Berlinale 2010: Road, Movie

60 Jahre Berlinale – 60 Jahre Filmgeschichte. Wie folgerichtig ist es da, dass Road, Movie von Dev Benegal, der in der Kategorie Generation 14Plus lief, ein Paradebeispiel für modernes, globalisiertes Kino und gleichzeitig eine Hommage an das Medium selbst ist.

Vishnu hat es satt. Seine Zukunft ist so vorausgeplant wie vorhersehbar und verspricht vor allem eines zu werden – langweilig. Der junge, gutaussehende Inder mit der westlich-stylischen Kleidung verspürt keinerlei Ambitionen die Familientradition zu wahren und das Haarölgeschäft seines Vaters zu übernehmen. Das Angebot seines Onkels, eine Lieferung Haaröl in dessen alten, klapprigen Transporter quer durch die indische Einöde zu chauffieren, klingt unter diesen Umständen verlockend.

Reisen und bewahren

Erst widerwillig und berechnend – einen Mechaniker an Bord zu haben kann schließlich nicht schaden – aber zunehmend selbstlos nimmt Vishnu (Abhay Deol) Weggefährten auf seiner Reise mit. Den Mechaniker namens Om (Satish Kaushik, Brick Lane, 2007), einen kleinen Jungen (Mohammed Faizal) und eine geheimnisvolle junge Frau (Tannishtha Chatterjee, Brick Lane, 2007). Während er mit ihnen Abenteuer besteht, verliert der hedonistische junge Mann allmählich das Interesse an seinem ipod und lernt in dieser klassischen coming-of-age Konstellation Freundschaft, romantische Liebe und sich selbst kennen.
Nichtsahnend macht sich Vishnu – dessen Name nicht zufällig der indischen Mythologie entstammt und Bewahrer der Ordnung bedeutet – auf eine Reise, an deren Ende eine integrative Identitätsfindung steht. Der Kreis schließt sich, als Vishnus Transformation zu einem modernen Geschäftsmann, der dennoch die Traditionen seiner Vorfahren zu schätzen gelernt hat, vollendet ist.

Wüste

Das blaue Schlachtschiff, in dem die Gefährten ihre Reise unternehmen und das an einen geschmückten indischen Elefanten erinnert, dient dem Film als ständige Kulisse. Es bildet in fast jeder Einstellung das Zentrum des Bildes, als Fixpunkt inmitten von weissgelber, gleißender Wüste. Eine zentrale Rolle spielt dieses Ungetüm auch für die Protagonisten, denen es gleich mehrfach das Leben rettet – als Fortbewegungmittel in der Wüste und als Schattenspender in einer Landschaft, in der sonst nichts die Sicht auf die am Horizont aufeinandertreffenden Himmel und Erde versperrt. Das beste jedoch steckt im Innern des Chevy. Ein funktionierender Filmprojektor und zahlreiche Filmrollen – eine eklektizistische Sammlung von Buster Keaton bis Bollywood.

Mythenmosaik

Road, Movie ist ein Mosaik aus Mythen und Märchen wie aus Homers Odyssee oder Tausend und einer Nacht: So droht ein korrupter Polizeichef, Vishnu und seine Freunde mit dem Tode zu bestrafen, falls sie einen Film zeigen, der ihm nicht gefällt. Weitere Steinchen in diesem Mosaik sind die Leitmotive verschiedenster Filmgenres von der Verfolgungsjagd des Actionfilm über den Showdown des Western bis zur Bollywood Tanzeinlage. Schließlich sind es auch die im Film gezeigten Glanzlichter der Filmgeschichte, die das Mosaik vervollständigen.

