre Group aus dem Iran. Regisseur Amir Reza Koohesani und seine vier Schauspielerinnen beschreiben sehr eindringlich, wie die beiden Mädchen von der systemtreuen Sittenwächterin in die Enge getrieben werden.

Diese Studie über die Mechanismen eines autoritären Regimes unterstreicht, wie lebendig und kritisch die Kunstszene im Iran ist. Es ist immer wieder überraschend, mit welch starken Auftritten sich das iranische Kino trotz Zensur und Strafverfolgung bei der Berlinale, in Cannes oder beim “Around the World in 14 films”-Festival präsentiert. Mit diesen Künstlern ist der Regisseur Amir Reza Koohestani eng vernetzt: Er war beispielsweise Co-Autor von “Modest Reception”, das 2012 im Forum der Berlinale lief.

“Hearing”, das am 13. und 14. April 2014 als ein Höhepunkt beim FIND-Festival gastierte, fügt sich nahtlos in die Reihe sehenswerter Einblicke in die heutige iranische Gesellschaft ein.

Das depressive Ach – Georgette Dees melancholische Berlin-Premiere am Berliner Ensemble

Ein Abend, der mit dem Bekenntnis der Diva bekannt, nicht mehr geliebt zu werden und nicht mehr zu lieben, könnte eine sehr schwermütige Veranstaltung werden.

Georgette Diva, die Gastgeberin des Chanson-Abends “Ach Du – mein Ach!” stellt aber schnell klar, dass man zwischen einem depressiven und einem melancholischen Ach unterscheiden muss.

Letzterem widmet sie mit ihrem bewährten Klavier-Begleiter Terry Truck ihr neues Bühnenprogramm, das am Montag in Hamburg Premiere hatte und einen Tag später im Berliner Ensemble zu sehen war.

Zwischen den Liedern streut Dee Anekdoten aus ihrem Berliner Kiez ein, die sich aber zu sehr in Banalitäten verheddern. Wir lernen Frida, Mira und einen Spanier kennen. Die Monologe lavieren zwischen Alltagsbeobachtungen und Anzüglichkeiten.

Georgette Dees neuer Abend richtet sich deshalb vor allem an treue Fans und Insider.

Tourdaten von Georgette Dee

Viel Qualm und Lärm um fast Nichts: Frank Witzels „Die Erfindung der RAF…“ an der Schaubühne adaptiert

Sicher: Wenn man einen 800 Seiten-Wälzer auf einen knapp zweieinhalbstündigen Theaterabend eindampfen will, geht zwangsläufig viel von der ausuferenden Detailverliebtheit der Vorlage verloren.

Aber ein so schwaches Ergebnis, wie es Armin Petras bei seiner Co-Produktion der Berliner Schaubühne und des Schauspiels Stuttgart ablieferte, ist dann doch eine negative Überraschung.

Was bleibt von diesem Abend, wenn sich der bei Petras-Inszenierungen fast schon obligatorische Zigarettenqualm gelichtet hat und die Trommelfell-Attacken der Live-Band “Die Nerven” nachgelassen haben?

Dann bleibt vor allem die Frage: Hatte Armin Petras nicht mehr Zeit oder schlicht keine Lust, einen ordentlichen Theaterabend auf die Bühne zu bringen? SPIEGEL Online vermutete: Beides.

Zwischen den dichten Schwaden aus Qualm und Trockeneis turnen die Darsteller über die Bühne, die ansonsten noch mit einer ganzen Armada aus Schaufensterpuppen zugestellt ist. Die in einem Aggregatszustand zwischen zähflüssig und dünnsuppig vorgetragenen Witzchen erreichen nicht das Format der Roman-Vorlage “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969” und sorgen für mehr Lacher auf der Bühne als im Publikum: ein ganz schlechtes Zeichen. Nicht nur der Tagesspiegel hatte das Gefühl, dass vieles aus früheren Petras-Inszenierungen seltsam bekannt ist.

Vom Zeitkolorit der späten 60er Jahre ist wenig zu spüren. Wenn die Schwarz-Weiß-Video-Einspieler und der kurze Moment nicht wären, als Jule Böwe, Julischka Eichel, Paul Grill und Tilman Strauß wie die “Kommune I” nackt vor der Wand posieren, könnte dieser Abend fast zu jeder beliebigen Zeit spielen.

Es ist schade, dass die Adaption von Frank Witzels Roman an diesem Premierenabend scheitert. Noch schlimmer ist aber, dass diese missglückte Inszenierung bei denen, die den Deutschen Buchpreis-Gewinner aus dem Herbst 2015 noch nicht gelesen haben, kaum Lust wecken wird, die Lektüre nachzuholen.

