Die Sorgen und die Macht – kabarettistische Geschichtsrevue am Deutschen Theater

Das Deutsche Theater Berlin eröffnete die Spielzeit 2010/2011 mit einem Abend in Überlänge: Dreieinhalb Stunden inklusive kurzer Pause schlagen die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner einen bunten Bogen durch die DDR-Geschichte von der Zeit des Mauerbaus bis 1989.

Der konkrete Ausgangspunkt ist einer der größten Theaterskandale der DDR-Geschichte: Wolfgang Langhoff musste 1963 als Intendant des Deutschen Theaters zurücktreten, da sich die Partei und die Kulturbürokratie an seiner Inszenierung von "Die Sorgen und die Macht" störten, einem eigentlich recht harmlosen Stück von Peter Hacks über die Planerfüllung in einer Brikett- und einer Glasfabrik. Im anschließenden Publikumsgespräch wurde deutlich, dass bis heute nicht ganz geklärt ist, was die Zensurbeamten so erzürnte, dass diese leicht ironische, aber grundsätzlich linientreue Aufführung abgesetzt wurde. Jürgen Kuttner spekulierte über einen Machtkampf zwischen verschiedenen Fraktionen innerhalb des Apparats.

"Die Sorgen und die Macht" wäre als Text für ein heutiges Publikum kaum interessant, da er sich ganz auf die damalige Situation um den wirtschaftlichen Aufbau in der DDR konzentriert. Mit ziemlich vielen Längen schleppt sich diese Handlung dahin, da die beiden Autoren fast völlig auf Streichungen verzichteten. Lohnenswert wird der Abend erst durch die vielen Einschübe, Links und Episoden, die sich um den Text ranken. Eine Reich-Ranicki-Parodie trägt Rezensionen zur damaligen Skandalaufführung vor, direkt nach der Pause verliest ein Schauspieler Wolfgang Langhoffs Kotau vor dem Regime und auch erste Feuilleton-Kritiken zur Premiere wurden spontan in diesen überbordenden Theaterabend eingefügt.

Viele Anspielungen können sicher nur Menschen genießen, die sich bewusst an die DDR-Kulturpolitik erinnern können. Relativ unvermittelt stimmt Jürgen Kuttner ein Lied von Wolf Biermann an. Erst im Nachgespräch erschließt sich, dass er damit auf die unversöhnlichen Positionen zwischen Biermann und Hacks während der Ausbürgerung des Sängers 1976 anspielte, wie Jürgen Kuttner in einer seiner typischen Tiraden erklärte.

Neben einem Ulbricht-Zitat bleiben vor allem die wütenden Gedichte in Erinnerung, die Hacks nach dem Mauerfall schrieb: Er rieb sich zwar am System, hielt aber weiter an der Idee des Kommunismus fest und prangerte sowohl die SED-Nachfolgepartei als auch die Bürgerrechtler in Guillotinen-Phantasien an.

Fazit: Ein ungewöhnlicher, streckenweiser aber zäher Abend, der vor allem bei den älteren Besuchern mit Ost-Sozialisation gut ankam. Auf den vielen Abzweigungen vom Hauptpfad, dem eigentlichen Stück "Die Sorgen und die Macht", kann man interessante Entdeckungen machen, sollte aber viel Geduld und am besten auch Vorwissen mitbringen.

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