Wenn Angela Merkel nicht fertig gedacht hat: Cicero-Foyergespräch

Ein fast bis zum letzten Platz gefülltes Berliner Ensemble und das Who is who des Hauptstadtjournalismus warteten am Mittwoch kurz vor 18 Uhr gespannt auf die nächste Ausgabe des Cicero-Foyergesprächs.

Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich hoher Besuch angekündigt, so dass die Veranstalter vom üblichen Sonntags-Matinee-Termin abwichen und stattdessen eine Soiree zur Wochen-Mitte oder – wie man Neudeutsch sagt – ein After-work-Event anboten. Merkel musste den CiceroChefredakteur Christoph Schwennicke jedoch gleich korrigieren: für sie sei es eher ein In-Between-Work-Format, eingebettet in die Vorbereitungen des EU-Gipfels und der Bundestags-Sondersitzung mit einer Regierungserklärung zu Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak.

Die einstündige Fragerunde stand ganz im Zeichen einer Welt in Unordnung. Angela Merkel bewies einmal mehr, dass sie die hohe Kunst beherrscht, alle heiklen Fragen von Christoph Schwennicke und dem Schweizer Frank A. Meyer zu den Krisen in der Ukraine sowie im Nahen und Mittleren Osten freundlich-souverän zu beantworten, ohne in ein Fettnäpfchen zu treten oder hysterische Tickermeldungen zu provozieren.

An diesem Abend zeigte sie außerdem ihren trockenen Humor: mit schlagfertigen, knappen Bemerkungen retournierte sie Fragen nach ihrem Draht zu Wladimir Putin oder ihrem Regierungsstil.

Die meisten Lacher und viel Zustimmung erntete sie für ihren Kommentar „Wenn ich nicht fertig gedacht habe, kann ich nicht entscheiden“. So reagierte sie auf Schwennickes Frage, warum sie oft tagelang schweigend abwartet, bis ein neues Thema bereits die Auf und Abs von zwei Zyklen hinter sich gebracht hat, bevor sie sich zu Wort meldet. Sie begründete ausführlich, woran es der Politik ihrer Meinung nach fehle: nämlich an der Kraft, ihren eigenen Rhythmus jenseits medialer Empörungsspiralen zu finden.

Am Ende antwortete sie auf eine letzte Zuschauerfrage, wie sie sich angesichts gleichzeitig eskalierender Krisen entspanne, dass sie sich bewusst Abende zur Erholung freischaufeln müsse und mittlerweile nach einem Termin am Samstag um 16 Uhr auch ganz offen sage, dass sie jetzt nach Hause gehe –  anstatt wie früher mit schlechtem Gewissen vorzuspielen, dass sie zum nächsten Anschlusstermin müsse.

Als die Kanzlerin schon wieder auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz war, durfte der obligatorische Wutausbruch von Rolf Hochhuth nicht fehlen, der sich echauffierte, dass die Kultur in diesem Gespräch überhaupt nicht vorgekommen sei.

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Über Konrad Kögler

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