Die Gedanken sind frei – Theater jenseits der Stadt- und Staatstheater: Die freie Szene

In der freien Szene tut sich was. Innovativ, ideenreich, ungewöhnlich, subversiv sind die in letzter Zeit häufiger gehörten Attribute. Von Dirk Baumann

Vorbei die Zeiten, in denen freie Projekte belächelt wurden. Und das hat nicht nur die aktuelle Nummer der „Theater heute“ erkannt. Immer öfter gehen von hier entscheidende Impulse für die Theaterlandschaft aus, werden Formen neu entwickelt, andere weiterentwickelt und sogar von den Stadt- und Staatstheatern aufgegriffen. Ein genauerer Blick lohnt sich also, gerade in Berlin, der Stadt, in der die freie Szene wie wohl kaum woanders groß und lebendig ist, in zahlreichen Gruppen und Initiativen, und in der es Spielstätten gibt, die Projekten des so genannten Off-Theaters einen Ort geben, sich zu präsentieren. Eine solche Institution ist auch das Theater unterm Dach im Prenzlauer Berg: Es bietet Raum für innovative Entwicklungen, wie sie an größeren Häusern kaum möglich sind. Genau hier finden Experimente, Ideen, Innovationen statt. Richten wir den Blick exemplarisch auf eine Produktion, die hier gerade entsteht.

PortFolio Inc. heißt die Gruppe junger Theatermacher, der neben dem Regisseur Marc Lippuner die Dramaturgin Tine Elbel, die Bühnen- und Kostümbildnerin Halina Kratochwil und der Schauspieler Michael F. Stoerzer angehören. Zusammen mit drei Gästen probt sie derzeit in den Räumen des Theater unterm Dach für ihr neues Stück. Roland wer? Diese Frage bekommt das Produktionsteam in letzter Zeit immer häufiger zu hören. Seit einigen Wochen arbeiten sie an ihrem aktuellen Projekt „Schernikau.Sehnsuchtsland“, das am 17. Juni im Berliner Theater unterm Dach Premiere feiert. An dem Abend soll es um Ronald M. Schernikau gehen, einen streitbaren Literaten zwischen den Polen Ost und West, DDR und BRD, einem Dasein als schillernder Existenz und Bohemien. Besonders ist, wie unterschiedlich die Erläuterungen der Beteiligten ausfallen, wenn sie Freunden, Bekannten und Interessierten von ihrem neuen Projekt berichten, ihnen von Schernikau erzählen. Während die einen wie bei einem Lebenslauf mit seiner Geburt beginnen und die zentralen Lebensstationen umreißen – geboren in Magdeburg, als Kind mit der Mutter in den Westen, erste Schreibversuche, später aus politischer Überzeugung wieder zurück in die DDR, um sich dort schließlich als letzter Bundesbürger im Oktober 1989 einbürgern zu lassen – thematisieren die anderen charakteristische Merkmale seiner Persönlichkeit: Er war Kommunist, der aus Überzeugung und Verbesserungswillen zurück in die DDR ging, er war Literat mit Anspruch auf künstlerische Originalität und Authentizität, er war Homosexueller, bestimmt vom Willen nach freier Lebensäußerung jenseits konventioneller Normen. Vielleicht zeigt sich gerade in diesen verschiedenen Herangehensweisen das Spannungsfeld der Person Ronald M. Schernikau, immer wieder entwickelt sich sein Bild neu, je nachdem, von welchem Standpunkt aus er betrachtet wird. Dem will die Inszenierung des Regisseurs Marc Lippuner, die zugleich eine Stoffentwicklung ist, Rechnung tragen: Statt eines Schauspielers, der Ronald. M. Schernikau verkörpert, stehen drei Schauspieler auf der Bühne, die sich von verschiedenen Seiten Schernikau nähern: „Eine dreiseitige Annäherung“, wie es im Untertitel des Abends heißt. Michael F. Stoerzer, Thomas Georgiadis und Stefan Aretz sind drei ‚Enthusiasten’, die sich mit dem gemeinsamen Ziel, Schernikau dem Vergessen zu entreißen, zusammenfinden, nur hat eben jeder von ihnen eine andere Vorstellung von dem, was an Schernikau das Wichtigste war. Was passiert, wenn drei unterschiedliche Standpunkte aufeinander treffen?


Es scheint, als treffe PortFolio Inc. mit der Wahl seines Stoffes einen Nerv der Zeit. Zwanzig Jahre nach dem Tod Schernikaus erscheint sein Name wieder öfter, sei es in der Buchszene – etwa durch die im letzten Jahr erschienene Biographie „Der letzte Kommunist“ von Matthias Frings – in der Literaturwissenschaft oder in der Presse. Auf dem Theater ist er bislang aber nur wenig zu sehen gewesen, schon gar nicht seine Person als Thema selbst. Vielleicht gibt „Schernikau.Sehnsuchtsland“ einen Impuls für die Neu- und Wiederbeschäftigung mit dieser vielfältigen Persönlichkeit, ihrem Schaffen und Wirken. Mit seinen Ansichten war er seiner Zeit weit voraus, sie sind auch heute noch von hoher Aktualität. PortFolio Inc. gewährt einen Einblick in die vielfältigen Seiten Ronald M. Schernikaus. Man darf gespannt sein.

Premiere am 17.6.2010, 20 Uhr, Theater unterm Dach
Weitere Vorstellungen: 18.6.; 1.-4.7.; 9., 10.10.; 4., 5.11., jeweils um 20 Uhr

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Über Konrad Kögler

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