Panorama-Eröffnung „Tomboy“

Die Sektion Panorama präsentiert ihren Eröffnungsfilm traditionell einige Meter vom Berlinale-Palast entfernt in einem weniger glamourösen Rahmen: Während sich bei der Gala-Eröffnung die geschlossene Gesellschaft aus Promis und Möchtegern-Sternchen zelebriert, steht in dieser Reihe tatsächlich der Film im Mittelpunkt. Das Panorama ist als kleine Schwester des Wettbewerbs um die Bären entstanden und hat sich als Spielstätte für anspruchsvolle, häufig politisch engagierte Filme zwischen Mainstream und Off-Kino einen Namen gemacht.

Leider zeigte sich die Berlinale heute von ihrer schlechteren Seite: Man könnte annehmen, dass sich bei der 61. Auflage des Festivals die grundlegenden Planungsabläufe eingespielt haben. Das Cinemaxx 7 war aber schon deutlich vor dem Start voll, so dass man kurzerhand in ein zweites Kino im Untergeschoss ausweichen musste. Auch dort bildete sich für zwanzig Minuten die nächste riesige Traube aus Berliner Filmfans, die ein Ticket gekauft hatten, und den Akkrediterten aus Presse und Filmwirtschaft.

Nach der Wartezeit im Gedränge ohne Informationen der sichtlich überforderten Organisatoren kommt dann erst noch richtige Berlinale-Stimmung auf, wenn der Nachbar pünktlich zum Filmbeginn seine Tupper-Dose auspackt und sich während der nächsten Stunde genüßlich kauend mit seinen belegten Broten beschäftigt.

Immerhin war der Film Tomboy der jungen Französin Céline Sciamma (Jahrgang 1980) dann gar nicht so schlecht. Sie hat sich in ihrer Heimat einen Namen als Regisseurin sensibler Geschichten über das Erwachsenwerden gemacht. In ihrem dritten Werk steht die 10jährige Laure im Mittelpunkt, die zu Beginn der Pubertät erkennt, dass sie sich im falschen Körper fühlt. Nach dem Umzug ihrer Familie stellt sie sich in der neuen Umgebung als Mikael vor.

Einfühlsam, aber doch in der Dramaturgie erwartbar schildert der Film, wie Mikael/Laure sich in der Clique zunächst unsicher bewegt und sich an Rollenmuster herantastet. Ihre Mutter fällt schließlich aus allen Wolken, als sie nach einer aus dem Ruder gelaufenen Schlägerei von dem Geheimnis ihres Kindes erfährt.

Bei der Zeichnung der Figuren überzeugt vor allem die pfiffige kleine Schwester Jeanne, während die Mutter doch zu holzschnittartig angelegt ist, wie meine Nachbarn auf der rechten Seite treffend bemerkten. Der linke Nachbar war dagegen noch damit beschäftigt, sich mit der Serviette von den letzten Brotresten zu befreien.

Alles in allem ist Tomboy ein Film, den man durchaus ansehen kann. Er bleibt aber doch deutlich hinter Céline Sciammas Debüt Water Lilies/Unter Wasser, über Kopf zurück, mit dem sie auf dem Festival in Cannes und auch zum Abschluss der Französischen Filmwoche 2008 für Furore sorgte.

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Über Konrad Kögler

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