Berlinale 2010: Eröffnungsfilme Teil II

Auch das Forum, die Berlinale – Sektion, die für ihre Experimentierfreude bekannt ist, eröffnete mit einem politischen Beitrag. In El recuento de los daños/ The Counting of the Damages der Argentinierin Inés de Oliveira Cézar werden die Hauptfiguren ebenfalls von den Verstrickungen der jüngeren Geschichte eingeholt. Dieser rote Faden zieht sich durch überraschend viele Beiträge der 60. Jubiläums – Berlinale, wie Wieland Speck, einer der Festival – Chefs, bei der Präsentation des Programms hervorhob. 

Der Film beginnt nach einigen neblig – düsteren Einstellungen als Wirtschaftskrisendrama. Ein junger Unternehmensberater wurde in die argentinische Provinz geschickt, um eine marode Fabrik in der Provinz mit den üblichen Konzepten aus dem Baukasten von McKinsey und Co. auf Rentabilität zu trimmen. Die Angestellten sollen künftig Doppelschichten fahren. Prompt kommt es zu einer Häufung von Arbeitsunfällen der überlasteten Mitarbeiter und Warnstreiks. Die argentinische Wirtschaft rutschte bereits vor einem Jahrzehnt in eine schwere Krise. In die Wunde dieser sozialen Verwerfungen legt die Regisseurin ihren Finger. 

Nach und nach enthüllt sich aber noch eine viel schwerere Hypothek der Familie des Fabrikbesitzers: Seine Schwester und Co – Geschäftsführerin war Oppositionelle während der brutalen Militär – Junta, die Argentinien zwischen 1976 und 1983 im Griff hatte. Die ganze Grausamkeit dieses Kapitels wird von der argentinischen Gesellschaft seit einigen Jahren mühsam aufgearbeitet: Neben der Verschleppung und Folter von Dissidenten war vor allem die Zwangsadoption der Kinder von "Staatsfeinden" an der Tagesordnung.

Inés de Oliveira Cézars Drehbuch liegt der griechische Mythos des Ödipus zugrunde: Wie Ödipus kennt auch der schnöselige Unternehmensberater seine wahre Herkunft nicht. Wie die Gestalt in der Tragödie wird auch ihm und seinem Umfeld die Wahrheit erst bewusst, als er seinen Vater bei einem Autounfall grob fahrlässig getötet und mit seiner Mutter geschlafen hat. In langen, ruhigen Einstellungen entwickelt dieser Film seine Geschichte einer Familie, die der Schmerz der Militärdiktatur einholt und die an den Verwicklungen, die die Rückkehr des verlorenen Sohnes lostritt, zerbricht. Ein mutiger, sehr politischer Film, der aber nach der Premiere von Publikum und Kritik doch auch mit viel Grummeln auf den Gängen quittiert wurde. Der allgemeine Tenor war, dass die Handlung zwar einige interessante Ansätze und eine bemerkenswerte Grundidee hat, aber die künstlerische Umsetzung noch nicht ganz ausgereift war. Manche Bildsequenzen wirken zu beliebig, so dass der Eindruck zurückblieb, dass die Regisseurin der Schwere ihres Themas noch nicht ganz gewachsen war.

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