Globalisierung und Filmgeschichte

Road, Movie präsentiert Film als ein kulturübergreifend verständliches Medium. Die Bildsprache der Sequenz aus der amerikanischen Stummfilmkomödie Safety Last (1923), in der Harold Lloyd an dem Zeiger einer Hochhausuhr hängt, verstehen nicht nur Amerikaner. Der Mensch, der an der Zeit hängt und sie festzuhalten versucht, reflektiert die Vergänglichkeit des Daseins im weitesten Sinne. Solche transzendentalen Überlegungen kennen alle Kulturen. Doch was ergibt sich aus diesem Mosaik, wenn man zurücktritt, um es zu betrachten?

Das Ergebnis des Mosaik? Tarantino-Style.

Regisseur Dev Benegal ist einer der Begründer eines indischen Independent Kinos, das den populären und konventionellen Bollywood Filmen etwas entgegensetzt. Vielleicht kann man ihn den indischen Tarantino nennen, nimmt er doch auf ähnliche Weise Versatzstücke des Bollywoodkinos mit hohem Wiedererkennungswert wie beispielsweise bestimmte Filmmusiken, die im Indien der 1970er Jahre Gassenhauer waren und mischt diese mit unterschiedlichen Erzählstrukturen und Genres der westlichen und östlichen Filmgeschichten zu einem surrealen, ganz gewollt unrealistischen Stück Kino. Dabei merkt man Road, Movie seine Verehrung des Bollywoodfilms aber jederzeit an.

Western global

Wie schon in Benegals zweiter Regiearbeit Split Wide Open (1999), in der es um die Wasserkriege in Bombay ging, ist das Wasserproblem auch in Road, Movie Thema. Genre Einfälle sind mit Globalisierungskritik vermischt. Der Waterlord, ein notorischer Bösewicht wie man ihn nur aus dem Western kennt, hält die raren Brunnen in der indischen Wüste unter seiner Kontrolle. Als es zum Showdown zwischen ihm und Vishnu kommt, wird deutlich, dass dieses lokale Problem im Grunde ein globales ist: Die voranschreitende Privatisierung der Ressourcen der Erde. Mit gespielter Märtyrerpose empört sich der Waterlord, dass ihn sicherlich niemand kritisiert hätte, würde er das Wasser in Flaschen abfüllen und ihm einen schicken Namen verpassen, wie die internationalen Edelwasserkonzerne es tun. Vishnu bestätigt dem Schurken, dass dieser und die internationalen Firmen Brüder im Geiste sind: „You are no different from corporations. You steal our water and sell it back to us.“.
Die Kritik an den bestehenden globalen Verhältnissen präsentiert der Film in sarkastischem Ton und umgeht damit den moralischen Zeigefinger. Immer, so scheint er dem Zuschauer signalisieren zu wollen, im Film wie im Leben, ist bei Verhandlungen mit Schurken die Währung Öl im Spiel – in diesem Fall Haaröl. Vishnu entdeckt sein Verhandlungsgeschick, indem er dem Waterlord mit den abgegriffenen Werbesprüchen seines Vaters das Haaröl im Tausch gegen Wasser andreht.

Film im Film

In seinem traurigsten Moment, dem Tod des Mechanikers während einer Filmvorführung, wird Road, Movie selbtreferentiell; der Film tritt aus sich heraus und gibt sich als Fiktion zu erkennen. Vor der mitten in der Wüste aufgespannten Leinwand scharen sich die Freunde um den Toten. Der Film des Abends läuft noch immer. Der Projektor strahlt diese Szene an und in diesem Moment verwischen Fiktion und on-screen Realität – man kann nicht mehr genau erkennen, ob sie vor oder auf der Leinwand agieren. Für einen Moment flüchtet sich der Film in die Möglichkeit, dass Oms Tod nur Schauspiel ist. Wie schon in Woody Allens The Purple Rose of Cairo (1985) suggeriert das Kino auch hier seine eigene Realität und macht seine Protagonisten unsterblich. Haben Vishnu und seine Freunde das provisorische Kino einmal aufgebaut und zum Leben erweckt, ist nichts mehr unmöglich: Aus öder Wüste wird binnen Minuten ein Jahrmarkt mit Schaustellern, Publikum, Musik und quietschbunten Lichtern.

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