Berlinale 2010: Haiti als „Moloch Tropical“

Nach dem Erdbeben auf Haiti wurde kurzfristig Moloch Tropical als Berlinale Special ins Programm genommen. Nach der Gala – Vorführung im Cinema Paris sammelten UNICEF – Botschafterin Sabine Christiansen und Festival – Direktor Dieter Kosslick Spenden für die Opfer.

Raoul Pecks neuer Film Moloch Tropical ist wieder ein sehr politisches Werk: Seit Anfang der 80er Jahre setzt sich der Regisseur in Dokumentar- und Spielfilmen mit den Krisenherden auseinander. Neben den Konflikten Afrikas, wo er einige Jahre mit seinen Eltern lebte, beschäftigt ihn vor allem Haiti, wo er 1953 geboren ist und zwischen 1995 und 1997 Kulturminister war.

Moloch Tropical spielt in einer Bergfestung oberhalb von Port – au – Prince. Ein demokratisch gewählter Präsident verliert den Rückhalt im Volk: Professoren verfassen einen Rücktrittsaufruf, die Proteste wachsen, seine letzten Verbündeten außerhalb des Mitarbeiterstabs sind die USA, die ihn bislang als Hoffnungsträger stützten. Der Präsident steigert sich mehr und mehr in religiöse Erlösungsphantasien und lässt politische Gegner und unliebsame Journalisten brutal foltern.

Offensichtlich zielt dieses Porträt eines Präsidenten auf Jean – Bertrand Aristide ab, der 1994 mit großen Hoffnungen gewählt wurde, dessen Herrschaft aber zwischen 2002 und 2004 nach Misswirtschaft und Korruption in bürgerkriegsähnliche Zustände mündete, bevor er im Januar 2004 von den USA ins Exil ausgeflogen wurde.

Leider gerät Raoul Peck diese Figur an vielen Stellen zur lächerlichen Karikatur. Das Drehbuch dichtet dem Präsidenten auch noch weitere negative Eigenschaften an, die von den Schlagzeilen über frühere und aktuelle Politiker aus den USA und Italien inspiriert sind: Er belästigt jede Frau, die seinen Weg kreuzt, und drängt eine junge Mitarbeiterin zum Sex.

Alles in allem entsteht ein sehr brutaler Film über eine lächerliche, einsame Figur und ihren Sturz. Raoul Pecks Ziel, die Mechanismen von Politik zu illustrieren, gelingt ihm diesmal schlechter als bei seinem eindringlichen Drama Sometimes in April über die Dynamik zwischen Hutu und Tutsi, die zum Ruanda – Krieg 1994 führte.

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