Die Berlinale feiert 40 Jahre „Forum“

Wenn in zwei Wochen die Berlinale zum 60. Mal stattfindet, blickt auch das Forum auf vier Jahrzehnte Film- und Festivalarbeit zurück. Die Geschichten beider Veranstaltungen sind untrennbar ineinander verwoben und ergeben gemeinsam ein spannendes Stück Zeit- und Filmgeschichte. Als die „Freunde der deutschen Kinemathek e.V.“ im Sommer 1969 in der Akademie der Künste eine „Ergänzungsveranstaltung“ zu den Internationalen Filmfestspielen Berlin veranstalteten, drückte sich darin vor allem Kritik an der als unzeitgemäß und konservativ empfundenen Berlinale aus. Kaum jemand hat wohl damals erwartet, dass daraus schon zwei Jahre später das "Internationale Forum des Jungen Films" werden würde, das seit dem ein fester Bestandteil der Berlinale ist.

Wie sollte man diesem Jubiläum gerecht werden? Angesichts von über zweitausend im Forum gezeigten Filmen hätte keine Filmauswahl repräsentativ sein können. Zum 40. Geburtstag ist das Forum daher einen anderen Weg gegangen. In Erinnerung an die Gründungsveranstaltung fand vom 1. bis 5. Juli 2009 bereits das Symposium „Dialoge mit Filmen“ im Kino Arsenal statt. Zwölf Filmemacher, die bereits eigene Arbeiten im Forum gezeigt hatten, wurden gebeten, ihre Lieblingsfilme aus vier Jahrzehnten Forum vorzustellen. Subjektiv sollte die Auswahl sein, unerwartet und bisweilen zufällig. Einzige Vorgabe war das Jahrzehnt, das den “Kuratoren” jeweils zugeteilt wurde. So wählten je drei Regisseure Filme aus, die das Forum in den 1970er, 80er, 90er und schließlich 00er Jahren gezeigt hat. Für jeden blieb damit noch immer die Qual der Wahl aus rund 500 Filmen.

Dieses kuratorische Modell reflektiert auch ein wesentliches Merkmal des Forums. Sektionsleiter Christoph Terhechte: „Wer im Forum seine frühen Werke vorgestellt hat, ist dem Programm meist verbunden geblieben, ob als Mentor, als häufig wiederkehrender Gast oder als Zuschauer, der sich mit den Filmen jüngerer Kollegen auseinandersetzt. Umgekehrt sind viele von ihnen Vorbilder geworden für nachfolgende Generationen.“

Die Kuratoren der „Dialoge mit Filmen“ waren Aditya Assarat, Bradley Rust Gray & So Yong Kim, Jia Zhangke, Ulrich Köhler, Sharon Lockhart, Avi Mograbi, Ulrike Ottinger, Sabu, Anja Salomonowitz, Angela Schanelec, Jean-Marie Téno und Jasmila Žbanić. Sie wählten Filme aus von: Chantal Akerman, Nuri Bilge Ceylan, Souleymane Cissé, Claire Denis, Bill Douglas, Jean-Luc Godard, David Gordon Green, Hou Hsiao Hsien, Aki Kaurismäki, Anastasia Lapsui & Markku Lehmuskallio, Sharon Lockhart, Helke Sander und Michael Snow.

Das Forum will nicht repräsentieren und keine Bestenliste sein. Es will vielmehr Bögen schlagen und Akzente setzen, seine Filme zueinander und manchmal auch gegeneinander sprechen lassen. Daran hat sich in vier Jahrzehnten nichts geändert. „Wir sind weiterhin gespannt auf jede neue Stimme, jede neue Generation von Filmemachern“, sagt Christoph Terhechte. „Wir sind davon überzeugt, dass wir auf diese Weise unserem Publikum wie den Regisseuren, deren Werke wir vorstellen, ein Forum im wahrsten Sinne bieten.“

Im Rahmen der Berlinale werden die ausgewählten Filme nun noch einmal gezeigt. Drei der Kuratoren sind zudem mit ihren neuen Filmen im Forum zu Gast: Sharon Lockhart, Sabu und Angela Schanelec.

Die von Bradley Rust Gray und So Yong Kim ausgewählte Bill-Douglas-Trilogie wird, anders als im Sommer 2009, nun komplett gezeigt und eröffnet am 11. Februar das 40. Forum im Delphi Filmpalast.

Zur Berlinale erscheint zudem die Publikation „Dialoge mit Filmen — 4 Jahrzehnte Forum“. Diese enthält neben einem Vorwort von Mark Peranson und Texten der Gastkuratoren zu den von ihnen vorgestellten Filmen auch eine DVD mit Auszügen der ausführlichen Gespräche und Filmausschnitten. Die Publikation wird zum Unkostenbeitrag von 5 Euro angeboten.

Jubiläumsprogramm und Publikation wurden ermöglicht durch die Unterstützung des Hauptstadtkulturfonds.

Das Filmprogramm „4 Jahrzehnte Forum“:

Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers von Helke Sander, Bundesrepublik Deutschland 1977, ausgewählt von Ulrich Köhler

Baara von Souleymane Cissé, Mali 1978, ausgewählt von Jean-Marie Téno

Beau travail von Claire Denis, Frankreich 1999, ausgewählt von Anja Salomonowitz

D’Est von Chantal Akerman, Frankreich/Belgien 1993, ausgewählt von Avi Mograbi

Dust in the Wind (Lien lien fung chen) von Hou Hsiao Hsien, Taiwan 1986, ausgewählt von Sabu

George Washington von David Gordon Green, USA 2000, ausgewählt von Aditya Assarat

Kasaba von Nuri Bilge Ceylan, Türkei 1998, ausgewählt von Jia Zhangke

The Match Factory Girl (Tulitikkutehtaan tyttö) von Aki Kaurismäki, Finnland 1989, ausgewählt von Jasmila Žbanić

My Childhood/My Ain Folk/My Way Home von Bill Douglas, Großbritannien 1972/73/78, ausgewählt von So Yong Kim und Bradley Rust Gray

Sauve qui peut (la vie) von Jean-Luc Godard, Schweiz/Frankreich 1980, ausgewählt von Angela Schanelec

So Is This von Michael Snow, Kanada 1982, ausgewählt von Sharon Lockhart, und von Sharon Lockhart, USA, ausgewählt von Anja Salomonowitz

Seven Songs from the Tundra (Seitsemän laulua tundralta) von Anastasia Lapsui, Markku Lehmuskallio, Finnland 2000, ausgewählt von Ulrike Ottinger

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Über Konrad Kögler

In unserem Kulturblog schreibt /e-politik.de/ – Autor Konrad Kögler Rezensionen über Film, Theater, Lesungen, Gespräche, Kabarett, Konzerte, Oper und Tanz. Außerdem gibt es auf dem Twitter-Account @daskulturblog Hinweise auf Lesenswertes in Feuilletons und politischen Magazinen.

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