Weitere Termine und Trailer

Ende des Arabischen Frühlings: „The Trip“ und „Last Supper“ beim FIND-Festival der Schaubühne

Die ersten beiden Abende des Festivals für internationale neue Dramatik an der Schaubühne erzählen vom Scheitern des arabischen Frühlings.

“The Trip” von Anis Hamdoun endet mit den Stimmen seiner toten Freunde im Kopf von Ramie. Vor fünf Jahren gingen sie gemeinsam in Homs auf die Straße: Der Funke der “Arabellion”, die im Dezember 2010 in Tunesien begonnen hatte, sprang auch auf Syrien über. Die Gelegenheit schien günstig, den Aufstand gegen den verhassten Diktator Baschar Assad zu wagen.

Das Ergebnis ist bekannt: ein Bürgerkrieg mit Hunderttausenden Toten und mehr als 10 Millionen Menschen auf der Flucht. Einer von ihnen ist Anis Hamdoun, der Regisseur und Autor des Kurzdramas “The Trip”, den die Süddeutsche Zeitung vor kurzem porträtiert hat. Nachdem er im Krieg ein Auge verloren hat, kam er vor drei Jahren nach Osnabrück. Dort brachte er den kurzen, nur 40minütigen Abend im September 2015 beim “Spieltriebe”-Festival erstmals auf die Bühne.

Im kleinen Studio am Lehniner Platz geht ein Effekt verloren: die Hauptfigur Ramie (Patrick Berg) kann hier die Zuschauerreihen nicht umkreisen. Im Zentrum von “The Trip” steht aber ohnehin der intensiv vorgetragene Text.

“The Trip” erzählt von den Schwierigkeiten, im fremden Land anzukommen: in Homs war man jemand, hier muss man bei Null anfangen. Noch schlimmer sind die quälenden Erinnerungen an die toten Freunde und ihre Folter in Assads Gefängnissen.

Diese Bilder und Stimmen im Kopf quälen Ramie. Sie verdichten sich im Lauf des Abends zu einem bedrohlichen Klangteppich. Vor ihnen gibt es kein Entkommen, höchstens kurze Momente des Eskapismus: der Abend beginnt und endet mit einem Monolog über Käsesorten.

Weniger überzeugend war das ägyptische Gastspiel “The Last Supper” von Ahmed El Attar: die Mitglieder einer Familie aus der Oberschicht von Kairo, die beim Militär und als Unternehmer Karriere gemacht haben, treffen sich beim Patriarchen zum Abendessen.

Die Damen sind damit beschäftigt, sich die Nägel zu lackieren und den neuesten Klatsch auszutauschen. Die Herren palavern bei Zigarren und Zigaretten über ihre neuen Geschäftsideen und behandeln ihre Dienstboten mit Verachtung. Alle zusammen haben nur ein Problem: Wie sehen wir auf den Instagram-Selfies möglichst gut aus?

Die Tahrir-Revolution haben diese Herrschaften einfach ausgesessen. Die alten Eliten haben sich – beschützt von General al-Sisi – längst wieder gemütlich eingerichtet.

Dieses Porträt der ägyptischen Oberschicht dauert zwar nicht mal eine Stunde, hat aber damit zu kämpfen, dass die bewusst seichten Dialoge der narzisstischen Figuren auf die Dauer langweilen.

Das komplette Programm des FIND-Festivals

Der Tyrann: Caligula am Münchner Volkstheater – ein Theaterereignis

“Nichts”: Vergeblich suchen die vornehmen Patrizier nach dem Kaiser Caligula. Nach dem Verlust seiner Geliebten Drusilla hat er sich irgendwo vergraben.

Hinter einem Vorhang taucht er dann doch endlich auf. Nackt, mit Lehm beschmiert und in einen Kokon existentialistischer Gedanken eingesponnen tigert Max Wagner als “Caligula” durch das Spiegel-Kabinett auf der Bühne. Untermalt von zarten Geigenklängen (Sophia Pfisterer) beklagt der Kaiser sein Schicksal und träumt davon, sich den Mond vom Himmel zu holen: “Diese Welt ist so, wie sie gemacht ist, nicht zu ertragen. Darum brauche ich den Mond oder das Glück oder die Unsterblichkeit, etwas, was unsinnig sein mag, was aber nicht von dieser Welt ist”, lässt ihn Albert Camus sagen.

