Stimmengewirr im Minenfeld: Yael Ronens „Dritte Generation“ an der Schaubühne

Nach der Premiere von Yael Ronens Beziehungskrisen-Kabarett Erotic Crisis am Gorki lohnt es sich, ihre Inszenierung Dritte Generation, mit der sie vor fünf Jahren bekannt wurde, an der Schaubühne näher zu betrachten. Die Handschrift der israelischen Regisseurin ist deutlich wiederzuerkennen: Kurze Szenen, denen man die Improvisation oft deutlich anmerkt, und Pointen, bei denen das Lachen im Hals stecken bleibt. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Abenden: während ihr aktuelles Stück Erotic Crisis ganz um private Dramen beziehungsunfähiger Großstädter kreist, wagt sich Dritte Generation in ein historisches und politisches Minenfeld.

Drei deutsche Schauspieler aus der titelgebenden Enkel-Generation der Nazi-Täter treffen in einem Stuhlkreis – ansonsten bleibt die Bühne völlig kahl – auf je drei Israelis und Palästinenser. Alle tragen ein rotes T-Shirt mit 3G-Logo und zetern lautstark durcheinander. Manchmal leidet darunter die Text-Verständlichkeit. Das Publikum hat das Gefühl, mitten in einen Workshop hineingeraten zu sein.

Der Abend wandert erwartungsgemäß auf einem schmalen Grat. Zunächst erleben wir die erwarteten Bausteine aus dem schier unerschöpflichen Arsenal von Argumenten und gegenseitigen Beschimpfungen, die sich die drei Gruppen an den Kopf werfen. Das klingt dann etwa so: „Ihr verdrängt die historische Schuld und stellt euch nicht eurer Verantwortung“, „Die besetzten palästinensischen Gebiete sind wie Südafrika während der Apartheid“, „Ihr versteht nicht, dass wir das alles tun, um uns zu verteidigen“, „Das ist alles einfach nicht zu vergleichen“.
Sehr still wird es im Saal, als ein Schauspieler sich darüber empört, dass in seinem Mietshaus schon lange niemand mehr Deutsch spricht oder als Niels Bormann zu einer Karikatur einer tief betroffenen Entschuldigung für die deutsche Vergengenheit ansetzt.

Dritte Generation bietet viel Stoff für Diskussionen und zum Nachdenken, ist in seiner hyperaktiven Sprunghaftigkeit jedoch auch sehr anstrengend. Eine konzentriertere Fassung würde den Abend noch stärker machen.

Dritte Generation. – Koproduktion der Schaubühne, dem Habima National Theatre of Israel und der RuhrTriennale 2009 im Auftrag von Theater der Welt in Halle. – Ca. 1 h 45 Minuten, seit der Premiere am 20. März 2009 im Repertoire der Schaubühne

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