Bastian Krafts „Besuch der alten Dame“ Lady Gaga

Bei seiner ersten Arbeit auf der Großen Bühne des Deutschen Theaters überraschte Regisseur Bastian Kraft mit einer sehr individuellen Sichtweise auf Claire Zachanassian, die Güllen und Alfred Ill mit dem Besuch der alten Dame heimsucht.

In die Fußstapfen der großen Therese Giehse, die bei der Premiere 1956 die Hauptrolle übernahm, tritt hier eine fünfköpfige Darsteller-Hydra mit grell-roten Perücken, die von zwei grimmig blickenden Türstehern flankiert wird. Die Titelfigur von Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie spaltet sich in vier Frauen unterschiedlicher Generationen (Wiebke Mollenhauer statt Olivia Gräser im Mutterschutz, Barbara Schnitzler, Margit Bendokat und Katharina Matz) und einen Mann (Helmut Mooshammer als Dragqueen im glitzernden Abendkleid), die Alfred Ill (Ulrich Matthes) so sehr zusetzen, dass er immer graugesichtiger wird und schließlich resigniert in das Todesurteil einwilligt.

Während Ills Kräfte schwinden, schlüpfen die fünf Claires auch noch in die Rollen aller anderen Dorfbewohner – vom Lehrer über den Bürgermeister bis zu Ills Frau und Kindern. Vor allem blühen sie aber auf, wenn der Pianist Thies Mynter wieder einen Popsong von Lady Gaga anstimmt. Mit großem Mut zum schiefen Ton und zum knarzenden Akzent schmettern sie lauthals ihre Lieder und kommentieren damit den Rachefeldzug der Milliardärin Zachanassian gegen ihren Ex-Liebhaber, der sie sitzen ließ.

Daran kann man schon erkennen: Dieser Abend versucht keine politisch-gesellschaftskritische Auslegung des Dürrenmatt-Dauerbrenner-Textes, wie sie in den vergangenen Jahren oft zu sehen war, sondern ist eine unterhaltsame Groteske, die das private Duell um eine enttäuschte Liebe in den Mittelpunkt stellt. Die Frage, die viele Theaterwissenschaftler und Dramaturgen seit Jahrzehnten umtreibt, ob es Dürrenmatt eher um eine Parabel auf die Wirtschaftswunder-Ära der 50er Jahre mit ihrer verdrängten Schuld ging oder ob man das Stück als Abhandlung über Moral im spekulationsgetriebenen (Turbo-)Kapitalismus lesen kann, wird bei dieser Inszenierung am Deutschen Theater gar nicht erst gestellt. Stattdessen wirft sich das Ensemble mit überzeichneten Gesten an der Grenze zum Slapstick und einer Ästhetik, die offensichtlich vom Stummfilm und Expressionismus inspiriert ist, in einen munteren Schlagabtausch.

Auch wenn die meisten Zuschauer die Handlung sicher schon kannten, wurde ihnen ein unterhaltsamer Abend geboten. Schulklassen, die den modernen Klassiker gerade im Deutsch-Unterricht durchnehmen, waren natürlich auch zahlreich vertreten.

Der Besuch der alten Dame (Regie: Bastian Kraft; Dauer: ca. 1 h 30 Minuten) ist seit dem 17. April 2014 im Repertoire des Deutschen Theaters Berlin

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