So elegisch bleibt der Abend nicht: Er explodiert zu Rockmusik und lauten Bässen. Der “wilde Proben-Furor” ist in Lilja Rupprechts Inszenierung auch ein Jahr nach der Premiere am Münchner Volkstheater noch deutlich zu spüren.

Auch die Erleichterung des Senats, dass der Kaiser zurück ist, schlägt in Entsetzen um. Aus dem idealistischen jungen Mann wurde ein verbitterter Zyniker. Mit sadistischem Grinsen demütigt er seine Patrizier (Alexander Duda, Moritz Kienemann, Justin Mühlenhardt, Leon Pfannenmüller, Johannes Schäfer) und auch Caesonia (Constanze Wächter) kommt nicht ungeschoren davon.

Dieser Auftritt von Max Wagner ist ähnlich eindrucksvoll wie Mirco Kreibichs Hauptrolle in Jette Steckels “Caligula”-Inszenierung in der Box des Deutschen Theaters. An diesem Abend beweist er, dass er “viel mehr sein kann als der obligatorische Bühnenschönling, als den ihn Christian Stückl so gerne einsetzt”.

Die Gewaltspirale nimmt ihren Lauf, Caligula zieht sich ins Publikum zurück und beobachtet genüsslich, wie auf der Bühne ein Opfer nach dem anderen daran scheitert, ein spontanes Gedicht vorzutragen. Er hat die Macht, “seine Umgebung in schonungsloser Brutalität” mit ihm gemeinsam leiden zu lassen. Nachdem er alle Weggefährten abgeknallt hat, richtet er sich schließlich selbst.

Schlusspunkt eines Theater-Ereignisses, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Weitere Termine in München

Raucherpause für König Ödipus: Münchner Residenztheater lässt Sophokles auf Mad Men treffen

Die antike Tragödie “König Ödipus” hat auch mehr als zweitausend Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Wucht verloren. Im Münchner Residenztheater wird es ganz still, als Thomas Lettow in seiner ersten Hauptrolle am Haus den Fluch der Atriden noch einmal durchleidet.

Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik bot eine sehr konzentrierte Inszenierung, die zurecht auf die Kraft ihrer Vorlage vertraut. Schon während der nur knapp 80 Minuten war zu spüren, wie sehr die Tragödie auch ein zeitgenössisches Publikum packt. Auch auf dem Weg aus dem Theater diskutierten viele Besucher intensiv über den Stoff.

Eine Schwachstelle des Abends ist jedoch der halbherzige Versuch, die Handlung zu aktualisieren. Raimund Orfeo Voigt baute das Foyer eines Konferenzraums im funktionalen, unästhetischen Zeitgeist der Nachkriegsjahrzehnte nach. Hinter einer Glaswand treffen sich Schauspieler und Chor zur Raucherpause. Bis auf den Seher Teireisas (für Hans-Michael Rehberg ist Manfred Zapatka eingesprungen) und Iokaste (Sophie von Kessel) tragen alle Anzüge von der Stange. Auch die Inneneinrichtung, die überhaupt nichts vom Glanz eines Königshauses spüren lässt, und das permanente Qualmen tun ihr Übriges, so dass man sich an die Serie “Mad Men” erinnert fühlt.

Leider wird zu keinem Moment klar, warum sich die Regisseurin entschieden hat, die antiken Figuren in die hässlichen Anzüge zu stecken und die Handlung in ein Tagungs-Foyer zu verlegen. Immer wieder laufen dienstbare Geister über die Bühne, die den Aschenbecher leeren oder Toilettenpapier austauschen. Aus diesem Regie-Einfall folgt jedoch nichts. Er wirkt nur beliebig.

Dass der Abend dennoch nicht scheitert, liegt an der beschriebenen Kraft der Vorlage, die auch diese “Ödipus”-Inszenierung trägt. Er reicht jedoch nicht an gelungenere Sophokles-Bearbeitungen wie z.B. Stefan Kimmigs “Ödipus Stadt” (2012), das morgen zum letzten Mal auf dem Spielplan des Deutschen Theaters Berlin steht.

Weitere Termine

Depressiver Märchenkönig – Ludwig II.-Liederabend am Münchner Volkstheater

Vielleicht liegt es daran, dass gleich drei Regisseurinnen auf dem Programmzettel zu “Ludwig II. – Eine musikalische Utopie” auf der Kleinen Bühne des Münchner Volkstheaters genannt werden: Es ist kein Liederabend aus einem Guss. Ideen werden angespielt, aber nicht weitergeführt. Stattdessen kommt ein neuer Einfall.

Das ist hübsch anzusehen, driftet aber zu oft ins Alberne ab. Am stärksten ist der Abend, wenn er auf die Musik vertraut. Die Schauspieler singen zur Begleitung von Michael Gumpinger (alias Ludwigs Lieblingskomponist Richard Wagner) Songs von Nirvana bis Blondie.

Die Schauspieler wirken etwas unterfordert: Jean-Luc Bubert (Ludwig II.) fläzt fast während der kompletten 90 Minuten in seinem Sessel. Jakob Geßner stöckelt als Lustknabe, der aussortiert wird, auf High Heels über die Kleine Bühne, wenn er nicht gerade exzessiv qualmt. Mara Widmann ruft sich als Sissi immer wieder in Erinnerung.

Lenja Schultze stopft als Sophie, obwohl sie ohnehin schon mit Fatsuits ausgepolstert ist, weiteren Kuchen in sich hinein. Auch Max Wagner kann in seiner Mehrfach-Rolle (u.a. als Regisseur von Wagners “Siegfried” in breitem Pfälzer Dialekt, als neuer Königs-Lover Sam und hier auf dem Bild als Conférencier) sein Können zu selten zeigen.

Der Liederabend von Lea Ralfs, Charlotte Oeken und Marie Jaksch hat seine witzigen Momente, bleibt aber zu sehr Stückwerk.

Premiere war am 10. Juni 2014, die Inszenierung stand am 30. März 2016 zum letzten Mal auf dem Spielplan.

Trailer

Im Totenreich: Musiktheater-Bearbeitung von Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich“ an den Münchner Kammerspielen

Mit marthaleresker Langsamkeit tastet sich Anna-Sophie Mahler an Josef Bierbichlers autobiographisch geprägten Roman “Mittelreich” heran. Die Arbeit als Christoph Marthalers Regieassistentin hat prägende Spuren hinterlassen. Vor allem in der ersten Hälfte ist der Abend aber so zäh, dass einige Plätze nach der Pause leer bleiben.

Drei Generationen der Seewirtsfamilie in einem bayerischen Dorf arbeiten sich an ihren Konflikten ab: Es wird viel geschwiegen und noch mehr verdrängt. “Ein deutsches Requiem” von Brahms erklingt, während die sechs Schauspieler auf ihren Holzstühlen in der Mitte der kargen Bühne Platz nehmen.

Vor allem zu Beginn ist “Mittelreich” mehr Musik- als Sprechtheater. Sicher könnte man Bierbichlers Geschichte bauch auf diese Art packend erzählen. Der Abend bleibt aber zu statisch, die Figuren verharren im Totenreich. Die Regisseurin erklärte im Programmheft-Interview: “Aus seiner Gegenwart heraus sucht er mit Hilfe der Erinnerung nun verzweifelt nach Antworten, um die Toten, seine Familie zu befragen – Antworten, die er in der Realität nicht bekommen hat.” Dieses seelische Drama konnte diese Inszenierung aber nicht ausreichend vermitteln.

Stärker wird der Abend erst, als er sich aus dem Kaiserreich in den Mief der restaurativen 1950er Jahre vorgearbeitet hat. Annette Paulmann spielt die engstirnige Theres, die über die Flüchtlinge herzieht: was wollen die denn hier?! Sie passen doch gar nicht hierher! Schnell landet sie bei antisemitischen Tönen. Der zweite bemerkenswerte Moment ist das Schaudern von Steven Scharf, als er in der Rolle des Semi berichtet, wie er im katholischen Internat von einem Mönch missbraucht wurde. Zitternd und angeekelt erinnert er sich an das Verbrechen.

Da der Abend zu wenige intensive Momente hat, kommt er nicht über eine solide Romanadaption mit musikalischer Untermalung hinaus. Die Entscheidung der Theatertreffen-Jury, “Mittelreich” als eine der zehn bemerkenswerten Inszenierungen dieser Saison nach Berlin einzuladen, ist deshalb für mich nicht nachvollziehbar.

Das Organisationsteam des tt 2016 steht nun vor der Herausforderung, eine geeignete Spielstätte zu finden: Einer der gelungenen Aspekte dieses Abends im Schauspielhaus der Kammerspiele an der Münchner Maximilianstraße, das seit der Ära Lilienthal als “Kammer 1” firmiert, ist der Auftritt des Jungen Vokalensembles München unter Leitung von Julia Selina Blank. Sie postieren sich hinter den Zuschauern auf dem Balkon und erzielen so eine optimale akustische Wirkung, die z.B. im Haus der Berliner Festspiele nicht zu erreichen wäre.